Percy Wynn

Part 13

Chapter 133,815 wordsPublic domain

Der kleine Wißbegierige.

Der Tag vor Weihnachten brach an, hell und kalt. Im Lichte der späten Morgensonne funkelten Millionen von Diamanten an den Zweigen und Zweiglein der bereiften Bäume.

Die Zöglinge holten ihre Schlittschuhe hervor und schickten sich unter fröhlichem Gespräche an, das Haus zu verlassen. Percy aber, dessen Fuß noch nicht genügend hergestellt war, mußte zu Hause bleiben und saß bereits mit einem Buche zufrieden und glücklich an seinem Pulte. Da kam Frank herein und weinte, als ob ihm das Herz brechen sollte.

„Frank!“ sprach Percy erschrocken, „was fehlt Dir denn?“

„O ich wollte, ich wäre tot!“

Dieses Lieblingswort mancher eigensinnigen Kinder war in Percys Familie nie gehört worden. Er wußte nicht, daß diejenigen, die es am häufigsten aussprechen, es selten ernst meinen.

„Frank, Frank!“ erwiderte er mit großem Ernste. „Sage doch so etwas nicht. Es kann Dir ja nicht bedacht sein; es wäre viel zu böse!“

„Ja, es ist mir bedacht. Und ich bin auch böse. Das ist es eben, weshalb ich weine.“

„Es hat Dich wohl jemand geneckt.“

„Nein, alle sind freundlich. Aber sie lachen mich aus.“

„Wann haben sie Dich denn ausgelacht?“

„Diesen Morgen in der Kapelle redete ich meinen Nachbar an. Er antwortete keine Silbe, sondern lachte bloß. Dann setzte ich mich. Da lachten alle um mich her. O, ich sehe es jetzt. Tom Playfair hatte recht, daß er sagte, ich wäre ein Jude.“

Jetzt konnte sich auch Percy eines Lächelns nicht erwehren.

„Fränkchen, was ist denn eigentlich ein Jude?“

„Das weiß ich nicht. Aber es muß etwas sehr Schlimmes und Dummes sein.“

„Später wirst Du verstehen, was es ist. Jedenfalls bist Du kein Jude. Du glaubst das doch, wenn ich es Dir sage.“

„Ja, Dir glaube ich es, Percy,“ sprach Frank und wurde ruhiger. „Aber weshalb hat denn Tom Playfair gestern gesagt, ich wäre einer?“

„Er wollte bloß einen Scherz machen. Tom hat Dich sehr gern, Frank.“

„So?“ und Frank lächelte beglückt.

„Ja, ganz sicher. Er war heute Morgen schon bei mir und sagte, er wolle Dich mitnehmen aufs Eis.“

„O, ich gehe nicht aufs Eis,“ erklärte Frank, und das kleine Gesichtchen verfinsterte sich wieder. „Ich muß zu Hause bleiben und lernen. Ich will Religion annehmen.“

Percy sah voraus, daß ~P.~ Middleton Frank nicht gestatten werde, heute auf die Erholung zu verzichten, und wollte ihm deshalb diesen übereifrigen Vorsatz ausreden.

„Frank, kannst Du überhaupt Schlittschuh laufen?“

„Gewiß. Aber gerade deshalb will ich nicht gehen, ich will lieber etwas Neues lernen, das ich noch nicht kann.“

„Wirklich? Du kannst Schlittschuh laufen?“

„Natürlich!“

„Das freut mich sehr. Später kannst Du mir dann einen großen Gefallen thun.“

„Dir einen Gefallen thun?“ rief Frank, strahlend in freudiger Erwartung. „Womit?“

„Lehre mich Schlittschuh laufen!“

„Was? Was? Du kannst nicht Schlittschuh laufen?“

„Ich habe nie einen Schlittschuh am Fuße gehabt.“

Durch ein herzliches Lachen machte Frank seinem Erstaunen Luft.

„Wenn das nicht zum Lachen ist, Percy! Du bist doch größer und älter als ich. Ich bin aber sehr froh, daß ich Dich etwas lehren kann.“

„Gut. Dann geh’ heute auch Schlittschuh laufen damit Du es noch besser lernst und es mir noch besser beibringen kannst.“

Aller Trübsinn und alle weltschmerzlichen Gedanken waren jetzt verflogen. Das Bewußtsein, er werde einen viel älteren Zögling zum Schüler haben, machte Frank ein solches Vergnügen, daß er aus dem Lachen gar nicht herauskam.

„Ich nehme alles zurück,“ sagte er. „Ich wollte nicht, ich wäre tot. Ich will am Leben bleiben und Dich im Schlittschuhlaufen unterrichten. Und es soll Dich gar nichts kosten.“

„Danke schön, Frank. Ich sehe immer klarer, daß Du kein Jude bist. -- Kannst Du auch Ziellauf spielen?“

„O, und wie!“ rief Frank mit steigender Fröhlichkeit. „Kannst Du das auch nicht?“

„Nein,“ sprach Percy schmunzelnd. „Ich kann nur die leichtesten Bälle schnappen.“

„Tralala!“ jubelte Frank. „Ich lehre es Dich auch. O, dann haben wir ganze Wagen voll Spaß.“

„Heda, Frank, Du alter Sünder,“ rief jetzt Tom in den Saal, „wo bleibst Du denn? Die meisten sind schon fort.“

Frank eilte hinaus, nahm seine Schlittschuhe und schloß sich mit Tom Playfair dem Zuge an.

„Tom,“ sprach er nach einiger Zeit. „Was ist ein Sünder? Du hast mich vorhin einen alten Sünder genannt.“

„Das war nur im Scherz,“ erwiderte Tom, der merkte, daß sein kleiner Freund ein lustiges Wort hochernst auffassen könne. „Ein Sünder ist ein Mensch, der etwas Schlimmes thut. Du thust aber nichts Schlimmes. Deshalb bist Du auch kein Sünder.“

Frank überlegte wieder. Da kam eine neue Frage.

„Ist jemand, der andere Leute haßt und sich selber den Tod wünscht, ein Sünder?“

„Wenn er wirklichen Haß gegen sie hat, und wenn er sich ganz im Ernste den Tod wünscht, so ist er ein Sünder.“

„Dann bin ich ein Sünder,“ schloß ruhig der Denker von neun Sommern, „und Du hattest das Recht, mich so zu nennen. Aber es soll aufhören. Ich will mich bessern. Ich will Religion annehmen.“

„Du sprichst vom Religion-Annehmen, als wäre die Religion im Laden zu kaufen, und als ob man sie anziehen könne, wie Handschuhe,“ bemerkte Tom lachend.

Während der ganzen Dauer des Weges hatte er dann genug zu thun, alle Fragen seines wißbegierigen Gesellschafters zu beantworten. Das gemeinsame Abendgebet mit der Gewissenserforschung, dann Kreuzzeichen, Messe, Weihwasser und anderes, das Frank am Abend und Morgen beobachtet hatte, kam zur Sprache. Seine Seele, die noch nicht durch Laster verdorben war, hatte einen förmlichen Heißhunger nach dem Religiösen, und jedes Samenkorn fiel bei ihm auf fruchtbaren Boden.

Ehe beide es dachten, waren sie schon am Ufer des Flusses angelangt, legten ihre Schlittschuhe an und genossen einige Stunden unter dem fröhlichen Schwarm ihrer Mitzöglinge die Freuden des Eislaufes.

Die Zeit des Rückweges wurde Tom abermals durch den kleinen Fragesteller verkürzt. Daheim aber veranlaßte Tom bei der nächsten Gelegenheit Percy, in seiner anziehenden Weise Frank die Hauptbegebenheiten aus dem Leben Jesu zu erzählen.

Frank lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit.

„Ist es wahr,“ fragte er schließlich Percy, „daß Er auch die Kinder geliebt hat?“

„Gewiß. Er hat oft mit großer Liebe von ihnen gesprochen. Einmal wollten seine Jünger die Kinder von Ihm weghalten, weil Er so müde war. Allein er verwies es ihnen und sagte, wer nicht gleich den Kindern sei, komme nicht in den Himmel.“

„Dann will ich Ihn auch wieder lieben,“ versicherte Frank mit großem Ernste, „weil Er mich so geliebt hat.“

Im Laufe des Tages wußte Frank einen Augenblick ausfindig zu machen, um ~P.~ Middleton allein zu sprechen.

„Pater,“ begann er geheimnisvoll, „wollen Sie niemanden wieder erzählen, was ich Ihnen jetzt sage?“

„Nein, Frank.“

„Ich möchte gern hören, wie man weiß, daß es einen Gott giebt.“

„Ich denke, das kann ich Dir sagen,“ sprach der Pater lächelnd.

„Dann bitte, thun Sie das!“

Es war der Tag vor Weihnachten, für die Präfekten ein Tag unendlicher Mühe und Arbeit. Allein ~P.~ Middleton ließ sich doch nicht abhalten, dem wissensdurstigen Kleinen wenigstens in etwa zu genügen.

„Zwar bist Du im Grunde noch zu jung,“ sprach er, „um es ganz zu verstehen, ebenso wie es Dir schwerlich gelungen sein wird, einen Beweis für den Umlauf der Erde um die Sonne ganz zu erfassen. Ich will aber wenigstens den Versuch machen.“

~P.~ Middleton schlug dann jenen Weg ein, den einst der Weltapostel Paulus wählte, um die Heiden zu Lystra vom Dasein des Einen Gottes zu überzeugen: ‚Gott hat sich nicht ohne ein Zeugnis gelassen, indem er den Menschen vom Himmel aus Wohlthaten spendete, Regen und fruchtbare Zeiten gab und mit Freude die Gemüter erfüllte.‘

„Ich will Dir später,“ so schloß er, „ein Büchlein geben, worin Du alles dieses viel schöner und deutlicher, als ich es Dir in der Eile sagen kann, beschrieben findest. Es ist die Geschichte eines Knaben, der etwa in Deinem Alter stand; er hieß ‚Heinrich von Eichenfels‘.“

„Ich danke Ihnen, Pater. Percy hat mir erzählt, es gebe einen Gott, aber ich muß alles ganz genau wissen. Jetzt sehe ich es ein. -- Darf ich Sie noch um etwas anderes fragen?“

„Gewiß.“

„Ist es böse, jemanden zu hassen?“

„Ja, das ist böse, Gott liebt alle Menschen, und er will, daß auch wir alle Menschen lieben.“

„Glauben Sie nun, daß ein Kind, nicht älter als ich, schon böse sein und andere hassen könnte?“

„Warum nicht? Die Bosheit hängt nicht vom Alter ab, wenn auch meistens die Kinder nicht so böse sind, wie viele Erwachsene. Der heil. Augustinus, der ein sehr gelehrter und dabei ein sehr guter Mann war, ist in seiner Jugend böse gewesen. Er sagte selbst: ‚Ich war ein kleiner Knabe aber ein großer Bösewicht‘. Nachher hat er sich aber ganz gebessert.“

„Es freut mich, daß ich das höre. Ich habe immer geglaubt, niemand wäre so wie ich. O, ich bin schrecklich böse.“

~P.~ Middleton lachte.

„Das ist wahr, Pater. Ich habe den Kracher gehaßt und wollte ihn totschießen. Und diesen Morgen wurde ich traurig und wünschte mir den Tod.“

„Aber jetzt, da Du gelernt hast, daß so etwas böse ist, thätest Du es nicht mehr.“

„Nein, aber ich wünschte es zu thun.“

~P.~ Middleton erklärte nun zu Franks sichtlicher Beruhigung, daß die Neigung zu einem bösen Werke noch nicht böse macht, so lange unser Wille dagegen ist und wir ihr nicht nachgeben, sondern im Gegenteil gern von ihr frei sein möchten. Ein paar Beispiele halfen dem Verständnisse nach.

„Ich danke Ihnen, Pater. Von jetzt an will ich nie mehr böse sein. Wollen Sie mir nicht dabei helfen?“

„Von Herzen gern. Und morgen, wenn wir das Andenken an die Geburt des Jesuskindes feiern, bitte es auch, Dir zu helfen.“

„Das will ich thun. Percy hat mir schon erzählt, daß Es die Kinder so gern hat. Sobald mein Papa wiederkommt, erzähle ich ihm alles; und er soll den Heiland auch lieben.“

Der heilige Weihnachtstag brach an. Die Zöglinge hörten an diesem Feste, nach gutem christlichem Brauche, drei heilige Messen.

Der erhebende Gesang, die prächtigen Gewänder, der Schmuck des Altars und der ganzen Kapelle, die würdevollen Ceremonien, sowie der andächtige Ernst so vieler Knaben, welcher sich in Antlitz und Haltung kundgab: das machte einen unwiderstehlichen Eindruck auf Frank. Was ihn aber am meisten fesselte, war die große Darstellung der Geburt Jesu in der Höhle zu Bethlehem, die allen sichtbar auf dem Chore stand. Unwillkürlich faltete er die Hände zum Gebet, wie er die übrigen thun sah, und bat das göttliche Kind, das die Kinder so geliebt hat, immer von neuem um Hilfe und Beistand, daß auch er alle Menschen lieben und vor allem seinem Heiland mit Gegenliebe vergelten möge.

Nach Schluß der Feier wartete er auf Percy.

„Glückseliges Weihnachtsfest!“ war Percys erstes Wort.

„O, es ist schon glückselig. Ich bin nie so froh gewesen, wie heute. Percy, die katholische Religion ist doch schön. -- Jetzt, bitte, warte hier einen Augenblick, bis Tom, Keenan und Donnel kommen. Ich habe ihnen etwas zu sagen.“

Die Genannten fanden sich bald zusammen, alle in Feierstimmung und einstweilen noch voll Erwartung der Dinge, welche der Tag in seinem Verlaufe ihnen bescheren sollte.

Frank aber wurde sehr ernst. Als sie nach den ersten gegenseitigen Festgrüßen sich zu ihm wandten, sprach er:

„Ich habe zum Kinde Jesu gebetet und will jetzt ganz sicher Eure Religion annehmen. Ich will nie wieder wünschen, ich wäre tot, und wenn ich Kracher am Ertrinken sähe, so würde ich hineinspringen und ihn retten.“

30. Kapitel.

Fröhliche Weihnachten!

Lauter Jubel erschallte, als beim Beginn des Frühstücks jeder unter seinem Teller eine hübsche Karte mit allerliebst gedruckten Weihnachts-Glückwünschen entdeckte.

„Nie dagewesen!“ erklärte Harry Quip, der doch jetzt sein viertes Christfest in Maurach feierte. „~P.~ Middleton weiß immer irgend etwas Neues ausfindig zu machen. Noch jedes Jahr kam etwas, das niemand erwartet hatte.“

„Man fühlt sich wirklich ganz wie zu Hause,“ bemerkte Joseph Whyte.

„Aber ist es nicht auch ein herrlicher Weihnachtsmorgen?“ sprach Hodder. „Der Schnee fällt noch in dichter Menge, und Weihnachten ohne Schnee wäre doch wie eine Erzählung ohne Ende.“

„Oder wie Brot ohne Butter,“ fuhr Whyte fort.

„Oder wie ein Engel ohne Flügel,“ sagte Donnel, der Vorsitzende dieser lustigen Tafelrunde.

„Oder wie eine Katze ohne Miau,“ kicherte Quip.

An den übrigen Tischen ging es nicht minder fröhlich zu. Heitere Grüße und Scherze flogen hin und her, und das Lob des Präfekten war in aller Munde. Dann und wann vernahm man deutlich die wohltönende Stimme Percys und das helle, durchdringende Lachen Franks.

Am Schlusse verkündete ~P.~ Middleton, daß die Weihnachtskistchen bereit ständen und ihrer Eigentümer harrten. Da bedurfte es natürlich keines weiteren Antriebes, um alle Zöglinge möglichst schnell aus dem Speisesaale zu bringen.

An der Thüre blieben Percy, Tom und Harry stehen, bis Frank sich einfand.

„Hurtig, Frank,“ sprach Tom, „Du mußt uns helfen unsere Kisten suchen und untersuchen.“

„O, für mich ist keine da,“ war Franks traurige Antwort. „Mein Papa hat mir nie auf Weihnachten etwas geschenkt, obgleich er sonst immer so gut gegen mich war. Und jetzt ist er gar nicht einmal zu Hause. Nein, ich gehe nicht mit hinauf.“

„Komm’, Frank, geh’ doch mit!“ bat Percy in recht beweglichem Tone. „Ich habe beim Öffnen meiner Kiste nicht halb soviel Vergnügen, wenn Du nicht mit dabei bist.“

„Und ich auch nicht!“ „Und ich auch nicht!“ versicherten Tom und Harry.

„Gut. Dann will ich mitgehen.“

Der Studiersaal bot heute einen sehr veränderten Anblick. Alle Pulte und Bänke waren entfernt. An den Wänden entlang standen Kisten von allen Formen und Gestalten in einer Reihe, große und sehr große und kleine und auch einige sehr kleine. Über einer jeden aber prangte auf einem Zettel, der am Getäfel der Wand befestigt war, der Name des glücklichen Besitzers.

Als unsere vier Freunde eintraten, herrschte bereits ein reges, um nicht zu sagen aufgeregtes Leben. Einige hatten ihre Namen noch nicht entdeckt. Andere knieten bereits vor dem aufgefundenen Schatzkasten und durchforschten ihn erwartungsvoll, um dann die einzelnen Geschenke von Vater und Mutter und Onkel und Großtante ihren Nachbarn zu zeigen. Einzelne standen vor ihrer Kiste und ergingen sich in Vermutungen, was wohl in ihrem dunkeln Schoße alles enthalten sein könne. Die meisten sprachen, entweder mit ihren Nachbarn, oder, wenn diese zu sehr beschäftigt waren, mit sich selbst. Die Wände mochten in diesen Stunden Ohren haben, manche unter den Zöglingen hatten keine.

Auch Percy, von Frank begleitet, hatte seine Kiste bald gefunden.

„O wie groß sie ist!“ rief Frank verwundert aus. „Sie ist ja die größte von allen.“

„Ja, weißt Du, ich habe auch sechs Schwestern,“ erklärte Percy, indem er den Deckel abhob, „und jede hat ihr besonderes Geschenk hineingelegt. Sie sind so gut und haben mich ungemein gern.“

Die Kiste enthielt eine rechte Varietäten-Sammlung: Schöne Bücher in Prachtband, Glückwunschkarten mit den wunderlichsten Figuren, Handschuhe aus Wolle und aus dem feinsten Leder, eine Mütze aus Seehundsfell, Krawatten der verschiedensten Art, goldene Manschettenknöpfe, etliche Schachteln mit Zuckerwerk, der für ein amerikanisches Weihnachten unentbehrliche Truthahn, dann Kuchen, Nüsse -- Herz, was verlangst Du mehr!

Franks Augen gingen immer weiter auf, je mehr Reichtümer aus der Kiste zum Vorschein kamen. Allein daß alles für Percy sei, entzückte ihn nicht weniger, als wenn er selbst der Beschenkte gewesen wäre. Zuweilen vergaß er gar sein altkluges Wesen und tanzte vor Freude umher.

„Sieh doch einmal hier, Frank! Ich habe mir gleich gedacht, es wäre für Dich etwas darin.“

Er nahm ein schönes Paar wollener Handschuhe, faßte Frank bei den Schultern und begann sie ihm anzuziehen. Der Kleine sträubte sich aus Leibeskräften.

„Sie gehören ja Dir, Percy. Und mir sind sie viel zu groß.“

„Das ist nicht wahr. Du kannst sie ganz gut brauchen und sollst sie anziehen, wenn Du mir Unterricht im Schlittschuhlaufen giebst. -- Wenn Du sie nicht nehmen willst,“ sprach er, als Frank sich noch immer weigerte, „verdirbst Du mir alle Freude an meiner großen Kiste.“

Das zog. Ohne längeres Sträuben ließ sich Frank die Handschuhe anlegen, die ihm wirklich gar nicht übel standen. Er war sehr stolz auf das Geschenk und gab sich keine Mühe, seine innere Freude zu verbergen. Sogleich tänzelte er zu Tom hinüber, um auch ihm die Gabe zu zeigen.

„Aha, Frank, woher hast Du die bekommen? Du bist ja ein rechter Spitzbube.“

„Was ich bin, ist mir einerlei. Sie sind von Percy.“

„Aber was ist denn mit Deinen Jacken-Taschen los? Sie sehen ganz kurios aus.“

„So? Sind sie zerrissen?“

„Komm’ her, ich will Dir zeigen, was ihnen fehlt.“

Frank näherte sich. Tom ergriff ihn mit der linken Hand, daß er sich nicht zur Wehr setzen konnte, und füllte ihm die Taschen mit Nüssen, Rosinen und Bonbons.

„So, jetzt sehen sie besser aus, so rund wie eine Wurst.“

„Frank!“ rief Percy, „komm’ zurück! Ich muß Dir noch etwas zeigen.“

In der vergnügtesten Stimmung hüpfte Frank zurück.

„Hier ist noch etwas für Dich. Bitte, Frank, weise es nicht ab! Es ist ein Gebetbuch, das Du notwendig hast, wenn Du ‚Religion annehmen‘ willst. Ich habe schon drei andere.“

Frank war für Worte zu bewegt und entzückt. Während Percy noch in seiner Kiste herumsuchte, öffnete er ehrfurchtsvoll das schön gebundene Andachtsbuch -- es war das erste, welches er in die Hand nahm -- und und blätterte darin umher.

Da fiel ein hübsches Bildchen heraus.

„O sieh, Percy!“ rief er, „der Stall von Bethlehem mit dem Jesuskinde, das die Kinder so liebt. Das ist schön. Hier, Percy!“

„Nein, es ist auch für Dich. Alles was in dem Buche ist, soll Dir gehören. Das ist meine Weihnachtsgabe für Fränkchen.“

„Wenn ich einmal groß bin,“ versicherte Frank, der trotz seines altklugen Wesens doch ein rechtes Kind war, „dann gebe ich Dir ein schönes Haus mit einem großen Park und einer feinen Kutsche, und der Kutscher soll goldene Knöpfe und einen hohen Federhut tragen.“

„Und was giebst Du Tom?“ fragt Percy, dem es gelang, sich ernst zu halten.

„Dem gebe ich alle Taschen voll Gold.“

Es verbreitete sich die Kunde, „Fränkchen“, wie er bald hieß, habe keine Weihnachtskiste erhalten. Das genügte, um das Mitleid vieler rege zu machen. Donnel, Keenan, Kenny und mehrere andere stellten sich sofort ein, ihm von ihren mehr oder minder reichen Vorräten mitzuteilen.

Frank war außer sich vor Staunen. Er fand es begreiflich, wenn sein lieber Vater ihm jede Art von Aufmerksamkeit erwiesen hatte. Daß aber Knaben, die ihm im Grunde doch alle fern standen, mit den Beweisen von Zuneigung und Freundlichkeit so verschwenderisch waren, das wollte ihm unerklärlich dünken. So ungewohnt, ja rätselhaft war ihm die liebevolle Zudringlichkeit, daß er schließlich nichts anderes zu thun wußte, als sich aus dem Saale zu flüchten.

Zum erstenmale im Leben plante jetzt Percy einen Streich. Er rief einige seiner Freunde zusammen und begann:

„Ich habe einen Gedanken.“

„Hurra!“ rief Tom. „Welch ein Ereignis! Hört, hört!“

„Fränkchen wird kaum noch eine Bescherung zu erwarten haben. Jetzt könnten wir uns zusammenthun und ihm eine verschaffen. Wir müssen den Mund halten, damit er nicht erfährt, von wem sie herrührt. Das wäre eine Freude!“

„Fein, Percy!“ rief Quip. „Unter meinen Geschenken ist etwas, das mir vorkommt, als wäre es für Fränkchen bestimmt und nur durch Versehen in meine Kiste geraten. Meine Großmutter scheint zu glauben, ich wäre in den letzten vier Jahren gar nicht älter geworden.“

„Sie hat so Unrecht nicht,“ warf Joseph Whyte ein.

„Deshalb hat sie mir ein großes Bilderbuch mit allerlei kurzen, kindlichen Erzählungen geschickt. Das wäre für Fränkchen wie gemacht.“

„Vortrefflich!“ sprach Keenan, „obgleich Du es jedenfalls schwer entbehren wirst. -- Ich für meinen Teil opfere eine Schachtel Datteln.“

„Und ich,“ nahm Donnel das Wort, „überlasse ihm meinen Puter. Ich will aber selbst auch keinen Hunger leiden; deshalb bin ich so frei, Georg, von dem Deinen mitzuessen.“

Bevor noch die einzelnen ihre Beiträge bestimmt hatten, brachte Tom bereits eine Kiste herein, die sich bald mit Büchern, Spielzeug, Äpfeln, Kuchen und Ähnlichem füllte. Donnel unternahm es noch, alles mit Sorgfalt einzupacken, damit der fromme Betrug nicht so leicht entdeckt werde.

Um zehn Uhr hörte Fränkchen von ~P.~ Scott, den die Verschworenen ins Vertrauen gezogen hatten, es sei auch für ihn etwas da. Hui! wie er da die Treppe hinaufflog und im Saale herumlugte, um seinen Namen zu erblicken! Dann machte er bei seinen Freunden die Runde und bat sie, doch auch von ihm etwas anzunehmen. Zuweilen zwang er ihnen förmlich etwas von dem auf, was sie ihm selbst gegeben hatten.

Der schöne Tag verfloß in ungetrübter Heiterkeit. Am Abende vereinigte ein Weihnachtsdrama das ganze Haus in der großen Aula.

Dieses Schauspiel wurde durch Frank um einen ‚Auftritt‘ bereichert. Er hatte nämlich in dem kleinen Ort noch nie eine dramatische Aufführung zu sehen bekommen und faßte daher alles, was auf der Bühne vor sich ging, als echte Wirklichkeit auf. Als nun einer der Spielenden, der einen glaubenslosen Geldmenschen darzustellen hatte, in die Worte ausbrach: ‚Weihnachten -- Humbug!‘ da konnte Frank seinen Unwillen nicht beherrschen. Er sprang auf die Bank, stampfte mit dem Fuße, erhob drohend die kleine Faust gegen die Bühne und rief voll Entrüstung laut aus:

„Das ist gelogen, Du dummer Kerl! gelogen! Du bist ein ...“

Tom hatte ihn schon gefaßt, hielt ihm den Mund zu und setzte ihn auf den Boden. Während der großen Heiterkeit, die dieser ‚Auftritt‘ verursachte, wurde ihm dann in der Eile so viel erklärt, daß er sich zufrieden gab und gegen die Fortsetzung des Stückes keine Einrede mehr erhob.

Am Abende kniete Frank, bevor er sich auskleidete, erst noch an seinem Bette nieder, legte das Bildchen, das er von Percy erhalten, vor sich und begann andächtig zu beten. Als nach einiger Zeit ~P.~ Middleton die Runde machte, sah er ihn noch unbeweglich knieen. Er näherte sich und gewahrte, daß der Kleine, ermüdet von den Freuden und Gemütsbewegungen dieses Tages, friedlich eingeschlummert war, die Lippen auf das Bild des Kindes von Bethlehem gedrückt.

31. Kapitel.

Ein junger Schlittschuhmeister.

In unschuldiger Fröhlichkeit vergingen die freien Tage leider nur zu schnell, und ehe man sich’s versah, waren Pensa und Schulstunden wieder in ihre Rechte eingetreten.

Fränkchen hatte sich unterdessen durch keine Zerstreuung abhalten lassen, zur rechten wie zur unrechten Zeit ‚Religion anzunehmen‘. Schon sechs Tage nach seiner Ankunft überraschte er den Rektor mit dem ernsthaften Ansinnen, ihn zu taufen, und verlor beinahe die Fassung, als ihm die Bitte nicht auf der Stelle gewährt wurde. Er mußte sich mit der Zusicherung begnügen, daß er getauft werden solle, sobald er den Katechismus hinreichend verstanden habe.

Von jetzt an blieb aber erst recht kein Augenblick unbenützt. Mit dem besten Erfolge sorgte er, daß ~P.~ Scott und ~P.~ Middleton sich zur Zeit der Erholung nicht einsam fühlten. Kaum sah er den einen oder andern von ihnen allein, so war er auch schon bei ihm wie ein lebendiges Fragezeichen, und brachte ein Bedenken nach dem andern vor. Er war schwer zu befriedigen. Nach manchem Satze, den ein Durchschnittsjunge ohne weiteres als wahr angenommen hätte, war sein gewöhnliches Wort: „Wie beweist man das?“ Was er begehrte, war ‚die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts anderes als die Wahrheit.‘

Die Fortschritte, die er machte, waren auch geradezu erstaunlich. Wenn trotzdem seine Taufe immer noch verschoben wurde, so war das einzig eine Maßregel der Klugheit und sollte keineswegs andeuten, daß man sein Wissen für unzureichend halte.

Der nächste freie Tag bot Percy dann auch die Gelegenheit, unter Franks Leitung seine ersten Versuche im Schlittschuhlaufen zu machen.

Percy war im Waschsaal und suchte nach seinen Schlittschuhen. Da kam Tom herein und rief eilig: