Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 16
„Und was haben wir an diesem heiligen Ort zu tun?“ fragten die Pilger.
„Da habt ihr den Lohn zu empfangen für alle eure Arbeit, Freude für alle eure Betrübnis. Da sollt ihr ernten, was ihr gesät habt, nämlich die Frucht all eurer Gebete und Tränen, die Frucht aller Trübsale, die ihr aus Liebe zu dem himmlischen König auf dem Weg erduldet habt[144]. Mit goldenen Kronen geschmückt, werdet ihr euch freuen in dem Anschauen des dreimalheiligen Gottes, +denn Ihr werdet ihn sehen, wie Er ist+ (1. Joh. 3, 2). Ihr werdet Ihm Tag und Nacht dienen und Ihm ohne Unterlaß danksagen und Lob und Ehre darbringen, wonach ihr euch so oft gesehnt habt in den Tagen eurer Wallfahrt. Eure Augen werden Ihn schauen, eure Ohren die freundliche Stimme des Allmächtigen hören. Da werdet ihr eure Lieben, die euch dahin vorangegangen, wieder finden und mit Freuden die Brüder empfangen, die nach euch an diesen Ort gelangen. Wenn der König der Ehren zur Erde hinabfährt auf den Fittichen des Windes, wenn die letzte Posaune ertönt, dann werdet ihr mit Ihm erscheinen in himmlischer Herrlichkeit und an dem großen Tag des Gerichts zu Seiner Seite stehen; ja, wenn Er richten wird alle die Ungerechten, es seien Engel oder Menschen, sollt auch ihr eine Stimme im Gericht haben, weil sie Seine und eure Feinde gewesen sind[145]. Unter Posaunenschall werdet ihr dann mit Ihm einziehen in die himmlische Stadt und bei dem Herrn sein allezeit.“
Unter diesen Gesprächen hatten sie sich der Pforte genähert, und hier wurden sie von einem himmlischen Heer empfangen.
„Das sind,“ so sagte einer der Engel, „Menschen, die ihren Herrn geliebt haben in der Welt und alles verlassen um Seines heiligen Namens willen; und Er hat uns ausgesandt, sie einzuholen, und nun haben wir sie an das ersehnte Ziel ihrer Reise gebracht, daß sie eingehen können und anschauen das Antlitz ihres Erlösers mit Freuden.“
Wie das Rauschen gewaltiger Ströme tönte jetzt der Jubelruf des himmlischen Heeres: „+Selig sind, die zum Abendmahl des Lammes berufen sind!+“ (Offenb. 19, 9.) Nun kamen ihnen auch einige von den Posaunenbläsern des Königs in blendend weißen Gewändern entgegen. Mit ihren hellen und melodischen Klängen erfüllten sie selbst die Himmel, daß es widerhallte. Diese begrüßten +Christ+ und seinen Gefährten mit wohl tausendfachem Willkommen, und das taten sie mit Jauchzen und dem Schall der Posaunen.
Hierauf umringten sie die Begrüßten von allen Seiten, die einen gingen vor, die andern nach, etliche zur Rechten, etliche zur Linken, gleich als wenn es ihre Leibwache wäre bei ihrem Zug durch die obern Gegenden. Ununterbrochenes Jubeln und Jauchzen im höhern Chor begleitete alle ihre Schritte auf diesem Zug, so daß es jedem, der es mitansehen konnte, vorkam, als wenn der Himmel selbst zu ihrem Empfang herabgekommen sei. Indem sie nun vorwärtsgingen, gaben diese Posaunenbläser +Christ+ und seinem Bruder in Blick und Gebärden, mit welchen sie ihre Musik begleiteten, zu erkennen, wie willkommen sie in ihrer Gesellschaft und mit welcher Freude sie selbst ihnen entgegengekommen seien.
Da ward es den beiden Pilgern zumute, als wären sie schon im Himmel, ehe sie noch dahin gelangten; also waren sie hingerissen von dem Anblick der Engel und den süßen Klängen ihrer Weisen.
Jetzt stand die Stadt vor ihren Augen, und es dünkte sie, als hörten sie drin das Geläute aller Glocken, sie zu bewillkommnen. Aber nichts entzückte sie mehr als der beseligende Gedanke, selbst dort in solcher Gesellschaft zu leben, und das in alle Ewigkeit. O welche Zunge, welche Feder vermag die überschwengliche Freude ihres Herzens auszudrücken!
Als sie nun die Pforte erreicht hatten, sahen sie darüber mit goldenen Buchstaben geschrieben: „+Selig sind, die Seine Gebote halten, auf daß sie Macht haben an dem Holz des Lebens und zu den Toren eingehen in die Stadt+“ (Offenb. 22, 14).
Nun sah ich in meinem Traum, daß die beiden Glänzenden sie an dem Tor rufen hießen. Als sie dies taten, erschienen einige Männer über der Zinne, nämlich +Henoch+, +Mose+, +Elia+ u. a., zu denen die Engel sagten: „Diese Pilger kommen von der Stadt +Verderben+ und haben ihre Pilgerschaft in der Liebe zum Herrn vollendet.“ Die Pilger überreichten ihnen zugleich die Zeugnisse, die sie am Anfang ihrer Reise empfangen hatten. Diese wurden dem König vorgelegt, und als Er sie gelesen, sprach Er: „Wo sind die Männer?“ „Sie stehen vor der Pforte,“ war die Antwort. Da befahl der König: „+Tut die Tore auf, daß hereingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt!+“ (Jes. 26, 2.)
Indem die Pilger nun eintraten, wurden sie verklärt und mit Kleidern angetan, die glänzten wie Gold. Selige Geister reichten ihnen Harfen zum Lobe Gottes und Kronen als Ehrenzeichen, während, wie ich im Traum hörte, unter dem Freudenklang aller Glocken die Bewohner der himmlischen Stadt ihnen entgegenriefen: „+Gehet ein zu eures Herrn Freude!+“ (Matth. 25, 23.) Überströmt von unendlicher Wonne stimmten nun auch die Pilger mit lauter Stimme in den Lobgesang ein und sprachen: „+Dem, der auf dem Stuhl sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!+“ (Offenb. 5, 13.)
Ich schaute in meinem Traum durch die offenen Tore, während die Pilger durch dieselben eintraten, und siehe, die Stadt leuchtete wie die Sonne am Mittag; die Straßen waren von lauterm Gold, und auf denselben wandelten viele mit Kronen auf ihren Häuptern und Palmenzweigen in ihren Händen und goldenen Harfen zum Preise Gottes.
Und ich sah auch viele allda, die Flügel hatten, und sie riefen ohne Aufhören einander zu: „+Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr!+“ (Offenb. 4, 8), und die Pforte wurde geschlossen. -- Als ich dies gesehen, da wünschte ich, auch selbst unter ihnen zu sein.
O wie blinken Zions Mauern, da sich endet alles Trauern Und ein ew’ger Sabbat ist! Da der Engel Harfen klingen und die Auserwählten singen: Hochgelobt sei Jesus Christ!
Doch werd’ ich es auch ererben, was durch Leiden und durch Sterben Jesus mir verdienet hat? Werd’ ich auch zur Rechten stehen, mit den Heil’gen dürfen gehen In die schöne Gottesstadt?
Wer nicht allem will entsagen und Ihm nach sein Kreuze tragen, Kann auch nicht Sein Jünger sein. Wer nicht Leib und Seel’ und Leben Ihm will ganz zu eigen geben, Geht in Salem nimmer ein.
Als ich so über alles, was ich geschaut, in Gedanken versunken war, wandte ich mich um und gewahrte, daß mittlerweile auch +Unwissend+ den Strom erreichte, wo er alsbald einen Fährmann antraf, der ihn in dem Nachen der +eitlen Hoffnung+ ohne Mühe hinüberbrachte. Er stieg auch sogleich den Berg hinan zur Pforte; aber niemand geleitete ihn, niemand kam ihm mit dem Gruß des Friedens entgegen. Er las die Inschrift über der Pforte und, als müsse man ihm sogleich auftun, klopfte er ohne alle Besorgnis an. Es erschienen Männer auf der Zinne und fragten, woher er komme und was er begehre.
„Tut mir auf,“ sagte er, „denn ich habe vor dem König gegessen und getrunken, und auf den Gassen unsrer Stadt hat Er uns gelehrt.“
„Wo ist dein Zeugnis, daß wir es dem König überreichen?“
Er suchte in seinem Busen und fand keins.
„Hast du kein Zeugnis?“ fragten die Männer, und er verstummte. Als der König dies erfuhr, wollte Er nicht herabkommen, ihn zu sehen; jene beiden Engel aber, die +Christ+ und +Hoffnungsvoll+ geleitet hatten, erhielten Befehl, +Unwissend+ an Händen und Füßen zu binden und hinauszustoßen (Matth. 22, 13). Sie hoben ihn auf und trugen ihn durch die Luft zu jener Tür am Fuß des Gebirges, die in den Abgrund führt, und warfen ihn da hinein.
Da sah ich denn, daß es sogar am Himmelstor noch einen Weg zur Hölle gibt, so gut als von der Stadt +Verderben+.
Nun erwachte ich und merkte, daß es ein Traum war.
Fußnoten:
[142] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13, 12).
[143] Die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern (Jes. 57, 2).
[144] Was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten (Gal. 6, 7. 8).
[145] Siehe, der Herr kommt mit vielen tausend Heiligen, Gericht zu halten über alle und zu strafen alle Gottlosen um alle Werke ihres gottlosen Wandels (Jud. 14. 15).
Pilgerreise zur seligen Ewigkeit.
Zweiter Teil:
Die Pilgerin.
Erstes Kapitel.
Christin schickt sich zur Pilgerreise an.
Liebe Mitpilger!
Vor einiger Zeit hatte ich die Freude, euch zu eurem Nutz und Frommen zu erzählen, was mir von +Christ+, dem Pilger, und seiner gefahrvollen Reise nach dem himmlischen Land träumte. Ich habe euch damals auch berichtet, wie seine Frau und Kinder sich weigerten, ihn auf seiner Pilgerfahrt zu begleiten. Da er sich der drohenden Gefahr des Gerichts, das über der Stadt +Verderben+ schwebte, nicht länger aussetzen durfte, war er genötigt, seine Familie zu verlassen und allein die Reise zu unternehmen.
Nun bin ich bisher durch meine vielseitigen Geschäfte stets abgehalten und gehindert worden, meine gewohnten Reisen in jene Gegend zu machen, so daß sich mir bis vor kurzem keine Gelegenheit bot, nach seinen Hinterlassenen weiter zu fragen, um euch dann über ihr Ergehen Auskunft geben zu können. Da ich aber unlängst in jener Gegend zu tun gehabt, so ging ich wieder dort hinab. Nachdem ich nun in einem Wald, ungefähr eine Meile von dem Ort entfernt, mir ein Nachtlager bereitet hatte, schlief ich ein und träumte abermals:
Ich sah in meinem Traum, daß ein alter Herr auf mich zukam, und weil er ein Stück desselben Weges gehen wollte, den ich wandern sollte, so dünkte es mich, als ob ich mich aufmachte und mit ihm ging. Und wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, wenn man auf einer Reise mit jemand zusammentrifft, so kamen auch wir bald in ein Gespräch, das sich zufällig auf +Christ+ und seine Reisen bezog. Ich redete den alten Mann also an:
„Mein Herr, was ist das hier unten für eine Stadt, die dort linker Hand von unserm Wege liegt?“
Hierauf antwortete Herr +Scharfsinn+ -- denn das war sein Name --: „Das ist die Stadt +Verderben+, ein volkreicher Ort, aber bewohnt von einem bösartigen und trägen Schlag Menschen.“
„Dachte ich’s doch,“ erwiderte ich, „daß es jene Stadt wäre. Ich bin selbst einmal da durchgekommen, und daher weiß ich, daß dieser Bericht wahr ist.“
+Scharfsinn.+ Nur zu wahr! Was wollte ich lieber, als daß ich in Wahrheit besser von diesen Leuten reden könnte!
„Ich sehe schon, lieber Herr,“ sagte ich weiter, „daß du ein gutgesinnter Mann bist, und du wirst es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn wir miteinander ein nützliches Gespräch führen. Sage mir doch, hast du nie etwas vernommen, was vor einiger Zeit mit einem Mann aus dieser Stadt, namens +Christ+, sich zugetragen, der sich auf eine Pilgerreise nach den obern Gegenden begeben hat?“
+Scharfsinn.+ Ei freilich habe ich von ihm vernommen, spricht man doch in unserm ganzen Land von den Drangsalen, Beschwerden, Kämpfen, Banden, Seufzern, Klagen, Ängsten und Schrecken, die er auf seiner Reise ausgestanden hat. Unter all denen, die von ihm und seinen Taten gehört haben, werden ihrer nur wenige sein, die nicht mit großer Teilnahme den Berichten über seine Pilgerfahrt gefolgt sind. Ja, ich glaube sagen zu dürfen, daß er die Herzen vieler dadurch gewonnen hat. Denn obwohl er, solange er hier war, in jedermanns Augen als Narr galt, so wird er doch jetzt, nachdem er weg ist, allgemein hoch gepriesen. Man sagt nämlich, er lebe herrlich dort, wo er jetzt ist; ja vielen von denen, die sich niemals diesen Gefahren aussetzen würden, wässert gleichwohl der Mund nach seinem Glück.
„Daß er es dort gut hat,“ versetzte ich, „daran ist nicht zu zweifeln; wohnt er doch an der Lebensquelle und genießt, was er hat, ohne Mühe und Sorge, den dort mischt sich kein Schmerz hinein. Aber ich bitte dich, fahre fort zu erzählen! Was sagen die Leute noch mehr von ihm?“
+Scharfsinn.+ Seltsame Dinge werden über ihn berichtet! Einige sagen, er wandle jetzt in weißen Kleidern[146], er trage eine goldene Kette um den Hals, er habe eine mit Perlen besetzte Krone auf dem Haupt. Andre sagen, daß jene Lichtsgestalten, die ihm zuweilen auf seiner Wanderung erschienen, nun beständig um ihn seien und er dort solch vertrauten Umgang mit ihnen pflege wie bei uns ein Nachbar mit dem andern. Außerdem wird zuverlässig bezeugt, daß der König jenes Ortes ihm bereits eine sehr reich ausgestattete und angenehme Wohnung bei Hofe angewiesen habe[147], daß er täglich mit Ihm esse und trinke[148], vor Ihm stehe und mit Ihm rede, und daß er der Liebe und Gunst dessen genieße, der der Richter über alle ist. Endlich erwarten einige, daß der Fürst jenes Landes binnen kurzem in diese Gegend kommen werde, um alle seine Nachbarn zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie ihn, als er Pilger werden wollte, geringgeachtet und verspottet haben. Denn sie sagen, er sei nun also hoch bei seinem Fürsten in Gnaden, und es nehme dieser die dem Christ wegen seiner Pilgerschaft zugefügten Verunglimpfungen dermaßen zu Herzen, daß Er alles ansehen wolle, als wäre es Ihm selber geschehen[149]. Und das sei auch kein Wunder, denn aus Liebe zu seinem Fürsten habe er all dieses gewagt.
„Über dieser Nachricht bin ich wirklich erfreut,“ erwiderte ich, „und ich gönne es dem armen Mann von Herzen, daß er nun ruht von seiner Arbeit[150] und die Frucht seiner Tränen mit Freuden erntet[151]; ja, daß er nun auch nicht mehr die Zielscheibe der Bosheit seiner Feinde ist, sondern für immer entrückt aus dem Bereich seiner Hasser. Auch das ist ein Grund zur Freude, daß diese Geschichten im ganzen Lande bekannt geworden sind; denn wer weiß, ob nicht bei dem einen oder andern der Zurückgebliebenen dadurch eine heilsame Frucht gewirkt werden kann. Aber -- da es mir eben einfällt -- bitte, sag mir doch, lieber Herr, ist dir denn gar nichts von seiner Frau und seinen Kindern zu Ohren gekommen? Die armen Seelen! Ich bin gespannt, etwas über ihr Ergehen zu erfahren.“
+Scharfsinn.+ Über Christin und ihre Söhne? Denen wird es gewiß ebenso gut gehen wie Christ selber. Denn wiewohl sie anfangs ihm kein Gehör schenkten und weder Tränen noch Bitten sie zum Mitziehen bestimmen konnten, so hat doch weiteres Nachdenken bei ihnen Wunder gewirkt. Sie haben zuletzt ihre Sachen gepackt und sind ihm nachgezogen.
„Das läßt sich hören!“ rief ich. „Wirklich? Frau und Kinder, alle miteinander?“
+Scharfsinn.+ So ist es. Ich kann dir darüber ausführlichen Bericht geben; denn ich war selbst gerade dort und konnte den Verlauf der Dinge genau verfolgen.
„So darf man also,“ fragte ich, „es verbreiten als eine wirkliche Tatsache?“
+Scharfsinn.+ Das darfst du unbesorgt tun; denn wie gesagt, sie haben alle die Pilgerschaft angetreten, die gute Frau und auch ihre vier Knaben. Und da wir ja noch ein ziemliches Stück Weges miteinander zu gehen haben, so will ich dir einen ausführlichen Bericht darüber geben.
Diese +Christin+ (so hieß sie seit ihrem Aufbruch zur Pilgerreise) fing an, in ihren Gedanken sehr beunruhigt zu werden, nachdem ihr Mann über den Fluß hinübergekommen war und sie nun nichts mehr von ihm hören konnte. Zuerst geschah’s, weil sie ihren Mann verloren hatte und weil nach solcher Nachricht die Hoffnung, wieder mit ihm vereinigt zu werden, zerstört war. Daß bei der Erinnerung an den Verlust geliebter Angehörigen manche heiße Träne fließt, ist ja ganz natürlich. So auch bei +Christin+. Bei ihr kam aber noch etwas andres hinzu. Immer mehr drängte sich ihr nämlich die Befürchtung auf, ob nicht ihr ungeziemendes Verhalten gegen ihren Gatten eine Ursache sei, warum sie ihn nicht mehr sähe und er auf solche Weise von ihr genommen wäre. Und dabei fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, sie erkannte all ihr unfreundliches, unnatürliches und ungöttliches Benehmen gegen ihren teuren Freund; all dieses fing an, ihr Gewissen zu beschweren und sie mit dem Gefühl der Schuld zu drücken. Mehr noch wurde sie zerknirscht, wenn sie der vielen Seufzer, der bittern Tränen und des Wehklagens ihres Gatten gedachte und wie sie ihr Herz gegen alle seine Bitten und sein liebevolles Zureden, ihn doch samt den Kindern zu begleiten, verhärtet hatte. Bis in die kleinsten Einzelheiten traten alle seine Worte und was er getan, wie ein heller Blitzstrahl ihr wieder vor die Seele und zerschnitt ihr das Herz. Besonders tönte sein schmerzlicher Ausruf: „Was soll ich tun, daß ich selig werde?“ (Apostelg. 16, 30) in ihren Ohren erschütternd nach[152].
Darauf sprach sie zu ihren Kindern: „Meine Söhne, wir sind alle verloren! Ich habe wider euren Vater gesündigt, und er ist fortgegangen. Er hätte uns gern mit sich genommen; aber ich wollte nicht mit ihm gehen und habe auch euch vom Lebensweg zurückgehalten.“ Da brachen die Knaben alle in Tränen aus und verlangten danach, ihrem Vater nachzuziehen. „O,“ sagte +Christin+, „welch ein Glück wäre es für uns gewesen, wenn wir mit ihm gegangen wären! Wie leicht wäre uns das Reisen geworden, viel leichter, als wir es jetzt erwarten können. Wiewohl ich früher in meiner Torheit die Bekümmernisse eures Vaters närrischer Einbildung und trübsinniger Laune zuschrieb, so will es mir nun doch scheinen, daß sie aus einer andern Ursache hervorgegangen sind, nämlich weil ihm das Licht des Lebens aufgegangen war[153], durch dessen Hilfe er, wie ich nun merke, den Stricken des Todes entgangen ist[154].“ Hierauf weinten sie alle aufs neue und riefen aus: „O weh des Tags!“
In der folgenden Nacht hatte +Christin+ einen Traum und siehe, es war ihr, als sähe sie vor sich eine große offene Pergamentrolle, auf welcher die Summe all ihres Tuns verzeichnet stand. Und wie es ihr vorkam, sahen ihre Missetaten sehr schwarz aus. Da rief sie im Schlaf laut aus: „+Gott, sei mir Sünderin gnädig!+“ (Luk. 18, 13), und es hörten sie die Kinder.
Hiernach dünkte es sie, als ständen zwei sehr übelgesinnte Wesen an ihrem Bett, welche sprachen: „Was fangen wir nur mit diesem Weib an? denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren haben. Darum müssen wir auf die eine oder die andre Weise ihre Gedanken von dem, was hernach sein wird, abzuziehen suchen, oder nichts in der ganzen Welt wird sie hindern, auch eine Pilgerin zu werden.“
Zitternd und ganz in Schweiß gebadet erwachte sie; aber nach einer Weile schlief sie wieder ein und träumte und sah im Traum ihren Gatten, den +Christ+, mit glänzendem Angesicht an einem Ort der Seligkeit unter vielen Unsterblichen mit einer Harfe in der Hand stehen und darauf spielen vor einem, der auf einem Thron saß und um dessen Haupt ein Regenbogen war. Sie sah auch, daß er sich zu den Füßen seines Fürsten niederwarf und anbetend ausrief: „Ich danke Dir von ganzem Herzen, mein Herr und König, daß Du mich an diesen Ort gebracht hast!“ Darüber jauchzte die Menge derer, die rund umherstanden, und schlugen an ihre Harfen; aber keine menschliche Zunge konnte aussagen, was sie sprachen; Christ und seinen Mitgenossen war diese himmlische Sprache bekannt.
Als +Christin+ am nächsten Morgen aufgestanden war, zu Gott gebetet und eine Weile mit ihren Kindern geredet hatte, da klopfte jemand stark an die Tür. Sie rief mit lauter Stimme: „Kommst du in Gottes Namen, so tritt ein!“ -- „Amen,“ sagte der Fremde, öffnete die Tür und grüßte: „Friede sei mit diesem Haus!“ und alsbald fuhr er fort: „+Christin+, weißt du, weshalb ich gekommen bin?“ Da errötete sie und zitterte; ihr Herz klopfte in der Erwartung, zu erfahren, woher er komme und was für eine Botschaft er an sie auszurichten habe. „Mein Name ist +Verborgen+,“ sprach er weiter, „ich wohne bei denen in der Höhe. Dein Verlangen, nach der himmlischen Stadt zu ziehen, ist dort bekanntgeworden[155]; auch weiß man von deiner tiefen Reue über all das Unrecht, das du früher deinem Mann zugefügt hast, indem du dein Herz gegen sein inständiges Bitten verhärtet und auch diese deine Knaben vom Pfad des Friedens zurückgehalten hast. So hat denn, +Christin+, der Barmherzige mich gesandt, dir zu sagen, daß Er ein Gott ist, der gern verzeiht und nicht müde wird, Missetaten zu vergeben. Er ladet dich auch hiermit ein, vor Sein Angesicht zu kommen; an Seiner Tafel will Er dich speisen mit den reichen Gütern Seines Hauses und mit dem Erbe Jakobs, deines Vaters. Daselbst wohnt +Christ+, dein ehemaliger Gatte, in seligem Verein mit vielen andern, deren Zahl mehr denn Legion ist; sie schauen das Angesicht Gottes, von dem ihnen Leben und Seligkeit zufließt immerdar. Diese alle werden sich freuen und fröhlich sein, wenn sie hören das Rauschen deiner Füße.“
Über diesen Worten ward +Christin+ tief beschämt und neigte ihr Angesicht zur Erde. Der Abgesandte aber fuhr fort und sprach: „Hier ist auch ein Brief an dich, +Christin+, von dem König deines Mannes[156].“ Sie nahm denselben und öffnete ihn. Er duftete aber wie köstliche Salbe, und die Schrift war mit goldenen Buchstaben geschrieben. Der Inhalt des Briefes war: Der König begehre, daß auch sie sich auf die Pilgerreise begebe, wie +Christ+, ihr Mann, es getan; denn das sei der Weg, zu Seiner Stadt zu gelangen und in Seiner Gegenwart mit Freuden zu wohnen ewiglich. „Herr,“ rief die gute Frau ganz überwältigt, „willst du mich und meine Kinder mit dir nehmen, daß wir hinziehen und diesen König auch anbeten[157]?“
„+Christin+,“ erwiderte der Abgesandte, „vor dem Süßen kommt das Bittere; auch du mußt durch viel Trübsale in die himmlische Stadt eingehen. So rate ich dir, gehe, wie +Christ+, dein Mann, es tat, zu der engen Pforte, die dort jenseits der Ebene liegt; denn sie steht am Eingang des Weges, den du gehen mußt, und ich wünsche dir eine glückliche Reise. Den Brief, den du erhalten, verwahre sorgfältig in deinem Kleid, da du ihn an der himmlischen Pforte abgeben mußt. Lies mit deinen Kindern fleißig darin, bis ihr ihn auswendig wißt, denn er enthält eins von den Liedern, das du singen mußt, solange du noch in dem Hause deiner Wallfahrt bist[158].“
Nun sah ich in meinem Traum, daß jener alte Herr, während er mir diese Geschichte erzählte, selber sehr davon ergriffen zu sein schien. Indessen fuhr er fort und erzählte weiter: +Christin+ rief alsbald ihre Söhne zusammen und redete sie also an: „Meine lieben Söhne, ihr habt wohl bemerkt, daß der Tod eures Vaters mich in der letzten Zeit viel beschäftigt hat -- nicht als ob ich an seiner Glückseligkeit zweifelte, denn daß er wohl aufgehoben ist, davon bin ich hinlänglich überzeugt. Aber auch, wenn ich unser bisheriges Leben überdachte, das doch eigentlich ein elendes genannt werden muß, war ich sehr bekümmert; und vollends ist es mein Betragen gegen euren Vater in seiner Seelenangst, was sich wie eine schwere Last auf mein Gewissen wälzt; denn ich habe nicht nur mein, sondern auch eure Herzen gegen ihn verhärtet und mich geweigert, mit ihm die Pilgerfahrt anzutreten. -- Der Gedanke an all dieses würde mir wohl das Herz brechen, wenn ich nicht in der verflossenen Nacht einen Traum gehabt und dieser Fremde mir heute morgen Mut zugesprochen hätte. Kommt, meine Kinder, laßt uns aufbrechen und zu der Pforte eilen, welche nach dem himmlischen Land führt, daß wir euren Vater wiedersehen und bei ihm und all den Seligen nach den Gesetzen jenes Landes in Frieden wohnen!“
Da brachen die Kinder in Tränen aus vor Freude, daß ihrer Mutter Herz so umgewandelt war. Alsbald nahm der Abgesandte Abschied von ihnen, und sie fingen an, sich auf die Reise zu rüsten.