Percy Wynn

Part 3

Chapter 33,741 wordsPublic domain

„Es ist wirklich am Anfange nicht leicht,“ sprach ~P.~ Middleton freundlich, ohne in seinen Mienen den geringsten Tadel zu äußern. „Du kennst ja das Sprichwort: Aller Anfang ist schwer. Aber je mehr man lernt, um so mehr versteht man; so wird es immer leichter, und man thut es zugleich immer lieber.“

„Ich glaube das wohl,“ sagte Percy, nicht anders, als wenn er daheim mit Mutter und Schwestern spräche. „Ich habe es im Englischen selbst schon erfahren. Im Anfange las ich nicht gern, weil ich es nicht gut konnte; aber ich habe mich überwunden, und jetzt thue ich nichts lieber als lesen. -- Pater, bitte, erzählen Sie uns jetzt eine Geschichte!“

Da erschallte ein brausendes, allgemeines Gelächter. ~P.~ Middleton schmunzelte und rief, als wäre nichts geschehen, einen andern Schüler zum Übersetzen des nächsten Satzes auf.

Dieser Klasse gehörten auch Kenny und Prescott an, deren Aufmerksamkeit jetzt wieder auf den guten Percy gelenkt war.

„O, was für ein einfältiges Kindlein!“ sprach Kenny, als er sich nach der Schule mit Prescott allein fand. „Den hatte sicher seine Mutter immer am Schürzenband.“

„Ja, ja!“ bestätigte der saubere Freund; „aber um so besser! Wir wollen noch manchen Spaß an ihm haben. Der ist uns ein gefundenes Fressen!“

Jetzt folgte eine heimliche Unterredung.

„O, das ist herrlich!“ rief endlich Prescott halblaut. „Ein köstlicher Witz! so viel wert wie die beste Cigarre. Und verlaß Dich darauf, Du sollst ein ganz greuliches Gespenst werden; Du kriegst ein wahres Teufelsgesicht mit roten Augen.“

„Ja, Prescott, ich berste schon vor Freude, wenn ich mir vorstelle, wie das Mädchen in Todesangst gerät.“

„Und ich gehe hinter Dir her, damit ich sein Jammergesicht auch bewundern kann.“

Während alles dessen war derjenige, dem der Anschlag galt, in Frieden und Heiterkeit beschäftigt, die neue Welt der Knabenspiele noch weiter zu erforschen.

Zunächst zeigte ihm Tom einen Ziellauf-Ball.

„Sieh mal hier, Percy, kennst Du so ein Ding?“

„Hu, wie hart!“ rief Percy, indem er den Lederball mit seinen butterweichen Fingerchen vorsichtig berührte; „der ist ja gerade wie ein Stein!“

„Ich möchte Dich nun lehren, solche Bälle zu schnappen.“

„Ich solche Bälle schnappen? Nein Tom, das geht nicht. Ich kann nur ganz schöne, weiche Bälle schnappen. O, das hab’ ich oft mit meinen Schwestern gethan! Aber mit diesem verderbe ich mir ja die Finger, und dann kann ich nicht mehr Piano spielen.“

„Ei, Percy, kannst Du auch Piano spielen?“

„O, das thu’ ich so gern; und singen kann ich, Tom.“

„Percy, Du kannst alles, was ich nicht kann, und nichts, was ich kann.“

„Das hab’ ich eben von meinen Schwestern lernen können,“ sprach Percy lachend und warf das lange Haar zurück.

„Aber jetzt, Percy, mußt Du diesen Ball schnappen lernen.“

„Das geht ja gar nicht, Tom; ich könnte geradeso gut eine Kanonenkugel schnappen.“

„Es ist gar nicht so schwer. Ich will es Dir zuerst zeigen. Nimm Du den Ball und geh’ bis an den Baum dort. Dann wirfst Du auf mich, so stark Du kannst, und siehst zu, wie ich das Schnappen mache.“

„Aber wenn ich Dir weh thäte, Tom?“

„Keine Angst! ich will mich schon in acht nehmen. Und wenn Du doch all zu stark werfen solltest“ -- hier hielt Tom inne, um ein Lachen zu unterdrücken -- „so ducke ich mich schnell, daß der Ball über mich weg fliegt.“

„Aber so weit habe ich noch nie geworfen, Tom.“

„Dann versuch’ es jetzt einmal. Wenn Du Dich recht anstrengst, wird es Dir schon gelingen.“

Percy nahm den Ball und ging mit dem festen Entschlusse, recht stark zu werfen, an den bezeichneten Platz.

Dort schwang er den Ball ein paar Mal herum und ließ ihn dann aufs Geratewohl fahren. Nicht ohne Grund zitterte er für die Folgen; denn anstatt gegen Tom, nahm der Ball seinen Weg in der ganz entgegengesetzten Richtung, wo eben ein größerer Zögling dieses Hofes, Johann Donnel, mit gespannter Aufmerksamkeit einem Handballspiele zusah. Der Ball würde ihn ins Gesicht getroffen haben, aber Tom hatte noch Zeit zu rufen: „Donnel, Dein Kopf!“ und so erhielt er den Ball an den Hinterkopf.

„Au!“ rief er, etwas überrascht, aber sein Erstaunen wuchs, als er den kleinen goldlockigen Neuling laut jammernd auf sich zueilen sah.

„O, Du armer Junge!“ rief Percy, und die Thränen standen ihm in den blauen Augen. „Ich habe Dir sicher sehr weh gethan. Aber ich konnte nichts dafür, nicht wahr, Tom? Ich habe es ganz gewiß nicht mit Absicht gethan. O, ich bitte tausendmal um Verzeihung. Ich finde gar keine Worte, um auszudrücken, wie leid es mir thut!“

Diese mitleidsvollen, aus innerstem Herzen quellenden Worte und das tief betrübte Gesicht des Kleinen waren für Donnel erst recht etwas Unerklärliches.

„Jawohl,“ sagte er mit einem recht bärbeißigen Gesicht. „Du hast mich beinahe tödlich verwundet. Jetzt solltest Du mich wenigstens zum Krankenbruder bringen!“

„O Tom, bitte, hilf mir! ich kann es nicht allein. Du faßt ihn bei den Füßen und ich bei den Schultern. O, was hab’ ich gethan! was hab’ ich gethan! O Verzeihung, Vergebung für meine Unvorsichtigkeit!“ Und Percy begann laut zu schluchzen.

„Du armes Würmchen!“ lachte jetzt Donnel; „meinst Du wirklich, Du hättest mir weh gethan? Das war ja kaum ein Mückenstich. Weil Du es aber durchaus willst, so verzeihe ich Dir auch noch großartig. Und wenn Du in Zukunft Spaß daran hast, so komm’ und wirf mich, wo Du mich nur treffen kannst.“

„Du brauchst dabei nicht zu fürchten, Hans,“ sprach Tom, „er werde Dich treffen. Denn wenn er auf Dich zielt, wirft er sicher an Dir vorbei; er trifft nur die, auf welche er nicht zielt.“

Da ging in Percys Herzen wieder die Sonne auf. Halb verlegen flüsterte er:

„Stelle mich vor, Tom, bitte!“

„Gern. Johann Donnel, das ist Percy Wynn!“

In gewohnter Weise machte Percy seinen artigen Knicks und versicherte, er sei entzückt Donnels Bekanntschaft zu machen.

Donnel fand an dem seltsamen Menschenkind Gefallen. Er war nicht nur der größte Zögling des kleinen Hofes, sondern zugleich der freundlichste und umgänglichste, und die ganz Kleinen nannten ihn wegen seiner Herzensgüte den ‚Großpapa‘.

Sofort erriet er, was Tom mit Percy vorhabe, und unterstützte dessen Bestreben, aus Percy einen rechten Jungen zu machen, gleich praktisch, indem er Percy eine Lehrstunde im Werfen gab.

Unter seiner geschickten Leitung war Percy denn auch bald so weit vorgeschritten, daß wenigstens die umsichtigen Zuschauer vor seinen Würfen einigermaßen sicher waren.

„Morgen fühlst Du nun Deinen Arm etwas steif,“ sprach Tom, als es Zeit war aufzuhören; „aber sei deshalb nicht besorgt; das passiert jedem, der das Werfen noch nicht gewohnt ist.“

Der Abend kam, und müde von den Strapazen seines ersten Pensionatstages fiel Percy in Schlaf, sobald sein Kopf das Kissen berührte.

5. Kapitel.

Das Gespenst.

Etwa zwei Stunden mochte Percy geschlafen haben, da erwachte er und richtete sich schlaftrunken auf, ohne die Augen zu öffnen. Es war ihm, als hätte jemand seine Füße berührt, aber er wußte nicht recht, ob es vielleicht bloß Täuschung sei.

Schon legte er sich nieder, um wieder einzuschlummern, als ihn ein leises, aber ganz schaurig klingendes Brüllen zu vollem Bewußtsein brachte. Hastig die Augen aufschlagend gewahrte er neben dem Fußende seines Bettes eine fürchterliche Gestalt, ganz weiß, das Gesicht so lang wie Percys Arm und aschgrau, mit roten Augen und schwarzen Runzeln und Furchen; über den Kopf war ein blutigrotes Tuch geworfen, und ein geisterhafter Schein leuchtete um Kopf und Gesicht.

Karl Kenny, -- denn niemand anders war das Gespenst, -- und Prescott, der im Hintergrunde verborgen stand, hatten mit Schadenfreude auf Percys Entsetzen gewartet, und sich schon an dem Gedanken geweidet, wie der furchtsame Knabe erblassen und vor Schrecken kaum wagen werde einen Angstruf auszustoßen. Sobald Kenny jetzt Percy die Augen öffnen sah, stöhnte er noch einmal geisterhaft tief.

Aber was war das? dieses wohlklingende, silberhelle Lachen, kam das von Percy?

Noch einmal ließ Kenny ein grausiges Brummen erschallen.

„Ha, ha, ha! o das ist herrlich! das ist lustiger als eine Maskerade! ein unbezahlbarer Scherz!“

Percy lachte, so fröhlich er nur konnte, und klatschte mit ungekünstelter Freude in die Hände.

Kinder schlafen fest, und so war es nicht zu verwundern, daß erst jetzt Percys nächste Nachbarn erwachten, vor allem Harry Quip, dessen Bett unmittelbar neben demjenigen Percys stand.

Der sah aber die Geistererscheinung mit ganz andern Augen an als der kindliche Percy. Auf der Stelle durchschaute er, daß irgend ein gewissenloser Junge seinen schüchternen Freund habe in Angst jagen wollen.

Im Nu stand er kampfbereit vor seinem Bette, stürzte sich auf den Spuk, der ganz gegen die Art anderer Spüke schon bei seiner Annäherung merklich zusammenfuhr, und schlug den verblüfften Kenny mit leichter Mühe zu Boden. Der Helfershelfer Prescott aber entwischte feige, um nicht entdeckt zu werden.

Kenny hatte sich nun zwar gut überlegt, wie er wieder in sein Bett schlüpfen wolle, bevor Percys erwarteter Angstruf den Pater geweckt habe. Allein Percys Lachen hatte ihn schon in Verwirrung gebracht, und auf einen Überfall von Seite eines Dritten war er erst recht nicht gefaßt; daß er gar zu Boden fallen könne, hatte er am allerwenigsten bedacht.

Sein entsetzliches Gesicht war nun aber nichts weiter, als eine große durchscheinende Papiermaske, mittelst einer Kerze, die auf dem Kopfe befestigt war, von innen erleuchtet. Sobald er deshalb fiel, entzündete die Kerze sofort das Papier, und auch die übrigen Teile des Geisterputzes fingen Feuer.

„Hilfe! Hilfe!“ schrie der Geist, so laut er konnte; „ich verbrenne, ich verbrenne!“

Da wurde der ganze Schlafsaal wach.

„Wasser! Wasser! -- Ruft den Pater!“ -- „Ein Priester!“ riefen die Kleinen verwirrt durcheinander.

Einige glaubten sich schon in Todesgefahr und erweckten laut einen Akt der vollkommenen Reue, wie sie es im Religionsunterrichte gelernt hatten. Das war sehr schön, insofern es ihren vernünftigen, frommen Sinn zeigte; aber in ihrer kindlichen Furcht hatten sie die Gefahr überschätzt.

~P.~ Middleton, der zwar wie alle gesunden Leute nach hartem Tagewerk einen festen Schlaf hatte, war doch schon früher erwacht und näherte sich bereits eilig, aber voll Ruhe, der Stelle, wo der brennende Spuk auf dem Boden lag.

Allein Tom Playfair war ihm zuvorgekommen; mit all seinen Bettdecken stürzte er sich auf Kenny, und entwickelte einen solchen Eifer im Ersticken des Feuers, daß das arme Gespenst beinahe mit erstickt wäre.

Kenny mußte in die Infirmerie geschickt werden. Zwar war er nicht erheblich verletzt, allein seine Haare waren versengt und stellenweise war auch die Haut verbrannt. Auch ohne die nachdrückliche Strafe, die ihm später zu teil wurde, wäre er nie wieder in Versuchung gekommen, eine Geisterrolle zu spielen.

Der Schlaf, der so große Macht über die sorglose Kindheit hat, stellte sehr bald die Ruhe wieder her, und friedlich schlummerte die aufgeschreckte Jugend dem Morgen entgegen.

6. Kapitel.

Nachwehen.

Es war am Morgen nach der Geistererscheinung; die meisten Zöglinge waren mit Waschen und Ankleiden schon ganz fertig. Da hinkte eine kleine Jammergestalt schmerzlich die Treppe hinab.

„O ~P.~ Middleton,“ sprach Percy und stand da wie ein Häuflein Unglück; „ich bin sehr krank. Sehe ich nicht unwohl aus?“

„Dein Gesicht hat seine gewöhnliche Farbe, Percy; aber Du scheinst etwas lahm zu sein. Wo fühlst Du denn Schmerzen?“

„O, überall, Pater.“

„Hat Dir der Spuk etwas zu leide gethan?“

„O, gar nichts, Pater! -- Hat denn der arme Junge wirklich einen Geist spielen wollen? Ich glaubte, er wolle mich bloß zum Lachen bringen; es sah so köstlich aus. Ich habe nicht die geringste Furcht empfunden.“

„Wo thut’s Dir denn besonders weh?“

„Meine Beine sind so steif, daß ich sie kaum bewegen kann, und mein rechter Arm schmerzt mich schrecklich.“

„Ah, jetzt weiß ich, was Dir fehlt. Du hast wohl gestern viel gespielt, nicht wahr!“

„Freilich, Pater, so viel wie noch nie in meinem ganzen Leben.“

„Davon kommt dein ganzes Unwohlsein, Percy; es vergeht von selbst wieder, wenn Du Dich nur einen oder zwei Tage ruhig hältst. Heute scheint es nun außergewöhnlich stark zu sein. Deshalb will ich Dir dieses Mal erlauben, noch etwas zu schlafen. Geh’ nur wieder hinauf und leg’ Dich zu Bett; Tom Playfair soll Dich wecken, wenn es Zeit ist.“

„Ich danke Ihnen sehr, Pater. Ich bin so müde, ich glaube, ich könnte eine ganze Woche schlafen. -- Pater, ist das wirklich wahr, was alle Zöglinge sagen, daß ich aussehe wie ein Mädchen?“

„In einigen Punkten ja,“ erwiderte der Pater, den die unerwartete, seltsame Frage überrumpelt hatte.

„Das habe ich mir auch gedacht,“ sprach Percy, durch die Antwort keineswegs betroffen. „Tom Playfair sagt es ebenfalls, und er ist doch so gut gegen mich. Ist es denn wirklich etwas so Sonderbares, wie ein Mädchen auszusehen?“

„Darüber hab’ ich noch nicht nachgedacht,“ antwortete der Pater lächelnd. „Freilich, wenn einer nicht anders kann, so darf man es ihm nicht übel nehmen.“

„Aber Sie scheinen es doch als weniger passend zu betrachten. Es kommt mir auch vor, Pater, als gaffte man mich immer an, gerade wie einen, der etwas sehr Auffallendes an sich hat. Muß ich vielleicht irgend etwas ablegen? Ich weiß nicht, was es wohl sein könnte. -- Es ist mir sehr peinlich, begafft zu werden; Ihnen nicht auch, Pater?“

„Wie könnte mir das angenehm sein, Percy?“

~P.~ Middleton merkte wohl, daß Percy hauptsächlich seines langen Haares wegen solches Aufsehen erregte; schon wollte er ihm raten, sich dieses weniger männlichen Schmuckes zu entledigen.

„Allein,“ dachte er, „vielleicht sind gerade diese goldenen Haare Gegenstand besonderer Freude und Sorgfalt für Mutter und Schwestern gewesen, und es dürfte dem guten Kinde jetzt noch recht schwer fallen, sie zu opfern. Später kommt wohl eine schicklichere Gelegenheit.“

So gab er denn zur Antwort:

„Das beste, was ich Dir sagen kann, Percy, ist, daß Du gut spielen lernst; dadurch bekommt Deine Gestalt von selbst ein kräftigeres, männlicheres Aussehen und die Zöglinge werden schon aufhören, Dich so anzuschauen. Jetzt leg’ Dich zu Ruhe; später können wir ja noch einmal darüber sprechen.“

„Ich danke Ihnen sehr, Pater,“ entgegnete Percy erfreut. Aber zu seinem gewöhnlichen eleganten Knicks wollten sich die gelähmten Glieder nicht verstehen; nach einem vergeblichen Versuche stieg er unter manchem Schmerzensseufzer wieder die Treppe hinauf.

Als Tom ihn weckte, fühlte er sich bedeutend wohler, doch war die Steifheit noch geblieben, so daß er gar nicht daran denken konnte, heute wieder zu spielen.

„Du liest ja so gern, Percy,“ sprach deshalb Tom zu ihm nach dem Frühstück. „Nimm Dir also ein Buch und setz’ Dich ruhig dort hinten auf die Bank; ich komme von Zeit zu Zeit und spreche etwas mit Dir, damit es Dir nicht zu langweilig wird.“

„O Tom, bitte, leg’ Dir meinetwegen keine Unannehmlichkeit auf. Wenn ich ein interessantes Buch habe, bin ich ganz selig. Und jetzt habe ich gerade ein sehr interessantes: ‚Dion und die Sibyllen‘. Mama sagt, es gehöre zu den besten katholischen Romanen, die in unserer Sprache geschrieben sind.“

„Schön, Percy. Also lies! Ich wollte, ich könnte es so wie Du. Aber ich finde die meisten Bücher langweilig. Ich habe fast noch gar nichts gelesen, als ein paar Erzählungen.“

Tom fühlte sehr wohl, daß der mädchenhafte Percy an eigentlicher, nämlich geistiger Reife hoch über ihm stand, und mit einem Seufzer entfernte er sich, um ein Handballspiel mit Quip, das er unterbrochen hatte, fortzusetzen.

Percy aber setzte sich seelenvergnügt auf die Bank und war bald tief in seine Lesung versenkt. Doch sollte er nicht lange ungestört bleiben.

Martin Prescott, der mit Kenny die Geistererscheinung geplant und ausgeführt hatte, konnte sich Percys Charakter noch immer nicht reimen. Er hatte gesehen, wie Percy bei unverschämten Fragen errötete, wie er sich nicht entschließen konnte, über Tom zu springen, wie er in Aufregung geriet, als er Donnel getroffen; er mußte also der vollendetste Feigling sein. Und doch hatte er in der Nacht beim Anblick des Gespenstes nicht die mindeste Furcht gezeigt. Das war Prescott unerklärlich.

„Ah,“ sagte er endlich zu sich selbst, „er hat sicher von unserm Vorhaben Kunde gehabt. Da hinten sitzt er gerade, ganz allein. Ich will ihm doch gleich einmal auf den Zahn fühlen!“

„Guten Morgen, Wynn,“ begann er und suchte freundlich zu lächeln. „Das ist wohl ein schönes Buch, das Du da liest.“ Mit diesen Worten setzte er sich neben den rätselhaften Knaben.

Percy schloß das Buch.

„O, ja, ein sehr schönes, ‚Dion und die Sibyllen‘. Kennst Du es schon?“

„Nein.“ -- „Welch alberne Frage!“ war Prescotts erster Gedanke.

„O, Du solltest es lesen. Es ist entzückend. Einige Scenen sind so lebendig dargestellt, daß man glaubt, man wäre selbst dabei, und sähe alles mit eigenen Augen. Hast Du schöne Schilderungen nicht auch gern?“

„Jaah -- jah! -- Aber, Wynn, ich höre, Dir ist diese Nacht ein Gespenst erschienen; ist das wahr?“

Percy lachte wieder voll Heiterkeit.

„O nein, es war nur ein Zögling, der einen Spaß machen wollte. Ich habe auch herzlich darüber gelacht. Es thäte mir leid, wenn ihm etwas Schlimmes dafür geschähe. Er hat es sicher nicht böse gemeint.“

„Er hat Dich in Angst setzen wollen,“ erklärte Prescott, der noch immer nicht begriff, wie Percy die Sache so harmlos auffassen könne.

„O, ganz sicher nicht! Es wäre ja gewissenlos, jemanden zu erschrecken. Es ist schon vorgekommen, daß Leute auf diese Weise vor Angst schwer krank geworden oder gar plötzlich gestorben sind. Ich kann nicht glauben, daß Kenny einer solchen Bosheit fähig ist; er hat ein so gutmütiges Gesicht. Und dann sagt Tom Playfair auch, Knaben seien gerade so gut wie Mädchen. Mädchen würden das aber nie thun, das weiß ich von meinen Schwestern. Die waren immer so gut und liebevoll gegen mich, obgleich sie mir hie und da auch einen Streich spielten. Am liebsten that das Maria. Einmal sagte sie mir, ich solle auf mein Zimmer gehen und meine neuen Schuhe anprobieren. Ich antwortete, ich hätte ja keine bekommen. Aber sie drängte mich, bis ich endlich ging. Da lag auf meinem Tische ein großes Blatt Papier, worauf geschrieben stand:

Schuhe suchst Du für die Füße, Und bist reich verseh’n; Doch probier, wie diese Schuhe Deinen Händen steh’n; Steck’ im Winter Deine Fingerchen, Wenn’s Dich friert, in diese Dingerchen.

Als ich dann das Blatt aufhob, sah ich ein Paar schöne Winterhandschuhe, die Maria mir gekauft hatte. War das nicht fein?“

Aber so unschuldige Scherze konnten auf einen Prescott keinen Reiz mehr ausüben. „Ein solches Schaf habe ich mein Lebtag nicht gesehen,“ dachte er bei sich.

„Warst Du denn diese Nacht gar nicht bange, Wynn?“

„Gar nicht! Warum hätte ich mich auch fürchten sollen?“

„Hast Du denn keine Angst vor Gespenstern?“

„Nein, wahrhaftig nicht!“ erwiderte Percy mit herzlicher Überzeugung. „Ich denke gar nicht an Gespenster. Wenn ich im Bette bin, denk’ ich immer an Engel.“

„So?“

„Ja, und das ist auch viel vernünftiger. Wir haben alle einen Schutzengel, das ist sicher; ob es aber irgendwo Gespenster giebt, wer kann das wissen? Meine Mutter hat mich immer ermahnt, nach dem Abendgebet nur an Gott und an meinen Schutzengel zu denken, aber nie an schauerliche Sachen. Ist das nicht ein guter Rat?“

„J--ja,“ war die unsichere Antwort; Prescott merkte, daß ihn Percys fromme Beredsamkeit ganz aus seinem Fahrwasser brachte.

„O wie gern möchte ich einmal meinen Schutzengel sehen! Er sieht mich immer und hat mir schon so viel Gutes gethan! Deshalb möchte ich ihn gar zu gerne auch einmal anschauen dürfen. Nur eines würde mich in Furcht setzen, wenn er mir erschiene.“

„Was?“ fragte Prescott trocken.

„Die Sünde, die schwere Sünde. Wenn ich eine Todsünde auf dem Gewissen hätte, würde ich mich fürchten, ihn sichtbar zu erblicken. -- Die Engel müssen wunderschön sein. Meinst Du nicht auch?“

„Ich denke,“ erwiderte Prescott zögernd.

„O, ich bin überzeugt davon!“ rief Percy voll Begeisterung. „Eines der schönsten Bücher, die ich kenne, ist das von Faber: ‚Erzählungen über die Engel‘. Kennst Du es?“

„Nein.“

„O, das mußt Du lesen! Ich habe es mitgebracht und will es Dir gern leihen. Die Geschichten sind alle so wunderlieblich. Willst Du es haben? Eine solche Lektüre ist viel besser als Gespenstergeschichten. Ich glaube, das Buch wird Dir sehr gefallen.“

„So?“ sprach Prescott, stand auf und ging davon, ohne Percys freundliches Anerbieten auch nur einer Antwort zu würdigen. Welch ein Einfall, von Engeln zu sprechen! Jetzt betrachtete er Percy erst recht als einen beschränkten, ja einfältigen Jungen.

Allein da Prescotts Seele nicht minder wie jede andere von Natur christlich ist, so bleibt die Hoffnung, daß die gute Saat später noch aufkeimen und Früchte bringen wird.

7. Kapitel.

Ein freier Tag.

1. Die Fußtour.

Percys Steifheit war wieder vergangen. Schon längst hatten ihn die Freunde eingeladen, am nächsten freien Tage mit ihnen einen Ausflug zu den schönen Seen zu machen, welche, von Waldstreifen umsäumt, in einiger Entfernung auf der Prärie ihre silbernen Spiegel ausdehnten. Dort gedachten sie sich mit Fischen, Schwimmen und Kahnfahren weidlich zu vergnügen.

Auch Großpapa Donnel und dessen gleichgesinnter Freund Georg Keenan hatten ihre Teilnahme zugesagt.

Da sie alle auf der ‚Ehrenliste‘ standen, so durften sie sich die Vergünstigung, allein auszugehen, unbedenklich versprechen.

Der ersehnte Tag kam, und gleich nach dem Frühstück sah man die kleine Gesellschaft, mit Fischgerätschaften ausgerüstet und mit Lebensmitteln reichlich versorgt, muntern Sinnes aus dem Hofe des Kollegs treten und die Richtung nach den Seen einschlagen.

„Welch ein prächtiger Morgen!“ sprach Keenan und atmete in langen Zügen die frische, kräftige Luft ein. „Man könnte beinahe poetisch werden!“

„O ja!“ sagte Percy entzückt:

„Manch prächt’gen Morgen hab’ ich schon geseh’n, Mit Königsblick der Berge Gipfeln schmeichelnd.“

„Du Aufschneiderchen!“ scherzte Donnel. „Wo sind denn die Berge und die Gipfel?“

„Ich dachte nicht an bestimmte Berge. Hier in Kansas giebt es ja nur niedrige Hügel. Aber die Verse kamen mir so von selbst in den Sinn, als Georg sprach: Welch ein prächtiger Morgen. -- Seht doch, wie die Dächer des Städtchens im ersten Sonnenlicht zittern!“

„Wie Tennyson so schön in seinem ‚Sonnenaufgang in Maurach‘ sagt,“ fuhr Georg mit verstelltem Ernste fort;

„Licht gießt sich aus, Ums liebe Haus Und fern um Maurachs neue Dächer, Lichtstrahlen geh’n, Ob unsern See’n, Den Wald erregt des Windes Fächer.

Wir sind heut’ frei von der Schule Pflicht, Vergil und Cäsar, wir brauchen sie nicht! D’rum hinaus an den See, in den grünen Wald! Heut’ schwindet die Sonne doch viel zu bald!“

Percy sah ihn stutzend an.

„Bist Du sicher, Georg, daß Tennyson dieses wirklich geschrieben hat?“

„Um die Wahrheit zu sagen, Percy, so ist es ein Produkt mehrerer Künstler, Tennyson hat die äußeren Umrisse des ersten Teiles gezeichnet, und ich fügte die pikanten Einzelheiten ein. Der zweite Teil aber ist von meinem Freunde Donnel hier.“

„Der zweite Teil kann sich sehen lassen,“ meinte Percy. „Aber er ist sicher noch länger; er hört viel zu plötzlich auf.“

„Da hast Du schon recht, Schlauberger,“ erwiderte der junge Poet. „Zu Hause will ich Dir die ganze Fortsetzung zeigen. Hier kann ich doch nicht anfangen zu deklamieren.“

„Obgleich der Morgen schon danach ist; alles so schön, so ruhig und klar! -- Ich habe die frische Luft und den hellen Sonnenschein so gern. Du nicht auch, Tom?“