Percy Wynn

Part 9

Chapter 93,809 wordsPublic domain

„Ich bin gekommen, Percy,“ begann er, „weil ich Dich um Verzeihung bitten wollte. Ich schäme mich unaussprechlich und bin Dir sehr dankbar, daß Du unsern niederträchtigen Plan vereitelt hast. Darf ich Dich bitten, mir die Hand zu reichen?“

„Hier! Schlag ein! Es freut mich außerordentlich, Deine Freundschaft zu gewinnen. Es ist ja wohl zum größten Teile meine Schuld gewesen, daß Du bis jetzt nichts von mir wissen wolltest. Ich bin ein so sonderbarer Mensch; ich stolzierte umher wie ein Pfau und that, als wäre ich überhaupt kein Junge. Jetzt begreife ich aber sehr gut, warum mich alle neckten und am Haare zupften und es mir zuweilen vor die Augen schlugen, wenn ich den Ball schnappen wollte. Sie hatten die Absicht mich zu bessern. In der That, meine einzige Verwunderung ist nur, daß sie mich nicht noch mehr geplagt haben.“

Eine solche Einfalt und Herzensgüte, die auch an offenbaren Beleidigungen noch eine gute Seite fand und selbst die Bedränger als Wohlthäter liebte, war für Kenny ein blaues Wunder.

„Ist Dir das ernst?“ fragte er erstaunt.

„Gewiß, natürlich ist mir das ernst. Es ist meine feste Überzeugung. -- Aber sag’ mir, Kenny, Du hast doch keine Strafe erhalten?“

„Noch nicht, obgleich ich eine gründliche verdient habe. ~P.~ Middleton hat für mich Fürbitte eingelegt. Ich will mich jetzt aber ernstlich bessern. -- Und Playfair, denk’ Dir, kommt heute Morgen, so früh es nur ging, zu mir und bittet mich, ihm die Hand zu geben!“

„O das gleicht ihm so,“ rief Percy voll Begeisterung. „Er ist der beste Junge, den ich je gesehen. Wenn der heilige Pankratius noch lebte, ich wette, er wäre nicht anders als Tom.“

„Er ist ein famoser Kerl,“ versetzte Kenny bedächtig. „Dem Quip bin ich dann aber glücklich zuvorgekommen, wie es ja recht und billig war. -- Ich wollte, ich hätte solche Jungen gleich kennen gelernt, anstatt mit dem Prescott anzubinden. Du weißt, er ist geschaßt, nicht wahr?“

„Ich hörte gestern Abend so etwas.“

Kenny erzählte dann, wie man Prescott am vorigen Abend in der Erholung sowie im Studiersaale vermißt habe, daß aber ~P.~ Middleton später ausdrücklich mitgeteilt habe, er sei aus der Anstalt entlassen.

„Ach, der arme Schelm!“ sprach Percy mitleidig. „Wir müssen oft für ihn beten. -- Aber welch ein Schmerz wird dieses für seine Mutter sein!“

„Er hat keine Mutter mehr. Seine Mutter ist schon während seiner ersten Kindheit gestorben.“

„O mein Gott, mein Gott! Kein Wunder, daß er nicht recht brav war. Wenn meine Mutter und meine Schwestern nicht für mich gesorgt hätten, ich wäre sicher ein sehr böser Mensch. Ich möchte oft weinen, wenn ich an die vielen unglücklichen Kinder denke, die ohne die Sorge einer Mutter aufwachsen und auch sonst niemand haben, der ihnen Mutterstelle vertritt. Sie sind in einer überaus traurigen Lage.“

„Das ist allerdings sehr wahr.“

„Und nun erst diejenigen,“ fuhr Percy fort, „die noch dazu keine Religion haben. Ach, sie besitzen keine Mutter auf der Welt und keinen Vater im Himmel und wissen nichts von der allerseligsten Jungfrau und Mutter Maria, die sie in der Not anrufen können.“

„Percy, ich will mich jetzt auch zum Eintritt in die Marianische Kongregation melden. Bis jetzt habe ich die Mutter Gottes nicht verehrt, wie ein Christ es thun sollte. Im letzten Jahre habe ich meinen Rosenkranz kaum gebraucht.“

„Wirklich?“ erwiderte Percy betroffen. „Dann konnte es nicht ausbleiben, daß Du in schlechte Gesellschaft gerietest.“

„Freilich nicht. Aber in den letzten vierundzwanzig Stunden habe ich vieles gelernt. Es soll anders werden, und ich hoffe, es wird auch anders.“

„Ich auch, Kenny, und dazu, daß wir beiden gute Freunde werden.“

Auf dem Spielplatze war heute nach dem Frühstück nur wenig Leben. Die meisten Zöglinge hatten sich in zwei Gruppen, deren Mittelpunkte Tom und Harry bildeten, zusammengeschart und horchten mit gespannter Aufmerksamkeit ihren Worten. Diese beiden aber boten all ihre Beredsamkeit zum Lobe Percys auf.

„Ich dachte immer,“ schloß Tom seinen Vortrag, „dieser Wynn hätte auch nicht das mindeste von einem rechten Jungen an sich und wäre höchstens ein rechtes Mädchen. Aber jetzt sollte es mich freuen, wenn ich nur halb so viel von einem Jungen an mir hätte wie er.“

Vor der Schule wurde Tom zum ~P.~ Studienpräfekten oder Direktor gerufen, um zu seiner angenehmsten Überraschung zu erfahren, er solle mehrere Schulstunden einstweilen nicht besuchen, sondern während derselben Percy in der Repetition der lateinischen Grammatik behilflich sein. Eine erwünschtere Nachricht hätte beiden kaum werden können.

Percy hatte in den zwei Monaten, während welcher er die Schule besuchte, zwar schon manches gelernt, sich gemerkt und auch in der Grammatik nachstudiert. Doch wie staunenswerte Fortschritte der begabte, fleißige und geistig gewandte Schüler auch gemacht, es war für ihn eine bare Unmöglichkeit gewesen, in dieser kurzen Zeit das Pensum hinreichend zu bewältigen, für welches seine Klassengenossen ein ganzes Jahr ernsten Unterrichts gebraucht hatten. Er wußte zwar vieles, hatte aber außer den Deklinationen noch keinen der verwickelteren Abschnitte im Zusammenhange durchgenommen.

Das konnte jetzt mit Muße geschehen. Tom wußte seine Grammatik und hatte zudem noch frisch im Gedächtnis, auf welche Art und Weise sein hochverehrter Lehrer Middleton im vorigen Jahre verfahren war. Er suchte das jetzt treulich nachzuahmen, obgleich es ihm oft herzlich schlecht gelang. Nach dem Erfolg zu urteilen, war jedoch seine Unterrichtsweise vortrefflich. Sehr bald hatte sein gelehriger Schüler die Pronomina gut verstanden. Es folgten zur Abwechslung einige Zählübungen: 222 Köpfe von 222 Füchsen, oder: 3131 Pferde haben 3131 Schwänze und 12524 Beine. Aber Percy ließ sich mit dergleichen Fußangeln nicht oft fangen, sobald er einmal die Grundregeln begriffen hatte.

„Wenn Du so weiter lernst, bist Du bald gelehrter als ich,“ sprach Tom nach einiger Zeit.

Percy aber lernte so weiter und wurde auch richtig gelehrter als sein jüngerer Herr Professor.

Nicht selten wurde Percy auch durch einen Besuch von ~P.~ Middleton beehrt.

„Nun, wie geht’s dem Schnellläufer?“ Mit dieser Frage trat er eben wieder ein.

„O, vortrefflich! Pater. Alle Welt ist so gut und liebevoll gegen mich. Sehen Sie nur, was für einen feinen Lehnstuhl mir der Bruder heute gebracht hat! Ich merke, daß es fast stündlich besser wird. Gestern konnte ich schon etwas gehen, und ich glaube, nach acht Tagen sind meine Beine wieder gerade so gut, oder eigentlich gerade so schlecht, wie früher.“

„Aber es wird Dir wohl oft langweilig, nicht wahr?“

„O nein, Pater! Tom kommt ja immer, um mir Stunden zu geben. Wir haben schon viel miteinander durchgenommen, und ich weiß alles gut. Die Pronomina, die Komparation und auch die Zahlwörter kann ich. Tom sagte, die Pronomina seien so schwer zu verstehen. Aber ich fand sie leicht, weil ich früher sehr viel englische Grammatik studiert habe. Nur die Konjugation ist noch ein gutes Stück Arbeit. -- Wenn ich vom Studieren müde bin, lese ich ‚Dion und die Sibyllen‘, das mich ganz an ‚Ben Hur‘ erinnert. Diese beiden Bücher gefallen mir sehr.“

„Die Liebe zu guten Büchern, Percy, ist eine ungemein wertvolle Gabe. Der Mensch ist meistens nicht besser als die Bücher, die er liest, oder die Leute mit denen er umgeht.“

„Dasselbe habe ich schon oft von meiner Mutter gehört. Sie sagte auch oft, von Natur seien alle Kinder gut und hätten eine Neigung zum Edlen und Rechten. Wenn sie aber unter bösen Leuten und Kindern lebten, oder wenn sie nachher schlechte Bücher läsen, fingen sie an, alles von der falschen Seite anzusehen, von der ‚linken Seite‘ pflegte sie zu sagen.“

„Hätten doch alle Mütter im ganzen Lande solche Ansichten, Percy!“

„O Pater, auf Weihnachten wird meine Mutter kommen; dann will ich Sie ihr vorstellen. Es wird ihr große Freude machen, Sie kennen zu lernen.“

„Meinst Du?“

„O sicher. Ich wollte meine Schwestern kämen alle mit. Dann könnten Sie die auch sehen. Die sind alle so gut und lieb, aber doch nicht liebevoller, als Sie, Pater, gegen mich gewesen sind.“

„Gute Nacht, Percy! Weil ich an Komplimente nicht gewöhnt bin, so ziehe ich es vor, mich jetzt aus dem Staube zu machen. Wenn Du aber für mich beten willst, so ist mir das sehr angenehm.“

„O, das thue ich schon längst, Pater. Ich bete jeden Tag für Sie, und alle meine Schwestern müssen mir dabei helfen; die können viel besser beten als ich.“

„Sehr gut, Percy! Gute Nacht!“

Voll Verwunderung über die herzliche, ungekünstelte Einfalt dieser Worte zog sich ~P.~ Middleton zurück.

20. Kapitel.

Noch im Krankenzimmer.

Percys Befinden hatte solche Fortschritte gemacht, daß man ihn im Grunde als wiederhergestellt betrachten konnte. Nur der Vorsicht halber wurde er noch ein paar Tage zurückbehalten.

Auch diese Zeit verstrich, und Tom Playfair trat ein, um seine letzte Privatstunde zu geben. Er fand Percy beschäftigt mit dem Lesen eines Briefes.

„Ah, Tom, Du kommst gerade recht. Ich habe einen schönen Gruß an Dich auszurichten.“

„Du? an mich einen Gruß? Von wem denn?“

„Von meiner Schwester Maria. Hör’ nur, was sie schreibt: ‚Sage Deinem herrlichen Freunde Tom Playfair, daß wir alle voll Dankbarkeit gegen ihn sind, weil er unserm Bruder so viel Güte und Liebe erwiesen hat. Wenn Gebete und Segenswünsche ihm nützen können, so soll es daran nicht fehlen.‘ -- Und hier ist noch etwas für Dich, Tom.“

Er überreichte Tom ein feines, kostbares Bildchen, eine Darstellung der Mutter Gottes.

„Das ist ein Geschenk von Minchen.“

„Minchen?“

„Ja, das ist die jüngste, erst sechs Jahre alt. Sie bittet Maria, mir zu schreiben, daß niemand Tom Playfair lieber hat als sie, höchstens etwa Maria; und selbst diese Ausnahme ist ihr noch zweifelhaft. Wenn sie nächstens wieder zu wenig Zucker erhält, will sie weglaufen und es Tom Playfair erzählen. Sie hat immer so drollige Einfälle, Tom! Zuweilen hält sie förmliche Reden. Für sechs Jahre ist sie merkwürdig gescheit.“

„Wenn schon das kleine Ding Reden hält,“ dachte Tom, „wie gescheit müssen dann erst die übrigen sein! Sollte je eine sich hier blicken lassen, dann mache ich mich schleunigst davon.“

„Ich habe noch einen andern schönen Brief,“ fuhr Percy fort.

„Von welcher Schwester?“

„Von keiner Schwester; von Prescott. Er entschuldigt sich, daß er mir nicht eher schrieb. Allein er habe bis jetzt seine Hand nicht gebrauchen können. Doch seien seine Füße gerettet und auch sonst habe der Arzt keine Besorgnis mehr.“

„Eine sehr angenehme Nachricht, Percy. Aber der arme Kerl muß jetzt sehen, wie er sein ganzes Leben lang mit zwei Fingern weniger auskommt. Was schreibt er sonst?“

„Er bittet mich um Verzeihung und wünscht sehr, daß ich für ihn bete.“

„Das kommt ihm von Herzen. Mir hat er nämlich auch geschrieben. Ich erhielt den Brief gestern beim Abendessen. Er richtet an mich dieselbe Bitte, und durch mich an Quip, aber in einer solchen Weise, daß ich beim Lesen rot wurde und den Brief nachher gleich zerriß.“

„So?“

„Jawohl. Es stand noch darin, er nehme jetzt Privatunterricht, um auf Ostern wieder eine Schule besuchen zu können. Die gründliche Lektion, die er erhalten, hat ihn doch zur Vernunft gebracht.“

„‚So hart war Gott, um gütig sein zu können,‘“ warf Percy ein.

„Woher mag er nur diese Sprüche haben?“ dachte Tom, und fuhr dann laut fort:

„Percy, Du hast etwas an Dir, das mich oft wunder nimmt.“

„Wirklich? Das ist mir neu. In der letzten Zeit habe ich Dich nie mehr erstaunt gesehen, ich mochte thun und sagen, was ich wollte. Ich dachte, Du hättest Dich ganz an mich gewöhnt.“

„In manchen Punkten ist dem auch so. Aber eines kann ich mir noch nicht erklären. Wenn sonst neue Zöglinge in diese Anstalt kommen, so überfällt sie fast immer in den ersten Tagen Heimweh, das oft ganz schrecklich ist und ihnen alle Heiterkeit nimmt. Bei Dir dagegen habe ich so etwas fast gar nicht bemerkt.“

„Das ist auch wirklich merkwürdig, Tom. Als ich von meinen Verwandten Abschied nahm, hatte ich vor dem Heimweh große Furcht; aber es ist nicht gekommen. Einige Umstände machen das jedoch begreiflich. Zunächst wurde ich gleich mit sehr braven, teilnahmsvollen Zöglingen bekannt, die mich so brüderlich behandelten, daß ich mich oft vor mir selber schämte; so etwas hatte ich nicht verdient. Dann kamen die vielen Spiele, dann das Fischen und Schwimmen --“

„Und Klettern,“ warf Tom ein.

Percy lachte.

„Das war alles für mich eine ganz neue Welt. Es war so schön und gefiel mir so, daß ich fürs Heimweh keine rechte Zeit hatte.“

„Jawohl,“ fuhr Tom fort. „Das konnte ausreichen, solange Du gesund und wohl warest. Aber hier in der Infirmerie hörte die angenehme Abwechselung auf. Ich dachte, Du bekämest sicher Heimweh, aber ich habe Dich niemals betrübt gesehen.“

„O, ich habe ja immer studiert und gelesen. Während man lateinische Grammatik treibt, kann man doch kein Heimweh haben!“

Tom erwiderte nichts, aber er schien zu fühlen, daß Percys stete Heiterkeit hiermit nicht genügend erklärt sei. Percy bemerkte das und sprach nach kurzer Überlegung:

„Nun ja, Tom, Dir will ich es ganz erzählen. Ich habe einen Freund, der mich nie verläßt, und mit dem ich spreche, so oft mich Traurigkeit anwandelt. Sieh’, hier ist sein Bild!“

Er zog eine kleine, reich verzierte Kapsel hervor und enthüllte vor Toms Augen ein anmutiges Herz-Jesu-Bildchen.

Toms Antlitz drückte die unverkennbarste Freude aus.

„Das ist ein herrlicher Gedanke!“ rief er.

„Nicht wahr? Ich habe mehr als einmal erfahren, wie ein paar Worte mit dem Herzen Jesu mir wieder Freude und Mut einflößten.“

„Ich selbst mache es übrigens ähnlich,“ entgegnete Tom und zog ein ziemlich abgenutztes Skapulier des göttlichen Herzens aus der Tasche. „Es ist nicht viel daran zu sehen. Aber wenn ich ärgerlich oder brummig werden will, oder wenn beim Studieren die Ermüdung kommt, so greife ich in die Tasche und erfasse es. Das bringt mich regelmäßig wieder in Ordnung. -- Was nun unsere Stunden angeht,“ fuhr Tom fort, „so haben wir jetzt das meiste durch, das Du wissen mußt, und werden heute gut fertig. Den Rest kannst Du Schlauberger ganz gut neben der Klasse nachstudieren.“

„Du scherzest, Tom. Aber ich bin wirklich ganz zufrieden, daß ich diese Zeit fürs Latein frei bekommen habe. Seit ich etwas mehr davon weiß, bekomme ich Lust daran. In den andern Fächern habe ich doch nichts verloren.“

„Morgen kommst Du also wieder heraus. Wir spielen jetzt Fußball; das ist das rechte Spiel für den Winter.“

„Ah, das ist wohl das Spiel, bei dem man einen so großen, dicken Ball braucht, der dann so hoch durch die Luft fliegt, nicht wahr?“

„Freilich. Die Regeln lernst Du bald.“

„Das muß lustig sein!“

Acht Tage später langte für Tom ein kleines Packetchen an. Es enthielt in einer zierlichen Kapsel ein Herz-Jesu-Bildchen, genau so, wie dasjenige Percys. Ein beiliegender Zettel enthielt die Worte: Gruß von Maria Wynn.

21. Kapitel.

Fußball.

Am folgenden Morgen ging also Percy, und zwar mit kurzgestutztem Haar, zum erstenmale wieder in den Hof. Ein wahrer Sturm der Freude erhob sich. Alles scharte sich um ihn und drängte sich in seine Nähe, um ihm die Hand zu schütteln. Die Ehre, die ihm in solcher Fülle zu teil wurde, und zugleich die Furcht, er möchte ohne sein langes Haar doch vielleicht sonderbar aussehen, machten ihn so verlegen und verwirrt, daß er gar nicht wußte, was anfangen. Johann Donnel bemerkte dieses peinliche Gefühl, zwängte sich mit Anwendung seiner überlegenen Körperkraft zu Percy durch, hob ihn auf und trug ihn hinaus mitten auf den Spielplatz.

„Hurra, Jungens! anfangen!“ rief er. „Percy gehört zu meiner Partei.“

Zugleich begann er als Anführer seinen Leuten die Posten anzuweisen.

Auf den beiden Schmalseiten des Spielplatzes standen die zwei Ziele, jedes in Gestalt eines geraden griechischen Π und etwa zwei Meter hoch.

Jede Partei hat nun zunächst ein solches Ziel zu verteidigen, das heißt zu verhüten, daß der Ball durch dasselbe fliegt. Zugleich aber muß sie womöglich den Ball durch das Ziel der Gegner treiben.

Wenn der Ball nach einem Schlage den Boden wieder berührt hat, darf er nur noch mit dem Fuße geschlagen werden. Bevor er den Boden berührt hat, ist es erlaubt, ihn zu schnappen, mit der Faust zu schlagen oder auch mit ihm davonzulaufen, ihn zu ‚schleppen‘. Wollte man ihn jedoch in diesem Falle mit dem Fuße schlagen, so müßte er erst auf den Boden gelegt werden.

Dieser kurze Inbegriff der Spielregeln, wie sie in Maurach gültig waren, wurde Percy von Tom auseinandergesetzt, während dieser ihn auf seinen Posten, in der Mitte zwischen beiden Zielen, geleitete.

„Jetzt merk’ Dir das!“ schloß er. „Im Anfange triffst Du den Ball überhaupt nie, Du magst es versuchen, so oft Du willst. Das schadet unserer Partei aber nicht, weil Du so weit vom Ziele weg bist. Auch näher beim feindlichen Ziele würde es nicht schaden; allein da könnte es Deinen Schienbeinen im Gedränge schlimm ergehen.“

„Aber stände ich nicht besser recht nahe bei unserm Ziele?“

„Keineswegs. Wenn Du dort nur ein einziges Mal vorbeischlügest, könntest Du uns das ganze Spiel verderben. -- So, jetzt weißt Du alles. Nur immer gut aufgepaßt! -- Komm’ jetzt zurück, bis angeschlagen ist! Donnel hat den ersten Schlag.“

Die Parteien nahmen ihre Anfangsstellung ein: zwanzig Schritte vor ihrem Ziele in einer geraden Linie, die quer über den Spielplatz ging. Donnel stand etwas vor seiner Partei, und vor ihm auf dem Boden lag der Ball.

„Fertig?“ rief er.

„Fertig!“ war die Antwort Keenans, der die Gegenpartei kommandierte.

Donnel trat zurück, nahm einen Anlauf, und der Ball flog wirbelnd hoch in die Luft.

Das Bild von Leben und Bewegung, das jetzt folgte, spottet jeder Beschreibung. Percy war vor Staunen ganz außer sich. Einen Augenblick zuvor sah er sich noch inmitten einer Knabenreihe, die fast lautlos und regungslos einer zweiten gleich ruhigen Reihe gegenüberstand; nur die Augen aller regten sich erwartungsvoll oder waren auf Donnel und den Ball gerichtet.

Sobald aber der Ball emporstieg, brach ein lauter Ruf der Begeisterung aus mehr als hundert lustigen Kehlen, und mehr als hundert Knaben rannten in einem für Percy unentwirrbaren Durcheinander über den ganzen Platz hin.

„Vorwärts, Percy!“ rief Tom, der sich dem verwunderten Neuling näherte. „Nicht in die Sterne gucken! Auf Deinen Posten!“

Damit ergriff er ihn beim Ärmel und zog ihn ohne Umstände in die Mitte des Platzes.

Alles dieses geschah, während der hochgeschleuderte Ball noch in der Luft war. Er flog gerade auf das feindliche Ziel los, aber Kennedy, einer der feindlichen Zielwächter, eine große, dünne Stange, erwischte ihn noch zur rechten Zeit.

„Schleppen! Schleppen!“ riefen seine Kampfgenossen.

„Hinwerfen! Hinwerfen!“ schreien unsere Leute -- der Einfachheit halber wollen wir Percys Partei „die unsrige“ nennen -- und laufen mit geflügelter Eile auf ihn zu.

Kennedy war offenbar kein geübter Spieler, denn er zauderte; wer aber beim Fußball zaudert, der ist verloren. Langsam entschloß er sich zum ‚Schleppen‘. Allein schon nach wenigen Schritten war Donnel bei ihm und schlug ihm mit geschickter Hand den Ball zwischen den Armen weg, daß er hoch empor flog.

Jetzt galt es, den Ball durch Keenans Ziel zu treiben. Als derselbe wieder den Boden berührte, waren die Unsrigen schon in großer Zahl zur Stelle, und, angefeuert von ihrem Hauptmann und seinen Offizieren, machten sie die größten Anstrengungen, den Ball durch die Masse ihrer Gegner hindurchzubringen.

Aber auch Keenans Leute setzten alle Kraft und Behendigkeit ein, den Ball von ihrem bedrohten Ziele abzuhalten.

Währenddessen stand Percy an seinem Platz und wunderte sich baß, wohin wohl der Ball gekommen sein möge. Man sah nichts als ein dichtes Gewühl von Knaben, schiebend, springend, rufend, mit den Füßen schlagend, alles mit großem Eifer, aber nicht aufgeregt, erst recht nicht zornig. Der Ball dagegen war verschwunden.

Tom, dessen Posten sich nicht weit von demjenigen Percys befand, war inzwischen nicht in Anspruch genommen und benützte die Muße, um Purzelbäume zu schlagen. Da näherte sich Percy mit der Frage:

„Wo ist der Ball geblieben, Tom?“

„Das möchte eben ein jeder gern wissen.“

„Aber meiner Treu, Tom!“ fuhr Percy fort und schüttelte die Locken zurück, die er nicht mehr hatte. „Ist es möglich, daß eine solche Menge Knaben sich so zusammenpressen kann? Wie viele sind es wohl?“

„Alle, mit Ausnahme von Dir, mir und unsern sechs Zielwächtern, mehr als neunzig. -- Jetzt Augen auf! Der Ball kann jeden Augenblick hierhin fliegen.“

Das Drängen und Drücken währt fort.

„Hinaus damit!“ rufen die Feinde.

„Drin halten! Drin halten!“ erwidern die Unsern.

„Playfair, komm’ hierher!“ rief Donnel schließlich durch das Kampfgetöse. „Bring’ die Zielwächter mit, nur zwei laß dort! Der Ball +muß+ drin bleiben.“

„Bleib’ hier, Percy!“ sprach Tom in Eile und schrie dann zu seinem Ziele gewandt: „Alle Zielwächter mit heran! Nur Hodder und Skipper da bleiben!“

Allein bevor dieses Kommando aus Toms Munde war, stieg der Ball in kühnem Fluge mitten aus dem Knäuel empor. Das Schicksal wollte, daß er gerade auf Percy zuschwebte, der ihm mit zagender Scheu entgegensah.

Schrecken erfüllt die Unsrigen.

„Wieder zum Ziele! Rasch!“ schreit Donnel seinen Zielwächtern entgegen.

Die Feinde jubeln, aber ein Freudenschrei übertönt sogleich ihren Triumph. Tom Playfair hat Percys Unfähigkeit nicht vergessen. Wie der Blitz ist er vor ihm, erhascht den Ball noch einen Fuß über dem Boden und fegt jetzt, den Ball in den Armen, bereits auf Keenans Ziel los.

So schnell waren diese Vorgänge einander gefolgt, daß diejenigen Spieler, die sich in der Mitte des Gedränges befunden hatten, noch nicht wieder kampfbereit waren. Tom hatte also nicht sehr viele Feinde zu gewärtigen.

„Lauft ihm in den Weg! Haltet ihn auf! Schlagt ihm den Ball weg!“ erscholl es von allen Seiten.

Allein Tom war nicht nur ein flinker Läufer, er wußte namentlich glatt und gelenkig allen, die ihm entgegentraten, zu entwischen. An dreien war er vorbei. Einen vierten umlief er und rannte dabei -- gegen seine Absicht -- einen fünften um, daß er sich kugelte. Jetzt war es die höchste Zeit, denn die Hauptmasse der Feinde war nahe an ihm. Er warf den Ball hin, um ihn schlagen zu dürfen -- bum -- der Ball flog zu Keenans Ziele. Tiefbetrübtes „O“ begann zu klingen, wurde aber sogleich zu einem hellen Freudenrufe -- der Ball flog über das Ziel.

Keenan lief und holte den Ball zurück. Nach den Regeln hatte er jetzt von einem bestimmten Platze aus das Recht eines „freien Schlages“, das heißt, niemand durfte ihn belästigen, so lange er den Ball noch in den Händen hielt.

Als der Ball wieder im Spiele war, fing das Rennen und Jagen von neuem an.

Doch diesmal scheint er sich nicht zwischen den unruhigen Beinen eines Knabengewirres verlieren zu wollen. Man läßt ihn nicht einmal zu Boden fallen. Von Hand zu Hand oder, besser gesagt, von Faust zu Faust geschlagen, schwebt er beständig über den Köpfen der Spieler. Der eine will ihn mit kräftigem Schlage dem feindlichen Ziele zusenden, da springt ein anderer hoch empor, hält ihn auf und schlägt ihn ebenso kräftig zurück. Minutenlang währt dieses Schauspiel.

Da endlich berührt der Ball den Grund. Aber ein starker Tritt Keenans treibt ihn über die Köpfe der ‚Faustkämpfer‘ gerade auf Percy zu, der ihn zur allgemeinen, vornehmlich aber seiner eigenen Verwunderung schnappt.

„Hurra!“ schrie Tom. „Lauf’, Percy, und schlag’ ihn, sobald Dir einer zu nahe kommt!“

Percys Augen leuchteten vor Eifer und Aufregung. Er blickte nach Keenans Ziele, wohin er ja laufen mußte. Aber der Weg dorthin war noch von atemlos durcheinanderrennenden Knaben erfüllt. Nach der andern Seite war alles frei.

„Hurra!“ schrie er und rannte, was er rennen konnte -- auf sein eigenes Ziel los.

„Halt, Percy! Halt! Zurück! Nach der andern Seite!“ rief Tom.