Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band.
Part 7
»Ich begreif es nicht, daß Du Dich an _den_ Kerl hängen konntest« brummte der Musikant endlich -- »daß _der_ Dich sitzen ließe, war doch -- auch ohne all das andere -- an den zehn Fingern abzulesen. Er, der Sohn eines Generalsuperintendenten -- nimm nur einmal den Titel an -- und Du eine gewöhnliche Wirthschafterin -- Unsinn so was ist noch gar nicht dagewesen und fällt auch nicht vor. Die größte Dummheit aber ist's, daß Du Dich jetzt noch darüber sorgst und quälst. _Du_ bist doch, weiß es Gott, sonst gescheut genug, um auch _das_ vorhergesehn zu haben.«
»Vater« bat das Mädchen.
»Ach was, es ist wahr -- wenn Du funfzehn, sechszehn Jahr gewesen wärst, da glaubt man vielleicht solchen Firlefanz. Du aber mit ein und zwanzig -- es ist lächerlich.«
»Lächerlich?« rief die Tochter und richtete sich, von der Erregung des Augenblicks hingerissen und mit durch mehr als Fiebergluth gerötheten Wangen hoch auf im Bett -- »lächerlich? Hast Du je gehört, _was_ er und _wie_ er zum Volk gesprochen? Hast Du gehört, wie er für die Proletarier, für die arme unterdrückte Classe mit Wort und Schrift gekämpft, und selbst Kerker und Lebensgefahr nicht scheute, sein schönes herrliches Ziel zu verfolgen? -- Wenn Du je seine Reden an das versammelte, in athemlosem Schweigen lauschende Volk gehört, wenn Du je mit uns Allen hingerissen gewesen wärst von den mächtig ergreifenden Worten, dem feurigen in wilder Begeisterung auflodernden Feuer des Redners -- dann Vater, dann hättest Du, wie ich, geglaubt, daß die Schwüre, die mir der nämliche Mund in heiliger Stunde flüsterte, auch wahr und heilig wären, wie die That, die sie sonst zu edlem Handeln entflammte. Dann Vater hättest Du Dich auch, wie ich, dem süßen Traum hingegeben, das Wesen allein in der weiten großen Welt zu sein, daß _diesen_ Mann, zu dem Tausende und Tausende mit Bewunderung aufschauten, fesseln könnte. O der Gedanke war so schön -- so lieb -- ich war so -- so stolz darin geworden -- -- Vater -- Du wolltest mir ja immer einmal erzählen,« brach sie plötzlich ab, »wie Du eigentlich Deine frühere, so glückliche Laufbahn in der Stadt verlassen, und dazu gekommen wärst -- Dir auf den Dörfern Dein Brod durch Musiciren zu _erarbeiten_ -- jedesmal aber, wenn ich davon angefangen habe, schwiegst Du still, oder sangst wunderliche tolle Lieder und ließest mich nicht mehr zu Worte kommen. Soll ich es heute vielleicht erfahren? -- -- wer weiß was morgen die Zeit bringt -- ich fürchte mich fast vor dem neuen Jahr, und doch freu' ich mich darauf.«
»Hm« sagte der alte Musikant, und legte die Violine still neben sich nieder -- »Ihr Frauen bleibt Euch doch Alle gleich -- Deine Mutter war eben so -- wo Ihr einmal etwas heraus zu bekommen habt, gebt Ihr nicht Ruh noch Rast, und haltet keinen Frieden. Ich weiß aber eigentlich gar nicht, weshalb ich Dir _die_ Geschichte nicht hätte erzählen wollen -- sie ist einfach und unbedeutend genug -- nur das Ende war häßlich -- oder ist vielmehr _noch_ häßlich.«
»Und der Anfang?«
»Nun Du weißt doch, daß ich Musikdirector in G. -- war, und mein gutes Auskommen hatte -- vor zwölf oder dreizehn Jahren aber, wo die Leute verrückt wurden und für lauter alt Klassisches schwärmten und Alles was recht deutsch d. h. verständlich war, mit Nasenrümpfen und über die Achsel ansahen, da kam ich zuerst in Miskredit. Ich hatte alle Achtung vor den todten Meistern und schwärmte besonders für Weber und Mozart, wenn aber etwas Neues, Gutes kam, wollte ich's auch haben, und wollte ihm Achtung verschaffen, und da trat ich zuerst in's Fettnäpfchen mitten hinein. Die >große Welt< wurde wie gesagt aesthetisch -- wollte nichts wie Gluck und Sebastian Bach hören -- ich opponirte, ein anderer trat gegen mich auf, Cabalen wurden geschmiedet und ich -- erlag. Sie schickten mich fort -- Du warst damals bei Deiner Tante in Wien und erfuhrst nichts von der ganzen Geschichte, die Alte starb aber -- hinterließ ihr ganzes Vermögen einer frommen Stiftung -- ihrem im Elend sitzenden Bruder nicht einen rothen Pfennig, und _der_ wurde _Musikant_.«
»Etwas bin ich wohl auch mit schuld an meiner Lage« nahm der alte Mann endlich, nachdem er den Refrain eines kleinen lustigen Liedes halblaut vor sich hingepfiffen, den Faden seiner Erzählung wieder auf -- »aus Mismuth und Aerger, eines protegirten Holzkopfs wegen, der nur an den rechten Stellen zu katzenbuckeln wußte, mein Brod verloren zu haben -- ergab ich mich in etwas dem Trunk -- Deine Mutter bat mich genug, es nicht zu thun -- aber der Wahnsinn hatte sich mir nun einmal in's Hirn gesetzt -- das verdammte Saufen blieb nicht mehr Leidenschaft, es wurde zur Krankheit, und ich selber -- was ich jetzt bin -- Brrrrr -- es ekelt mich manchmal, wenn ich mich selber anfassen soll.«
»Aber wo starb die Mutter?« frag mit leiser Stimme Marie.
»Du kamst damals aus glücklichen Verhältnissen, aus Reichthum und Ueberfluß heraus, in unser Elend,« sagte der Vater, ohne auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten -- »es sah hübsch bei uns aus -- wie? -- Du warst aber ein braves Mädchen, und suchtest und fandest gleich eine Stelle, wo Du arbeiten, und Deinen Vater unterstützen konntest. Ja -- wer einmal Nichts haben _soll_, dem fällt auch die Butter vom Brod herunter -- das ist ein altes Sprichwort, und so wurde es auch bei uns. Na, ich denke, _Du_ hast's ebenfalls erfahren -- aber doch wohl noch nicht so arg, wie Deine Mutter -- die hat traurige Zeiten mit durchgemacht.«
»Und wo starb sie?« sagte noch einmal das Mädchen.
»Gottes Zorn trieb mich damals unter das Lumpenpack, mit dem ich zwei volle Jahre herumzog -- der Trunk hatte mich zum Thier erniedrigt, und ich -- war ein recht schlechter Mensch geworden. -- Ich weiß -- es gab einmal eine Zeit, wo ich -- aber Pest und Donner, ich bin ja heut' Abend förmlich wie ein altes Waschweib, und winsele und lamentire, daß es einen Stein erbarmen möchte. -- Ei zum Henker, wollen einmal wieder trinken -- da vergehen die Grillen, und die Welt bekommt eine ganz andere Farbe. Das verwünschte Bachstetten hab' ich überdieß auf dem Strich, und ich weiß bei Gott nicht, _was_ mich wieder hierher geführt hat, manchmal ist's aber ordentlich, als ob Einen etwas ganz anderes triebe, als der freie Wille, und als ob es eine Art Verhängniß -- ah, meinetwegen -- 's mag kommen -- ich bin fertig.«
»Vater,« sagte die Tochter plötzlich, und berührte seinen Arm -- »die Lampe will ausgehen!«
»Die Lampe?« brummte dieser, der den Kopf auf die Brust gesenkt, in eine Art dumpfes Brüten gefallen war -- »Unsinn, die brennt hell genug.«
Tiefes Schweigen herrschte in dem kleinen, unheimlichen Raum -- draußen schüttelte der Wind die entlaubten Birken, die vor dem Fenster standen, und warf nach einer Weile den Hut in die Stube, den der Alte in die letzte, nicht mit Bretern vernagelte, aber jetzt auch zerbrochene Glasscheibe gesteckt hatte. Meier stand auf, drückte den Hut wieder auf seinen alten Platz, denn der scharfe Luftzug, der durch die Oeffnung hereinpfiff, drohte das Licht zu verlöschen, legte dann einen Stein hinein, und setzte sich wieder auf die Bettkante nieder.
»Vater -- mir ist recht wunderlich zu Muthe,« sagte da plötzlich das Mädchen, und versuchte, sich auf ihrem Lager emporzurichten -- »ich wollte -- ich wollte, _er_ wäre hier.«
»Er? -- wer?« knurrte der Alte -- »nenn' mir noch einmal den Kerl, und sieh dann, was ich thue -- hol' ihn der Böse mit seinen Redensarten und Versprechungen -- hätte er _eine_ gehalten, so lägen wir jetzt nicht hier und bliesen Trübsal.«
»Hätt' er nur damals -- meinen Brief -- gelesen --« flüsterte das Mädchen in abgebrochenen Sätzen, und eine eigenthümliche Unruhe wurde in ihrem ganzen Wesen bemerkbar -- ihr Vater achtete nicht darauf, er vertiefte sich mehr und mehr in seinen Gedanken, und horchte nur einmal aufmerksam lauschend auf, als die Thurmuhr draußen langsam und schwerfällig drei Viertel schlug.
»Wie viel Uhr ist das, Vater?«
»Drei Viertel auf zwölf -- 's wird gleich Mitternacht sein, und dann -- springen wir in's neue Jahr hinein. Beim Himmel, beinahe so ein Sylvester wie vor drei Jahren -- und gerade die Stelle wieder -- ich muß mir nur noch ein Glas Grog machen -- das hilft.«
»Vater!« sagte da das Mädchen mit kaum hörbarer Stimme -- »nimm doch -- nimm doch den Hut -- den Hut wieder aus dem Fenster heraus -- es wird -- es wird so heiß -- so schwül hier.«
Der alte Mann sprang wie von einer Kugel getroffen in die Höhe, sah erst seine Tochter ein paar Secunden mit stieren, fast aus ihren Höhlen drängenden Augen an, sprang dann nach der Lampe, griff diese auf, und hielt sie hoch über seinem Kopf gegen der Tochter Lager, daß der helle Schein des flammenden Dochtes auf die bleichen, geisterhaften Züge des armen Kindes fiel.
»Marie -- Mädchen -- Kind!« schrie er dabei mit zitternder, von Todesangst fast erstickter Stimme -- »was ist Dir -- wie siehst Du aus? -- großer -- großer allmächtiger Gott -- und an der nämlichen Stelle, wo vor drei Jahren Deine Mutter starb --«
Marie raffte sich gewaltsam zusammen.
»Was -- hier? -- hier war es?« lispelte sie, und die großen glanzlosen Augen hafteten in einem unbeschreiblichen Gemisch von Schreck und Freude auf dem bleich und bebend vor ihr stehenden Vater -- »hier in dem Haus? -- in der Sylvesternacht?«
Der Alte nickte schweigend mit dem Kopf.
»Wie ist Dir denn jetzt eigentlich, Marie?« sagte er endlich etwas ruhiger -- »Du hast mir einmal einen Schreck eingejagt -- es ist wohl gar nicht so schlimm.«
»In demselben Zimmer, Vater?«
Der alte Musikant nickte noch einmal, und sah sich, fast wie scheu, in dem öden Raume um -- »auf demselben Gestell, auf dem _Du_ jetzt liegst,« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme.
Die Kranke sank wieder in ihre frühere Lage zurück, ein schwaches Lächeln stahl sich um ihre bleichen Lippen, und mit gefalteten Händen murmelte sie einige, dem Vater unverständliche Worte. Endlich streckte sie ihre linke Hand gegen ihn aus, und sagte:
»Vater -- wolltest Du mir wohl eine Bitte erfüllen -- eine Bitte, mit der Du mir eine recht große Liebe erzeigen könntest?«
Der alte Mann war indessen aufgestanden, und mit raschen Schritten im Zimmer hin und hergegangen; augenscheinlich arbeitete er daran, die weiche Stimmung, in der er sich befand, nieder zu kämpfen -- er pfiff bald, bald summte er kurze, abgebrochene Sätze komischer Lieder vor sich hin. Bei der Bitte der Tochter wandte er sich rasch nach dieser um -- sich plötzlich aber besinnend stampfte er mit dem Fuß, murmelte einen halb abgebrochenen Fluch in den Bart, und sagte:
»Ah was -- laß die Possen -- wir wollen lieber schlafen gehn.« Er schien die frühere, augenblickliche Rührung vollkommen abgeschüttelt, und sein rauhes unwirrsches Wesen wieder angenommen zu haben. Der Zustand der Tochter war ihm nämlich zu schnell und überraschend gekommen, und hatte dadurch all' die früheren, schon einmal an diesem Ort durchlebten Schreckbilder heraufbeschworen -- sollte er das aber jetzt dem Kinde merken lassen? -- Gott bewahre -- -- wenn aber nun doch? -- Er heftete den scheuen ungewissen Blick fest und forschend auf das Antlitz der Kranken -- und wie mit einer eiskalten Hand griff's ihm an's innerste Herz. -- In _den_ Zügen stand der Tod -- und dem hatte er schon zu oft in das grauenvolle Antlitz geschaut, um sich darin noch irren zu können -- mit schneller, beruhigender Stimme setzte er hinzu -- »was ist es denn, Marie, kann ich es Dir bringen?«
»Nur noch ein Lied -- sing mir -- sing mir heute Abend -- dann wollen wir uns schlafen legen -- morgen werd' ich schon wieder besser sein -- willst Du, Vater?«
»Was für ein Lied, Marie?«
»Mein Lieblingslied -- die Ballade von -- von der todten Sängerin.«
»Es ist gar so ernst,« sagte der alte Mann, und kämpfte, jetzt die Blicke nicht mehr von dem immer blässer und leichenähnlicher werdenden Angesicht der Tochter wendend, gewaltsam gegen den unbezwingbar in ihm aufsteigenden Schmerz an --
»Die Ballade, Vater!«
Der Vater griff nach der Violine, die Tochter winkte aber bittend mit der Hand --
»Nicht das Instrument,« flüsterte sie -- »die scharfen Töne thun mir weh -- nur Deine Stimme, Vater -- und -- und Deine Hand dazu -- das ist ja Alles, was -- mir noch -- geblieben.«
»Es ist so ein langweiliges Lied,« warf der Vater noch einmal ein, und suchte nur Zeit zu gewinnen, seine Thränen niederzuwürgen -- »wie ist Dir denn, Marie?«
»Gut -- gut, Vater -- aber die Ballade!«
»Hm -- ahem,« räusperte sich der Alte -- setzte ein paar Mal an, und mußte immer wieder aufhören -- »ahem«
Die Kranke ließ seine Hand nicht mehr los, lag aber still und geduldig des Anfangs harrend. Endlich hatte sich der arme alte Mann so weit gesammelt, daß er wenigstens seine Stimme gewinnen konnte, und mit leisen, klangvollen, aber doch vor niedergehaltenem Schmerz zitternden Tönen sang er:
Es steht am Meeresstrande Eine stille bleiche Maid, Barfuß im kalten Sande Mit flatternd dünnem Kleid.
Und auf die schaumzersprühten Und krausen Wogen aus Streut sie zerpflückte Blüthen Aus einem frischen Strauß. --
Mit solchem Ausdruck hatte der Mann noch nie gesungen! Die hellen Thränen rollten ihm über die faltigen hageren Wangen hinunter, als er Vers nach Vers beendete, und dem ängstlichen Blick nur immer mehr Grund zu wirklich ernster Besorgniß wurde. So wie er aber aufhören wollte, bat ihn ein leiser Druck der Hand fortzufahren, und er konnte _der_ Bitte nicht widerstehen.
Zum drittletzten Vers war er so gekommen
Das -- das war seine Stimme! Hier ist -- hier kommt die Braut!
Da schlug es draußen auf dem Thurm in langsam gemessenen Schlägen zwölf, und Marie zuckte, wie von Todesschauern ergriffen, zusammen.
»Mein Kind -- mein Kind!« sagte der Greis, und wollte sich über sie hinüberbeugen.
»Den Schluß, Vater -- den Schluß,« flüsterte die kaum noch hörbare Stimme -- »o den Schluß!«
Am stillen öden Strande, Vom Fluthenstrom umzischt.
sang der alte Mann, aber er war nicht mehr im Stande, den Tönen Worte zu geben -- die Laute blieben ihm in der Kehle stecken -- er machte ein- oder zweimal den Versuch, doch umsonst -- es ging nicht, und während seine Thränen immer unaufhaltsamer quollen, pfiff er mit zitternden Lippen den Schluß der Ballade.
Mit dem letzten Ton dröhnte auch der letzte Schlag der schläfrigen Thurmuhr aus --
»Mutter!« lispelte das Mädchen, und der Greis sprang mit einem lauten Aufschrei von seinem Sitz empor --
»_Marie!_« rief er, und strich ihr mit vor Angst fieberhaft fliegenden Händen die kalte, feuchte Stirn -- »Marie« --
Umsonst, alter kinderloser Mann -- Deine Marie hört Dich nicht mehr -- -- sie ist zur Mutter gegangen.
Laut schluchzend sank er neben dem Bett auf die Knie nieder, und barg sein Gesicht an dem kalten, harten Lager und stöhnte:
»War mir's doch den ganzen langen Tag, als ob eine Leiche im Zimmer läge.«
Achtes Kapitel.
Pollers Rache.
Unten im herrschaftlichen Hofe ging es recht still und geräuschlos her -- der Oberpostdirector lag noch immer an den Folgen des Sturzes schwer darnieder, und wenn auch das eigentliche Wundfieber wohl überstanden war, so mußte sein Geist doch noch in furchtbarer Aufregung sein, denn er sprach viel und oft recht böse Sachen im Traum, und warf sich gewöhnlich so lange auf seinem Lager herum, bis ihn der Schmerz seiner kranken Glieder wieder aufweckte.
Der alte Poller war dabei gewöhnlich der Einzige, den er um sich duldete; seine Frau -- sie mochte bitten oder weinen wie sie wollte -- durfte nur sehr selten in's Zimmer, und dann auch nur wenige Minuten bleiben; der junge Poller ging ab und zu, und besorgte besonders alle die nöthigen Wege, sah nach dem Feuer u. s. w. Unten vor den Fenstern war dabei Stroh gelegt, damit das Rasseln der Wagen und das Klappern der Hufe auf dem Pflaster den Leidenden nicht stören solle, und die Knechte und Mägde hatten strengen Befehl, vor den Fenstern des Krankenzimmers besonders nicht zu lachen. Der Oberpostdirector konnte eher alles Andere hören, nur kein Lachen.
Heute schien er übrigens wieder einmal seinen ganz besonders bösen Tag gehabt zu haben, der junge Poller mußte springen und rennen und wurde fast ununterbrochen geschimpft und gescholten und wenn er sich ja einmal zum Ausruhn in einen Winkel drückte, trieb ihn sein Vater immer zuerst selbst wieder heraus. Der kleine giftige Bursche knirschte vor Zorn und Unmuth, entgegnete aber, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kein einziges Wort des Widerspruchs und ertrug Alles -- wenigstens schweigend.
Die Abenddämmerung rückte so langsam heran; immer die schlimmste Zeit mit dem Kranken, der dann stets eine Art Fieberanfall bekam, und oft bis Mitternacht die Aufmerksamkeit seiner Wärter im vollsten Grade in Anspruch nahm. Der junge Poller hatte dabei lange eine Gelegenheit gesucht, einmal auf eine kurze Zeit sich zu entfernen, gerade jetzt war aber nicht ein einziger Weg für ihn zu gehn, und er mußte bis lange nach sechs Uhr, und also schon in völlige Nacht hinein, fortwährend Handreichungen am Bette thun, und aus der Küche herauf und hinunterspringen.
Endlich sollte der Verband an der einen Quetschwunde, die den Kranken heftig zu schmerzen begann, erneuert werden, die Traubenpommade war aber nirgends zu finden -- der junge Poller kroch unter allen Stühlen und Schränken herum, drehte das oberst zu unterst, und machte, jedoch immer ohne Erfolg, einen solchen Lärm, daß ihm sein Vater endlich ärgerlich zuflüsterte, mit dem verdammten Spektakel einzuhalten und rasch nach der Apotheke hinauf zu laufen, um andere zu holen. Karl Poller ließ sich das nicht zweimal sagen, griff nach seiner Mütze und sprang davon.
»Aber zum Dunnerwatter, wua stäckst de denn?« redete ihn da, als er einen schon früher mit Krautsch besprochenen Sammelplatz erreichte, dieser würdige Mann in der übelsten Laune von der Welt an -- »ich stiehe und stiehe hiar un han mer die Hänge und Fiße beinah derfruren; un keen Mensche kimmt niche -- wua bist de denn su lange gebliaben -- he?«
»Das weiß der Henker,« stimmte Poller selbst mit ein, »heute war kein Loskommen; als ob die beiden alten Schufte -- mein Vater und der Oberpostdirector, ordentlich gemerkt hätten, daß ich irgend 'was im Schilde führe.«
»Oho -- jo niche,« sagte Krautsch erschreckt.
»Hab' keine Angst,« lachte der junge Verbrecher, »die glauben sich sicher genug bewahrt; ich soll jetzt Traubenpommade in der Apotheke holen.«
»Un nu mußt de in die Apothek ruff?« frug Krautsch bestürzt -- »das giaht ja gar niche -- mer missen uns doch --«
»Ich werde nicht so dumm sein,« lachte Poller -- »ich hab' ja die Traubenpommade, ein ganz frisches Stück von heute Morgen -- selbst erst in die Tasche gesteckt, um nur eine Ausrede zu kriegen und wegzukommen -- die bring ich dem Alten jetzt wieder -- der weiß viel, ob das neue oder alte ist.«
Krautsch lachte heimlich vor sich hin.
»Un dann kennen mer jetzt die Sache en bischen beriaden?«
»Nun das versteht sich,« lautete die Antwort, »aber etwas rasch, denn _zu_ lange darf ich doch nicht wegbleiben.«
»Nu, wollen mer's denn noch hinte Obend machen?« flüsterte der Bauer -- »ich bin g'rade uffen Zeug.«
»Ich denke,« erwiederte ihm Poller eben so leise -- »im Schloß drin scheint auch Alles günstig, der Alte hat auch einmal wieder seinen bösen Abend, und da darf keiner weiter in die Zimmer kommen, wie wir Beide, mein Alter und ich -- ich glaube, heute Abend gehts -- aber welche Zeit?«
»Nu vor neine niche!« meinte Krautsch.
»Nein -- aber auch nicht später, denn wenn das Thor erst einmal zu ist, kann der Teufel sein Spiel haben und uns in die Falle drin halten -- ich dächte, so gegen neun.«
»Hm -- guat -- da han ich ooch nischt derwidder -- un da machen mer's so, wie mer's beschprochen han?«
»Nun versteht sich, das Zeichen für mich ist der erste Feuerlärm -- mißlingt es und wird _kein_ Lärm, nun so unterbleibt für heute die ganze Geschichte, denn wenn das Thor draußen geschlossen ist, mag ich's, obgleich ich selbst den Schlüssel dazu habe, nicht riskiren -- es hält zu lange auf.«
»Un mer treffen uns an der Blutbuche.«
»Nun das versteht sich, das ist ja Alles schon besprochen,« brummte der junge Bursche; »wo aber denkst Du am sichersten anzukommen, am Obertenne?«
»Do brännt ja de ganze Beschäring wek,« sagte Krautsch erschreckt -- »wenn das urdentlich Feier fängt, nachens haben se Zeit mit Leschen -- ne ich dachte an's Ungertenne -- do thuts nich so viele, un Spektakel geihts doch gening.«
»Mir wäre die Obertenne lieber,« sagte Poller -- »daß der böse Feind dem alten Schuft nur noch immer ärger in seine lahmen Gliedmaßen hineinfahre -- dem gedenk' ich die Schläge, und wenn wir bis zum jüngsten Tag neben einander ausharrten -- im Obertenne kannst Du auch besser ankommen, wie im Untertenne, und bist nachher gleich an der Gartenmauer, an der Du Dich bis zum Thor und zwischen den Reisigbündeln durch leicht hinschleichen kannst.«
»Hm -- nu mer wullen sähn -- irgendwu wärd' ich schonst ankommen, un nachens mach ich mich sachte rar. -- Aber Du -- wie wärsch denn eegentlich, wenn ich erscht geschwinde in's herrschaftliche Gebäude käme -- kinnten mer denn da nich verleicht noch een oder das --«
»Unsinn --« sagte Poller -- »na mach Du solche Geschichten, daß sie Dich beim Kragen kriegen und beistecken -- weißt Du wohl, daß heute Morgen der Befehl eingegangen ist, Dich aufzufangen und an das Gericht hinein zu liefern?«
»Jemine!« rief der Bauer erschreckt -- »un von _wägen_?«
Poller nickte nur einfach mit dem Kopfe.
»Läge der alte Baron jetzt nicht krumm, so hätten sie Dich am Ende schon abgefaßt,« sagte er, »so aber hat er die Geschichte, glaub' ich, noch gar nicht gelesen, morgen käm' es aber doch jedenfalls vor. Also bist Du gescheidt, so hältst Du Dich so viel wie möglich außer Rufs Nähe von Allen, die Dich kennen könnten, ich glaube, Du kannst dadurch nur profitiren.«
»Nu ja -- 's kennte meglich sin,« meinte Krautsch, -- »also denn bleibts derbei -- um dreiviertel uf neine« -- Und ohne weiter Gruß oder Abschiedsworte an den Verbündeten zu richten, glitt er aus seinem Versteck vor, sprang über die dicht daran stoßende niedere Gartenmauer, und war im nächsten Augenblicke in der dahinter lagernden Dunkelheit verschwunden.
Poller kehrte so schnell er konnte, um jetzt wo möglich jeden Zank und dadurch entstehende Unruhe zu vermeiden, nach Hause zurück, und suchte nur -- was übrigens gar nicht so schwer war -- den Vater an das Bett des launenhaften Kranken zu fesseln. Der Oberpostdirector schien aber auch wirklich heute einmal einen seiner allerbösesten Abende zu haben -- er hatte nicht Ruhe noch Rast -- wollte bald auf dieser, bald auf jener Seite unterstützt werden, warf sich -- trotz aller Vorstellungen des hinzukommenden Arztes -- fortwährend herum und zankte und schimpfte seine Umgebung -- den Doctor keineswegs ausgenommen -- auf das Unbarmherzigste. -- Ja, er wollte endlich, was ihm aber dieser auf das Strengste verbot, unter jeder Bedingung von seinem Lager aufstehn, und schrie nun, als ihn der alte Poller gewaltsam zurückhielt -- so laut um Hülfe, daß das Gesinde des ganzen Hauses zusammenkam, und schon glaubte, es wäre irgend etwas Entsetzliches geschehn.
Der Arzt sandte die Leute aber wieder zurück, und versicherte sie, sie brauchten um ihren Herrn sich nicht zu sorgen; es sei nur ein etwas stärkerer Fieberanfall als gewöhnlich. Er verordnete dann einige beruhigende Mittel, trug dem alten Poller noch verschiedenes auf und kehrte, da er dort noch einige Kranke besuchen mußte, mit dem schon wartenden Wagen in die Residenz zurück.