Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Part 17

Chapter 173,913 wordsPublic domain

Während sie damit beschäftigt waren, kamen zwei von +Christins+ Nachbarinnen vor das Haus und klopften an die Tür. „Kommt ihr in Gottes Namen, so tretet ein!“ rief sie auch ihnen zu. Das machte die Frauen stutzig, denn eine solche Rede hatten sie weder von +Christins+ Lippen noch sonst überhaupt jemals gehört. Gleichwohl traten sie ein; aber siehe, sie fanden die gute Frau im Begriff, ihr Haus zu verlassen.

„Aber Nachbarin, sag, was hast du denn vor?“ fragten sie wie aus einem Munde.

„Ich rüste mich auf eine Reise,“ antwortete +Christin+, sich an Frau +Furchtsam+, die ältere von ihnen, wendend.

(Diese +Furchtsam+ war eine Tochter dessen, dem +Christ+ auf dem Berg der +Beschwerde+ begegnete und ihn aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr bereden wollte.)

+Furchtsam.+ Aber ich bitte dich, zu welcher Reise denn?

+Christin.+ Meinem teuren Mann nachzugehen. -- Und dabei fing sie an zu weinen.

+Furchtsam.+ Nachbarin, das will ich nicht hoffen. Ich bitte dich um deiner armen Kinder willen, du werdest doch nicht dein Mutterherz verleugnen und sie gar verlassen wollen!

+Christin.+ Nein, meine Kinder sollen auch mit mir gehen, nicht eins von ihnen will zurückbleiben.

+Furchtsam.+ Ich traue meinen Augen und Ohren nicht; wer in aller Welt hat dich nur auf diesen Gedanken gebracht?

+Christin.+ O Nachbarin, wüßtest du, was ich weiß, du würdest ohne Zweifel mit mir ziehen.

+Furchtsam.+ Ei, was für neue Kunde hast du denn bekommen, die so dein Herz von deiner Freundschaft abzieht und dich verleitet, wer weiß wohin zu gehen?

+Christin+ erwiderte: „Ich bin seit der Abreise meines Mannes immer schmerzlich betrübt gewesen und besonders, seit er über den Fluß gegangen ist. Was mich am meisten bekümmert, das ist mein hartes Betragen gegen ihn, als er so niedergeschlagen war. Zudem ist es mir jetzt ebenso zumute, wie ihm damals war; so kann mir nichts helfen, als daß auch ich die Pilgerschaft antrete. Mir träumte vorige Nacht, als sähe ich ihn. O wäre doch meine Seele bei ihm! Er wohnt bei dem König jenes Landes, sieht allezeit Sein Angesicht; er sitzt mit Ihm an Seiner Tafel; er ist ein Mitgenosse der Unsterblichen, und es ist ihm ein Haus geworden, in dem er wohnt, demgegenüber die herrlichsten Paläste auf Erden mir wie elende Hütten vorkommen. Es hat auch der Fürst dieses Landes nach mir gesandt mit der Verheißung, daß Er mich aufnehmen wolle, wenn ich zu Ihm kommen würde. Sein Abgesandter war jetzt eben bei mir und hat mir ein Einladungsschreiben überreicht, daß ich kommen solle.“ Und hiermit zog sie den Brief hervor und las ihn und sprach zu ihnen: „Was wollt ihr nun hierzu sagen?“

+Furchtsam.+ O diese Tollheit, die dich und deinen Mann ergriffen hat, in solche Schwierigkeiten hineinzurennen! Es ist dir doch gewiß nicht unbekannt, was deinem Mann schon am Anfang des Weges begegnet ist, was unser Nachbar +Störrig+ noch bezeugen kann, ebenso +Willig+, die ja eine Strecke weit mit ihm gegangen, bis sie als verständige Männer sich scheuten, weiterzugehen. Wir haben auch ein langes und breites davon gehört, wie er mit den Löwen, dem +Apollyon+ und mit Schatten des Todes zu tun gehabt und vielen andern Schrecknissen der Art. Denke doch an die Gefahren, die ihm auf dem +Eitelkeitsmarkt+ drohten! Denn wenn es ihm, der doch ein Mann war, so übel erging, was kannst du tun, die du nur eine schwache Frau bist? Bedenke doch auch, daß diese vier süßen Kleinen deine Kinder sind, dein Fleisch und Bein! Wenn du also auch verwegen genug sein solltest, dich selber ins Unglück zu stürzen, so bleibe doch wenigstens um deiner Kinder willen zu Hause.

+Christin+ aber antwortete ihr: „Versuche mich nicht, Nachbarin, jetzt ist es in meine Hand gelegt, einen großen Gewinn zu erlangen, und ich müßte die größte Närrin sein, wenn ich nicht das Herz hätte, diese Gelegenheit zu ergreifen[159]. Was all die Beschwerden betrifft, die mir, wie du sagst, auf dem Weg gleichfalls begegnen werden, so lasse ich mich dadurch nicht im geringsten entmutigen; ich sehe vielmehr daraus, daß ich auf der rechten Bahn bin. Das Bittere muß vor dem Süßen kommen, und es wird auch das Süße desto süßer machen. Deshalb, da du nicht in Gottes Namen in mein Haus gekommen, wie ich sagte, so bitte ich dich, nur wieder zu gehen und mich nicht weiter zu beunruhigen.“

Da fing +Furchtsam+ an, sie zu schmähen[160], und zu ihrer Gefährtin sprach sie: „Komm, Nachbarin +Barmherzig+, wir müssen sie ihrem eigenen Willen überlassen, da sie unsern Rat und unsre Gesellschaft verachtet.“ Allein +Barmherzig+ ward unschlüssig und konnte nicht sofort ihrer Nachbarin beipflichten, und zwar aus zwei Gründen: Erstlich entbrannte ihr Herz für +Christin+. Sie sprach bei sich selbst also: „Wenn meine Nachbarin durchaus fort will, so will ich eine Strecke Wegs mit ihr gehen und ihr behilflich sein.“ Zum andern war sie über ihre eigene Seele bekümmert, denn +Christins+ Worte waren wie Nägel in ihr Herz gedrungen, und sie dachte: „Ich muß über diese Sache noch weiter mit +Christin+ reden, und finde ich Wahrheit und Leben in dem, was sie sagen wird, so will ich auch von Herzen gern mit ihr gehen.“ Und so antwortete +Barmherzig+ ihrer Nachbarin +Furchtsam+:

„Nachbarin, ich bin allerdings mit dir gekommen, um +Christin+ heute morgen zu besuchen. Weil sie aber, wie du siehst, vorhat, ihrem Vaterland für immer Lebewohl zu sagen, so gedenke ich, an diesem sonnigen Morgen sie noch ein Stück Wegs zu begleiten und ihr ein wenig Handreichung zu tun.“ Sie sagte ihr aber nichts von ihrem zweiten Grund, sondern behielt diesen für sich.

+Furchtsam.+ Nun, ich sehe schon, du hast auch Lust zum Närrischwerden. Allein sei beizeiten auf deiner Hut und nimm Vernunft an! Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Also kehrte Frau +Furchtsam+ den beiden den Rücken und ging. Zu Hause angekommen, lud sie alsbald einige ihrer Nachbarinnen zu sich ein, nämlich Frau +Fledermausauge+, Frau +Unbedachtsam+, Frau +Leichtsinn+ und Frau +Unwissend+, um ihnen die neue Geschichte von +Christin+ und ihrer beabsichtigten Reise mitzuteilen. Sie begann also ihre Erzählung:

„Nachbarinnen, da ich heute morgen nicht viel zu tun hatte, ging ich aus, um +Christin+ einmal zu besuchen. Als ich an ihre Tür klopfte, wie es doch bei uns Sitte ist, antwortete sie: Kommst du in Gottes Namen, so tritt ein! Im guten Glauben, es stände alles wohl, ging ich hinein, und da finde ich sie, wie sie sich rüstet, um die Stadt zu verlassen. Auf meine Frage, was das zu bedeuten hätte, gestand sie mir offen, daß sie sich entschlossen, auf die Pilgerschaft zu gehen, wie ihr Mann getan. Sie erzählte mir auch einen Traum, den sie gehabt, und wie der König des Landes, wo ihr Mann sich aufhalte, ihr ein Einladungsschreiben geschickt hätte, daß sie dahin kommen solle.“

„Wie? was?“ rief Frau +Unwissend+, „und glaubst du wirklich, daß sie gehen wird?“

+Furchtsam.+ Freilich wird sie gehen, was auch immer daraus entstehen mag. Das kann ich daraus entnehmen, weil gerade das, wodurch ich sie von ihrem abenteuerlichen Unternehmen abzuschrecken gedachte -- nämlich all die Gefahren und Beschwerden, die ihr auf dem Weg gewiß begegnen werden -- für sie ein Ansporn zur Abreise ist. Das Bittere komme vor dem Süßen, hat sie gesagt, und werde das Süße noch versüßen.

„O die blinde und törichte Frau!“ sprach Frau +Fledermausauge+, „will sie sich denn durch die Trübsale ihres Mannes nicht warnen lassen? Ich meinesteils sehe klar, wenn er wieder hier wäre, würde er seiner heilen Haut froh sein und sich wohl nie wieder für nichts und wieder nichts in so viel Gefahren stürzen.“

Frau +Unbedachtsam+ hob nun auch an und sagte: „Fort mit solchen phantastischen Narren aus der Stadt! Ich für meinen Teil bin froh, daß wir sie loswerden. Denn bliebe sie hier wohnen und behielte diesen Sinn bei, wer könnte dann noch friedlich mit ihr leben? Denn entweder würde sie trübsinnig sein oder mit niemand nachbarlichen Umgang pflegen oder fortwährend von solchen Dingen reden, die kein vernünftiger Mensch hören mag. Ich für meine Person werde mich also um ihre Abreise gar nicht grämen. Laßt sie laufen und laßt Bessere an ihre Stelle kommen! Es ist schon lang nicht mehr unsre gute Welt, seitdem diese wunderlichen Narren in ihr wohnen.“

Und Frau +Leichtsinn+ setzte hinzu: „Genug, tut diese Art von Unterhaltung beiseite! Gestern war ich bei Madame +Wollust+. Da waren wir so lustig wie junge Mädchen. Was denkt ihr wohl, wer alles da war? Ich nämlich und Frau +Fleischesliebe+ und noch drei oder vier andre wie Herr +Liederlich+, Frau +Unflat+ und solcher Art mehr. Da hatten wir denn Musik und Tanz und was sonst noch dazu gehört, das Vergnügen vollzumachen. Und das muß ich sagen: Die Frau des Hauses ist eine bewunderungswürdige, feingebildete Dame, und Herr +Liederlich+ ist auch ein höchst angenehmer Gesellschafter.“

Fußnoten:

[146] Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden (Offenb. 3, 5).

[147] Wirst du in Meinen Wegen wandeln und Meines Dienstes warten, so sollst du regieren Mein Haus und Meine Höfe bewahren; und Ich will dir geben von diesen, die hier stehen, daß sie dich geleiten sollen (Sach. 3, 7).

[148] Jesus spricht: Ich will euch das Reich bescheiden, wie Mir’s Mein Vater beschieden hat, daß ihr essen und trinken sollt an Meinem Tisch in Meinem Reich (Luk. 22, 29. 30).

[149] Wer euch verachtet, der verachtet Mich (Luk. 10, 16).

[150] Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach (Offenb. 14, 13).

[151] Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben (Ps. 126, 5. 6).

[152] Die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; die Traurigkeit aber der Welt wirkt den Tod (2. Kor. 7, 10).

[153] Ich bin das Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh. 8, 12).

[154] Die Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens, daß man meide die Stricke des Todes (Spr. 14, 27).

[155] Das Verlangen der Elenden hörst Du (Ps. 10, 17).

[156] Der Geist wird Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind (Röm. 8, 16). Durch Christus seid auch ihr, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unsers Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir Sein Eigentum würden zu Lob Seiner Herrlichkeit (Eph. 1, 13. 14).

[157] Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue? (Ps. 42, 3.)

[158] Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt (Ps. 119, 54).

[159] So laßt uns nun Fleiß tun, einzukommen zu dieser Ruhe (Hebr. 4, 11).

[160] Das befremdet sie, daß ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbe wüste, unordentliche Wesen, und sie lästern (1. Petr. 4, 4).

Zweites Kapitel.

Wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Mittlerweile hatte sich +Christin+ mit ihren Knaben auf den Weg gemacht, und +Barmherzig+ begleitete sie. Indem sie miteinander gingen, entspann sich unter ihnen folgendes Gespräch:

„+Barmherzig+,“ sagte +Christin+, „ich betrachte es wirklich als eine unverdiente Gnade, daß du mit mir ausgezogen bist, um mir noch ein wenig Gesellschaft zu leisten.“

„Wenn ich glauben dürfte,“ erwiderte das Mädchen (denn +Barmherzig+ war noch jung), „daß es nicht vergeblich wäre, mit dir zu gehen, so würde ich der Stadt nie wieder nahe kommen.“

„Weißt du was,“ antwortete +Christin+, „wirf dein Los mit dem meinen zusammen, weiß ich doch wohl, was das Ende unsrer Pilgerschaft sein wird! Mein Mann ist an einem Ort, den er um alles Gold in den Bergwerken Spaniens nicht wieder verlassen möchte. Und wenn du gleich nur auf meine Einladung hin mitgehst, so wirst du doch nicht zurückgewiesen werden; denn der König, der nach mir und meinen Kindern geschickt hat, hat Wohlgefallen an Barmherzigkeit (Matth. 9, 13). Überdies, wenn es dir recht ist, will ich dich dingen, und du sollst als meine Magd mit mir gehen; doch wollen wir alle Dinge untereinander gemein haben; komm nur mit mir!“

+Barmherzig.+ Aber wie erlange ich die Gewißheit, daß ich auch angenommen werde? O daß sich jemand fände, der hierüber Auskunft geben könnte; ich würde mich keinen Augenblick besinnen, sondern mit Hilfe dessen, der helfen kann, mit dir durch dick und dünn gehen.

+Christin.+ Nun wohl, geliebte +Barmherzig+, so will ich dir sagen, was du tun sollst: Gehe mit mir nach der engen Pforte[161], und dort will ich mich deinetwillen weiter erkundigen. Und wenn dir da keine Ermutigung zuteil wird, so will ich mich damit zufrieden geben, daß du an deinen Ort zurückkehrst. Auch will ich dir deine Liebe vergelten, die du mir und meinen Kindern erweisest, indem du uns auf unserm Weg begleitest.

+Barmherzig.+ So will ich denn hingehen und hinnehmen, was weiter kommt, und der Herr gebe gnädiglich, daß mein Los so falle, daß der König des Himmels Sein Herz zu mir neige.

Hierüber war +Christin+ von Herzen froh, nicht nur, daß sie eine Gefährtin hatte, sondern auch, daß sie dieses arme Mädchen bewogen hatte, für ihr Seelenheil zu sorgen. So gingen sie denn zusammen weiter, +Barmherzig+ aber fing an zu weinen.

Da fragte +Christin+: „Warum weinst du, liebe Schwester?“

„Ach,“ sagte sie, „wer kann anders als wehklagen, wenn man recht erwägt, in welcher Lage und in welchem Zustand meine armen Verwandten sich befinden, die noch in unsrer sündenvollen Stadt verbleiben? Und was meinen Kummer noch größer macht, ist, daß niemand sie unterrichtet und auf die drohende Gefahr hinweist.“

+Christin.+ Mitleiden steht den Pilgrimen wohl an, und du empfindest für deine Angehörigen, was mein guter +Christ+ für mich empfand, als er mich verließ. Er trauerte darüber, daß ich ihn nicht hören noch auf ihn achten wollte. Aber sein und unser Herr hat seine Tränen gesammelt und sie in Seinem Krug verwahrt[162], und nunmehr ernten du und ich und diese meine geliebten Kinder die Frucht und den Segen davon. Glaube mir, +Barmherzig+, deine Tränen werden nicht umsonst sein, denn die ewige Wahrheit spricht: „+Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben+“ (Ps. 126, 5. 6).

+Barmherzig+ sprach:

Keiner wird zuschanden, welcher Gottes harrt; Soll ich sein der erste, der zuschanden ward? Nein, das ist unmöglich, Du getreuer Hort! Eher fällt der Himmel, eh mich täuscht Dein Wort.

Du hast zugesaget: Wer da bittet, nimmt; Wer da sucht, soll finden, was ihm Gott bestimmt. Wer im festen Glauben mutig klopfet an, Dem wird ohne Zweifel endlich aufgetan.

Nun, so will ich’s wagen, Herr, auf Dein Gebot, Alle meine Sorgen, eign’ und fremde Not, All mein heimlich Grämen, alles, was mich quält, Dir ans Herz zu legen, der die Tränen zählt.

Mein alter Freund fuhr fort: Da aber +Christin+ zu dem Sumpf der +Verzagtheit+ kam, ward sie bedenklich und blieb stehen. „Hier,“ sagte sie, „ist die Stelle, wo mein lieber Mann in den Schlamm fiel und beinahe versunken wäre.“ Sie bemerkte auch, daß ungeachtet des Königs Befehl, diese Stelle für die Pilger auszubessern, sie eher schlechter als besser geworden war. -- Als ich fragte, ob sich das also verhielte, da antwortete der alte Mann: „Ja, ja, so ist es; denn es gibt viele, welche vorgeben, des Königs Arbeiter zu sein, und sagen, sie ließen es sich angelegen sein, des Königs Heerstraße auszubessern; allein statt der Steine bringen sie Kot und Unrat herzu, und so verderben sie den Weg, statt ihn zu bessern.“

So blieb nun +Christin+ mit ihren Kindern unschlüssig hier stehen; +Barmherzig+ hingegen sagte: „Kommt, laßt uns es wagen, nur wollen wir uns in acht nehmen!“ So gingen sie sehr behutsam vor, Schritt für Schritt, und kamen, wenn auch hin und wieder ausgleitend, mit knapper Not hinüber. Doch wäre +Christin+ einigemal beinahe steckengeblieben. Als sie nun die gefährliche Stelle überschritten hatten, so war es ihnen, als hörten sie die Worte: „+O selig bist du, die du geglaubt hast! denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn+“ (Luk. 1, 45).

Indem sie ihren Weg fortsetzten, sprach +Barmherzig+ zu +Christin+: „O wenn ich wie du die gewisse Zuversicht hätte, an der Pforte eine freundliche Aufnahme zu finden, ich glaube, kein Sumpf der +Verzagtheit+ könnte mich mutlos machen.“

„Nun,“ erwiderte +Christin+, „du kennst jetzt deine Schwächen und ich die meinen. Ja, liebe Freundin, wir alle werden noch Drangsal genug haben, ehe wir an das Ziel unsrer Reise kommen. Denn das darf man sich nicht einbilden, daß Menschen, die eine solche Herrlichkeit zu erlangen trachten wie wir und um ihre Glückseligkeit so beneidet werden, nicht auf allerart Schlingen und Hindernisse, Anfechtungen und Trübsale stoßen werden. Nein, unsre Hasser werden uns alles das in den Weg zu legen wissen.“

Hier nun verließ mich Herr +Scharfsinn+, daß ich meinen Traum selber zu Ende träumen möchte, und es dünkte mich, als sähe ich +Christin+, +Barmherzig+ und die Knaben alle miteinander nach der +engen Pforte+ zugehen. Daselbst angekommen, berieten sie darüber, wie sie anklopfen und was sie dem Torhüter sagen sollten. Es wurde beschlossen, daß +Christin+ als die Älteste anklopfen und mit dem, der auftun würde, auch für die übrigen sprechen sollte.

+Christin+ klopfte also an die Pforte[163] und, wie ihr armer Mann getan, klopfte sie wieder und wieder. Anstatt aber, daß jemand antwortete, meinten sie alle einen Hund zu hören[164], der bellend auf sie zukäme; ja, ein Hund war’s und noch dazu ein großer, der den Frauen und Kindern Schrecken einjagte. Auch wagten sie eine Zeitlang nicht, wieder anzuklopfen, aus Furcht, daß der Bullenbeißer sie anfallen könnte. Eine peinliche Stille folgte, und sie wußten nicht, was sie vornehmen sollten; denn umkehren wollten sie auch nicht, weil sie fürchteten, der Torhüter möchte es wahrnehmen und unwillig auf sie werden. Endlich aber faßten sie ein Herz, noch einmal anzuklopfen, und sie klopften heftiger als zuvor. Hierauf rief der Torhüter: „Wer ist da?“ Sogleich hörte der Hund auf zu bellen, und die Pforte ward ihnen aufgetan. +Christin+ verneigte sich und sprach:

„Möge unser Herr nicht zürnen mit Seinen Mägden, weil wir an Seine königliche Pforte geklopft haben!“

+Hüter.+ Von wannen kommt ihr? und was ist euer Begehr?

+Christin.+ Wir kommen von daher, von wannen +Christ+ auch kam, und in derselben Absicht wie er, nämlich daß wir, so es Dir gefällt, durch diese Pforte auf den Weg gelangen, der zu der himmlischen Stadt führt. Auch tue ich meinem Herrn zu wissen, daß ich +Christin+, +Christs+ Frau, bin, der nun droben angelangt ist.

„Wie?“ rief der Torhüter verwundert aus, „ist die nun eine Pilgerin geworden, die noch vor kurzem ein solches Leben verabscheute?“ +Christin+ verneigte sich und sprach: „Ja, und hier sind auch meine lieben Kinder!“

„+Lasset die Kindlein zu Mir kommen!+“ (Mark. 10, 14) sagte Er, nahm sie bei der Hand und führte sie hinein; das Tor ward wieder geschlossen. Hierauf rief Er einem Trompeter auf der Warte zu, +Christin+ mit Frohlocken und dem Schall der Posaune zu empfangen. Dieser fing alsbald an zu blasen und erfüllte mit lieblichen Weisen die Luft.

Während dieser Zeit stand die arme +Barmherzig+ draußen, zitterte und weinte bitterlich vor Furcht, daß sie verworfen wäre. Als jedoch +Christin+ für sich und ihre Söhne Einlaß erlangt hatte, begann sie, sich für +Barmherzig+ zu verwenden.

„Herr,“ sprach sie, „ich habe eine Gefährtin, die noch draußen steht. Sie ist in derselben Absicht hergekommen wie ich. Sie ist sehr niedergeschlagen in ihrem Gemüt, weil sie kommt, wie sie denkt, ohne eingeladen zu sein, wogegen von meines Mannes König nach mir geschickt wurde.“

Nun fing +Barmherzig+ an, sehr ungeduldig zu werden, und es kam ihr jede Minute so lang vor wie eine Stunde. Dadurch, daß sie selbst an die Pforte anklopfte, unterbrach sie +Christin+ in ihrer Fürsprache für sie. Ihr Anklopfen war so stark, daß jene zusammenfuhr. „Wer ist draußen?“ fragte der Torhüter. +Christin+ antwortete: „Es ist meine Freundin.“

Er öffnete also das Tor und sah hinaus. +Barmherzig+ aber war draußen ohnmächtig hingesunken, denn ihre Kraft verließ sie, weil sie fürchtete, daß ihr keine Tür aufgetan werden würde. Da ergriff Er sie bei der Hand und sagte: „Mägdlein, Ich sage dir, stehe auf!“ (Mark. 5, 41.)

„Ach Herr,“ sprach sie, „ich bin noch so schwach; es ist kaum noch Leben in mir.“

Er erwiderte: „Es steht geschrieben: Da meine Seele bei mir verzagte, gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu Dir in Deinen heiligen Tempel (Jon. 2, 8). Fürchte dich nicht, sondern tritt auf deine Füße und sage Mir, warum du hergekommen bist.“

+Barmherzig.+ Ich komme um etwas, wozu ich niemals eingeladen worden bin wie meine Freundin +Christin+. Sie kommt auf den Ruf des Königs, ich aber nur auf den ihren; darum fürchte ich, ich sei vermessen.

+Hüter.+ Hat sie dich aufgefordert, mit ihr hierher zu kommen?

+Barmherzig.+ Ja, und so bin ich, wie mein Herr sieht, auch gekommen; und ist noch irgendwelche Gnade und Vergebung der Sünden vorhanden, so bitte ich, laß doch diese Deine arme Magd Anteil daran haben!

Da nahm Er sie wieder bei der Hand, führte sie sanft hinein und sprach: „Ich bitte für alle die, welche an Mich glauben, sie mögen zu Mir kommen, wodurch es auch sei[165].“ Und zu denen, welche dabeistanden, sprach Er: „Holt etwas herbei und gebt es +Barmherzig+, daß sie daran rieche und wieder wacker werde.“ Da brachten sie ihr einen Büschel Myrrhe, und alsbald ward sie von neuer Kraft durchströmt.

Nun wurden +Christin+ und ihre Knaben und +Barmherzig+ von dem Herrn am Eingang des Weges empfangen, und Er redete freundlich mit ihnen. Sie sprachen zu Ihm: „Wir haben gesündigt, und unsre Sünden sind uns herzlich leid, und wir bitten Dich: Vergib uns und unterweise uns den Weg, den wir zu gehen haben!“

Er antwortete: „Vergebung wird euch zuteil durch Wort und Tat, nämlich durch das Wort der Verheißung Meiner Gnade, durch Tat: in der Weise, wie Ich sie erworben habe. Nehmet die erste von meinen Lippen mit einem Kuß (Hohesl. 1, 2; Joh. 20, 22) und die andre, wie es euch weiterhin wird geoffenbart werden.“

Noch manch süßes Trostwort sprach Er ihnen zu, wodurch ihre Herzen hoch erfreut wurden. Er führte sie auch auf die Warte des Tores und zeigte ihnen, durch welche Tat sie gerettet worden[166], und verhieß ihnen, daß sie diesen Anblick auf ihrer fernern Reise zu ihrem Trost wieder haben sollten.

Danach ließ Er sie eine Weile allein unten in einer Gartenlaube, wo sie sich miteinander unterhielten.

„O wie froh bin ich,“ fing +Christin+ an, „daß wir hier angelangt sind!“

+Barmherzig.+ Du kannst auch wohl froh sein; aber ich habe vor allem Ursache, vor Freude zu springen.

+Christin.+ Als ich vor der Pforte stand und auf mein Anklopfen niemand antwortete, da dachte ich, es wäre all unsre Mühe vergeblich, zumal als der bissige Hund uns so greulich anbellte.

+Barmherzig.+ Und mir entfiel gänzlich das Herz, als du in Gnaden angenommen und ich draußen gelassen wurde. Ich sah darin schon die Erfüllung dessen, was geschrieben steht: „Zwei werden mahlen auf der Mühle; eine wird angenommen, und die andre wird verlassen werden“ (Matth. 24, 41). Weiter anzuklopfen wagte ich nicht, und so kam ich der Verzweiflung nahe. Als ich aber die Inschrift über der Pforte erblickte, faßte ich wieder Mut, mir selber zusprechend: Jetzt oder nie! So klopfte ich denn; ich kann aber nicht sagen wie, war ich doch wie eine, die mit dem Tode rang.

+Christin.+ Wie? das weißt du nicht einmal? O dein Klopfen konnte einem Mark und Bein durchdringen, wie ich dergleichen meine Lebetage noch nie gehört habe. Ja, es schien, als wolltest du mit Gewalt eindringen und das Reich im Sturm einnehmen[167].