Part 6
Ein paar Augenblicke betete und überlegte er. Dann stand er auf, ließ Dion und die Sybillen allein auf der Bank zurück und schritt mühsam zum Spielplatze.
„Wenn ich nur Donnel und Keenan treffe,“ dachte er, „dann ist alles in Ordnung. Die werden schon Mittel und Wege ausfindig machen.“
Aber von Donnel und Keenan war keine Spur, und unter den Zöglingen, die er dort gewahrte, glaubte er keinen ins Vertrauen ziehen zu dürfen.
„~P.~ Middleton,“ wandte er sich endlich an diesen, „können Sie mir nicht sagen, wo Donnel und Keenan sich jetzt wohl aufhalten mögen?“
„Irgendwo auf der Prärie,“ erwiderte der Angeredete lächelnd. „Bei solchem Wetter bleiben die nicht zu Hause.“
„Wann kommen sie denn wohl zurück?“ fragte Percy ängstlich.
„Schwerlich vor halb fünf. Und jetzt ist’s kaum drei. -- Aber was fehlt Dir denn, Percy? Du siehst so verwirrt aus.“
Percy zauderte mit seiner Antwort. An Tom, Harry und all seinen andern Freunden hatte er nie bemerkt, daß sie etwas bei den Vorgesetzten anzeigten, wenn sie es selbst, allein oder mit gleichgesinnten Kameraden vereint, in Ordnung bringen konnten. War das vielleicht auch hier der Fall? Ja, wären Donnel und Keenan zur Stelle, wie einfach würde sich alles abwickeln lassen! Aber jetzt! Blieb ihm denn ein anderes Mittel, als die Hilfe des Präfekten? --
Und doch, Percy entschloß sich zu schweigen. Er konnte ja schließlich selbst, wenn auch mit großer Mühe, die Bedrohten warnen. Zudem hatte er nur einen Teil der Unterredung gehört; es war also immerhin möglich, daß der Anschlag ihm entsetzlicher vorkam, als er in Wirklichkeit war. So schien es ihm wenigstens.
„Ja gewiß,“ dachte er, „ich kann ja nicht einmal mit voller Sicherheit sagen, +was+ eigentlich im Werke ist.“
Thatsächlich wäre Percy zu einem rückhaltlosen Bericht des Gehörten verpflichtet gewesen, schon deshalb, weil ein Zögling wie Prescott ein wahres Unglück für das gesamte Pensionat war. Allein Percy wußte es damals nicht besser. Er wollte selber den Plan vereiteln, um seine Mitzöglinge keiner Strafe auszusetzen, eine Rücksicht, die wahrhaftig niemand von ihnen, am allerwenigsten Prescott, verdient hätte.
Einen Augenblick nur hatte es gebraucht, bis dieser Entschluß feststand.
„~P.~ Middleton, ich bitte um die Erlaubnis, an den Panifluß zu gehen. Ich muß Tom und Harry etwas Wichtiges sagen.“
Der Präfekt ahnte, daß der Knabe wohl besondere Gründe zu diesem Ersuchen habe. Allein er glaubte nicht weiter in ihn dringen zu sollen; jedenfalls beabsichtigte Percy nichts Schlimmes. Daß er aber vom vorigen Tage her noch so gelähmt sei, entging ~P~. Middletons Auge. Percy hatte sich ja eingewöhnt, ließ sich behandeln und wollte behandelt werden wie jeder andere Zögling.
„Gut, Percy! thu’ das nur!“
„O, ich danke Ihnen sehr, Pater. Sie sind immer so gut. Darf ich Sie noch bitten, mir, wenn es Ihnen nicht zu viele Mühe macht, den nächsten Weg zu zeigen?“
„So, Du bist noch nicht da gewesen? Dann gebe ich Dir die Erlaubnis nur unter der Bedingung, daß Du mir versprichst, hin und zurück den Bahndamm entlang zu gehen. Da kannst Du Dich nicht verirren, und wenn Du Tom und Harry nicht treffen solltest, findest Du Dich auch allein wieder heim. Auf diesem Wege brauchst Du ungefähr eine Stunde.“
„Und jetzt ist es drei,“ sprach Percy und sah auf seine Uhr.
„Nein, schon fünf Minuten nach drei, Deine Uhr ist etwas zurück.“
„O weh, o weh!“ seufzte Percy leise, als er sich mit einer steifen Verbeugung entfernte.
Hastigen Schrittes eilte er der Pforte zu. Sein gefühlvolles Herz schlug heftig bei dem Gedanken, er komme vielleicht zu spät; seine Freunde könnten ja den Rückweg früher angetreten haben, als sie ursprünglich festgesetzt.
Schon hatte er das Thor erreicht, als er seinen Namen rufen hörte. Er wandte sich um und sah ~P.~ Middleton auf sich zukommen.
„Warte einen Augenblick, Percy! -- Möglicherweise findest Du die beiden nicht gleich. Hier, nimm diese Pfeife mit; sie hat einen sehr hellen Ton, der weithin hörbar ist. Vielleicht ist sie Dir von Nutzen.“
„Aber Sie sind doch zu gütig,“ rief Percy, seine großen, ausdrucksvollen Augen voll inniger Dankbarkeit auf den Pater gerichtet. „O, ~P.~ Middleton, ich will für Sie beten, daß Ihnen Gott Ihre Freundlichkeit vergilt.“
Sinnend schaute ~P.~ Middleton dem Wegeilenden nach, bis er um eine Ecke seinen Augen entschwand. Was mochte der Knabe vorhaben?
13. Kapitel.
Ist das ein Feigling?
Sobald Percy vom Hofe aus nicht mehr gesehen werden konnte, begann er zu laufen. Von seiner Steifheit fühlte er in der Aufregung nichts mehr. Niemand hätte bei seinem Anblick geglaubt, daß er zehn Minuten vorher sich kaum durch den Hof zu schleppen vermochte.
Ein paar Minuten rannte er dahin. Allein dann traten auch schon die ersten Zeichen der Ermattung ein. Sein Atem wurde kürzer, heftiger und lauter, und sein Herz fing an rascher zu schlagen.
„O mein Gott, mein Gott! Was soll ich anfangen?“ murmelte er, während sein Lauf sich in ein schnelles Gehen verwandelte. „Ich bin ja so schwach und müde! Und Tom und Harry sind in Gefahr! Mein heiliger Schutzengel, hilf mir!“
Doch während der ersten Viertelstunde schritt er immerhin noch rüstig voran, obgleich ein Ruf zu seinem unsichtbaren Begleiter fast jeden seiner Schritte begleitete.
„Ein gutes Viertel des Weges! Gott sei Dank! Jetzt mutig ans zweite!“
Mit einem neuen, innigen Gebete zu seinem Engel, den er mit dem Auge eines lebendigen Glaubens sich gegenwärtig sah, setzte er sich wieder in Trab.
Aber dieses Mal verließen ihn die Kräfte viel schneller. Um seine Leiden und Befürchtungen zu erhöhen, machte sich auch die frühere Lähmung wieder fühlbar. Jeder Schritt verursachte ihm Schmerzen. Sein Gesicht glühte vor Anstrengung und war von Schweißtropfen ganz bedeckt. Aber die krampfhaft zusammengepreßten Lippen und der feste, entschlossene Blick zeigten deutlich, daß ein starker, männlicher Wille in diesem schwachen Körper wohne. Jeder Schritt kostete Mühe und Pein, aber jeder Schritt wurde auch aufgeschrieben an jenem Orte, zu dem Pein und Müdigkeit keinen Zutritt haben, weil er der Wohnplatz ungestörten Friedens und seliger Ruhe ist.
Percys Schmerzen nahmen mit jeder Minute zu. Bald quollen ihm die Thränen aus den Augen und rollten die Wangen herab. Aber jetzt war es zum Umkehren schon zu spät. Jetzt konnte nur noch er, er allein, Tom und Harry retten. Und doch, wie heftig drängte es ihn, sich niederzulegen! Wie einladend erschien seinen Augen das verdorrte, herbstliche Gras!
„O, ich komme nicht weiter!“ dachte er. „Aber wenn ich nicht weiter komme, werden Tom und Harry -- nein, ich halte aus! Vorwärts! So lange ich nicht umfalle, gehe ich voran!“
Abermals begann er zu laufen, und merkwürdigerweise hielt er jetzt länger aus, als das erste Mal, obgleich ihm der Schmerz einen Seufzer um den andern entpreßte.
Ein heftiger Luftstoß von Norden traf ihn, ergriff seinen Hut und führte ihn wirbelnd weg. Der Wind begann sein gefühlloses Spiel mit Percys Lockenhaar zu treiben; bald schlug er es ihm vor die Augen, bald ließ er es lang in der Lust flattern. Aber darauf konnte der Knabe nicht achten. Es galt ja Tom und Harry zu retten.
Ist das noch Mamas Herzkäferchen von Anfang des Schuljahres? Derselbe, der meinte sterben zu müssen, wenn er weiter als zwanzig Minuten gehe? Er ist es und ist es nicht. Diesen Opfergeist brachte er schon aus dem Elternhause mit; allein seine Körperkräfte hätten damals nicht ein Dritteil dieser Anstrengungen zu leisten vermocht.
Eine starke halbe Stunde war er nun schon unterwegs. Da stieß er in seinem peinvollen Laufe mit dem Fuße an einen Stein, daß er wankte und hinstürzte. Schwindel überkam ihn, und zugleich stieg das blinde, aber sehr mächtige Verlangen in ihm auf, liegen zu bleiben, wo er lag. Der Kopf sank ihm zur Erde; die Augen schlossen sich; er war beinahe bewußtlos. Tom und Harry schienen verloren. Da erschauerten plötzlich seine Glieder -- vielleicht von der Kälte des nahenden Abends; er schlug die Augen auf, das Bewußtsein kehrte zurück.
„O Maria, hilf!“ stöhnte er.
Mit Aufbietung aller Willenskraft erhob er sich und nahm den Weg wieder unter seine Füße. Freilich schwindelte ihm noch, und sein Herz pochte laut hörbar. Aber er zwang sich voran -- weiter, weiter!
Auf einmal entfuhr seinen Lippen ein Laut -- es war kein Schrei -- der Freude. Die Brücke, die Panibrücke war in Sicht, noch weit weg, aber in Sicht.
„O Gott sei Dank!“ sprach er oder versuchte er zu sprechen, denn die zersprungenen Lippen versagten ihren Dienst.
Abwechselnd gehend und laufend eilte er mit erneuertem Mute der Brücke zu. Je näher sie kam, um so mehr wuchs seine Hoffnung und ersetzte die schwindenden Kräfte. Noch ein Lauf -- ein paar hundert Schritte -- jetzt ist die Brücke erreicht.
Zitternd, atemlos, den Ausdruck des Schmerzes in dem von Schweißtropfen und Thränen überronnenen Antlitze langte er an; seine Kleider und selbst sein Haar waren mit Staub bedeckt. Da lehnte er, todmüde, aber innerlich frohlockend, an einen Pfosten und ließ sein Auge die Gegend auf und ab durchmustern. Doch von Tom und Harry gewahrte er nichts. Er zog die Pfeife hervor und setzte sie an die Lippen; sie gab einen starken, durchdringenden Ton. Allein auch ihre Stimme blieb ohne Antwort. Kein Laut unterbrach die Einsamkeit der Prärie; keine Bewegung gewahrte er, als das träge, schleichende Wasser des Flusses.
Er wollte weiter gehen. Aber wohin? Den Fluß hinauf oder hinab? Noch nie hatte ihn ein Spaziergang an diesen Fleck der Prärie geführt. Er wußte auch nicht, welche Plätze für Tom und Harry eine besondere Anziehungskraft besaßen, so daß er sie dort hätte aufsuchen können.
Da fiel ihm ein, daß die beiden Freunde ja vom Flusse aus über die Prärie heimgehen wollten, und daß dieser Weg bei weitem der kürzere sei. Das konnte aber nur der Fall sein, wenn sie sich weiter stromaufwärts befanden. Ohne Zögern machte er sich also wieder auf.
In einer Entfernung von ungefähr tausend Schritten sah er eine leichte Erhöhung, von deren Scheitel er sich einen Rundblick über die Ebene und namentlich über das Flußufer versprach. Dorthin schleppte er sich also mit Einsetzung aller Kräfte, welche Liebe und Hoffnung in den erschöpften Gliedern noch rege machen konnten. Auf halbem Wege sah er sich gezwungen, einen Augenblick zu rasten; es kam ihm vor, als drehe sich um ihn herum alles im Kreise. Er war nahe daran, abermals hinzusinken.
„Herz Jesu, gieb mir Kraft!“
Wieder konnte er sich voranschleppen. Noch ein paar Minuten voll Schmerz und Anstrengung, und er stand oben.
Zum Teil war seine Erwartung erfüllt; denn die Höhe gewährte eine ziemlich weite Aussicht. Allein die beiden Knaben vermochte er nicht zu entdecken.
Percy brach nicht in Thränen aus; sein Kummer war für Thränen zu tief. Sollten also trotz all seiner Anstrengung die lieben Freunde ihrem Schicksal nicht entrinnen?
Noch einmal durchschweifte sein ermattetes Auge den Gesichtskreis. Gegen Westen hin, nicht sehr nahe, hob sich eine langgestreckte Hügelwelle scharf vom klaren Abendhimmel ab. Standen nicht zwei Figuren auf ihrem Scheitel? Percys Sehkraft war zu sehr geschwächt, um das mit Sicherheit sagen zu können. Aber wenn sie es wären, was half es ihm? So weit reichte ja die Stimme eines Halbtoten nicht. Und womit könnte er sich ihnen sonst bemerklich machen? -- Ach ja, die Pfeife. Wieder ließ er sie schrill und laut ertönen.
Wurde sie gehört? Wandten sich die zwei Gestalten, in denen er seine Freunde zu erblicken glaubte, bei ihrem Schalle um? Noch einmal pfiff er und versuchte mit letzter Kraft ihre Namen zu rufen. Armes Kind! Dein Rufen würde kaum ein Vögelchen aufscheuchen, wenn es auch gerade vor Dir säße.
Das Gefühl des Schwindels nahm zu. Percy wußte kaum noch, was er that. Er bückte sich nieder und suchte am Boden umher, wonach, das hätte er selbst nicht sagen können. Ein langer Stock, der wohl einmal als Angelrute gedient hatte, lag dort im dürren Grase. Percy ergriff ihn, nahm sein Taschentuch, knüpfte es hastig an das eine Ende desselben und schwenkte es dann hoch in der Luft hin und her, so lange, bis er wankte und ohnmächtig zu Boden fiel.
14. Kapitel.
Wie die geretteten Freunde ihrem Retter helfen.
Tom kniet auf dem Boden und sieht besorgten Blickes in das Antlitz des Bewußtlosen. Endlich öffnen sich die Augen.
„Geht es besser, Percy?“
„Wasser!“ haucht der kaum Erwachte.
„Lauf schnell, Harry!“
Der tummelte sich nicht schlecht und kehrte bald mit einer Feldflasche voll Wasser zurück.
Der Trunk erfrischte Percy sichtlich; das erblaßte Antlitz zeigte wieder mehr Farbe und Leben.
„Trink noch einmal, Percy! Es thut Dir wohl. -- So -- in zwei Minuten bist Du wieder wie neugeboren!“
„O Tom!“ flüsterte Percy mit schwacher Stimme. „Ich war so nahe daran, Euch nicht mehr zu treffen.“
„Das warst Du allerdings. Hättest Du nicht einen so höllischen Lärm mit Deinem Pfeifen gemacht, Harry und ich wären schon halbwegs bis Maurach. -- Aber jetzt laß hören, was Dich auf die Prärie herausgetrieben hat! Jeder vernünftige Junge mit Beinen, wie Du sie hast, wäre eher zu Bett gegangen. Du bist ja kaum imstande wieder heimzukommen. Und erst wenn Du uns nicht getroffen hättest!“
Percy erwiderte nichts.
„Es muß etwas los sein,“ fuhr Tom fort. „Hat Dich wieder jemand gequält?“
„O nein, Tom. Die meisten sind ja sehr freundlich gegen mich. Und selbst wenn sie mich einmal necken, weil ich noch so mädchenhaft bin, dann geschieht es immer mit so großer Gutmütigkeit.“
„O das kennen wir!“ warf Harry dazwischen.
„Ich wollte Euch nur bitten, nicht über die Prärie, sondern den Bahnkörper entlang nach Hause zu gehen.“
Tom pfiff.
„Und wir sollen glauben, Du hättest Deine armen Beine so mißhandelt und Dich in eine tödliche Ermüdung gerannt, nur um uns einen andern Heimweg anzuraten?“
„Doch, Tom. Prescott und -- ich weiß nicht wer sonst, es sind ihrer aber mehrere -- liegen auf der Prärie im Hinterhalt und lauern Euch auf. Sie wollten Euch binden und Euch dann auf der Prärie liegen lassen. Ich war so in Angst, ich möchte Euch verfehlen, und das wäre beinahe auch geschehen. Jetzt bin ich so froh, daß es gelungen ist. Gott sei Dank!“
Sprachlos starrten ihn die beiden Freunde an. Zum erstenmale seit langer Zeit füllten sich Toms Augen mit Thränen. Harry Quip aber brach in lautes Schluchzen aus.
„Percy,“ sprach endlich Tom mit einer Stimme, die zugleich Rührung und Nachdruck wiedergab, „wenn ich je gesagt habe, Du seiest kein rechter Junge, so war ich verrückt. Als wir Dich diesen Mittag sahen, konntest Du kaum einen Schritt thun, und jetzt läufst Du eine ganze Stunde um zweier armen Tröpfe willen!“
Er wischte sich verstohlen die Augen.
„O bitte, Tom! Macht nicht so viel Aufhebens davon. Es war gar nicht so schrecklich. Mir ist ja gar nichts Schlimmes passiert. Ich bin nur deshalb ohnmächtig geworden, weil ich eben die viele Bewegung noch nicht ertragen kann. Ich wollte von Herzen gern für jeden von Euch noch viel mehr thun.“
„Ich bildete mir immer ein,“ fuhr Tom unbekümmert um Percys Worte fort, „ich wüßte, was ein rechter Junge ist. Unsinn! Nichts wußte ich. Jetzt geht mir erst ein Licht auf. O Percy, Percy, wie konntest Du --“
Schnell erhob sich Percy.
„Kommt! vorwärts! Es ist die höchste Zeit! Mir fehlt ja nichts! Ich bin wirklich noch nie so froh gewesen wie jetzt. Ich hätte nie geglaubt, Euch noch irgendwie nützlich sein zu können.“
„Das bist Du aber,“ erklärte Tom bewegt, „und bist es gewesen. Von Dir habe ich mehr gelernt als aus vielen, vielen Büchern.“
„Und ich,“ fügte Harry bei, dessen Erregung soweit nachgelassen hatte, daß er seine Dankbarkeit in Worte kleiden konnte, „ich hätte nie gedacht, ich könnte von Dir auch nur halb so viel lernen, als Du mir in diesen paar Minuten beigebracht hast.“
Eine Pause trat ein. Für beide Knaben, die, selber edelmütig und großherzig, Percys Opfermut voll und ganz zu würdigen verstanden, bedurfte es einiger Ruhe, bis sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Forderungen des Augenblicks zuwenden konnten.
„Wie sollen wir heimkommen, Tom?“ fragte endlich Harry. „Er hat sich kaum hierhin zu schleppen vermocht und kann unmöglich denselben Weg noch einmal zurücklegen.“
„O, ich bin ja noch ganz gut auf den Beinen!“ versetzte Percy entschlossen. „Nur wegen des Laufens bin ich so müde geworden. Gehen kann ich ohne Mühe.“
Schweigend schritten sie nun dem Bahnkörper zu.
„Wären nur Donnel und Keenan hier!“ knirschte Tom nach einer Weile und ballte die Faust. „Dann gingen wir sicher den andern Weg!“
„Es wird schon merklich kälter,“ sprach Harry. „Es giebt eine frostige Nacht. Und wie schneidend kalt der Wind ist! Huuu -- -- denk’ nur, was wir zittern und beben würden, wenn wir in diesem linden Lüftchen fein ruhig zu liegen hätten. Und eine ganze Nacht durch! Da verginge es uns schon, am andern Tage auch nur ‚Guten Morgen‘ zu sagen!“
„Auch wenn sie uns kein Schnupftuch in den Mund gestopft hätten,“ ergänzte Tom.
Percy erzählte dann mit schwacher Stimme, wie es ihm gelungen, hinter den abscheulichen Plan zu kommen. Allein unterdessen wurden seine Schritte immer unsicherer, während zugleich hin und wieder ein Ausdruck des verhaltenen Schmerzes über sein Gesicht glitt.
Mittlerweile war es fast halbfünf geworden, und die Strecke, die sie zurückgelegt, betrug noch nicht ein Viertel des Heimweges.
„Percy,“ sprach Tom, als die Erzählung zu Ende war, „Du bist ja fast außer stande, weiter zu gehen. Wenn ich Dir doch meine Beine wenigstens für einige Zeit abtreten könnte! Die würden sich freuen, endlich einmal in anständige Gesellschaft zu kommen.“
„Sorge nicht um mich, Tom! Ich bin ja ganz wohl. Allerdings fühle ich mich etwas gelähmt, das ist wahr. Es kommt aber nur davon, daß ich im Laufen gar keine Übung habe.“
„Gut, Percy, deshalb wollen Harry und ich Dir von unsern Beinen soviel leihen, als sich machen läßt. -- Harry, nimm Du seinen rechten Arm; ich fasse ihn beim linken. Wir können ja denken, wir wären Polizisten und sollten diesen Burschen auf die Wache bringen.“
„O, ich wollte nur, ich wäre ein Polizist!“ versicherte Harry. „Dann hätte ich bald Hilfe herbeigepfiffen. -- Nein, doch nicht! Ich ließe niemand helfen, so lange ich selber noch einige Kräfte hätte.“
Von den Freunden unterstützt, ja fast getragen, ging Percy wieder ein Weilchen voran. Doch es entging ihren wachsamen Augen nicht, wie trotz ihrer Hilfe immer häufiger ein heftiger Schmerz seinen ganzen Körper erschütterte.
„Und alles das für mich und Harry!“ dachte Tom, während sich abermals seine Augen heimlich mit Thränen füllten. „Wenn wir nicht mehr für ihn thun, zieht sich der arme Junge noch einen ernsten Schaden zu. -- Hätte er nur von der ganzen Verschwörung nichts gehört! Wir hätten uns vielleicht doch noch durchgeschlagen. Und wenn nicht -- ich wollte lieber die ganze Nacht da liegen, als den guten Percy in diesem Zustande sehen!“
„Wir wollen einmal einen Augenblick ausruhen!“ fügte er laut bei.
Sogleich zog er dann seinen Rock aus; Harry verstand ihn und folgte seinem Beispiele. So bereiteten sie für Percy auf einem grasbedeckten Plätzchen ein Lager. Tom setzte sich an dem einen Ende desselben, den Rücken gegen einen Stein gelehnt flach auf den Boden und zwar so, daß er das Lager an seiner rechten Seite hatte.
„Jetzt, Percy,“ sprach er, „leg’ Dich hier nieder! Du bist von Deiner Anstrengung noch zu heiß und würdest Dich auf dem bloßen Boden erkälten. Ein Kissen haben wir leider nicht; deshalb mußt Du es Dir auf meinem Knie bequem machen.“
Ohne Widerrede that Percy nach Toms Anweisung, indem er beiden dankbar zulächelte. Kaum hatte er sich ausgestreckt, als seine Augen auch sofort zufielen, gerade als sänke er in eine plötzliche Ohnmacht.
Beide Knaben sahen mit lebhaftester Besorgnis in das ruhige, abgemattete Antlitz, das ihnen in ihrer Angst vorkam wie das Antlitz eines Toten.
„Harry,“ sprach endlich Tom im leisesten Flüstertone, „meinst Du wirklich, Percy könnte schneller gehen, wenn er etwas geschlafen hat?“
„Sicher nicht; wir müssen ihn so ganz langsam heimbringen, wenn wir auch eine Stunde zu spät kommen.“
„Ich will Dir was sagen, Harry. Zu Fuß kommt er nie nach Haus. Ich bleibe hier und warte, bis er erwacht; dann trage ich ihn, soweit ich komme. -- Ach wäre ich doch nur für eine Stunde ein Mann! -- Du aber rennst jetzt gleich, was Du rennen kannst, und holst Hilfe, am besten einen Wagen. -- Wir wollen beten, daß alles gut abläuft.“
Ungesäumt eilte Harry davon, während Tom geduldig Percys Erwachen abwartete. Ängstlich lauschte er auf die schwachen Atemzüge des Schlafenden. Da schlug dieser die Augen auf.
„O, Gott sei Dank!“ rief Tom. „Wie fühlst Du Dich, Percy? Besser?“
Percy gewahrte die übergroße Bekümmernis seines Freundes.
„O gewiß!“ sprach er leise, indem er sich bemühte, frisch und wohlgemut dreinzusehen. „Ich glaube, ich komme jetzt bis nach Hause.“
„Sehr gut, Percy! Also voran!“
Tom half ihm aufstehen und zog dann seine Jacke an.
„Und Du kannst wohl Harrys Jacke tragen, Percy.“
„Sehr gern, Tom!“
„Gut, ich hänge sie Dir um wie ein Kriegsmäntelchen; das sieht ganz schön aus.“
Percy war zu sehr geschwächt, um seiner Überraschung noch Ausdruck zu verleihen, als ihn Tom jetzt ohne Umstände ergriff, aufhob und mit ihm weiter ging, als verstände sich das von selbst.
Zum Glücke für Tom war der Leidende, obgleich ein volles Jahr älter, sehr zart gebaut. Doch blieb er immerhin eine ansehnliche Last für den Zwölfjährigen. Aber Dankbarkeit und ein gewisser edler Stolz, sich an Großmut nicht übertreffen zu lassen, schienen Toms Kräfte zu erhöhen.
So schritt er dahin, schnellen und sichern Fußes. In seinen Mienen trug er eine möglichst große Gleichgültigkeit zur Schau, obwohl er bald anfing hastiger zu atmen.
„Keine Angst, Percy!“ sagte er, als dieser ihn einmal sehr besorgt anschaute. „Ich werde nicht müde. Du weißt ja, ich war immer darauf aus, meine Kräfte zu üben. Ich habe schon Schwereres gehoben. Ich könnte sogar mit Dir laufen, nur fürchte ich, anzustoßen und Dich unsanft auf den Boden zu setzen.“
Bald gewahrte er durch die schon tief herabgesunkene Dämmerung einen Reiter im Galopp heransprengen. Sollte das schon die Hilfe sein, die Harry schickte? Sein Herz schlug freudiger, je näher Roß und Reiter kamen.
„Hurra!“ rief er, als die Gestalt des Helfers einigermaßen kenntlich geworden. „Percy, hättest Du das gedacht? ich glaube, es ist ~P.~ Middleton.“
15. Kapitel.
Wie ein Vierter allen zu Hilfe kam. -- In der Infirmerie.
~P.~ Middleton war es. Ein paar Worte mögen seine Ankunft erklären.
~P.~ Scott, der den Trupp Spaziergänger begleitet hatte, traf kurz vor fünf Uhr wieder im Pensionate ein, machte aber die Mitteilung, daß Kenny, Prescott und etliche andere fehlten. In ~P.~ Middleton stieg sofort der Gedanke auf, es könne dieser Streich wohl mit den Ereignissen des Tages in irgend welchem Zusammenhang stehen. Playfair hatte ja Kenny und dessen Gesellen bei der Mißhandlung des kleinen Granger gestört. Percy Wynn hatte unter den Zeichen größter Aufregung nach Playfair gefragt. Richtig, der Arme war ja ganz gelähmt, sonst wäre er sicher gar nicht mehr zu Hause gewesen; und doch lief er so eilig hinaus! Wollte er etwa einen Anschlag gegen seinen Freund verhindern?
„Warum habe ich ihn doch nicht weiter ausgefragt? Ich zweifle nicht, daß sein ganzes rätselhaftes Treiben mit dem Ausbleiben dieser Schlingel zusammenhängt.“ -- „~P.~ Scott,“ sprach er, „wollen Sie die Güte haben, mich für die nächste Stunde zu vertreten? Ich will sehen, ob ich der Sache nicht gleich auf den Grund kommen kann. Es muß etwas Schlimmes im Werke sein. Beten Sie zu den heiligen Schutzengeln!“
Mit diesen Worten entfernte er sich, sattelte das beste Reitpferd, stieg auf und jagte dem Paniflusse zu.