Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band.
Part 10
»Sillery,« berichtigte Feodor -- »der Name eines famosen Champagners -- hätten wir ein Glas davon -- also, wo war ich stehen geblieben -- ja. -- Ich und Devrient saßen also auch einmal Abends in der Kneipe zusammen, denn er konnte gar nicht ohne mich sein, und sagte immer, es fehle ihm sogar etwas, wenn er Morgens aufwache und mich nicht da sehe -- und Devrient, der das eine Bein unter dem Tische vorstreckt und den Fuß in die Höhe hebt, zeigt mir das höchst zweideutige Oberleder und die abgelaufenen Sohlen und versichert mich im Vertrauen, kein Schuster wolle ihm mehr auf Credit arbeiten, und er werde, wenn ihn nicht ein glücklicher Einfall oder ein >Pump< zu ein paar neuen Stiefeln verhelfe, nächstens barfuß gehen müssen. Geld hatt' ich nie -- von einem >Pump< konnte also bei mir auch gar nicht die Rede sein -- aber einen >glücklichen Einfall< -- das schlug in mein Fach -- dafür war ich humoristischer Schriftsteller, einen Augenblick saß ich nur, stützte den Kopf auf den Tisch und dachte nach -- dann streckte ich auf einmal die Hand gegen ihn aus und rief: »Topp!« Er sah mich ganz erstaunt an, und wußte gar nicht, was es zu bedeuten habe -- ich riß ihn aber bald aus seinen Zweifeln. -- >Devrient,< sagt ich -- >Du sollst ein paar Stiefeln haben -- straf mich Dieser und Jener -- Du sollst sie haben!< >aber wie?< >gleichviel, Du kriegst sie< rief ich, nahm ihn unter den Arm führte ihn auf die Straße und theilte ihm hier mit wenigen Worten meinen Plan mit -- er war entzückt davon -- >Strohwisch!< rief er, >das werd ich Dir nie vergessen, das ist famos und wird ein capitaler Spaß.<«
»Aber wie war's denn?« frug der Schuster neugierig, zu erfahren, wie es die beiden »liederlichen Stricke«, wie er sie nannte, gemacht hätten, um einen seiner armen Collegen hinters Licht zu führen.
»Werdet's gleich erfahren,« fuhr der Humoristiker fort -- »Devrient beendete nämlich an demselben Tage sein Gastspiel in Wien, und verließ die Stadt am nächsten Morgen -- darauf war mein Plan gebaut. Abends spät schickte er zu einem der berühmtesten Schuhmacher der Residenz und läßt diesen auffordern, mit einigen paar Stiefeln zu ihm zu kommen -- der Meister erscheint augenblicklich und bringt einen Gesellen und sechs paar prachtvolle Stiefeln mit. Devrient lacht das Herz im Leibe, er läßt sich aber Nichts merken und probirt die Stiefeln an. Ein Paar paßt vorzüglich -- nur der linke drückt etwas auf dem Ballen -- ließe sich das wohl ändern? -- Oh versteht sich -- nichts leichter als das -- nur die Nacht auf den Leisten stehn -- gut -- der Preis? -- doch gleichviel, wir werden schon einig darüber werden. Der Meister ist entzückt -- läßt den einen Stiefel da und rennt spornstreichs zu Hause, den anderen auf den Leisten zu schlagen. Was thut Devrient indessen, -- der schickt nach einem anderen Stiefelleur und --«
»Ah --« schrie der Schuster und zeigte lachend mit dem Finger auf den verblüfft ihn ansehenden Strohwisch -- »das ist eine alte Geschichte, die stand vor drei Jahren im Pirna'schen Kalender -- die hab' ich selber zu Hause.«
»Im Pirna'schen Kalender?« frug Strohwisch entrüstet.
»Ja ja ja,« lachte der Schuster -- »beim Monat März, aber der Schauspieler hieß nich Defrieng und es war auch gar kein Schauspieler, sondern ein Sänger.«
»Dieser verwünschte Redacteur des Pirna'schen Kalenders,« sagte Strohwisch, und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch -- »man sollte doch wahrhaftig seinem besten Freund -- seinem eigenen Bruder bald nicht mehr trauen.«
»Aber was ist denn?« frugen ihn die Weinreisenden und übrigen Gäste erstaunt -- »was war denn?«
»Bin ich vor ein paar Jahren in Pirna,« erzählte Strohwisch, und seine Stirn hatte so viele Falten, wie der Rock einer Altenburger Bäuerin -- »und komm da mit diesem Redacteur, dem Herausgeber des Kalenders, zusammen. Wir sind auch Abends heiter mit einander, und plaudern und erzählen Geschichten, und ich gutmüthiger Thor erzähle dem Menschen auch die Anekdote von meinem Freunde Devrient, und jetzt setzt sie mir der schändliche Kerl in seinen Kalender -- nein das ist niederträchtig.«
Das Glas war wieder leer geworden und um den niederklappenden Deckel zu beschwichtigen, beschwor Einer vom Gemeindevorstand ein »neies Deppchen« herauf.
»Nun, erzählen Sie doch die Geschichte aus!« rief da Einer, der den Pirna'schen Kalender noch nicht gelesen hatte.
»Ah was,« sagte aber Strohwisch ärgerlich -- »wenn einem der Stoff so förmlich weg_gestohlen_ wird.«
»Nu, denn was anderes,« ermunterte ihn einer der Grünberger -- »irgend etwas anderes, Herr Doctor, Sie stecken ja voll davon.«
»Nun, meinetwegen,« tröstete sich Strohwisch, und sprach dem neugekommenen Biere, um vieles getröstet, wieder zu -- »also hier kommts.«
»Sie haben doch von dem berühmten Schauspieler Rott gehört -- es ist das einer meiner intimsten Bekannten und ich bin viele fröhliche Abende mit ihm zusammen gewesen. Rott trank so gern Malvoisier -- doch das gehört nicht hierher -- also Rott gastirte einmal in Wien, wo ich damals Dramaturg am Burgtheater war, und hatte sich zu seiner Haupt- und Glanzrolle ein Ritterschauspiel, >die blutige Rache< hieß es, ausersehn, in dem er besonders auf eine Scene und einen Kraftmonolog seine ganze Hoffnung baute. Es war dies die folgende:
»Er, als Heldenvater, hatte eine Tochter, die mit dem Sohn seines ärgsten Todtfeindes einen Herzensbund geschlossen. Dieser entführt die Jungfrau bei Nacht und Nebel durch einen unterirdischen Gang. Kaum sind sie aber hindurch, so kommt er, der Ritter, wüthend und außer sich in das Gewölbe gestürzt, und trifft hier einen seiner Pagen, der ihm in Angst entgegenruft:
>Sie flohen durch den unterird'schen Gang.<«
Der Schuster, dem das ungemein komisch vorkommen mochte, lachte laut auf -- Strohwisch sah ihn von der Seite und zwar durch das Glas, das er eben zum Munde führte, an, und fuhr fort:
»Ihnen nach!« donnert da mit seiner Riesenstimme der Ritter.
»Sie haben Pferde, Herr!« flehte der Knappe.
»Was, Pferde!« ruft aber jener -- »wenn sie nicht Flügel haben --
Die sie empor zu Duft und Wolken tragen, So findet sie dies wackre Schwert -- und dann, Ha Dagobert, dann wehe Dir -- die Schrecken Der ganzen Hölle, die ein finstrer Geist In mondenlangem Wahnsinn nicht im Stande, Nicht fähig wäre, nur zu überdenken, Die will ich Dir in furchtbar grimmer Lust So Schlag auf Schlag auf Deine Seele häufen, Daß dieser Qualen Last -- u. s. w.«
»So etwa lautete der Monolog und hier concentrirte sich der Glanzpunkt des ganzen Stückes, denn diese Kraftrede mußte von fabelhafter Wirkung sein. In der Probe wurde deshalb auch besonderer Fleiß auf die Einstudirung der so bedeutenden Scene verwandt. Nur _eine_ Schwierigkeit fand man in der Rolle des Pagen oder Dieners, den ein blutjunger, und durch das viele auf ihn Einreden eher noch verdutzter gemachter Anfänger gab. Er zeigte sich wenigstens die ersten Male sehr ängstlich, und konnte nur durch ziemlich fleißiges Einüben dahin gebracht werden, seine paar Worte: >sie flohen durch den unterird'schen Gang;< und >sie haben Pferde, Herr!< richtig zu sagen. Rott war denn auch unermüdlich, die Rede wieder und immer wieder zu probiren, und besonders konnte er die Stelle: >sie haben Pferde, Herr< -- Was Pferde, ha -- wenn sie nicht Flügel haben -- u. s. w. -- nicht oft genug wiederholen -- endlich ging es.«
»Der Abend kam -- das Stück hatte sich bis zu dieser Scene vortrefflich gespielt -- die Decoration des unterirdischen Gewölbes war ausgezeichnet, der Monolog, oder vielmehr der >furchtbare Ausbruch des grimmen ritterlichen Gemüthes<, mußte jetzt dem Ganzen die Krone aufsetzen, und der Burggraf stürzte mit blitzendem Schwert, während den oberen Galerien vor Angst und peinlicher Erwartung der Athem verging, auf die Scene. Er war _ganz_ sicher, denn im Zwischenakt hatte er mit dem Pagen _die_ Scene _noch_ einmal durchprobirt. Also der Graf stürzte mit gezücktem Schwert auf die Bühne:
Hab ich dich endlich -- beim allmächtgen Gott, _Hier_ sollst Du Rede stehn -- ergieb Dich, Schuft Ha -- was ist das? -- darf ich den Augen trauen. Allein Du, Page, hier?
(Page in Todesangst):
O hoher Herr -- Sie flohen durch den unterird'schen Gang!
Der Schuster störte hier das Drama ein wenig, denn er hatte wahrscheinlich geglaubt, dies sei die Pointe des Stücks und fing wieder unmenschlich an zu lachen, so daß die Uebrigen endlich mit einstimmten.
»Ja aber, wenn Sie auch stets, und gerade an der wichtigsten Stelle unterbrechen,« sagte Strohwisch pikirt, und trank sein Bier auf einen Zug aus -- »wie kann ich denn da erzählen.«
»Der Schuaster, lacht schtäte,« sagte der eine Bauer und stieß den also Erwähnten mit den Knöcheln in die Rippen -- »bist doch ruhig -- 's kummt ja erscht noch.«
»Ja, nun haben Sie mich ganz herausgebracht,« nahm Strohwisch die Erzählung wieder auf -- »also der Ritter stürzt herein --
Ha -- was ist das, darf ich den Augen trauen. Allein Du, Page, hier?
(Page in Todesangst):
O hoher Herr! Sie flohen durch den unterirdschen Gang.
_Graf:_
Fort, ihnen nach. --
(Page todtenbleich und an allen Gliedern zitternd):
Sie haben -- F -- Flügel, Herr!
Der Burggraf stand entsetzt -- das Furchtbare war geschehn, und seine Rede ihm an der Wurzel abgeschnitten -- Sie haben _Flügel_, Herr.
>Dann hol' sie der Teufel!< schrie da der Graf in resignirender Wuth, stieß sein Schwert klirrend in die Scheide zurück, und verließ unter dem donnernden Bravoruf des Publicums die Bühne.«
Die Zuhörer saßen alle still und schweigend da -- keiner sprach ein Wort -- selbst der Schuhmacher wagte nicht zu lachen -- fand auch gegenwärtig keinen Grund -- nur der eine Gemeindevorstand frug nach einer ziemlich langen feierlichen Pause:
»Un wie wurd's denn nu nachens -- kriggt er se?«
Die Zuhörer schienen sich besonders dafür zu interessiren. Strohwisch aber hob sein Töpfchen an die Lippen, that einen langen, langen Zug und trommelte dann, als er endlich gezwungen war, abzusetzen, einen zweihändigen Generalmarsch auf der Tischplatte. Weitere Fragen von Seiten der Gesellschaft sollten da ziemlich plötzlich durch einen Lärm von außen abgeschnitten werden. Die Thür wurde aufgerissen und einer von den Knechten des benachbarten Bauergutes steckte den Kopf herein und schrie:
»'S brännt im Gute drungen!«
Rasch schlug die Thüre wieder zu und die Gäste fuhren Alle erschreckt von ihren Sitzen auf. Nur Strohwisch und die beiden Weinreisenden blieben sitzen und meinten, es würde nicht so bedeutend sein. Da nicht Sturm geläutet wurde, schien die Sache auch nicht so gefährlich, der Gemeindevorstand mußte sich aber doch an Ort und Stelle überzeugen, ihm folgten die meisten der Anwesenden, und das Kleeblatt war auf einige Zeit fast im alleinigen Besitz der Schenke -- die Wirthin hinter dem Ofen und ein alter Bauer, der an einem Tischchen in der Ecke sitzen geblieben war, natürlich nicht mitgerechnet.
Strohwisch, der sich Trost in einem frischen Töpfchen holte, recitirte:
Der Feuerlärm so in der Nacht Hat doch was zu bedeuten, Denn er versammelt tausende Von -- _aufgeweckten_ Leuten -- hahahaha.
»Nu hiaren Se, Herr Strohwisch,« sagte da der alte Bauer -- »iber so'n Feier is nu gerade nich zu lachen -- das missen Se nich duhn.«
»Hahaha,« lachte nichts destoweniger der Humorist, »das Feuer ist ein mir verwandter Geist, alter Freund, das sprudelt Feuerfunken, und ich sprudle Geistesfunken, und so fühle ich denn fast für jede auflodernde Gluth, die ich sehe, eine gewisse Art verwandtschaftlichen Interesses -- verstanden?«
Der alte Mann schüttelte sehr bedenklich mit dem Kopf, und trank sein Bier, und Strohwisch ging mit seinen beiden neugewonnenen Bewunderern einmal vor die Schenke hinaus, um zu sehn, ob sie vielleicht von hier aus das Feuer erkennen könnten. Das war aber indessen schon wieder durch das rasche Hinzuströmen helfender Menschen unterdrückt und gelöscht worden, und als nach und nach die Leute von dem »Brande« zurückkehrten, füllte sich auch die Schenke mehr als vorher wieder, und die eben stattgefundene Brandstiftung, die hier nach all den Umständen jedenfalls vorlag, bildete natürlich die einzige Unterhaltung, so daß es Strohwisch, trotz unermüdlichen und zahlreichen Versuchen, nicht möglich fand, die Aufmerksamkeit der Versammelten wieder wie in einen Brennpunkt auf sich zu lenken. Er probirte Anekdoten -- Witze -- Verse -- es blieb Alles gleich fruchtlos -- die Männer nahmen fast gar keine Notiz von ihm, und selbst die Weinreisenden, der intelligentere Theil des Publicums, fingen an, die eingehenden Berichte interessanter zu finden, als seinen Humor.
Das war unerträglich -- Strohwisch, im Begriff Horneck zu verlassen, denn der nächste Morgen war dazu bestimmt, ihn wieder der Residenz zuzuführen, sollte also unbewundert, unbeklatscht scheiden? -- Nein, das ging nicht -- das unselige Feuer drohte ihm allerdings die Palme des Abends streitig zu machen, noch aber gab er den Kampf gegen das Geschick nicht auf, noch gab es _ein_ Mittel, den Feind mit seinen eigenen Waffen anzugreifen, zu besiegen.
»Meine Herren!« rief er, und trat auf einen Stuhl, »meine Herren!« -- der Lärm blieb noch immer ziemlich arg, nur die Gesichter der Meisten wandten sich ihm zu, und der alte Bauer, der vorher des Städters »gotteslästerliche Reden,« wie er sie nannte, mit angehört, erzählte den ihm nächst Stehenden unter vielem und bedenklichem Kopfschütteln, was der Fremde gesagt, und wie er über das Feuer im Dorfe gelacht und gespottet habe. Der affectirte Städter war im Ort überhaupt nicht beliebt, besonders hatten ihn die Bauerburschen auf dem Korn, weil er mit seinen faden und nicht selten zweideutigen Schmeicheleien ihre Mädchen verfolgte und ärgerte, und Strohwisch würde kaum mit so zuversichtlich lächelndem Angesicht auf dem Stuhl oben stehen geblieben sein, hätte er die keineswegs freundlichen Worte über sich hören können, die hier in der einen Ecke entstanden, und sich rasch von Mund zu Munde weiter pflanzten.
»Meine Herren!« rief der zähe Humorist noch einmal und mit immer gellenderer Stimme -- »bitte, vergessen Sie Ihre Reden nicht -- aber ich möchte nur ein paar -- nur ganz wenige Worte an Sie richten -- Hm -- Was sind Sie so außer sich über ein Feuer? -- Was liegt in einem Feuer so Entsetzliches? -- Es zerstört -- es vernichtet? -- ja, ich gebe es zu -- aber auch Zerstörung und Vernichtung ist manchmal gut, wo es gilt, das Böse von der Erde auszurotten, die Uebel mit der Wurzel zu vertilgen.«
»Nua? mer söllen uns doch de Haiser nich ibern Kopp anstäcken lassen?« sagte hier Einer -- dort ein Anderer -- »na, was schwätzt denn der do -- der rädt den Brandschtiftern ooch wol noch das Wort?«
»Meine Herren!« rief aber Feodor, zu dem keins der drohend gemurmelten Worte drang, »meine Herren -- wo es gilt der Freiheit eine hehre Bahn zu brechen, da lassen Sie uns selbst Feuer und Brand nicht scheuen, aber Sie werden verstehen, welches Feuer, welchen Brand ich meine -- die Fackel des Geistes muß mit kräftiger Faust in die Gebäude der Tyrannei geschleudert werden, daß die Flamme lodernd und leuchtend zum Himmel emporglühe.«
»_Was_ seggt der da?« riefen die Bauern verwundert unter einander, und glaubten ihren Ohren nicht trauen zu dürfen -- »in die Gebaide sullen mer Fackeln wärfen, un de Flammen sullen in de Hehe giahn? ei, den Kärl, den sull ja en Dunnerwätter in den Erdboden verschlahn; schmeißt'en doch 'naus!«
»Meine Herren!« rief aber in diesem Augenblick Feodor Strohwisch mit noch erhöhter Stimme, und suchte dabei in aller Hast wieder nach den ewig versteckten, den unentgehbaren Gedichten -- die Außenwelt war für ihn todt, er jauchzte nur in triumphirendem Selbstgefühl, daß er endlich wieder das Wort erhalten, die Aufmerksamkeit der Schaar gefesselt hatte, und seines Sieges gewiß, öffnete er das glücklich gefundene Papier, das er beim Schein der dicht hinter ihm herunterhängenden Lampe recht gut lesen konnte. »Erlauben Sie mir, Ihnen ein ganz kurzes wunderhübsches Gedicht vorzulesen, das auf unseren jetzigen Zustand vollkommen paßt, und dessen Sinn Sie gewiß billigen werden -- ein sehr guter Freund von mir hat es verfaßt -- bitte, hören Sie.«
Die Bauern standen ganz ruhig -- sie glaubten immer den »Burschen mit den langen Uahren un den Borschten,« wie er im Dorfe hieß, nicht recht verstanden zu haben, denn daß Einer hier mitten zwischen ihnen Brand und Feueranlegen predigen solle, ging ihnen doch fast über die Begriffe. -- Sie wollten also noch einmal hören, was er eigentlich beabsichtige, und _wenn das wirklich war_ -- ei dann sollte ja dem »verdammten Federfuchser der Deibel das Licht halten.«
»Meine Herren!« -- begann zum zehnten Mal mit einigem Räuspern der Humorist -- er hielt in der linken Hand das Papier, zog den Kopf stolz zurück, streckte die rechte Hand gerade von sich, und sagte mit erhobener lebhafter Stimme --
»So werft der Freiheit Feuerbrand In alter Herrschaft morsche Stützen, Und kehrt den wüsten, faulen Tand Zu Haufen -- Röcke, Hosen, Mützen --
In Pech und Schwefel sterbe hin, Was hier den freien Geist gehemmet, In wilder Gluth soll untergehn, Was uns den freien Will'n umdämmet.
Hoch lodre zu dem Himmelsdom Die Flamme auf in lichter Lohe, Und von Kopenhagen bis nach Rom Verbreit' die Nachricht sich -- die frohe --
In Brand und Flammengluth gestürzt, Und unter Trümmern --
»Schmeißt den Kerl doch 'naus!« unterbrach da plötzlich eine gellende Stimme den Vortrag -- »'naus mit em -- 'naus!« tönte es aus allen Ecken heraus, und Strohwisch sah rasch auf, wem dieser drohende Ruf eigentlich gelte.
»Naus mit dem Brandstifter!« schrien in diesem Augenblick auch die ihm näher Stehenden, und griffen ihn an Arm und Rock an --
»Hallo da, Leute -- was ist das?« sagte der Humorist, mehr erstaunt als erschreckt, denn er begriff noch immer nicht, was die Menge von _ihm_ wolle, von ihm wollen _könne_.
»Naus mit 'em Hallunken -- 'naus mit dem borschthärigen Dintenkleckser!«
»Aber Leute, seid Ihr denn des Teufels?« rief der _sehr_ gute Freund des Dichters, und suchte sich den handgreiflichen Erklärungen der ihm Nächsten zu entziehen -- »ich werde doch wahrhaftig« --
»Schlaht en hinger's Gehär!« schrie aus der Ecke einer vor, der sich noch die größte Mühe gab, zu dem Ziel seines Zornes hin zu gelangen -- »haut en de Dohle 'nin.«
Strohwisch war von dem Stuhl getreten, und hatte seinen Hut, den er Anstands halber während er das Gedicht vorlas in der Hand gehalten, aufgesetzt -- kaum hörte er den letzten Rath aber, so griff er rasch darnach, ihn wieder herab zu reißen -- doch zu spät -- ein kräftiger, vortrefflich gezielter Schlag trieb ihm die »Dohle,« wie sie in Horneck sagten, bis tief über Ohren und Augen, und jetzt in Stockfinsterniß von allen Seiten gestoßen und geschlagen, nicht einmal mehr im Stande sich mündlich zu vertheidigen, denn der Hut benahm ihm fast den Athem, wurde diese Parodie auf »Oeffentlichkeit und Mündlichkeit« im summarischen Gerichtsverfahren, mit abgetretenen Sporen und zerrissenem Rock zur Thür hinausgeknufft und geprügelt, und dort, als ob solch ein erbärmliches Menschenkind aus der Stadt gar keines weiteren Nachsehens werth sei, seinem Schicksal überlassen.
Was aus ihm geworden, hat man in Horneck nie erfahren -- am nächsten Morgen war er spurlos verschwunden.
Elftes Kapitel.
Des alten Schulmeisters Lohn.
Papa Kleinholz hatte sich in der letzten Zeit recht gut erholt, die reine kalte Luft war ihm vortrefflich bekommen; er befand sich schon wieder wohl genug, stundenlang das Bett zu verlassen, in der Stube herum zu gehn, und dann und wann auch einen kurzen Spatziergang draußen im Freien zu machen; aber die Schwäche, die von der Krankheit zurückblieb, wollte ihn nicht verlassen, und nur auf Lieschens Arm gestützt wurde es ihm möglich, irgend wie aufrecht zu stehn.
Und wäre das anders möglich gewesen? -- ließ es sich denken, daß bei solcher Nahrung, wie sie der alte Schullehrer mit den Seinen theilte, der Körper eines schon ohnedieß alterschwachen Greises gekräftigt werden konnte? -- Wäre es möglich gewesen, daß diese dünnen wässrigen Gemüse, mit dem spärlichen Fleisch dann und wann die Woche, ersetzen sollten, was ihm Krankheit genommen, und woran so lange, lange Jahre hindurch Sorge und Noth gezehrt und genagt? Kräftige Fleischbrühen, Rindfleisch, gute in Fett geschmorte Gemüse und solche Sachen sollte der Reconvalescent bekommen -- das hatte der Arzt, als er zum letzten Mal in der Schule war, gesagt, und dem alten Kleinholz war, als er die Dinge alle nennen hörte, das Wasser im Munde zusammengelaufen -- aber wovon jetzt solche Luxusartikel, solche Delicatessen anschaffen? -- Du lieber Gott, sie konnten von den paar Thalern, die sie erhielten, und da so viele Medicin gebraucht wurde, nicht einmal das Alles bezahlen, was sie nothwendig brauchten, wovon sie leben und existiren mußten, und gar noch solche extravagante Ausgaben -- nein, das ging nicht an. Dem Doctor konnte man aber doch die Verhältnisse nicht so g'rad heraussagen, wie sie waren -- Lieschen schämte sich wenigstens der Gemeinde wegen, dem fremden Arzt zu gestehn: wir sind nicht im Stande etwas mehr anzuschaffen, als was wir eben brauchen, um dem Verhungern zu entgehn. -- Acht Menschen wollen essen, und diese acht Menschen sollten das von 50 Thalern das ganze Jahr -- wären sie das im Stande? -- Nein -- Schulmeisters Kinder dürfen aber den weisen Generalartikeln nach nicht betteln gehn -- stehlen wollen sie nicht -- was bleibt ihnen da übrig? --
Hennig that allerdings was in seinen Kräften stand, und mehr, als Tausende an seiner Stelle gethan hätten, er betrachtete seine Kasse als die des alten Lehrers, und aß was er aß, darbte wenn er darbte. Das konnte aber doch auch nicht auf die Länge der Zeit dauern, denn Hennig sollte nicht blos, wie der alte emeritirte Lehrer, vegetiren, er sollte auch lernen, um wieder lehren zu können -- er mußte lesen und studieren -- um das aber zu thun, hätte er einen Platz dazu und Geld zu Büchern haben müssen, und blieben die Verhältnisse so wie sie jetzt waren, so sah er keine Aussicht, wie ihm das je ermöglicht werden könne. Die Hoffnung lebt aber und stirbt mit uns -- Papa Kleinholz hatte sein Bittgesuch um Zulage durch den Herrn Pastor und mit dessen Bevorwortung eingereicht, und das mußte in diesen Tagen wieder zurückkommen, nachher ließe sich, wenn von dieser Seite Hülfe wurde, schon eher ein Abkommen treffen. Daß ein Gesuch, auf solche Art an das Ministerium gebracht, abschläglich beschieden werden könnte, durfte man nicht gut erwarten, daran dachte Vater Kleinholz auch wirklich nicht einmal, denn er war so fest überzeugt, und wußte so genau, er _müsse_ eine Zulage und noch dazu eine ziemlich bedeutende Zulage haben, wenn er nicht effectiv und im wahren Sinne des Worts verhungern sollte, daß er auch nicht glauben konnte, die Regierung, die ja doch von allen Seiten so gerühmt ward, würde es dahin kommen lassen. Einem so rührenden Bericht, wie ihn sicherlich der Herr Pastor Scheidler eingereicht, hätte selbst das frühere Ministerium, das sich sonst nicht gerade gern auf Schulmeisterzulagen einließ, beistimmen müssen, wie viel mehr also solche Männer, die, aus der Wahl des Volkes hervorgegangen, auch für das Volk jetzt wirkten, und bis dahin noch immer gewirkt hatten, wenn sie irgend konnten, und es für nothwendig hielten -- und war es hier etwa _nicht_ nothwendig?
Die Entscheidung blieb freilich recht lange -- recht entsetzlich lange aus.
»Wenn es ihnen der Herr Pastor nur auch recht ordentlich an's Herz gelegt hat,« seufzte Lieschen oft, nachdem der Vater selbst schon mit seiner Riesengeduld ängstlich geworden war, und die Stunde herbeisehnte, in der er die Heil und Segen bringende Bewilligung seiner Bitte erfüllt sehen sollte. Nach solchem Zweifel richtete sich aber der alte Schulmeister in seinem Stuhle auf, und sagte: