Percy Wynn

Part 2

Chapter 23,718 wordsPublic domain

Zum Glück für Tom, der eben kleinlaut seine Unkenntnis eingestehen wollte, klang jetzt die Schelle und rief die Zöglinge zu Tisch. Er führte den Neuling in den Speisesaal und konnte während des ganzen Essens kaum das Lächeln zurückhalten, während er beobachtete mit welch’ ausgesuchter Zierlichkeit Percy in Maurach sein erstes Mittagsmahl einnahm.

2. Kapitel.

Percy muß bei Tom Playfair ein Examen machen. Neue Bekannte.

„Harry! Harry Quip!“ rief eine Stimme, als die Zöglinge nach dem Essen wieder in den Hof eilten.

Harry drängte sich durch die Menge und stand bald vor dem ungestümen Rufer.

„Was ist denn los, Tom?“ fragte er.

„Ich will Dich mit einem Neuen bekannt machen; es ist ein sehr guter Junge.“

Harrys lustiges Gesicht und sein ganzes Wesen nahmen sofort jenen verlegenen und unbeholfenen Ausdruck an, den die Förmlichkeit des Vorgestelltwerdens gewöhnlich bei Knaben hervorruft.

„Hier ist er; er heißt Percy Wynn und ist aus Baltimore.“

Harry bot ihm die Hand dar, recht steif und linkisch; aber seine Verlegenheit machte dem Erstaunen Platz, als Percy mit seiner unbeschreibbaren Verbeugung zart und zierlich Harrys Hand ergriff und dabei mit ausgesuchter Artigkeit sagte: „Harry, ich bin entzückt, Deine Bekanntschaft zu machen.“

„Er giebt sich auch mit Poesie ab!“ flüsterte Tom, „und er braucht Dir Wörter, wie Du sie Dein Lebtag nicht gehört hast.“

Dann fügte er laut bei:

„Bitte, Harry, geh doch und sieh nach, ob an seinem Pulte im Studiersaale nichts fehlt. Ich habe noch etwas mit ihm zu besprechen. Wenn Du fertig bist, bring Joseph Whyte und Willy Hodder mit hinten zu den zwei Bänken.“

Harry, der sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt hatte, war froh fortzukommen; und während er die Treppe hinaufstieg, murmelte er noch voll Verwunderung: „Und er giebt sich auch mit Poesie ab!“

„Percy,“ fragte Tom, als sie dem Ende des Spielplatzes zuschritten, „hast Du auch schon Ziellauf gespielt?“

Vielen meiner Leser wird es bekannt sein, daß der Ziellauf (~Base Ball~) von den Nordamerikanern als ihr Nationalspiel betrachtet und daher ungemein viel gespielt wird.

„Nein,“ sprach Percy, „aber ich habe zuweilen davon gehört und gelesen.“

„Hast Du Handball gespielt?“

„Du meinst, zwei Bälle abwechselnd emporwerfen und schnappen, nicht? O, das hab ich sehr oft mit meinen Schwestern gethan, aber ich konnte es nicht so gut wie Klara.“

Tom meinte das natürlich nicht, doch fuhr er in seinem Verhöre fort.

„Hast Du je ein Gewehr in der Hand gehabt?“

„Ein wirkliches Gewehr?“

„Natürlich! ich meine kein Knallpistölchen oder einen Besenstiel.“

In Amerika ist nämlich die Jagd ein gar nicht ungewöhnliches Vergnügen unter den Kindern höherer Stände, selbst wenn sie noch recht jung sind; das Pensionat Maurach war in der Lage, seinen Zöglingen diese Erholung gestatten zu können.

„Mit wirklichem Pulver und wirklichem Schrot?“ fragte Percy außer sich; „o Tom, was fällt Dir ein?“

„Hast Du je gefischt? mit einer wirklichen Angel?“

„Nein; aber ich thäte es gern, wenn ich nur jemanden hätte, der mir den Wurm an den Haken steckte und nachher den Fisch abnähme.“

„Je eine Kahnfahrt gemacht in einem wirklichen Kahn auf wirklichem Wasser?“

„O nein, Tom. Mama sagt, die Kähne schlügen sehr leicht um. Sie wollte mir nie gestatten, in ein Boot zu gehen.“

„Kannst Du schwimmen?“

„Ich habe es ein paarmal in der Badewanne versucht, aber sie war zu klein. Mama sagt, es sei gefährlich, in tiefes Wasser zu gehen.“

„Die meisten Knaben, Percy, verstehen sich auf all’ diese Künste, wenn sie noch lange nicht so alt sind wie Du.“

„Das ist mir neu, Tom! wirklich!“

„Zeig’ mir doch einmal Deine Hände, Percy. Richtig, das hab’ ich mir gedacht: so zart, so weich, wie Butter. Jetzt thu’ mir doch einen Gefallen. Schließ’ Deine Hand recht fest -- so -- noch fester! -- Jetzt schlag, so stark Du kannst, hier an meinen Arm!“

„Nein, Tom, das werde ich hübsch bleiben lassen. Meinst Du, ich wollte Dir weh thun?“

„Keine Angst! ich kann’s vertragen. Schlag’ nur kräftig zu!“

Percy erhob seine Hand, als ob ein kleines Mädchen werfen wollte; das zarte Fäustlein fuhr hernieder, hielt aber plötzlich inne.

„Ich kann es nicht, Tom! ich bring’ es nicht fertig!“

„Versuch’ es noch einmal! Nimm all Deine Kraft zusammen!“ ermunterte Tom.

Percy schwang also wieder seinen Arm, und weil die Bewegung doch ziemlich rasch war und sich so plötzlich nicht wollte hemmen lassen, so berührte er wirklich Toms kräftigen Arm, wenn auch mehr in der Art einer sanften Liebkosung.

„Pah! Du streichelst mich ja,“ rief Tom mit verstellter Ernsthaftigkeit; „das thut man hier in Maurach nicht. Noch einmal probiert! Von solchen Schlägen stirbt ja nicht einmal eine Fliege.“

Percy preßte die Lippen auf einander, nahm alle Kräfte zusammen, die ihm zu Gebote standen, und um nicht wieder den Mut zu verlieren, schloß er die Augen. Jetzt endlich traf er mit einer Spur von Wucht Toms Arm.

Ein Schmerzensschrei ertönte, aber derselbe kam nicht von Tom.

„O meine Hand, meine Hand! ich habe mir sehr weh gethan!“

Tom sank auf die Bank nieder und lachte, daß ihm die Thränen in den Augen standen.

„Percy, Percy!“ rief er, „einen solchen Jungen habe ich mein Lebtag nicht gesehen! Ha, ha! ich bekomme Leibschmerzen vor Lachen.“

„Wirklich?“ sprach Percy, der nicht recht wußte, was er von sich denken sollte; „es freut mich nur, daß Du so viel Freude daran hast. -- Ah -- da kommt ~P.~ Middleton,“ fuhr er leise fort. „Das ist ein guter Mann; ich habe ihn sehr gern.“

Dann zog er mit anmutiger Bewegung den Hut ab und sagte, indem er seine unnachahmliche Verbeugung machte:

„Guten Tag, ~P.~ Middleton! -- Wie schön das Wetter heute ist, nicht wahr?“

„Ein sehr angenehmes Wetter,“ erwiderte der Präfekt mit einem freundlichen Lächeln, ohne seine Verwunderung über die feinen, altklugen Manieren des neuen Zöglings kundzugeben. „Du warst gleich weg, Percy, als ich Dir Dein Bett gezeigt hatte; deswegen fand ich keine Gelegenheit, Dich mit einigen alten Zöglingen bekannt zu machen. Aber ich sehe, Du weißt Deinen Weg selbst zu finden, und das ist besser.“

„Knaben habe ich nicht gern, Pater.“

„Nicht? das ist sonderbar. Du bist ja selbst einer.“

„Leider kann ich daran nichts ändern, Pater. Aber Mädchen hab’ ich lieber.“

„Wirklich?“

„O ja! Meine Schwestern waren viel liebenswürdiger als die Knaben hier.“

„Du kennst noch nicht alle, Percy.“

„Das ist wohl wahr. Aber vor dem Essen kamen einige zu mir, die ganz entsetzlich roh waren. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn mir Tom nicht geholfen hätte. Tom ist ein guter Junge, er ist gerade wie Pankratius.“

Tom, der sich bei der Ankunft des Präfekten erhoben hatte, wurde bei diesem Lobe purpurrot; kaum gewahrte er den anerkennenden Blick, durch den sein Vorgesetzter ihm ein neues Lob erteilte.

„Du hast also Fabiola gelesen, Percy?“

„O und wie, Pater! Kein Wort ist mir entgangen. Ich habe das Buch fast auswendig gelernt. Wie gern ich die heil. Agnes habe! Und ebenso den Knaben Tarcisius, der lieber sterben als das Allerheiligste den Heiden überlassen wollte. O, das ist so groß, so heldenmütig, so ideal!“

„Ein merkwürdiger Junge!“ sprach der Präfekt bei sich. „So mädchenhaft habe ich wirklich noch keinen gesehen; und anderseits, glaub’ ich, steckt ein herrlicher Charakter in ihm. Allerdings muß er sich noch gut entwickeln. Doch ist dazu die beste Hoffnung vorhanden.“

Mit ein paar muntern Worten verließ er sie.

„Gott sei Dank!“ dachte er. „Er muß manches annehmen, was ihm noch fehlt. Aber ohne Zweifel wird er auch vielen seiner Mitzöglinge etwas geben, was ihnen sehr not thut.“

Indessen erschien Harry mit Joseph Whyte und Willy Hodder. Nachdem beide die peinliche Ceremonie des Vorstellens überstanden und ebenfalls an Percys eleganter Verbeugung sich ergötzt hatten, begann eine Unterhaltung über dies und das, bis endlich Tom den Vorschlag machte, Percy möge eine Geschichte erzählen.

Ohne Zaudern begann dieser die Geschichte ‚Liebet eure Feinde.‘ Er sprach flüssig und lebendig und verwendete Wörter, die einem Durchschnittsjungen die Kinnladen verrenkt haben würden; die Erzählung, der Erzähler, sein lebhaftes Mienenspiel, Ton und Abwechslung der Stimme, die wohlangebrachten Bewegungen der Hände, das alles war den Zuhörern so neu, so ungeahnt, so bezaubernd, daß sie ohne Unterlaß in stummer Verwunderung einander anblickten und ihnen die Zeit im Fluge verstrich. Ehe sie es dachten, erklang die Schelle und rief sie an ihre Studierpulte. Aber in dieser halben Stunde hatte der seltsame Neuling ihre Herzen gewonnen: sie wollten ihm Freunde sein und bleiben.

Am Abend dieses Tages stand ~P.~ Middleton im Schlafsaal bei einer Lampe und las; die meisten Zöglinge hatten sich schon zur Ruhe gelegt, nur hie und da regte sich noch ein Säumiger.

Auf einmal unterbrach eine silberhelle Stimme das Schweigen.

„Löschen Sie das Licht nur aus, Pater, ich bin schon im Bett.“

~P.~ Middleton ließ seine Augen durch den Saal gleiten und ging langsam an das andere Ende desselben. Kein Lachen war zu vernehmen, doch ein verstohlenes Kichern vermochte mancher fröhliche Knirps nicht ganz zu unterdrücken.

Percy aber, durch den Klang seiner eigenen Stimme erschreckt, drückte die Augen fest zu und vergrub den Lockenkopf tief in Kissen und Decken. Ihm kam nicht im entferntesten zum Bewußtsein, daß er etwas gethan habe, was gegen die Ordnung sei. Sehr bald war das unschuldige Kind friedlich entschlummert, jene heiligen Namen auf den Lippen, die seine zärtliche, fromme Mutter dem einschlafenden Liebling so oft vorgesprochen und ihn sprechen gelehrt hatte.

3. Kapitel.

Die gelbseidene Krawatte und Ähnliches.

Am folgenden Morgen, kurz nach halb sechs, wurde es im Waschsaal der Kleinen lebendig. Immer mehr Zöglinge kamen aus dem Schlafsaal, einige noch recht schläfrig, und begaben sich an ihre Waschtische. Sie sprachen nicht miteinander, aber das Klappern der Becken, das Sprudeln und Plätschern des Wassers, das Geräusch der Bürsten, das scheinbar ordnungslose Hin- und Hergehen von hundert Knaben, -- das mußte in jedem fremden Zuschauer den Eindruck eines recht frischen, geschäftigen Treibens hervorrufen.

Als daher Percy dieses Schauspieles ansichtig wurde, blieb er überrascht in der Thüre stehen. Da zogen einige gerade die Jacken aus oder an, oder streiften die Hemdsärmel empor, oder seiften ihre Köpfe ein, daß sie aussahen wie riesige Schneebälle, oder waren mit Kämmen oder Zähneputzen, oder mit Schuhwichsen oder Reinigen ihrer Kleider beschäftigt -- und das alles Knaben, Knaben -- nichts als Knaben, in allen Zuständen unfertiger Toilette, in jeder Art von Bewegung und Stellung. Es bedurfte einiger Augenblicke, bis Percy sich in diesem neuen, für ihn ungewohnten Anblicke zurechtgefunden hatte, und vielleicht hätte er noch länger dort gestanden, wenn nicht ein paar andere Knaben, die ihm folgten, ihn einfach in den belebten Saal hineingedrängt hätten.

In Toilettesachen war Percy vollständig zu Hause. Er füllte also jetzt sein Waschbecken, und besorgte das wichtige Geschäft des Waschens samt allem, was dazu gehört, mit der Gewandtheit eines Kundigen. Bald war die Krawatte an der Reihe. Da schaute er suchend durch den ganzen Saal und entdeckte auch schnell seinen Freund Tom, der schon fertig dastand, und sich nur noch bemühte, ein wenig beißender Seife aus dem Augenwinkel zu entfernen.

„Guten Morgen, Tom!“ grüßte er mit lauter Stimme, als er bei ihm war. „Aber wie nachlässig und verlaufen Du aussiehst! Du kannst Dich ja nicht einmal ordentlich kämmen. Reich’ mir einmal Deinen Kamm her!“

In der nächsten Umgebung entstand ein freudiges Gekicher, und Tom, der endlich sein Auge von der Seife befreit hatte, reichte ihm lächelnd Kamm und Haarbürste.

„Dein Haar macht sich nicht gut, Tom, wenn Du es so flach kämmst; ich will es etwas aufbauschen. -- Still halten, Schlingelchen! -- So, jetzt sieh in den Spiegel! Ist das nicht viel schöner? -- Aber, Tom, da hast Du ja wieder dieselbe Krawatte, die mir gestern schon gar nicht gefallen hat. Wer trägt denn eine blaue Krawatte zu einer blauen Jacke! Das sticht ja gar nicht ab! -- Warte ein Bißchen!“

Percy trat einen Schritt zurück und schaute ihn prüfend an.

„Gewiß! Gelb ist gut! das paßt zum Blau. Tom, ich habe eine prächtige gelbseidene Krawatte; die will ich Dir schenken.“

Da hörte er plötzlich leise seinen Namen rufen, wandte sich um und sah, daß ~P.~ Middleton, den Finger auf die Lippen legend, ganz nahe stand und ihn warnend anschaute.

„O, ich bitte um Verzeihung, Pater, daß ich so laut gesprochen. Ich habe mich ganz vergessen. Ich wollte Tom nur ein wenig helfen!“

Er eilte an seinen Waschtisch und kam bald mit der gerühmten Krawatte zurück, die er mit Kennermiene um Toms Hals legte.

„Ich knüpfe sie Dir in einen Schmetterling, das nimmt sich herrlich aus. -- Ah“ -- flüsterte er dann, mit der Begeisterung eines Künstlers sein Werk betrachtend; „sehr gut! vortrefflich! da sieh in den Spiegel -- nicht wahr? -- Jetzt binde mir meine Krawatte, aber auch in einen Schmetterling, die andern Knoten erregen stets mein Mißfallen.“

„Percy, das bringe ich nicht zu stande!“ sprach Tom, etwas beschämt, daß er dem guten Percy die Bitte nicht erfüllen könne.

„Was? Du kannst keinen Schmetterlingsknoten machen?“

„Nein, Percy; ich habe ja keine Schwestern, die es mich hätten lehren können.“

„Ah so, das ist wahr. -- Ich will zu ~P.~ Middleton gehen; ich glaube, er thut es, er ist so freundlich.“

Ehe Tom Einsprache erheben oder sein Staunen ausdrücken konnte, schritt Percy schon eilfertig zu ~P.~ Middleton hinüber.

„Wollen Sie nicht so gut sein, Pater, mir meine Krawatte zu binden? Ich kann es nicht selbst; meine Schwester Maria hat es mir immer gethan. Jetzt bat ich Tom, aber er sagte, er könnte es nicht.“

Verwundert über das sonderbare Ansinnen, nahm der Pater die Krawatte und schickte sich an, sie um Percys Hals zu legen und zu binden.

„Aber bitte, Pater, in einen Schmetterling!“

Der Pater gab sich redlich Mühe, Percys Bitte zu erfüllen, allein ein rechter Schmetterling kam doch nicht zustande. Percy entging das keineswegs, aber in seiner feinen, rücksichtsvollen Art that er, als ob alles ganz nach Wunsch geschehen wäre.

„Danke sehr, Pater! Ich werde Ihnen hoffentlich nicht wieder lästig fallen müssen. Ich will heute Tom zeigen, wie man es macht.“

Und mit seinem eleganten Knicks entfernte sich Percy.

Es folgte sogleich die Messe, während welcher Percy durch seine Andacht und ehrfurchtsvolle Haltung alle Nachbarn erbaute. Er hatte ein prächtiges Gebetbuch mit Samteinband und Silberbeschlägen, und an der Art, mit der er es benutzte, sah man, daß der Gebrauch eines Gebetbuches ihm durchaus nicht neu war.

Nach dem Frühstück rief Percy seine Bekannten Tom, Harry, Willy und Joseph zusammen.

„Ich habe etwas für Euch,“ sagte er, geheimnisvoll lächelnd, und bat sie, ihn in den Raum zu begleiten, wo sein Reisekoffer noch stand.

Er entnahm dem Koffer ein wohlduftendes Kästchen, öffnete es und entfaltete vor ihren bewundernden Blicken eine reiche Auswahl Photographien, welche die Merkwürdigkeiten seiner Vaterstadt Baltimore darstellten.

„Da, nehmt!“ sprach er mit strahlendem Gesicht; „jeder, was ihm am besten gefällt!“

Tom lehnte aber entschieden ab.

„Du bist nicht nach Maurach gekommen,“ sprach er, „um von uns ausgeplündert zu werden.“

Percy erschrak anfangs über diese rauhe Weigerung; doch wiederholte er seine Bitte mit so liebenswürdiger Zudringlichkeit, versicherte so ernsthaft, man könne ihm kein größeres Vergnügen machen als durch die Annahme seines Geschenkes, daß ihm alle willfahrten und sich ein Gabe auswählten.

4. Kapitel.

Spielplatz und Schule.

„Aber jetzt ist die Reihe an uns,“ sprach Tom; „kommt in den Hof, wir wollen Percy gleich ein paar Kunststücke lehren.“

Gern folgten alle dieser Aufforderung.

„Nun, Percy, stell’ Dich einmal hierhin, spreize die Beine auseinander, daß Du fest stehst, stütze die Hände auf die Kniee, so wie ich es Dir zeige, und beuge den Kopf so, daß Dein Kinn die Brust berührt!“

Percy gehorchte.

„Jetzt sicher gestanden, sonst purzelst Du!“

„Was willst Du denn machen, Tom?“

„Nur vor Dich sehen, Percy!“

Bei diesen Worten hatte sich Tom ein paar Schritte nach hinten entfernt, nahm einen Anlauf und sprang, mit den Händen sich leicht auf Percys Schulter stützend, über ihn weg.

Der verblüffte Percy wankte und schwankte, und als er das Gleichgewicht wiedergewonnen, fragte er besorgt:

„Du hast Dir doch nicht weh gethan, Tom?“

Tom schien die Frage nicht zu hören.

„Jetzt spring Du so über mich!“

„O, Tom, nein! das geht nicht.“

„Probieren, Percy!“

„O, ich falle ganz sicher auf den Kopf und beschmutze meine Kleider; und dann,“ sagte er lächelnd, „könnten mir ja auch die Gedanken aus dem Gehirn rollen.“

„Nur vorwärts!“ drängte Harry. „Hier Joseph und ich stehen auf beiden Seiten und wir fassen Dich, wenn Du fallen willst.“

Tom hatte sich schon zurechtgestellt.

„O, das ist mir aber viel zu hoch,“ erklärte Percy.

„Gut, ich will mich niedriger machen.“

Und Tom kauerte sich so tief zusammen, daß er kaum noch die Höhe eines Stuhles hatte.

„Jetzt will ich es also wagen!“

Percy ging etwa fünfzig Schritte weit zurück, nahm einen Anlauf, und mit Aufbietung aller Körper- und Willenskraft machte er den ersten Bocksprung in seinem Leben, und zwar ohne zu fallen, und ohne daß ihm seine Gedanken aus dem Gehirn rollten.

„O, das ist herrlich!“ jubelte er, „das muß ich gleich noch einmal thun!“

„Bravo, Percy, bravo!“ riefen die Freunde. Durch ihre ermunternden Worte noch mehr angespornt, machte Percy den Sprung wieder und wieder, bis er fast außer Atem war. Die Freude über seinen Erfolg und das Bewußtsein, auch andere froh zu machen, ließ ihn kaum ein Ende finden.

Das Bockspringen war für ihn wie eine Offenbarung; es erschloß ihm mit einem Male eine neue Welt von ganz ungeahnten Möglichkeiten.

„Sind die Knabenspiele alle so schön?“ war seine erste Frage, als er endlich wieder zu Atem gekommen.

„O, das war ja noch gar nichts!“ sprach Joseph Whyte; „alle andern sind viel schöner.“

„Ja“ sagte Willy, „das Bockspringen thun wir nur, wenn wir für die andern Spiele keine Zeit haben. Aber Du solltest erst einmal Handball sehen!“

„Und Fußball!“ fuhr Harry fort.

„Und von allen das schönste,“ schloß Tom, „ist der Ziellauf. Der ist fein! Er ist besser als alle andern zusammengenommen.“

„Was ihr nicht sagt! Jetzt bin ich doch froh, daß ich ein Junge bin!“

„Sehr richtig, Percy,“ versicherte Tom, „und gieb nur acht, Du wirst Dich immer mehr darüber freuen, je länger Du hier bist.“

Percy wurde jetzt plötzlich abgerufen. Der Studienpräfekt, der in Maurach den gesamten Unterricht zu leiten hatte, wollte ihn examinieren und ihm seine Klasse anweisen.

Bald erfuhren dann Tom und Harry zu ihrer größten Freude, daß Percy ihr Mitschüler in ~P.~ Middletons Klasse sei. Diese Klasse setzte zwar schon einiges Latein voraus, und Percys Kenntnisse waren in diesem Punkte recht dürftig. Allerdings hatte sein Privatlehrer, sobald es feststand, daß Percy in eine klassische Schule eintreten solle, den Lateinunterricht begonnen; jedoch gestattete ihm die kurze Zeit nicht mehr als eine fast rein mechanische Einübung der Deklinationen. Da sein begabter Schüler die Grammatik der Muttersprache sehr gut beherrschte, so glaubte er, im Laufe eines geregelten Unterrichtes werde sich das, was am vollen Verständnis noch fehlte, nach und nach ergänzen, falls man nicht vorziehen werde, ihn ganz von vorn anfangen zu lassen.

Dieser letzte Fall trat nicht ein. Da Percy in allen übrigen Fächern der Klasse weit voraus war, so ließ sich bei seinen Talenten erwarten, daß die große Lücke sehr bald ausgefüllt sein werde, eine Hoffnung, die der gewissenhafte, fleißige Knabe glänzend rechtfertigte.

Zehn Minuten später begab sich denn Percy zum ersten Male in eine Schule. Da fand er aber alles ganz anders als daheim im trauten Familienzimmer, bei Mutter und Schwestern. Er merkte gar nicht, daß ~P.~ Middleton, als alle Schüler an ihren Plätzen waren, eine leichte Handbewegung machte, und wunderte sich, warum plötzlich alle wie auf Kommando emporschnellten, eine andächtige Stellung einnahmen und auf den Professor schauten. Zwar sah er gleich, was geschehen sollte, geriet aber in neue Verwunderung, als die ganze Klasse mit frischer Stimme anhub:

„~In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.~“

Dann folgte ebenso frisch und doch andächtig das ~Pater noster~, ~Ave Maria~, ~Gloria Patri~ und wieder das Kreuzzeichen.

Percy bekam eine nicht geringe Achtung vor der Gelehrsamkeit seiner Mitschüler. Aber er selbst sollte und wollte ja auch Latein lernen.

Einen Augenblick nach dem Gebet saßen alle schon wieder ruhig; kein Buch, kein Bleistift oder Federhalter war auf den Tischen zu sehen, nur die Hände.

Ein Wink von ~P.~ Middleton, und Playfair stand auf.

„~Seco~, ~secare~, ~secui~, ~sectum~, aber ~secaturus~, ich schneide.

~Reseco~, ~resecare~, ~resecui~, ~resectum~, aber ~resecaturus~, ich schneide ab.

~Disseco~, ~dissecare~, ~dissecui~, ~dissectum~, aber ~dissecaturus~, ich schneide auseinander.

~Frico~, ~fricare~, ~fricui~, ~frictum~ oder ~fricatum~, ich reibe.“

So folgten ohne Stocken die zwölf Verba, welche aufgegeben waren. Auch zwei andere Schüler sagten sie mit derselben Geläufigkeit aus. Ein folgender blieb stecken, und Percy wunderte sich, daß derselbe sich so beschämt setzte, während ~P.~ Middleton mit ernster Miene einen Strich in sein Notizbuch machte.

Percy wußte natürlich nicht, was dieses krause Wortgewirre bedeute. Aber bald zeigte ihm sein Nachbar, wo die Verba in der Grammatik standen. Dann mußte auch einmal ein Schüler die Perfekta allein aufsagen: ~secui~, ich habe geschnitten, u. s. w. Percys lebendiger Geist erfaßte das schnell.

In gleicher Weise wurde aufgesagt: ~secaturus~, einer der schneiden will, ~resecaturus~ u. s. w., und nachdem Percy auch während der Kreuz- und Querfragen, durch die ~P.~ Middleton jetzt die Formen einübte, das eine oder andere glücklich erwischt hatte, glaubte er sich schmeicheln zu dürfen, er sei in dieser Viertelstunde schon um ein Erkleckliches gescheiter geworden.

Mit besonderer Freude erfüllte es ihn, zu erfahren, wie einige Wörter seiner englischen Muttersprache, die er schon oft gehört und gebraucht, sich einfach auf ein lateinisches Stammwort zurückführten, z. B. ~sect~, (Sekte), ~dissect~ (secieren).

Als dann ~P.~ Middleton das Wort ~vivisection~ in seine Teile zerlegen ließ und ein Schüler mit frischer Stimme erklärte, ~vivus~ heiße ‚lebendig‘ und ~sectio~ komme von ~seco~, da begriff Percy nicht nur, daß dieses Wort ‚bei lebendigem Leibe zerschneiden‘ bedeute, sondern sah auch freudig ein, wie die vielen englischen Wörter, die mit ~vivi~ anfangen, alle mit der Bedeutung ‚Leben‘ zusammenhängen müssen.

„Ah, das Latein ist doch schön,“ dachte er, „und auch nicht so besonders schwer!“

Frohen Mutes nahm er mit den andern sein Übungsbuch und ließ sich zeigen, wo man stand. Aber da hatte er sich getäuscht. Da mußte er mehr wissen, als zwölf Verba und die Deklinationen und ein paar Formen der Konjugation. Schon drei Sätze waren übersetzt und erklärt, bevor er aus dem ersten Worte klug geworden. Wohl faßte er noch das eine oder andere Wort, aber warum die Endungen so häufig wechselten, wenn der Schüler es während der Erklärungen nannte, das war ihm fast immer ein Rätsel. Sehr bald streckte er die Waffen und hörte ein paar Minuten geduldig zu.

Endlich sprach er, -- natürlich ohne aufgerufen zu sein, -- mit lauter Stimme:

„Meinen Sie nicht, ~P.~ Middleton, das Lateinlernen sei für den Anfänger mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden?“

Die Schüler waren zu sehr überrascht, als daß sie gelacht hätten.