Part 15
Tom war nun keineswegs leicht zu erzürnen, aber andererseits auch kein Engel der Sanftmut. Der plötzliche, so ganz ungerechtfertigte Angriff, sowie das Gefühl des Schmerzes ließen ihn jetzt sich selbst und seiner Aufgabe vergessen; er ballte die Faust und führte einen so kräftigen Stoß auf seinen Gegner, daß dieser nach rückwärts taumelte und fast zu Boden fiel. Wie der Blitz war Tom bei ihm, um ihn völlig niederzuwerfen. Allein die erhobenen Hände senkten sich: Tom gedachte des Unglücklichen, der mit dem Tode ringend auf der Prärie lag, dachte an Percy, der ohne genügende Kleidung diesem Wetter schutzlos ausgesetzt war. Inbrünstig betete er um Entschlossenheit und Mut. Und die Gnade kam in sein Herz, sanft und lieblich, wie die Schneeflocken, welche jetzt die Luft erfüllten.
„Wenn Ihr wollt,“ sprach er, indem er einen Schritt zurücktrat, „so schlagt nur beide auf mich los. Ich wehre mich nicht. Nur um eines bitte ich Euch. Nicht weit von hier liegt ein armer Mann auf der Prärie und stirbt vor Hunger. Wenn Ihr dann mit mir fertig seid, so geht doch hin, ihm zu helfen, oder verschafft ihm sonst Hilfe! Und Dich bitte ich von Herzen um Verzeihung, Dick, weil ich Dich in der Hitze geschlagen habe.“
Während dieser Worte hielt Tom mit seiner rechten Hand in der Jackentasche das Skapulier des göttlichen Herzens gefaßt, das er einstens Percy gezeigt hatte. Seine Wangen waren blaß, aber unerschrockenen Auges erwartete er den Ausbruch niedriger Rache, den er als unvermeidlich vorauszusehen glaubte.
Allein Gott war mit diesem guten Willen zufrieden. Seine Worte bewirkten etwas ganz anderes, als er gedacht hatte.
Dick errötete -- oft mochte ihm das nicht passiert sein -- und auch auf Kracher schienen Toms Worte einen sehr tiefen Eindruck gemacht zu haben.
„Ein armer Mann?“ sprach er und war sichtlich ergriffen. „Warum hast Du uns das nicht gleich gesagt? Dann hätten wir Dich nicht aufgehalten. Aber was können wir thun? Ich habe etwas Wein bei mir, den will ich gern hergeben.“
„Wein?“ rief Tom erfreut. „Gerade das Rechte. Aber es ist keine Zeit zu verlieren; er kann jeden Augenblick sterben.“
„Dann vorwärts!“ sprach Kracher.
„Kann ich nicht auch helfen?“ fragte Dick eilig.
Die Frage war an Tom gerichtet und in einem Tone gesprochen, der zugleich volle Verzeihung zusicherte.
„Gewiß, Dick, mein Freund, Du kannst sehr viel thun. Lauf’ zur Stadt und hole so schnell Du kannst einen Wagen oder Schlitten! -- Wir sind Freunde, nicht wahr?“
Bei diesen Worten schob Tom ein Dollarstück in Dicks Hand. Der arme Junge mit den geflickten, dünnen Kleidern sah allerdings aus, als könne er eine materielle Unterstützung wohl gebrauchen.
Er wollte danken, aber die Ausdrücke für edlere Gemütsbewegungen waren ihm nicht geläufig. Er wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und wandte sich ab, ohne ein Wort hervorbringen zu können.
Tom und Kracher eilten also zur Unglücksstätte zurück.
* * * * *
Der Schnee fällt in dichter Menge. Auf der weißgekleideten Erde liegt eine frische Leiche; ihr Antlitz ist durch ein letztes Gebet verklärt.
Zur Seite kniet ein betender Knabe, ohne Schutz gegen Schnee, Kälte und Wind.
Für Tom wie für seinen minder zartfühlenden Gefährten bedurfte es keiner Worte, um den Lauf der Dinge zu erklären. Einen Augenblick standen sie sprachlos vor dem ergreifenden Bilde. Dann knieten auch sie wie auf Übereinkunft neben dem Toten nieder, und im Gebete wurden alle eins.
Als der Wagen kam und die Leiche unter dem Dache von Segeltuch geborgen war, wandte sich Kracher zu Percy:
„Kennst Du mich noch?“
Percy schaute ihn an, nickte und reichte ihm lächelnd die Hand.
35. Kapitel.
Schluß.
Percy war, als der Leser ihn kennen lernte, fast mehr Mädchen als Knabe. Aber schnell, über Erwarten schnell sind seine Mädchensitten verschwunden; ein männlicheres festeres Wesen bekundet sich schon auf den ersten Blick in Haltung und Gesichtszügen.
Daß es ihm an Opfermut ja an Heldensinn nicht fehlte, hat er bei mehreren Gelegenheiten gezeigt. Ja sein ganzes Verweilen unter den Mitzöglingen, sein unermüdlicher Fleiß, seine Bescheidenheit und nie versagende Nächstenliebe sind ein Beweis, daß die christliche Tugend tiefe Wurzeln in seinem Herzen geschlagen und der schönsten Früchte fähig ist.
Vollendet aber wurde seine Entwickelung in jener Stunde, welche er einsam bei der Leiche eines von ihm selbst für den Himmel geretteten Armen auf der öden Prärie in bitterer Kälte zubrachte. Der vortrefflich gebildete Knabe, dessen Sinn in allem stets auf das Ideale gerichtet, dessen Seele mit einem reichen wohlgeläuterten Gemütsleben ausgestattet war, erblickte dort zum erstenmale eine Welt vor sich und um sich, eine Menschenwelt, in der ein heftiger Kampf um das Wohl vernunftbegabter Geschöpfe hin und her wogt. Er sah, wie die Not der Armut und die Hartherzigkeit des Reichtums sich mit den Mächten der Finsternis verbunden haben, um den Sendboten des göttlichen Heiles, in deren Dienste die Mildthätigkeit steht, die unsterblichen Seelen streitig zu machen. In jener Stunde reifte in ihm der Entschluß, an diesem Kampfe sich zu beteiligen und unter der Fahne Gottes in den vordersten Reihen zu fechten.
Noch ist dieser Entschluß unbestimmt; Percy fühlt sich unfähig, den Weg zu wählen, der ihn durchs Leben führen soll. Jahre müssen vergehen, bevor ihm der höchste Kriegsherr den Posten anweisen wird, den er im Streite zu verteidigen hat. Aber bis dahin wird ihm der große Gedanke als ein Leitstern in den Arbeiten, den Freuden und Leiden seiner Studienjahre vorschweben.
Noch ein paar Worte, und wir scheiden von unsern kleinen Mauracher Freunden.
Fränkchen wurde nach einiger Zeit in die Kirche aufgenommen; Percy war sein Taufpathe. Mit seinem Betragen ist man ganz zufrieden. Sein Lehrer aber glaubt in ihm ein außerordentliches Talent für Mathematik zu erkennen. Seine Zuneigung zu Tom und Percy nimmt täglich zu. Er will seine Ferien bei Percy zubringen.
Tom ist noch derselbe fröhliche, hochherzige, edelgesinnte Junge. Niemand weiß, daß er ein Jahr vor Percy einen ähnlichen, aber bestimmteren Entschluß gefaßt, und seine Beständigkeit auf dem guten Wege führten weder seine Mitschüler noch die meisten seiner Vorgesetzten auf die Quelle zurück, der sie entstammt.
In den Ferien wird er vorerst einige Zeit bei seiner guten Tante Hanna zubringen; dann aber will er, wenn sein Vater es gestattet, Percy und Fränkchen für ein paar Tage besuchen.
Es ist noch nicht ganz sicher, ob auch Harry Quip, Willy Hodder und Joseph Whyte an der Partie teilnehmen. Wahrscheinlich wird es sich machen lassen. Und dann! heissa, dann wird es lustig! Denn alle bringen mit, was zur rechten Fröhlichkeit gehört, ein braves Herz und einen frischen, offenen Kopf.
Tom und Percy reisten zusammen bis Kansas City, von wo sie verschiedene Richtungen zu nehmen hatten.
„Adieu, Tom,“ sprach Percy bewegt, als sie sich trennten, „ich werde nie vergessen, wie gut Du gegen mich warst. Du hast wirklich einen Jungen aus mir gemacht.“
„Unsinn,“ erwiderte Tom, indem er Percys Hand herzlich schüttelte. „Was Du bist, verdankst Du Dir selbst. -- Du bist,“ fügte er hinzu, „Du bist mehr als ein Junge, Du bist ein kleiner +Mann+. -- Adieu, Percy!“
„Adieu! -- und behüt’ Dich Gott!“
„Adieu! Behüt’ Euch Gott!“ rufen auch wir den kleinen Amerikanern zu, „und herzlichen Dank für alle Freude, die wir in Eurer Gesellschaft genossen!“
Bemerkungen zu den ausländischen Wörtern.
Der betonte Vokal ist fett gedruckt.
=Baltimore= sprich b=a=ltimor. (Das a ist vor l stets ein Mittellaut zwischen dem deutschen a und o.)
=~Base Ball~= sprich b=e=hß bahl. (Vgl. das vorige Wort.)
=Cent= sprich ßent (siehe Dollar).
=Chicago= sprich schik=a=go.
=Cincinnati= sprich ßinßinn=ä=tti.
=Dollar= sprich d=o=ller, die Hauptmünze der Vereinigten Staaten. Er hat den Wert von 4 Mark oder 2¼ österr. Gulden oder 5 Francs. 1 Dollar = 100 Cents.
=Gladstone= sprich gl=ä=dsten, großer englischer Staatsmann der Gegenwart.
=Granger= sprich gr=e=hndscher.
=Harry= sprich h=ä=rri. Es ist eigentlich das Verkleinerungswort von Henry, Heinrich, wird aber gewöhnlich statt desselben gebraucht.
=Infirmerie=, in vielen klösterlichen Anstalten der Ausdruck für die Krankenzimmer, und die zum Dienste der Kranken bestimmten Räumlichkeiten (Apotheke u. s. w.), in Maurach ein eigenes getrenntes Gebäude. (Vgl. Tom Playfair S. 37.)
=Kansas City= sprich känßes ß=i=tti.
=Keenan= sprich k=i=hnen.
=Lincoln= sprich l=i=nkeln.
=Longfellow= sprich l=o=ngfello, amerikanischer Dichter dieses Jahrhunderts. (Vgl. +Baumgartner+, Longfellows Dichtungen.)
=Maryland= sprich m=e=hriländ.
=Middleton= sprich m=i=ddelten.
=Milton= sprich m=i=lten, englischer Dichter 1608–1674.
=Pani=; dieses Wort, Name eines Indianerstammes, wird auch wohl nach englischer Weise Pawnee geschrieben, ist aber stets pahn=i=h zu sprechen.
=Percy= sprich p=ö=rßi.
=Playfair= sprich pl=e=hfähr.
=Prärie=, weite Länderstrecken im Stromgebiete des Mississippi, die teils ganz eben, teils von niedrigen Hügelwellen durchzogen und fast nur mit Gras bewachsen sind.
=Ryan= sprich r=ei=en.
=Shakespeare= sprich sch=e=hkspihr, englischer Dichter 1564–1616.
=St. Louis= sprich ßehnt l=u=is.
=Sykesville= sprich ß=ei=kswil.
=Tennyson= sprich t=e=nnißen, ein englischer Dichter 1810–1892. Die Strophe, welche S. 52 gemeint ist, findet sich in ‚~The Princess; a medley~‘, und lautet:
~The splendor falls on castle walls And snowy summits old in story: The long light shakes across the lakes And the wild cataract leaps in glory.~
=Toast= sprich tohst, geröstetes Brot (Zwieback). In den Ländern englischer Zunge wird Toast zum Wein genommen, und so erhielt das Wort zugleich die Bedeutung „Trinkspruch“. In dieser Bedeutung spricht man es bei uns auch wohl to=a=st.
=Toilette= sprich toalette.
=Tom= ist das im gewöhnlichen Umgang gebrauchte Wort für Thomas.
=Whyte= sprich hu=ei=t.
=Willy= ist das Verkleinerungswort von William (u=i=ljem) Wilhelm; es sollte eigentlich u=i=lli gesprochen werden, doch ist es bei uns mit der deutschen Aussprache ganz eingebürgert.
=Wynn= sprich u=i=nn.