Percy Wynn

Part 7

Chapter 73,815 wordsPublic domain

Als er sich dem oft genannten Steinwalle näherte, wurde er einiger dunklen Gestalten ansichtig, die sich vor dem Reiter verbergen zu wollen schienen. Er gab seinem Tiere die Sporen und hatte bald das Häuflein der Wegelagerer erreicht. Es waren genau diejenigen, welche vom Spaziergange nicht mit heimgekommen waren.

„Sofort nach Hause!“ donnerte er streng. „Wer in zwanzig Minuten nicht da ist, kann sich auf eine gehörige Strafe gefaßt machen. Was Ihr bis jetzt verdient habt, sage ich Euch heute Abend.“

Dann wandte er sein Pferd, ließ die verblüfften Attentäter mit ihrem Schrecken allein und galoppierte dem Bahnkörper zu, wo er seiner Anweisung an Percy zufolge auch noch etwas zu entdecken hoffte. Bald hatte er den Bahndamm in Sicht. Was auf der hohen, scharf abgegrenzten Linie desselben in Bewegung war, ließ sich leicht erkennen, da es sich vom Firmamente deutlich abheben mußte. So brauchte ~P.~ Middleton nur ein paar Minuten in der Nähe über die Prärie hinzureiten, um den eilenden Harry zu gewahren. In einem Augenblick war er bei ihm.

„O ~P.~ Middleton!“ rief der hemdärmelige Läufer, „Gott sei Dank, daß Sie kommen! Der arme Percy ist halbtot vor Müdigkeit. Ich bin vorangelaufen, um Hilfe zu holen. Tom ist bei ihm, nur vielleicht zehn Minuten von hier.“

„Warum habt Ihr denn nicht den kürzeren Weg über die Prärie genommen?“

„Weil -- ja, weil Percy das nicht wollte.“

„So, so, Percy wollte das nicht! -- Und wo ist Deine Jacke geblieben?“

„Meine Jacke? Die wird mir Tom wohl mitbringen. Percy hat noch darauf geschlafen, als ich wegging.“

„Gut, Harry! Geh’ jetzt zurück, daß Du Deine Jacke wiederbekommst.“

Er verdoppelte seine Eile und war schnell bei Tom, der schon recht unsicher unter seiner Bürde daherschritt.

„Bravo, Tom! Bravo! Du bist ja selbst schon müde zum Umfallen. Ist Percy bewußtlos?“

„O, ich bin ganz wohl, Pater!“ rief Percy, so laut die kraftlose Stimme noch rufen konnte. „Guten Abend, Pater!“

„Kannst Du ihn mir heraufreichen, Tom?“

„Gewiß,“ sprach der kleine Träger und keuchte heran. „Er ist gar nicht besonders schwer.“

~P.~ Middleton nahm ihn vor sich und setzte ihn, so gut es ging, zurecht.

„Armes Kind!“ sprach er mitleidig. „Und ich selbst trage noch die Schuld daran. Es hätte mir doch einfallen müssen, daß Du schon so müde warest. Ich hätte Dich nicht sollen gehen lassen.“

„O, Sie konnten mir nichts Lieberes thun, Pater, als mich gehen lassen. Um keinen Preis möchte ich diesen Gang missen.“

„Tom,“ fuhr der Präfekt fort, „Du gehst jetzt zu Harry, der gerade so müde ist wie Du. Ihr braucht nicht rasch zu gehen. Percy und ich sind vor Euch zu Hause und wollen sorgen, daß noch ein gutes Abendessen für Euch bereit steht. Nicht wahr, Percy?“

Percy lächelte schwach.

„Wenn Ihr anlangt, begebt Ihr Euch gleich zur Infirmerie. Der Krankenbruder soll Euch heute zu Gast haben. Laßt es Euch nur ordentlich schmecken! -- Ah, Harrys Jacke! Da, gieb sie ihm!“

Dann sprengte er in einem sanfteren Schritt, der seinem leidenden Gefährten nicht unangenehm war, zum Kolleg zurück. Dort lenkte er zur Thüre der Infirmerie, stieg ab und trug seinen Schützling in die Abteilung, welche für die Kleinen bestimmt war.

„Bruder, hier ist ein Junge, der mal probieren wollte, wie weit er laufen könnte, ohne sich umzubringen.“ Dabei legte ~P.~ Middleton den Knaben sanft auf ein Bett nieder. „Sie sehen, er ist sehr schwach und bedarf etwas, um wieder auf die Beine zu kommen.“

Der Bruder begab sich in seine Apotheke und kehrte mit einem Glase Wein zurück.

„Nimm das, Kleiner, dann wird es gleich besser. -- Es freut mich übrigens, daß Du kommst,“ fuhr er fort, während Percy langsam den stärkenden Trank zu sich nahm. „Seit vierzehn Tagen ist niemand mehr hier gewesen, und es wird mir beinahe langweilig.“

„Diesen Abend wird’s Ihnen nun jedenfalls nicht langweilig werden, Bruder,“ sprach ~P.~ Middleton. „Ich habe noch zwei andere hierher bestellt: Quip und Playfair. Sie haben Percy brav geholfen und sind fast so müde wie er. Sie hoffen bei Ihnen bis morgen Kost und Obdach zu finden. Für diese Gäste dürfen Sie heute auch etwas mehr aufwenden.“

„O, natürlich, Pater,“ erwiderte der Bruder herzlich und rieb sich die Hände. „Ein Abendessen sollen sie haben, wie noch niemals, seit sie in Maurach sind.“

„Gut also. Ich habe noch einige wichtige Sachen in Ordnung zu bringen, Bruder. Deshalb will ich mich zurückziehen und Ihnen alles Weitere überlassen. -- Gute Nacht, Percy!“

„Gute Nacht, ~P.~ Middleton. Meine Schwestern hätten nicht gütiger sein können, als Sie gewesen sind, ja nicht einmal meine Mutter.“

Der Pater lächelte, als er sich ohne weitere Entgegnung rasch entfernte. Ich vermute, er beeilte sich deshalb so sehr, weil er ein Erröten sich nicht wollte anmerken lassen.

Die Zöglinge hatten den Speisesaal schon wieder verlassen und spielten auf dem Hofe.

~P.~ Middleton ging jedoch nicht zu ihnen, sondern in sein Zimmer, und ließ Kenny zu sich rufen.

Nachdenklich setzte er sich an seinen Tisch, stützte den Kopf auf beide Hände und suchte nach dem Faden, der die Ereignisse dieses bewegten Tages verknüpfte.

„Was weiß ich nun eigentlich?“ sprach er zu sich selbst. „Heute Morgen platzt Tom mit diesen nämlichen Jungen zusammen -- dann sehe ich die verdächtige Munkelei im Hofe -- es muß sich um etwas ungewöhnlich Niedriges gehandelt haben, sonst hätte sich Skipper nicht von ihnen losgesagt, und Skipper war auch am Nachmittag nicht mit dabei -- dann Percy mit seinem rätselhaften Unterfangen, das ihn nahezu ruiniert, -- und zu welchem Zweck? damit die beiden nicht auf dem vorgehabten Wege heimkehren -- ich treffe die Bande an einer Stelle, wo Playfair und Quip vorbeigekommen wären, wenn Percy sie nicht gewarnt hätte -- man hat auf sie gelauert -- aber was sollte ihnen wohl geschehen -- und wer ist das eigentliche Haupt der Verschwörung -- doch vielleicht erfahre ich das jetzt.“

Es klopfte.

„Herein!“

Kenny, totenblaß, betrat das Zimmer.

„Ah, da ist er! Das ist eine saubere Geschichte, Kenny. ~P.~ Scott hat Euch diesen Morgen Euer Betragen schon vorgerückt. Ich glaube aber, von der Wirklichkeit hatte er gar keine Ahnung. -- Was kannst Du zu Deiner Verteidigung vorbringen?“

„Der Anschlag geht ganz gewiß nicht von mir aus, Pater,“ beteuerte Kenny, der mit Recht fürchtete, man werde ohne weiteres ihn in erster Linie verantwortlich machen. „Ich schäme mich fürchterlich, Pater, daß ich nachgab. Aber ich hatte nicht vorausgesehen, daß eine so schrecklich kalte Nacht folgen würde.“

„Oho, kalte Nacht!“ sprach der Präfekt zu sich selbst. „Playfair sollte also draußen die Nacht zubringen. Gar nicht übel, das! Aber wie?“ Mit lauter Stimme fuhr er fort: „Daran hättest Du aber denken +müssen+. Die beiden hätten sich ja eine schwere Krankheit zuziehen können!“

„Ich habe das auch immer entgegen gehalten und habe gesagt, man sollte ihnen wenigstens den Mund nicht verstopfen. Aber Prescott wollte nichts davon wissen. Er sagte, sie machten dann einen solchen Lärm, daß alles in die Brüche ginge.“

„So?“ ~P.~ Middleton wußte genug. „Ich will mir den Fall weiter überlegen. Du kannst gehen.“

„Aber, Pater, seien Sie überzeugt, daß ich mich bessern will. Haben Sie noch einmal Geduld mit mir! Ich weiß, daß ich mich bessern kann, wenn ich will. O, bitte, Pater, sorgen Sie doch, daß ich nicht weggejagt werde! O, ich hätte nie gedacht, daß es so weit mit mir kommen würde. Ich versichere Sie, es soll anders werden.“

„Nun ja,“ erwiderte ~P.~ Middleton, bewegt durch die Reue und die Angst, welche aus des Knaben Zügen sprach. „Ich will versuchen, ob sich etwas für Dich thun läßt; versprechen kann ich Dir freilich nichts, denn alles hängt von jemand anders ab. Morgen gebe ich Dir Nachricht, und ich hoffe, gute.“

„O, ich danke Ihnen, Pater! Ich will Ihnen in Zukunft folgsamer sein, als bis jetzt.“

„Hab’ mir’s doch gedacht!“ fuhr ~P.~ Middleton bei sich selber fort, als Kenny das Zimmer verlassen hatte. „Prescott ist der Hauptschelm; Kenny war nur die Tatze, die er vorstreckte. Wahrscheinlich hat er seinen Leuten eingeredet, es werde niemand fortgeschickt, weil ihrer zu viele seien. Er muß einen großen Einfluß auf sie besitzen, sonst hätten sie sich zu dieser Gemeinheit nicht hergegeben. Sein Hiersein ist eine ständige Gefahr für den guten Geist unserer Kinder. -- Mein Gott! so weit ich denke und gehört habe, ist ein ähnlicher Fall doch noch nie in einem unserer Pensionate vorgekommen.“

Unterdessen begingen die drei Freunde in der Infirmerie, wie Harry sich auszudrücken beliebte, eine ‚hochfein altehrwürdige Zeit‘. Tom und Harry hatten einen gar nicht zu verachtenden Appetit von ihrer Exkursion mitgebracht, und was ihnen vorgesetzt wurde, war ebenfalls nicht zu verachten. Wie der Toast verschwand! und die Eier und der Schinken! Man darf nicht weiter davon reden, um die Braven nicht in üblen Geruch zu bringen. Percy allerdings war zu sehr ermüdet, um dem Mahle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sein Geist jedoch war ganz frisch und mit gewohnter Lebhaftigkeit nahm er, in einem großen Lehnstuhle sitzend, an der Unterhaltung teil.

Der gute Krankenbruder hatte die Geschichte dieses Nachmittags bereits von Percy vernommen, zwang aber nichtsdestoweniger Tom, sie noch einmal zu erzählen. Endlich bewog er Harry, noch eine dritte Auflage zu veranstalten. Das wurde freilich keine verbesserte -- die erste war die beste gewesen -- aber eine ganz bedeutend vermehrte. Harrys Phantasie offenbarte eine staunenswerte Fruchtbarkeit. Eine ganze Reihe von Einzelheiten, von denen Tom und Percy nichts erlebt hatten, erfand er fröhlich dazu und erzählte sie so haarklein, als ob er wirklich mit dabei gewesen wäre. Tom und Percy wußten ihrem Staunen keinen Rat und hatten alle Mühe, ihn bei den Thatsachen zu halten, wodurch natürlich das Vergnügen des Bruders nur um so größer wurde.

„Die Geschichte ist so gut, als stände sie in einem Buche,“ sprach er zuletzt. „Und hätte ich Zeit, ich würde sie aufschreiben, herausgeben und viel Geld damit verdienen.“

Harry Quip war überhaupt heute so lustig wie noch nie. Eine Schnurre nach der anderen fiel ihm ein, so daß der Saal von dem heitern Lachen der kleinen Gesellschaft fortwährend widerhallte.

Endlich jedoch wurde die Unterhaltung stiller.

„Wißt Ihr auch,“ fragte Percy ernst, „daß ich dies als eine Strafe meiner Eitelkeit ansehe?“

„Meinst Du Dein Essen?“ warf Quip mit schelmischem Blicke ein.

„Nein, Harry! Du scherzest; ich meine die Schmerzen in meinen Beinen!“

„Warum denn?“

„Weil ich früher, wenn ich mit meinen Schwestern tanzte, auf meine Geschicklichkeit sehr eitel zu sein pflegte. Aber jetzt werde ich mir,“ fügte er schmerzlich bei, „nie wieder etwas auf meine Beine einbilden.“

„Nach dieser reuevollen Bemerkung,“ erklärte der Bruder, „dürft Ihr ganz passend zu Bette gehen.“

Die übrigen Zöglinge saßen wieder im Studiersaal hinter ihren Büchern. Allein ein rechter Eifer war offenbar nicht vorhanden. Eine gewisse Unruhe herrschte im ganzen Saale, und war für jeden, der zu schließen verstand, ein Zeichen, daß irgend ein peinlicher Vorfall sich ereignet habe und noch seines Ausganges harre.

Mehrere Zöglinge, die wir sehr wohl kennen, fehlten. Der Aufsicht führende Pater wollte vorschriftsmäßig eben ihre Namen notieren, als die Thüre sich öffnete und ~P.~ Middleton eintrat. Leise ging er zu dem Pater hin und fragte in flüsterndem Tone:

„Ist Martin Prescott hier?“

„Nein. Sehen Sie dort: sein Platz ist unbesetzt.“

Wo war Prescott geblieben?

Um das zu erforschen, müssen wir zurückkehren zu der Zeit, da Kenny von ~P.~ Middleton schied, während die Zöglinge noch im Hofe spielten.

16. Kapitel.

Percys Pult.

Kenny hatte das Zimmer seines Präfekten als ein ganz anderer Mensch verlassen. Jetzt endlich war es ihm sonnenklar, daß der Weg, den er in dieser Anstalt bis jetzt gewandelt, sehr schnell bergab führe. Bei dem Lichte, das ihm die heutigen Ereignisse gebracht, erschrak er wieder und wieder über die Tiefe, in die er bereits gesunken.

Da er keine Lust hatte, zu seinen spielenden Kameraden zu gehen, so trat er in den leeren Studiersaal, um hier das Ende der Erholung abzuwarten.

Als er eben die Schwelle überschritt, störte ihn das Klappen eines Pultdeckels aus seinen Gedanken auf. Er erhob die Augen und gewahrte Prescott, der neben Percy Wynns Pulte stand und sehr verwirrt aussah.

„Ich suche meine lateinische Grammatik,“ sprach Prescott. „Es muß sie mir jemand gestohlen haben.“

„Prescott, ich fürchte, Dir geht es schlimm,“ erwiderte Kenny, ohne auf diese Worte einzugehen. „Ich wollte Dich eigentlich nicht anzeigen; aber ich war so voll Angst, daß ich glaube, ich habe alles ausgeschwätzt. Du thust mir leid, aber was mir am meisten leid thut, ist, daß ich mich überhaupt mit Dir abgegeben. Ich wollte, ich hätte Dich nie gekannt.“

„So,“ versetzte Prescott mit einem befremdlichen, ja unnatürlichen Tone. „Ich sehe mich dann während des Studiums nach meiner Grammatik um.“

Und mit einem sonderbaren kalten Ausdruck im Gesicht, einem Ausdrucke, den Kenny erst nach den Begebenheiten, die wir jetzt sehen werden, ganz verstand, eilte Prescott aus dem Saale fort.

Kenny sah ihn während des Studiums nicht. Da fielen ihm seine Worte bezüglich der lateinischen Grammatik wieder ein und ließen einen schrecklichen Verdacht in seiner Seele aufsteigen.

Jetzt trat ~P.~ Middleton ein und sprach mit dem Pater jene Worte, die den Schluß des letzten Kapitels bilden. Dann ging er auf Kennys Platz zu.

„Weißt Du etwas von Prescott?“ flüsterte er.

„Nein. Aber als ich gerade aus Ihrem Zimmer kam, sah ich ihn hier. Er behauptete, es müsse ihm jemand seine lateinische Grammatik gestohlen haben; die suche er jetzt.“

„Suchte er in den Pulten anderer?“

„Ja. So schien es mir wenigstens. Er hatte gerade eines wieder geschlossen.“

~P.~ Middleton begab sich ruhig zu Prescotts Pult, öffnete es und übersah die Bücher: die lateinische Grammatik war da. Unverändert blieb das Gesicht des Präfekten. Er wußte ja, das jegliches Auge im ganzen Saale auf ihn gerichtet sei.

Er kehrte zu Kenny zurück.

„Wessen Pult schloß Prescott, als Du ihn sahest?“

„Das von Percy Wynn.“

„Gut. Jetzt, Karl, geh’ hinaus und erwarte mich auf dem Gange. Ich komme bald und habe Dir dann höchstwahrscheinlich etwas zu sagen. -- Du brauchst keine Angst zu haben,“ fügte er bei, als er bemerkte, daß Kenny böse Kunde befürchtete. „Ich habe Deinetwegen schon mit dem hochwürdigen ~P.~ Rektor gesprochen. Es geht alles gut.“

Er ging jetzt zu Percys Pult. Percy besaß, wie die meisten Mauracher Zöglinge, ein schönes, verschließbares Kästchen aus Metall zur Aufbewahrung von Briefen, Geld und etwaigen kleineren Wertsachen. Dieses Kästchen stand offen, es war aufgebrochen worden. Ein Blick zeigte, daß die Briefe nicht berührt waren, aber eine Anzahl Photographien lag da zerrissen -- die Photographien von Percys Eltern und Schwestern.

„Das arme Kind!“ dachte ~P.~ Middleton. „Diese Gefühllosigkeit ist ihm bitterer als der Verlust von noch so viel Geld. Gäbe es doch ein Mittel, ihm diese traurige Entdeckung zu ersparen! -- Vielleicht ist ihm aber auch Geld gestohlen! Richtig! heute Morgen sprach er ja von dem Taschengeld, das er noch in seinem Pulte habe. Und hier ist nichts mehr.“

Er schloß das Pult und verließ den Saal.

„Wir müssen den Verdacht hegen,“ sprach er zu dem draußen harrenden Kenny, „daß Prescott zu einem ganz andern Zwecke hier im Saale war, als er vorgab. Er ist weggelaufen, wie Du wahrscheinlich auch schon vermutet hast. Erzähle das niemanden! Sage, er sei aus der Anstalt ausgeschlossen, was vor einer Viertelstunde wirklich geschehen ist. Auch daß Du ihn hier gesehen, darf nicht bekannt werden. Jetzt geh’ nur zu Deinen Büchern zurück!“

Nach einem kurzen Besuche beim Rektor verfügte sich ~P.~ Middleton wieder auf sein Zimmer, um nachzusinnen, wie er Percy Wynn vor einem herben Schmerze bewahren könne. Endlich glaubte er einen Ausweg gefunden zu haben. Er ergriff die Feder und schrieb folgenden Brief:

+Sehr geehrter Herr Wynn!+

Percy besaß, wie Ihnen ohne Zweifel bewußt ist, eine Anzahl Photographien seiner Lieben. Diese Photographien sind ihm nun zerrissen worden, und zwar von einem Knaben, der -- ich schäme mich, es zu sagen -- bis vor einer Viertelstunde Zögling dieser Anstalt war. Percy selbst weiß es noch nicht. Ich fürchte aber, die Entdeckung dieser Roheit würde dem gefühlvollen Kinde sehr zu Herzen gehen. Deshalb sende ich Ihnen die Stücke zu mit der Bitte, die Photographien neu herstellen und +an mich+ abschicken zu lassen. Auf diese Weise braucht Percy nie zu erfahren, daß dieses teure Andenken an ein glückliches Familienleben so grausam mißhandelt worden ist.

Mit vorzüglicher Hochachtung

+A. Middleton+, ~S. J.~

Als der Brief vollendet war, schellte es zu einer kurzen Unterbrechung der Studien. ~P.~ Middleton eilte hinaus, und als der letzte Zögling den Saal verlassen, trat er an Percys Pult, nahm das Kästchen heraus und trug es in sein Zimmer. Allein die Zöglinge waren heute gegen ihre sonstige Gewohnheit sehr still, und in Gruppen beisammen stehend flüsterten sie geheimnisvoll miteinander.

Gegen Ende der kleinen Erholungsfrist näherte sich Donnel mit etwa fünf andern dem Präfekten.

„Ist es wahr, Pater, daß Prescott geschaßt ist?“

„Das ist wahr, Johann. Ich hoffe, er ist auch der letzte, der dieses Jahr fort muß.“

Er zog seine Schelle hervor und gab das Zeichen zum Schlusse der Erholung.

„Ich denke,“ fuhr Johann Donnel fort, „er wird bei diesem herrlichen Wetter nicht auf der Plattform stehen, sondern sich fein im Wagen halten. Puh, welch ein kalter Wind diese Nacht pfeift! -- Er hat doch den Sieben-Uhr-Zug genommen, Pater, nicht wahr?“

„Lauf, Donnel, es ist Zeit!“ war die Antwort des Präfekten.

Aber Donnels Frage wollte ihm nicht aus dem Sinne. Sollte Prescott wirklich den bezeichneten Zug benutzt haben?

Nach dem Diebstahl hatte er sich aus Furcht vor Entdeckung jedenfalls nicht für die gewöhnliche Art der Reise entschieden; er war schlau genug, um zu vermuten, daß ihm ein Telegramm vorauseilen, und daß auf der nächsten Station schon ein Polizist zu seinem Empfange bereit stehen könne.

Viel mehr Wahrscheinlichkeit hatte es für sich, daß er zu Fuß nach Sykesville gegangen war, einem Orte, der nicht ganz zwei Stunden von Maurach entfernt lag. Das Kolleg mußte er etwa um viertel vor sieben verlassen haben, konnte also viertel vor neun in Sykesville sein.

„Wenn er es so gemacht hat,“ sprach ~P.~ Middleton zu sich selbst, während er auf die Uhr sah, „so ist er jetzt da. Wenn aber das nicht -- was wird dann der arme Junge wohl bei dieser Witterung zu leiden haben?“

Er begab sich in die Infirmerie, wo die drei Freunde zum Abendgebete neben ihren Betten knieten. Percy stand auf, als er bemerkte, daß der Pater mit ihm reden wolle.

„Wie viel Geld hattest Du in Deinem Kästchen, Percy?“

„Fünfzehn Dollars.“

„Ich fürchte, Percy, Du bist bestohlen worden.“

„O! wirklich? Der Dieb ist doch wohl kein Zögling?“

„Leider scheint es doch der Fall zu sein. Ich vermute Prescott. Er ist weggelaufen, nachdem er Dein Kästchen erbrochen und das Geld genommen hat.“

„O, der Arme! Er thut mir so leid! Welch ein trauriges Leben muß er doch geführt haben, daß er eine solche Sünde begehen konnte!“

„Freilich, Percy. Aber das Geld! Dein Geld!“

„O Pater, an dem Gelde liegt mir nichts. Mein Vater schickt mir Geld wieder, wenn ich ihn nur bitte. Aber der arme, arme Junge thut mir so leid. Wie unglücklich muß er sich jetzt fühlen!“

„Erzähle dies jetzt niemanden, Percy! Auch daß er weggelaufen ist, darf niemand erfahren. Er ist aber zugleich geschaßt worden, und das weiß man unter den Zöglingen. Im übrigen wollen wir seinen Ruf schonen, soviel es noch möglich ist.“

„~P.~ Middleton, das gleicht Ihnen nun so ganz. Sie nehmen stets Rücksicht auf andere. Ich hätte hieran gar nicht gedacht. Ich wäre hingegangen und hätte jedem in die Ohren gerufen, Prescott sei ein Dieb und ein Ausreißer. Ich danke Ihnen sehr, Pater. Sie haben mir durch Ihr Beispiel eine heilsame Lehre gegeben.“

Hätte unser kleiner Freund gewußt, was für ein Brief an seinen Vater noch auf ~P.~ Middletons Tische lag, er würde die aufmerksame Rücksichtnahme seines Präfekten noch dankbarer bewundert haben.

„Noch eines, Percy. Dein Kästchen habe ich mit in mein Zimmer genommen. Das Schloß war ja erbrochen, und auch sonst war es arg beschädigt. Hast Du etwas dagegen, daß ich es Dir erst zurückstelle, wenn alles wieder in Ordnung ist?“

„O gar nichts, Pater! Behalten Sie es, so lange Sie wollen, eine Woche, einen Monat, behalten Sie es nur ganz.“

Mit einem Lächeln wünschte ~P.~ Middleton seinem braven Zögling gute Nacht.

17. Kapitel.

Wie ~P.~ Middleton den Flüchtling findet.

Je weiter die Nacht voranschritt, um so kälter wurde es, und um so weniger wollte es ~P.~ Middleton gelingen, den Gedanken an den Entflohenen aus seinem Kopfe zu verbannen. Immer sicherer wurde es ihm, daß Prescott die Eisenbahn nicht benutzt haben könne. Auf dieser Voraussetzung arbeitete seine Phantasie weiter und malte ihm die schauerliche Lage vor, in welcher sich der Unglückliche jetzt befinde. Da er den gewöhnlichen Weg nach Sykesville jedenfalls vermied, so konnte es leicht geschehen, daß er sich verirrte und alle Aussicht verlor, in der Nacht den Ort noch zu erreichen. Wo sollte er dann aber Unterkunft und Schutz gegen die schneidende Kälte finden? Ja würde er überhaupt Unterkunft suchen? er, der in seiner Art schlau und gerieben war und alles vermied, was bei einer Verfolgung auf seine Fährte bringen konnte?

Um elf Uhr ging ~P.~ Middleton endlich zur Ruhe. Allein seine Einbildungskraft scheuchte allen Schlaf von seinen Augenlidern weg. Stunde um Stunde verging, ohne daß er einzuschlummern vermochte. Beständig folgte sein Geist den Schritten des gewissenlosen, unglücklichen Wanderers.

Um vier Uhr endlich stand er wieder auf, verließ den Schlafsaal und ging in einem einsamen Teile des Hauses ein paarmal auf und ab.

„Ich halte es nicht mehr aus. Ich muß dem armen Jungen nachgehen. Vielleicht kann ich ihm doch helfen. -- Aber soll ich wirklich den ~P.~ Rektor wecken?“

Er begab sich an einen Ort, wo er das Fenster des Rektors sehen konnte. Es war erleuchtet.

„Gott sei Dank! -- Aber der hätte doch wenigstens schlafen sollen!“

Er ging und klopfte an.

„Herein!“

Der Rektor erhob sich von den Knieen und sah den Eintretenden erstaunt an.

„~P.~ Middleton, was führt Sie denn zu dieser Stunde her? Nach dem gestrigen Tage könnten Sie die Ruhe doch gebrauchen.“

„Hochwürden, ich habe die ganze Nacht noch kein Auge geschlossen vor Sorge um den Prescott. Stets kommt mir die Idee und will mich nicht verlassen, er sei bei dieser Kälte ohne Schutz draußen. Wollen Sie mir nicht erlauben, ihm nachzureiten? Um neun Uhr kann ich zurück sein, um meine Klasse zu halten.“

Einen Augenblick überlegte der Rektor, wobei er zugleich aufmerksam in das bekümmerte Antlitz seines Untergebenen sah.

„Gut! Gehen Sie! Aber unter einer Bedingung!“

„Welcher, Hochwürden?“

„Daß Sie gleich nach Ihrer Rückkehr in ein Fremdenzimmer gehen und sich schlafen legen. Ich will Ihre Klasse halten und will sorgen, daß Sie auch auf dem Spielplatze Vertretung erhalten. Keine Entschuldigung, mein Lieber! Sie haben für die Zöglinge zu sorgen, ich für die Patres. Sie brauchen Ruhe, Pater. Wenn Sie mir um neun Uhr nicht schlafen, schicke ich Sie für eine Woche zur Erholung aus dem Hause. In der letzten Zeit haben Sie sich zu sehr angestrengt.“

„Jetzt bitte ich Ew. Hochwürden noch um Ihren Segen. Ich fürchte sehr, ich schlafe um neun Uhr nicht, wenn ich den Jungen nicht auffinde.“

Er kniete nieder vor dem Manne, in dem er schon als Zögling einen väterlichen Erzieher verehrt hatte, und der ihm jetzt Gottes Stelle vertrat.

Andächtig erhob der Rektor seine Hände und sprach die Worte des priesterlichen Segens:

„~Benedictio Dei omnipotentis Patris et Filii et Spiritus Sancti descendat super te et maneat semper.~“