Percy Wynn

Part 10

Chapter 103,635 wordsPublic domain

Allein seine Worte verschwanden in dem allgemeinen Lärm. Percy lief dahin wie einer, der sich voll bewußt ist, daß ein edles Ziel die Anspannung all seiner Kräfte verlangt.

Weil auf dieses Verfahren rein niemand gefaßt war, so traf Percy auf seinem Wege nicht viele Hindernisse. Dreien seiner eigenen Leute entwischte er glücklich und stand bald nur noch sechs Schritte vor seinem Ziele. Dort begegnete er Harry Quip und blieb stehen.

„Was muß ich mit dem Balle thun, Harry?“

„Mir geben!“ war die hastige Antwort.

Harry nahm ihn, legte ihn nieder und ließ ihn dann in hohem Bogen mitten auf den Spielplatz zurückfliegen.

„O! warum thust Du das?“

„Percy, es kommt hier nicht darauf an, den Ball auf irgend eine Weise irgendwohin zu schlagen oder zu tragen. Man muß suchen, ihn durch das Ziel der Feinde zu bringen. Du hast jetzt +gegen uns+ gespielt. Du liefst so schnell mit Deinen lahmen Beinen, daß wir Deinetwegen beinahe verloren hätten.“

„O! wirklich? das thut mir unendlich leid. Ihr müßt Geduld mit mir haben. Ich will nie wieder so dumm spielen.“

Nachdem also seine Ideen in diesem Punkte sich etwas geklärt hatten, begab er sich wieder auf seinen Posten.

Kaum stand er da, als sich abermals ein wirres, erregtes Geschrei erhob.

„Fangt ihn! Ihm voraus! Aufhalten! Den Ball wegschlagen! Hurra, Keenan hat ihn!“

Diese Rufe tönten lärmend und bunt durcheinander, während Keenan, den Ball fest in die Arme geschlossen, sich gewaltsam einen Weg bahnte, keuchend und atemlos auf unser Ziel zueilend.

Keenan war eine kleine Gestalt, aber mit Muskeln von Eisen, und rennen konnte er wie keiner. Mit der Unwiderstehlichkeit eines Mauerbrechers stürzte er voran. Einige wagten einen schwachen Versuch, ihn festzuhalten, aber man sah es ihnen an, daß sie wenig Mut und geringe Aussicht hatten.

Jetzt naht er sich Tom, und dieser, dem nicht so leicht das Herz in die Schuhe fällt, eilt ihm kühn entgegen. Keenan will ihn vermeiden, aber Tom, nicht weniger behend, ergreift ihn am Arme und läßt nicht los. Keenan setzt seinen Weg fort, Tom mit sich schleppend, ja fast tragend.

Die Aufregung hat jetzt den Höhepunkt erreicht und wird so ansteckend, daß sie selbst Percy ergreift. Auch er rennt auf Keenan zu und will ihn fassen. Allein Keenan entschlüpft ihm, und statt seiner erwischt Percy Tom. Das doppelte Gewicht ist für Keenan zu schwer; er strauchelt, fällt, und der Ball entrollt ihm. Rasch erhebt sich Tom, ein wohlgezielter Schlag bringt den Ball zu Donnel, der ihn mit einem gleichen Schlage, bevor die überraschten Feinde wieder zur Besinnung gekommen sind, durch Keenans Ziel treibt.

So hat Percy, ohne auch nur den Ball treffen zu können -- erst nach Wochen war er im Besitze dieser Kunst -- einen ganz wesentlichen Teil zur Erringung des Sieges beigetragen.

22. Kapitel.

Der schiefe Philipp.

Die Zeit, die uns behandelt wie wir sie, verging unsern jungen Freunden schnell und angenehm. Ein ununterbrochener Wechsel von Arbeit und Spiel entwickelte Geist und Körper. Nicht wenige Tage waren verstrichen ohne jede, auch die geringste Störung des allgemeinen Wohlbehagens.

Kenny gehörte jetzt zu den eifrigsten Zöglingen. Mit seinen früheren Genossen hatte er keine Gemeinschaft mehr. Er hielt sich dafür zu den Besseren und genoß namentlich den Umgang von Playfair, Quip, Wynn und andern im gleichen Rufe stehenden Zöglingen.

Kennys Entwickelung war eine sehr allseitige, und besonders hatte er erstaunlich viel gelesen. Darin lag jedoch zugleich die Wurzel von manchen seiner Untugenden. Unberaten und unbeaufsichtigt war er bloß seiner Neigung gefolgt und hatte an die Bücher, die er kaufte, keine andere Anforderung gestellt, als daß sie recht billig und dann entweder recht schauerlich oder recht lustig seien.

Nun brachte er einmal zu ~P.~ Middleton ein solches billiges, kaum eingebundenes Buch, das er noch heimlich ins Pensionat eingeschleppt hatte, und fragte ihn, ob dasselbe eine geeignete Lesung sei.

„Ich habe es früher gelesen und finde nichts Arges darin,“ fügte er ehrlich bei. „Allein seit den letzten Erlebnissen glaube ich auch in diesem Punkte meinem Urteile nicht recht trauen zu dürfen.“

„Gut, Kenny. Ich bemerke mit Freuden, wie ernst Du jetzt Dinge nimmst, die Du früher kaum beachtet hast. Dein Zweifel ist höchstwahrscheinlich begründet. Dem Äußern nach zu schließen ist dieses Buch eines von jenen, die bloß um des Geldes willen gedruckt werden, ohne Rücksicht darauf, ob sie den guten Sitten schädlich sind oder nicht. Ich fürchte, es ist viel gefährlicher, als Du glaubst. Aber ich will es lesen und Dir dann sagen, ob ich mich täusche.“

Das Buch erzählte die Abenteuer eines Studierenden von sechzehn Jahren, der wegen seiner Gestalt „der schiefe Philipp“ genannt wurde. Die Sprache war keineswegs schlecht. Der schiefe Philipp stellte sich dar als eine Art „Richard ohne Furcht,“ dabei witzig, erfinderisch, unternehmend, trotz seiner Gestalt ein geschickter Spieler, kurz mit allem ausgerüstet, was ihm die Begeisterung junger Leser erwerben konnte.

Am folgenden Tage sprach ~P.~ Middleton in der Klasse um die Mitte der letzten Stunde:

„Jetzt will ich Euch ein kurzes Geschichtchen vorlesen.“

Ein leises, unterdrücktes ‚Ah‘ der Freude war die Wirkung dieser Worte. Die Gesichter leuchteten und wehe dem Unglücklichen, der sich vergessen sollte, zu husten oder eine Feder fallen zu lassen.

~P.~ Middleton las dann ein Kapitel jenes Buches, das ihm Kenny zur Prüfung übergeben hatte. Die Schule, welcher Philipp angehörte, wollte ihren jährlichen Ausflug halten. Einer der Professoren, der wegen seiner mangelhaften Aussprache der gesamten Bubenschar, besonders aber dem schiefen Philipp, als Zielscheibe des Spottes dienen mußte, hatte sich verlauten lassen, er wolle dieses Jahr auch einmal daran teilnehmen; weil er aber zu alt sei, um zu Fuße zu gehen, wolle er reiten. Nun hatte der schiefe Philipp in Erfahrung gebracht, daß der Professor überhaupt gar nichts vom Reiten verstehe. Er ging deshalb zu ihm hin und erbot sich, ihm ein sanftes, lenksames Tier zu verschaffen. Der Professor ließ sich bethören und erhielt, wie sich erwarten läßt, ein Pferd, das zwar dem Anscheine nach lammfromm war, sich aber bald als die störrischste, widerhaarigste Mähre herausstellte. Dann fehlte es natürlich nicht an ergötzlichen Vorfällen, und der arme Professor mußte sich glücklich schätzen, daß er mit heiler Haut und gesunden Gliedern davonkam.

~P.~ Middletons Schüler zeigten eine unverhohlene Freude. Einige lachten laut und herzlich. Percy Wynn war der einzige, der unangenehm berührt schien.

„Ihr lacht?“ sprach der Lehrer mit ernster Miene, indem er das Buch niederlegte; „worüber lacht Ihr denn?“

Das Lächeln, jeder Ausdruck des Vergnügens erstarb auf den Gesichtern.

„Noch einmal, worüber habt Ihr gelacht? Ihr werdet doch einen Grund gehabt haben. Ihr lacht nicht bei den unregelmäßigen Verben; Ihr lacht nicht, wenn wir Brüche dividieren. Weshalb habt Ihr also jetzt gelacht?“

„Wir lachen, Pater,“ erwiderte Harry Quip, der selten lange um eine Antwort verlegen war, „weil die Geschichte so lustig erzählt ist.“

„Gut. Du hast doch wenigstens einen Grund. Es scheint Dir also, daß die Geschichte lustig erzählt ist. Jetzt aber weiter! Ist die Geschichte denn an sich auch lustig?“

Gedankenvoll runzelte sich manche junge Stirn; das war eine schwere Frage.

Da streckte Percy die Hand empor.

„Was meinst Du, Wynn?“

„Die Geschichte ist an sich gar nicht lustig, sie hat nur den Anschein des Lustigen, und zwar weil sie so geschickt erzählt ist.“

„Ganz gut, Wynn. An sich ist die Geschichte eher eine traurige. Ich will Euch sagen, worüber Ihr gelacht habt, aber mit den eigentlichen Worten; ich will Euch, wie man sich auszudrücken pflegt, das Kind mit dem rechten Namen nennen: Ihr habt gelacht über die Lümmelei eines Erzlümmels.“

Bestürzt sahen die Schüler einander an.

„Ihr braucht aber nicht zu fürchten, ich wäre deshalb mit Euch unzufrieden. Ihr seid noch zu jung, um den Unwert, ja die Bosheit dieser Geschichte gleich beim ersten Hören zu durchschauen. Die anziehende Darstellung mußte Euch irreführen.“

Kenny, der kein Wort des Paters verloren hatte, erhob jetzt seine Hand.

„Zeigen Sie uns doch im einzelnen, Pater, warum diese Erzählung so schlecht ist. Ich sehe es dunkel ein, wäre aber nicht im stande, mir darüber Rechenschaft zu geben.“

„Sehr gern, Kenny. -- Jedermann lacht, und lacht mit Grund, wenn einem andern ein guter Streich gespielt wird. Ich sage ein +guter+ Streich; das setzt nämlich voraus, daß keine unrechten Mittel dabei zur Verwendung kommen, und daß dem Angeführten um des Scherzes willen kein eigentlicher Schaden an Ehre und Vermögen, an Leib und Seele erwächst.

Betrachten wir nun unsere Geschichte. Sie berichtet keineswegs einen unschuldigen Scherz, der dem Professor gespielt wird. Der schiefe Philipp bietet sich an, dem Professor ein sehr zahmes Pferd zu verschaffen, obgleich er den Willen hat, das gerade Gegenteil zu thun: er lügt. Das Mittel also, das den ganzen Streich ermöglicht, ist eine Sünde. Und erst was für eine Sünde! Ihr wißt zwar, daß die Lüge, wie häßlich sie auch ist, doch an sich keine schwere Sünde ausmacht. Sie kann aber eine Todsünde werden. Und das geschieht hier. Skipper, was hat jemand zu befürchten, der ohne die einfachsten Kenntnisse im Reiten ein heimtückisches, wildes, unlenksames Roß besteigt?“

„Es ist nicht unmöglich, daß ihn der erste Ritt das Leben kostet.“

„Was meinst Du, Wynn?“

„O mein Gott, ich wage gar nicht, daran zu denken.“

„Und Du, Playfair?“

„Wenn er mit dem Leben davonkommt, darf er von Glück sagen; zum mindesten wird er wohl Arm oder Bein oder ein paar Rippen brechen.“

„Sehr richtig -- oder sich eine schwere +innere+ Verletzung zuziehen, was oft viel schlimmer ist als ein Beinbruch. Nun bleibt zwar der Professor von ernsteren Unfällen verschont; allein das ist nicht Philipps Verdienst. Seine Lüge ist einzig nach dem zu beurteilen, was er, +der alt genug war+, voraussah. Wer einen Streich spielen will, darf die Verhütung schweren Unglücks nicht dem blinden Zufall überlassen. Philipps leichtfertige Lüge bringt also den arglosen Mann in die höchste Gefahr. Darum ist sie hier eine Todsünde, verdammenswerter, als mancher Diebstahl, der mit hartem Zuchthaus gebüßt wird. -- Ich glaube, jetzt, da Ihr dieses einseht, wäret Ihr nicht mehr im stande, über die Geschichte zu lachen. -- Der schiefe Philipp soll ein Held sein. Gott urteilt ganz anders über ihn; nach Gottes Urteil ist er ein Verbrecher, und seine Heldenthat hat ihm die Hölle verdient. -- Nicht wahr?“ fügte ~P.~ Middleton lächelnd bei, „Ihr habt nicht gewußt, was Ihr thatet.“

Erstaunt, fast entrüstet über sich selbst und doch wieder sichtlich erfreut über die gewonnene Kenntnis sah die Klasse zu ihrem Lehrer auf.

„Wie war es nur möglich, Pater,“ fragte Quip, „daß wir so dumm sein konnten?“

„Sehr einfach. Der Erzähler versteht es, die Aufmerksamkeit des Lesers von der Bosheit abzulenken. Jedermann ist unwillkürlich geneigt, beim Lesen alles so anzusehen wie der Schriftsteller selbst, und das um so mehr, je mehr seine ganze Sprechart uns gefällt und uns fesselt. Unser Erzähler thut nun gleich, als wäre Philipps Lüge nicht im mindesten tadelnswert. Jeder Leser, der noch nicht gelernt hat, stets auf seiner Hut zu sein, wird dadurch verleitet, in derselben nichts Schlimmes zu erblicken. Besonders verführerisch ist auch der gute Ausgang. Euer Lachen würde sicher gleich verstummt sein, wenn erzählt worden wäre, der Getäuschte hätte wirklich den Tod gefunden. Da hätte sich die ganze Roheit und Sündhaftigkeit sogleich geoffenbart. Anstatt den Helden zu bewundern, würde jeder Edeldenkende den Verunglückten bemitleiden und dem gewissenlosen Urheber zürnen. Jetzt dagegen sieht man beim ersten flüchtigen Blick bloß eine Reihe Vorfälle, die man lächerlich findet. Man vergißt aber die Lüge und den sündhaften Leichtsinn, welche der ganzen Sache zugrunde liegen, ja ohne es zu merken lacht man auch über sie -- über eine Sünde.

Ich habe aber noch eine andere Frage. Angenommen, der schiefe Philipp brächte es fertig, den Professor in ganz ähnliche, aber völlig ungefährliche Lagen zu bringen. Wäre er dann von aller Schuld freizusprechen?“

Einige Antworten lauteten bejahend, andere zweifelnd. Percy Wynn verneinte es.

„Aber warum nicht?“

Das wußte auch Percy nicht zu sagen.

„Gut, ich will Euch helfen. Ihr kennt das vierte Gebot. Whyte, wer hat aber an der Ehre und Liebe, die wir den Eltern schulden, Anteil?“

„Die Lehrer und alle, welche die Stelle der Eltern vertreten, auch die geistliche und die weltliche Obrigkeit.“

Jetzt blitzte es auf mehreren Gesichtern.

„Nun? -- Hodder!“

„Es war auch deshalb sündhaft, weil Philipp seinen Lehrer verspottete. Denn der Professor hatte ein Recht auf die Ehre all seiner Schüler, den schiefen Philipp nicht ausgenommen.“

„Aber Du hast doch wohl gehört, daß der Professor so schlecht sprach und überhaupt manche Sonderbarkeiten an sich hatte.“

„Das ist kein Grund, ihm die Ehre zu versagen; denn er bleibt doch immer noch der Stellvertreter der Eltern, den man ehren muß.“

„Sehr gut, Hodder. Man würde es ja nicht tadeln, wenn der schiefe Philipp einen Gleichgestellten etwas hänselte. Allein dem Lehrer gegenüber ist dies eine kränkende Beschimpfung, um so kränkender, da Philipp auch seine Mitschüler zu der gleichen Roheit und Sünde verleitet.

Jetzt seht Ihr die Doppelsünde, die hier unter den heiteren Blumen von Fröhlichkeit und Scherz verborgen liegt. Wehe dem Leser, der ihr geheimes Gift nicht erkennt. Langsam, unmerklich, aber ganz sicher wird es wirken. Ohne sich bewußt zu werden wird der Leser nach und nach Lüge, Verachtung der Vorgesetzten und bodenlosen Leichtsinn als gut, ja als witzig und heldenhaft betrachten, wenn es ihn nur zum Lachen reizt. Zwar kommt das Verderben nicht gerade immer mit einem einzigen Buche, obgleich es nicht an solchen fehlt, deren einmaliges Lesen unschuldige Herzen für immer verdorben hat. Manche töten nicht so schnell. Bei Zeiten gewarnt, kann sich ein Knabe durch Folgsamkeit ihrer bösen Wirkung entziehen. Allein einer fortgesetzten Lektüre solcher Bücher wird auch die stärkste Tugend auf die Dauer nicht widerstehen.

Noch eines wird Euch jetzt klar geworden sein, daß es nämlich oft einer bedeutenden Reife des Geistes, einer großen Selbständigkeit bedarf, um das Verderbliche eines Buches mit Sicherheit zu entdecken.“

Pater Middletons Worte waren von durchschlagender Wirkung. Mehrere seiner Schüler, die sich bis dahin heimlich der Lektüre von anrüchigen Zehn-Cent-Geschichten hingegeben, wandten sich mit Abscheu von denselben weg. In die ganze Klasse fuhr ein Eifer für gute Bücher und für Verbreitung derselben unter den Mitzöglingen. Percy erwarb sich hierbei eigentliche Verdienste. Wie Kenny besaß er eine weit ausgedehnte Belesenheit, hatte jedoch das Glück gehabt, daß eine umsichtige, fromme und gebildete Mutter seine Bücher aufs sorgfältigste auswählte. Zugleich hatte ein vortrefflicher Privatlehrer durch gediegene Unterweisung seinen Geschmack und sein Urteil zu einer frühen Reife geführt, so daß er mit größerer Sicherheit das Gute und Edle vom Minderwertigen und Verwerflichen unterschied.

Unterdessen verwandelt sich unser Freund immer mehr in einen rechten Jungen. Fester und frischer blicken die blauen Augen aus dem unschuldigen Antlitz, das, noch ebenso anmutig und edel wie beim Beginne des Schuljahres, jetzt auch in der Rosenfarbe blühender Gesundheit prangt. Seine ganze Erscheinung ist voller und stärker geworden. Die viele Bewegung in frischer, freier Luft hat ihn gekräftigt und kräftigt ihn noch. Und seine Hände! ah, Tom Playfair wird sich wohl bedenken, ihn noch einmal auf seinen Arm schlagen zu lassen.

Ruhig verflossen noch die Wochen bis Weihnachten. Allein dieses Fest sollte nicht ohne besondere Ereignisse vorübergehen, Ereignisse, die Percys Entwickelung wesentlich fördern halfen.

Wir haben gesehen, wie Percy das Allermädchenhafteste, das er nach Maurach mitbrachte, schnell abstreifte. Er hat den Beweis geliefert, daß er Großmut und Opfersinn in mehr als hinreichendem Maße besitzt, um den Anforderungen, die das Leben an den Christen stellt, vollauf zu entsprechen. Allein seine Nächstenliebe erscheint doch noch mehr als eine rein persönliche: den Freunden, die ihm wohlgethan, gilt in Dankbarkeit seine heldenmütige That. Sein Gesichtskreis muß sich erweitern. Die Religion, in deren Schoße er erzogen ist, auf deren geheiligtem Boden all seine Grundsätze und Anschauungen wurzeln, hat ihn schon mit der geistigen Sehkraft begabt, welche genügt, um eine Welt zu umspannen, und die sich entfalten wird, sobald sich die Gelegenheit dafür bietet.

23. Kapitel.

Auf der Gasse.

An einem hellen Dezembernachmittag sehen wir drei Zöglinge des Pensionates den Weg zur Stadt antreten. Munter schreiten sie dem kalten Winde entgegen, der bald ihre Wangen mit einer dunklen Röte bedeckt.

„Nur noch acht Tage!“ sagt Donnel.

„Jawohl,“ erwidert Keenan, „und dann eine ganze Woche Spaß! -- Diese Nacht wird es wohl gehörig frieren; es ist jetzt schon so kalt, wie noch nie im ganzen Winter.“

„O, ich hoffe, daß es tüchtig friert!“ sprach Percy, der dritte in dem fröhlichen Bunde. „Meine Schlittschuhe sind gestern angekommen, und ich möchte so gern probieren, wie eigentlich das Schlittschuhlaufen geht.“

„Was?“ fragten beide erstaunt, „Du kannst nicht Schlittschuh laufen?“

„Nein,“ antwortete Percy lächelnd; „ich durfte noch nicht mitgehen aufs Eis.“

„Unbegreiflich!“ sprach Keenan. „Ich sehe nicht ein, was ein Junge im Winter anfangen soll, wenn er nicht Schlittschuh laufen kann. Aber tröste Dich, wir wollen Dir nachhelfen.“

„Ich muß gestehen, daß der Winter bis jetzt in der That meine Vorliebe nicht besessen hat.“

„Kein Wunder!“ lachte Donnel. „Wer nicht einmal Schneebälle drehen, geschweige denn damit werfen kann, wer weder Schlittschuh läuft noch Schlitten fährt, wer sich vor jeder Schneeflocke fürchtet, was kann der vom Winter zu erwarten haben? Ich für meinen Teil ziehe den Winter dem Sommer bei weitem vor.“

„Wirklich? das hätte ich nicht für möglich gehalten.“

„Und ich thu’ das auch,“ versicherte Keenan.

„Gieb mir den Winter, laß schneien knietief! Wecke den Nordwind, den kalten, der schlief! Es decke der See sich mit blankem Kristall!

Und dann ein noch blankeres Paar Schlittschuhe! Hurra! Dann fliegen wir, daß der Wind in den Haaren zischt, über die tönende Bahn! Das nenne ich Spaß!“

„Und ich,“ nahm Donnel das Wort, „ich wünsche mir eine Schlittenbahn, glatt wie aus Diamant und hoch wie ein Berg, mit einem Handschlitten vom besten Stahl. Dann sollte es hinuntergehen, daß jedem, der es sieht, das Blut erstarren möchte, und daß ich wie der Blitz noch dahinschieße, soweit man sehen kann. -- Ich vergesse auch nie, wie ich einmal mit meinem Vater eine längere Schlittenpartie machte. Besonders zur Nachtzeit war es unbeschreiblich schön. Die Sterne flimmerten und funkelten so hell wie nie im Sommer, der Mond goß ein feenhaftes Licht über die schneeschimmernde Landschaft, jeder Strauch starrte einen ganz geisterhaft unter seiner Schneekapuze an. Wenn dann der leichte Schlitten, von flinken Rossen gezogen, unter Schellengeklingel über die Straße flog -- o, ich sage Euch, das war entzückend.“

Dieses Gespräch zeigte, daß Donnel so gut wie Keenan der Klasse, der sie angehörten und die nach altem Brauch noch den Namen ‚Poesieklasse‘ trug, alle Ehre machten. Percy war freilich noch kein ‚Poet‘; allein seine Ideenwelt war nicht minder reich als die seiner älteren Freunde.

„Die Schönheit einer solchen Nacht,“ sprach er, „ist mir auch oft zum Bewußtsein gekommen. Freilich ist es ein Gedanke anderer Art, welcher der Winternacht für mich einen besonderen, aber lieblichen Reiz verleiht, nämlich die Erinnerung an die erste Weihnachtsnacht zu Bethlehem. Die Sterne erinnern mich dann immer an den Stern, der die heiligen drei Könige führte.“

„Nicht übel, Percy,“ lobte Donnel. „Das ist auch mir ein sehr lieber Gedanke; nur kann ich ihn nicht gerade so schön aussprechen wie Du. -- Ich glaube übrigens wirklich, daß unter allen Menschen wir Knaben den meisten Grund haben, uns auf den Winter zu freuen und den bärbeißigen Alten mit den Eiszapfen im Bart und dem Nebelatem willkommen zu heißen. Er bringt uns ja Weihnachten mit all der Liebe und Freude, die wir von Gott und von unsern guten Eltern nur immer erwarten können.“

„Da fällt mir gerade,“ nahm Keenan das Wort, „die Ode von Horaz ein, die wir letzte Woche gelesen: ‚~Vides, ut alta stet nive candidum Soracte.~‘ Das ist gewiß ein schönes Gedicht; ich habe es mit großem Vergnügen gelesen. Allein von einer Freude am Winter, wie +wir+ sie uns zu besitzen rühmen, ist doch darin keine Rede. Hätte Horaz etwas von Christus gewußt, welch herrliche Werke hätte er schaffen können! Gerade das Winterfest Weihnachten ist ja der schönste Gegenstand für die Dichtkunst.“

„O,“ rief Percy begeistert, „das sieht man so deutlich an Miltons Hymne auf Christi Geburt, die ich, obgleich ich sie nicht ganz verstehe, so gern habe.“

„Nimm Dich in acht, Percy,“ sprach Donnel lachend. „Wenn Du einmal in unsere Klasse kommst, dann gerätst Du so hoch in die höchste Höhe der Poesie, daß selbst Dein Professor Dir nicht mehr beikommen kann. Wo hast Du das alles denn gelernt?“

„Von meinen Schwestern, besonders von Julie, der ältesten. Wenn wir in der Familie zusammen etwas gelesen hatten, bezeichnete sie mir immer die Stellen, welche am schönsten wären, und ich lernte sie auswendig.“

„Ich wünschte mir auch etliche Schwestern von der Art,“ meinte Keenan, „dann wüßte ich mehr.“

„Ich habe zwei Schwestern,“ versetzte Donnel, „aber wenn sechs erforderlich waren, um aus Dir, Percy, einen solchen Dichterknaben zu machen, dann wollte ich, ich hätte deren siebenundzwanzig.“

Percy lachte.

„Sechs sind nicht zu verachten, Johann; aber ich fürchte, siebenundzwanzig wären doch des Guten zu viel.“

Unter ähnlichen muntern Gesprächen hatten sie bald den Ort erreicht und schritten auf der Hauptstraße voran.

„Jetzt bitte ich, mich zu entschuldigen,“ sprach dann Percy, der Erlaubnis hatte, ein Paar Handschuhe und einige andere Kleinigkeiten zu kaufen. „Ich bin schnell fertig und treffe Euch hier wieder.“

„Gut, also bis nachher!“

Percy betrat einen Laden -- in demselben waren außer Handschuhen und andern Tuchwaren auch Uhren, Mehl, Eier und Pflüge feil, was einen Schluß auf die Natur des Städtchens erlaubt -- und erstand, was er wünschte. Allein lange wartete er vergebens auf seine Gefährten. Er machte sich deshalb schließlich allein auf den Heimweg, immer um sich schauend, ob sie sich nicht einstellten.

Außerhalb der Stadt, wo die Gebäudereihen der Hauptstraße sich in vereinzelten Häusern fortsetzten, erblickte er eine Gruppe Knaben, die alle in der fröhlichsten Stimmung zu sein schienen. Sie umstanden irgend etwas, das Percy nicht unterscheiden konnte, da es in ihrer Mitte auf der Erde lag, und das offenbar der Grund ihres Gelächters und ihrer Freudenrufe war.

Als jedoch Percy näher kam, erkannte er mit Schmerz, daß diese Freude nichts war als die niedrigste Schadenfreude. Von ihnen umringt lag auf dem Boden ein feingekleideter junger Mann in bewußtlosem Zustande, mit einer noch leicht blutenden Wunde am Kopfe. Der Mann war betrunken. Sein Gesicht zeigte jene geistlosen, stumpfsinnigen Züge, welche die Folge eines übermäßigen Genusses von geistigen Getränken sind. Sein Hut lag schmutzig und zerdrückt neben ihm.