Part 14
„Ist es wahr, Percy, daß Du heute mitgehst?“
„Freilich. Ich bin gleich fertig.“
„Gut, dann kann ich Dir also endlich die ersten Stunden im Schlittschuhlaufen geben. -- Auch schon da?“ wandte er sich an Frank, der eben durch eine andere Thüre eintrat.
„Gewiß. Du sollst aber Percy keine Stunden geben.“
„Was? Du bist mir ein netter Junge. Soll man Deinen Freunden nicht mehr gefällig sein? Ich lehre ihn Schlittschuhlaufen und Dir gebe ich auch so viele Stunden, als Du willst, alle umsonst.“
„Ich brauche keine,“ erklärte Frank entschieden. „Und Percy braucht von Dir auch keine. Ich kann ihn ganz allein unterrichten.“
„Nun ja, ich will Dir Deinen Willen lassen. Aber Du hast doch nichts dagegen, daß ich Dir behilflich bin.“
Frank hielt inne, um den Antrag zu überlegen.
„Gut. Du kannst hie und da helfen, aber nur, wenn Du thun willst, was ich Dir sage.“
„Schönen Dank! Du bist das liebenswürdigste Wesen unter der Sonne.“
Heute ging es hinaus zu den fest zugefrorenen Seen. Als unsere drei Freunde anlangten, glitten schon einige auf der weiten, spiegelglatten Fläche hin und her; die meisten saßen am Ufer, um sich zu rüsten.
Fränkchen wurde ganz ungehalten, als Tom Playfair Miene machte, Percy beim Anlegen der Schlittschuhe Beistand zu leisten.
„Nein, Du nicht!“ wehrte er ärgerlich. „Zieh’ Deine eigenen an! Für Percy sorg’ ich selber.“
Tom fügte sich lachend, während Frank, ohne den mindesten Versuch, sein Hochgefühl zu verbergen, Percy in seine höchsteigene Behandlung und Fürsorge nahm. Als alles bereit war, ergriff der Kleine -- auch Percys Handschuhe trug er -- die Hand seines Schülers.
„Tom -- Tom Playfair!“ rief er dann, „jetzt komm’, Du kannst seine linke Hand nehmen. Aber gieb wohl acht! ja nicht zu schnell!“
„Hallo, Percy!“ sprach Donnel, der sich von ungefähr näherte. „Ich dachte, es bestände ein Kontrakt zwischen uns, daß Du bei mir in die Schule gehen solltest.“
„Donnel, geh’ weg!“ kommandierte Fränkchen. „Ich erlaube das nicht! Bitte, weg da! Er ist mein Schüler.“
Frank fühlte sich überglücklich in seiner Rolle und war auf seine Professoren-Würde so eifersüchtig, daß kaum ein Zögling sich Percy nahen durfte. Da er übrigens von seinem Vater angeleitet worden war, in allen Dingen mit Überlegung voranzugehen, so machte sein Schüler ganz anerkennenswerte Fortschritte. Es kam ihm dabei sehr zu statten, daß Percys Fußgelenke durchaus nicht schwach waren und dieser gleich von Anfang an ziemlich sicher auf den Schlittschuhen stehen konnte. Nicht lange dauerte es, da hatte er sich die Kunst, einen Zug zu machen, hinreichend angeeignet.
„Hurra!“ rief der Herr Schlittschuhmeister, als dieser wichtige Punkt gewonnen war, „bin ich nicht ein famoser Lehrer?“
„Herr--lich!“ antwortete der Schüler, und saß auf dem Eise.
„Thut’s weh?“ schrie Frank erschrocken.
„Nein, gar nicht! Aber wie soll ich wieder aufkommen?“
„Tom -- Tom, helfen!“
„Fein, Percy!“ sprach Tom, indem er Hand anlegte, um Percy wieder auf die Beine zu bringen. „Jeder Schlittschuhläufer muß erst einen Stern machen. Das hast Du also glücklich zu Wege gebracht.“
„Wo ist der Stern denn?“
„Er sollte dort im Eise sein; aber es ist zu stark. Du hast aber gethan, was in Deiner Macht stand.“
„Playfair,“ warnte jetzt Frank, der es mit dem Leben ernst zu nehmen pflegte, „das merk’ Dir: Du sollst Dich über Percy nicht lustig machen!“
„O, ich bitte um Verzeihung, Herr Professor. Ich werde mich in Ihrer Gegenwart einer größeren Ehrerbietung befleißen. Aber das muß ich sagen: Sie verstehen zu unterrichten.“
Dieses Kompliment versöhnte den Herrn Professor oder Turn- oder Tanzlehrer oder wie man ihn sonst nennen will, und beruhigt nahm er seine Übungen wieder auf.
Es konnte nicht ausbleiben, daß Percy in seinen Bemühungen hie und da eine ganz possierliche Figur bildete und die nächste Umgebung zum Lachen reizte. Da hätte man aber den Kleinen sehen sollen! Wie Feuer schoß es ihm aus den Augen; ja zuweilen fehlte wenig, daß er nicht einen viel größeren Zögling anfiel, weil derselbe sich unterstand, über Percy zu lachen.
Die ersten Versuche strengten jedoch Percy mehr an, als er erwartet hatte, und da er sich auch sonst nicht ganz wohl fühlte, so bat er nach Verlauf zweier Stunden ~P.~ Middleton um die Erlaubnis, heimgehen zu dürfen. Frank bot sich ihm zum Begleiter an. Allein Percy wies ihn ab.
„Es ist für Dich nötig, länger in der frischen Luft zu bleiben, Frank. Bitte, lauf’ zu Tom dort auf dem See und sage ihm, er möge so gut sein, mit mir zu gehen.“
Der Heimweg, den Percy jetzt mit Tom Playfair antrat, sollte auf seine Entwickelung von nachhaltigem Einflusse sein.
32. Kapitel.
Der seltsame Wanderer.
Fast drei Viertel des Weges hatten Tom und Percy unter fröhlichem Gespräche zurückgelegt. Eben wollten sie aus einem niedrigen, beschneiten Gestrüpp, an dessen Rande man den Bahndamm unmittelbar vor sich hatte, heraustreten, da wurden sie eines Mannes ansichtig, der auf dem Bahnkörper zwischen den Schienen voranging.
In Amerika ist es keine Seltenheit, daß der Wanderer, um durch die Einöde der Prärie zu einer andern Stadt zu gelangen, einfach den Bahnkörper als Weg benutzt; ja in minder bewohnten Gegenden ist dies sogar das Gewöhnliche. Einen Zug kann man auf der ebenen Fläche meistens rechtzeitig gewahren, zumal die Bahnlinien häufig auf lange Strecken hin schnurgerade sind.
Was aber Tom und Percy an dem Manne auffiel, war sein unsicherer Gang. Er strauchelte zwar nicht von einer Seite zur andern, wie ein Betrunkener, sondern hielt sich gut in der Mitte des Geleises. Aber mit jedem Schritte drohte er niederzusinken und schien jedesmal erst seine Kräfte sammeln zu müssen, um den nächsten Schritt zu wagen. Durch das Gestrüpp noch verdeckt, beobachteten sie ihn eine Zeitlang und sahen, wie er mit jeder Minute schwächer wurde.
Sie konnten ihn jetzt genau sehen. Er war hager von Gestalt, spärliche, dünne Kleider hingen zerfetzt um seinen kraftlosen Körper, und dem eingefallenen Gesichte hatten Not und Kummer ihre unzweideutigen Spuren eingeprägt.
Plötzlich brachen die beiden Knaben in einen leisen Ruf des Staunens aus. Der Mann fiel nämlich ermattet zu Boden und legte wie zum Schlummer den linken Arm und den Kopf auf eine der beiden Schienen.
Mehrere Minuten warteten sie, aber der Unglückliche regte sich nicht.
„Der Mann muß krank sein,“ flüsterte Percy endlich.
„Wenn er sich nicht verstellt!“ warnte Tom.
„Was könnte er damit erreichen wollen? Er hat uns ja ganz sicher noch nicht gesehen. Und wie armselig und elend ging er daher!“
„Meinst Du, wir sollten einmal zu ihm gehen, Percy?“
„Das finde ich selbstverständlich. Zum mindesten müssen wir ihn aufmerksam machen, daß spätestens in einer halben Stunde der Zug da ist.“
„Gut also. Doch kann es nicht schaden, wenn ich für alle Fälle etwas zu unserer Verteidigung mitnehme.“
Er ergriff einen dicken Knüttel, den er aus dem Schnee hervorragen sah, und so bewaffnet näherten sie sich dem Unglücklichen.
„Hören Sie!“ rief ihm Tom zu. „Sie sollten von dem Geleise weggehen. Jeden Augenblick kann der Zug kommen.“
Bei dieser Mahnung erhob der Angeredete ein wenig den Kopf und stierte sie an, ohne ein Wort zu sagen.
„Sind Sie krank?“ fuhr Tom fort, nachdem sie näher gekommen.
„Ich bin am Sterben.“
Wenn Tom und Percy auch noch so lange lebten, nie würden sie den Eindruck vergessen, den diese mit finsterm, verzweiflungsvollem Ernste gesprochenen Worte auf sie machten.
„O weh!“ rief Percy, und schlug die Hände zusammen.
Tom warf den Knüppel weg, ging mit Percy zu dem Armen hin und fragte:
„Können wir Ihnen helfen, armer Mann?“
Der Mann schwieg. Endlich erwiderte er langsam:
„Für mich giebt es keine Hilfe mehr.“
Percy betrachtete ihn aufmerksam.
„Er leidet Hunger, Tom,“ sprach er mitleidig.
Der Unglückliche blickte ihn überrascht an und sagte:
„Ja, ich leide Hunger.“
Tom hatte zufällig noch ein Stück Kuchen in der Tasche. Sogleich zog er es hervor.
„Versuchen Sie es,“ sagte er freundlich. „Es ist das einzige, das wir bei uns haben.“
Der Mann nahm die Gabe an und wollte essen, da bekam er einen Hustenanfall, wobei er eine Menge Blut auswarf.
„Ich danke!“ erwiderte er schwach, indem er den Kuchen zurückgab. „Nahrung kann mir nicht mehr helfen.“
Bei diesen Worten hatte sich der Arme auf den Ellbogen erhoben und machte einen Versuch aufzustehen, fiel aber sogleich kraftlos zurück.
Tom legte seinen Überrock ab und breitete ihn an einer schneefreien Stelle aus.
„Wir müssen ihn dorthin tragen, Percy.“
Sie thaten es mit wenig Anstrengung. Dann zog auch Percy seinen Überrock aus, um den Armen damit einigermaßen zu bedecken.
Tom wollte es ihm wehren.
„Du bist ja selber nicht wohl. Du darfst Dich einer solchen Gefahr nicht aussetzen.“
„Jetzt heißt es, sich Gefahren aussetzen,“ erwiderte Percy furchtlos, indem er, so weit es ging, den Mann mit seinem Überrock einhüllte.
Der finstere, dumpfe, verzweifelnde Blick des Unglücklichen war schon verschwunden.
„Sie sind brave Knaben,“ hauchte er.
Es folgte eine kurze Pause, während welcher Tom mit sich zu Rate ging.
„Percy, fürchtest Du Dich, allein bei ihm hier zu bleiben?“
„O nein! Nicht im geringsten.“
„Ich glaube nämlich, es geht wirklich mit ihm zu Ende; deshalb sollte einer von uns laufen, um Hilfe zu holen.“
„Gut, Tom. Ich will gern hier bleiben. Du kannst schneller laufen als ich.“
„Das beste ist dann wohl, daß ich zur Stadt laufe, weil sie uns näher ist, als das Pensionat.“
Und Tom lief in höchster Eile davon.
33. Kapitel.
Ein Tod unter freiem Himmel.
„Seien Sie getrost,“ sprach Percy zu dem Unglücklichen, „bald ist Hilfe hier.“
„Es ist zu spät.“
„Glauben Sie wirklich, daß Sie jetzt sterben?“
„Ja.“
Percy sprach ein stilles Gebet zur Mutter Gottes.
„Wenn Sie wirklich sterben müssen,“ fuhr er dann fort, „so thäten Sie doch gut, an die andere Welt zu denken.“
Die Gesichtszüge des Unglücklichen verfinsterten sich wieder.
„Ich komme in die Hölle. Die letzten Jahre habe ich ein schändliches Leben geführt.“
Percy überdachte dieses Geständnis einen Augenblick.
„Aber Sie sind nicht immer böse gewesen?“ fragte er dann.
„Nein. Einst lebte ich brav, war zufrieden und glücklich.“ Bei der Erinnerung an schöne, bessere Zeiten schienen neue Kräfte in den abgezehrten Körper wiederzukehren. Der Mann erhob sich auf den Ellbogen und fuhr mit größerer Lebhaftigkeit fort. „Ich besaß eine vortreffliche Gattin, und ein liebes Kind, einen Knaben. Ich hatte damals einen höheren Posten in einer Fabrik und bezog einen ganz anständigen Lohn. Da traten Zerwürfnisse ein zwischen den Besitzern der Fabrik und den Arbeitern, deren Folge ein Ausstand war. Ich wurde gezwungen, ebenfalls die Arbeit niederzulegen. Der Ausstand hörte auf, aber ich erhielt meine Stelle nicht wieder. Ich sah meine Gattin vor Not und Elend hinsiechen. Ich gab mich zu den niedrigsten Arbeiten her, nur um ihr zu helfen; allein es wollte mir nicht gelingen, so viel zu erwerben, als sie bedurfte. Als sie in den letzten Zügen lag und mir noch einmal zulächelte, da war es aus mit meinem Glauben an Gott.“
„Armer Mann!“ sprach Percy mit Thränen in den Augen. „Es war hart. Aber Sie hätten um so mehr beten sollen, daß Sie Ihre Frau im Himmel wiedersehen. -- Warten Sie, es ist zu anstrengend für Sie, sich auf den Arm zu stützen. Legen Sie Ihren Kopf auf meine Kniee.“
Percy setzte sich so, daß er dem Manne diese bequemere Lage möglich machen konnte.
„Sie sind sehr gütig. Gern möchte ich sprechen: ‚Gott segne Sie‘, allein das bedeutet in meinem Munde nichts. -- Es verblieb mir also mein Söhnchen. Und wie liebte ich es! Ich arbeitete und plagte mich Tag und Nacht um den geringsten Lohn. Aber die Zeiten wurden immer schlechter; auch das Kind sah ich sterben. Da fluchte ich Gott.“
Ein sichtbarer Schauder überkam Percy. Während er der Erzählung weiter folgte, bewegten sich seine Lippen immerfort in leisem Gebete.
„Ich war nahezu wahnsinnig vor Schmerz. Von jener Stunde an haßte ich die Reichen, haßte Gesetz und Ordnung. Es war nicht recht, das wußte ich; ich war mit voller Überlegung schlecht. Von jener Stunde an war ich ein Dieb, ein Landstreicher, ein Räuber, bereit zu jeder Art Verbrechen. Allein das Sündenleben brachte mir wenig Glück. Mit jedem Monate geriet ich in tiefere Not. In Maurach habe ich die letzten acht Tage kümmerlich mein Dasein gefristet und wollte jetzt, da ich zum Fahren kein Geld habe, zu Fuß weitergehen. Ich glaubte nicht, daß meine Krankheit, die meine früheren Genossen von mir wegtrieb, so stark geworden sei, daß ich dieser Kälte keinen Widerstand mehr zu leisten vermöchte. -- Ich leide nur, was ich längst verdient. Gnade giebt es für mich nicht. Meine Sünden sind zu groß. Ich gehe an jenen Ort, der für meinesgleichen geschaffen ist.“
Hatte Percy einen Protestanten oder einen Katholiken vor sich? Er beschloß, nicht darüber zu fragen. An ein Beichten war ja doch nicht zu denken. Das einzige, was sich thun ließ, war, den Mann zu einer vollkommenen Reue zu bewegen. Dieses Ziel allerdings hoffte er erreichen zu können. Es war ja schon ein gutes Zeichen, daß der Mann sein Unglück als wohlverdiente Strafe ansah.
„Gott verzeiht Ihnen sogleich, wenn Sie nur Ihre Sünden wirklich bereuen.“
Der Mann überlegte, während Percy aufmerksam seinen Blick auf das abgezehrte Antlitz gerichtet hielt. Da fing frischer Schnee zu fallen an, still und sanft.
„Ich darf es nicht mehr hoffen. Nein! Böse habe ich gelebt, und böse muß ich sterben.“
„Aber denken Sie an Jesus, der für Sie am Kreuze gestorben ist!“ drängte Percy milde. „Den letzten Tropfen Blut hat er für Sie vergossen.“
„Freilich. Aber ich habe es mit Füßen getreten,“ war die röchelnde Antwort.
In der Aufregung begann Percy laut zu beten.
„O mein Gott, mein Gott! Was soll ich sagen, um diese unsterbliche Seele für Dich zu gewinnen. O hilf mir, daß ich ihn zu einem Akt der vollkommenen Reue bringe. -- Mein Freund!“ wandte er sich wieder zu dem Sterbenden, „mein lieber Freund, als Jesus am Kreuze hing und so schrecklich litt, vergab er noch einem Räuber, der ein ganzes Leben voll Sünden hinter sich hatte, auf dessen Seele gewiß mehr Verbrechen lasteten, als auf der Ihrigen. Er vergab ihm und nahm ihn am gleichen Tage noch ins Paradies auf. Jesus ist gegenwärtig nicht weniger huldreich. Sprechen Sie zu Ihm, mein lieber Freund! Sie haben gesündigt, aber Er will Ihnen so gern vergeben. Schließen Sie Frieden mit Gott! Sie haben nur eine einzige Seele.“
Der Unglückliche lauschte aufmerksam.
Mit jeder Sekunde nahm die Blässe seines Gesichtes zu. Schon standen Schweißtropfen auf seiner Stirne.
„Glauben Sie wirklich, Gott könne mir vergeben?“
„O gewiß! Und er +wird+ Ihnen vergeben. Er hegt schon deshalb ein so großes Mitleid mit Ihnen, weil Sie ja sterben wie er, unter freiem Himmel und von aller Welt verlassen.“
„O könnte ich nur bereuen! Aber es ist zu spät.“
Langsamer und beschwerlicher wurde das Atemholen. Dichter und rascher fiel der Schnee.
Percy aber überkam es wie ein Gefühl der Ehrfurcht, daß die unsterbliche Seele eines Mitmenschen in seine Hände gelegt sei; doch mit seiner Besorgnis wuchs auch das zuversichtliche Vertrauen, Gott werde sich wirklich seiner bedienen, um diese arme, verstoßene Kreatur in die Gesellschaft der Heiligen eingehen zu lassen.
Vor der Hand freilich wußte er nicht, was er thun oder sagen solle; er überlegte betend. Da erhellte sich plötzlich sein Gesicht. Er griff in die Tasche, und ein kleines, silbernes Kruzifix, das Weihnachtsgeschenk von einer seiner Schwestern, kam zum Vorschein.
„Küssen Sie das, mein Freund, zur Erinnerung an die Liebe unseres Erlösers, der für Sie am Kreuze gestorben ist.“
„Ich wage es nicht,“ seufzte der Arme und schauderte. „O mein Gott, ich bin so böse, ich bin durch und durch verdorben. Ich bin nicht wert, bei einem so braven Kinde zu sein. Gehen Sie weg von mir! Ich bin verflucht. Gehen Sie weg, daß ich Sie nicht mit in die Hölle reiße.“
Statt aller Antwort erhob Percy das Haupt des Sterbenden und drückte einen Kuß auf die erkaltende Stirne. „O mein Gott,“ flehte er dabei im Herzen, „habe Erbarmen mit ihm!“
Dieser Liebesakt vollendete das Werk der Gnade. Was dem Unglücklichen noch fehlte, die Hoffnung und Zuversicht, bei Gott Verzeihung zu finden, begann jetzt in seiner gequälten Seele zu erwachen.
„Wenn Sie schon so gütig sind,“ sprach er bewegt, „dann muß auch Gott überaus gütig sein.“
„O ja, ja!“ versicherte Percy erfreut; „er ist unermeßlich gütig.“
„Aber er weiß auch“ -- ein Anfall von Kraftlosigkeit zwang den Sprechenden wieder zu einer Pause -- „er weiß auch alle meine Sünden, die Ihnen unbekannt sind.“
„Mein lieber Mann, wären Ihre Sünden noch tausendmal größer, als sie sind, er würde sie Ihnen doch verzeihen und würde Sie mehr lieben, als er Sie jemals geliebt hat in Ihrem ganzen Leben.“
Da bewegten sich die Lippen des Sterbenden, aber Percy verstand ihn nicht; er röchelte sehr stark. Als er sich jedoch niederbeugte, vernahm er deutlich das Wort ‚Kruzifix‘.
Hocherfreut hielt er es ihm an die Lippen und sah, daß der Mann es inbrünstig küßte.
„Gott sei Dank!“ flüsterte Percy. -- „Jetzt, mein Freund, versöhnen Sie sich ganz mit Gott, damit Sie Ihre Gattin und Ihr liebes Kind im Himmel wiedersehen. Erwecken Sie vollkommene Reue über Ihre Sünden. Soll ich Ihnen dazu helfen?“
Der Mann nickte.
„Dann wollen wir erst ein wenig still zu Gott beten; denn es ist eine große Gnade.“
Eine kurze Weile schwiegen sie.
Um sie her schwieg die weite, weiße Prärie; schweigend sanken die zahllosen Schneeflocken in unsicheren Bahnen herab; nur in der Ferne ertönte der schrille Pfiff der Lokomotive durch die lautlose winterliche Stille.
Aus zwei Herzen aber stieg ein flehentliches Gebet empor zu Gott, dem Herrn der Menschenseele, der die Werke seiner Hände nicht vergißt und nahe ist denen, die ihn suchen. Es war, als ob durch die wirbelnden Schneeflocken Engelsgestalten lugten, mit Sehnsucht des Augenblicks harrend, da sie sich über einen büßenden Sünder freuen könnten.
„Küssen Sie das Kruzifix noch einmal!“ begann Percy wieder; er sah, daß der Tod schneller komme, als er erwartet hatte. „So -- jetzt sprechen Sie mir von Herzen nach, was ich Ihnen vorbete.“
„O mein Gott -- es thut mir leid gesündigt zu haben -- weil ich weiß -- daß Du so gut gegen mich bist -- weil Jesus Christus sein Leben für mich geopfert hat -- weil Du mich im Himmel selig machen willst -- weil ich weiß -- daß es nichts Größeres und Schöneres giebt als Dich. -- O mein Gott -- ich liebe Dich über alles. -- Ich will Dich nie wieder beleidigen.“
Langsam und deutlich sprach Percy diese Worte und bemerkte an der Bewegung der Lippen, daß der Sterbende jeden Absatz nachsprach.
Das Getöse des Zuges war deutlich vernehmbar.
„O mein Jesus, Barmherzigkeit!“ sprach Percy abermals, und der Sterbende wollte es wiederholen. Allein es gelang ihm nicht. Ein heftiger Hustenanfall befiel ihn; aber er hatte zum Husten nicht mehr Kraft genug. Sein Atmen verstummte, das Auge richtete sich noch einmal auf seinen Wohlthäter, die Arme bewegten sich in der Not eines Erstickenden, das Gesicht nahm den Ausdruck der Todesangst an. Noch einmal sprach ihm Percy das kleine Schußgebetchen vor und glaubte zu bemerken, daß er es wiederhole.
Da rollte der Zug vorbei, und der Boden zitterte unter ihm, der Zug in seiner Kraft und Majestät, das Zeugnis von der Größe und Macht des menschlichen Geistes, der Zug mit so vielen reichen Menschen, deren Herz sich nie einem leidenden Mitmenschen in Liebe erschlossen, deren Auge nie das Elend geschaut, deren wohlgespickte Börsen sich nie zur Linderung von Not und Armut geöffnet hatten. Und während die stolze Wagenreihe vorüberflog, gab der verlassene, von der ganzen Menschheit hinausgestoßene Arme betend seinen gottentsprossenen Geist mit Gott versöhnt in die Hände seines Schöpfers und Erlösers zurück.
34. Kapitel.
Tom begegnet zwei Gesellen, die er lieber nicht sähe.
Tom war unterdessen auf dem Wege zur Stadt. Eine Viertelstunde war er schon ohne Ermüdung vorangeeilt; denn die Anstrengung war für den starken, abgehärteten Knaben eher ein Vergnügen als eine Unannehmlichkeit. Die Ellbogen fest in die Seiten gestemmt, die Hände geballt, den Hut tief in Gesicht und Nacken gedrückt, wäre er für jeden Liebhaber athletischer Übungen ein erwünschter Anblick gewesen.
Jetzt hatte er die Stadt in Sicht.
„Vorwärts, alter Junge!“ sprach er zu sich selbst. „Noch eine Viertelstunde ist’s, aber wenn Du es nicht in zehn Minuten machst, geb’ ich keinen Heller für Dich! -- Jawohl, auch in sechs muß es gehen!“
Da erblickte er gar nicht weit von sich zwei Gestalten.
„Wer mag das sein?“ fragte er sich. „Vielleicht sind es Freunde. Doch ich sehe es ja bald; sie kommen auf mich zu.“
Als sie sich hinreichend genähert hatten, erkannte er zwei Knaben, aber gerade diejenigen, die er für heute lieber auf den Mond als auf seinen Weg gewünscht hätte. Der eine war nämlich kein anderer als der berüchtigte Kracher, der zweite ein jüngerer, gleichgesinnter Genosse, Dick mit Namen, der die Ehre hatte, Krachers besonderer Freund genannt zu werden.
Auch sie erkannten in ihm sogleich einen Zögling des Pensionates, und Tom sah schon voraus, was kommen werde. Der Kleinere warf die Schlittschuhe, die er trug, auf der Stelle zu Boden und fing trotz der Kälte an, seinen Rock auszuziehen: die Vorbereitung zu einem Faustkampfe.
„Eine nette Geschichte!“ dachte Tom. „Ich soll dran, und ich bin doch gar nicht in der Verfassung, mich mit diesen Kerlen zu balgen. Ausreißen kann ich nicht; dann liefen sie mir nach und Kracher hätte mich bald eingeholt. Hätte ich nur einen rechtschaffenen Knüppel; dann wollte ich sie schon Mores lehren!“
Unmittelbar vor den beiden ging er langsamer, um ruhiger atmen und sprechen zu können. Allein der Altere überhob ihn der Mühe, das Gespräch zu eröffnen.
„Nach solchen Kinderchen wie Du sind wir gerade ausgegangen,“ sagte er.
„Komm’ her, Du Pensionatsknäblein!“ rief der andere. „Komm’ her, und zeig’ mal, was Du kannst! Vorwärts! mach’ Dich bereit!“ Dabei führte er eine Art Kriegstanz vor Tom auf, um diesem zu beweisen, wie mutig er sei.
Tom ergötzte dies dergestalt, daß er für einen Augenblick seine wichtige Sendung vergaß. Ein vergnügtes Zwinkern spielte um seine Augen, und die Gesichtsmuskeln zuckten ihm so stark, daß er nach seinem eigenen Geständnis und Ausdruck, es nur mit Mühe fertig brachte, sein „Schmunzeln nicht loszulassen“.
Dick gewahrte das, hielt es aber für Furcht; er ließ deshalb seiner ungeschliffenen Beredsamkeit vollends die Zügel schießen und erging sich in Ausdrücken der Verachtung, die hier nicht wiederzugeben sind.
Anfangs steigerte sich Toms Vergnügen nur noch. Plötzlich aber wurde sein Gesicht sehr ernst; denn der Schnee begann zu fallen, und erinnerte ihn an Percy und den Sterbenden.
„Hört,“ sprach er mit großer Ruhe und Freundlichkeit, „ich bin nicht auf einen Kampf gefaßt. Dort hinten liegt ein Mann, ein ....“
„Schwindel!“ rief Kracher. „Ob Du gefaßt bist oder nicht, das ist uns egal. Du nimmst es mit Dick auf! der ist nicht größer als Du. Sonst prügle ich Dich, bis Du nicht mehr weißt, wo Deine Knochen sind.“
„Nein, ich thue es nicht!“ erklärte Tom fest und entschieden.
„Nicht? ich habe mir doch gleich gedacht, Du wärest ein Feigling. Versetz’ ihm eines, Dick! Er soll!“
Dick folgte der Anweisung, stürzte sich auf Tom und führte einen Stoß gegen ihn. Tom erhob halb unschlüssig die Hände, um sich zu schützen, vermochte aber den Stoß nur teilweise abzuwehren und wurde im Gesichte getroffen.