Percy Wynn

Part 11

Chapter 113,466 wordsPublic domain

Was aber Percys Mitleid noch viel mehr rege machte, war ein weiterer Umstand. Neben dem Betrunkenen kniete ein wohlgekleideter, hübscher Knabe von acht oder neun Jahren, in vornehmem Anzuge, die Wangen entfärbt vor Furcht und Scheu, die thränengefüllten Augen mit dem Ausdrucke tiefsten Leides auf den Bruder gerichtet. Seine Schulbücher waren ihm entfallen und lagen zerstreut auf dem Boden umher, ein Zeichen, daß er eben auf dem Wege von der Schule gewesen. Die herzlosen, kleinen Zuschauer aber waren seine Mitschüler, vermehrt durch ein paar junge Stadtbummler.

„Lincoln!“ rief das Kind unter Schluchzen, „steh’ doch auf und geh’ mit nach Hause!“

„Rüttle ihn mal!“ sprach eine rohe Stimme.

„Er hat ganz gut getrunken,“ höhnte ein anderer.

„Warte ein wenig!“ rief ein Dritter von hinten, „ich komme gleich und zeige Dir, wie man ihn auftreiben kann.“

Percys Herz brannte vor Entrüstung über diese Gefühllosigkeit. Nicht mehr wie bisher zu neckendem Scherz, sondern in ernstgemeintem Zorne ballte sich seine Hand.

Der arme Kleine aber schien von diesem Spotte soviel wie nichts zu merken. Der Bruder allein nahm sein Denken in Anspruch.

„O Lincoln!“ jammerte er mit zitternder Stimme, „komm’, geh’ doch nach Hause! Papa würde ja sehr traurig, wenn er Dich wieder so daliegen sähe.“

„Sprich doch lauter!“ riet einer. „Vielleicht ist er taub.“

„Das ist ein guter Rat,“ sprach ein anderer. „Aber da hinten sehe ich Kracher kommen; der weiß sicher noch einen bessern.“

Kracher war ein etwas größerer, nicht gerade friedfertig und bescheiden aussehender Junge, der, wie es gleich den Anschein gewann, unter der gesamten Bubenschaft dieses Schlages ein bedeutendes Ansehen genoß. Man ließ ihn sofort wie einen Sachverständigen bis zu dem Betrunkenen und dem weinenden Knaben durch.

„O, der soll bald nüchtern und wach werden!“ versicherte er selbstbewußt, bückte sich nieder und wollte die Schultern des Mannes ergreifen.

Allein da sprang das Kind auf, schaute den ungerufenen Helfer mit flammendem Blicke an, so daß dieser unwillkürlich in seiner Bewegung innehielt, und rief halb zornig, halb flehend:

„Laß ihn in Ruhe! Rühre ihn nicht an! Er ist mein Bruder!“

Zugleich gab er ihm einen energischen Stoß.

„Das ist mir egal, wessen Bruder er ist,“ erwiderte Kracher, faßte den Mann bei den Schultern und rüttelte ihn.

Percy aber vermochte jetzt seinen Unwillen nicht länger zu bemeistern. Er drang bis zu Kracher durch und herrschte ihn mit erregter Stimme an:

„Schäme Dich, Du gefühlloser Mensch! Wenn Du vor dem Manne keine Achtung hast, solltest Du doch einem armen, hilflosen Kinde diesen Schmerz nicht bereiten.“

Kracher, der wie ein Gebieter gewohnt war, jede seiner Handlungen bewundert und gelobt zu sehen, war bei diesem gänzlich unerwarteten Widerspruch so überrascht, daß er nicht gleich eine Entgegnung finden konnte und in den Haufen zurückwich. Auch seine Gesellen, die es nicht begreifen konnten, wie ein unbekannter, magerer, fast wie ein Mädchen dreinblickender Knabe gegen Kracher, den Unbezwinglichen, aufzutreten wagte, bedurften einiger Besinnung, bis sie sich wieder zu den Scherzen, wie sie in ihrer Art lagen, erschwangen. So kam es, daß das befreite Kind für kurze Zeit sich unbelästigt seinem Verteidiger gegenübersah, den es mit stummer Verwunderung und Dankbarkeit anblickte.

Allein diese Frist währte nicht lange; dann begann wieder der Spott, der sich jetzt, wie zu erwarten stand, mit gesteigerter Heftigkeit gegen Percy wandte.

„Was für eine zarte Puppe!“ hieß es.

„Geh’ doch nach Hause zu Mama, armes Kindchen!“

„O, ich weiß es. Er ist ein Pensionatsjüngelchen.“

„Hast Du auch Erlaubnis auszugehen?“

Dann trat Held Kracher wieder in die Aktion ein und näherte sich Percy, der ihn unerschrocken, mit einem Blicke voll edler Entrüstung wie verurteilend ansah.

„Bist Du noch bei Troste, Du Geck?“

Mit diesen verächtlichen Worten wollte sich Kracher an ihm vorbei wieder dem Manne und dem Kinde zuwenden, um seine Geringschätzung gegen Percy um so deutlicher kundzugeben.

Allein Percy vertrat ihm den Weg.

„Ihr handelt gemein!“ rief er. „Es könnte einen Stein erweichen, ein armes Kind in solcher Lage zu sehen. Und Ihr wollt es noch verhöhnen und quälen!“

„Gemein?“ wiederholte Kracher. „Sag’ uns das nicht noch einmal!“

„Ja, gemein ist es, gemein!“

„Hört Ihr’s?“ redete jetzt Kracher die Gesellschaft an. „Hört Ihr’s? Sollen wir uns das gefallen lassen?“

„Er muß Spießruten laufen!“ klang eine Stimme.

„Ja, Spießruten laufen!“ schrie die Bande mit schadenfrohem Vergnügen.

Kracher ergriff Percy und hielt ihn fest, bis die andern sich in zwei Reihen, die einander das Gesicht zukehrten, aufgestellt hatten.

Von dem Betrunkenen, welcher der ursprüngliche Grund ihrer Ansammlung gewesen, war die Aufmerksamkeit jetzt völlig abgelenkt.

Der kleine Bruder jedoch beobachtete alles, was vorging, mit großen Augen. Er wußte sich zwar nicht recht zu erklären, was die Bubenschar eigentlich vorhabe, erkannte aber so viel, daß es gelte, seinem Retter Percy ein Leid anzuthun. Er eilte herbei, schlang beide Arme um Percy und rief, so laut er konnte, um Hilfe. Doch einige der nächsten Gesellen rissen ihn weg und stießen ihn zurück.

Unterdessen war die Aufstellung vollendet. Kracher brachte also den wehrlosen Percy an den Anfang dieser Gasse und stieß ihn hinein. Sofort regnete es Faustschläge und noch viel Schlimmeres auf ihn, so daß der zarte Knabe, der solche Mißhandlungen kaum dem Namen nach kannte, schon nach den ersten zwei Schritten niederfiel. Unsanfte Hände griffen zu, um ihn emporzuziehen. Allein das widerwärtige Schauspiel fand ein jähes Ende. Denn plötzlich, Percy wußte nicht warum, stob die ganze Meute auseinander, und drei der sauberen Brüder stürzten, so lang sie waren, neben Percy zu Boden.

24. Kapitel.

Wie zwei Tapfere mit Percy Fersengeld geben müssen.

Donnels und Keenans unerwartete Ankunft und energische Thätigkeit hatte diese Änderung hervorgebracht. Sie halfen Percy wieder auf die Füße und sahen sich auf dem Kampfplatze um.

Die drei gefallenen Buben waren indessen schnell aufgesprungen und liefen jetzt ebenfalls, was sie laufen konnten. Doch stand zu befürchten, daß die ganze Schar, mit Kracher an der Spitze, nicht gesonnen sei, vor Zweien das Feld zu räumen. In der That hatte Kracher auch nur deshalb die Flucht ergriffen, weil er glaubte, es sei ein größerer Trupp Zöglinge im Anzuge, ein Irrtum, der unsern drei Freunden nicht lange zu gute kommen konnte.

„Johann,“ sprach Keenan, „das Gescheiteste ist wegzulaufen. Sie sind im Nu wieder da, und ihre Wut ist dann um so größer. Was sind wir zwei gegen ihrer zwanzig? Wer weiß, welche Gemeinheiten wir dann zu erwarten haben.“

„Was? ausreißen? niemals!“ erklärte Donnel. „Mit einem Dutzend nehme +ich+ es auf, und wenn Du mit den übrigen nicht fertig wirst, so kannst Du mir in Zukunft gestohlen werden. -- Hör’, da rufen sie einander zu. -- Kommt nur! Wir können auch liebenswürdig sein, wenn Ihr es wünscht.“

„Denk’ an Percy, Johann! Für uns beide wäre es ja eine ganz gesunde Bewegung. Aber Percy ist an diese Sorte Spaß nicht gewöhnt.“

„Er kann ja allein nach Hause laufen. Dann halten wir die Jungen auf, damit sie ihn nicht verfolgen. Lauf, Percy! Du hast nichts zu fürchten.“

Allein Percy -- der während des ganzen aufgeregten Vorganges, wie er ja zu thun gewohnt war, fast beständig gebetet hatte -- machte keine Miene, der Aufforderung zu folgen.

„Nein, ich bleibe bei Euch!“

„Was fällt Dir ein!“ drängte Keenan. „Siehst Du nicht, daß sie schon Steine aufheben? -- Ah, jetzt merke ich’s. Seine Beine haben wieder etwas abgekriegt. O diese Beine!“

Percy vermochte es in der That nicht, den Schmerz, den er am Gelenk des rechten Fußes empfand, ganz zu verbergen.

„Wir müssen laufen!“ sprach Donnel ergeben. „Einer muß ihn wegtragen, und der andere kann doch nicht allein zurückbleiben.“

Während der letzten Worte hatte er Percy ergriffen und aufgehoben, und jetzt rannten sie davon, so schnell die Füße sie tragen wollten.

Der Feind hatte diese Wendung der Dinge nicht erwartet, sammelte sich dann aber um so schneller und lärmender, um den Entweichenden nachzusetzen. Eine wilde Jagd begann.

Donnel trug seine Bürde mit Leichtigkeit. Allein es war nicht zu verwundern, daß er trotzdem nicht laufen konnte, als wäre er gar nicht belastet. Keenan, der sich von Zeit zu Zeit umsah, meldete ihm, der Haufe ihrer Verfolger komme mit jeder Minute näher.

„Setz’ mich nieder, Donnel!“ bat Percy. „Ich kann ganz gut etwas laufen. Ich fürchte mich nicht; auch vor einem Steinwurf bin ich nicht bange. Wenn ich schließlich auch eingeholt würde, so wäre das lange nicht so schlimm, als wenn Ihr mit in ihre Hände fielet.“

„Ruhig sein, Kleiner!“ sprach Donnel. „Unsere Knochen würden schon etwas aushalten, aber die Deinen nicht. Meinst Du, um unsertwillen liefen wir davon?“

„Würdest Du uns denn verlassen,“ fuhr Keenan fort, „wenn wir in Not wären und Du noch Aussicht hättest uns zu retten? -- Holla, sie sind uns doch verzweifelt nahe. -- Ah, da hab’ ich einen Gedanken, Johann! Du kannst mir Percys Beine geben, dann hast Du nur seine obere Hälfte zu tragen.“

„Herrlich! Percy, wir halbieren Dich. Sorge nur, daß wir Dich nicht zerreißen, sonst bringen wir Dich in zwei Stücken nach Hause.“

Mit erneuter Eile setzten sie ihre Flucht fort.

Übrigens war es nicht nur für sie das beste gewesen, daß sie sich zum Rückzuge entschlossen: auch der Betrunkene, der mittlerweile aus seinem Zustande erwachte, konnte sich unter fremder Hilfe mit dem Kinde unbehelligt entfernen.

Donnel und Keenan waren indessen auch jetzt, nachdem sie Percy halbiert hatten, in ihrem Laufe nicht wenig behindert. Deutlich merkten sie, wie ihnen die Stimmen der Verfolger stetig näher kamen, wenn auch langsamer als früher. Bald traf ein Stein Keenan unterhalb des Kniees.

„Gut gezielt! Das ist gerade die Stelle, wo mein Bein am zähesten ist. -- Hallo, Percy, wir sind bald da. In zwei Minuten haben wir schon die Brücke erreicht. Nicht bange sein! Du bleibst am Leben, um auch später noch einmal ausreißen zu können.“

„O, ich habe keine Angst,“ versicherte Percy mit seinem gewinnenden Lächeln, das Auge voll Vertrauen und Dankbarkeit auf seine braven Retter heftend. „Ich weiß mich in guter Gesellschaft.“

„Georg,“ rief Donnel plötzlich, „sind das nicht zwei Zöglinge dort vorne jenseits der Brücke?“

Keenans scharfes Auge bestätigte die Vermutung.

„Hurra, Ryan und Zieler!“ rief er.

Ryan und Zieler sind den Lesern der früheren Erzählung schon bekannt. Gehörten sie doch zu jenen neun Helden, deren sich vor zwei Jahren Tom Playfair so meisterhaft zu erwehren wußte.

Auch Donnel rief ihnen jetzt aus Leibeskräften zu; allein vergebens, sie waren noch zu weit.

Da ertönte ein lauter, schriller Pfiff. Percy hatte nämlich ~P.~ Middletons Pfeife als Andenken an sein Prärie-Abenteuer zurückbehalten, so daß sie jetzt abermals ihm und zweien seiner Freunde zu statten kommen konnte.

Ryan und Zieler wandten sich um. Mit einem Blick hatten sie die Lage überschaut und stürmten mit beflügelter Eile heran.

Ihr bloßes Erscheinen war genug. Man sah ihnen schon von ferne an, daß sie wohl im stande waren, Lektionen zu erteilen, die in keinem Buche der Welt geschrieben standen. Sobald sie deshalb erkennbar wurden, ergriff die nachjagende Bubenschaft sofort das Hasenpanier, ohne den geringsten Versuch der Gegenwehr zu machen.

Besonders Ryan war Ursache ihrer Furcht. Die mächtige, vierschrötige Gestalt, die erst im Rohbau fertig zu sein schien, und sein bärbeißiges Gesicht waren allerdings wohl geeignet, auch einem Beherzten Angst einzuflößen. Ryan hatte, zehn Jahre alt, als ein lebendiges, nicht gerade lenksames Bürschlein, seinen Einzug in Maurach gehalten und während der ersten Jahre in beständigem Krieg mit Professoren und Präfekten gelebt. Nur langsam war es ihm gelungen, die unbändige Kraft seiner Natur ins rechte Geleise zu bringen. Am schnellsten hatte er noch die Professoren befriedigt, wenigstens nachdem er das Stillsitzen in der Klasse in etwa begriffen; Ryan war nämlich bei weitem nicht so dumm, als er aussah. Seit mehreren Jahren jedoch stand es mit ihm ganz anders. Ryan galt mit vollem Recht als tadelloser, vertrauenswürdiger Zögling und wurde von allen Kameraden wegen seiner Gefälligkeit, die sich hie und da sogar als Gutherzigkeit äußerte, hochgeschätzt und geliebt. Sein Äußeres ließ allerdings gerade diese Eigenschaften am wenigsten vermuten. Im Gegenteil, die Rolle von Räuberhauptmännern, Christenverfolgern und andern Wüterichen war bei den theatralischen Darstellungen sein gewöhnlicher Anteil, und stets lohnte der beste Erfolg die geringe, von ihm aufgewandte Mühe.

Auf der Brücke angelangt, machten die Flüchtlinge Halt.

„Am Ende sind doch sie noch davongelaufen, nicht wir,“ sprach Keenan mit Befriedigung.

Percy hatte gleich eine Dichterstelle zur Hand:

„‚Der bess’re Teil der Tapferkeit ist Vorsicht‘, sagte Falstaff, als er sich tot gestellt hatte.“

Percy stand zwar, an das Geländer der Brücke gelehnt -- auf dieser nämlichen Brücke hatte einst Tom Playfair zu mitternächtiger Stunde sein Heldenstück geliefert -- wieder auf seinen eigenen Beinen. Doch brauchte es kein scharfes Auge, um zu gewahren, daß er große Schmerzen empfand.

„Ich habe nun stets gemeint,“ sagte Ryan, als auch er, ein gutes Stück vor Zieler, auf der Brücke war, „Ihr wäret die friedfertigsten Menschen von der Welt. Aber jetzt sehe ich Euch im Kriege mit ganz Jung-Maurach! Was ist denn los gewesen?“

„Percy Wynn hier,“ erklärte Donnel, „hat in seiner Wildheit den Einfall gehabt, sich auf ihrer zwanzig oder dreißig zu stürzen, um einmal zu erfahren, was man dabei alles erleben könnte.“

„Ich wollte sie nur bewegen,“ sprach Percy, „einen Knaben, dessen Bruder ohnmächtig auf der Straße lag, doch nicht zu verspotten. Es ging mir so zu Herzen, daß ich meinen Unwillen gar nicht mehr zurückhalten konnte.“

„Jawohl! Wäre Keenan und ich nicht gekommen, um ihn aus der Patsche zu ziehen, dann hätten sie ihm dafür die Weihnachtstage gründlich verdorben. Sie wollten ihn gerade Spießruten laufen lassen.“

„Diese Bengel!“ sprach Ryan voll Abscheu. „Percy, Du bist ein Ritter sonder Furcht und Tadel. -- Aber sieh’ Deine Hand! sie blutet ja.“

„Ich bin einmal niedergefallen; da muß ich diese Wunde erhalten haben.“

„Es ist höchste Zeit, daß Du es merkst.“ Mit diesen Worten zog Ryan sein Taschentuch hervor, um die blutende rechte Hand zu verbinden.

„Auch Dein Fuß muß verwundet sein. Armer Schelm! Du vermagst Dich ja kaum aufrecht zu halten. Und Dein Gesicht! Deine Lippen sind dick aufgeschwollen, als wärest Du ein Negerknabe. Wirklich! Du siehst noch abscheulicher aus als ich, was viel heißen will. -- Ihr müßt ihn weitertragen und dem Krankenbruder abliefern. Wenn er nicht gleich mit Pflastern ordentlich geflickt wird, geht er ganz in Stücke. Donnel, Dein Gesicht hat übrigens auch einen gehörigen Puff mitbekommen, wahrhaftig!“

„Den gab mir einer in der ersten Hitze, ehe er noch recht wußte, wen er vor sich hatte. Dann lief er so schnell als möglich davon.“

Donnels Gesicht war in der That stark aufgeschwollen, und die Geschwulst schien noch immer zuzunehmen.

„Ryan,“ bemerkte jetzt Percy, „ich bin noch immer wegen des Betrunkenen und des hilflosen Kindes besorgt. Ich fürchte, die Jungen thun ihnen noch ein Leid an.“

„Das glaube ich kaum,“ beruhigte ihn Donnel. „Es war ja so nahe bei den Häusern. Was mich wunderte, war nur, daß nicht schon eher Hilfe kam. Es muß alles sehr schnell hergegangen sein.“

„Doch um Dich zu trösten,“ nahm jetzt Zieler das Wort, der dem letzten Teile des Gespräches zugehört hatte, „so wollen Ryan und ich noch schnell hingehen und uns überzeugen, obgleich unsere Gegenwart kaum mehr nötig sein wird.“

In der Infirmerie gab der Krankenbruder die tröstliche Versicherung, Percys Verletzungen seien nicht bedenklich und würden ihn in den Freuden und Festlichkeiten der Weihnachtstage nicht erheblich stören.

25. Kapitel.

Zwei Briefe.

Am andern Tage erhielt der Rektor des Pensionates folgenden Brief:

+Hochwürdiger Herr ~P.~ Rektor!+

+Hochgeehrter Herr!+

Unabweisbare Geschäfte machen es mir unmöglich, einer sehr dringenden Pflicht, die ich seit gestern gegen mehrere Mitglieder Ihrer geschätzten Anstalt habe, persönlich zu entsprechen.

Ich bin der unglückliche Vater jenes Betrunkenen, der gestern von einem Ihrer Zöglinge und dessen zwei Freunden in so aufopfernder Weise vor Insulten geschützt wurde. Nicht ohne ein bitteres Gefühl der Scham schreibe ich diese Zeilen nieder. Deshalb ist jedoch meine Dankbarkeit gegen jene drei vortrefflichen Knaben nur um so größer, da sie mir durch ihre edle That wenigstens einen Teil der Schande erspart haben. Weil ich nun ihre Namen nicht weiß, so ersuche ich Sie, Hochwürdiger, hochverehrter Herr ~P.~ Rektor, an ihrer Stelle meinen tiefgefühlten Dank entgegennehmen und ihnen übermitteln zu wollen. Der beste Teil meiner Erkenntlichkeit gebührt ohne Zweifel demjenigen unter ihnen, der von meinem kleinen Frank, dem Zeugen der Schande seines Bruders, als der kleinste bezeichnet wird. Er scheint nach Franks Erzählung wirklich der Hauptfaktor gewesen zu sein. Sobald meine Geschäfte es gestatten, werde ich mir die Ehre nehmen, selbst in Ihrer Anstalt vorzusprechen und dem kleinen Helden, sowie dessen Freunden persönlich zu danken.

Zugleich gestehe ich, daß durch den gestrigen Vorfall meine Ansichten über Ihre Anstalt sich ganz wesentlich geändert haben. Ich bitte um gütige Zusendung eines Programmes, da mir sehr daran liegt, das Pensionat noch näher kennen zu lernen.

Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung verbleibe ich

Ew. Hochwürden ergebenster

+Arnold Marschall+.

Der Name Marschall kam dem Rektor nicht ganz unerwartet. Dieser reiche Geschäftsmann hatte nämlich zwei Söhne, welche allenfalls die ihm von Percy beschriebenen Brüder sein konnten. Herr Marschall war als Feind jeder Religion, vor allem der katholischen, bekannt.

Sein ältester Sohn hatte zwar nie den besten Leumund besessen und war für seinen Vater, der trotz allen Religionshasses im Rufe eines Ehrenmannes stand, eine fortwährende Quelle des Kummers. Allein ein Laster, das die eigene Verworfenheit in solchem Grade vor den Augen der Welt bloßstellt wie die Trunksucht, ließ sich in der vornehmen Familie nicht gut vermuten.

„Der junge Herr Marschall muß sich gegen früher sehr zu seinem Nachteile verändert haben,“ sprach der Rektor, als er den Brief zu Ende gelesen. „Früher hat man nie dergleichen von ihm gehört.“

Was Percy anging, so erfuhr er nichts von der Ankündigung des Besuches, der ihm bevorstand. Der Rektor beabsichtigte, ihm eine angenehme Überraschung zu bereiten. Es wollte ihn übrigens bedünken, jener Besuch werde auch für Herrn Marschall selbst wohl eine größere Bedeutung haben, als im Briefe ausgedrückt war.

Ohne Zögern ging das verlangte Programm an Herrn Marschall ab. In einem kurzen Begleitschreiben nannte ihm der Rektor die Namen der drei Zöglinge und bemerkte, Herr Marschall habe mit vollem Rechte das Benehmen derselben als eine Folge religiöser Erziehung aufgefaßt; alle drei, vornehmlich der kleinste, Percy Wynn, hätten eine vortreffliche, aber ausschließlich katholische Erziehung genossen, wobei jedoch dem Kolleg kein anderes Verdienst zukomme, als gehütet und gepflegt zu haben, was im Elternhause gepflanzt worden sei.

Mehrere Tage vergingen. Da langte ein zweiter Brief des Kaufmanns an. Herr Marschall bat um die Erlaubnis, bei seinem spätern Besuche mehrere Zweifel über Religionssachen vorlegen zu dürfen und gab zugleich folgenden kurzen Bericht über die Umwandlung, welche das jüngste Ereignis in seinen Anschauungen hervorgerufen hatte:

„Ew. Hochwürden kennen mich als einen ausgesprochenen Glaubensfeind. Ich verlor meine Religion als heranwachsender junger Mann infolge des Besuches glaubensloser Studienanstalten und des Verkehrs mit ungläubigen Geschäftsgenossen. Schließlich kam ich dahin, daß ich vor allem meine eigene, die katholische Religion aus dem Grunde verabscheute.

Da meine verstorbene Gattin dachte wie ich, so wurden unsere Kinder ganz in meinem Geiste erzogen. Im übrigen verwendeten wir jedoch große Sorgfalt auf ihre allseitige Ausbildung, behandelten sie mit einer vernünftigen Strenge und waren im Anfange mit unsern Erfolgen sehr zufrieden. Der Älteste, Lincoln, versprach wirklich das zu werden, was wir aus ihm zu machen wünschten: ein tüchtiges, brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft. In den Jahren seiner Kindheit, war er nicht minder als jetzt sein jüngster Bruder Frank, mein Stolz und meine Freude. Dann besuchte er eine höhere Schule, die natürlich religionslos war, und an der er von Jahr zu Jahr sichtlich mehr verdorben wurde. Daheim unter der Obhut seiner Eltern hatten die wenigen Grundsätze von Menschenwürde und Ehre, die ich ihm beigebracht, sowie die Liebe zu seinen Eltern noch Kraft genug besessen, um ihn vor schlimmeren Gewohnheiten zu bewahren; den Maßstab allerdings, nach welchem meine eigenen guten Eltern dereinst mich beurteilten, hätte ich an ihn nicht anlegen dürfen. An ihm wurde mir immer klarer, daß der Mensch, um in allen Punkten den Anforderungen der Sittlichkeit zu entsprechen, eines allwissenden und allmächtigen Richters bedarf, dem auch die geheimsten Gedanken nicht verborgen sind, und der nicht minder jene Überschreitungen zur Rechenschaft zieht, welche von der irdischen Strafgewalt nicht erreicht werden. Hielt ich ihm vor, wie sehr er durch sein ausschweifendes Leben seine Menschenwürde schände, so war stets sein letztes Wort: ‚Wer kann mir denn vorschreiben, meine sogenannte Menschenwürde nicht zu schänden? Und was habe ich denn von der Menschenwürde? Nichts, gar nichts. Was ich aber von meinen Vergnügungen habe, wird mir sehr wohl bewußt, und ich ziehe es aller Menschenwürde bei weitem vor.‘ Die einzige durchschlagende Erwiderung hätte ich im Glauben meiner Kindheit gefunden. Nur ein Gott kann den Menschen verpflichten, menschenwürdig zu leben. Allein diese Antwort mochte ich weder ihm noch mir geben.

Erst als mir mehrere Kinder hingestorben waren, als Lincolns Zügellosigkeit immer noch anwuchs, und schließlich der Tod auch meine Gattin von mir nahm, wurde ich dem Gedanken einer Umkehr weniger abhold. Trotzdem sträubte ich mich aus ganzer Kraft meiner Seele, mich selbst eines jahrelangen Irrtums zu zeihen. Es hatte mir jemand ein sehr gerühmtes apologetisches Werk in die Hände gespielt. Ich las dasselbe nicht ohne Interesse, redete mir aber selbst ein, es enthalte die Wahrheit nicht. Doch trug es nicht wenig dazu bei, meine Unruhe zu vergrößern.