Pflanzenleben in Feld und Garten

Part 3

Chapter 33,556 wordsPublic domain

Ich möchte euch gern noch mehr von der Art und Weise erzählen, wie Pflanzen sich durch Dornen, Haare und Gift schützen, aber ihr müßt für euch allein Untersuchungen darüber anstellen.

Suche Sonnenwolfsmilch, Kuckuckslichtnelke, Sauerklee, Farnkraut, Distel und wilden Storchschnabel.

Lektion 10.

Feldblumen und Gartenblumen.

(Fünftes Vollbild.)

Nun wißt ihr, wie wilde Pflanzen wachsen, wie die Insekten helfen, sie zu befruchten, und wie sie sich gegen Feinde verteidigen, die ihre Blätter fressen oder ihren Honig stehlen möchten.

Wir wollen nun die Pflanzen in unseren Gärten betrachten und untersuchen, in wie weit sie den wilden auf dem Felde ähnlich sind. Alle Gartenpflanzen wachsen irgendwo wild. Wir haben sie in unsere Gärten gesetzt und ihre Blüten größer und farbenprächtiger gemacht. Einige davon wachsen noch wild in Deutschland, andere sind aus fremden Ländern gekommen.

Das Vergißmeinnicht am Gartenrande ist im großen und ganzen dasselbe, das wir draußen auf den Feldern finden. Das Schneeglöckchen wächst wild in manchen Teilen Deutschlands. Das hübsche blaue Immergrün mit den dunklen glänzenden Blättern ist sehr verbreitet. Das Tausendschönchen in unseren Blumengärten entstammt dem Gänseblümchen, das überall bei uns wächst. Das Geißblatt ist ebenso schön in den Hecken wie an dem Gitterwerk der Gartenpforte.

Aber die große purpurfarbige Waldrebe (~Clematis~) und die schönen, gelben und weißen Wucherblumen (~Chrysanthemum~), welche in so manchen Gärten blühen, stammen von auswärts. Die lieblichen gelben und violetten Stiefmütterchen, die den ganzen Sommer hindurch blühen, scheinen auf den ersten Blick zu großartig, als daß sie von wilden abstammen könnten. Aber man kann überall wilde pflücken, und wenn man die Blüte des Gartenstiefmütterchens ansieht, so wird man auf dem Fruchtknoten den sonderbaren Vogelkopf sehen, den wir beim Veilchen fanden. (Abbildung S. 41.)

Sicher habt ihr die gelbbraunen Primeln in eurem Garten. Anfangs glaubt man, daß nichts Ähnliches auf den Fluren zu finden ist. Aber wenn man eine Schlüsselblume pflückt und sie mit der Gartenprimel vergleicht, so wird man sehen, daß alle ihre Teile gleich sind. Denn die Gartenprimel war einst auch wild, und die Gärtner haben sie gedüngt und den besten Samen ausgesucht, bis sie ihre schönen Farben bekommen hat. Der Grund, weshalb Gartenblumen oft größer und schöner sind als wilde, ist der, daß die Pflanzen nicht so viele Mühe bei ihrer Ernährung nötig haben und nicht so viele Samen zu erzeugen brauchen. Der Gärtner setzt sie in guten Boden, pflegt sie und wählt die Samen der besten Blumen aus, um sie im nächsten Jahre zu säen.

Ihr könnt es ebenso machen, und obgleich man in einigen Jahren nicht viel fertig bringen kann, wird man doch für seine Mühe belohnt werden dadurch, daß man viel schönere Pflanzen erhält. Man muß die Pflanze beobachten, alle welken Blätter abpflücken, den Boden ordentlich hacken und düngen und ihn frei vom Unkraut halten. Dann muß man feststellen, welche Pflanzen die besten und glänzendsten Blüten haben. Nun bindet man einen Wollfaden um den Stengel dieser Blüten und wartet, bis ihre Samenkapseln reif sind, dann sammelt man deren Samen für die Aussaat im nächsten Jahre. In einigen Jahren wird man auf diese Weise weit bessere Blumen ziehen.

Die Nelken gehören zu den schönsten und lieblichsten unserer Gartenblumen. In unserer Heimat wachsen verschiedene Nelkenarten wild, und auch die Seite 38 abgebildete Kuckuckslichtnelke gehört zu dieser Familie.

Wenn man ihre Blüten mit denen der Nelke vergleicht, so wird man finden, daß beide schmale Blätter haben, die einander gegenüberstehen. Der Stamm ist an dem Gelenk, wo sie sitzen, verdickt. Sie haben einen langen, grünen Kelch mit Spitzen und fünf blaßrote oder weiße Blumenkronblätter, die am Rande gezähnt sind. Zehn Staubgefäße stehen im Innern und in ihrer Mitte ein großer Fruchtknoten mit zwei oder drei klebrigen Hörnern, die die Narbe bilden.

Nun suche eine reife Samenkapsel zu finden. Sie wird an der Spitze offen und nach dem Grunde zu ausgebuchtet sein wie eine Vase. Im Innern steht ein senkrechtes Säulchen, und um dieses herum liegen die Samen. Findest du alle diese Merkmale in einer Blüte vereinigt, so weißt du, daß sie zu den Nelkengewächsen gehört.

Vogelmiere, Sternblume, Lichtnelke, Seifenkraut, Kuckuckslichtnelke und wilde Nelke sind alle ohne Zweifel leicht in den Feldern und an den Hecken zu finden.

Aber ihr habt jedenfalls auch einige gefüllte Blumen in euren Gärten, z. B. Levkoien, Goldlack und Rosen. Diese haben sehr viele farbige Blumenkronblätter und kaum irgendwelche Staubgefäße und Fruchtknoten, manchmal überhaupt keine. Die Gärtner haben diese gefüllten Blumen dadurch hervorgebracht, daß sie die Blumen in sehr fetten Boden einpflanzten und die Samen derjenigen aussäten, welche am meisten Blumenkronblätter an Stelle der Staubgefäße hatten.

Wilde Pflanzen haben fast niemals gefüllte Blüten. Sie müssen sehr viel Samen hervorbringen. Wenn man eine Pflanze mit gefüllter Blüte in mageren Boden bringt und sie wild wachsen läßt, so wird sie bald wieder eine einfache Blüte treiben. Aber Gärtner brauchen schöne Blumen. So ziehen sie gefüllte Malven, Dahlien, Päonien und Primeln neben den einfachen.

Vergleiche die wilde und die Gartenrose, das wilde und das Gartenstiefmütterchen, Schlüsselblume und Primel, Nelke und Kuckuckslichtnelke.

Lektion 11.

Die Rosenblütler und ihre Früchte.

(Sechstes Vollbild.)

Im Juni steht die wilde Rose in Blüte. Es sieht sehr hübsch aus, wenn sie ihre rotweißen Blüten aus der Hecke hervorsteckt. Obwohl sie Dornen haben, kannst du es doch wohl fertig bringen, einen Zweig abzupflücken und ihn mit zur Schule zu nehmen. Wir wollen heute etwas von den Rosenblütlern lernen.

Ich wünsche, daß ihr eine Menge Blüten und Früchte aus Hecke und Garten außer der Rose mitbringt. Ihr erinnert euch, daß unsere besten +Gemüse+ aus der Familie der +Kreuzblütler+ stammen. Nun werdet ihr sehen, daß die Familie der +Rosenblütler+ uns die besten +Früchte+ liefert.

So holt also aus der Hecke einen wilden Rosenzweig. Es muß eine wilde Rose sein, denn, wie ihr euch erinnert, haben unsere Gartenrosen die meisten ihrer Staubgefäße in Blumenkronblätter verwandelt. Dann sucht, wenn möglich, einen Brombeerzweig mit einer Blüte und holt von dem Abhange eine wilde Erdbeerpflanze, möglichst eine mit Blüte und Frucht zugleich. Denn es gibt eine andere Pflanze, das Fingerkraut, das der Erdbeere so ähnlich ist, daß man es mit ihr verwechseln könnte, wenn keine Frucht dabei ist.

Dann hole aus eurem Garten eine Erdbeere, eine Himbeere, eine Kirsche und eine Pflaume, einen unreifen Apfel und eine Birne. Was für eine Menge das schon ist! Und doch könnten wir noch einen Pfirsich, eine Mispel, eine Quitte und eine Aprikose hinzufügen, denn alle diese Früchte gehören zu den Rosenblütlern. Ich glaube aber kaum, daß alle diese Früchte in eurem Garten wachsen. Laßt uns zuerst die Blüten betrachten. Ihr werdet sehen, daß die wilde Rose einen sehr tiefen, krugförmigen Blütenboden hat, um dessen Rand fünf grüne Kelchblätter mit langen Spitzen stehen.

Wenn es eine wilde Rose ist, so wird die Blumenkrone aus fünf hübschen hellroten Blättern gebildet. Sie stehen alle getrennt, so daß man sie einzeln aus dem grünen Kelch ziehen kann, ohne die anderen zu beschädigen. Wenn man sie alle abgepflückt hat, so findet man eine große Menge von Staubgefäßen, die auf dem Rande des grünen Blütenbodens wachsen.

Nun betrachte die Stempel. Ihre klebrigen Spitzen gucken aus dem Kelch hervor. Aber man muß den krugförmig vertieften Blütenboden aufreißen, wenn man nach ihnen sucht. Sie stehen alle einzeln, und jeder hat eine eigene klebrige Spitze, die Narbe.

Wir untersuchen jetzt die Blüte der Erdbeere; auch sie hat fünf grüne Kelchblätter, fünf weiße Blumenkronblätter und sehr viele Staubgefäße, gerade wie die Rose. Aber sie hat keinen vertieften Blütenboden. Ihre Stempel stehen auf einer kleinen Erhöhung zwischen den Kelchblättern. Allmählich wird diese Erhöhung schwellen und weich und saftig und süß werden, und die kleinen Samenkapseln stecken darin, wie Nadeln in einem Nadelkissen. Wenn man die kleine Frucht der Walderdbeere und die große der Gartenerdbeere ansieht, so wird man sie leicht erkennen. Die Leute nennen diese trocknen Kernchen oft „Samen“, aber es sind keine Samen, es sind winzige Samenkapseln, von denen jede einen Samen in sich trägt.

Nun kommen wir zur Blüte der Brombeere. Es ist bei ihr ebenso wie bei der Erdbeere: die Stempel wachsen auf einem erhöhten Blütenboden. Aber wenn die Frucht reif ist, wird man sehen, daß diese Erhöhung nicht größer geworden ist. Bei der Brombeere werden die Fruchtknoten selbst weich und wachsen zu kleinen Bällen heran, die voll von süßem Safte sind. Man kann sie voneinander trennen und wird in jedem einen Samen finden.

Bei der Himbeere ist es ebenso, nur ziehen sich die kleinen roten, saftigen Samenkapseln von der Erhöhung etwas zurück. So kann man sie wie eine Mütze von der weißen spitzen Erhöhung abziehen.

Und wie ist es nun mit den anderen Früchten? Im nächsten Frühling, wenn die Pflaumen und Kirschen blühen, wirst du sehen, daß sie dieselbe Art von Blüten haben wie die Rose. Aber jede Blüte enthält nur einen Fruchtknoten. Dieser wird nach außen hin saftig und behält im Innern um den Samen herum eine sehr harte Schale. Man ißt also die saftige Umhüllung, und muß die harte Schale zerknacken, ehe man an den Kern oder Samen kommen kann.

Der Apfel und die Birne geben uns ein Rätsel auf, bis man den Apfel quer durchschneidet. Dann sieht man die fünf kleinen Samenkapseln in Form eines Sternes inmitten der Frucht. Jede Samenkapsel hat ein oder zwei Kerne oder Samen und stellt das dar, was wir Kerngehäuse nennen. Der grüne Blütenboden ist dick und fleischig geworden und ganz um das Kernhaus herumgewachsen. Man kann die vertrockneten Spitzen der grünen Kelchblätter oben auf dem Apfel sehen. In der Apfelblüte liegen die Fruchtknoten getrennt; der vertiefte Blütenboden und der Kelch umschließen sie, und aus diesen wächst ein großer Apfel hervor.

Suche eine wilde Rose, einen blühenden Brombeerzweig, eine wilde blühende Erdbeere, einen Apfel, eine Birne, eine Pflaume, eine Kirsche, eine Himbeere und Gartenerdbeere.

Lektion 12.

Die Taubnessel und die Erbsenblüte.

Wenn die Biene auf der Suche nach Honig ist, so ist sie sehr froh, wenn sie die Taubnessel findet. Es ist ihr einerlei, ob die Pflanze weiße oder rote Blüten hat, denn sie ist sicher, daß, wenn vor ihr keine andere Biene dagewesen ist, sie Honig finden wird.

Es gibt Taubnesseln gewöhnlich in großer Menge, denn ihre Blätter haben keinen angenehmen Geschmack, und sie sehen den Brennesseln so ähnlich, daß nur wenige Tiere sie fressen.

Die wirkliche Nessel hat nur kleine grüne Blüten, während die Taubnessel ganze Büschel von roten oder weißen Blüten hat, die um den Stengel herumwachsen, immer über einem Paar von Blättern. Diese Blüten sind helmförmig und haben eine breite Unterlippe, die vorn herabhängt und eine tiefe Kerbe in der Mitte zeigt.

Der Stengel der Blume ist nicht rund wie der der meisten Pflanzen; er ist vierkantig. Hieran kann man sie stets von einer Brennessel unterscheiden, selbst wenn sie nicht blüht. Die runzeligen Blätter stehen einander gegenüber, und zwar die oberen gerade in den Lücken der unteren, wie wir in Lektion 2 gesehen haben.

Laßt uns nun die Blüte betrachten. Man nimmt dazu am besten eine weiße, da sie sehr groß ist. Fasse den Helm und ziehe leise daran. Er wird sich loslösen, so daß der grüne fünfzähnige Kelch zurückbleibt. Aber wahrscheinlich wirst du auch den langen fadenförmigen Griffel mit den 2 Narbenlappen mitgenommen haben, welcher auf dem Fruchtknoten wächst, denn er löst sich leicht los.

Trenne nun bei einer anderen Blüte den Helm sorgfältig auseinander. Du wirst auf dem Boden des Kelches den Fruchtknoten mit vier kleinen Samenanlagen finden, die wie Nüßchen aussehen, und in deren Mitte der lange fadenförmige Griffel aufwächst. Er hat als Narbe zwei Lappen.

Sieh jetzt in eine neue Blüte hinein. Du wirst vier Staubgefäße finden, die inmitten der hinteren Wand der Blütenröhre wachsen. Zwei von ihnen sind so lang, daß sie bis oben in die Oberlippe hinaufreichen. Wenn du die Oberlippe jetzt zurückschiebst, so sind die Lappen der Narbe von den Staubbeuteln umschlossen. Unten in der Röhre ist sehr viel Honig, aber kriechende Insekten können nicht hinzugelangen; denn ein dichter Saum von Haaren verhindert sie daran.

Aber wenn die Biene kommt, steckt sie ihren Rüssel durch die Haare hindurch, und wenn sie den Honig saugt, bürstet sie den Blütenstaub aus den Staubbeuteln. Dann fliegt sie zu einer anderen Blume und läßt ihn dort auf den Lappen der Narbe zurück. Es gibt sehr viele Pflanzen, die Lippenblüten haben wie die Taubnessel. Minze, Salbei, Melisse, Thymian, Pfefferminze, Lavendel, Rosmarin und der hübsche blaue und weiße Günsel in den Hecken gehören alle zu den Lippenblütlern. Man erkennt sie an dem vierkantigen Stengel, den gegenständigen Blättern und den Fruchtknoten mit den vier kleinen Samenanlagen.

Im Salbei bilden die Staubgefäße eine Art Schlagbaum. Die Biene stößt mit dem Kopfe gegen das untere Ende, und so kommt der volle Staubbeutel auf ihren Rücken zu liegen (s. S. 48).

Eine andere Pflanze, die die Biene sehr liebt, ist die Erbse. Auch da ist sie sicher, Honig zu finden. An einem schönen Morgen kann man die Bienen im Gemüsegarten um die Erbsen und Bohnen summen und ihren Kopf bald in diese, bald in jene Blüte stecken sehen.

Nimm eine Erbsenblüte und untersuche, wie sie es machen. Halte die Blüte vor dich hin. An ihrer Rückseite ist ein großes Blütenblatt mit einer tiefen Kerbe in der Mitte. Dieses steht wie eine Fahne in die Höhe, um der Biene zu zeigen, wo sie den Honig suchen soll. Deshalb wird es „Fahne“ genannt. Zwei kleinere Blütenblätter stehen zusammengefaltet gerade darunter. Diese heißen „Flügel“. Zwischen diesen sind zwei andere Blütenblätter, die wie das Vorderteil eines Bootes zusammengefügt sind; sie heißen „+Schiffchen+“.

Wenn man die Flügel erfaßt und sie sanft hinunterdrückt, so ziehen sie das Schiffchen mit hinunter. Dann wird man die Staubbeutel der zehn Staubgefäße sehen, sowie den klebrigen Schnabel der winzigen Erbsenschote. Sie waren vorher im Schiffchen verborgen.

Wenn du die Blüte zerlegst, so wirst du sehen, weshalb das Schiffchen hinunterging. An jedem Flügel ist eine Art Knopf, der in eine Höhlung in der Seite des Schiffchens hineinpaßt. Wenn die Biene sich auf den Flügeln niederläßt, so drückt sie dieselben durch ihr Gewicht hinunter. Die Flügel drängen ihrerseits das Schiffchen hinab, und die Staubbeutel schlagen gegen die Brust der Biene. Und so fliegt diese zur nächsten Blüte, bedeckt mit Blütenstaub.

Es gibt fast ebenso viele Schmetterlingsblütler -- so heißen die Pflanzen, die eine Blüte haben wie die Erbse --, als es Lippenblütler gibt. Der schöne gelbe Stechginster, der Klee und alle Wicken in den Hecken gehören zu dieser Familie. Jeder Kopf einer Kleeblüte besteht aus einer Menge von winzigen Blüten, die alle wie die der Erbse geformt sind.

Auch im Blumengarten haben wir den Goldregen und im Gemüsegarten Feuer- und Puffbohnen.

Untersuche Taubnessel, Minze, Thymian und Wiesensalbei. Beachte den sonderbaren schwingenden Staubbeutel des letzteren. Untersuche ferner die Blüten der Erbse, des Stechginsters, der Futterwicke und des Schotenklees.

Lektion 13.

Kletterpflanzen.

(Siebentes Vollbild.)

Wenn ihr die Augen offen haltet, so müßt ihr bemerkt haben, als ihr die Blüten der Erbse und der Stangenbohnen pflücktet, daß sie an Stangen emporklettern, die für sie eingesteckt werden. Aber vermutlich habt ihr nicht darüber nachgedacht, warum sie klettern und wie sie klettern.

Ihr wißt, daß sie zu einer wirren Masse auf den Boden fallen würden, wenn ihr die Stangen fort nähmet, denn Erbsen und Stangenbohnen haben schwache, dünne Stengel. Wenn sie auf dem Boden lägen, würden sie nicht genug Luft und Licht bekommen, und andere Pflanzen würden sie ersticken. So haben sie gelernt, an Stangen, an Hecken oder irgend etwas anderem, das sie finden, emporzuklettern, um Luft und Licht zu haben.

Das ist der Grund, weshalb sie klettern, und wir wollen nun untersuchen, wie sie klettern. Jede Kletterpflanze tut dies in anderer Weise.

Ihr werdet finden, daß an manchen Stellen der Erbsenpflanze, wo ein Blatt stehen sollte, ein kleiner geringelter grüner Faden ist, der sich an die Stange klammert wie ein Kind an den Finger der Mutter. Diese Fädchen heißen „Ranken“. Sie halten die Pflanzen in Licht und Luft und lassen die Blüten an solchen Stellen niederhängen, wo die Insekten sie finden können. Die Stangenbohne klettert in anderer Weise. Sie braucht dazu nicht die Blätter, sondern windet ihren ganzen Stamm um die Stangen.

Wenn ihr die Hecken betrachtet, so werdet ihr viele Kletterpflanzen finden, die die dichten Büsche benutzen, um ihre Blätter und Blüten darauf auszubreiten. Da ist z. B. die Clematis oder gemeine Waldrebe. Sie hat ihre Blätter nicht in Ranken verwandelt, noch benutzt sie ihren Stamm zum Klettern. Sie schlingt die Blattstiele fest um die Zweige, so daß die Blätter am Ende herausstehen. Ihre hübschen grünlichen Blüten sind auf diese Weise über die ganze Hecke ausgebreitet, und allmählich werden die am oberen Teile federartigen Samenkapseln wie der Bart eines alten Mannes herabhängen, gerade da, wo der Wind sie fassen kann, um sie fortzuwehen.

Ihr kennt doch wohl das kletternde Labkraut, welches überall an den Hecken wächst. Seine schmalen grünen Blätter stehen sternartig um den Stamm herum, und es hat sehr kleine weiße Blüten. Der Stamm, die Blätter und die Samenkapseln sind mit winzigen Häkchen übersät, so daß sie sich an der Hand festklammern, wenn man die Pflanze pflückt. Es ist eine sehr schwache Pflanze, aber sie klammert sich mit ihren Haken an anderen Gewächsen fest, die stärker sind, und richtet sich so auf.

Die Brombeere klettert in ähnlicher Weise, und die wilde Rose tut dies mit ihren Dornen. Etwas weiter an der Hecke hinunter findet ihr vielleicht den wilden Hopfen. Sein Stamm stirbt jedes Jahr ab und erneut sich im Frühling. Aber trotzdem bringt er es fertig, sich weit auszubreiten, denn er schlingt sich um Zweige und kleine Bäume, und alles, was er findet, bedeckt er mit seinen breiten herzförmigen Blättern. Ihr werdet von den Blüten des wilden Hopfens überrascht sein, denn Staubgefäße und Stempel wachsen auf verschiedenen Pflanzen.

Auch das zahme Geißblatt oder Jelängerjelieber schlingt seinen Stengel um eine Stütze, wie ihr an der Pforte oder am Staket gewiß schon bemerkt habt. Manchmal windet es sich so fest um einen jungen Zweig, daß dessen Wachstum an den Stellen, wo ihn das Geißblatt umschlungen hat, gehemmt wird. Und so entstehen an diesen Stellen Eindrücke, als wenn er mit einem Bande umwickelt worden wäre.

Dann gibt es hübsche Pflanzen, Wicken genannt, die Blüten haben, welche einer kleinen Erbsenblüte ähnlich sind. Sie klimmen an ihren Ranken überall hinauf. Ihr werdet sie ebenso leicht finden, wie die Winde, die alle möglichen Pflanzen umschlingt, selbst unsere Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche, und deshalb sehr sorgfältig ausgerodet werden muß. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob ihr eine sonderbare kleine Pflanze, die sogenannte Flachsseide, finden werdet. Ihr müßt sie an Flußufern, Gebüschen, Wegrändern suchen, wo sie über Weiden, Brennesseln, Klee und andere Pflanzen klettert. Sie hat nur einen dünnen, aber zähen Stamm, der Büschel von winzigen blaßroten Blüten trägt. Blätter hat sie überhaupt nicht. Wie kann sie also leben, da sie kein Mittel hat, um Nahrung zu bereiten? Sie windet sich um Brennessel, Weide oder Klee und sendet Wurzeln in deren Stämme hinein, um daraus die fertige Nahrung auszusaugen.

Die Weinrebe und der hübsche wilde Wein verwandeln ihre kleinen Zweige in Ranken, um emporklettern zu können. Sehr wahrscheinlich habt ihr wilden Wein, dessen Blätter im Herbste rot werden, an eurer Hausmauer. Zwei Arten desselben haben eine sonderbare Art zu klettern. Wenn die Ranken die Mauer berühren, werden ihre Spitzen rot und schwellen zu kleinen Kissen an. Diese halten so fest an der Mauer, daß man sie abreißen muß, wenn der Zweig schon verwelkt ist. Und endlich klettert der Efeu vermittels kleiner Wurzeln, die ganz am Stamm entlang wachsen.

Nun kennt ihr alle Kniffe, welche die Pflanzen zum Klettern gebrauchen. Sie klettern mit Häkchen, mit Ranken, mit Wurzeln und dadurch, daß sich die ganze Pflanze um ihre Stütze schlingt. Versucht nun, wie viele ihr davon finden könnt.

Suche ein Exemplar von jeder Art der Kletterpflanzen.

Lektion 14.

Wie die Pflanzen Nahrung aufspeichern.

Einige Pflanzen leben nur ein Jahr lang, andere zwei Jahre und wieder andere viele Jahre.

Habt ihr nicht bemerkt, daß ihr Reseda, Ringelblumen und Erbsen und Bohnen jedes Jahr frisch im Garten säen müßt? -- wenn ihr nicht die jungen Sprößlinge schützt, die aus heruntergefallenen Samen entstehen. Auf dem Felde wachsen Weizen und Hafer nur, bis ihre Körner reif sind, und sterben dann ab, wenn sie bis zum Beginn des Winters in der Erde gelassen werden.

In derselben Weise vergehen Vogelmiere, Mohn und unsere alte Freundin, das Hirtentäschelkraut, wenn ihre Samen reif sind. Diese Pflanzen gleichen den Leuten, die gerade genug verdienen, um von einem Tage zum anderen leben zu können, und nichts für das nächste Jahr ersparen.

Aber wenn ihr Bartnelken oder Glockenblumen im Sommer blühend haben wollt, so müßt ihr sie im Sommer vorher säen; denn diese Pflanzen blühen das erste Jahr nicht. Sie treiben in diesem nur die Wurzel und einen kurzen Stiel mit Blättern. Die Pflanze ist damit beschäftigt, Nahrung, wie Stärke, Zucker und gummiartige Stoffe, zu bereiten und diese in der Wurzel und im Stamm aufzuspeichern, so daß sie im nächsten Jahre zu einer kräftigen blühenden Blume heranwachsen kann.

Wenn sie dann geblüht und Samen erzeugt haben, sterben sie ab. Sie haben nur für ein kurzes Leben Nahrung aufgespeichert und können im folgenden Jahre nicht weiter wachsen. Fingerhut, Disteln und Petersilie wachsen in der gleichen Weise.

Endlich leben, wie ihr wißt, Schneeglöckchen, Krokus, Gänseblümchen, Schlüsselblumen und Dahlien viele Jahre lang; sie sterben im Herbst ab und treiben im Frühling wieder. Diese Pflanzen speichern Zucker und Stärke in der Wurzel oder in dem unteren Teil des Stammes oder der Blätter auf.

Einige derselben wachsen länger als zwei Jahre, ehe sie anfangen zu blühen. Sie sind den Leuten ähnlich, die Ersparnisse machen, wenn sie jung sind und stets weiter sparen, so daß sie immer etwas übrig haben.