Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band.
Part 8
Dem jungen Poller schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust -- der Augenblick der Entscheidung rückte immer näher und sein Vater saß wie Blei -- wenn er _den_ nicht zur rechten Zeit aus dem Zimmer -- denn hier in der Krankenstube selber lag das Geld -- entfernen konnte, war die ganze Sache, die ganze Gefahr, der sich Krautsch aussetzte, umsonst gewesen -- Krautsch? ei beim Teufel, der kümmerte ihn wenig -- aber er selber -- wer weiß denn, ob sich so günstige Gelegenheit ihm wieder bot -- seine ganze Hoffnung ruhte jetzt noch allein auf dem Feuerlärm.
Der Kranke war, nach dem heftigen Toben, in eine Art Erschlaffung und Abspannung gefallen, die sich bald in einen Halbschlaf verwandelte. -- Der alte Poller saß in der Ecke, im großen Sorgenstuhl des Herrn und fing, ebenfalls zum Tod erschöpft, gerade ein wenig an einzunicken -- die Schlüssel zum Schrank lagen dicht neben dem Bette des Gutsherrn, und das einzige Gefährliche bei der Sache schienen dem jungen Bösewicht ein paar geladene Pistolen, die stets und zwar so niedrig über dem Bett und zu Köpfen des Herrn hingen, daß er sie jeden Augenblick mit ausgestrekter Hand erreichen konnte.
Entfernen durfte er die Waffen nicht -- der Director selbst, oder sein Vater wenigstens, hätten das augenblicklich bemerkt und natürlich Verdacht geschöpft -- wie aber wenn es ihm gelang die Zündhütchen herunter zu bringen? -- Der Versuch mußte jedenfalls gewagt werden, denn Karl Poller hatte allen Respekt vor Schießgewehren, und der Oberpostdirector schoß ziemlich gut. Beim gewöhnlichen Stande des Bettes wär' ihm jedoch ein solches Vorhaben ganz unmöglich gewesen, denn sobald das Bett dicht an die Wand gerückt stand, würde er natürlich nur darüber hin an die Waffen gekonnt haben, jetzt aber und bei dem Leiden des Kranken, der fortwährend Schmerz empfand und anders gelegt sein wollte, war es nöthig geworden das Bett etwas, wenn auch nur wenig, von der Wand abzurücken, damit Jemand dahinter treten und von dort aus heben konnte.
Der alte Poller schlief wirklich, oder lag doch wenigstens mit geschlossenen Augen so fest und bequem an das Kissen angelehnt, daß nicht zu fürchten war, er würde durch das eigene schwerfällige Einnicken, wie das manchmal geschieht, plötzlich wieder aufwachen. Der Oberpostdirector athmete ebenfalls laut, und hielt noch dazu das Gesicht der Stube zu, also von der Wand abgekehrt. Karl schlich auf den Zehen zum Kopfende des Bettes, wo eine Menge Medicinflaschen standen, und blieb hier eine Weile stehn. Die Uhr im Zimmer schlug in dem Augenblick halb, und er wollte erst abwarten ob der laute Schlag nicht etwa die Schläfer störe -- nein -- sie veränderten ihre Lage nicht und der junge Bursche stand im nächsten Moment, geräuschlos zwischen der Wand und dem Bette hingleitend, vor den Pistolen. Mit diesen wußte er übrigens gut genug umzugehn, da er das Schießzeug seines Herrn stets rein und im Stande zu halten hatte -- rasch und geschickt entfernte er deshalb auch die gefährlichen Kupferhütchen und nahm sie, damit selbst ihr Fall kein Geräusch verursache, bis er die Waffen wieder an ihrem Ort gehangen, in den Mund.
So schnell er konnte, verließ er dann den für ihn so gefährlichen Platz und gleich darauf auch das Gemach, denn wenn der Feuerlärm, was jetzt jeden Augenblick geschehen konnte, entstand, durfte er nicht im Krankenzimmer sein, weil sonst natürlich niemand anders als gerade er auch fortgeschickt wäre, zu sehn was es gäbe. Mußte also nun »sein Alter« gehn, wie er bei sich und in leisem Brüten erwog, so kam er rasch zurück -- mit dem Kranken wurde er bald fertig, wo das Geld lag wußte er genau, und ehe man an seine Verfolgung denken konnte, war er in der dunklen Nacht draußen entkommen. _Seine_ Vorbereitungen für das Weitere hatte er ebenfalls alle auf das Beste getroffen und harrte jetzt draußen im dunklen Gang mit fieberhaft klopfenden Herzen und immer wachsender Ungeduld auf das Zeichen -- auf den Lärmen von den Scheunen her.
Als er die Thür hinter sich zuzog, fuhr sein Vater im Stuhl auf, rieb sich die Augen und schaute verwundert umher; es war etwas kalt im Zimmer geworden -- es fröstelte ihn und er stand auf und ging, die Hände rasch aber geräuschlos zusammenreibend, zum Ofen, um dort nach zu legen und die Lampe, die ebenfalls düster brannte, etwas höher zu schrauben.
Der Oberpostdirector schlief noch immer, oder öffnete doch wenigstens die Augen nicht -- die Uhr hob aus, um neun zu schlagen!
Der alte Poller drückte die Kohlenschaufel langsam und vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, unter die Braunkohlen, und wollte sie eben wieder gefüllt herausheben, als er innehielt, und aufmerksam nach dem Hof hinüberschaute. -- Ein dumpfes unbestimmtes Geräusch drang von dort zu ihm herüber und es war ihm beinahe, als ob er den Ruf »Feuer« verstanden hätte. Er ließ die Schaufel in den Kohlen stecken, richtete sich empor, und schlich auf den Zehen zum Fenster zurück. -- Der Lärm draußen wurde immer lauter -- auf dem Hof unten liefen die Leute hin und wieder und es mußte jedenfalls irgend etwas ganz außergewöhnliches vorgefallen sein.
Das Fenster durfte er nicht öffnen, denn der Kranke war besonders gegen kalte Luft empfindlich, er wollte also eben leise zur Thüre zurück, um seinen Sohn zu rufen, daß der einmal nachsehn könne, was vorgefallen wäre, als er jetzt ganz deutlich und bestimmt den Ruf von unten her ertönen hörte. --
»Feuer! -- haben sie ihn?«
»Was ist? -- was giebts?« sagte der Oberpostdirector, und drehte den Kopf nach dem Fenster zu -- »was ist das für ein Lärmen, Poller?«
»Ich weiß wirklich nicht, Herr Oberpostdirector,« erwiederte der alte Mann etwas ängstlich, denn er fürchtete nicht mit Unrecht nach solcher Nachricht die zu große Aufregung des Kranken, und hoffte dabei noch immer, daß die Sache vielleicht gar nicht so schlimm sei, und bald wieder beseitigt werden könne. »Ich weiß wirklich nicht -- irgend ein Betrunkener, wahrscheinlich -- eine Schlägerei oder etwas derartiges -- ich will doch gleich einmal nachsehn lassen.«
Er ging rasch nach der Thür, öffnete diese und rief hinaus:
»Karl -- Karl! -- Wo der Schlingel nun wieder steckt -- Karl -- Karl!«
»Das ist ein nichtsnütziger Bube!« stöhnte der Kranke -- »und ich habe mich jetzt genug mit ihm geärgert -- er soll mir morgen am Tag aus dem Hause -- wo bleibt der verdammte Schuft -- kommt er?«
»Nein, Euer Gnaden,« sagte der Alte, der eine kleine Weile auf den dunklen Gang hinausgehorcht hatte -- »ich höre noch Nichts -- Karl -- Karl! -- Christoph -- Hans!«
Es hörte ihn Niemand; der gerufene Karl kauerte allerdings kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt, hinter der dunklen Treppe, die in das obere Stock hinaufführte, wartete aber nur darauf, daß sein Vater das Zimmer verlassen sollte, und dachte gar nicht daran, dem Ruf Folge zu leisten.
»Das weiß der liebe Gott, das ganze Haus muß auf den Beinen sein, es ist, als ob es ausgestorben wäre,« brummte Poller vor sich hin, als er die Thüre wieder schloß.
»Feuer?« fragte der Gutsherr plötzlich, und suchte sich, erschreckt, und seine Leiden vergessend, aufzurichten, fiel aber gleich wieder mit einem leisen Schmerzgestöhn auf sein Lager zurück -- »Feuer?« wiederholte er nach kleiner Pause -- »mir war es, als ob ich draußen >Feuer< rufen hörte -- Poller!«
»Euer Gnaden --«
»Lauf einmal rasch hinaus, und bring mir -- Jesus, wie das wieder sticht -- und bring mir Nachricht, was es giebt -- ob -- ob Feuer ist, und -- und wo es brennt -- aber schnell -- schnell!«
»Und ich soll Euer Gnaden so lange hier allein lassen?« frug der alte Diener.
Der Lärmen draußen wurde immer lauter, das Hin- und Herlaufen der Menschen immer ärger.
»Mach rasch -- mach rasch!« rief ungeduldig werdend der Gutsherr, »soll ich denn Alles hundert Mal sagen, und mir um jeder Kleinigkeit willen die Galle an den Hals ärgern -- fort mit Dir.«
Der alte Poller schüttelte mit dem Kopf, wußte aber auch nur zu gut, daß hier weiteres Einreden gar Nichts nützen würde, sondern griff nur nach seiner Pelzmütze, die neben der Thür auf dem Stuhl lag, und verließ das Zimmer.
Kaum konnte er Zeit genug gehabt haben, das Hausthor zu erreichen, und eben waren erst seine Schritte im Gang verhallt, als sich die Thür des Zimmers wieder öffnete, und Karl Poller schnell aber geräuschlos herein glitt.
»Nun?« frug der Gutsherr, der die Augen wieder geschlossen, -- »was ist's, Poller -- Feuer?«
Karl antwortete nicht, sondern schob rasch den Riegel vor, und trat zum Tisch, von dem er die Schlüssel aufgriff. Beim Klappern derselben sah der Kranke plötzlich auf -- sein Blick begegnete dem des Diebes, und der Instinct fast sagte ihm, was das unstäte, wilde Auge, das scheue Wesen des Burschen, und seine Unruhe bedeuteten.
»Was willst Du mit den Schlüsseln, Schurke!« schrie er, und versuchte, aber vergebens, sich auf seinen Ellbogen empor zu richten -- »laß die Schlüssel liegen, sag' ich -- Canaille!« --
»Brauche sie jetzt einen Augenblick selber,« lachte aber der junge Bösewicht mit einer Art triumphirender Bosheit, »will mir nur einen kleinen Vorschuß erbitten, um die Auswanderung eines sehr guten Freundes -- wie Herr Doctor Strohwisch immer sagte, damit bestreiten zu können -- bloß ein paar hundert Thaler.«
»Schuft Du -- diebische Bestie -- willst Du die Schlüssel hinlegen!« schrie jetzt der Oberpostdirector, heiser vor Wuth, und griff nach seinen Pistolen an der Wand -- »willst Du, Canaille?«
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« grinste der Dieb -- »bedienen Sie sich gefälligst,« -- und mit rascher, gewandter Hand öffnete er blitzesschnell den Schrank, und griff rasch nach dem Geldsack, der hinten, an dem ihm wohlbekannten Platz in der Ecke stand.
»Räuber!« rief erschreckt der Kranke -- spannte den Hahn des Pistols, zielte, und drückte auf seinen Bedienten ab. Der Hahn schlug aber machtlos nieder, -- die Kraft fehlte, die allein den Schuß hätte entzünden können. Poller lachte nur; der Herr von Gaulitz hatte schon die andere Waffe erfaßt, spannte den Hahn, und drückte fast in demselben Moment auch diese ab -- »Teufel« -- knirschte er aber, als auch diese versagte, und in machtloser Wuth schleuderte er das untreue Rohr nach dem Verbrecher -- es fiel machtlos vor ihm nieder.
»Hülfe!« tönte da die gellende Stimme des Verzweifelten, der sich in machtloser Wuth, und trotz des rasenden Schmerzes, mühte sich emporzurichten -- »Hülfe -- Hülfe -- Hülfe!« umsonst, er brach halb ohnmächtig auf seinem Lager zusammen, und der Dieb sprang eben aus der einen Thür, die nach dem Thor zuführte, hinaus, als der alte Poller wieder zurückkam, seines Herrn Hülferuf (der aber von dem übrigen Gesinde, wenn es wirklich in der Nähe gewesen, doch nicht beachtet wäre, da der Kranke schon einen großen Theil des Abends so geschrien) vernommen, und nun zu seinem nicht geringen Entsetzen die Thür von innen verriegelt fand. Vergebens pochte und schlug er daran, sie wurde nicht geöffnet, dann lief er zurück, um durch die andere, durch die sein Sohn eben das Zimmer verlassen, zu seinem Herrn zu kommen, doch auch hier hatte der schlaue Räuber den Schlüssel umgedreht und mitgenommen, und ehe sich der alte ängstliche Mann entschließen konnte, förmlich einzubrechen, ja ehe es ihm nur mit seinen schwachen Kräften, allein und von allen verlassen, wirklich gelang, und er nun im Stande war, von dem, seiner Sinne kaum mächtigen Kranken die fürchterliche Wahrheit zu erfahren, hatte der Dieb schon einen solchen Vorsprung gewonnen, um bei Nacht, selbst in ruhiger Zeit jeder Verfolgung spotten zu können. Jetzt aber, in diesem Lärm und Aufruhr, und in der Verwirrung, die auf dem ganzen Gute herrschte, wäre eine solche nur um so erfolgloser gewesen.
Allerdings sandte der Alte gleich Leute nach allen Richtungen, um wenigstens seine Schuldigkeit gethan zu haben, ließ auch den Jäger hinüberschicken, und diesen gleich auf's Schloß bescheiden, der Bote aber brachte nach etwa einer halben Stunde die Nachricht, der alte Holke sei mit einem Zeichenschläger im Walde draußen, und werde auch vor tiefer Nacht nicht wieder zu Hause kommen, und die Verfolger kehrten ebenfalls unverrichteter Sache wieder. Was überhaupt noch geschehen konnte, mußte jedenfalls am nächsten Morgen geschehen.
Neuntes Kapitel.
Der Brandstifter.
Indessen müssen wir aber doch wohl einmal wieder zu dem Genossen des Diebes zurückkehren, der den kaum minder gefährlichen Auftrag des Brandstiftens auszuführen hatte, und zu diesem Zweck auch schon um acht Uhr, im Wagenschuppen über dem noch eine Partie Reisigbündel lagen, sein Versteck gewählt hatte. Hier nun hätte er seine Absicht mit größter Leichtigkeit und fast ohne Gefahr ausführen können, hier war aber das Hinderniß, daß der Wagenschuppen eigentlich mit keinem größeren Gebäude in Verbindung, ferner doch wieder zu sehr in der Nähe der herrschaftlichen Wohnung, und überhaupt so stand, um schwerlich große Besorgniß zu erregen, wenn er wirklich brennen sollte. Auf die Verwirrung im Gut war aber großentheils sein Plan gebaut, und gelang es ihm nicht, die hervorzubringen, so war Poller vielleicht nicht einmal im Stande, das Geld zu bekommen, und die ganze Mühe und Angst umsonst gewesen.
Es blieb keine andere Wahl, als die etwas gefährliche Expedition gegen die Scheunen zu unternehmen, und so wie sich der Hof ein wenig beruhigte, d. h. so wie die Knechte ihre Pferde, die Mägde ihre Kühe besorgt, und sonst ihre ganze Tagesarbeit beendet hatten, und nun in die Gesindestube gingen, die ersteren, um sich faul auf die Bänke auszustrecken, die letzteren noch bis um zehn Uhr für die Herrschaft zu spinnen, da schlich er langsam und vorsichtig aus seinem Versteck heraus, drückte sich, immer dabei im dunkeln Schatten der Mauern bleibend, über den Hof hinüber und an den Ställen vorüber, und erreichte eben das Obertenne, als er Schritte dicht hinter sich hörte. Es blieb ihm weiter Nichts übrig, als sich rasch hinter ein paar Schiebkarren zu werfen, die umgekehrt neben der Düngergrube standen, und dort zu warten, bis sich die unwillkommenen Störer entfernt hätten.
Es war der Verwalter mit dem Brenner, die neben einander auf dem schmalen, zwischen den Schweineställen und der Düngergrube liegenden steinernen Damm hingingen, und der letztere sagte, gerade als sie bei Krautsch vorübergingen, zum Verwalter:
»Sie können sich darauf verlassen, ich habe Jemand dort drüben an der Mauer hin und hierher zu schleichen sehen; es war jedenfalls ein Mann, der es um jeden Preis zu vermeiden schien, von Jemand gesehen zu werden. Jeder Andere, der ruhig seinen Weg hier hinter zu ging, wäre mir ja sicherlich gar nicht aufgefallen.«
»Ja, aber was soll denn Einer hier hinten zu suchen haben?« sagte der Verwalter, und blieb vielleicht zehn Schritte von Krautsch stehn -- »Die Scheunen sind verschlossen -- Schweine kann er nicht stehlen, denn er bringt sie unbemerkt gar nicht aus dem Hof, und Getreide? da müßte er erst durch die Ställe zu den Thüren, und das wäre doch sehr viel gewagt. Uebrigens sah ich auch Niemand, wir sind jetzt fast durch den ganzen Hof gegangen, und hier kann sich doch wahrhaftig Keiner groß verstecken -- er müßte denn unter dem Schiebkarren dort liegen.«
Krautsches Herz schlug ihm wie ein Hammerwerk in der Brust -- wurde er hier versteckt gefunden, so war er jedenfalls verloren, denn dann kam auch mehr zur Sprache, als gerade der jetzige Verdacht. Und noch dazu das verdammte Feuerzeug, das er bei sich trug, hätte das nicht auf das vollständigste gegen ihn ausgesagt? -- Er fuhr schnell mit der Hand in die Tasche, griff den verrätherischen Brennstoff auf und wollte sich hinunter auf den Dünger fallen lassen, als der Brenner zum Verwalter sagte:
»Wenn wir nun einmal in den Ställen nachsähen? -- hier draußen wird er sich schon nicht verhalten -- ist er irgendwo hier, so kann er kaum bis in den Pferdestall gekommen sein.«
Krautsch athmete wieder hoch auf -- gingen sie in den Pferdestall, so konnte er sich zu einem sicheren Ort zurückziehn, und bessere Zeit abwarten -- im schlimmsten Fall wenigstens entkommen. -- »Gott sei Dank,« murmelte er leise -- sie gingen wirklich auf die Stallthüre zu -- traten hinein -- jetzt war kein Augenblick Zeit mehr zu verlieren -- er richtete sich auf, um, so schnell er konnte, den Wagenschuppen wieder zu erreichen, knirrschte aber auch gleich darauf einen wilden Fluch zwischen den zusammengebissenen Zähnen, als er in demselben Moment, gerade von daher, wohin er wollte, Schritte und Stimmen hörte. Er hielt sich schon für entdeckt, und machte sich nur bereit, die erste Ueberraschung der Kommenden zu benutzen, neben ihnen hin Bahn, und dadurch Vorsprung zu gewinnen, und wenigstens seine eigene Person in Sicherheit zu bringen, da stieß er auf den schmalen Damm und, hinter einen kleinen Vorbau der niederen Ställe tretend, an eine nur angelehnte Thür -- der Koben war jedenfalls leer, und ohne sich auch nur einen Moment zu besinnen, ja nicht einmal der Gefahr gedenkend, der er ausgesetzt wäre, wenn Jemand zufälliger Weise von außen den Riegel vorschob, schlüpfte er hinein, und zog die Klappe hinter sich zu.
Gleich darauf kamen der Verwalter und Brenner wieder aus den Pferdeställen zurück, gingen einzeln rings um den Hof herum, sprachen einige Minuten mit den letzten, deren Stimmen Krautsch gehört, und gingen dann wieder nach vorn; es war jetzt ebenfalls für sie Essenszeit und ihr Suchen doch erfolglos geblieben.
Krautsch getraute sich noch eine lange Zeit danach nicht aus seinem, so glücklich gefundenen Schlupfwinkel heraus, die Zeit verrann aber auch mehr und mehr, auf der Gutsglocke hatte es schon lange ein Viertel geschlagen, und ein Entschluß mußte endlich gefaßt werden. Vorsichtig recognoscirte er jedoch erst, ob die Luft rein sei, ehe er seinen duftenden Bau verließ. -- Es war kein Mensch mehr zu hören noch zu sehen -- der Hof lag in Todtenstille, nur dann und wann scholl das dumpfe Brüllen einer Kuh, das Blöken eines Kalbes, oder das Scharren und Schlagen eines noch unruhigen Pferdes durch die schweigsame Nacht. Auch der Himmel schien dem Vorhaben günstig, der Wind fing an ziemlich scharf zu wehen und es wurde recht bitter kalt, Krautsch war wenigstens, trotz seiner sehr warmen Kleidung, halb erstarrt, und konnte seine Finger kaum regen.
Schon deshalb durfte er aber auch keine Zeit verlieren -- rasch trat er also aus dem Koben heraus, sprang auf den hart gefrorenen Dünger hinunter, auf dem er unbemerkter nach den Scheunen hingelangen konnte, und erreichte bald eine günstige Stelle, an der er hoffen durfte, sein bübisches Vorhaben rasch und unentdeckt ausführen zu können.
Es war dieß der Ort, an dem die Düngergrube gerade da in eine ziemlich scharfe Spitze auslief, wo das Ober- und Untertenne durch ein niederes kleines Haus, in denen Strohschneidemaschinen etc. standen, getrennt wurde; dort lagen gerade heute Abend etwa ein Dutzend Schütten Stroh, welche die Knechte liegen gelassen hatten, um erst zum Abendbrod zu gehen und nachher die Schlüssel zu der Kammer gleich mitzubringen. An diese drückte er sich hinan, sah sich vorher noch einmal schüchtern um -- es war kein Mensch zu sehen -- entzündete rasch einige Schwefelhölzer, und an diesen ein kleines Packet, das er aus Schwefelfaden, Schwamm, und anderen leicht brennbaren Sachen zusammengewickelt bei sich trug, und schob diese _mit_ seinem Feuerzeug, damit man selbst im ungünstigsten Falle, daß er doch noch erwischt würde, keine Beweise des Brandstiftens bei ihm finde -- in eins der Löcher hinein, die unten in den Scheunen stets angebracht sind, damit das innen aufbewahrte Getreide auch hinlänglich Luft habe, und nicht modere und verderbe.
Das Knistern und Knattern drinn verrieth ihm bald, daß sein Verbrechen gelungen sei -- er stopfte also schnell etwas leichtes Stroh von außen hinein, daß man die Gluth vom Hof her nicht so leicht erkennen und zu schnell dagegen einschreiten könne, und sprang dann ohne einen weiteren Augenblick zu verlieren, in die Grube zurück, jetzt das Uebrige dem Geschick überlassend, und nur einzig und allein darauf bedacht, seine Flucht glücklich zu bewerkstelligen.
Unbemerkt hatte er auch schon, wie er meinte, das Ende des hinteren Hofes und die Stelle erreicht, wo neben dem Herrenhaus die Gesindestuben, die Verwalterei, Brennerei und noch einige andere Gebäude lagen, und eben wollte er über den freien Platz hinlaufen, um das noch offene Thor zu gewinnen, als plötzlich, aus der dunklen Thür der Brennerei eine ziemlich breite kräftige Gestalt, ohne ein Wort zu sagen, vorsprang, und ihm den Weg abschnitt. Krautsch stutzte einen Moment, und war noch ungewiß, ob er suchen sollte vorbei zu kommen und einen möglichen Angriff zurück zu schlagen? -- Wie aber, wenn sich die beiden Fäuste da in seine Kleider hingen, oder ihn umklammerten, und trotz alles Widerstandes doch festhielten? Die Gedanken zuckten ihm mit Blitzesschnelle durch den Kopf, und fast unwillkührlich wandte er sich zu gleicher Zeit wieder seitwärts ab, seinem früheren Versteck, dem Holzschuppen zu. Kaum aber sah jener zu so ungelegener Zeit erstandene Verfolger, daß der, auf den er bis dahin nur den dunklen Verdacht böser Absichten gehabt, zu entfliehen suchte, als er den auch völlig bestätigt fand und nun laut nach Hülfe rief, um den Flüchtigen einzufangen.
Krautsch war's, als er den lauten Ruf hinter sich hörte, und nun ganz genau wußte, was ihm, wenn er eingefangen würde, bevorstand, gerade so zu Muthe, als ob ihm Jemand ganz plötzlich und unerwartet einen Kübel eiskaltes Wasser über den Leib gegossen hätte; er floh nun in raschen Sätzen der Stelle zu, wo die Pflüge und Eggen theils aufgeschichtet, theils in Reih und Glied umgedreht und geordnet standen, und hoffte, wenn er über die wegsetze, seinen Verfolger entweder abzuhalten, oder doch zwischen dem Ackergeräth zum Fall zu bringen. Dieser aber -- der Brenner, der, wie wir schon früher gesehn, zuerst dem Verwalter seinen Verdacht mitgetheilt, und dann aufgepaßt hatte, ob er den Eingeschlichenen vielleicht doch noch ertappen könne -- war zu genau mit dem Terrain bekannt, um in eine solche Falle gleich zu gehen. -- Er wußte recht gut noch, nach welcher Richtung hin der Unbekannte einzig und allein nur fliehen könne; er brauchte deshalb also gar Nichts weiter zu thun, als ihm den Weg nur so lange abzuschneiden, bis er Hülfe bekam, und nachher durfte Jener gar nicht mehr hoffen zu entkommen.
Aus der Gesindestube traten in diesem Augenblicke schon einige, durch den lauten Ruf herausgelockte Knechte, die Krautsch kaum sah, als er die Richtung einschlug, als ob er gerade wieder nach den hinteren Tennen zurückflüchten wolle, dann aber plötzlich rechts ab einen Haken schlug, und dadurch den Brenner irre zu leiten suchte. Der aber war nicht so leicht anzuführen, denn er wußte gut genug, es könne dem so heimlich eingeschlichenen Gesellen nur daran gelegen sein, wieder aus dem Thor zu entkommen, und _den_ Ausweg hielt er deshalb fest und unerschütterlich besetzt.
»Feuer!« tönte da plötzlich der Schreckensruf aus dem hinteren Theile des Hofes vor -- »Feuer -- Feuer in den Scheunen Feuer! --«
Das Wort flog von Mund zu Mund und Alles wandte sich, den bisher Verfolgten ganz vergessend, nach der Gegend zu, von wo aus der Ruf herüber drang. Krautsch wußte aber, daß jetzt für ihn, und zwar vielleicht nur auf Momente, die Zeit gekommen sei, der immer gefährlicher werdenden Lage zu entgehen, rasch also seinen Entschluß fassend, sprang er über die ihm nächsten Pflüge, gerade auf das Thor zustrebend hin, stieß den einen Knecht, der sich hier aufgestellt, mit verzweifelter Kraftanstrengung zur Seite, und hatte fast schon die Stelle erreicht, wo ihm selbst der etwas plumpere, aber auch stärkere Brenner nicht mehr hätte erreichen können, als dieser sich von seinem ersten Schrecken erholte, schnell zufahrend den gerade an ihm Vorbeisetzenden erwischte, und mit dem lauten Ausrufe:
»Haltet ihn -- haltet den _Mordbrenner_!« festhielt.