Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band.

Part 11

Chapter 113,639 wordsPublic domain

»Laß Du nur den Herrn Pastor gehn, das ist ein ganzer Mann, und weiß, was er zu thun hat -- dessen Versprechen habe ich, sein Möglichstes in der Sache zu thun, und was der verspricht, das hält er. Wenn sie mich armen alten Mann, was sie aber _nicht_ thun werden, wirklich abschläglich beschieden -- _der_ reiste selbst in die Residenz, und ginge sogar zum Könige, ihm die Sache vorzustellen -- ich kenne doch unsern Herrn Pastor.«

Lieschen schüttelte bei solchen Worten immer das Köpfchen, und schaute nachher nur noch viel trüber und trauriger aus, denn das felsenfeste Vertrauen auf den Geistlichen konnte sie, sie mochte sich nun Mühe geben, wie sie wollte, nimmermehr theilen.

So rückte, unter Hoffen und Harren, unter frohen Erwartungen und bangen Zweifeln der Anfang Februar des Jahres 1849 heran, und die Lage des alten emeritirten Lehrers wurde mit jedem Tage trauriger. Seine Schulden in der Apotheke, denn Hennig hatte die eigene Casse schon bis auf den letzten Pfennig erschöpft -- wuchsen mit jeder Woche; seine Kräfte nahmen dabei immer mehr und mehr ab, und die dunstige ungesunde Stubenluft -- da ihn die strenge Kälte des Januar stets in das Haus und das verschlossene Zimmer gebannt -- that wohl auch das ihrige, die zum Aeußersten zerrüttete Constitution des alten Lehrers zu untergraben.

Die Kälte hatte jetzt allerdings nachgelassen, und eine weit mildere Luft kündete, trotz der frühen Jahreszeit, den nahenden Lenz, da kam eines Morgens Hennig mit der freudigen Botschaft zu dem alten Kleinholz herüber, der Pastor habe einen Brief vom hohen Ministerium erhalten und werde am Nachmittag selber herüberkommen.

Einen Brief vom hohen Ministerium -- Gott sei Dank, endlich, endlich -- so hatte die Noth doch zuletzt ihr Ziel erreicht, und der alte Schullehrer konnte, wenn auch immer noch in seinen Verhältnissen gedrückt, wenigstens ohne Angst vor dem Verhungern der Zukunft entgegensehn. An dem Mittag wurde -- denn für diesen Zweck war sie so lange aufgehoben, -- die an Weihnachten empfangene zweite Flasche Wein angebrochen, Schulmeister Kleinholz trank ganz wider Erwarten zwei tüchtig volle Gläser davon bis auf die Nagelprobe aus, und war überhaupt heute so munter, so lebenskräftig, daß dem lieben guten Lieschen die hellen Freudenthränen in den Augen standen, wenn sie ihren Vater nur ansah. Nichts desto weniger konnte sie auch eine leise, unbestimmte Angst nicht unterdrücken, wenn sie manchmal an die Folgen dachte, die eine Täuschung -- aber das war ja doch nicht möglich, also fort mit den Grillen und Sorgen; ihr alter guter Vater schien ordentlich wieder frisch aufzuleben, und da sollte sie doch wahrlich die Letzte sein, die betrübt und kleinmüthig der Zukunft entgegenschaute.

Der Nachmittag kam, die Schule war aus, die Kinder eben in jugendlichem Uebermuth den steilen Hügel hinunter gesprungen, und Lieschen hatte in aller Eile das Zimmer so weit gelüftet und aufgeräumt, wie möglich, daß ihr Vater wieder herunter konnte und der Herr Pastor nicht in das enge, unfreundliche Bodenkämmerchen hinauf zu klettern brauche.

Liebes unschuldiges Kind, das Du von klein auf gelernt hattest, zu dem geistlichen Vorgesetzten Deines Vaters mit stummer Ehrfurcht aufzuschauen, welche bittere Ironie sprachst Du -- unbewußt -- in den wenigen Worten »damit der Herr Pastor nicht in das enge, unfreundliche Bodenkämmerchen hinauf zu klettern braucht« -- Du schämtest Dich des Platzes, nur des Herrn Pastors wegen, und wolltest ihm gern die Unbequemlichkeit ersparen, jenen unfreundlichen, traurigen Aufenthalt auch nur zu betreten -- daß aber Dein armer alter Vater -- der Lehrer und Erzieher fast des ganzen Dorfes, in den vier Wänden leben -- existiren mußte -- daß ihm ein solcher Raum zu seiner bleibenden Wohnung angewiesen worden, während der Geistliche sein behagliches geräumiges, ja kaum halb benutztes von Reben umranktes Haus da drüben stehen hatte, das fiel Dir nicht auf, das fandest Du ganz in der Ordnung -- und weshalb? -- Ei, das war ja der Herr _Pastor_, und Dein Vater? -- _Nur_ der _Schulmeister_ im Dorfe.

»Der Herr Pastor!« riefen endlich die Kinder, die schon seit peinlichen drei Viertelstunden am Fenster auf der Lauer gestanden, um die Ankunft des ehrwürdigen Herrn voraus zu verkünden, und dem alten Kleinholz flogen in seinem harten, mit Kissen aber sorgfältig ausgestopften Armstuhl, die Glieder wie Espenlaub. Aus tiefgewurzeltem Respect wollte er sich jetzt auch absolut emporrichten, um seinen gütigen Vorgesetzten stehend zu empfangen, das gab aber Hennig unter keiner Bedingung zu. Der alte Mann hätte es übrigens auch gar nicht gekonnt -- wie er nur den Versuch machte, sank er gleich wieder kraftlos zurück, und so mußte es denn, »da es der Herr Pastor auch wohl seiner Schwäche zu Gute halten würde,« unterbleiben.

Die Thür ging auf, und der Geistliche trat, von den Bewohnern der Schule freundlich begrüßt, und den Gruß eben so freundlich erwiedernd -- o das war sicherlich ein gutes Zeichen -- herein. Fast unwillkührlich machte Kleinholz einen neuen Versuch, sich emporzurichten, Hennigs Hand lag aber auf seiner Achsel, und Pastor Scheidler sagte gütig:

»Bleiben Sie sitzen, lieber Kleinholz, bleiben Sie sitzen, was wir mit einander abzumachen haben, können wir Beide sitzend abmachen,« und er ließ sich dankend auf den, ihm von Lieschen schnell herbeigetragenen Stuhl nieder, nahm aber dabei schon ein Packet oder einen großen Brief, den er in der Brieftasche gehabt, heraus, und fuhr fort: »ich will auch gleich zur Sache kommen, und Ihnen mittheilen -- denn Herr Hennig wird Ihnen ja wohl schon gesagt haben, daß eine Antwort vom hohen Ministerium eingetroffen ist -- was Ihnen dasselbe gnädigst bewilligt hat.«

»Bewilligt,« murmelte der alte Mann freudig und leise vor sich hin, und faltete in Dank und Jubel die bleichen, abgezehrten Hände vor der Brust.

»Es ist freilich nicht viel,« fuhr der Herr Pastor, das Papier entfaltend fort, »aber Du lieber Gott, man muß in jetziger gedrückter Zeit selbst mit Wenigem zufrieden sein, und Besseres erwarten, wozu das hohe Ministerium auch gegründete Hoffnung giebt. -- Ich will Sie, lieber Kleinholz nicht mit dem Vorlesen des ganzen langen Schreibens, das überdieß nur großentheils allgemeine Bemerkungen über den jetzigen Stand der Schule enthält, ermüden, sondern Ihnen nur das besonders für Sie Wichtigste daraus mittheilen.«

Der alte Schulmeister nickte nur schweigend mit dem Kopf, und schaute, todtenbleich im Gesicht, nach dem Munde des Geistlichen, aus dem ihm jetzt der so lange und heiß ersehnte Spruch des Heils -- nur das Fristen seines armen, dürftigen Lebens -- ertönen sollte. Auch die Blicke der Uebrigen hingen an den Lippen des Pastors, und dieser begann, nachdem er die Einleitung flüchtig und fast unverständlich vor sich hingemurmelt, dem alten, athemlos lauschenden Lehrer das Rescript des hohen Ministeriums zu eröffnen. Es war auch nicht in dem alten schwülstigen Canzleistyl abgefaßt, also der Inhalt klar und deutlich, aber -- leider wenig tröstlich. Das Schreiben sprach sich zuerst in kurzen Worten über den Uebelstand aus, der allerdings in der allzugeringen Besoldung der Schullehrer liege, wie über die nothwendige Abänderung desselben, versicherte aber, in der jetzigen Krisis, wo gerade die Casse so ungemein in Anspruch genommen wäre, und Bittschreiben und Unterstützungsgesuche von allen Seiten und allen Ständen einliefen, bedeutende Gehaltserhöhungen auf eigene Verantwortlichkeit nicht gewähren zu können, ehe die Kammern darüber entschieden haben würden. Nichts desto weniger wollten sie, da es sich hier doch nur um eine »kleine« Unterstützung handle, und der Lehrer alt sei, und wohl eine Erleichterung seiner Ausgaben verdiene, für jetzt, und bis das Pensionsverhältniß der emeritirten Lehrer regulirt sei, eine Gehaltszulage von _fünf_ Thalern jährlich gewähren.

»_Fünf Thaler_?« unterbrach hier der alte Kleinholz, sich in Todesangst in seinem Stuhle aufrichtend, und immer noch in dem Glauben, er habe falsch gehört, den Geistlichen -- »_fünf_ Thaler, sagten Sie, Herr Pastor -- nur fünf Thaler soll ich jährlich -- das ganze Jahr hindurch, Zulage bekommen?«

»Nicht für immer, lieber Kleinholz,« suchte ihn dieser zu beruhigen -- »nicht für immer, nur bis zu der Zeit, wo, wie hier in dem Schreiben steht, die Kammern die Pensionate der Schullehrer festgestellt haben, dann bekommen Sie jedenfalls ziemlich bedeutend mehr -- wenigstens die volle Hälfte Ihres Gehaltes -- oder doch ziemlich so viel.«

»Fünf Thaler,« stöhnte der alte Mann, und stützte seine Stirn auf die fest und krampfhaft zusammengefalteten Hände, »fünf Thaler auf dreihundert und fünf und sechzig Tage -- o Du mein gütiger Gott -- Du mein gütiger Gott!«

»Herr Pastor,« nahm hier Hennig, der schweigend und traurig bis jetzt dabei gestanden hatte, das Wort -- »dem Ministerium kann die Sache wohl nicht dringend -- wohl nicht so, wie sie wirklich ist, vorgestellt sein -- Sie erwähnten auch vorhin, daß es sich einem, allem Anschein citirten Ausdruck nach, hier nur um >eine Kleinigkeit< handeln solle. Wenn die Worte in der Eingabe standen, so ist es kaum anders möglich, als daß das Resultat so ausfallen mußte, wie es ausgefallen ist.«

»Mein lieber Herr Hennig,« sagte Pastor Scheidler etwas pikirt -- »Sie werden mir doch hoffentlich zutrauen, daß ich weiß, wie eine Eingabe an ein hohes Ministerium gemacht werden muß -- es ist nicht die erste gewesen, sollte ich denken, und wird hoffentlich nicht die letzte sein -- ich kann mit einem Minister nicht reden und Forderungen an ihn stellen, wie an unseres Gleichen, das werden Sie mir hoffentlich zugeben, denn so weit sind wir doch, Gott sei Dank, noch nicht mit der _Emancipation_ gekommen, daß der Respect _ganz_ verloren gegangen, und die Achtung und Ehrerbietung vergessen wäre, die man seinen Vorgesetzten schuldig ist --«

»Dürfte ich Sie ersuchen, Herr Pastor, mir jene Schrift nur auf wenige Momente zu erlauben; ich möchte sie gern selbst einmal lesen,« sagte Hennig endlich.

Der Pastor zögerte einen Augenblick; es war fast, als ob er den Brief nicht gern aus der Hand gäbe, er konnte das Lesen desselben aber auch nicht gut verweigern, und reichte ihn endlich dem Schulmeister, der damit an das Fenster ging, und sich bald in dessen Inhalt vertiefte.

»Fünf Thaler,« wimmerte da wieder der greise Lehrer, und die hellen Thränen stürzten dem alten Mann jetzt, in nicht mehr zu dämmender Fluth über die eingefallenen Wangen nieder -- »und elf Thaler sind wir in der Apotheke schuldig -- drei beim Kaufmann, und jeder Tag, den ich noch lebe, muß das vermehren, bis -- bis mir die Leute nichts mehr borgen -- und dann muß ich armer, alter Mann, der ich sieben und vierzig Jahre das harte Brod eines Dorfschullehrers gegessen -- mit meinen Kindern verhungern -- o schlagt mich doch lieber todt -- schlagt mich lieber gleich todt, daß ich nur von der Erde komme, ich alter unnützer -- unglückseliger Dorfschulmeister!«

Und wieder gab er sich, die Gegenwart des Geistlichen fast gar nicht mehr beachtend, seinem ganzen, ungezügelten Schmerze hin, und weinte und schluchzte wie ein Kind. Lieschen, die bis jetzt -- erst in gespannter Erwartung, dann in peinlichem Schmerz an seiner Seite gestanden, und immer noch gehofft hatte, in dem starren Angesicht des Geistlichen einen Strahl von Hoffnung zu lesen, der die Unglücksbotschaft, die er brachte, Lügen strafen sollte, bog sich jetzt mit liebender Sorgfalt über den Vater nieder, und suchte den alten verzweifelnden Mann zu trösten.

»Sieh nur, Väterchen,« sagte sie schmeichelnd -- »fünf Thaler sind schon eine ganz hübsche Summe, und dann gehe ich hinunter auf das Gut, und nehme den Dienst dort an, der offen ist. Jettchen hier ist allerdings noch klein, kann Dich aber doch auch schon pflegen, und Dir besorgen, was Du brauchst, und Abends komm' ich ein halb Stündchen herauf, und sehe wie Dir's geht.«

»Herr Pastor,« sagte da Hennig plötzlich -- »in der Eingabe muß jedenfalls irgend etwas irrthümlich angegeben, oder oben mißverstanden sein. Der Minister sagt hier, daß er sich mit den nothwendigen Unterstützungen, um die er fortwährend angegangen würde, natürlich größtentheils auf >Familienväter< beschränken müßte, und >Schulmeister Kleinholz scheine keine Familie zu haben.< Seine sieben Kinder sind entweder nicht erwähnt, oder übersehen worden; wäre es da nicht besser, Sie, Herr Pastor, setzten vielleicht ein neues Gesuch auf, und schickten es, mit den genaueren Angaben und Einzelheiten noch einmal ein? -- Der Fall ist dringend hier -- der alte Mann kann ja beim ewigen Gott nicht warten, bis die Kammern über sein Leben oder seinen Tod einen Beschluß gefaßt haben -- wir leben gegenwärtig in einer zu wichtigen Zeit -- die ruhigen Reformen des inneren Staatslebens werden das Letzte sein, woran man denkt, da es jetzt ja noch das wichtigere Werk, eine Einigung Deutschlands und die Vertheidigung des Vaterlandes gegen äußere Feinde gilt. Eine richtige, einfache Darstellung dieses alten emeritirten Lehrers wird und kann nicht bei dem jetzigen liberalen Ministerium ohne Erfolg bleiben -- sie dürfen den alten Mann hier doch wahrhaftig nicht auf dem Stroh verderben lassen. O wenn Sie nur einmal selbst mit dem Herrn Minister sprechen könnten --«

Kleinholz sah, als er den Vorschlag hörte, wie von einem neuen Hoffnungsstrahl durchzuckt, rasch und fragend zu dem Geistlichen auf -- sein ohnedieß schon bleiches Angesicht hatte eine fahle, förmliche Todtenfarbe angenommen, und die Augen lagen ihm tief und glanzlos in den Höhlen. Der Pastor aber schüttelte mit dem Kopf --

»Das geht nicht, das geht nicht, Herr Hennig,« sagte er, »zweimal um eine und dieselbe Sache petitioniren, wenn schon gleich beim ersten Mal ein Zugeständniß gemacht wurde, und noch dazu so ganz dicht hintereinander, ist gegen allen Gebrauch, und würde höheren Ortes sehr mißliebig bemerkt werden; und was nun gar eine persönliche Audienz betrifft -- ei, wo denken Sie da hin? Wie dürfte ich erstlich die mir anvertraute Gemeinde so lange allein lassen? (in seinen eigenen Angelegenheiten hatte er Horneck schon mehrere Mal, und gleich auf einige Tage verlassen.) Und dann sind die Herren Minister auch so von Besuchen überlaufen, daß ein solcher Schritt für den Mann, der ihn wagte, wohl kaum eine Empfehlung sein möchte. Ueberlassen wir der Zeit auch etwas -- das Gesetz über den Gehalt der Schullehrer wird in den Kammerverhandlungen, wie mir schon versichert ist, ziemlich bald, wenn auch nicht gleich in den ersten Wochen, zur Sprache kommen, und nachher findet sich das andere, wenn man _dann_ wieder einmal durch eine neue Petition eine kleine Nachhülfe giebt, von selber.«

»Herr Pastor,« murmelte Kleinholz, und streckte die zitternden Hände nach ihm aus -- »Herr Pastor -- ich -- ich --« seine Worte wurden zu einem dumpfen, unartikulirten Röcheln, er brachte kein verständliches Wort über die Zunge, und nur die Augen sprachen, zehntausendmal deutlicher als es Worte auch vermocht, die kalte lähmende, trostlose Verzweiflung aus, die sich jetzt -- da alle, alle Hoffnungen mit _einem_ Schlage vernichtet worden, seiner bemächtigt hatte.

»Lieber Kleinholz,« sagte der Pastor, und suchte so viel Trost- und Mutheinsprechendes in seine Worte zu legen, als ihm das möglich war, »verzagen Sie nicht -- es kann noch Alles gut gehn -- ich will mich direct an den Vater meines Schwiegersohnes wenden -- es ist sehr leicht möglich, daß der im Stande ist, etwas Wesentliches für Sie zu thun; jedenfalls können wir von ihm genau erfahren, welche Schritte am Besten geschehn müssen, um Ihnen sobald als möglich eine Erleichterung zu verschaffen -- sind Sie damit einverstanden?«

Kleinholz hielt den Blick noch immer still und stumm auf ihn geheftet, und der ganze Ausdruck seiner Züge schien sich nur in dem einen quälenden Gedanken zu concentriren -- »also das sind Deine Versprechungen, _das_ ist die Hülfe, die Du dem armen, bis dahin in den Staub getretenen Schulmeister werden läßt.« Der Pastor, der den vorwurfsvollen Blick aus Augen, die sonst nur in höchster Ehrfurcht und Anhänglichkeit zu ihm aufgeschaut, nicht ertragen konnte, griff fast wie unwillkührlich in die Tasche, nahm einen Thaler heraus, legte diesen, als er in den anderen mehr gesucht, keinen aber mehr gefunden hatte, auf den Tisch, und verließ hastig das Zimmer.

»Das erste Almosen,« stöhnte der alte Lehrer, und sank, sein Gesicht mit den Händen deckend, auf das Kissen, das seine rechte Stuhllehne schützte, nach vorne auf die Stirne nieder. -- Hennig faltete erschüttert die Hände, und Lieschen bog sich weinend über den Greis, während die Kinder, der für sie drückenden Gegenwart des Geistlichen jetzt enthoben, laut schluchzend zu dem Vater sprangen, seine Knie umfaßten, und ihn baten, ihr guter, guter Vater zu sein, und sich nicht zu härmen und zu grämen -- sie wollten ausgehn und arbeiten, Gänse hüten und Obst bewachen, kurz Alles thun, was in ihren Kräften stand, ebenfalls ihr Brod zu verdienen, und nachher würd' es schon besser -- nachher würde es recht gut mit ihnen allen werden.

Vater Kleinholz rührte und regte sich nicht, und der eine Arm sank ihm über die Stuhllehne nieder.

»Lieschen -- bitte Lieschen,« sagte Hennig rasch, und trat vor das Mädchen -- »holen Sie mir doch ein Glas Wasser -- mir ist -- mir ist nicht recht wohl.«

Lieschens Blicke hafteten in stierem Entsetzen an der regungslosen Gestalt des Kranken -- die Worte, die Hennig zu ihr sprach, hörte sie gar nicht.

»Thun Sie mir die Liebe, gutes Lieschen, und holen Sie mir ein Glas Wasser,« bat Hennig dringender, ergriff ihre Hand, und suchte sie von dem Stuhle fortzuführen.

»_Vater_!« flüsterte aber in diesem Augenblick mit leiser kaum hörbarer Stimme die Tochter -- »Vater!« -- Sie sprang, Hennigs Hand zurückstoßend, auf ihn zu, hob seinen Oberkörper empor, warf nur einen einzigen Blick auf die blassen, geisterhaften Züge und stürzte mit lautgellendem Schmerzensruf ohnmächtig zu Boden.

Der alte Schulmeister war todt.

Zwölftes Kapitel.

Schluß.

Gebe Gott, daß diese Ueberschrift eine Lüge werde -- daß es kein _Schluß_ des armen gedrückten Lehrerlebens mehr sei, wie ich es hier beschrieben, und wie es, o leider so oft, so entsetzlich oft -- in unserem »gesegneten« Deutschland geschehen ist. Den Ruhm haben wir bis jetzt für uns beanspruchen wollen, das civilisirteste, das intelligenteste Volk der Erde zu sein, und die Leute, die uns allein dazu bringen könnten es zu werden -- lassen wir _verhungern_ oder ihr Leben doch wenigstens auf so traurige, elende Art dahinschleppen, daß sie an Leib und Seele -- erst körperlich und dann geistig zu Grunde gehn _müssen_.

_Deutschland ist krank_ und zwei Quacksalber mühen sich ab, und ereifern sich das arme, kranke Deutschland unter dem Vorgeben, es heilen zu wollen, in sein frühes Grab zu bringen. Sie beide kehren sich keinen Deut um die wirkliche Gesundheit und Kraft, um die wirkliche _Genesung_ des Patienten, nur ihre eigenen selbstsüchtigen Zwecke haben sie im Auge, nur ihr eigenes Interesse ist es, das sie in geschäftiger Thätigkeit an das Lager des Leidenden treibt.

Der eine dieser Aerzte will nur _Ruhe_ -- das Stöhnen, der Krampf -- das wilde, unruhige Aufzucken des Kranken -- seine Fieberphantasien und schlaflosen Nächte ängstigen ihn selbst, und lassen _ihm_ keine Ruhe, also verschreibt er Opiate -- immer nur Opiate, und im Fall etwas stärkerer Aufregung sogar Zwangsjacke und Ketten -- »nur Ruhe, lieber Patient, nur Ruhe.« --

Der andere ist ein noch ganz junger -- blutjunger Arzt -- der betrachtet den Patienten mit einer gewissen Liebe und Zärtlichkeit -- er nennt ihn »seinen Patienten« -- _sein_ Deutschland, und lächelt vergnügt bei dem Gedanken, daß dieß der erste ernste Fall ist, der unter seine Hände kommt. Ei was für prachtvolle _Experimente_ kann er jetzt an dem Leidenden vornehmen -- wie lacht ihm das Herz nur in der Aussicht auf all' die Amputationen und Kreuz- und Querschnitte, Sondirungen und Beobachtungen eiternder Wunden. Je toller der Kranke dabei rast und wüthet, desto lieber ist es ihm -- er drückt sich dann nur rasch in die sichere Ecke und schaut aufmerksam zu, um die Wirkungen zu beobachten, die ein etwas tieferer Schnitt als gewöhnlich, oder ein neues, noch nicht erprobtes Instrument, eine selbst erfundene Medicin vielleicht, auf ihn machen. Nur wenn ihm das Toben etwas zu arg wird, wenn der Paroxismus steigt, und er doch vielleicht fürchtet, der etwas übermäßig maltraitirte Kranke möge endlich einmal den Arm nach _ihm_ ausstrecken und ihn fassen, dann drückt er sich rasch zur Thür hinaus über die Grenze, und wartet draußen ruhig die Crisis ab. Er verordnet dabei fortwährend verzweifelte Mittel -- indianische Schwitzbäder und halsbrechende Kuren -- Medicinen, durch die er den Kranken ununterbrochen an den Rand des Grabes bringt, und freut sich dabei wie ein Kind darauf zu sehn, ob der Leidende das wirklich aushält, oder -- ob er darüber zu Grunde geht.

Und Deutschland? -- wird nicht eher genesen, bis es die beiden Quacksalber, den einen wie den anderen, beim Schopf nimmt, und zu Thür oder Fenster -- beides gleich gut -- hinausschleudert. Deutschland leidet an keinem Uebel, das durch Opiate beschwichtigt oder durch rasende Kuren, mit Biegen oder Brechen in einer Nacht geheilt werden könnte -- der Sitz der Krankheit ist bei ihm im Unterleib -- das ewige Stubenhocken -- die dunstige Luft, in der es, o so lange, lange Jahre hinter Schloß und Riegel gehalten wurde, hat seinen ganzen Körper geschwächt und erschlafft -- seinen Gliedern ihre volle Thätigkeit geraubt, und nur ein ordentlicher, verständiger Arzt, der mit Umsicht und ernstem Eifer zu Werke geht, kann hier heilbringend sein -- und der Arzt ist der _Lehrer der Volksschulen_ -- macht es _dem_ erst einmal möglich, den Geist des Volkes aus seinem stumpfen Starrsinn zu wecken, und das Volk selbst zum klaren Bewußtsein seiner Lage zu bringen, und seht dann, wie schnell es den Opiumhändler und Chirurgen mit seinen Lanzetten, Sägen und Messern selbst zu Thüren und Fenstern hinaussendet.

Der Volksschullehrer ist der Mann, von dem wir wirkliches, wahres Heil für unsere lieben Kranken erwarten dürfen, und den Mann hegt und pflegt nur dafür -- den Mann zieht aus dem Staub und Elend, in das er bisher durch Verhältnisse und Geistliche hineingetreten wurde, hervor, dem Manne löst die Hände und füllt den Magen, daß er nicht halb verhungert mehr, und mit gebundenen Gliedern, Eure Kinder und kommenden Geschlechter auch wirklich erziehen und zu Menschen -- und nicht bloß zu Unterthanen des Staats und der Kirche -- heranbilden kann, und seht dann, wenn Ihr das keinen Augenblick mehr versäumt, sondern frisch und rasch dabei an's schöne -- heilige Werk geht, welcher kräftige, herrliche Körper -- welche Heldengestalt das war, die unter Perrücke und Zopf, unter dem dreieckigen Hütchen und dem bestaubten Knechtsgewand, gebückt und mit schwankenden Schritten einherging. -- Nicht genug also, daß Ihr dem für sein ganzes Leben an den Felsen Geschmiedeten die Fesseln löst, und zu ihm sagt, »nun kämpfe,« Ihr müßt ihn auch erst wieder gehen, und die erstarrten Glieder gebrauchen lehren -- bis dahin wird ihm die Waffe nur ein machtloses Spielwerk, er selbst aber nie im Stande sein, sie zu führen.

Bis jetzt sind wir aber noch nicht so weit -- noch sterben die alten emeritirten Lehrer -- die sich Menschenalter hindurch quälten und mühten, das aufwachsende Geschlecht »im Nothwendigsten« zu unterrichten, in Hunger und Kummer, und die jüngeren Lehrer -- leben darin; der Mann aber, der eigentlich der _erste_ im Staat sein sollte, ist der _letzte_.

Der alte Schulmeister Kleinholz war todt -- auf den Acker trugen sie ihn hinüber, wohin er selber so manchen zur letzten Ruhe begleitet; -- _ihn_ aber trugen Sie nicht zur _letzten_ Ruhe hinaus -- armer alter Lehrer -- es war, so alt und schwach Du geworden, Deine _erste_ Ruhe.