Percy Wynn

Part 5

Chapter 53,757 wordsPublic domain

„Aber das Wichtigste hast Du ausgelassen,“ bemerkte Tom.

„Was denn?“

„Du mußt vor allem schreiben, daß Du auf einen Baum geklettert seist und doch nicht wüßtest, wie man das Klettern macht, Du könntest klettern, obgleich Du es nicht gelernt hättest.“

10. Kapitel.

Eine Gesellschaft anderer Art.

Kenny hatte für seine Gespenstererscheinung eine empfindliche Strafe erhalten und verlor selbstverständlich das Privileg, allein auszugehen. In diese Strafzeit fiel nun auch ein freier Tag, den der ~P.~ Rektor zur Feier eines nationalen Ereignisses bewilligt hatte.

Der Himmel war heiter, deshalb waren schon am Morgen manche Zöglinge ausgeflogen. Unter der Schar derjenigen aber, die freiwillig oder unfreiwillig daheim blieben und sich geräuschvoll auf dem Spielplatz tummelten, befand sich Kenny, natürlich in der denkbar schlechtesten Stimmung. Er konnte sich mit dem gleichen Schicksal der meisten seiner Genossen trösten, die seit längerer Zeit den Ehrenvorzug ebenfalls nicht mehr besaßen.

In der übelesten Laune trieben sie sich jetzt auf dem Hofe umher und suchten sich womöglich aller Aufsicht zu entziehen, um eine ihrem Geschmacke zusagende Unterhaltung zu finden.

Da bemerkte Kenny, daß der Waschsaal, der sonst immer geschlossen war, offen stand. Ah! vielleicht ließ sich dort etwas anstellen. Sogleich holte er Prescott und Skipper herbei und betrat mit ihnen den Raum. Im Hintergrunde desselben war eben ein Zögling, ein kleines, zartes Kind, beschäftigt, seine Schuhe zu wichsen. Er erschrak, als er die drei Gesellen in der Thüre erblickte.

„O bitte, kommt doch nicht herein!“ flehte er. „Ich durfte die Thüre nicht aufstehen lassen. Aber ich habe ganz vergessen, sie zu schließen. Bitte, bleibt doch draußen! Wenn sonst etwas geschieht, werde ich bestraft.“

„Ah, bist Du es, Granger?“ sprach Kenny, ohne auf die Bitte zu achten. „Du solltest doch längst spazieren gegangen sein. Du gehörst ja zu den Braven. Was hast Du hier verloren?“

„Ich mache mich fertig, um meine Mutter abzuholen. Sie kommt mit dem Zehn-Uhr-Zug.“

„Dann mach’ auch, daß Du hinaus kommst!“ knurrte Kenny unwirsch. „Wir drei wollen hier allein sein.“

„O, ich darf Euch nicht drin lassen. Wenn ich fertig bin, muß ich den Saal abschließen und ~P.~ Scott den Schlüssel gleich wiederbringen.“

„Daraus wird nichts, Granger! Marsch hinaus! Etwas hurtiger! Verstanden?“

Der gewissenhafte Kleine nahm seine ganze Energie zusammen und erklärte:

„Ich thue, was der Pater gesagt hat. Wollt Ihr hier bleiben -- meinetwegen! Dann sperre ich Euch ein.“

„Das wirst Du bleiben lassen! -- Vorwärts! hinaus mit Dir!“

„Laß ihn, Kenny,“ sprach Skipper leise. „Wir gehen hinaus und sperren ihn selber ein.“

Granger stand jetzt an der Thüre, zog den Schlüssel aus der Tasche und schob ihn mit zitternder Hand ins Schloß. Er fürchtete sich vor den großen Burschen, aber ein Feigling war er nicht. Um jeden Preis wollte er seine Pflicht erfüllen.

„Wollt Ihr hinaus?“ fragte er schüchtern.

Statt einer Antwort stieß ihn Kenny bei Seite, zog den Schlüssel wieder aus der Thüre und steckte ihn ein. Seine Freunde hatten indessen von dem Saal schon völlig Besitz ergriffen. Für sie war es ein Hochgenuß, die Seifenstücke, Kämme, Handtücher, und was sonst niet- und nagellos war, durcheinander zu werfen. Voll Schrecken erblickte Granger die Verwüster in ihrer Thätigkeit. Aber was konnte er machen? Er begann laut zu weinen.

„Ich gehe zu ~P.~ Scott und sage ihm, Du hättest den Schlüssel, Kenny.“

„Was?“ donnerte ihn Kenny an. „Nimm Dich in acht! das sage ich Dir! Sonst geht’s Dir schlimm.“

Skipper wiederholte seinen ersten Vorschlag:

„Wir sperren ihn selber ein.“

„Prächtig!“ jubelte Prescott schadenfroh. „Dann sieht es noch dazu aus, als rührte diese Unordnung von ihm her. Es schadet dem unschuldigen Kinde gar nicht, wenn es auch mal eine Strafe bekommt. Nicht weglaufen, Granger!“ sprach er höhnend zu dem hilflosen Kleinen, indem er ihn ergriff und festhielt. „Du sollst auch einmal merken, daß eine Strafe weh thut.“

„Nein, das geht doch nicht!“ meinte Skipper, etwas verdutzt über den Plan, den er angeregt.

„Wir sollten besser selbst hier bleiben,“ sprach Kenny.

„Das nützt uns wenig,“ warf Skipper ein. „~P.~ Scott wird den Schlüssel vermissen und uns hier entdecken. Dann geht es uns schlimm.“

„Ich weiß, was wir thun!“ entschied Prescott nach einigem Bedenken. „Wir schließen die Thüre nicht, sondern schicken den Schlüssel gleich durch einen andern dem ~P.~ Scott zurück und lassen sagen, Granger sei schon zur Bahn. Ihn selbst sperren wir in die Lederkammer, damit er uns nicht verrät. Vorwärts mit ihm! -- Nicht so strampeln, Du Feigling!“

Die Lederkammer war ein dunkler Raum am andern Ausgange des Waschsaals unter einer breiten Treppe, wo Schuhe, Fußballüberzüge und ähnliches Lederzeug aufbewahrt wurden.

Der arme Granger wurde totenblaß. In den ersten Augenblicken setzte er sich zur Wehr, freilich vergebens; dann bat er flehentlich um Schonung, er müsse ja seine Mutter abholen; umsonst. Nur noch ein paar Schritte war man von dem schrecklichen, dunkeln Loche entfernt. Da schrie er in seiner Angst und Verzweiflung laut um Hilfe.

Kenny ergriff schnell ein Handtuch und wollte es mit einem Ende Granger in den Mund pressen. Auf einmal flog er zappelnd an die Wand und sah am hellen Tage den ganzen Himmel voll Sterne.

„Ihr Bengel!“ rief Tom Playfair, während ein zweiter Schlag Prescott zu Boden streckte. „Ihr Bengel!“ Und auch Skipper hatte einen gründlichen weg.

Tom hatte Grangers Angstrufe vernommen und war so schnell herbeigeeilt, daß alle drei ihre Püffe schon in Sicherheit hatten, bevor sie wußten, daß jemand anders da sei.

Jetzt aber wandten sie sich wutentbrannt gegen ihn.

„Er muß mit hinein!“ rief Kenny, der sich am schnellsten wieder erhoben hatte. Zugleich ergriff er den wehrlosen Granger und stieß ihn in die Lederkammer, vor deren Thüre sich jetzt ein heißes Ringen entspann.

„O Du Abgott aller Knirpse!“ schrie Prescott außer sich vor Zorn. „Jetzt sollst Du demütig werden!“

Tom, für sein Alter sehr stark und gewandt, schlug um sich, was er nur konnte. Allein, obwohl die Drei manchen empfindlichen Puff zu fühlen bekamen, so hätte er ihren vereinten Kräften doch auf die Dauer nicht zu widerstehen vermocht.

Da kam unerwartet ~P.~ Scott mit ernster Miene die Treppe herab. Sofort war Tom frei, die drei Burschen aber wurden schamrot und zitterten wie Espenlaub ob der Dinge, die da kommen sollten. Der Pater sprach kein Wort. Langsam und ruhig stieg er noch die beiden untersten Stufen hinunter und trat vor sie hin, als suche er den Zusammenhang der Dinge ohne Frage zu ermitteln.

Tom erhob sich und schlug den Staub ein wenig von seinen Kleidern. Dann öffnete er die Thüre der Lederkammer und befreite den zitternden Granger.

„Da, Willy,“ sagte er mit dem gewöhnlichen Tone seiner Stimme, „nimm ein paar Datteln!“

~P.~ Scott beobachtete alles. Aber bald verwandelte sich seine abwartende Miene in den Ausdruck nicht des Zornes, sondern der Trauer.

„Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen,“ sprach er, „so würde ich es nicht für möglich halten, daß Mauracher Zöglinge solche Gemeinheiten begehen können.“

Er hielt einen Augenblick inne. Diese einfachen, schmerzerfüllten Worte waren für die Schuldigen härter als die unsanfteste Anrede hätte sein können; nur Prescott schien sich nicht betroffen zu fühlen.

„Ich hätte nie gedacht, daß ich noch mit Knaben zusammenwohnen müßte, welche handeln wie Wilde. Jetzt geht Ihr Drei! Ich bin nicht in der Verfassung, die rechte Strafe für diese Roheit zu bestimmen. Morgen werde ich Euch wieder sprechen.“

„Sie wollen uns doch nicht roh nennen!“ versetzte Prescott frech.

„Wie ich Euch nenne, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, wie Ihr Euch betragt. Und ein armes, hilfloses Kind in ein solches Loch einzusperren, das bringen nur rohe, ja wilde Jungen fertig.“

„Playfair,“ sprach er, als die Sünder sich wie begossene Pudel von dannen geschlichen, „Du bist doch nicht verletzt? Ich fürchte, sie haben Dich etwas arg mitgenommen.“

„Gar nicht, Pater!“ war die heitere Antwort. „Ich habe nur etwas mehr Bewegung gehabt, als ich heute Morgen voraussah; denn ich wollte erst am Nachmittag spazieren gehen.“

„Du bist ein braver Junge, Playfair.“ Dann wandte er sich an den Kleinen, dessen Thränen noch immer flossen: „Haben sie Dir weh gethan, Willy?“

„Nein,“ schluchzte Willy, begann aber ruhiger zu werden.

„Komm’, Willy, ich will Dir helfen, Deine Kleider wieder in Ordnung zu bringen,“ fuhr der Präfekt fort und nahm eine Bürste. „Du mußt Dich auch ein wenig beeilen; es ist schon beinahe halbzehn.“

Dann zupfte er ihm die Krawatte wieder zurecht, füllte ein Waschbecken und sagte:

„Jetzt wasch Dir noch die Thränen ab! Deine Mutter würde ja erschrecken, wenn sie sähe, Daß Du geweint hast.“

Aber Granger hatte noch ein schweres Anliegen.

„Pater, ich hatte die Thüre des Waschsaales aufgelassen. Ich hatte ganz vergessen, was Sie mir sagten.“

„Darum mach’ Dir keine Sorge, Willy. Du siehst jetzt freilich, daß man auch in kleinen Dingen gehorchen muß. -- In Zukunft brauchst Du solche Roheiten nicht mehr zu fürchten; die Drei werden es sich gut überlegen, bevor sie wieder so etwas anstellen.“

„Ich glaube aber nicht, Pater,“ versicherte Playfair, „daß sie alle eigentlich schlechte Jungen sind. Skipper zum Beispiel war in den ersten Tagen ganz brav. Aber sie kleben so zusammen, das macht’s.“

„Gott gebe, daß Du recht hast, Playfair. -- So, Willy! Nur noch die Haare etwas kämmen! -- Jetzt geh’ hurtig, dann bist Du zur rechten Zeit auf dem Bahnhofe.“

Die Güte des Präfekten hatte Grangers Heiterkeit schnell wiederkehren lassen.

„Ich danke Ihnen sehr, Pater. Ich bin wieder ganz lustig. Meine Mutter soll gar nichts merken. Adieu Pater! -- Adieu Playfair,“ sprach er mit einem Ausdruck, der alle Worte des Dankes überflüssig machte.

11. Kapitel.

Eine Verschwörung gegen Playfair und Quip.

Sobald Tom in den Hof kam, sah er sich nach seinen Widersachern um. Sie standen in einer Ecke, wo sich all ihre Gesinnungsgenossen zusammengefunden hatten. Tom ging geradenweges auf sie zu und trat ohne weiteres mitten unter sie.

„Hört einmal, ich will Euch offen sagen, was ich von Euch denke! Ihr seid alle Neue, und ich gebe Euch die Versicherung, daß eine solche Mißhandlung der Kleinen hier nicht Mode ist.“

„Du willst wohl auch behaupten, wir seien Feiglinge!“ unterbrach ihn Prescott mit drohender Gebärde.

„Warum nicht?“ erwiderte Tom unerschrocken. „Aber warte nur, bis ich fertig bin. Auch Percy Wynn habt Ihr gequält, als er kam. Das wissen bis jetzt nur sehr wenige. Hätte ich es erzählt, so würde man Euch einen nach dem andern gehörig übergelegt haben. Und wenn erst Eure neueste Flegelei bekannt wird, dann spricht überhaupt niemand mehr ein Wort mit Euch. Ich will nun gar nichts davon erzählen, wenn Ihr Euch in Zukunft anständig aufführt. Aber erwische ich Euch noch ein einziges Mal so wie heute, dann posaune ich alles aus, und es ist mit Euch vollständig vorbei. Schreibt Euch das hinter die Ohren!“

Nach diesen Worten wandte Tom den Rücken und entfernte sich ebenso ruhig als er gekommen war.

„O Du verstellter Heiliger!“ kreischte ihm Prescott nach, konnte aber nicht bewirken, daß Tom auch nur umschaute.

„Er ist doch kein übler Junge,“ sprach Kenny, dessen bessere Natur sich emporzuringen begann. „Geht er nicht offen und ehrlich zu Werke?“

„Das ist wahr,“ stimmte Skipper bei. „Ich kann in dem, was er sagte, nichts Unrechtes finden. Wir sind Flegel gewesen, das ist klar. In meinem Leben habe ich mich nicht so geschämt, als da uns ~P.~ Scott die Leviten las. Sobald er vor uns stand, sah ich alles mit ganz andern Augen an.“

„Papperlapapp, Du Milchtopf!“ spottete Prescott. „Du willst uns wohl im Stiche lassen!“

„Nein -- das gerade nicht!“ erwiderte Skipper zögernd, und sein Mut sank sogleich wieder. „Zusammen müssen wir bleiben. Aber wir sollten uns doch mehr in acht nehmen.“

„Das meine ich auch,“ sagte Kenny. „Wir können Spaß genug machen, ohne uns gerade in solche Lagen zu bringen. Vor allem dürfen wir es nicht mit dem Playfair verderben; sonst verlören wir auf der Stelle alles Ansehen. Er hätte den ganzen Hof sogleich auf seiner Seite.“

„Ah so! so! jetzt verstehe ich!“ sprach Prescott mit bitterem Hohne. „Du willst Dich also auch vor Playfair beugen. Das ist recht! Was Playfair sagt, das schwätzen wir nach. Nur immer erst fragen, was Herr Playfair sagt! Herr Playfair sagt, wir seien Feiglinge -- hört Ihr? Feiglinge! -- Wollt Ihr ihm das auch nachschwätzen?“

Vor einer Minute noch hätten mehrere sich zur Besserung entschließen können. Aber sie waren Feiglinge, nicht im Sinne Prescotts, sondern rechte, echte Feiglinge, die sich vor dem Spott eines Nichtswürdigen fürchteten.

„Das hat niemand gesagt,“ lenkte Kenny wieder ein, „daß wir ihm alles nachschwätzen wollen. Er soll sich nichts gegen uns herausnehmen.“

„Das lasse ich mir gefallen. Ich dachte, Du meintest, er solle uns um den Finger wickeln dürfen.“

„Das ist mir nicht in den Sinn gekommen,“ versicherte Kenny, der schon fürchtete, die Führung der edlen Bande zu verlieren. „Wir müssen ihm einen Denkzettel anhängen, daß er sein Lebenlang nicht vergißt, wen er verhöhnt hat.“

Der Strom war wieder in seinem alten Bette. Die letzten Dinge drohten noch schlimmer zu werden als die ersten: Rache, gemeine Rache war das Losungswort. Ein schadenfrohes Lächeln verzerrte Prescotts Gesicht; einen Augenblick schwieg er wie lauernd.

„Hast Du noch nichts?“ fragte er dann. „Ich weiß längst den feinsten Plan.“

„Welchen denn?“

Sie drückten sich nahe aneinander und Prescott entwickelte mit leiser Stimme, was sein böses Herz ihm eingegeben. Kenny nickte beifällig aber zögernd, andere schwiegen. Nur Skipper war offenbar nicht einverstanden, sein Gesicht drückte lebhafte Mißbilligung des Vorhabens aus, an dem er teilnehmen sollte. Plötzlich wandte er sich ab und verließ die Gruppe: er hatte sich von seinen Kameraden losgesagt.

Ein paar Minuten vorher waren ~P.~ Middleton und ~P.~ Scott in den Hof getreten, in lebhaftem Gespräche über den bedauerlichen Vorfall, der sich vor kurzem ereignet hatte.

„Schauen Sie doch dort in die Ecke,“ sprach jetzt ~P.~ Middleton, „da ist es ganz sicher nicht geheuer. Ich glaube, die Geschichte von heute Morgen ist noch nicht zu Ende. Es ist heute Dienstag, der Tag der heiligen Schutzengel. Vielleicht kommt noch etwas ans Licht. Dann machen wir allerdings sehr kurzen Prozeß. -- Sie glauben nicht, wie mich diese Sorge beunruhigt. In all meinen sechs Jahren habe ich nie so widerhaarige und dabei so verschlagene Zöglinge gekannt.“

„Schlimme Gesellen sind es,“ sagte ~P.~ Scott. „Wenn sie ihr Wesen noch ein paar Wochen weiter fortsetzen, bringen sie einen Geist unter die Kleinen, der einen guten Teil unserer Arbeit vergebens macht. Der Anführer scheint mir Kenny zu sein, obgleich ich ihn gar nicht für den schlechtesten halte.“

„Auch ich habe diesen Eindruck von ihm. Er steht an der Spitze, ist aber nur der Geschobene; doch bringe ich nicht heraus, wer ihn schiebt. Vielleicht wissen wir das heute Abend. -- Holla, da geht ja Skipper auf einmal von ihnen weg. Was mag das bedeuten?“

„Der wird mit ihnen gebrochen haben, Pater. Könnten wir seine guten Vorsätze nur etwas warm halten, daß er nicht in Versuchung kommt, umzukehren!“

„Sie haben recht. -- Skipper!“ rief ~P.~ Middleton, als der Knabe mit einem Gesicht, das halb mürrisch, halb entrüstet war, an ihnen in einiger Entfernung vorbeigehen wollte.

Skipper kam und zog verlegen den Hut ab.

„Willst Du wohl für mich in der Stadt eine Bestellung machen, Skipper?“

„Sehr gern, Pater!“ erwiderte der Angeredete freudig überrascht; ein solches Zeichen des Vertrauens hatte er nicht im mindesten erwartet.

„Hier ist ein Brief an den Redakteur des ‚Sonntagsblattes‘. Wenn Du ihn abgiebst, sage zugleich, Du kämest nach einer Stunde wieder, um die Antwort in Empfang zu nehmen. Du kannst dann so lange spazieren gehen. Einen Begleiter wirst Du schon finden.“

„Ich danke Ihnen, Pater.“

In der besten Stimmung entfernte sich Skipper. Der ehrenvolle Auftrag hatte seine moralische Kraft gestärkt und ihn zugleich der bösen Gelegenheit eines Rückfalles entzogen.

Doch war seine Umkehr noch nicht vollständig. Während er der Stadt zuschritt, entbrannte in seinem Innern ein heftiger Kampf zwischen dem erwachten Pflichtbewußtsein und der Furcht vor den bisherigen Freunden. Skipper hatte bis jetzt als ein Feigling gelebt; es kam ihm hart an, auf einmal als Held zu handeln. Er wußte, was Tom Playfair bevorstand. Mit Aufbietung aller Mittel mußte er die Gefahr von dem Bedrohten abwenden, das sagte ihm sein Gewissen. Und doch konnte er sich nicht entschließen, das einzige Wort zu sprechen, das genügte, um Tom Playfair zu retten. Die Vorwürfe seiner früheren Genossen, das Wort ‚Verräter‘ und ‚Feigling‘ im Munde dieser erklärten Feiglinge dünkte ihm zu hart.

„Vielleicht,“ sprach er zu sich selbst, „wird auch ein glücklicher Zufall ihren Plan vereiteln. Aber wenn das nicht geschähe -- der arme Playfair! Und doch -- ich mag diejenigen nicht verraten, die meine Freunde gewesen sind. -- Kann ich das? Muß ich das? -- Nein, es geht nicht! Ich warte bis diesen Abend; sind Playfair und Quip nicht zur rechten Zeit zu Hause, dann ist es ja noch immer früh genug, und ich brauche die Vorwürfe von Prescott und Kenny nicht so zu fürchten.“

Skipper fühlte, daß sein Gewissen mit diesem Entschlusse nicht zufrieden sei. Es war eine schwächliche Halbheit; die Ausführung mußte Prescott und Kenny doch noch gegen ihn aufbringen, während sein ungerechtfertigtes Zaudern zugleich bei den Vorgesetzten nur Mißbilligung zu erwarten hatte. Skipper war eben trotz seiner Umkehr noch ein Feigling, furchtsam und wankelmütig. Hoffen wir, daß sein armseliger Wille nach und nach zu einer größeren Entschlossenheit erstarkt.

12. Kapitel.

Percy entdeckt das Komplott und beschließt zu helfen.

Was trieb Percy an diesem Vormittag?

Still vergnügt saß er im Studiersaale an seinem Pulte. Gestern hatte er wieder stark gespielt und war so steif und lahm geworden, daß er ohne Schmerzgefühl nicht die geringste Bewegung machen konnte. Von allem, was im vorigen Kapitel erzählt ist, hatte er keine Ahnung. Seite um Seite las er ungestört ‚Dion und die Sybillen‘, und erst als die Glocke zum Mittagessen rief, schleppte er sich mühsam in den Speisesaal.

Der Nachmittag war einladend. Der helle Sonnenschein hatte die klare, reine Luft angenehm erwärmt. Daher beschloß Percy, nicht in den Studiersaal zurückzukehren, sondern seine Lesung im Hofe fortzusetzen. Von ~P.~ Middleton erbat und erlangte er die Vergünstigung, daß er sich mit Dion und den Sybillen vom eigentlichen Spielplatz in einen einsamen Winkel zurückziehen durfte.

Percy besaß die Fähigkeit, sich in eine Lektüre so zu vertiefen, daß seine Sinne für die Außenwelt gleichsam abgestorben waren. Tom Playfair hatte sich davon oft überzeugt, indem er sich von hinten an den Lesenden heranschlich, ihm die Taschen leerte oder auch mit Steinen füllte, oder indem er ihm die Krawatte in Unordnung brachte, was Percy regelmäßig erst nachher mit großer Überraschung bemerkte.

Auch jetzt war Percy wieder weit vom Lande der Wirklichkeit entfernt. Das Rufen auf dem Spielplatze, das Getöse eines vorbeifahrenden Zuges, das Geschrei der verspäteten Herbstvögel, und was sonst um ihn herum laut werden mochte, fiel nicht mehr in den Bereich seines Bewußtseins. Percy weilte unter einem fremden Himmel bei fremden Menschen. Daß der Lärm auf dem Spielplatze abnahm, weil die Zöglinge nach und nach spazieren gingen, und daß zuletzt ein Trupp, aus weniger Zuverlässigen bestehend, in Begleitung von ~P.~ Scott geräuschvoll das Pensionat verließ, störte ihn so wenig, als geschähe es am andern Ende der Welt.

Allein nicht alle Zöglinge waren ausgegangen. Zweien der Zurückgebliebenen müssen wir unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Sie haben sich gleich Percy vom Spielplatze entfernt. Eben jetzt sind sie von ihm kaum drei Schritte entfernt, seinen Augen aber durch einen Mauervorsprung verdeckt. Offenbar wollen sie nicht bemerkt werden und sind des Glaubens, ihr eifriges, sehr erregtes Gespräch, das sie halblaut flüsternd miteinander führten, werde von niemanden vernommen.

In Percy erwachte aber doch ein unbestimmtes Gefühl, er sei nicht mehr allein. Ihm war, wie jemanden, der im Traume ein wirkliches Geräusch hört, das in ihm nur ein dunkles Bewußtsein weckt, während er ganz in den Gebilden des Traumes weiter lebt. Auch hier gelangten die Worte der Sprechenden lange Zeit zu Ohren, welche ihrer Bedeutung nicht achteten. Noch immer hätte Percy mit Wahrheit sagen können, er habe von der ganzen Unterhaltung auch nicht eine Silbe gehört.

Mit einem Schlage kehrte er aus den Tagen Dions in seine eigene Zeit zurück; das Buch wäre beinahe seinen Händen entfallen.

„Sicherlich“ -- das waren die Worte, die ihn aus dem Traume aufschreckten -- „wenn Playfair eine ganze Nacht in Frost und Nebel daliegen muß, holt er sich eine schwere Krankheit. Sieh’ nur, wie klar der Himmel ist; es wird kalt. Nein, das Ding geht zu weit, es ist ein Verbrechen!“

Percy unterschied Skippers Stimme.

„Es ist zu spät,“ versetzte der andere, den Percy nicht erkannte. „Prescott hat herausgebracht, daß Playfair und Quip diesen Nachmittag einen Ausflug zum Paniflusse vorhatten. Kenny, Prescott und die meisten von den andern, die nicht allein ausgehen dürfen, sind jetzt mit ~P.~ Scott fortgegangen. Unterwegs wollen sie den Pater bitten, ein wenig vorangehen zu dürfen. So wollen sie sich von den übrigen ganz trennen, sich bei dem Steinwall, weißt Du, mitten auf der Prärie, verstecken und dort Quip und Playfair auflauern. Nachher wollen sie dann vorgeben, sie hätten sich verirrt und hätten den Hauptzug nicht wieder finden können.“

„O, ich will mit diesen Kerlen nie wieder etwas zu thun haben!“ versicherte Skipper. „Warum habe ich nicht eine kleine Andeutung gemacht, als es noch Zeit war? Aber wenn ich noch einmal in der Lage wäre, ich würde es gewiß abermals unterlassen. O, was für ein Feigling ich bin! -- Doch warum soll denn Quip auch daran?“

„Kenny beabsichtigte es nicht, aber Prescott bestand darauf. Quip würde sonst alles gleich verraten. Prescott will auch, daß man ihnen den Mund verstopft. Sie sollen nicht einmal um Hilfe rufen können.“

„Ach, wenn sie sie nur nicht fänden! Vielleicht nimmt Tom für den Heimweg den Pfad am Bahndamm entlang.“

„Nein, das thut er nicht. Prescott hat das alles ausspioniert. Die beiden wollen bis vier Uhr am Paniflusse bleiben und dann auf dem kürzeren Wege mitten über die Prärie heimkehren. In der Nähe des Steinwalles haben sie ein paar Kaninchenfallen, nach denen sie noch sehen wollen. Diese weiß Prescott auch, und so kann er sich mit seinen Genossen leicht an einem Platze in den Hinterhalt legen, wo sie notwendig vorbei müssen.“

„Ich fürchte, es geht den beiden sehr schlecht,“ sprach Skipper traurig. „Jetzt sehe ich ein, daß ich mich mehr als einmal von ihm zu ähnlichen Grausamkeiten habe verleiten lassen, obgleich es +so weit nie+ gekommen ist. Sie binden die armen Jungen jetzt sicher so fest, daß sie kein Glied rühren können. Dabei dürfen sie noch von Glück sagen, wenn man sie nicht erst halb tot schlägt.“

Mehr verstand Percy nicht; denn die Redenden, die sich keineswegs belauscht glaubten, entfernten sich jetzt in der Richtung zum Spielplatze hin.

Man denke sich nun Percys Entsetzen und Aufregung! Seine besten Freunde in Gefahr! Er selbst vermochte kaum einen Schritt ohne Schmerzen zu machen, und Tom und Harry waren stundenweit von ihm entfernt!

Allein er war gewohnt, in jeglicher Not seine Zuflucht zum Gebete zu nehmen.

„O mein Gott,“ flüsterte er auch jetzt mit beklommenem Herzen, „sende mir Deine Hilfe! Gieb mir Licht! Gieb mir Kraft! Heiliger Schutzengel, steh’ mir bei!“