Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 15
+Unwissend.+ Offenbaren? Kann auch ein vernünftiger Mensch an Offenbarungen glauben? Ich glaube, daß alles, was ihr beide und euresgleichen von diesen Sachen sprecht, nichts andres als das Erzeugnis eines kranken Gehirns ist.
+Hoffnungsvoll.+ Armer junger Mann, du weißt nicht, daß der Mensch Christus nicht erkennen kann, es sei denn, daß ihm der Sohn vom Vater offenbart werde.
+Unwissend.+ Das ist euer Glaube, aber der meine nicht. Ich zweifle jedoch nicht, daß der meine ebensogut ist wie der eure, wenn ich gleich nicht so viele Grillen im Kopf habe wie ihr.
+Christ.+ Gestatte mir, ein Wort dareinzureden. Es ist ganz ungeziemend, von dieser Sache so verächtlich zu reden. Wie mein lieber Gefährte es getan, so bezeuge auch ich es freimütig, daß niemand Jesus Christus recht erkennen kann als durch die Offenbarung Gottes des Vaters[141]. Auch der Glaube, durch welchen die Seele Christus ergreift, muß, wenn er rechter Art sein soll, durch die überschwengliche Größe Seiner mächtigen Kraft gewirkt werden (Eph. 1, 19). Von der Wirkung dieses Glaubens ist dir, wie ich merke, noch nichts bekannt. So wache denn auf, laß deinen Hochmut fahren, demütige dich und flehe um Gnade! So wirst du durch Seine Gerechtigkeit, welche die Gerechtigkeit Gottes ist, von der Verdammnis erlöst werden.
+Unwissend.+ Mit euch kann ich nicht Schritt halten; geht voraus, ich will ein wenig hinter euch bleiben.
Sie versuchten es noch einmal, ihn zurückzuhalten, und sprachen:
Halte ein und überlege, Sünder, ach wo willst du hin? Kehre um von deinem Wege; denn ein Abgrund endet ihn. Wende dich zu dem Erbarmer, dem Befreier Jesus Christ! Er verstößt dich nicht, du Armer; komm zu Ihm, so wie du bist!
+Christ+ wandte sich nun zu seinem Gefährten und sprach: „Komm, lieber +Hoffnungsvoll+, ich sehe, daß wir wieder allein wandern müssen!“
Ich sah nun in meinem Traum, daß sie ihre Schritte beschleunigten, während +Unwissend+ hintennachhinkte.
„Mich dauert dieser arme Mann sehr,“ sagte +Christ+ zu +Hoffnungsvoll+, „es wird sicherlich ein schlimmes Ende mit ihm nehmen.“
+Hoffnungsvoll.+ Ach, solcher Leute gibt es viele in unsrer Stadt, ganze Familien, ja ganze Straßen und sogar Pilgrime. Und sind sie schon bei uns in solcher Menge vertreten, wie viele werden ihrer erst in +Unwissends+ Heimat sein!
+Christ.+ Ja, es erfüllt sich an ihnen das Wort: „+Er hat ihre Augen verblendet, daß sie nicht sehen+“ (Joh. 12, 40). Aber -- da wir ja allein sind -- sage mir doch, was denkst du von diesen Leuten? Glaubst du, daß sie nie eine Überzeugung von ihren Sünden haben und folglich nie über ihren gefährlichen Zustand in Furcht geraten?
+Hoffnungsvoll.+ Beantworte du bitte diese Frage selbst, du bist der Ältere.
+Christ.+ Nun ja, das will ich gerne tun. Ich denke, zuweilen mag das wohl der Fall sein, daß sie ihre Sünden und deren Folgen erkennen; allein in ihrer Verblendung merken sie nicht, wie heilsam solche Erkenntnis ist, und deswegen suchen sie diese lästigen Gedanken von sich abzuschütteln und verharren, indem sie sich selbst schmeicheln, auf dem Weg, den sie nach eigenem Gutdünken erwählt haben.
+Hoffnungsvoll.+ Hiervon bin ich gleichfalls überzeugt, daß diese Furcht dem Menschen heilsam ist und ihn antreibt, sich auf die Pilgerreise nach +Zion+ zu begeben.
+Christ.+ Ohne Zweifel hat jene Furcht, wenn sie rechter Art, diese Wirkung; denn also steht geschrieben: „+Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang+“ (Ps. 111, 10).
+Hoffnungsvoll.+ Wie würdest du die rechte Furcht beschreiben?
+Christ.+ Die wahre Furcht offenbart sich folgendermaßen:
1. Sie wird erzeugt durch heilsame Sündenerkenntnis.
2. Sie treibt die Seele an, den Heiland der Sünder zu suchen und zu erfassen.
3. Sie erweckt und unterhält in der Seele eine tiefe Ehrfurcht vor Gott, Seinem Wort und Seinen Wegen; sie macht das Gewissen zart und behutsam, weder zur Rechten noch zur Linken zu weichen, und läßt nicht zu, daß wir etwas tun, was Gottes Namen verunehren, den innern Frieden stören, den Geist betrüben oder den Feinden Anlaß zum Lästern geben könnte.
+Hoffnungsvoll.+ Ganz recht. Ich glaube, daß du die Wahrheit sagst. -- Was meinst du, sind wir nun bald über den bezauberten Grund hinweg?
+Christ.+ Warum fragst du? Bist du etwa dieses Gesprächs müde?
+Hoffnungsvoll.+ Nein, gewiß nicht; ich wollte bloß wissen, wo wir uns jetzt befinden.
+Christ.+ Wir haben nur noch etwa zwei Meilen zu gehen. Doch laß uns wieder auf unsre Sache kommen. -- Die Unwissenden erkennen es nicht, daß, wenn das Gewissen erwacht, dies ihnen zum Segen ausschlägt; darum suchen sie dieses zu übertäuben.
+Hoffnungsvoll.+ Wie kommt das?
+Christ.+ 1. Sie denken, solche Furcht sei durch den Teufel gewirkt (obgleich doch wahrlich die rechte Furcht eine Wirkung Gottes ist), und in diesem Wahn widerstehen sie ihr als einer Sache, die sie schnurstracks ins Verderben bringt.
2. Sie denken, jene Furcht gehe dahin, sie in ihrem Glauben wankend zu machen; aber leider haben die armen Leute doch gar keinen Glauben, und darum verhärten sie ihr Herz dawider.
3. Sie stehen in der falschen Voraussetzung, es gezieme ihnen nicht, sich zu fürchten, und darum werden sie in Verachtung derselben nur frecher und vermessener.
4. Sie sehen, daß jene Furcht ihre erbärmliche Selbstgerechtigkeit zunichte macht, und deswegen widerstehen sie ihr mit aller Macht.
+Hoffnungsvoll.+ Ich weiß davon etwas aus eigener Erfahrung; denn ehe ich mich selber kannte, war’s auch so mit mir.
+Christ.+ Gut, wir wollen nun unser Gespräch über +Unwissend+ abbrechen und eine andre lehrreiche Frage aufwerfen.
+Hoffnungsvoll.+ Recht gern. Aber du mußt den Anfang machen.
+Christ.+ Nun, also! Hast du nicht ungefähr vor zehn Jahren in unsrer Gegend einen gewissen +Zeitdiener+ gekannt, der damals großes Aufsehen erregte, weil er sich von der Welt und Sünde abwandte?
+Hoffnungsvoll.+ Ja freilich, wie sollte ich den nicht gekannt haben! Er wohnte in +Gnadenlos+, einer Stadt ungefähr zwei Meilen von +Ehrbarkeit+ entfernt; seine Wohnung stieß an die eines gewissen +Kehrum+.
+Christ.+ Richtig, er wohnte mit ihm unter einem Dach. Dieser Mann war einst sehr beunruhigt; ich denke, daß er einige Erkenntnis seiner Sünden und ihrer traurigen Folgen hatte.
+Hoffnungsvoll.+ Ich denke es auch; denn da mein Haus nicht weit von dem seinen entfernt war, kam er öfter zu mir, und zwar mit vielen Tränen. Wahrlich, ich hatte mit dem Mann großes Mitleid und hegte einige Hoffnung für ihn. Aber an ihm kann man sehen, +daß nicht alle, die Herr, Herr! sagen, in das Himmelreich kommen+ (Matth. 7, 21).
+Christ.+ Eines Tages sagte er mir, daß er entschlossen sei, gleichwie wir auf die Pilgrimschaft zu gehen. Aber auf einmal machte er die Bekanntschaft eines gewissen +Hilfdirselbst+ und zog sich dann ganz von mir zurück.
+Hoffnungsvoll.+ Weil wir gerade jetzt auf ihn zu sprechen gekommen sind, laß uns doch einmal untersuchen, worin die Ursache liegt, daß er und andre seinesgleichen so schnell abfällig geworden sind.
+Christ.+ Das kann sehr lehrreich werden; aber diesmal mußt du den Anfang machen.
+Hoffnungsvoll.+ Gut. Meiner Ansicht nach lassen sich folgende vier Ursachen feststellen:
1. Obschon das Gewissen solcher Menschen aufgeweckt wurde, blieb doch ihr Herz unverändert. Wenn daher das Gewicht der Schuld abnimmt, schwindet sogleich auch das, was sie dazu bewog, ein frommes Leben anzufangen, und so kehren sie dann natürlich wieder zu ihrem alten Wandel zurück. Also, sage ich, sie haben Verlangen nach dem Himmel bekommen, aber nur aus Furcht vor den Flammen der Hölle. Wenn aber ihre Gedanken von der Hölle und ihre Furcht vor der Verdammnis etwas abgenommen haben, dann erkaltet auch ihr Verlangen nach dem Himmel, und so fallen sie wieder in ihr früheres Wesen zurück.
2. Ein andrer Grund liegt darin: es ermächtigt sich ihrer eine knechtische Furcht, ich meine die Furcht vor den Menschen, „+denn vor Menschen sich scheuen, bringt zu Fall+“ (Spr. 29, 25). Wiewohl sie also nach dem Himmel zu trachten scheinen, solange die Flammen der Hölle an ihnen gleichsam züngeln, so kommen sie doch wieder auf andre Gedanken, sobald der erste Schrecken sich ein wenig gelegt hat, und denken, man müsse doch auch klug sein und sich nicht selbst der Gefahr aussetzen, alles zu verlieren (sie wissen aber selbst nicht was), oder sich wenigstens nicht in unvermeidliches und unnötiges Ungemach hineinbringen. Und so stürzen sie sich denn aufs neue der Welt in die Arme.
3. Die Schmach, welche das Bekenntnis des Evangeliums begleitet, liegt ihnen wie ein Stein im Weg. Sie sind stolz und hochmütig, das Evangelium von Christus ist aber in ihren Augen gering und verächtlich. Darum, sobald sie die Furcht vor der Hölle und dem zukünftigen Zorn verloren haben, kehren sie zu ihren frühern Wegen zurück.
4. Die Schuld und die Gedanken an den Schrecken sind ihnen eine Qual. Sie lieben also nicht, ihr Elend anzusehen, bevor sie darin sind. Und doch würde der frühere Hinblick auf dasselbe ihnen vielleicht Anlaß geben, dort ihre Zuflucht zu suchen, wo sie der Gerechte gefunden und auch sie Rettung fänden; weil sie aber, wie ich vorhin bemerkte, die Gedanken an Schuld und Strafe scheuen, so geschieht es, daß, wenn sie einmal den ersten Schrecken von Gottes Zorn überwinden, sie ihre Herzen immer mehr verhärten und solche Wege erwählen, die sie je länger, je mehr dazu führen.
+Christ.+ Du bist der Sache sehr nahe gekommen, denn der Grund alles dessen liegt darin, daß ihr Herz und Willen nicht verändert worden ist. Es ist nur die Angst des Verbrechers, der vor seinem Richter steht. Er zittert und bebt und scheint wahrhaft reuig zu sein; aber der Grund davon ist lediglich die Furcht vor dem Galgen und nicht, weil er Abscheu vor seinem Verbrechen hat. Es ist klar ersichtlich, sollte man einen solchen Menschen nur in Freiheit setzen, er würde wieder ein Dieb und Taugenichts sein. Das würde jedoch nicht der Fall sein, wenn wirklich eine Umwandlung seines Herzens stattgefunden hätte.
+Hoffnungsvoll.+ Ich habe dir nun die Gründe ihres Abfalls angegeben, so zeige mir nun die Art und Weise, wie es geschieht.
+Christ.+ Das will ich gern tun.
1. Sie fangen damit an, ihre Gedanken von der Erinnerung an Gott, den Tod und das zukünftige Gericht abzuziehen.
2. Danach lassen sie ab vom stillen verborgenen Gebet im Kämmerlein, vom Kampf gegen die anklebende Sünde, vom Wachen, vom Trauern über die Sünde und dgl.
3. Sie fühlen sich beengt in der Gemeinschaft lebendiger und wahrer Christen.
4. Danach werden sie laß in den öffentlichen Übungen des Gottesdienstes, wie im Hören und Lesen des göttlichen Wortes, Besuch des Gottesdienstes und dgl.
5. Sodann beginnen sie, wie man sagt, das Kleid gläubiger Leute mit Kot zu bewerfen, und zwar in der teuflischen Absicht, um damit ihren Abfall von ihrem Bekenntnis zu rechtfertigen.
6. Hierauf treten sie in Verbindung mit weltlichgesinnten, losen und liederlichen Menschen.
7. Darauf suchen sie insgeheim, nichtige Gespräche weiterzutragen, und sind froh, wenn sie bei einem, der für fromm gilt, auch dergleichen finden können, damit sie es auf sein Beispiel um so dreister tun können.
8. Nachher fangen sie an, kleine Sünden ohne Scham öffentlich zu treiben.
9. Und endlich, wenn sie sich auf diese Weise verhärtet haben, zeigen sie sich, wie sie sind. So schwimmen sie denn wieder auf dem reißenden Strom des Verderbens und, wenn nicht ein Wunder der Gnade es verhindert, müssen sie in ihrem Selbstbetrug ewig verlorengehen.
Fußnoten:
[124] Er selbst, der Satan, verstellt sich zum Engel des Lichts (2. Kor. 11, 14).
[125] Achtet auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten und weichet von ihnen; denn durch süße Worte und prächtige Reden verführen sie die unschuldigen Herzen (Röm. 16, 17. 18).
[126] Auf daß sie nicht samt der Welt verdammt werden (1. Kor. 11, 32).
[127] Die Arbeit der Narren wird ihnen sauer, weil sie nicht wissen in die Stadt zu gehen (Pred. 10, 15).
[128] Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7).
[129] Der Gott dieser Welt hat der Ungläubigen Sinn verblendet, daß sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Klarheit Christi (2. Kor. 4, 4).
[130] Daß alles durch Ihn versöhnt würde zu Ihm selbst, machte Er Frieden durch das Blut an Seinem Kreuz, durch sich selbst (Kol. 1, 20).
[131] Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit (Röm 4. 5).
[132] Kommet her zu Mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; Ich will euch erquicken (Matth. 11, 28).
[133] Himmel und Erde werden vergehen; aber Meine Worte werden nicht vergehen (Matth. 24, 35).
[134] Kommt, laßt uns knien und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat (Ps. 95, 6).
[135] Wenn du den Herrn, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du Ihn finden, wenn Du Ihn wirst von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen (5. Mos. 4, 29).
[136] Der Apostel schreibt: Es hat Gott wohl gefallen, daß Er Seinen Sohn in mir offenbarte (Gal. 1, 15. 16).
[137] Lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe not sein wird (Hebr. 4, 16).
[138] Unsre unerkannte Sünde stellst Du ins Licht vor Deinem Angesicht (Ps. 90, 8).
[139] Herr, Du erforschest mich und kennst mich; Du verstehst meine Gedanken von ferne (Ps. 139, 1. 2).
[140] Sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind also der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan (Röm. 10, 3. 4).
[141] Petrus sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern Mein Vater in Himmel (Matth. 16, 16. 17).
Zwölftes Kapitel.
Durch die Fluten der letzten Trübsal und Eingang in die himmlische Stadt.
Unter diesen Betrachtungen legten sie die letzte Strecke des +bezauberten Grundes+ zurück und betraten das Land der +Vermählung+, wo ihnen sogleich eine lieblich erfrischende Luft entgegenwehte. Da ihr Weg hier hindurchführte, so erquickten sie sich daselbst eine Zeitlang. „Siehe, der Winter ist vergangen,“ rief +Hoffnungsvoll+, „die Blumen sind hervorgekommen im Land, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Land“ (Hohesl. 2, 12). Hier geht die Sonne nicht unter, das +Tal der Todesschatten+ ist weit entfernt, der Riese der +Verzweiflung+ dringt hier niemals ein; die +Zweifelsburg+ sieht man nicht mehr; die himmlische Stadt, zu der sie wanderten, strahlte ihnen in hellem Licht entgegen, und es begegneten ihnen schon einige der +Glänzenden+, die hier an den Grenzen des Himmels gewöhnlich zu lustwandeln pflegen. Hier ward nun die Verlobung zwischen der Braut und dem Bräutigam erneuert, +ja wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so freut sich ihr Gott über sie+ (Jes. 62, 5). Hier hatten sie auch keinen Mangel an Korn und Wein, sondern fanden alles das im Überfluß, was sie auf ihrer ganzen Pilgerreise gesucht hatten. Von der Stadt her drangen laute Stimmen an ihr Ohr, welche riefen: „+Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! siehe, Sein Lohn ist bei Ihm!+“ (Jes. 62, 11), und von den Einwohnern des Landes wurden sie genannt: „+Das heilige Volk, die Erlösten des Herrn+“ (Jes. 62, 12).
Während sie hier wanderten, durchströmte eine nie gekannte Freude ihr Herz. Sie kamen nun der Stadt immer näher, und immer vollkommener wurde deren Anblick; sie sahen schon die Mauern von edlem Gestein, sie sahen die Perlentore und die Straßen von lauterm Gold. Dieser Glanz und diese Herrlichkeit, welche die darauf fallenden Sonnenstrahlen zurückwarfen, erweckten in ihrem Herzen eine unendliche Sehnsucht nach dem Herrn. Daher legten sie sich eine Weile nieder und riefen in ihrem Heimweh aus: „+Findet ihr meinen Freund, so sagt Ihm, daß ich vor Liebe krank liege!+“ (Hohesl. 5, 8). Als sie sich wieder ein wenig gefaßt hatten, zogen sie weiter. Der Weg führte sie an lieblichen Obst- und Weingärten vorüber, deren Türen nach der Straße hin offen standen. Der Gärtner stand am Weg, und den fragten sie: „Wem gehören diese herrlichen Weinberge und lieblichen Gärten?“ Er antwortete: „Dies sind die Besitzungen des Königs, die Er für sich und zur Erquickung der Pilger angelegt hat.“ Hierauf führte der Gärtner sie in die Weingärten und hieß sie sich erfrischen mit den darin wachsenden köstlichen Früchten. Er zeigte ihnen auch des Königs Lustgänge und Sommerlauben, in denen sich aufzuhalten Seine Lust war. Allda verweilten sie ein wenig und schliefen ein.
Nun bemerkte ich in meinem Traum, daß die Pilger in ihrem Schlaf mehr redeten als während ihrer ganzen Reise, und da ich mich darüber verwunderte, sprach der Gärtner zu mir: „Warum machst du dir hierüber Gedanken? Es liegt in der Natur der Früchte dieser Weingärten, daß sie so glatt eingehen und der Schläfer Lippen reden machen“ (Hohesl. 7, 10).
Als sie dann erwachten, sah ich, daß sie sich anschickten, zur Stadt hinaufzugehen; allein der Widerschein der Sonne auf der Stadt war so blendend (denn sie war von lauterm Gold, Offenb. 21, 18), daß sie dieselbe nicht mit bloßen Augen anschauen konnten, sondern nur durch ein dunkles Glas, welches sie dazu vorfanden[142].
Indem sie weiterwanderten, begegneten ihnen zwei Männer, deren Angesicht leuchtete wie Sonnenglanz, und ihr Gewand strahlte wie lauteres Gold. Diese fragten die Pilger nach ihrer Heimat, über ihre Pilgerreise, wo sie unterwegs gerastet, welche Beschwerden und Gefahren ihnen begegnet und was für Tröstungen und Freuden ihnen zuteil geworden seien. Nachdem sie diese Fragen beantwortet hatten, sprachen die Männer zu ihnen: „Nur zwei Hindernisse noch, und ihr seid in der himmlischen Stadt!“
„Möchtet ihr doch bei uns bleiben!“ baten die Pilger.
„Wir werden euch geleiten,“ erwiderten die Männer, „aber nur durch euren eigenen Glauben könnt ihr überwinden.“
Ich sah nun, daß sie miteinander fortwanderten und der Stadt immer näher kamen, als sie mit Bestürzung einen breiten Strom vor sich erblickten, der sie noch von der Stadt des Friedens trennte. Der Weg führte gerade auf den Strom zu, ohne daß man irgendeine Spur von einer Brücke bemerken konnte; und der Strom war tief.
„Hier müßt ihr hindurch,“ sprachen die Männer, „oder ihr könnt nicht zur himmlischen Pforte gelangen.“
„Gibt es aber nicht noch einen andern Weg zur Pforte?“ fragten die Pilger.
„Für euch gibt es durchaus keinen andern Weg. +Henoch+ und +Elia+ sind die einzigen seit Grundlegung der Welt, denen ein andrer Pfad geöffnet wurde, und bis zum Schall der letzten Posaune wird es keinem andern mehr vergönnt sein, diesen Pfad zu gehen.“
Darüber wurden die Pilger, besonders +Christ+, sehr entmutigt und blickten bald hierhin, bald dorthin; allein sie konnten keinen Ausweg finden, um diesen Strom zu umgehen.
„Ist denn das Wasser an allen Stellen gleich tief?“ fragten sie die Männer.
„Je nach eurem Glauben,“ erwiderten diese, „werdet ihr den Fluß tiefer oder seichter finden; in diesem Fall jedoch können wir euch keine Hilfe leisten.“
Kaum waren sie in das Wasser gestiegen, als +Christ+ schon anfing zu sinken und seinem Freund zurief: „Ich versinke in tiefen Wassern; die Wogen gehen über mein Haupt, und alle ihre Wellen bedecken mich!“ (Jona 2, 4.)
„Sei getrost, mein Bruder,“ sprach +Hoffnungsvoll+, „ich fühle festen Grund!“
„Ach, lieber Freund,“ rief +Christ+, „die Angst des Todes hat mich ergriffen! Ich werde das Land nicht sehen, darin Milch und Honig fließt.“ -- Tiefe Finsternis umgab ihn, er verlor die Pforte jenseits aus den Augen, ja, nicht einmal der großen Treue konnte er sich mehr erinnern, mit der ihn der Herr sein Leben lang gehalten und getragen hatte. Alle seine Worte verrieten den Schrecken seiner Seele und die Furcht seines Herzens, er werde in dem Strom umkommen und niemals durch die Pforte einziehen dürfen. Alle seine Sünden wachten auf und beunruhigten ihn, und zuweilen schien es, als wenn er mit unsichtbaren Feinden zu kämpfen hätte. +Hoffnungsvoll+ hatte daher genug zu tun, das Haupt seines Bruders über Wasser zu halten, ja zuweilen schien es, als sänke er ganz unter, und erst nach einer Weile kam er halbtot wieder empor.
„Mein Bruder,“ so suchte +Hoffnungsvoll+ von neuem zu trösten, „ich sehe die Pforte schon, ich sehe Männer in glänzendem Gewand, die zu unserm Empfang bereitstehen.“
Aber +Christ+ antwortete: „Auf dich warten sie, auf dich; du hast gehofft, solange ich dich kenne.“
„Auch du hast deine Hoffnung bewahrt,“ erwiderte +Hoffnungsvoll+.
„Ach, Bruder,“ sagte +Christ+, „wäre ich gerecht vor Ihm, gewiß, Er würde mir jetzt zu Hilfe kommen; aber meine Sünden sind zu groß, darum bin ich in dieser Not, und Er hat mich verlassen.“
„Lieber Bruder,“ sprach +Hoffnungsvoll+, „laß dich erinnern, was von den Gottlosen geschrieben steht: Sie sind in keiner Gefahr des Todes, sondern stehen fest wie ein Palast; sie sind nicht in Unglück wie andre Leute und werden nicht wie andre Menschen geplagt (Ps. 73, 4. 5). Die Angst und Bangigkeit deines Herzens, durch welche du in diesen Wassern hindurch mußt, sind nicht ein Zeichen davon, daß dich Gott verlassen hat; sie sollen vielmehr dazu dienen, dich zu prüfen, ob du der Güte gedenken werdest, womit Er dich bisher geleitet, und ob du in deiner Not auch dein Vertrauen auf Ihn allein setzest.“
Nun sah ich im Traum, daß +Christ+ hierüber eine Weile in Gedanken versunken war. +Hoffnungsvoll+ redete ihm weiter zu: „+Sei getrost! Jesus Christus macht dich gesund.+“ Da rief +Christ+ auf einmal mit lauter Stimme: „O ich sehe Ihn wieder! und Er versichert mir: +So du durch Wasser gehst, will Ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen+“ (Jes. 43, 2). Nun faßten sie beide wieder Mut, und der Feind verstummte, bis sie vollends hinüber waren. Sogleich spürte +Christ+ Boden unter sich, so daß er gewiß treten konnte, und es fand sich auch, daß der übrige Teil des Flusses seicht war. So erreichten sie glücklich das jenseitige Ufer.
Hier standen bereits jene beiden Männer in glänzendem Gewand, die ihrer warteten und sie freundlich begrüßten. „Wir sind dienstbare Geister,“ sagten sie, „ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit“ (Hebr. 1, 14). Und sie wandten sich miteinander der Pforte zu.
Nun lag aber die Stadt auf einem sehr hohen Berg; doch an der Seite der beiden Männer, die die Pilger am Arm führten, kamen sie ohne Mühe hinauf. Auch hatten sie das +Gewand der Sterblichkeit+ im Fluß abgestreift; denn ob sie schon damit angetan hineingegangen waren, kamen sie doch ohne dasselbe heraus. So ging es leicht und schnell aufwärts, wiewohl der Grund, auf dem die Stadt gebaut stand, höher war als die Wolken. Unter lieblichen Gesprächen schwebten sie durch die Luftregionen empor, voll Freude darüber, daß sie so glücklich durch den Strom gekommen waren und daß so herrliche Begleiter zu ihrem Dienst bereit waren.
Die Glänzenden sprachen mit ihnen von der himmlischen Stadt, ihrer unbeschreiblichen Schönheit und Pracht. „+Nun+,“ sagten sie, „+kommt ihr zu dem Berg Zion, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Menge vieler tausend Engel und zu den Geistern der vollendeten Gerechten+ (Hebr. 12, 22-24). Ihr werdet eingehen in das Paradies Gottes, den Baum des Lebens werdet ihr sehen und essen von seinen unvergänglichen Früchten (Offenb. 2, 7). Ihr werdet wandeln in weißen Kleidern (Offenb. 3, 4), ihr werdet den König sehen (Offenb. 22, 4) und bei Ihm wohnen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Was euch auf Erden bedrückte, wird nicht mehr sein, weder Trübsal noch Schmerz, weder Krankheit noch Tod; denn das Alte ist vergangen (Offenb. 21, 4). Ihr werdet die Patriarchen sehen: +Abraham+, +Isaak+ und +Jakob+, die Propheten und die Gerechten, welche Gott weggerafft vor dem zukünftigen Unglück, die nun in Wohnungen des Friedens ruhen[143].“