Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band.

Part 9

Chapter 93,484 wordsPublic domain

»Mordbrenner!« das Wort zündete -- »haltet den Mordbrenner!« schrie Alles, und selbst das Feuer war in dem Augenblicke, über dem einen Gefühle der Rache vergessen; so schwach aber auch Krautsch sonst wohl im Arme des sehnigen Brenners gewesen wäre, eine so rasende Kraft gab ihm in diesem Augenblicke die Verzweiflung und Todesgefahr. -- Er packte den Brenner mit wüthender Gewalt und beiden Fäusten an der Kehle, preßte ihm diese so ein, daß der Mann seine Arme wohl auf einen Moment nachlassen _mußte_, schleuderte ihn dann rasch von sich ab, traf den nächsten auf ihn einspringenden Knecht so richtig mitten in's Gesicht, daß er ihn wie einen Ochsen zu Boden fällte, stieß den alten Thorwärter, der ihn in den Weg rennen wollte, bei Seite und verschwand im nächsten Augenblicke aus der schmalen Pforte hinaus in die dunkle Nacht.

»Das war der nichtsnutzige Mensch, der Krautsch,« rief der alte Thorwart, als er sich vom Boden wieder aufraffte -- »na wahre Dich, mein Bursche, das gedenk' ich Dir auch noch.«

»Krautsch?« sagte da der Brenner, der in diesem Augenblicke ebenfalls herbeisprang -- »ei, daß die mordbrennerische Bestie der böse Feind hole -- mich hat sie bald erwürgt.«

Einzelne der nachgesprungenen Knechte kehrten, die Verfolgung in solcher Dunkelheit gar bald als unnütz aufgebend, schon wieder zurück, während die meisten in dessen dem Orte zugesprungen waren, von dem der Feuerlärm hertönte.

In diesem Augenblicke kam, in seinen Mantel gehüllt, und unter diesem etwas im Arme tragend, der junge Poller aus dem herrschaftlichen Hause und ging rasch am Thorwärter vorbei.

»Nun, wohin jetzt noch?« frug dieser.

»Apotheke,« lautete die bündige Antwort, und der Gefragte verließ den Hof und verschwand nach derselben Richtung hin in der dunklen Nacht draußen, die der flüchtige Krautsch vor wenigen Minuten eingeschlagen hatte.

* * * * *

Nicht Alle hatten jedoch des Brandstifters Verfolgung so leicht aufgegeben, als die bald zurückkehrenden Dienstleute; einer der Brennerknechte, ein flüchtiger, gewandter Bursche, der gleich im Anfange seinem Herrn zu Hülfe gesprungen und nur wenige Secunden zu spät gekommen war, ließ sich selbst durch die Dunkelheit nicht abschrecken, und blieb dem Flüchtigen so dicht er konnte, ohne jedoch auch nur ein Wort zu sagen, oder einen einzigen Schrei auszustoßen, auf den Hacken, ja folgt ihm, er mochte nun links oder rechts, durch Garten oder Hofraum abspringen, manchmal unter dunklen Hecken hinlaufen, manchmal freie Grasplätze überfliegen, still und unverdrossen wie sein Schatten.

Krautsch, der im Anfang schon geglaubt hatte, allen Feinden glücklich entgangen zu sein, blieb einen Augenblick stehen, um auszuruhen und zurückzuhorchen, als er dicht hinter sich die rasch nahenden Schritte hörte. Im Nu nahm er die Flucht wieder auf, dem stillen Verfolger aber entging er nicht; so oft er auch -- jetzt in immer wachsender Angst -- einen Vorsprung zu gewinnen glaubte, so hielt jener mit ihm stets gleiche Entfernung, ja es kam ihm sogar so vor, als ob er ihm bei ebenem, geraden Wege gar näher und näher rücke. Er verließ deshalb die Richtung, die ihm dem verabredeten Rendezvous entgegenführte, sprang über eine niedere Mauer, floh durch einen Obstgarten und erreichte einen schmalen Streifen Feld, der zwischen dem Dorfe und einer dort errichteten Windmühle lag -- der Brennknecht that dasselbe -- er wechselte in das Dorf zurück -- sein Verfolger ebenfalls, und Krautsch fing schon an, in abergläubischer Furcht den unerbittlichen Verfolger für irgend ein überirdisches Wesen zu halten, das ihm in der Art sein ganzes Leben lang auf den Fersen bleiben, und rastlos von Ort zu Ort weiter jagen solle und werde. Er fühlte endlich, wie ihn, durch Angst und Anstrengung erschöpft, die Kräfte verließen und daß er, wenn er nicht auf eine List sinne, und sein Feind wirklich ein Mensch von Fleisch und Blut sei, rettungslos in dessen Hände fallen müsse. Durch öfteres Abdrehen war es ihm jetzt wenigstens für einen Moment gelungen, dem Verfolger aus den Augen zu kommen, wenn er auch auf dem gefrorenen Grunde die Schritte noch deutlich genug hören konnte, zu gleicher Zeit sah er, wie hier und da aus dem Dorfe Einzelne dem Hofe zuliefen, da die Nachricht, es sei Feuer im Gute unten, sich mit Blitzesschnelle im Dorfe verbreitet hatte. Das letzte Mittel also wagend, sprang er, gerade als ein junger Bursche den Weg vor ihm hinabgelaufen war, rasch über die Hecke, die ihn von der breiten Straße jetzt trennte, kroch hier einige Schritte rechts ab hinter einige Haufen Steine, und blieb hier mit klopfendem Herzen, aber regungslos liegen.

Kaum zehn Secunden später folgte ihm mit gewandtem Satz und noch immer unermüdeten Gliedern der Brennknecht, blieb an der Hecke einen Augenblick stehen und schlug sich dann, den eben vorbeigelaufenen Bauerburschen, da er Niemand weiter sah, für den Verfolgten haltend, links ab, diesem nach. Allerdings entdeckte er seinen Irrthum sehr bald, Krautsch hatte aber auch die wenigen ihm vergönnten Minuten so vortrefflich benutzt, daß er seinen Feind jedenfalls von der Fährte brachte. Dieser suchte wohl eine Viertelstunde mit unermüdlichem Eifer zwischen den benachbarten Hecken und Gräben herum, doch vergebens, der Brandstifter blieb verschwunden und der Brennknecht kehrte erschöpft, trotz der bitteren Kälte durch und durch in Schweiß gebadet, nach dem Gute zurück, wo man indeß des Feuers ziemlich Herr geworden zu sein schien.

Sobald sich Krautsch, wenigstens von dieser Seite aus, sicher wußte -- und eine wahre Felsenlast war ihm dadurch vom Herzen genommen -- schlug er wieder die früher beabsichtigte Richtung, dem Orte zu, ein, wo er seinen Verbündeten treffen sollte. Durch diese hartnäckige Verfolgung war er aber entsetzlich aufgehalten worden, und wenn er sich jetzt auch mit allen Kräften abmühte, recht rasch vorwärts zu kommen, fühlte er sich doch so erschöpft und abgemattet, daß er die Glieder kaum regen und die Beine heben konnte. Nichtsdestoweniger zögerte er keinen Augenblick mehr, das Versäumte nachzuholen, und wunderte sich nur fortwährend, die Lohe noch nicht aus den Scheunen herausschlagen zu sehen, da er den Feuerlärm unten doch mit eigenen Ohren vernommen.

Endlich erreichte er das Holz und, hier mit Weg und Steg genau bekannt, auch den schmalen Fußpfad, der ihn gerade bis dicht zur verabredeten Stelle führen mußte. -- Er blieb ein paar Mal stehen, hielt sich, um nur nicht umzusinken vor Mattigkeit an die nächsten Bäume an und sah jetzt die kleine, etwa hundert Schritt im Durchschnitt haltende Waldwiese, in der, gleich am Rande, die Blutbuche stand, und wo ihn Poller, falls er eher eintreffen sollte als er, erwarten sollte.

* * * * *

An dem nämlichen Abende war der alte Holke, wie man ja auch dem Boten in der Försterwohnung gesagt, mit einem von seinen Zeichenschlägern in den Wald gegangen, um einem Wilddiebe, dessen Schlichen er erst in letzter Zeit auf die Spur gekommen, nachzuspüren. Der mußte aber wohl von irgend einem guten Freunde Nachricht erhalten haben, oder es war ihm die Nacht zu kalt und dunkel gewesen, kurz, trotz der sehr bestimmten Anzeige, daß er jedenfalls in der und der Zeit an einer gewissen Stelle im Walde zu finden sein würde, ließ er sich gar nicht sehen, und Holke kehrte eben ziemlich mißmuthig und durchfroren mit seinem Begleiter nach Horneck zurück, als sie plötzlich Beide gar nicht weit entfernt und zweimal hintereinander einen Pfiff -- jedenfalls als Signal, hörten.

Die beiden Männer standen wie in den Boden gewurzelt und lauschten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem bedeutungsvollen Ton. -- Einige Secunden Ruhe und der Pfiff wurde wiederholt.

»Das ist er ganz bestimmt,« flüsterte Holke und faßte des Holzschlägers Arm -- »ruhig jetzt, Schmidt -- ich will den Schuft abwarten, vielleicht geht er in die Falle.« Er antwortete vorsichtig und horchte dann wieder mit angehaltenem Athem.

Noch einmal tönte das Zeichen und dann kamen ziemlich schwere Schritte langsam und, allem Anschein nach, jedes Geräusch vermeidend, näher.

»Jetzt aufgepaßt,« zischte der Jäger, nahm die Flinte in die linke Hand, um sie im schlimmsten Falle bereit zu haben, und machte sich mit dem Holzschläger zum Ansprung fertig.

* * * * *

Krautsch blieb, als er den helleren Fleck der Wiese zu seiner Linken sah und an dem Fußpfad genau die Blutbuche erkannte, einen Augenblick stehen -- es war ihm, als ob er Schritte im Laube höre. Das mußte jedenfalls sein Verbündeter sein, denn der konnte, nach all dem Aufenthalt, den er selbst gehabt, den Platz schon recht gut vor einer Viertelstunde erreicht haben; es fing ihn aber jetzt, durch das langsamere Gehen und nach der früheren Erhitzung, doch an zu frieren, und er gab deshalb rasch, immer aber noch vorsichtig im dunklen Schatten der Bäume bleibend, das verabredete Zeichen. -- Er pfiff zweimal leise und wartete dann auf Antwort.

Alles todtenstill. -- Poller mußte wahrhaftig doch schon da sein. Er wiederholte den Pfiff und diesmal etwas lauter, und gar nicht weit wurde er, jedoch nicht dicht neben der Buche, sondern wohl zwanzig Schritte davon entfernt, beantwortet. Krautsch ging rasch auf die Richtung zu, pfiff, um sich als den Rechten zu legitimiren, noch einmal und sagte dann, als er den Platz glaubte erreicht zu haben, mit leiser, vorsichtiger Stimme:

»_Poller_ -- Poller -- bist De do?«

»Ja,« lautete nach einigem Zögern die eben so leise Antwort -- »wer ist's?«

»Krautsch -- hast De's?«

»Ja -- komm!«

»Herr Je,« lachte der Bauer mit unterdrücktem Jauchzen, »nu aber dusemang nach Amerika,« und er trat mit den Worten auf den kleinen dunklen Busch zu, stürzte aber auch in demselben Moment mit dem Schreckensrufe »alle guten Geister!« auf die Knie nieder, denn zwei wilde Gestalten fuhren mit Blitzesschnelle auf ihn zu, faßten ihn und warfen den Überwundenen zu Boden nieder.

»Schuft!« rief zu gleicher Zeit der alte Holke -- der Eine von diesen Beiden -- und knüpfte dabei seine Hundeleine von der Jagdtasche los, den Ertappten, im Falle es nöthig sein sollte, damit zu binden -- »was hast Du wieder hier im Schilde geführt, Du Lump Du, willst Du gleich gestehen, oder Dich soll ein Himmelsackerment in den Erdboden hineinschlagen!«

Krautsch, der im ersten Schreck wirklich geglaubt hatte, sein früherer unheimlicher Verfolger sei unbemerkt sogar bis hierher gekommen und halte ihn nun in den Klauen, fühlte, wie ihm das Herzblut sogar in den Adern stockte, und glaubte sich rettungslos verloren. Als er aber gleich darauf Stimme und Angesicht des alten Jägers erkannte, der ihn wahrscheinlich Wilddiebstahls wegen in Verdacht hatte, und nun, da er ja doch keine Flinte bei sich führe, leicht zu befriedigen sein würde, auch von dem Brande im Schlosse noch gar nichts wissen konnte, kehrte ihm der Muth etwas wieder.

Er protestirte vor allen Dingen gegen eine solche Behandlung, frug, weshalb er räuberischer Weise im Walde angefallen würde, und verlangte freigelassen zu werden, da er nicht gewilddiebt, ja nicht einmal ein Gewehr bei sich habe. Der alte Holke hatte aber zu viel Ursache, diesen Burschen zu hassen, um nicht hier, wo wirklich Grund zum Verdacht vorlag, die Gelegenheit zu benutzen, seine Rache an ihm in etwas zu kühlen. Ueberdies waren die Worte, die er beim ersten Begegnen gesprochen, jedenfalls bedeutungsvoll. -- Weshalb erwartete er, hier draußen mitten im Wald und zu so später Stunde Einen der beiden Poller hier zu finden -- und »jetzt nach Amerika?« -- das verlangte eine nähere Erklärung, Krautsch blieb aber hartnäckig dabei, er wisse von Nichts -- er habe keinen Menschen hier treffen wollen, sondern nur seinen Heimweg verfehlt; von Amerika etwas gesagt zu haben, könne er sich nicht erinnern und verlange allen Ernstes freigelassen zu werden.

Das Leugnen machte ihn natürlich noch verdächtiger, und Holke wollte eben daran gehen, ihm die Hände zu binden, als Krautsch noch einmal Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen suchte -- matt und erschöpft aber, wie er war, konnte er gegen die beiden Männer, und der eine von diesen war ein junger rüstiger Holzschläger mit wahrhaft riesigen Fäusten, nichts ausrichten -- er wurde übermannt, gebunden und jetzt aufgefordert, sich ruhig in sein Schicksal zu ergeben, und dem Jäger mit in das Gut hinein zu folgen.

Als Krautsch nun sah, daß er weder mit Leugnen, noch mit Widerstand etwas ausrichten könne, und der Jäger wirklich im Begriff sei, seine Drohung wahr zu machen, da verließ ihn endlich der starre, freche Muth, welcher bis jetzt alle seine Handlungen und sein ganzes Wesen bezeichnet hatte, er sank in die Knie nieder und bat den »Herrn Förster« um Gottes und des Heilands Willen, ihn nur heute Abend nicht mit aufs Schloß zu nehmen, sondern heim zu seinen Kindern, zu seiner Frau gehn zu lassen -- sie wären krank zu Hause -- eines liege im Sterben -- ach nur dies eine und einzige Mal Gnade, und er wolle nie in seinem ganzen Leben wieder eine Flinte anrühren, oder ein böses Wort gegen einen Jäger sagen.

Alles vergebens, hier bei _den_ Männern hatte er kein Erbarmen zu hoffen, und Bitten wie Thränen, denn der rohe Geselle heulte endlich in wilder Angst und Verzweiflung, blieben gleich erfolglos. Hätte er nichts verbrochen, so brauche er sich auch nicht zu scheuen, die halbe Stunde Wegs mitzugehn, und _hätte_ er etwas verübt, denn die Flinte könnte er immer irgendwo versteckt haben, ei dann möge er sich jetzt auch auf die Folgen gefaßt machen, denn heraus bekämen sie's, es möge gewesen sein, was es wolle.

Krautsch, der hier auf für ihn so unselige Weise dem Jäger, seinem Todtfeind, in die Hände gefallen war, mußte den beiden Männern nach dem Gute hinunter folgen, und der Verbrecher wußte was ihn erwarte, wenn ihm Gerechtigkeit würde.

Zehntes Kapitel.

Der Letzte der Strohwische.

Ich habe übrigens einen unserer alten Bekannten fast zu lange unbeachtet gelassen, und es wird Zeit, daß ich ihn dem Leser noch einmal vorführe. Allerdings trägt Feodor Strohwisch dabei selbst großentheils die Schuld, denn als all' die Bewohner der Residenz mit ihren langweiligen Kaffeeklatschen und Theevisiten vor den rauhen Nordstürmen zurück in die wärmeren Mauern der Städte gezogen waren, blieb Feodor -- wie ein flügellahmer Kranich am fernen Gestade -- einsam in Horneck zurück und »büffelte«, wie er es selbst poetisch nannte, an einem Bande humoristischer Gedichte, die er bei seiner Rückkehr nach der Stadt »unterzubringen« dachte. So wenig er aber auch im Sommer gearbeitet, so fleißig schien er jetzt zu sein, wo ihn auch die holden Töne von oben nicht mehr störten (denn Anna Schütte war schon wieder der Schrecken aller der Bewohner der Residenz geworden, die einmal gehofft hatten, einen Nachmittag ungestört allein sein zu können) und das kalte Wetter ihn überdies in sein Zimmer bannte. Die poetischen Funken flossen ihm ordentlich elektrisch aus der Feder, und seine Gedichte mußten in der That humoristisch sein, wenn sein eigenes Urtheil nämlich auch nur im mindesten dabei angeschlagen werden konnte.

Feodor Strohwisch hatte nämlich die Eigenheit, sich jedesmal, wenn er einen Vers gemacht, denselben fünf oder sechs Mal hinter einander vorzulesen, und hatte darüber mehrere Male so gelacht, daß die Wirthsleute erschrocken in das Zimmer gestürzt waren, um zu sehen, ob ihrem Miethsmann vielleicht gar ein Unglück zugestoßen sei.

An diesem nämlichen Tage nun beendete Feodor wirklich das zu einem vollständigen Bande nöthige Gedicht, schrieb es sauber ab, legte es in seine Mappe und that, mit dem darüber auf's Aeußerste erstaunten Puppenkopf im Arme, drei von donnernden Hurrah's begleitete Freudensprünge. An dem nämlichen Abende lud er den Apotheker, den Schulmeister -- der sich jedoch entschuldigte -- den Gemeindevorstand und ein paar der reichsten Bauern in die Schenke ein -- nicht etwa, um dort mit prosaischen Victualien ihre Magen zu überladen, nein, um ihnen bei einem Glas Bier -- das sich die Bauern nicht nehmen ließen, abwechselnd für ihn zu bezahlen, was er aber in seiner Zerstreuung gar nicht bemerkte -- seine unsterblichen Gedichte vorzulesen und sie theils zu stürmischem Beifall hinzureißen, theils ihre Lachmuskeln (ich glaube, dieselben Muskeln benutzt die wirthschaftlich waltende Natur auch zum Gähnen) bis zum Zerspringen anzustrengen.

Die kleine Gruppe, zu der sich noch ein paar zufällig dort durchpassirende Grünberger Weinreisende gesellt hatten, saß oben im »grünen Zimmer« bei einer ziemlich unbestimmten Anzahl von »Krügeln Bier« um einen großen runden Tisch herum, und Strohwisch, vor dem ein ganzer Haufen Papiere lag, führte das Präsidium mit Autorität.

»Meine Herren!« rief er nach einer kleinen Pause, in der er ebenfalls einen Toast in Versen auf den »Nährstand« ausgebracht -- »meine Herren -- aber nur nicht zu sehr dem Ernst sich hingegeben, nur die Humoristik nicht aus den Augen gelassen -- es giebt im Menschenleben Augenblicke, wo man dem Schicksal näher ist als sonst, und eine Frage frei hat an die Götter -- sie antworten Einem aber nicht -- hahahahahaha.«

Der Schneider lächelte ebenfalls etwas dünn, die anderen saßen aber ziemlich verlegen um den Tisch her, lächelten nur, und hätten vielleicht sonst was darum gegeben, zu wissen, um was es sich hier eigentlich handele, bis endlich der Gemeindevorstand, der sich nun endlich doch überzeugt hatte, daß das jedenfalls ein Witz gewesen sein mußte, ganz urplötzlich, und zwar mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt, laut herausplatzte.

»Einige famose Gedichte habe ich hier, meine Herren,« sagte Strohwisch jetzt, der den allgemeinen Tumult benutzt hatte, seines Nachbars Bier auszutrinken, worüber nachher ebenfalls wieder gelacht wurde -- »meine Herren -- ich bitte Sie um Gotteswillen, keinen solchen Spektakel zu machen -- bedenken Sie -- meine Herren -- daß wir mit solchen Ausbrüchen jugendlicher Begeisterung Tageslicht verbrennen. -- Also Sie erlauben mir vielleicht, meine Herren, daß ich Ihnen einen kurzen Bischofsextract aus diesem >Wust der Wüste<, aus diesem Chaos literarischen Geistes herauswüste -- hier ist ein famoses, epigrammatisch gehaltenes Sinngedicht, was ein _sehr_ guter Freund von mir einmal in einer heiteren Stunde gemacht hat -- hören Sie mir aufmerksam zu. -- Diese einzelnen kleinen Sachen sind übrigens, wie ich Ihnen hier vorher bemerken möchte, ebenfalls so -- so unbedeutend sie Ihnen auch auf den ersten Anblick scheinen mögen -- von einem sehr berühmten Componisten, Herrn Schultze, in Musik gesetzt, ich -- nein ich habe es wohl nicht bei mir -- das schadet Nichts, ich werde Ihnen nachher einmal die Melodie nur ganz kurz vorsingen. Also -- mein Freund schreibt:[1]

[1]: Die nachfolgenden Verse habe ich der interessanten Sammlung »humoristische Mondlichter« von Theodor Drobisch entnommen.

Der Gutsherr starb und der Amtmann Schrieb in das Dorf: Legt Trauer an! Da schrie der ganze Bauernchor: Hurra! jetzt kommen wir in Flor!

Hahahaha.«

Die Umsitzenden stimmten in das Gelächter ein und Feodor wandte sich erläuternd an sie.

»Ich muß nämlich, meine Herren, hier mit Ihrer Erlaubniß eine kurze Bemerkung einflechten -- diese Gedichte sind, wohlverstanden, alle unter dem belebenden Einfluß der frischen herrlichen Landluft, der freien Berge niedergeschrieben -- mein Freund hält sich den Sommer hindurch gewöhnlich auf dem Lande auf -- hahaha -- also weiter:

Brennt doch die Gaslaternen an, Rief höchst ergrimmt ein Bettelmann, Daß man -- zum Betteln sehen kann!«

»Hahahahaha« -- lachte der dankbare Chor.

»Weil Siegellack so spröde ist, So nimmt man jetzt Oblaten Zu Liebesbriefen, daß sie gleich: _Du bist geleimt_! verrathen.

Wär Michels Kopf so spitz, Wie seiner Mutter Zunge, Dann wäre er fürwahr Ein grundgescheiter Junge.

Wie kommt's, daß Veit so trocken ist, Dies könnt Ihr nicht errathen? Er brauchte nicht, so wie wir Beid', Zu schwimmen und zu waten.

Wie? Clara, diesen kargen Fant Zum Mann? -- Mein Herz ist ganz beklommen; Sie wollt' längst einen Knicker haben Und -- hat ihn endlich doch bekommen.«

Die Meisten lachten über die Verse, der Schuster aber, der wenig Sinn für Poesie hatte, sagte:

»Ei, so laßt das langweilige Gereime endlich einmal sein -- Donnerwetter -- erzählt uns ein paar von Eueren komischen Geschichten -- die sind viel mehr werth. --«

»Schuster, Schuster,« warnte ihn Feodor -- »gefährlich ist's den Leu zu wecken, gar grimmig ist des Tigers Zahn, doch ach, das schrecklichste der Schrecken, das ist ein Schuster in seinem Wahn.«

»Hahahahaha --« lachten die Uebrigen, Feodor aber seinen Sieg mit raschem Feldherrnblick überschauend und verfolgend, fuhr fort:

Die Schuster sollte Gott Merkur Mit Ehr und Ruhm bedecken, Weil es ihr Handwerk mit sich bringt, Den _Absatz_ zu bezwecken.

Strohwisch feierte einen glänzenden Triumph, der Schuster war, unter einem wahren Sturm von Applaus, vollständig vernichtet, und mußte, wollte er nicht ganz zu Grunde gehn, selbst mitlachen.

»Aber nu auch 'was erzählen,« sagte er endlich, als ob damit sein früherer Angriff vollkommen gesühnt sein müßte, »keene Versche mehr.«

»Ja, was erzählen, was erzählen!« riefen die Umsitzenden, und Einer des Gemeindevorstandes setzte hinzu:

»Was von's Deater, das kennt' er so schiane.«

»Ja, was von's Deater, was von's Deater,« stimmte der Chor ein.

»Hm, hm,« räusperte sich Feodor, und klappte vor allen Dingen einmal den Deckel seines leeren Kruges, wie ganz in Gedanken, an das Glas an -- seine Zuhörer aufmerksam zu machen, daß es »am Besten« mangele. Der Wink blieb dann auch nicht unbeachtet -- Einer der Bauern winkte mit einem -- »holla Annegrethe« -- das flinke Schenkmädchen herbei und sagte dann, über die Anderen hinüberrufend und auf Strohwisch zeigend:

»Geiht den Minschen do emol ä Glas Bier uf meene Kreide -- verschtanden?«

Das Mädchen nickte lächelnd mit dem Kopfe und führte den Befehl rasch aus, Feodor aber, das eben erhaltene Glas erst einmal wohlgefällig gegen das Licht hebend, that einen langen, kräftigen Zug, wischte sich den Mund, worüber die ihm aufmerksam zuschauenden Bauern ebenfalls wieder lachten, und begann:

»Ihr wißt, daß ich früher sehr befreundet mit dem berühmten Devrient war« (allerdings hätte sich wohl Keiner der Anwesenden darüber können eidlich vernehmen lassen, um aber die erwarteten Anekdoten nicht aufzuhalten, nickten die Meisten schweigend mit dem Kopfe, als ob das eine allbekannte, sich von selbst verstehende Sache sei) -- »also,« fuhr Feodor fort -- »Devrient war ein verfluchter Kerl, Champagner immer die Hülle und Fülle -- und auch immer Geld dazu, zu was Anderem aber gar Nichts -- nicht die Probe -- die Ellbogen sahen ihm manchmal zum Fenster heraus, aber den letzten Thaler wandte er an ächten Sillery oder Burgunder.«

»Sellerie?« frugen die Zuhörer erstaunt.