Percy Wynn

Part 12

Chapter 123,754 wordsPublic domain

Endlich hat Percy Wynns That meine letzten Bedenken zerstreut. Ich hielt mich noch beständig an der Einbildung festgeklammert, die katholische Religion bilde nur engherzige, schwächliche und feige Charaktere. -- Die Erinnerung an meine eigene Jugend hätte mich schon eines bessern belehren können. -- Da erfahre ich nun, daß dieses echt katholisch erzogene Kind eine Großmut und Unerschrockenheit an den Tag legt, die, wenn ihr auch die Umsicht späterer Jahre noch abgeht, doch schon jetzt einen Mann beschämen könnte, und die ihm selbst teuer zu stehen gekommen wäre, hätten nicht zwei edle, auch katholisch erzogene Gefährten sich mutig seiner angenommen. Weder Lincoln noch irgend einer von seinen Schulkameraden würde gehandelt haben wie Percy Wynn. Ja, als ich am Abende jenes Tages meine eigenen Anschauungen genauer untersuchte, mußte ich bekennen, ich sei zu jener Zeit, da ich noch Gott fürchtete, viel, viel selbstloser gewesen, als nachher. Zum erstenmale wagte ich nur einzugestehen, daß die Leugnung Gottes den Menschen überhaupt gar nicht selbstlos zu machen vermag, da sie alle stichhaltigen Gründe für eine uneigennützige, selbstlose Liebe zum Nebenmenschen in der Wurzel vernichtet.

Mit ganz anderer Gesinnung nahm ich abermals jenes Buch hervor -- nur die Nachtzeit konnte ich diesem folgenschweren Geschäfte widmen -- um es wieder und wieder zu lesen. Ein ganz neues Licht ergoß sich in meine irrende, zagende Seele. Die letzten Zweifel hoffe ich morgen von Ihnen, Hochwürdiger, Herr Rektor, gelöst zu sehen, um dann gleich durch eine Generalbeichte, zu der ich allerdings nach so vielen Jahren der gütigen Hilfe des Beichtvaters bedarf, mein Leben wieder in Ordnung zu bringen.

Den armen Lincoln werde ich wohl seinem durch den eigenen Vater verschuldeten Schicksale überlassen müssen. Der neunjährige Frank dagegen ist noch zu retten. Seinen verkommenen Bruder kennt er fast gar nicht, da Lincoln in den letzten Jahren nicht oft zu Hause war und ich zudem die beiden mit Fleiß von einander fern zu halten suchte. Frank kann und soll daher religiös erzogen werden. Da jedoch ich selbst mich zur Erfüllung dieser Elternpflicht unfähig gemacht habe, so wäre es mir sehr lieb, wenn er einen Platz in Ihrem Hause fände. Nach dem Zeugnisse seiner Lehrer ist er ein gut talentiertes Kind, namentlich bemerkt man an ihm eine ausgesprochene Anlage zu verstandesmäßigem Denken, die ich selbst im Verkehre mit ihm nach Möglichkeit gefördert habe.

Falls es Ew. Hochwürden genehm ist, werde ich mich morgen nach der Schlußfeier, deren Stunde ich aus dem gütigst übersandten Schulkalender ersehe, mit Frank einfinden, um noch über mehrere Punkte mir den erfahrenen und umsichtigen Rat Ew. Hochwürden zu erbitten.“

Mit einem herzlichen ‚Gott sei Dank‘ legte der Rektor das umfangreiche Schreiben nieder.

26. Kapitel.

In der Aula.

Für den Nachmittag des 23. Dezember ist also der Leser zu der großen Schlußfeier in der Aula des Kollegs eingeladen.

Zuerst tritt die Blechmusik des Pensionates auf und leitet durch einen kräftig vorgetragenen Marsch die Feier ein. Dann folgt der Hauptteil: die Überreichung der Schulzeugnisse, an welche sich unmittelbar eine Art Preisverteilung anschließt. Die Preisgekrönten werden in alphabetischer Ordnung aufgerufen und treten vor, um auf einer reichgeschmückten Tribüne aus der Hand des ~P.~ Rektor ihre Auszeichnung in Empfang zu nehmen.

Mancher uns wohlbekannte Zögling hört seinen Namen erklingen und begiebt sich mit freudig klopfendem Herzen zur Tribüne.

Auch Donnels Name ertönte. Als er sich erhob und mit seinem entstellten Gesichte -- „es ist ja ganz windschief,“ flüsterte Tom Playfair seinem Nachbar zu -- durch die Mitte der Knabenschar hinschritt, entstand ein allgemeines Beifallklatschen, so daß Donnel, dem diese Kundgebung vollständig unerwartet kam, über und über errötete.

Den Schluß der Bevorzugten bildete Percy Wynn. Die Geschwulst in seinem Gesichte war allerdings ziemlich verschwunden und wurde bedeutend weniger bemerkt, als es zuvor bei Donnel der Fall gewesen. Als er jedoch, noch immer einige Pflaster auf Stirne und Wangen, mit unsicherem Schritte die Stufen der Tribüne hinaufstieg, um mit der verbundenen Rechten die Auszeichnung in Empfang zu nehmen, da blieb es nicht beim Klatschen: ein förmliches Hurrageschrei erfüllte den weiten Saal. Eigentlich war diese Art von Beifallsbezeugung verboten. Allein der ~P.~ Rektor, vor dessen Augen es geschah, konnte es ja gestatten. Es ging sogar das Gerede, er sei, wie er selbst später erzählt habe, versucht gewesen, mit einzustimmen. In bezug auf ~P.~ Middleton wurde das als Thatsache behauptet. Es mochte wahr sein oder nicht, die Knabenschaft des kleinen Hofes war fest davon überzeugt, und ihr erster Präfekt stieg nur um so mehr in ihrer Achtung und Liebe.

Percy hatte allerdings diese Ehre vollauf verdient. Bei seinen Talenten, seiner guten Vorbildung und seinem unverdrossenen gewissenhaften Fleiße war es ihm in der kurzen Zeit wirklich gelungen, an die Spitze seiner Klasse zu kommen. Im englischen Aufsatz war Percy der erste, Keenan der zweite; in der englischen Grammatik waren Quip, Playfair, Wynn gleich; in der Mathematik Playfair der erste, Wynn der zweite; im Griechischen standen beide gleich; die größte Verwunderung aber erregte es, daß im Latein Wynn der erste, Playfair der zweite war.

In sinniger Weise schloß die Feier mit einem Weihnachtsgesange. Percy hatte in demselben ein Solo vorzutragen. Gehoben durch die Herzlichkeit und Ehre, die ihm zu teil geworden war, übertraf er dieses Mal beinahe sich selbst. In einem solchen Grade gelang es ihm, die Gefühle des Liedes wiederzugeben, daß die Kundigen gerade seinem Auftreten einen großen Teil an der Wirkung des Stückes zuschrieben. Die junge Zuhörerschaft schien allerdings sehr ergriffen zu sein. Denn nachdem der Gesang verklungen, war nur eine schwache Spur von Beifallklatschen zu bemerken, ja gegen alle Gewohnheit währte es einige Augenblicke, bevor die Sprechorgane, die sonst bei Knaben so leicht zu erregen sind, sich wieder in Bewegung setzten.

Kaum war die Feier zu Ende, als Tom in erheucheltem Zorne zu Percy hineilte und mit drohend erhobener Faust ihm zurief:

„Warte, Du zusammengestückter Raufbold! Bevor ich Dir wieder Unterricht im Latein erteile, mußt Du erst wieder an einem kalten Tage draußen sein und dann pfeifen ohne ~P.~ Middletons Pfeife.“

„Das mußt Du mich erst lehren.“

„Ich werde mich hüten! Sonst übertrumpfst Du mich darin auch noch.“

Man wußte, daß Tom auf die Erfolge seines Schülers überaus stolz war. Er soll sogar vor Freude im Geheimen etliche Purzelbäume geschlagen haben. Im übrigen jedoch sprach er den Rest des Tages hindurch von „einem gewissen halblahmen Jungen, der sich unterstanden habe, seinen Professor zu überholen“.

Da Percys Zustand diesem nicht gestattete, im Hofe an den Spielen teilzunehmen, so zog er sich in den Spielsaal zurück und gab Tom Unterricht im Schach.

Plötzlich öffnete sich die Thüre und ein Zögling kam hereingelaufen mit dem Rufe:

„Percy Wynn, ins Sprechzimmer!“

„O mein Gott! Vielleicht ist es gar meine Mama. Das ist mir außerordentlich peinlich.“

„Du bist mir ein netter, liebevoller Sohn!“ sprach Tom mit ernster Miene. „Bei der Nachricht, daß die Mutter gekommen ist, fängt man doch nicht an zu jammern!“

„Du kannst Dir denken, weshalb ich mich jetzt fürchte, zu ihr zu gehen. Sie muß ja erschrecken, wenn sie mich in diesen Pflastern erblickt.“

„Mich würde das wenig grämen. Du siehst ja ganz köstlich darin aus. Wäre ich an Deiner Stelle, ich trüge sie zum Schmucke. Du könntest sie wirklich in Mode bringen. Sie stehen Dir gerade so gut wie Simpelfransen.“

„Ich habe wenig Lust, eine neue Mode zuerst bei Mama zu versuchen. -- Vielleicht ist es aber jemand anders. Sie bemerkte einmal in einem Briefe, vor Januar könne sie die weite Reise nicht gut antreten.“

„Geh’ hin und sieh zu! Das ist das einfachste Mittel. Sag’ ihr dann auch, ich würde mir nächstens erlauben, eine Rechnung für die Privatstunden einzureichen.“

Percy zupfte sorgfältig seine Kleidung zurecht, wischte hie und da ein Stäubchen weg und machte sich dann pochenden Herzens auf den Weg ins Sprechzimmer.

27. Kapitel.

Der unerwartete Besuch.

Voll Spannung klopfte Percy an der Thüre des Sprechzimmers und trat zögernd ein. Wir wissen bereits, daß seine Besorgnis unbegründet war. Denn es war niemand anders als Herr Marschall, der ihn, eben im Gespräch mit ~P.~ Rektor begriffen, erwartete. Auch den kleinen Frank hatte Herr Marschall mitgebracht, und dieser kam sogleich dem Eintretenden freudestrahlend entgegen.

„Kennst Du den?“ fragte der Rektor Percy.

„O gewiß kenne ich ihn, und freue mich sehr, ihn wiederzusehen.“

Da ergriff der Kleine Percys Hand und drückte sie. Es schmeichelte ihn sichtlich, daß er Percys Zuneigung besaß.

Unterdessen hatte sich auch der Vater erhoben.

„Percy, das ist Herr Marschall,“ sprach der Rektor vorstellend.

Percy machte seine unnachahmliche Verbeugung.

„Herr Marschall, es ist mir äußerst angenehm, Ihre Bekanntschaft machen zu können.“

„Percy, ich bin der Vater dieses Deines kleinen Bekannten und möchte Dir jetzt persönlich danken für die Hilfe, die Du ihm und seinem unglücklichen älteren Bruder auf der Straße hast angedeihen lassen. -- Armes Kind,“ fügte er bewegt bei, als er bemerkte, daß Percy die Folgen seiner That noch an sich trug, „erst jetzt wird mir klar, wie mutig und selbstlos Du gehandelt hast. -- Leider, Percy, muß ich jetzt schon gleich wieder Abschied von Dir nehmen, da ich noch mit dem hochwürdigen Herrn Rektor zu sprechen habe und morgen in aller Frühe eine kurze Reise antreten werde. -- Könnte ich nicht auch die beiden andern Zöglinge noch sprechen, hochwürdiger Herr Rektor?“

„Ich habe bereits nach ihnen geschickt. Allein man scheint sie nicht finden zu können; sie sind wohl ausgegangen.“

„Schade. Aber Percy hat dann jedenfalls die Güte, ihnen meine Grüße und meinen Dank zu überbringen. Da ich später mehr Grund haben werde, ins Pensionat zu kommen, so werde ich sie, denk’ ich, auch einmal zu Hause treffen.“

„Es thut mir leid, Herr Marschall,“ sagte Percy, „daß Sie so schnell sich wieder entfernen wollen; ich hoffte, Frank noch etwas länger zu sehen.“

Frank ergriff abermals Percys Hand und drückte sie voll inniger Freude.

„Dieses Vergnügen will ich Euch beiden lassen,“ erwiderte der Vater lächelnd. „Seit Frank Dich auf der Straße kennen gelernt, plagte er mich Tag und Nacht mit der Bitte, ihn ins Pensionat zu schicken, bis ich es ihm zusagte.“

„O wie schön!“ rief Percy erfreut.

„Die Trennung von ihm fällt mir schwer; allein ich darf hoffen, daß sie zu seinem Besten gereichen wird. -- Ich lege ihn,“ wandte er sich an den Rektor, „ganz in Ihre Hände. Religion hat er natürlich ebensowenig, wie ich; auch getauft ist er nicht.“

Hier war es Percy unmöglich, einen Ruf des Mitleides zu unterdrücken. Also dieser Knabe mit dem intelligenten Gesichtchen, ein Kind desselben Vaterlandes, war ein eigentliches Heidenkind, war fern vom Glücke des Christentums.

„Mein sehnlichster Wunsch ist nun, daß er katholisch wird, und zwar recht bald. Doch möchte ich ihm anderseits auch keinerlei Zwang anthun. Er hat sein Alter, ist ziemlich entwickelt und einigermaßen zu einer selbständigen Wahl befähigt.“

„Bist Du auch katholisch, Percy?“ fragte Frank mit altkluger Miene.

„O gewiß!“

„Gut. Papa, dann werde ich ganz gewiß katholisch.“

„Gleichviel, wie die katholische Religion aussieht?“ sprach der Vater lächelnd.

Frank stutzte einen Augenblick.

„O,“ rief er dann voll Zuversicht, „sie ist sicher eine sehr schöne. Percy ist ja so gut und liebevoll. Meinst Du nicht auch, Papa?“

„Es freut mich, Frank, daß Du so von ihr denkst. Du hast jetzt Gelegenheit, sie gut kennen zu lernen. Thu’ das auch. Suche alles zu verstehen, soweit Du kannst. Ich glaube, auch Percy wird Dir gern dazu behilflich sein.“

„Mit Freuden!“ versicherte Percy.

„Mein liebster Gedanke ist,“ wandte sich Herr Marschall an den Rektor, „aus Frank einen wohlunterrichteten Katholiken zu machen, der weiß, was er glaubt und warum er glaubt.“

„Seien Sie überzeugt, Herr Marschall,“ sprach der Rektor, „daß ich ihn zum Übertritt nicht zulassen werde, bevor er sich, soweit seine Jugend es ermöglicht, über den ganzen Inhalt unseres Glaubens hinreichend Rechenschaft geben kann. Auch mit Bekehrungsversuchen soll ihn niemand behelligen.“

Die letzte Versicherung sollte Herrn Marschall ein Vorurteil nehmen, das bei Nichtkatholiken nicht selten ist, und welches auch dieser Herr in den vielen Jahren seines Unglaubens jedenfalls gehegt hatte: daß nämlich an einer katholischen Anstalt jeder Lehrer oder gar jeder Schüler beim Anblicke eines Andersgläubigen in einen zudringlichen Bekehrungseifer verfalle.

„Sie haben mein volles Vertrauen, hochwürdiger Herr Rektor. -- Frank, wir müssen scheiden; ich muß mit dem hochwürdigen Herrn Rektor allein noch einiges besprechen. Deshalb überlasse ich Dich der Sorge Percys.“

„Komm’, Frank,“ sprach Percy freudig. „Es macht mir ein großes Vergnügen, Dich ins Pensionatsleben einführen zu können. -- Adieu, Herr Marschall!“

„Adieu, Percy! Ich habe Dir für eine große Wohlthat zu danken. Auf baldiges Wiedersehen! -- Frank, mein liebes Kind, lebe wohl!“

Er hob den Kleinen auf und küßte ihn heftig bewegt.

„Lebe wohl, Frank, und -- und behüt’ Dich Gott!“

Das letzte Wort sprach der starke Mann nur mit Anstrengung aus, und seine Stimme zitterte dabei.

„Er ist mein Trost,“ sprach er, indem er sich abwandte und das Haupt senkte, „mein letzter Trost; seine Mutter lebt nicht mehr.“

Jedes seiner Worte erzählte von jahrelanger Liebe, Sorge und Bekümmernis.

„Armes Kind!“ rief Percy, dessen Augen vor Mitleid feucht wurden. „Komm, Frank! Dein Vater wird nur noch trauriger, wenn Du länger bleibst.“

Als die Thüre des Sprechzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte, brach Frank in Schluchzen aus.

„Das ist recht, Frank! Weine Dich erst recht aus. Ich kann mir leicht vorstellen, wie hart es ist, sich von einem so guten Vater trennen zu müssen.“

„O ja, er war immer so gut und liebevoll! Nie hat er ein hartes Wort zu mir gesprochen. O Papa, Papa!“

Percy ging ganz in Mitgefühl und Besorgnis auf. Es stand bei ihm fest, seinem neuen Mitzögling nach Kräften den Übergang aus dem Vaterhause in eine ganz veränderte Umgebung zu erleichtern. Das konnte ja nur dazu beitragen, daß Frank um so eher aus einem Heidenkinde ein glücklicher Christ werde.

„Du hast wirklich einen sehr gütigen Vater, Frank. Es ging ihm ja so nahe, Dich verlassen zu müssen, daß ich selber ihn lieb gewann.“

„Hast Du auch gehört, was er zuletzt sagte?“ war Franks Frage, nachdem sein Weinen etwas gestillt war.

„Was denn?“

„Er sagte: Behüt’ Dich Gott!“

„Warum sollte er das denn nicht sagen?“ erwiderte Percy, erstaunt, daß dieser in den religiösen Kreisen Amerikas nicht ungebräuchliche Abschiedsgruß für Frank etwas Neues war.

„Früher hat er es nie gesagt.“

Jetzt erinnerte sich Percy, daß ja der Vater ungläubig gelebt hatte. Er entgegnete nichts mehr. Da sie eben im Begriffe waren, aus dem Hause auf den Hof zu treten, trocknete er mit fast mütterlicher Zärtlichkeit die Thränen von Franks Wangen, und dieser stand bald zum erstenmale auf dem Tummelplatze der Mauracher Pensionatsjugend.

28. Kapitel.

Der neue Zögling.

Da gab es nun viel Neues zu sehen, so viel, daß Frank nach rechter Kinderart seinen Trennungsschmerz bald vergaß.

„Komm’,“ sagte Percy, „ich will Dich gleich zu einigen Zöglingen führen, damit Du etwas bekannt wirst. -- Dort hinten steht einer an dem Thore; der heißt Tom Playfair. Er ist der beste Junge auf der ganzen Welt.“

„Er ist aber sicher nicht besser als Du, Percy.“

„O, viel besser! mindestens so gut, wie hundert meinesgleichen.“

„Ich -- ich,“ erwiderte Frank bedächtig, „ich glaube das nicht, bis es mir bewiesen ist. Papa sagt, man dürfe nichts glauben, ehe es bewiesen sei.“

Percy lachte und antwortete nicht. Tom Playfair aber hatte sein Vorhaben geahnt und kam den beiden schon entgegen.

„Tom, das ist ein neuer Zögling. Ich stelle Dir hiermit Frank Marschall vor.“

„Fröhliche Weihnachten, Frank!“ sprach Tom lustig, indem er Franks Hand ergriff. „Ich glaube fast, ich habe Dich schon gesehen.“

„Vielleicht. Ich ging bis jetzt in die Mauracher Stadtschule.“

„Richtig. Da habe ich Dich gesehen. Ich bin oft dort vorbeigekommen, um mir Schuhe zu kaufen, weil ich so viele durchlaufe. Percy halten sie viermal so lange. -- Es wird Dir im Pensionate gefallen, Frank, glaube ich.“

„O sicher! Percy hier und dann Keenan und Donnel -- ich meine, so heißen sie -- sind ja so gute Jungen.“

Tom merkte jetzt, daß Frank jener Knabe sei, um dessentwillen Percy ‚sich geschlagen‘ hatte.

„Deine neuen Mitschüler werden Dir besser gefallen als die alten aus der Stadtschule, Frank.“

Da schoß es wie ein Blitz aus Franks dunkeln Augen.

„Die Jungen aus der Stadtschule?“ rief er entrüstet, stampfte mit dem Fuße auf den Boden und stieß leidenschaftlich hervor: „Ich hasse sie!“

„Frank, Du scherzest,“ sagte Percy verwundert.

„Nein, ich hasse sie! Hassest Du sie nicht?“

„Nein, wahrhaftig nicht!“

Jetzt war es an Frank, zu staunen.

„Nachdem sie Dich so mißhandelt haben?“

„Man darf ja niemals einen Menschen hassen,“ gab Percy sanft zur Antwort. „Es ist auch möglich, daß sie es nicht besser wissen.“

„Das kümmert mich nicht!“ entgegnete Frank, noch immer voll Aufregung, und ballte die kleine Faust. „Sie +sollten+ es besser wissen! Hätte ich nur eine Flinte, ich ginge und schösse den abscheulichen Kracher sogleich tot. Das thäte ich sicher!“

„Langsam, langsam, Du Feuerteufelchen,“ erwiderte Tom lachend. „Du kommst schon bald zu andern Gedanken.“

„Nein!“ fuhr der Kleine zornig fort. „Ich wollte, sie wären alle tot, und begraben dazu. Und ich gönnte ihnen nicht einmal einen Leichenstein, nur einen alten hölzernen Sarg. Ich hasse sie! Ich hasse alle, die meinem Vater oder mir böse sind, und ich habe alle gern, die uns gern haben.“

Während des letzten Satzes wurde Franks Gesichtsausdruck ruhiger, und sein Auge richtete sich voll inniger Zuneigung auf Percy.

„Es ist aber nicht erlaubt, jemanden zu hassen,“ wiederholte Percy, den Blick entgegnend.

„Und weißt Du auch,“ fragte Tom in scheinbarem Ernste, „daß Du ein Erzjude bist, und gar kein Christ? Bei Dir heißt es: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn.‘“

„Ach, Tom,“ unterbrach ihn Percy und gab zu verstehen, daß er nicht im Scherze rede, „er weiß von Religion noch gar nichts!“

Tom pfiff, steckte beide Hände tief in die Taschen seiner Jacke und spreizte die Beine weit auseinander.

„Das ist wahr,“ bestätigte Frank, „aber ich will jetzt auch Religion annehmen. Ich will katholisch werden, wie Percy. Bist Du auch katholisch, Tom?“

Toms Erstaunen hatte sich indessen ein wenig gelegt. Er erwiderte ruhig:

„Ich meine. Ich bin so was von der Art. -- Aber weißt Du auch, was Weihnachten ist, Frank?“

„O, da giebt es Mittags ein großes, feines Essen mit einem Puter, und oft auch viele, viele Geschenke.“

„O Du kleiner Jude!“

„Was ist ein Jude, Tom?“

Percy lächelte.

„Frank, willst Du wirklich erfahren, was Weihnachten ist?“

„Ich will alles lernen, was Du gelernt hast, Percy.“

„Prächtig, Frank!“ lobte Tom. „Du bist auf dem besten Wege. -- Percy, am besten zeigen wir ihm jetzt die Krippe im Studium. Auf dem Wege dahin kannst Du ihm alles erzählen.“

Gesagt, gethan. Gespannt lauschte Frank dem Berichte von der Geburt des göttlichen Kindes, und betrachtete dann lange und aufmerksam die Gestalten der Krippe.

„Weißt Du auch,“ fragte Percy, indem er auf die Figur des neugeborenen Heilandes zeigte, „wie es ihm später ging?“

„Nein, wie denn?“

„Er ließ sich für seine Feinde unter schrecklichen Qualen töten.“

Frank schaute ihn stumm an, blickte dann wieder auf das Kind in der Krippe und versank in tiefes Nachdenken. Dann ergriff er plötzlich Percys und Toms Hand und sagte:

„Wenn ich zuweilen etwas sonderbar rede, nehmt es mir nicht übel; ich will sicher nichts gegen Eure Religion sagen.“

„Siehst Du?“ sprach Tom. „Du fängst schon an, Dich zu bekehren. Du bist schon kein Jude mehr. -- Ah, da kommt ~P.~ Middleton.“

Bevor jedoch Tom oder Percy zu der Ceremonie des Vorstellens übergehen konnten, begrüßte ~P.~ Middleton bereits den neuen Zögling.

„Das ist wohl Frank Marschall,“ sagte er und ergriff freundlich die Hand des Kleinen. „Gut, daß ich Dich treffe. Du gehörst zu den Meinen, Frank. Ich hoffe, Du fühlst Dich hier bald zu Hause.“

Frank sah in das liebevolle Antlitz seines neuen Vorgesetzten empor.

„Ich hoffe das auch; hier sind ja alle so gut. -- ~P.~ Middleton, warum tragen Sie einen so langen Rock?“

„Ich will alles gern anders haben, als andere Leute,“ erwiderte der Pater lächelnd. -- „Percy, nimm Dich auch während des Abendessens seiner an. Er soll neben Dir sitzen; ich habe den Platz zu Deiner Linken frei gemacht. Nachher bringst Du ihn dann zu mir, damit ich ihm auch im Schlafsaal einen Platz anweise.“

„Darf er hier im Studium auch neben mir sitzen?“

„Er ist zu klein. Er soll dort vorn Nachbar von Granger werden. Das ist auch ein guter Junge, Frank. Percy, Du machst sie mit einander bekannt, nicht wahr?“

„Gewiß, Pater!“

„Er ist ein guter Mann,“ meinte Frank, als ~P.~ Middleton sich entfernt hatte. „Aber er scheint nicht reich zu sein.“

„O, Du bist doch noch ein Jude!“ scherzte Tom. „Aber weshalb glaubst Du, er sei arm?“

„Sein Rock ist ja so alt. Er sollte eigentlich schwarz sein, war aber an vielen Stellen ganz grün. Und erst das Ding, das er so -- hier -- so mitten um den Leib hatte, das war ja so grün wie eine Wiese.“

„Du hast ganz recht, Frank,“ erwiderte Tom. „Er ist sehr arm; er hat nicht einen roten Cent.“

„Dann giebt er wohl sein Geld gleich wieder aus, wenn er es bekommt.“

„Er bekommt gar kein Geld. Er thut alles umsonst.“

„Das willst Du mir aufbinden, Tom!“

Dabei wandte sich Frank mit einem fragenden Blicke an Percy.

„Es ist wahr,“ entgegnete dieser. „~P.~ Middleton bekommt gar kein Gehalt.“

„Ist er verrückt?“

„O nein! Er arbeitet aus Liebe zu Gott.“

Es war nicht zu verwundern, wenn ihn Frank mit dem Ausdrucke völliger Ratlosigkeit ansah. So manche neue Ideen stürmten auf Franks Seele ein, daß es ihm nicht gelang, sich alles zu reimen. Einen Augenblick verharrte er in tiefem Nachdenken. Dann sagte er zu Percy:

„Zeig’ mir noch etwas anderes!“

Percy und Tom führten jetzt ihren kleinen Freund in den Spielsaal. Kaum waren sie dort angelangt, da erheiterte sich Franks Gesicht, er klatschte freudig in die Hände und rief:

„O, da sind sie! da sind sie!“

Zugleich eilte er davon, um Donnel und Keenan zu begrüßen.

„Guten Abend!“ begann er. „Ich bin so froh, Euch wiederzusehen. Ich bleibe jetzt hier im Pensionat. Mein Name ist Frank Marschall.“

„Guten Abend, Frank!“ erwiderte Donnel, der den Kleinen gleich wiedererkannt hatte. „Fröhliche Weihnachten!“ Er ergriff Frank und hob ihn empor. „Neulich hatte ich keine Zeit, Dich genauer zu besehen, deshalb halte ich Dich jetzt gehörig ans Licht. Ich heiße Johann Donnel.“

„Und ich heiße Keenan,“ fuhr Donnels unzertrennlicher Genosse fort, nahm Frank bei den Beinen und ließ ihn wieder auf den Boden herab.

Frank sah beide einen Augenblick überlegend an.

„Seid Ihr aus einer höheren Klasse, als Percy und Tom?“ fragte er dann.

„Jawohl,“ war die selbstbewußte Antwort. „Wir sind drei Klassen höher.“

„Dann möchte ich eine Frage an Euch stellen.“

„Ist sie schwer?“

„Nein. Haßt Ihr den Kracher?“

„O nein, gewiß nicht!“ erklärte Donnel.

„Und wenn Du sähest, daß er am Ertrinken wäre, würdest Du ins Wasser springen, um ihn zu retten?“

„Wenn ich sichere Aussicht hätte, ihn zu retten, thäte ich es.“

„Ist Dir das Ernst?“

„Natürlich. Thätest Du etwas anderes, Frank?“

Franks Auge flammte.

„Ich würde noch einen großen Stein auf ihn werfen.“

29. Kapitel.