Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 9
„Kind, man kann eins nicht über das andere steigern und nicht den einen Zustand mit dem anderen vergleichen. Wer die Feierzeit des Brautstandes nicht nur durchjubelt, sondern auch zu ernster Einkehr nutzt, tut gute Vorarbeit für eine glückliche Ehe.“
Sie blieben ganz still. Der junge, blonde Kopf lag auf der Schulter der Frau, die in ernster Rührung vor sich hinsah. Und indem sie so zusammen schwiegen, fühlten sie sich in einer unzerreißbaren Einigkeit verbunden. Ihnen war, als seien Schranken zwischen ihnen gefallen, als seien sie nicht so sehr Mutter und Tochter als Trägerinnen eines Geschicks, Genossinnen in ein und der gleichen Bestimmung.
Um die Mittagszeit, wie es verabredet gewesen war, kam Emmich. Die Braut in ihrem Rosenhut, den von Rand zu Rand unter dem Kinn weg ein weißes, am linken Ohr geknüpftes Band hielt, stand schon bereit und zog sich gerade die weißen Handschuhe zum weißen Kleid an. Sie kannte es nicht anders als: Männer darf man nicht warten lassen, erstens mögen sie es nicht, und zweitens haben sie dazu keine Zeit.
Das Brautpaar wollte zu Jutta gehen, um die Mutter des fernen Kameraden respektvoll zu begrüßen.
Emmich küßte der Geheimrätin die Hand.
„Was sagst du -- Reiswitz ist Erster geworden!“ rief Renate.
Er lächelte. „Reiswitz steht offenbar in Gunst und Gnaden bei dir.“
„Und wie! Denk mal, er war der erste von der Marine, der mir Glück wünschte. Und er machte es so nett. Es war vorgestern nachmittag ja gewissermaßen noch nicht offiziell.“
„So kommen Männer zu Meriten,“ scherzte Hochhagen.
„Nur noch die Knöpfe ... ach, ich nehme keinen Sonnenschirm ... ich will Emmich einhaken ... sag mal, Emmich: Kriegt nun Reiswitz den Silbergewinn oder Herr von Gamberg?“
„Den bekommt Herr von Gamberg. Aber der Besitzer der ‚Freia‘ wird wohl, wie üblich, dem, der sie zum Sieg geführt hat, eine Aufmerksamkeit schicken. Korb Sekt -- Zigarettenetui --“
„Der Legationssekretär ist ein Vetter von Frau von Falckenrott?“ fragte die Geheimrätin.
„Durch sieben Scheffel Erbsen, wie man hierzulande sagt,“ antwortete Hochhagen und half bei den Handschuhknöpfen, was die Arbeit aber nicht förderte, da er mehr in Renatens Augen als in ihre Handfläche sah.
„Er ist eine sehr interessante Erscheinung. Vornehm. Fast auffallend beherrscht in Wort und Haltung. So, daß es wie vorsätzliche Verschlossenheit wirkt. Wie bei Menschen, die sich nur äußerlich ihrer zeitweiligen Umgebung schenken. Und sehr ernst.“
„Wer weiß warum!“ dachte Emmich.
„Ach, Mama, mach du die Knöpfe zu,“ bat Renate.
„Ja, ich bin in so was noch so unerfahren,“ entschuldigte er sich.
„Na, na ...“
„Lieber Emmich, unterwegs hat Renée Ihnen etwas vorzutragen. Sie hat sich’s ausgebeten, es Ihnen selbst und allein sagen zu dürfen. Ich möchte nur vorweg bemerken: es war meines Mannes eigenster Gedanke, und wir, mein Mann und ich, wären glücklich, wenn sich das verwirklichen ließe,“ sprach die Geheimrätin.
„Das klingt verheißungsvoll,“ meinte Hochhagen. „Ich habe Renée auch etwas vorzutragen -- nur, ich fürchte ... es wird sie nicht sehr erfreuen ...“
„O Gott -- was Unangenehmes!“ rief die junge Braut. Und unfähig zu warten, aus einem Gemisch von Angst und Neugier heraus, fragte sie -- und war doch ein bißchen blaß: „Mußt du morgen nach Samoa?“
Er lachte sie herzlich aus.
„Nein, Liebling, so flink kommt dergleichen dann doch nicht ... Zahnbürste einstecken ... Abschiedskuß ... auf Wiedersehen in zweieinhalb Jahren ... Aber ein bißchen unregelmäßig könnten meine Besuche in den nächsten Wochen immerhin werden ...“
„Lieber Emmich, sagen Sie’s nur schlank und klar heraus. Das mögen wir Frauen bei unangenehmen Sachen am liebsten. Wir haben ja alle zu viel Phantasie, und die arbeitet während einer Vorbereitung blitzschnell und malt gleich tausend Schrecknisse aus. Sie hörten es: Das Kind sah Sie schon nach der Südsee abfahren.“
„Na ... denn ... Also: der Erste Off’zier auf der ‚Thuringia‘ ist so kaputt -- nervös -- überarbeitet -- daß er wohl auf ein paar Wochen oder länger in ein Sanatorium muß, sich mal gründlich kurieren ... Ich soll ihn ersetzen. Zunächst gehen wir nur die Woche über zu allerlei Schieß- und anderen Übungen hinaus und kommen Freitag abends wieder herein. Aber dann geht’s in die Nordsee -- ein kleines Manöverpräludium bei Helgoland. Hieran schließen sich die großen Manöver in der Ostsee. Ob ich die auch noch mitmachen muß, kann ich heute nicht vorweg wissen und sagen. Krietzow -- den ich vertreten soll -- legt alles daran, sich rasch zu erholen -- sein spezieller Landesherr, zu dessen Dynastie die Krietzows immer nahe Beziehungen hatten, will vom Bord der ‚Thuringia‘ aus den Manövern zusehen ... Also das schwebt im ungewissen -- hängt von Krietzows mehr oder minderer Erholung ab -- erst mal aber bin ich da fest ...“
In raschem Überblick, sowohl als Hausfrau wie als Mutter und Gattin, dachte die Geheimrätin, daß es gar kein ungünstiger Zustand sei, wenn so ein Verlobter fünf Wochentage sich nicht allabendlich zum zärtlichen Beisammensein einfinden könne.
Aber da Renate wirklich ein bißchen verhagelt aussah, klopfte sie ihr ermutigend die Wange und sagte heiter: „Also im Ernst gar keine Trennung, sondern nur eine kleine Übung -- auch fürs Kind -- um sich auf die Marinefrau vorzubereiten.“
„Ja, Mama -- aber siehst du denn nicht -- damit ist das andere doch auch entschieden ...“, sprach Renate. Schwer vor Enttäuschung war ihr das Gemüt.
„Jetzt geht nur ... das kannst du mit Emmich unterwegs besprechen ... geht nur, sonst stört ihr Frau von Falckenrott noch bei Tisch.“
Und sie drängte das Brautpaar förmlich fort. Denn sie hatte alle Hände voll zu tun und fühlte sich schon sehr gestört. Dennoch war eine Minute übrig, um hinter der Gardine verborgen dem Paar in stolzer Befriedigung nachzusehen. Renate, lang und schlank, war nur ganz wenig kleiner als der Mann, der fest und stattlich neben ihr schritt, in guter Harmonie des Ganges. Die Geheimrätin machte gern so ihre kleinen Schlüsse aus dem Gang eines Menschen. Männer, die trippelnd oder ungleichen kurzen Schrittes gingen, solche, die immer nur das eine Bein voransetzten und das zweite nachzogen, in dieser allgemeinsten Form des Gehens, flößten ihr kein rechtes Vertrauen ein. Sie mochte Männer, die stolz und geradeaus, im sicheren Wohlmaß der Bewegung schritten. Und das tat der Kapitän Hochhagen, trotz jener leisen, fast unbestimmbaren Nuance, die den Seemann verriet.
Renate hatte ihre Hand unter den Arm des Verlobten geschoben, aber sie stützte sich dennoch nicht eigentlich, sondern schritt leichtfüßig und selbständig neben ihm einher.
„Ach ja,“ dachte sie immerfort, „es fängt schon an!“
„Sag, Süße, verstimmt es dich so schwer, daß ich während der nächsten Wochen fort sein werde? Dies Kommen und Gehen ist aber doch keine wirkliche Trennung.“
„Doch, Emmich, doch! Aber ich werde natürlich tapfer sein. Es wäre kindisch, wollt’ ich’s nicht. Trennung ist es aber doch. Du denkst wohl nicht daran: Heute haben die Universitätsferien begonnen ... Papa hat noch ein paar schwere Operierte, die erst außer Gefahr sein müssen, ehe er sie den Assistenzärzten überläßt -- aber so in vierzehn Tagen reisen wir ... Das tun wir immer in den großen Ferien Papas -- da muß er eine total andere Umgebung haben -- zwar, er arbeitet auch dann oft und viel wissenschaftlich ... aber es ist doch eine andere Art des Lebens ...“
„Und ihr reist immer alle mit?“ fragte Hochhagen in einem ihn selbst überraschenden Gemisch von Empfindungen. Es war einerseits gut, wenn diese Reise nun gerade mit seinem vorübergehenden Bordkommando zusammenfiel. Aber anderseits schien es ihm, als sei ihm Renate näher, wenn sie hier in Kiel in ihrem Elternhaus von seinen Briefen erreicht und seinen Gedanken gefunden werden konnte. „In was man sich alles reinfühlt,“ dachte er erstaunt; war es nicht gerade, als ob man in eine völlig veränderte Stellung zu Dingen und Menschen gekommen sei?!
„Nein. Fips und Heinz kommen immer zu Doktor Habel in Pension. Habels gehen erst mit ihnen an die See, solange Schulferien sind. Papa bleibt gewöhnlich bis zum achten Oktober fort und beginnt erst dann zu lesen. Ich bin immer mitgekommen -- ich bin Papas Liebling -- so ein bißchen -- es ist ja auch anders -- ich brauchte ja auch nicht wie Fips und Heinz aufs Abiturium loszubüffeln. -- Na, und jetzt ...“
Er erriet.
„Diesmal wolltest du lieber hier bleiben!“ sagte er voll zärtlicher Dankbarkeit und streichelte die Hand, die auf seinem Arm lag.
„Natürlich. Aber Mama sagt: Unmöglich. Und Papa hatte eine himmlische Idee! Ich sollte dich einladen, die ganze Zeit solltest du mit uns reisen als Papas Sohn. Jawohl.“
Nun zitterte ihre Stimme und es kostete etwas, das Enttäuschungstränlein zurückzuhalten. An den Wimpern hing es aber doch.
„Oh ...“ Er war ganz betroffen. Ob das schön gewesen wäre! Und wie hätte man sich kennen gelernt! Miteinander eingelebt! -- -- Aber man war kein Luxusmensch. Man hatte einen rauhen, wichtigen Beruf. Man gehörte nicht sich, sondern einer grandiosen Sache. Und man war gewohnt, ohne Wimpernzucken zu verzichten.
„Das ist rührend von Papa ... Und du sagst, bis Anfang Oktober bleibt ihr fort ...“
Sie nickte seufzend.
„Ich könnte Urlaub nehmen -- sowie Krietzow wieder dienstfähig ist -- nur dumm, daß man heute nicht weiß: ist das vor oder nach ’m Manöver. Jawohl ... wenn ich dir sage, daß ich seit drei Jahren nie wirklichen Urlaub hatte -- mal so zwei, drei Tage für eine Kameradenhochzeit, das war eigentlich alles. Was meinst du? Wenn ihr nicht irgendwo am anderen Ende der Welt sitzt, könnte ich doch noch nachkommen. Ja, sogar noch nach dem Manöver. Sonst früher. Alles hängt von Krietzow ab. Aber wie? Wenn’s denn auch nur nach dem Manöver anginge. Es wäre doch immer was?“
Ob es etwas wäre! Leider war man jetzt auf der Straße, ging gerade über den Klaus-Groth-Platz auf den Niemannsweg zu. Deshalb konnte Renate dem liebsten Mann nicht jubelnd um den Hals fallen. Nachdem schon alle Freude verloren gegeben war, erschien nun dieser Bruchteil davon, der doch noch vielleicht den Umständen abgerungen werden konnte, wie ein überwältigendes Geschenk.
Renate tanzte beinahe neben ihrem Kapitän einher. Und all ihre Freude strömte wie Liebesbekenntnis beseligend zu ihm hinüber.
Und allerlei Gedanken gingen, schwer von Glück und schwer auch von Mitleid und fast von Furcht, andächtig durch ihn hin: Welch ein Rückschlag für eine solche jubelnde, liebessehnsüchtige Seele, wenn sie sich plötzlich in Entsagung und Einsamkeit versetzt sieht. Ja, da mußte man wohl milde richten, wenn so eine Seele dann aus dem Gleichgewicht kam ... Arme Jutta! Und er fühlte: eine ganz besondere, reine Kraft -- eine große, heilige Einfältigkeit muß ein Frauenherz haben, um Einsamkeit ertragen zu können ...
Sie, die Eine, Süße, die hier, beschwingt von Freude, in stillem Jauchzen neben ihm ging -- sie hatte solche klare Kraft. -- Er glaubte es ...
Zwei Seeoffiziere kamen ihnen entgegen: Die Gesichter beider Herren hatten den Glanz neugieriger und erfreuter Teilnahme. Es waren Bekannte Hochhagens. Man stand still, Glückwünsche wurden dargebracht, Renate sagte, kaum daß sie vorüber waren: „Wie sind sie nett.“
Nun kam auf dem Bürgersteig Tante Adele in Sicht. Sonst dachte Renate wohl manchmal: „Du lieber Gott, schon wieder Tante Adele.“ Heute sagte sie: „Da kommt ja Tante Adele -- ach, sie ist zu nett.“
Die Dame, die heranschritt, hielt schon von weitem ihre beiden, in bräunlichen, halbdurchsichtigen Trikothandschuhen steckenden Hände mit gespreizten Fingern dem Paar entgegen. Schmachtende Freude verklärte ihr kleines Gesicht, in dem zwei blanke, braune Augen unter merkwürdig dicken Lidern auffielen. Unter dem winzigen Kinn saß das Polster eines rilligen, weißen Fettlagers. Da nun auch Tante Adelens Mund von stattlicher Breite und in seinen Winkeln ein wenig nach oben gezogen war, mußte man eigentlich Fips und Heinz in einem gewissen, ruchlosen Vergleich recht geben. Und als sie einmal, bei Tante Adelens Eintritt ins Zimmer, sachte und scheinbar ganz unbeabsichtigt „quak -- quak“ vor sich hingesagt hatten, konnte ihnen die Mutter nicht einmal einen Klapps geben, damit ihr die Jungens nicht, nach der Logik der bekannten Anekdote, mit der frechen Frage kamen: „Wen meintest *du* denn?“
„Mein Ängel!“ sagte Tante Adele überwältigt.
Renate stellte ihren Verlobten vor. Er küßte ritterlich den Trikothandschuh und sagte Verbindliches, worauf Tante Adele ihm innig die Hand drückte und ihn bedeutungsvoll mit schwimmendem Blick ansah, als schlösse sie ein schweigendes Bündnis mit ihm, das Zeit und Ewigkeit überdauern solle.
Hochhagen und Renate hörten Tante Adele zu.
„Vorgestern ist bei euch Verlobungsfete gewesen? -- Ich nehme es nicht übel, daß ich nicht zugezogen wurde -- Lüdermanns sind dagewesen? Es ist mir ja nur deshalb unangenehm, weil Frau Professor Lüdermann denken könnte, ich stehe nicht mehr so nahe ... Ach, Herr Kapitän, machen Sie das Kind glücklich. Sie ist ein Ängel ... Ich bin auf dem Weg zu deiner Mutter, um ihr Glück zu wünschen, obschon ich noch keine offizielle Anzeige erhalten habe. Ich störe Mama doch nicht? In so neuen Lebensverhältnissen werden die alten Freunde zuweilen lästig empfunden. Ich habe mir vorgenommen, ganz zurückhaltend zu sein und nichts übelzunehmen.“
Renate versicherte, daß Mama nicht gestört, sondern erfreut sein werde, und daß noch heute beim Frühstück von Tante Adele die Rede gewesen sei. Und dann setzte man seine Wege fort. Renate hatte unbestimmt das Gefühl, daß Tante Adele keinen sehr bestrickenden Eindruck gemacht haben konnte, und erklärte und entschuldigte: „Sie ist so lieb und gut. Aber weißt du: verkümmert. Nie hat ein Mann um sie angehalten, ihr den Hof gemacht, Wünsche auf sie gerichtet, Gefallen an ihr gefunden. Mama sagt, das habe ihr was Isoliertes gegeben. So, als stehe sie draußen am Gitter, und drinnen sei das Leben. Sie ist aber doch sehr nett ...“
Hochhagen sah schon: sein geliebtes Mädchen war jetzt allen Menschen gut. Denn er bezweifelte nicht im mindesten, daß sie ehedem, mit Fips und Heinz, übermütige Kritik an dieser gefühlvollen und beleidigten Dame geübt habe.
Aber er verstand ihre Stimmung: diesen Kuß der ganzen Welt ... Und das war wieder wie eine verborgene Liebeserklärung an ihn, die sein Gefühl nur immer noch steigerte.
Noch zweimal wurden sie von Kameraden angehalten, die nicht vorübergehen wollten, ohne Glück zu wünschen. Und während Hochhagen spürte, man denke: „Donnerwetter!“ und: „Der hat Dusel,“ sah er, daß Renate einen lachenden, naiven Stolz zeigte, darauf, daß er sie gewählt habe, vor allen Frauen sie ...
Wie das alles merkwürdig war: Rührend vor allen Dingen, aber doch auch verpflichtend, voll geheimen Ernstes -- voll verborgener Tragweite ...
Endlich betraten sie Juttas Wohnung. Sie fanden schon Besuch vor: den Legationssekretär von Gamberg.
Gezwungen, in kühler Unterhaltung saß man dann im Balkonzimmer. Die alte Frau thronte auf dem Sofa, vor der bräunlichen Seidenwand, auf der Reiher von Goldstickerei lächerlich vornehm zwischen weißen, schimmernden Aprikosenblüten stelzten. Sie trug ein schwarzes Kleid mit einem schmalen, lila Westeneinsatz, der durch Haken geschlossen war, aber infolge ihrer Rundlichkeit zwischen den Haken ein wenig klaffte. Aus einer dieser Spalten kam das Schlänglein einer goldenen Uhrkette heraus, daran eine Troddel hing. Während des Sprechens nahm Frau von Falckenrott oft diese Troddel zwischen Daumen und Zeigefinger der Linken und spielte nervös damit.
Sie hatte einen gespannten Ausdruck voll versteckter Erregung. Wie jemand, der sich nicht am Platz fühlt, dadurch aber mehr gereizt und beleidigt als gerade unsicher geworden ist.
Jutta, in ihrem schlichten, weißen Kleid, sah sehr bleich aus. Sie tat genau das, was man „Konversation machen“ nennt. Sie versuchte unaufhörlich ein Gespräch zu unterhalten, das alle Anwesenden irgendwie zur Teilnahme daran bewegen mußte.
Hochhagen und Renate erfuhren, daß Herr von Gamberg gekommen sei, um Abschied zu nehmen.
„Ja,“ sagte er, „seit einigen Monaten habe ich mir das Vergnügen machen dürfen, nach Kiel zu fahren -- die Montierung meiner Jacht zu verfolgen -- ihre ersten Segelversuche -- das hat mich unterhalten ...“
Hochhagen dachte, daß das nur ein Vorwand gewesen sei ... Herbert Gamberg war in der Vermögenslage, sich solche „Vorwände“ leisten zu können.
„Und das hat nun alles ein Ende? Die Fahrten nach Kiel? Das Interesse an der Jacht?“ fragte Hochhagen in gut erzielter Unbefangenheit.
„Ich trete jetzt meinen Urlaub an und nach seinem Ablauf meinen neuen Posten.“
„Ah -- Sie sind versetzt.“
„Ja.“
Es war merkwürdig, daß Gamberg vermied, jetzt und hier zu sagen wohin. „Nun,“ dachte Hochhagen, „diplomatische Versetzungen sind kein Staatsgeheimnis, man wird es ja lesen ...“
Renate sprach mit der alten Frau.
„Als Ihr Bräut’jam eben hereinkam, ergriff es mich ... der Rock meines Malte, sein Bart, fast seine Figur -- Gott, doch eine große Ähnlichkeit -- und er ist immer ein treuer Freund meines Malte gewesen.“
Ihre Stimme bebte.
„Die Trennung ist Ihnen schwer?“ fragte Renate so liebevoll, als sie konnte. Denn in einer raschen, vorurteilsvollen Empfindung fühlte sie sich enttäuscht von der alten Dame.
„Doch ja ... besonders nun, wo ich hier in seiner Häuslichkeit bin ... und immer denken muß, er sehnt sich nach Frau und Kind.“
„Nein, Mutter, nach dem Kind kann Malte sich gar nicht sehnen,“ sprach Jutta unerwartet dazwischen, „er kennt es ja gar nicht. Es ist ihm eine Geschichte, daß er eins hat. Er vergißt es auch fast immer -- das Kind ist sozusagen eine P.-S.-Angelegenheit für ihn.“
Sie sagte es ganz ohne Schärfe. Nur feststellend.
Aber das vielleicht war es gerade, was die alte Frau reizte. Sie sah an der Schwiegertochter vorbei und richtete Blick und Wort geradezu an Hochhagen, der bei Juttas Bemerkung sein oberflächliches Gespräch mit Gamberg abbrach und in plötzlich aufwallendem Unbehagen den Frauen zuhörte.
„Glauben Sie mir, lieber Herr Kapitän, für ganz kleine Kinder haben Männer nie eine so eifrige Teilnahme wie wir -- ob sie nun im Haus sind oder weit weg -- das ist gleich. -- Aber man muß deshalb nicht denken, sie hätten kein Gefühl dafür. Das wäre ja unnatürlich, wenn sie es nicht hätten.“
„Es wäre vielleicht Pose, vielleicht Lüge, wenn sie von Vatergefühlen sprächen, in einem Fall wie diesem,“ sagte Jutta und bekam langsam ein heißes Gesicht; „ich glaube nicht an die sogenannte Stimme der Natur oder des Blutes. Tausend und aber tausend Beispiele sprechen dagegen. Ebensoviele dafür, daß sich Elternliebe nur aus der beständigsten und genauesten Erfüllung der Elternpflicht gebiert. Aber das ist ja eine ungeheuer umfassende Frage. Da wir sie nicht beantworten können, wollen wir sie auch nicht anschneiden.“
Und dann setzte sie noch hinzu, im gewaltsamen Versuch zu scherzen: „Ja, Malte ist eben dienstlich nicht in der Lage, sich Vaterfreuden hinzugeben.“
Den Scherz hörte die alte Frau gar nicht. Sie hatte ein eifervolles Gefühl, daß sie diese allerpersönlichste Angelegenheit nicht zu einer großen, allgemeinen Frage umbiegen lassen wollte.
Sie spürte in ihrem Empfinden: das beraubte den fernen Sohn und damit auch sie -- bestritt ihr geradezu das ganz enge Anrecht an dies kleine Kind. Ihr kam es, seit sie hier war, vor, als müsse sie sich in ihrer Großmutterschaft betonen, während sie vorher, in der Heimat, sich einfach als die Hauptperson, als die Nächste zu dem Kindchen gefühlt hatte.
„Es ist beinahe immer,“ sprach sie mit sehr weinerlicher Stimme, „als mache Jutta meinem Sohn einen Vorwurf daraus, daß er weg ist.“
Sie lächelte, in einer eifrigen, künstlich freundlichen Art, damit man glauben möge, daß es scherzhaft gemeint sei, was sie sagte, während in ihrer ängstlich bebenden Stimme doch eine schwere Anklage mitschwang.
Renate sah sie fast furchtsam an. Von dieser alten Frau ging etwas Feindseliges aus -- unbestimmt und unerquicklich.
Herr von Gamberg stand langsam auf und trat in die Balkontür.
„Aber liebe gnädige Frau, Sie verstehen Jutta gewiß falsch,“ sagte Hochhagen voller Herzlichkeit, „Ihre Schwiegertochter war, trotz all unserer Freundschaft, doch sehr einsam. Sie ist in den Fehler aller Nachdenklichen verfallen und hat sich die einfachsten Dinge kompliziert.“
Er sah Jutta an, bittend, aufmunternd -- als wolle er ermahnen: schone die alte Frau.
Obgleich er schon begriff: diese beiden konnten einander weder schonen noch wohl tun. Obgleich er schon erkannte: die Ankunft der Mutter hatte die Lage nicht geklärt, hatte sie nur bedrohlicher gemacht.
Rechte und Art beider Frauen waren zu verschieden.
Hochhagen hatte des Freundes Mutter kennen gelernt, als unter allen Formen des Gefühlsüberschwangs Hochzeit gefeiert wurde. Als sich in dieser Mutter für das Hochzeitspaar eben alles Mütterliche verkörperte, weil auf der anderen Seite nur ein befangener Vater und eine unsicher sich gebende Stiefmutter stand. Damals hatte Freude und Rührung diese Frauentype zu einer besonderen Erscheinung von Tiefe und Würde gestaltet.
Nun schien ihm, als sei dies eine brave, liebevolle Frau aus jener Enge, in der man den Lauf des Lebens nur versteht, wenn er sacht zwischen dem Faschinenbau des Herkommens hinrinnt.
Nein, diese hatte gewiß nicht die feste, kluge Hand, die halten kann, ohne merken zu lassen: ich leite dich ...
Diese alte Frau konnte wahrscheinlich das Außergewöhnliche nicht mit Verständnis, sondern nur mit Lamentationen begleiten ...
Jetzt sprach die Mutter: „Alles ändert sich ja wohl mit der Zeit. In meiner Jugend las man ergreifende Geschichten von Frauen, die jahrelang warteten und spannen und ihre Kinder erzogen und still bereit in der Kemenate saßen, bis der Gatte aus dem Kreuzzug heimkam. Die Frauen von heute können nicht mehr so viel Geduld aufbringen, glaube ich.“
„Romantik liest sich immer besser, als daß sie sich erlebt,“ sagte Jutta.
„Ich hab’ immer gedacht, wenn’s mir so naheging, daß mein Junge so weit weg war: ja, an die Frauen aus der Franzosenzeit hab’ ich gedacht. Mein Mann hatte es von seiner Mutter und Großmutter erzählen hören: ihr Haar und ihren Trauring hat die Cornelie von Falckenrott auf dem Altar des Vaterlandes geopfert. Solche Opfer, auf einmal, wenn einen alles so hinreißt, das ist ja wohl immer leichter als die, die stille sind und lange währen. Aber ich hab’ mir dann gesagt: es hat ja einen großen Zweck.“
„Ganz gewiß,“ sprach Hochhagen warm, „das war gut und groß gedacht und gefühlt.“
„Ja, Mutter, du hast recht mit jedem Wort,“ sagte Jutta langsam.
Man wußte nicht recht, was man aus dieser Zustimmung machen sollte. Aber die alte Frau suchte einen Blick der Zufriedenheit an Hochhagen zu richten. Ihr war doch, als habe sie sich eben einen kleinen Sieg der Erfahrung und Weisheit über unbegreifliche Stimmungen der Jugend ersprochen. Das tat ihr wohl.
Sie wandte sich nun wieder zu Renate.
„Liebes Fräulein, Sie haben so ein ernsthaftes Gesicht bekommen. Ängstigen Sie sich nur nicht davor, daß Ihr Gatte in spe mal hinaus muß. Trennung facht Liebe meistens nur an. Das weiß ich aus Erfahrung. Wenn mein seliger Mann eine Inspektionsreise gemacht hatte -- er war Oberforstmeister -- Gott, ja, es ist doch eigentlich zu komisch, daß mein Malte so ganz in den Gegensatz gegangen ist. Meer und Wald ...“
So erzählte sie behaglich weiter und breitete ihre Gefühle von ehedem gern vor der jungen, respektvoll zuhörenden Renate hin.
Unterdes hatte Herr von Gamberg sich gezwungen, höflich zum Gespräch zurückzukehren.