Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 8
Aber nun kam ihr die Empfindung: diese Entwicklung hatte sich nicht auf der geraden, gegebenen Linie bewegt. Sie spürte mit der im Untergrund aller Mutterherzen sprungbereit liegenden Eifersucht, daß in Juttas Gemüt Zustände waren, die sie, die Mutter, nicht verstehen und erkennen konnte, und die allein schon deshalb ihr bedrohlich schienen und sie mit feindseligen Vorurteilen erfüllten.
Die Mutter hatte gar nichts anderes erwartet, als daß Jutta ihr schon im Wagen um den Hals fallen und vor Freude glühend sagen werde: Ich soll zu ihm reisen! Ist es nicht himmlisch?
Kein solcher Ausbruch hatte stattgefunden. Im Gegenteil war etwas in Juttas Wesen und in der Art, wie sie in den Gesprächen an der Hauptsache vorbeiglitt, daß die Mutter sich noch nicht einmal getraut hatte, ihrerseits davon anzufangen.
Aber nun, nach der Äußerung über die Ähnlichkeit, nun nahm sie sich ein Herz.
„Liebes Kind,“ begann sie und faltete dabei auf das sorgsamste ihre Serviette zusammen, um sie dann in den silbernen Ring zu stecken, „liebes Kind -- das ist ja wohl kein kleiner Entschluß? Malte schrieb so kurz und bündig davon. Bloß so ungefähr: hol das Kind, Jutta soll gleich zu mir kommen, wir können uns in Hongkong treffen. Aber wenn man zu seinem liebsten Mann reisen kann, ist ja alles egal: Seekrankheit und die weite Tour. Wirst du seekrank? Du bist doch mal als Backfisch mit deinen Eltern nach Schottland gefahren und nach ’m Nordkap.“
„Das wäre ja egal,“ sagte Jutta zerstreut.
Die alte Frau wischte sich die Lippen nochmals mit der vom Ring zusammengehaltenen Serviettenrolle ab, legte sie dann entschlossen hin und fuhr eifrig fort: „Du kannst mir Baby ruhig anvertrauen. Das weißt du ja auch. Zu meiner Zeit waren andere Methoden. Aber ich werde mich ganz an die halten, die du bisher mit Baby befolgt hast. Frau Oberst Ruhland wunderte sich immer so. Ihre Enkel werden immer das erste Jahr in Kleie gebadet. Nun kann sie mal sehen, daß ein Kleines auch ohne das stramm wird. Frau von Brechta ist ganz gegen Baden. Ihre Enkel werden bloß kalt abgewaschen. Sie sind aber auch skrofulös. Wir sprechen oft bei unserer Whistpartie von diesen Sachen. Man kann ja verschiedener Meinung sein. Aber das muß ich doch mal sagen: du glaubst nicht, wie rechthaberisch die Brechta wird. Was ihre Kinder und ihre Enkel haben und tun, ist immer besser als das, was unsere sind. Ja ...“
Diese Worte stießen für Jutta kein Fenster auf, durch das sie hineingesehen hätte in ein rührendes kleines Idyll, wo alte Frauen, Daseinskämpferinnen a. D., ausgeschaltet aus allem weiblichen Erleben, von fern in bescheidener, vielleicht auch stillschmerzlicher, entsagender Zuschauerfreude ihrer Kinder und Enkel Tage in endlosen Gesprächen nachkosteten. An diesem Whisttisch, dessen blanke Platte die starkgeaderten, blassen, alten Hände, die die Karten hielten, widerspiegelte. Und wo eigentlich jede Frau nur Monologe sprach und den Reden der Genossinnen nur scheinbar aufmerksam zuhörte, um damit für die eigenen Mitteilungen Aufmerksamkeit zu erkaufen.
Nein, Jutta dachte nur in flüchtiger Verwunderung, was diese fremden alten Frauen mit ihrem Kinde zu tun hätten. Und sie fühlte: sie müsse sprechen.
„Mutter,“ sagte sie sanft, „es ist noch nichts entschieden.“
Die Mutter öffnete den Mund.
„Wir sprechen morgen darüber,“ fuhr Jutta fort, „ich glaube nicht, daß ich es über das Herz bringe, mich von meinem Kind zu trennen. Und auch sonst ...“
Die Mutter kannte nur ganz einfache Gefühlszustände. Für sie bestand das Leben eigentlich aus lauter Vierecken, die man, gleich Mauersteinen, glatt aneinander bauen kann.
Diese Äußerung war ihr gar nichts Rätselhaftes. Sie sah sofort einen Haufen Gründe, die ihr auch Juttas verhaltenes, unfreies Wesen mit einem Schlage klar machten.
Mit Blick und Rede drang sie nun auf Jutta ein, sehr lebhaft, gar nicht beleidigt, sondern voll Gerechtigkeit.
„Fühl’ ich dir nach, Kind. Ganz und gar. Du denkst: was wird Mutter für Last haben, sie ist es nicht mehr gewohnt mit so einem Kind! Und du denkst, das kostet Mutter ja auch zu viel, denn die Martha muß doch mit. Und du meinst auch: so ’ne Reiserei nach China ist zu teuer, man darf sich solchen Luxus für sein Gefühl mit gutem Gewissen nicht gönnen, man muß tapfer sein. Und du bildest dir ein, nachher schmeckt das Alleinsein doppelt schlecht und fürchtest: wer weiß, vielleicht kann ich’s dann nochmal erleben müssen, ein Baby zu bekommen, wenn mein Mann fern ist. Aber sieh mal ...“
Und nun widerlegte sie selbst all diese einfach derben Gedanken, die sie für selbstverständlich als die die Tochter beherrschenden annahm, und verbreitete sich darüber, daß es ihr keine Last, sondern ein unaussprechliches Vergnügen sein solle; daß man ja die Mehrkosten ihres Haushaltes, die entständen, ganz ungeniert verrechnen könne; daß junge Leute, die sich liebten, auf ein paar tausend Mark nicht sehen sollten, um so weniger, als sie es doch dazu hätten. Und zu dem letzten Punkt der Erwägungen, die sie bei Jutta vermutete, brachte sie allerlei Beispiele vor von Frauen, die sich durch den unruhevollen Beruf des Mannes drei- und viermal hintereinander in ihrer schweren Stunde allein gesehen ...
Ihr Leben war klein und eng. In solchem Leben drängt schon die Notwendigkeit, alles mit plumper Genauigkeit zu erwägen ...
Und aus dieser ihrer Gewöhnung heraus sprach sie eifrig, gutherzig, voll Verstand ... dem freundlichen Hühnerhofverstand ... für den es innerhalb seines Gitters keine Diskretion und außerhalb keine Bewegung und Wichtigkeit mehr gibt ...
Dem Strom dieser Redeflut, die aus dem Ackergelände einer platten Auffassung sich heranwälzte, fühlte Jutta sich nicht gewachsen. Wie hätte sie ihm begegnen sollen? Mit dem Geständnis ihrer Unklarheiten und ihrer Not?
Der bloße Gedanke erschien hiernach beinahe grotesk ...
„Morgen, Mutter, morgen,“ sagte sie matt.
Und in der Nacht lag sie und sann den Brutalitäten der Entwicklung nach.
Ist denn von Mensch zum Menschen keine Sicherheit? Stellt die Trennung jeden in ein anderes Licht?
In uns bleibt das Bild des Fernen fest ... Er aber ändert sich -- und kehrt er zu uns zurück, so stimmt sein Gesicht und Wesen nicht überein mit dem Bild von ihm, das unsere Seele in sich trug.
Oder ist es noch anders: wandelt sich in unserem Gedächtnis alles leise und stetig? Gibt es da ein geheimes Wachsen und Umgestalten? Geht es über unsere Kraft, eines Menschen Wesen in klaren und genauen Farben in uns lebendig zu erhalten? Ändern wir es unbewußt, im Maß, wie wir uns selbst ändern und weiterwachsen? Passen wir die Fernen uns etwa an? Nur um sie auf unserem Weg mitnehmen zu können -- um sie nicht zu verlieren?
Käme das nicht darauf hinaus, daß man die Fernen nur als Herzensbesitz behalten kann, wenn man sie niemals wiedersieht? ...
Die Trennung zerreißt jedes Band ... Zerrissene Bänder kann man wieder zusammenknüpfen ... ja -- es ist dann aber kein glattes, festes Band mehr -- es ist eben ein Knoten darin ...
So grübelte Jutta und konnte es nicht begreifen, daß diese brave, prächtige Frau, daß sie die teure, gütige, aufopfernde Mutter aus den Tagen sehnsüchtigen bräutlichen Glückes sein sollte ... Und es wirkte aus ihrer Erscheinung, aus ihren Gesten, Blicken, Worten noch so vieles peinvoll auf Jutta hinüber ...
Die Ähnlichkeit mit dem Sohn war es -- kleine, ungünstige Ähnlichkeiten -- am Mann Züge, die sich ganz unauffällig oder gar harmonisch in seine Art eingefügt hatten -- die, ins Weibliche, Gealterte, Vernachlässigte übertragen, aber nicht sympathisch berührten -- die man übersehen hätte, wenn sie nicht eben durch die Anklänge aufgefallen wären ...
Und Jutta fragte sich mit Entsetzen: „Wenn ich ihn wiedersähe, sähe ich ihn dann auch anders ... als damals ...“
In Tränen ausbrechend, drückte sie ihr Gesicht in das Kissen. Sie begriff: alles war noch unklarer und drohender geworden. Es war beinahe, als wenn die Mutter mit ihrem breiten, nüchternen Wesen sich vor das Bild des Sohnes stellte, das, ach -- nur noch ein unsicherer Schatten gewesen war ... und nun gar nicht mehr zu erfassen schien ...
V
Im Hause der Gervasius mußte man nun den neuen Zustand mit der wichtigen und bestehenden Ordnung der Dinge in Einklang zu bringen suchen. In das um den Geheimrat kreisende System paßte eine bräutliche Tochter mit ihren gerechten Ansprüchen nicht so ohne weiteres hinein. Er selbst machte sich hierüber nicht die geringsten Gedanken. Nach Art genialer und übermäßig beschäftigter Männer hatte er von der Möglichkeit von Kollisionen und Schwierigkeiten im Familienleben und Hausstand keine Ahnung. Seine Frau täuschte ihm jederzeit einen leisen, geölten Gang der Maschine des Alltags vor.
Auch jetzt war die Geheimrätin ihrer selbst und ihrer strategischen Künste ganz sicher. Alles würde schon irgendwie klappen, ohne daß ihr Mann spürte: da kamen Störungen heran ... die Telephondrähte des glatten Berufsbetriebs könnten ihm verwirrt werden ... Die bloße Furcht davor erzeugte in ihm schon eine Nervosität, und sie ließ es nicht einmal zu dieser Furcht kommen.
Mit der gewohnten heiteren Seelenruhe saß sie beim Morgenbrot mit den Ihrigen.
Das belaubte Geäst der großen Ulme, die nahe bei der Veranda stand, besprenkelte den Kaffeetisch drinnen hinter der Glaswand mit Schattenflecken. Mutter und Tochter, in weißen Hemdblusen und knappen grauen Röcken, hatten nicht das allermindeste von einem Morgenprovisorium in der Kleidung. Frisch und stramm waren sie angezogen.
Die beiden Jungens, Philipp und Heinrich, beide im Alter, wo man zu lange und zu viele Arme und Beine zu haben scheint, verhielten sich ziemlich schweigsam und frühstückten mit einer ungemeinen Energie. Noch vor drei Tagen hatten sie sich beständig dadurch geärgert und in ihren Menschenrechten beeinträchtigt gefühlt, daß Renate erwachsen war. Sie sahen in diesem Umstand kein Verdienst der Schwester, die ihnen nicht für zehn Pfennig imponierte, wie sie zu sagen pflegten. Sie waren auch in ihrem tiefsten Gemüt überzeugt, daß Renate der übrigen Welt ebenfalls nicht imponiere, und daß es ein großer Erziehungsfehler der Eltern sei, „das Mädchen“ schon in Gesellschaften und auf Bälle gehen zu lassen, so daß sie nicht mehr, wie sonst, allabendlich mit den Brüdern spielen und lesen konnte. Auch kam es oft vor, daß die Mama warnend über den Garten rief: „Renée!“, wenn man sich mal wieder himmlisch lustig mit ihr prügelte -- als ob ihr das was schade! Nee, von einer Etepetete-Schwester hatte man kein Vergnügen und wenig Nutzen -- höchstens daß sie einmal mit Taschengeld aushalf oder bei Mutter abbettelte, was die für die Jungens nicht gleich erlauben wollte.
Nun aber hatte ihre rauhe und streng kritische Haltung einen Stoß bekommen, und das Gleichgewicht ihrer respektlosen Jungensseelen hatte sich noch nicht wieder eingefunden. Sie waren -- niemals hätten sie es sich oder irgendeinem Menschen eingestanden -- schlechtweg verlegen vor der Braut! Mit Hochhagen waren sie soweit einverstanden. Sie besprachen ihn unter sich und stellten fest: er hatte sich famos benommen! Ganz gemütlich und brüderlich streckte er ihnen die Hände entgegen und sagte: „Na -- Fips und Heinz, wir wollen uns fein vertragen -- was?“ Sie fühlten auch schon eine leise Ahnung in sich aufsteigen, daß so ’n Schwager und eine verheiratete Schwester ihnen allerlei Vorteile bedeuten könnten. Aber noch sträubten sie sich, in ihrer Haltung die Schwenkung von Respektlosigkeit zum Respekt offen zu vollziehen.
Nun saßen sie und genossen es, daß sie ausnahmsweise gar nicht beachtet wurden und mit Löffel und Silbermesser in die Butterdose und Kristallschale voll Pfirsichmus wahre Schächte graben konnten.
Außer Mutter, Tochter und den beiden Jungens war da noch eine Zeitung am Tisch. Eine große entfaltete Zeitung, und am Fuß ihrer Wand stand auf der Tischdecke eine Teetasse und eine Eierplatte, von der jemand die Spiegeleier schon abgegessen hatte. Da nun diese bedruckte Papierwand auch von feinen, weißen Fingern gehalten wurde, bestand begründete Vermutung, daß sich hinter ihr wohl der Geheimrat befinden möge.
„Aber Kind,“ sagte die Geheimrätin, „Fips und Heinz kommen doch immer in Pension während der Universitätsferien.“
„Ich dachte,“ wandte Renée ein und bettelte sehr mit Stimme und Augen, „daß Fips und Heinz diesmal nicht zu Doktor Habels brauchten, daß sie hier bleiben könnten ...“
Ihre Blicke begegneten sich mit denen der Brüder. Sie lächelten sich alle drei sehr pfiffig zu. Fips und Heinz begannen Schlaraffentage zu ahnen: die Eltern weg -- bloß das Brautpaar als Aufsicht! Donnerwetter, das konnte nett werden ...
„Liebling,“ sagte die Geheimrätin, „was denkst du nur: Vater und ich können doch nicht auf Reisen gehen und ein Brautpaar hier unbeaufsichtigt lassen. Was sollte man davon denken.“
„Wir wollen wohl auf Emmich und Renée passen,“ sagte Fips eifrig.
„Es ist völlig schnuppe, was die Leute denken,“ stellte Heinz voll Weltverachtung fest.
„Tante Adele könnte uns bemuttern!“ schlug Renate dringlich vor.
„Mein Ängel ...“ äffte Fips der altjungferlichen Tante Adele nach, die so zärtlich und getragen die Geheimrätin, ihre Jugendfreundin, anzureden pflegte.
„Unmöglich. Stell dir vor: wie lästig für Emmich. Er soll doch Rücksichten auf sie nehmen. Ihm müssen all ihre sentimentalen und anspruchsvollen Schrullen ungenießbar sein. Wir haben Geduld, weil wir das langsam sich wie Moos ansetzen sahen. Und den treuen Menschen darunter wissen. Nein, nein. Auch will Adele im August zu ihren Geschwistern.“
„Und wenn ...“ Renate mochte es ja wirklich kaum sagen. Aber der heiße Wunsch ... die erste junge Brautglückseligkeit ... „Und wenn -- Vater allein ...“
Die Geheimrätin setzte mit Entschiedenheit, fast klirrend, ihre Tasse hin, aus der sie gerade hatte trinken wollen.
„Aber Liebling ... Kind! Ich soll Vater allein reisen lassen! Bist du bei Trost! Die Universitätsferien im Hochsommer sind die einzigen Wochen, wo Vater uns hat, wo wir ihn haben. Im Frühling arbeitet er meist durch -- oder gönnt sich mal ein, zwei Wochen. Von Anfang Juli bis September gehört er doch einigermaßen sich und uns. Sieh mal, ich denke so: du gehst mit! Übers Jahr bist du Frau. Nun haben wir noch einmal unsere Tochter. Lockt dich denn die Schweiz nicht? Lockt dich Italien nicht?“
„Da bin ich ja schon allerwärts gewesen,“ sagte Renate betrübt.
„Und verlobt ist sie noch nicht gewesen!“ gab Fips zu bedenken.
Im Hinblick auf die möglichen Schlaraffentage waren sie wieder eins mit der Schwester.
„Ach -- Naseweis,“ sagte die Mutter und mußte lachen.
In diesem Augenblick sank knisternd die hoch auseinander gespannte Zeitungswand zu einem unordentlichen und widerstrebenden Faltengehäuf von Druckpapier zusammen, auf dem die feinen Operateurhände ruhten.
Der Geheimrat, schmunzelnd und überlegen, mit pfiffigen Blicken seine Tochter anguckend, sagte erwägend: „Was meinte Fräulein Tochter, wenn wir den Kapitän Hochhagen einlüden, Urlaub zu nehmen und uns als Gast zu begleiten? Da der alte Papa offenbar keine Gesellschaft von Anziehungskraft mehr für seine Tochter ist, werden ihr vielleicht die Schweiz und Italien durch dieses ausgezeichneten Mannes Begleitung etwas sehenswerter vorkommen.“
„Papa!“ jubelte Renate und stürzte auf ihren Vater zu, einen umgepolterten Korbsessel hinter sich lassend.
Heinz und Fips sahen Schlaraffenland in die Versenkung fahren.
Und die Geheimrätin war beinahe starr: ihr Mann hatte zugehört! Sonst, wenn er hinter seiner Morgenzeitung saß oder mit einem Buch in der Hand, hätte man einen Mordanschlag auf seine eigene Person verabreden können, und er würde es nicht gemerkt haben. Er hatte hinter seiner Papierwand gesessen und dem Gespräch zugehört! Nein, so etwas ...
Der Geheimrat ließ in wohlgefälligem Behagen die Küsse der Tochter über seine Wangen ergehen und spürte die Kraft ihrer jungen Arme, die seine Schultern umpreßten.
Aber dieser Jubelsturm stockte plötzlich.
„Wenn er aber keinen Urlaub bekommt!“ sagte sie in schweren Sorgen.
„Das mußt du mit Exzellenz Marweg ausmachen -- oder oder wer sonst die gnadenspendende Instanz für Emmich sein kann -- ich bin in den Wirrnissen der Rang- und Kommandoverhältnisse gänzlich unorientiert. Aber wer es auch sei: ich denke mir, wenn du dem betreffenden großen Mann so zu Leibe gehst wie eben mir, kann er nicht widerstehen.“
Die Jungens pruschten.
„Du machst immer schlechte Witze, Papa,“ sagte Renate, noch umwölkt. Aber da sie, im Gegensatz zu ihrem Papa, schon in allen Marineangelegenheiten sehr orientiert war und von dem Tag an, wo sie in bezug auf den Kapitän Hochhagen empfunden hatte: „den oder keinen“, sich durchaus identisch mit der K. M. fühlte, so fuhr sie belehrend fort: „Emmich ist zur Verfügung des Chefs der Ostseestation ...“
„Na also ... man erbitte, daß der Chef verfügt ...“
„Ach, Papa,“ fiel Renate ihm in die Rede, „du kannst dir keinen Begriff davon machen, wie es an Offizieren mangelt! Die Urlaubsverhältnisse sind schrecklich -- einer muß schon halbtot gearbeitet sein, ehe er mal loskommt.“
Die Geheimrätin und ihr Mann lächelten sich an. Diese frische, drollige Weisheit rührte sie. Die Geheimrätin dachte an ihre Brautzeit, wo sie, nachdem sie einen halben Tag eines Klinikers Verlobte gewesen, mit nicht minderer Autorität von seinen Berufskomplikationen sprach.
Drinnen im Haus schlug eine Uhr acht. Sie schlug sehr anspruchsvoll, als habe sie Bedacht, daß nur ja recht weithin ihr pastoraler, feierlich gemessener Ton den Leuten melde: eine Stunde sei zwar ins Meer der Zeit zurückversunken, aber man könne ruhig sein, sie, die Uhr, bleibe standhaft auf dem Posten.
Und dieser weise Klang, der achtmal in die köstliche Morgenfaulheit hinausdröhnte, störte sie denn auch gründlich.
Fips stopfte den letzten Happen seiner Semmel -- er hatte zwei mehr gegessen, als sonst sein äußerstes Maß war -- in den Mund; Heinz hielt, mit stark zurückgelegtem Kopf, den Tassenrand zwischen den Lippen, damit der dicke Zuckerbodensatz noch hineinrutsche.
Die Geheimrätin klappte in die Hände und mahnte zur Eile. Renate lief ins Haus, auf den Flur, um nachzusehen, ob die Bücherriemen der Brüder auch alles Nötige umschlossen; dies Amt war ihr, zum Zorn von Fips und Heinz, seit zwei Jahren von der Mutter auferlegt, und sie erfüllte es so gewissenhaft, daß auch heute die Jungens auf dem Flur von ihr mit der raschen Mahnung empfangen wurden: „Wo ist dein deutsches Aufsatzheft, Fips? Heinz, dein Vocabulaire fehlt, du hast doch heute Französisch!“
Draußen gab der Geheimrat seiner Frau einen Kuß auf die Stirn. Halb neun fing er an zu operieren, es war also Zeit, in die Klinik zu gehen und sich vorzubereiten.
„Hast du viel heute?“
„Nur drei Sachen, eine davon etwas schwerer!“
Aus solchen Antworten zog die Geheimrätin dann ihre Schlüsse: Er kommt präzise, verspätet oder gar nicht zum Gabelfrühstück. Und hiernach richtete es sich, ob er mit von den allgemeinen Schüsseln zu essen bekam, ob besonders gekocht wurde für ihn, oder ob man in sein Studierzimmer einen nahrhaften und leichten Imbiß stellte. Sie hatte auch in ihrem Gedächtnis ein Register. Da stand: Gestern ist eine sehr, sehr schwere Operation gewesen, und solange Gefahr ist, darf man ihn nicht anreden, muß sein Schweigen nicht unterbrechen, muß abwarten, ob er spricht. Oder: Heute entläßt er geheilt eine Patientin, die ein halbes Jahr gelegen hat, es ist eine arme Frau, man muß daran denken, ihr noch eine kleine Freude zu machen, dann freut er sich auch. Oder: Er hat vor ein paar Tagen Ärger mit Doktor Berthold gehabt -- erwähne nur nicht, daß du die Frau Doktor Berthold gestern trafst, und daß sie sich unterstand, schnippisch zu sein.
Sie hatte auch herausgefunden, daß aus unbegreiflichen Gründen an einigen Tagen der Woche die Sprechstunden überlaufener seien als an anderen; als gäbe es geheime Gesetze, denen zufolge Leidende sich vor allen Dingen am Montag, Mittwoch und Sonnabend konsultationsbedürftiger fühlten. Sie hegte einen adressenlosen Zorn in sich, wenn für diese Tage auch noch schwere Operationen angesetzt waren.
Einladungen zu Diners und Soupers besprach sie nie. Sie verfügte völlig. Für die Tochter nahm sie an, für sich und den Geheimrat behielt sie die Entscheidung bis zur letzten Stunde vor. Die Bekannten waren dazu erzogen worden, mit dieser Unbestimmtheit zu rechnen. Fühlte sie: Er wird unter keinen Umständen Zeit und Lust haben, in Gesellschaft zu gehen, erfuhr er überhaupt gar nicht, daß man ausgeladen gewesen war. Übersah sie am Mittag, daß es ihres Mannes Stimmung entsprach und ihm eine wohltätige Ablenkung sein werde, unter Menschen zu sein, so sagte sie ihm einfach: Wir werden heute abend da und da speisen.
Über diese paradoxe Wirkung, daß aus der höchsten Unterordnung eine Form von Frauenregiment sich ergeben hatte, konnte der Geheimrat amüsiert spaßen, und Wendungen, wie „wenn ich darf“ -- „falls meine Frau erlaubt“, kamen bei ihm vor.
Nun ging er also; im Zimmer stieß er noch auf die vom Flur zurückkehrende Renate, die ihn mit der zärtlichen Dreistigkeit, die junge Töchter den berühmtesten Vätern gegenüber haben können, noch flink mal umarmte und um sich selbst drehte.
Dann war sie schon draußen und räumte den Tisch ab, während nun die Mutter hinter der Zeitungswand verschwand.
Renate sang ein bißchen vor sich hin. Dann unterbrach sie ihr Liedchen. Schon mit dem beladenen Teebrett in den Händen, das sie vor sich hielt, sagte sie: „Bitte, Mama -- sieh mal nach -- der Bericht muß doch schon drin sein -- Wettfahrt Kiel-Travemünde -- unter Jachten der Kreuzerklasse II -- ist ‚Freia‘ placiert -- Erste? Ja? Hurra. Na, das freut mich für Reiswitz -- das Gewitter vorgestern -- das hat die Flaute behoben -- du, die ‚Freia‘ gehört dem Legationssekretär von Gamberg, der gestern abend mit bei Rosenfelds war. Er ist ein Vetter von Jutta Falckenrott. -- Mama, wen magst du lieber leiden: Lisbeth Rosenfeld oder Jutta ...“
Die Geheimrätin ließ etwas ergeben die Zeitung sinken und sagte milde: „Kind, ich kenne die beiden Damen noch so wenig.“
„Aber so was weiß man doch sofort! Lisbeth ist ja lustig und lebendig -- denk mal, sie hat mir gestern abend schon gesagt, daß wir uns du nennen wollen -- aber für Jutta, weißt du, Mama, für Jutta schwärme ich! Sie ist so schön. Und es ist so etwas Geheimnisvolles in ihren Augen und in ihrem Wesen.“
„Es ist das Vorrecht deiner Jahre, zu schwärmen,“ sprach die Geheimrätin nachsichtig.
Renate setzte das Teebrett wieder hin.
„Glaubst du, Mama, daß Emmich Urlaub bekommt und mit uns reisen kann?“
Die Mutter lächelte.
„Kind, was kann ich davon wissen. Wir wollen es hoffen. Ich finde Papas Idee sehr glücklich.“
„Ach ja,“ sagte Renate aus vollem Herzen und machte sich zum Schoßkind bei der Mutter, zugleich beide Arme um ihren Hals legend, „es wäre zu schön. Sieh, wie genau lerntet ihr euch kennen -- Emmich und ihr -- wer weiß, ob ein so tägliches und nahes Zusammensein sonst jemals im Leben wieder sein könnte. Und wir lernten uns kennen! Er und ich! Jetzt ist es alles so wie ein glückseliges Ahnen -- manchmal denk’ ich, es ist Traum oder Rausch -- ich fühle wohl, Mama, daß es nicht diese Stimmung ist, in der man durch das Leben geht. Jetzt ist alles so heiß, so aufgeregt in mir, ich weiß manchmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll ... Ich weiß, allmählich kommt das zur Ruhe, und dann kommt wohl so ein heiliges Wissen von Liebe und Zusammengehörigkeit wie bei Papa und dir.“
Die Mutter zog ihr Kind noch fester an sich. Und das Kind, auf der Schwelle des Frauenlebens, staunend, erregt und doch etwas furchtsam stehend, fragte flüsternd am Ohr der Mutter weiter: „Mama, ist es *noch* schöner, verheiratet zu sein als verlobt zu sein?“
Die Mutter schluckte ein wenig, nahm sich zusammen und wich scheu der Antwort aus, die, klar und für jedes Herz gültig zu geben, über Frauenvermögen ist.