Percy Wynn

Part 4

Chapter 43,825 wordsPublic domain

„Ja -- ich denke,“ sprach Tom. Er war noch ganz in Staunen versunken, daß Percy über Gedichte mit solcher Sicherheit und Wortfülle zu reden verstand. Auch diese Frage war nicht ganz nach seiner Art. Wohl liebte auch er Sonnenschein und frische Morgenluft; allein es war ihm noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß man darüber auch sprechen könne. In diesem Punkte war er noch viel mehr ein Kind, als Percy, wie viel er auch sonst vor demselben voraus hatte.

„Wie weit sind die Seen vom Pensionat entfernt?“ fragte Percy.

„Ungefähr eine Stunde,“ erwiderte Harry.

„O wie schade! Ich dachte, wir wären gleich da! Aber jetzt muß ich schon wieder umkehren.“

„Wie? Umkehren? Warum?“ riefen alle.

„Ja! Eine Stunde hin und eine Stunde zurück, das halte ich nicht aus. Zu Hause durfte ich nie länger als zwanzig Minuten spazieren gehen. Mehr darf ich mir nicht zumuten. Ach es thut mir so leid! Ich dachte, es würde ein so schöner Tag, und jetzt ist es mit aller Freude vorbei!“

Betrübt setzte sich Percy auf einen großen Stein am Wege und begann sein Mißgeschick zu bejammern.

„Unsinn!“ sprach der kräftige Tom. „Niemand weiß, was er kann, bevor er es versucht hat.“

„O, ich brauche es nicht erst zu versuchen,“ versicherte Percy und schüttelte seine Locken zurück. „Ich weiß ganz genau, daß so etwas für mich zu viel ist.“

„Du Knäblein, du Würmchen, du Krabbelkäfer, du Zartpüppchen!“ zankte Donnel in gutmütigem Ärger. „Weißt Du, wofür ich Dich halte, wenn Du nicht mitgehst?“

„Ich hoffe für nichts Schlechtes,“ sprach Percy beklommen.

„Für eine Gans!“

„Das thäte mir sehr leid, Johann.“

„Aber ich thu’s.“

„Und ich auch!“ drohte Keenan.

„Und ich auch! Und ich auch!“ riefen alle zusammen.

„Ich will aber lieber eine Gans mit zwei gesunden Beinen sein, als ein Krüppel.“

„Ich bitte Dich, Percy,“ sprach jetzt Tom, „steh’ auf und geh’ mit uns! Thu’ es, um unsertwillen! Wenn Du müde wirst, werden Dich Donnel und Keenan tragen. Sie thun es gern und sind stark genug dafür.“

„Gut! ich will es wagen, weil es Euch freut. Aber Ihr sollt Euch meinetwegen keine Mühe machen.“

Also faßte sich Percy ein Herz, stand auf und schritt mit voran.

Auf einmal sagte Tom:

„Percy, Du bist im Irrtum.“

„Wie so?“

„Du sagtest ja, Du könntest nicht mehr aushalten, als zwanzig Minuten, und jetzt bist Du schon eine halbe Stunde auf den Beinen. Sieh nur meine Uhr!“

„Wirklich!“ rief Percy voll Freude. „Und ich fühle noch gar keine Müdigkeit!“

Nach weiteren zehn Minuten beschloß man mit Rücksicht auf Percy, eine Pause zu machen. Aber der wollte nichts davon wissen, bis ihn nach vergeblichen Überredungsversuchen Tom schließlich mit Gewalt auf einen Stein niedersetzte.

„Du hattest doch recht, Johann,“ sprach er zu Donnel, „daß Du mich für eine Gans halten wolltest, wenn ich nicht weiter ginge. Ich merke immer mehr, daß ich schrecklich einfältig bin.“

„Aber Du wirst auch schrecklich schnell gescheit,“ tröstete Johann Donnel.

Harry Quip bat jetzt Percy, eine Geschichte zu erzählen.

„Sehr gern; aber hier geht es nicht. Wir bleiben ja nicht lange hier sitzen.“

„Dann sing’ uns ein Liedchen!“ sprach Tom, und aller Augen richteten sich voll Erwartung auf Percy.

Percy lächelte, summte ein wenig leise vor sich hin, um seine Geige zu stimmen, und sang:

„Ein Eiland schön, von Wogen umrauscht, Das sei für heute mein Sang ....“

Die Zuhörer horchten mit sprachlosem Erstaunen. Noch nie hatten sie empfunden, wie jemand gleichsam seine Seele in den Klang seines Gesanges legt. Zudem waren sie, gleich Percy, mit einer einzigen Ausnahme Kinder irischer Familien, die mit großer Liebe an ihrem alten Vaterlande hingen. Ein Loblied auf Irland, in so vollendet schöner Weise vorgetragen, war deshalb für alle etwas Unwiderstehliches. Sie zogen im Geiste hin zu der grünen Insel St. Patricks, der Heimat ihrer Vorfahren, mit ihren spiegelhellen Seen und rauschenden Flüssen, mit ihren epheu-umrankten Ruinen, den Trümmern herrlicher Schlösser und Klöster, die, von Tyrannenhänden zerstört, den verjagten Kindern des Landes nachtrauern. Nicht alle konnten alles verstehen, aber alle waren so ergriffen, daß, als Percy geendet, niemand recht das Gespräch wieder aufnehmen mochte.

„Ich bin von französischer Abstammung,“ begann endlich Keenan, „und habe auch englisches Blut in meinen Adern. Aber heute ist kein Irländer auf der ganzen Welt für Irland mehr begeistert, als ich.“

Harry, Willy und Joseph schauten in ehrfurchtsvoller Bewunderung den kleinen Sänger sprachlos an.

„Percy, ich gäbe Dir alle meine Fertigkeiten,“ sagte Tom, „wenn ich auch so etwas könnte!“

„Ich habe es von meiner Schwester Elise gelernt. Es freut mich, daß es Euch gefällt. Ich habe noch einen großen Vorrat von schönen Liedern, und will singen, so oft es Euch Vergnügen macht.“

8. Kapitel.

Ein freier Tag.

2. Fischen und Klettern.

Nach einem weitern Marsche von fünfundzwanzig Minuten waren sie am Gestade eines Sees angelangt und wählten eine liebliche Uferstrecke, wo der Schatten ästiger Bäume weit ins Wasser fiel, zum Fangplatze aus.

Tom reichte Percy sogleich eine Angel und einen Wurm als Köder.

Percy faßte behutsam den Wurm, aber als er sah, wie sich derselbe hin- und herwand, ließ er ihn mit einem Schrei zu Boden fallen.

„O! was soll ich jetzt machen?“

„Heb’ ihn auf! Er beißt Dich nicht!“

Nach manchen erfolglosen Versuchen gelang das schließlich. Percy unterdrückte mutig eine Anwandlung des Schauderns und wollte den Wurm an den Angelhaken bringen. Allein wie er es auch anstellen mochte, stets entschlüpfte er ihm.

„Ruhig liegen, unartiges Ding!“ rief er, fast aufgeregt.

Da kam ihm Tom zu Hilfe.

„Das Zappeln kannst Du ihm leicht abgewöhnen,“ sprach er, nahm den ‚unartigen‘ Wurm in die eine Hand und gab ihm mit der andern einen kräftigen Schlag. Der Wurm zappelte nicht mehr, und Percy brachte ihn mit seinen geschickten Fingern leicht an den Angelhaken.

„Es giebt zwei Arten von Fischen,“ erklärte jetzt Tom, „kleine, zum Beispiel Barsche und Sonnfische, die ganz nahe an der Oberfläche schwimmen, und große, die gewöhnlich unten auf dem Grunde bleiben. Die großen sind sehr schwer zu fangen. Sie haben Mäuler wie Scheunenthore, und einen Angelhaken, wie den Deinen da, verschlucken sie mit dem größten Vergnügen und ohne alle Beschwerde; das ist nur eine kräftige Speise für sie.“

„Gewiß!“ ergänzte Quip. „Und sie thun sehr beleidigt, wenn man den Haken wieder herausziehen will.“

„Sie sind imstande,“ fuhr Whyte fort, „plötzlich heraufzukommen und Dich mit einer Schwanzspitze aufzuspießen.“

„Danach spüre ich nun wenig Verlangen.“

„Deshalb ist es am besten für Dich,“ nahm Tom wieder das Wort, „wenn Du sie ganz in Ruhe läßt. -- Ich rate Dir überhaupt, mit den kleinen zu beginnen, die man am Ufer ganz leicht fangen kann. Wirf nur dort hinten, wo der dicke Holzklotz aus dem Wasser ragt, gleich einmal aus!“

Percy folgte der Anweisung. Ein paar Minuten lag der Kork seiner Angelschnur unbeweglich auf der glatten Wasserfläche. Aber auf einmal fing er an, hin und her gezerrt zu werden.

„Tom, sieh doch nur! Was ist mit meinem Korke los?“

Tom war ganz in Anspruch genommen, seine eigene Angel für die ‚Tiefsee-Fischerei‘ instand zu setzen.

„Ist er am Ertrinken?“ fragte er, ohne seine Augen abzuwenden.

„Nein. Aber bitte, Tom, schau’ doch!“

„Vielleicht hat ein Fisch Streit mit Deinem Wurm.“ Und Tom schlenderte seine Angel weit ins Wasser hinaus.

„Ich meine, Tom --“

„Was meinst Du?“

„Mein Kork ist fort. Ich sehe nichts mehr davon.“

„So zieh’ doch! es hängt ein Fisch daran.“

War es nun bloße Aufregung, oder glaubte Percy, es hänge ein Walfisch oder sonst ein Wasserungetüm an seiner Schnur: kurz, er schwang die Angelrute mit aller nur möglichen Anstrengung aufwärts, und ein winziges Fischlein flog in die Zweige eines Baumes empor; dort verwickelte sich die Schnur, und das Fischlein zappelte hilflos in der Luft.

Ratlos stand Percy da. Man wußte nicht, wer mehr verdutzt war, der Fisch oder er.

„Was soll ich jetzt machen?“ fragte er.

„Leg’ ihm etwas Salz auf den Schwanz!“ riet Harry.

„Ist Dir das bedacht, Harry?“

„Der Quip schwätzt nur Unsinn,“ versicherte Donnel, und strengte alle Muskeln des Gesichtes an, um ernst zu bleiben. „Aber ich will Dir einen besseren Rat geben. Geh’ zur nächsten Farm und leih’ Dir eine Axt. Dann haust Du den Baum um und bekommst den Fisch ohne Mühe.“

„O Johann! Eine Axt habe ich mein Lebtag noch nicht in der Hand gehabt!“

„Baumfällen solltest Du nun doch lernen,“ sprach jetzt Keenan. „Du weißt ja, daß der große Gladstone keine bessere Erholung kennt.“

„Aber ich kann es noch nicht. -- Vielleicht kommt der Fisch von selbst hinunter, meinst Du nicht, Johann?“

„Er wollte es ja gern, wenn er nur wüßte, wie. -- Aber Du kannst gewiß verwirrtes Garn in Ordnung bringen, Percy.“

„Ja, ich habe es oft gethan, wenn ich meinen Schwestern beim Garnwickeln half.“

„Gut, dann paß auf!“ Der starke Donnel ergriff Percy bei den Knöcheln und hob ihn vom Boden auf, so daß er die Zweige, in denen die Schnur verwickelt war, fassen konnte.

Etliche Wochen vorher wäre Percy bei einem solchen Vorgange vor Angst in Ohnmacht gefallen. Jetzt aber blieb er ganz ohne Furcht, entwirrte geschickt die Schnur und ließ den Fisch herab.

„O Donnel!“ sagte er, als er wieder auf dem Boden stand, „Du bist ja ein wahrer Herkules! -- Aber wie kann ich jetzt den Fisch vom Haken bekommen?“

„Sehr einfach! Faß ihn fest am Kopfe, dann gleitet er Dir nicht aus der Hand; wenn Du nun den Haken vorsichtig zurückdrückst, -- so --“ hier zeigte ihm Donnel den einfachen Kunstgriff -- „so bringst Du ihn heraus, ohne den Fisch weiter zu verletzen.“

„S--s--st!“ flüsterte jetzt Tom. „Seht doch, was meinem Kork einfällt! Ich glaube, ich mache einen herrlichen Fang.“

Toms Kork bewegte sich in der That sonderbar. Anstatt, wie es sonst zu geschehen pflegt, unregelmäßig auf und ab, nach rechts und nach links, hierhin und dorthin gezerrt zu werden, schwamm er in stets gleicher Geschwindigkeit, oder besser gesagt Langsamkeit, der Mitte des Sees zu. Nur dann und wann tauchte er für einen Augenblick unter, um sogleich die frühere Bewegung wieder fortzusetzen.

„Festgebissen hat der Fisch noch nicht,“ sprach Keenan. „Aber er scheint es zu wollen, sonst würde er die Angel nicht mitziehen.“

Toms Angelschnur war mit dem einen Ende auf ein Rädchen gewunden, mittels dessen sie bequem verlängert oder verkürzt werden konnte. Tom rollte sie um eine gute Strecke ab, und der Kork schwamm noch weiter in den See.

Alle hatten bereits ihre Angeln aus dem Wasser gezogen und sich erwartungsvoll um Tom versammelt.

„Was ist zu thun?“ fragte dieser nach einer Weile, indem er wieder Schnur abrollte. „Das ist der verrückteste Fisch, der es je auf eine Angel abgesehen hat. Er sollte doch festbeißen oder davonschwimmen.“

„Schau’! jetzt bewegt er sich im Kreise!“ flüsterte Hodder.

„Der Fisch ist mondsüchtig,“ meinte Quip.

„Vielleicht ist es gar kein Fisch,“ versetzte Whyte.

„Zum Beispiel eine Wasserschlange!“ fuhr Percy fort, und sah aus, als wolle er im nächsten Augenblicke davonlaufen.

„Jetzt ist meine Geduld zu Ende!“ sprach Tom. „Wenn der Fisch nicht beißen will wie alle ehrlichen Fische auf dem weiten Erdenrund, so kann ich meine kostbare Zeit nicht länger mit ihm vertrödeln.“

Er gab der Angel einen starken Ruck nach oben, aber weder Angel noch Fisch wurden sichtbar. Die Rute bog sich, als wollte sie brechen.

„Jetzt weiß ich’s!“ rief er. „Ich habe ein tüchtiges Stück Holz gefangen.“

„Nein! Sieh nur! Sieh nur!“ sprach Keenan.

Der Kork bewegte sich wieder der Mitte des Sees zu, aber viel schneller als vorher.

„Der Kork ist verrückt, nicht der Fisch!“ sagte Whyte.

„Verhext ist er!“ meinte Hodder.

Percy war schon voller Aufregung.

„Leg’ ihm doch Salz auf den Schwanz, Tom!“ riet er.

Man lachte, aber nicht viel; denn die erfahrenen Fischer waren zu gespannt, um den Scherz recht würdigen zu können.

Der Kork schwamm indes der Tiefe zu und verschwand plötzlich, um nicht wieder aufzutauchen. Da fing Tom an zu ziehen. Aber das rätselhafte Wesen am andern Ende der Leine zog auch. Zuerst waren die Kräfte einander gleich. Plötzlich schrie alles vor Freude laut auf: das gefangene Wassertier fing an nachzugeben.

„Es ist mindestens ein Haifisch,“ sprach Tom, während er langsam die Leine weiter anzog.

„Vielleicht,“ sprach gravitätisch der Dichter Donnel, „ist es der Schatten eines abgeschiedenen Pani-Häuptlings, der über den Styx zurückgeschwommen ist und jetzt aus des Hades Finsternissen emportaucht, um zu atmen im rosigen Licht!“

„Und den es gelüstet,“ fuhr Keenan fort, „noch einmal den Kriegspfad gegen den weißen Mann zu beschreiten, mit dem seine Nachkommen bereits die Friedenspfeife rauchen.“

„Eher ist es ein alter Holzschuh!“ beschloß Tom nüchtern die poetischen Ergüsse.

Der Angelhaken kam indessen mit dem, was daran hing, immer näher. Ein Fisch konnte es unmöglich sein; denn ein solcher würde ruckweise gezerrt und gerissen haben, auch wahrscheinlich das eine oder andere Mal aus dem Wasser gesprungen, oder für Augenblicke nahe an die Oberfläche gekommen sein. Statt dessen merkte Tom nur ein anhaltendes starkes Ziehen.

„Meiner Ansicht nach ist es ein Esel,“ sprach Quip ernsthaft.

„Nein,“ sprach Whyte, „dafür ist es zu dumm. Ich glaube, ein Kürbis ist noch gescheiter, als dieses Ding.“

„Ich sehe es!“ rief Hodder. „Es ist jetzt in seichterem Wasser.“

„Nicht wahr, es hat lange Ohren?“ fragte Quip.

„Ich sehe es auch!“ rief Whyte. „Es ist rund, wie ein Schild.“

„Der Geist eines Indianerschildes!“ bemerkte Donnel.

„Nein, eine Schildkröte! Eine Schildkröte!“ riefen sie alle. „Eine Schnappschildkröte!“

Die runde Rückenschale war sehr deutlich sichtbar, immer mehr kroch das Tier auf dem Boden des Sees dem Ufer zu und endlich trat es in seiner ganzen Häßlichkeit aus dem Wasser. Es klappte sein abscheuliches, breites Maul mit wütendem Kreischen auf und zu, vermochte aber das Drahtende der Angelschnur nicht abzubeißen und wollte sich deshalb mit seinen ungeschlachten Vorderfüßen von derselben befreien.

„Nimm Dich in acht!“ sprach Keenan, als Tom dem seltsamen Fang etwas nahe kam. „Ehe Du Dich versiehst, hast Du einen Biß! Wir wollen sie lieber erst töten.“

„Aber wie?“

Keenan hatte bereits Toms kleines Jagdgewehr geholt und gab dem Tiere eine Ladung, die allem weiteren Sträuben ein Ende machte.

„Herrlich!“ rief Quip. „Eine solche Fischerei hab’ ich nie erlebt.“

„Ich habe wohl schon Schildkröten gefangen,“ sagte Donnel; „aber nicht mit der Angel und nie eine so große. Ich glaube, diese wiegt wohl fünfzig Pfund. Es ist schade, daß man Schnappschildkröten nicht essen kann.“

Plötzlich schaute Tom bestürzt auf.

„Wo ist Percy?“ rief er.

Percy war verschwunden.

„Percy! Percy!“ klang es in den Wald hinein.

„Hier bin ich ja!“ kam eine zitternde Stimme von oben.

Sie erhoben ihre Augen, und wer beschreibt ihre Verwunderung, als sie Percy zehn Fuß über dem Boden rittlings auf einem dicken Baumaste sitzen sahen!

„Aber, Percy,“ riefen sie überrascht und erfreut, „wie bist Du da hinaufgekommen?“

„Das weiß ich selber nicht. Ich meinte immer, ich könnte gar nicht klettern. Als aber die Schildkröte aus dem Wasser kam und so wütend pfauchte und schnappte, war es mir, als könnte ich alles.“

„Ihr habt gut lachen,“ fuhr er fort, als er bemerkte, wie heiter man seine Worte auffaßte. „Aber meine Lage ist keineswegs lächerlich. O, wenn mich meine Mutter hier sähe, sie würde in Ohnmacht fallen. Und wie soll ich wieder hinunter kommen?“

„Eine Art wäre, wieder herabzu+klettern+,“ sprach Tom, ohne sein Gesicht zu verziehen.

Harry Quip bot sich an, eine Axt herbeizuholen. „Dann haue ich den Baum um, und Du kommst ganz von selber aus den Boden.“

Percys Beklommenheit mehrte sich.

„Sollte es nicht in der Nähe eine Leiter geben?“ fragte er zaghaft.

Neues, herzliches Lachen begrüßte diese Bitte.

„O, was soll ich machen, was soll ich machen?“ jammerte Percy. „Noch nie war ich in einer so schrecklichen Lage.“ Seine Lippen zitterten, und die Augen wurden feucht.

Aber niemand hatte beabsichtigt, Percy weh zu thun.

„Es geht sehr einfach!“ sprach Donnel, der am allerwenigsten ein Mitgeschöpf betrübt sehen konnte. „Thu’ nur genau, was ich Dir sage. -- Bring’ Deine beiden Füße nebeneinander auf den Ast, auf dem Dein linker Fuß steht! -- Prächtig, Percy! -- So, jetzt kniest Du auf diesen Ast und hältst Dich an dem obern Aste fest, auf dem Du gesessen hast. -- Gut! -- Jetzt fasse den untern Ast neben Deinen Knieen mit den Händen, und laß Dich getrost hinab!“

Percy, der auf seine Freunde großes Vertrauen setzte, wagte alles ohne Bedenken. So konnte ihn Donnel an den Füßen ergreifen und dann auf den Boden stellen.

Erfreut und beschämt zugleich blickte er um sich.

„Ich bin noch lange kein rechter Junge,“ sprach er. „Aber wenn mich je wieder eine Schildkröte bedroht, so werde ich es ganz anders machen -- ich werde zeitig +weglaufen+.“

9. Kapitel.

Ein freier Tag.

3. Schwimmen und Rudern.

Die Gesellschaft begann jetzt ihre Fischerei von neuem und war vom Glücke begünstigt. Auch Percy warf seine Angel nicht vergebens aus. Zu seiner eigenen und seiner Freunde angenehmern Überraschung fing er noch acht kleinere Fische.

Tom zog seine Uhr.

„Jetzt wäre es wohl Zeit zum Schwimmen!“

„Ihr wollt doch hier nicht schwimmen!“ rief Percy voll Schrecken.

„Gewiß! Warum denn nicht?“

„Die Schildkröten könnten Euch ja in die Beine beißen! Hu!“ Und Percy schauderte.

„Du brauchst keine Angst zu haben,“ versicherte Tom. „Sie thun Dir nichts.“

„Mir, Tom? Mir? +Ich+ darf mich nicht ins Wasser wagen. Ich kann ja noch gar nicht schwimmen.“

Tom ging zu einem der Ranzen, die man mitgebracht hatte und kam mit einer neuen Schwimmhose zurück.

„Hier, Percy, das ist von meiner Seite ein Gegengeschenk für die schönen Photographieen, die du uns neulich verehrt hast.“

Allein Percy legte die Hände auf dem Rücken zusammen, und sein Gesicht drückte nichts weniger aus als Freude oder Dankbarkeit.

„Aber, Percy, ist denn das die Art, ein Geschenk anzunehmen?“

Jetzt fühlte sich der fein erzogene Knabe an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Er zwang sich zu einem Lächeln und empfing die Gabe des Freundes mit seiner gewöhnlichen anmutvollen Verbeugung.

„Ich bin Dir wirklich sehr verbunden, Tom. Verzeihe mir, daß ich so spröde that! Es war mir ganz sicher nicht bedacht. -- Wie nett sie ist! Kein Zebra hat so schöne, zierliche Streifen. Ich lege sie in mein Pult, und so oft ich sie sehe, will ich mich an Dich erinnern.“

Diese seltsame Verwendung einer Schwimmhose wollte Tom natürlich nicht gefallen.

„Es ist doch keine Photographie von mir!“ sprach er. „Gebrauchen sollst Du sie! Schwimmen ist nicht so schwer, wie Du meinst. Manche finden es leichter als Klettern.“

„Das Wasser ist so kalt, Tom! Ich bekomme sicher einen Schnupfen.“

„Nur, wenn Du zu lange drin bleibst oder Dich nachher nicht bewegst.“

„Und wir wollen Dich schon jagen,“ rief Quip, der eben ins Wasser gesprungen war und wieder auftauchte, vom See aus.

Aus Gefälligkeit gegen Tom beschloß Percy endlich, das Wagnis zu unternehmen. Er unterdrückte einen Schrei, als er den Fuß in das kalte Wasser setzte, hielt dann aber doch eine gute Zeit aus. Tom und Joseph Whyte blieben stets um ihn, bemühten sich, ihm einige Winke für seine ersten Schwimmübungen zu geben, und sorgten, daß er nicht an Stellen geriet, wo der See zu tief war.

Eben hatte Percy seine Kleider wieder angelegt, als ein lauter Juchzer seinen Lippen entfuhr. Ein kleines Boot, von Quip gesteuert und von Keenan gerudert, erschien an einem Ufervorsprung.

„O Georg! Harry! bitte, laßt mich auch hinein! Hurra! das wird lustig!“

„Was, Percy, Du willst in ein Boot?“ fragte Tom, der noch im Wasser war, mit ernster Miene. „Du weißt doch, wie leicht die Boote umkippen!“

„La, la! ich bin nicht bange!“ rief der Leichtfuß Percy. „Ich will rudern lernen.“

„Komm, spring’ hinein!“

Percy setzte sich zu Georg in die Mitte des Kahnes.

„Gieb mir auch ein Ruder, Georg!“

„Da! Nachher kannst Du sie beide bekommen. Aber versuch’ es erst mit dem einen. Vor allem mußt Du nun Takt halten lernen.“

„Giebt es hier Takt?“ fragte der Musiker.

„Und zwar Sieben-Elftel,“ erklärte der Steuermann lachend.

„Laß den Quip schwätzen, Percy! -- Das Takthalten besteht darin, daß Du zu gleicher Zeit mit mir das Ruder einsetzest, anziehst und heraushebst.“

Percy heftete seine Augen auf Keenans Ruder und that richtig die ersten Ruderschläge.

„Wenn Du so fortmachst, Percy,“ sprach Quip, „so lernst Du auch bald, wie man eine Krabbe fängt.“

„So? wie geht das denn?“

„Du lernst es ganz von selbst, ohne Anstrengung, Du brauchst auch nicht dabei aufzupassen.“

„Wirklich?“ fragte Percy verwundert, und schaute zu Quip auf. Dabei wandte er naturgemäß seine Aufmerksamkeit vom Rudern ab; er tauchte nicht tief genug ein, zog aber doch mit gewohnter Kraft an. Infolgedessen fiel er nach hinten und würde sich den Kopf wohl arg angestoßen haben, hätte nicht Keenan, der dieses Mißgeschick erwartete, ihn sogleich am Knie ergriffen und festgehalten.

„Du kannst es! Du kannst es!“ rief Quip mit unsäglichem Vergnügen. „Das ist so ganz das richtige Krabbenfangen. Du brauchst Dich jetzt nie mehr zu üben.“

„Gewiß!“ sprach Keenan. „Die beste Anwendung dieser neuen Kenntnis ist, daß Du sie gar nicht anwendest.“

Percy brachte sich in die frühere Stellung, schüttelte die Locken zurück, rückte seine Mütze zurecht und begann fröhlich wieder zu rudern. Für Quips Neckerei aber nahm er, ohne es zu wollen, bald Rache. Als derselbe nämlich einmal über eine kleine Ungeschicklichkeit des Anfängers lachte, flog ihm von Percys Ruder eine gute Ladung Wasser in den offenen Mund und erstickte das Lachen, als wäre es ein winziges Feuerflämmchen.

Kurz darauf steuerte Harry ans Land, stieg aus und verschwand im Walde.

„Was hat er, Georg?“ fragte Percy.

„Er ärgert sich vielleicht.“

„O, das thut mir leid. Habe ich ihn beleidigt? Ich wollte es sicher nicht. Er ist ein so guter Junge.“

„Das ist er. Aber sieh dort zwischen den Bäumen den Rauch aufsteigen. Donnel oder Tom hat schon ein Feuer angezündet, um unser Mittagessen herzurichten, und Quip thut nichts lieber als kochen. Er ist meistens unser Oberkoch und Speisemeister, und wir sind mit seiner Thätigkeit sehr zufrieden.“

„So? das freut mich!“ sprach Percy. Auch er war in der edlen Kunst der Speisebereitung durchaus nicht unerfahren. Wie in anderen Sachen hatten ihm auch hierin die sechs Schwestern einige Fertigkeit anerzogen. Deswegen hatte er schon geglaubt, heute damit seinen Freunden einen Dienst leisten zu können. Allein jetzt sprach er gar nicht darüber, sondern beschloß, den Erzeugnissen von Harrys Kochkunst alle Ehre anzuthun.

Um ein Uhr setzte sich die Gesellschaft zum Essen nieder. Das Tischgebet bestand diesesmal bloß in einem andächtigen Kreuzzeichen.

Donnel konnte sich nicht enthalten zu fragen, woher wohl die Rosen auf Percys Wangen kämen.

„Von der Bewegung,“ erwiderte Keenan.

„Und davon, daß Du ein Junge wirst,“ fügte Tom bei.

„Ja,“ meinte Percy, „ich bin jetzt doch lieber ein Junge, als alles andere in der Welt. -- Und welch einen Hunger ich habe!“

„Schwimmen und Rudern und Krabbenfangen macht immer Appetit, und ordentliches Kochen hilft nach,“ sprach Quip, der mit weißer Schürze geschäftig dastand, und mit großer Genugthuung seine Produkte verschwinden sah.

Der Nachmittag verflog in gleich angenehmer Unterhaltung.

Auf dem Heimwege aber that Percy sein Bestes, um mit Singen und Erzählen seine Freunde zu unterhalten. Von Müdigkeit zeigte er keine Spur, obgleich er doch den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war.

„Jetzt kann ich aber einen Riesenbrief an meine Schwestern schreiben. Ich erzähle ihnen, was ich alles schon gelernt habe: bockspringen, werfen, angeln, rudern, Krabben nicht fangen, und auch ein kleines bißchen Schwimmen.“

„Das glauben sie Dir gar nicht,“ meinte Donnel.

„O doch! Sie glauben mir alles, was ich sage.“