Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band.

Part 12

Chapter 121,209 wordsPublic domain

Der Tod des alten Lehrers ging in Horneck ziemlich spurlos vorüber -- »es ist ein Glück für den alten Mann, daß er gestorben ist,« sagten die Leute -- es schien sich ganz von selbst zu verstehn, daß ein alter dienstunfähiger Schulmeister doch nichts weiter mehr vom Leben, und nicht die geringsten Ansprüche auf ein ruhiges Greisenalter gehabt haben könne.

In der Pfarre wurde indessen gepackt, und unter Jammer und Thränen Vorkehrung für die Auswanderung der ältesten Tochter, der jungen Frau Doctorin Wahlert, getroffen. Wahlert selbst war schon früher, man wußte in Horneck nicht recht wohin, vorausgereist, denn eine, von Berlin aus gegen ihn anhängig gemachte Klage auf Hochverrath und Majestätsbeleidigung, bei der sich das _Volk_ vollkommen ruhig verhielt, und seine eigene Verhaftung auch eben so ruhig mit angesehen hätte, ließen ihn wünschen, die wirkliche Republik so bald als möglich zu erreichen, um dort, mit erneuter Thätigkeit, nicht etwa die deutsche Sache aufzugeben, sondern erst recht zu beginnen, für Deutschlands Wohl und Zukunft in dem Sinne zu wirken, den er für sein Vaterland am schnellsten zum Ziele führend, glaubte.

Hennig hatte trotz des Geistlichen Drohungen und Unwillen, seine neugegründete Zeitung nicht aufgegeben, sondern arbeitete thätig daran fort, und es war fast, als ob der Eifer seines Strebens, wenn ihm auch das schöne Ziel _nach_ dem er strebte, entrissen worden, eher vermehrt und genährt, als vermindert wäre. Für die Kinder des alten Schullehrers Kleinholz mußte jetzt freilich, da ihr Ernährer gestorben war, die Gemeinde sorgen, und sie wurden deshalb theils bei Handwerkern, theils auf Bauergütern, und zwar alle ziemlich gut untergebracht -- die armen Kleinen, die noch fast keine Jugendlust gekannt, waren an Arbeit und Entbehrung gewöhnt, und fanden sich, als der erste Schmerz der Trennung von der einstigen Heimath überstanden war, leicht in ihre neue, jedenfalls körperlich verbesserte Lage. Nur Lieschen mochte nicht mehr zu fremden Leuten ziehn, und folgte gern und freudig jetzt, da ihr armer alter Vater unter der Erde ruhte, und ihrer nicht bedurfte, und sie auch alle die Geschwister besser versorgt sah, als sie selbst hätte für sie sorgen können, der Einladung, ja der Bitte Sophiens, sie über das Meer hinüber zu begleiten. Die Vergangenheit lag wie ein dunkler Schleier hinter ihr, und ihrer treuen hoffenden Seele zeigte die Zukunft nur Freude, Glück und Segen.

Der alte Musikant wanderte, als er sein einziges Kind beerdigt, in die Residenz -- Wahlert, der ihn nach der Tochter Tod gefunden, und ihm des Oberpostdirectors Schein überliefert hatte, sorgte auch noch weiter für ihn, und verschaffte ihm durch einen Freund dort eine zwar beschränkte, aber doch sichere Stellung, in der er sein Brod und einen Wirkungskreis für seine Thätigkeit fand.

Was jene drei, an Rang verschiedene, an Schlechtigkeit sich gleichstehende Subjecte, den Brandstifter Krautsch, den Oberpostdirector von Gaulitz und den Dieb Poller betrifft, so erhielten die beiden ersteren ihren verdienten Lohn -- Krautsch wurde des Brandstiftens überwiesen, und in außergewöhnlich schneller Gerichtspflege zu zehnjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, und der Herr von Gaulitz, dem Poller mit dem größten Theil seines Vermögens durchgegangen war, blieb von dem Sturz gelähmt, und mußte Zeitlebens an Krücken gehn. Poller entkam, wenigstens hat man bis heute noch keine Spur von ihm gefunden, und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es ihm gelungen, der Richtung entgegen, in der man ihn vermuthete und verfolgte, nach Stettin zu entkommen, von wo aus er leicht auf dänisches Gebiet übersetzen konnte.

Und erreichte Wahlert, nach was er strebte? -- Gelang es dem Schulmeister, sein schönes Ziel zu gewinnen, und seinem Stand die Stellung zu sichern, die ihm gebührte? -- fand Lieschen ihren Fritz in dem weiten Amerika, und des Pastors holdes Töchterlein das Glück, das sie an der Seite des Geliebten erwartet? -- Lieber Leser, ich müßte prophezeihn können, wollte ich Dir das Alles jetzt schon verkünden -- wir schreiben heute den zehnten März 1849, und dieses, wie das nächste Jahr wird Deutschlands Entwickelung bestimmen. Interessirt es Dich dann noch, so erzähle ich Dir weiter, wie es mit unseren Freunden in der neuen und alten Welt geworden, und Du folgst mir dann auch vielleicht mit mehr Ruhe und Aufmerksamkeit über das weite blaue Meer, als Du jetzt, wo Du den Kopf daheim voll Sorg' und Arbeit hast, mir folgen würdest -- bis dahin also auf ein frohes, freudiges Wiedersehn.

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen:

Seite 4: "«" eingefügt (Hier ein Schütze -- ach --«)

Seite 7: "iu" geändert in "in" (da darf man nicht hineinschießen in die _Hunde_)

Seite 11: "«" entfernt (man darf ja doch nicht zwischen sie hinein schießen.)

Seite 16: "«" eingefügt (in de Residenz als en Wilddieb -- verstanden?«)

Seite 18: "erklärte" geändert in "erklärten" (und erklärten hier nun unverschämt genug)

Seite 19: "»" eingefügt (»so können wir's ihnen nicht verwehren)

Seite 19: "»" entfernt (es ist Geschmackssache und ihre eigene Schuld)

Seite 32: doppeltes "und" entfernt (rasch und ungeduldig hin und wieder schritt)

Seite 35: "»" entfernt (Der Oberpostdirector entfärbte sich leicht)

Seite 41: "«" eingefügt (»und ich will gern Alles thun, was --«)

Seite 42: "nm" geändert in "um" (Bitte um Verzeihung, Herr von Gaulitz)

Seite 44: "," eingefügt (forschend an, »Mensch)

Seite 47: "«" eingefügt (»Poller -- Poller!« rief der Oberpostdirector)

Seite 48: "," eingefügt (Wahlert aber ergriff seinen Arm, zog ihn mit sich)

Seite 48: "." geändert in ":" (nach der Thür und sagte hier rasch und leise:)

Seite 49: "," eingefügt (sagte Wahlert, »Sie haben keine Secunde mehr zu verlieren!«)

Seite 49: "des" geändert in "das" (brachte ihn vor das Gut hinaus)

Seite 72: "»" eingefügt (»Sie wissen, daß ich in früherer Zeit)

Seite 73: "«" eingefügt (und thäten Sie es doch, wären Sie ungerecht.«)

Seite 75: "Diaconns" geändert in "Diaconus" (was den _Diaconus_ als unerträglich drückte)

Seite 76: "." geändert in ":" (herzlich, aber dennoch mit einem leisen Vorwurf im Ton:)

Seite 78: "d e" geändert in "die" (sagte Sophie, die bis dahin, dem Gespräch still aber)

Seite 81: "Bilderu" geändert in "Bildern" (flog in lieblichen lockenden Bildern zauberschnell)

Seite 84: "eine" geändert in "ein" (oder ob es wieder ein leiser Vorwurf sein sollte)

Seite 103: "abgegewendet" geändert in "abgewendet" (Kopf auch nicht so tief gesenkt und vom Lichte abgewendet)

Seite 104: "«" eingefügt (Lob jetzt und immerdar.«)

Seite 105: "dem" geändert in "den" (nach den hellerleuchteten Fenstern der Uebrigen hinüberschauen)

Seite 106: "," eingefügt (Lieschen trat vor die Thür, ah -- jetzt hörte sie)

Seite 117: "beschäftig" geändert in "beschäftigt" (mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt schien)

Seite 118: "»" eingefügt (brummte der Alte, »die Nächte draußen in Kälte und Nebel)

Seite 122: "»" eingefügt (und lachte dann -- »was Lustiges wollen die Bauern haben)

Seite 133: "stüsterte" geändert in "flüsterte" (flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme)

Seite 134: "«" eingefügt (laß die Possen -- wir wollen lieber schlafen gehn.«)

Seite 136: "«" entfernt (Hier ist -- hier kommt die Braut!)

Seite 161: "denn" geändert in "den" (so schnell er konnte, den Wagenschuppen wieder zu erreichen)

Seite 169: "«" entfernt (von dem der Feuerlärm hertönte.)

Seite 176: "überwundenen" geändert in "Überwundenen" (faßten ihn und warfen den Überwundenen zu Boden nieder)

Seite 183: "benfalls" geändert in "ebenfalls" (wie ich Ihnen hier vorher bemerken möchte, ebenfalls so)

Seite 184: "«" eingefügt (Daß man -- zum Betteln sehen kann!«)

Seite 185: "»" eingefügt (»Weil Siegellack so spröde ist)

Seite 190: "«" eingefügt (»Ah --« schrie der Schuster und zeigte lachend)

Seite 213: "abe" geändert in "aber" (aber Du lieber Gott, man muß in jetziger gedrückter Zeit)

Seite 232: "," entfernt (an der Seite des Geliebten erwartet? -- Lieber Leser)]