Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 7
Sie nickte ihrer Tochter zu, der künftigen Marinefrau. Und Renate erwiderte dies mütterlich stolze Lächeln mit aufstrahlendem Blick.
Hochhagen vermied es, Jutta anzusehen ...
„Das ist anders, wie Sie sich das vorstellen,“ sprach Jutta, „Ihre Pflichten schließen Leben und Bewegung in sich. -- Sie dürfen aktiv sein. Ich habe nur zu warten.“ Mit so schwerem Ausdruck sagte sie es, daß er der Geheimrätin auffiel.
Eine rasche Gutmütigkeit wallte in dem Herzen der Frau empor -- ein flüchtiges Mitleid und Ahnen, so wie es Menschen anwandeln kann, die eigentlich zu sehr ausgefüllt sind, um noch Anteilnahme für andere Schicksale aufbringen zu können.
„Gott -- ja,“ dachte sie, „wenn man verliebt, jung und temperamentvoll ist, muß es wohl schwer sein.“
Und sie hoffte im Vorbeigehen, daß Emmich nicht so bald ein Auslandkommando erhalten würde. Später mal, sehr gern. Dann bekam man seine liebe Älteste ein bißchen wieder als Tochter ins Haus, und das müßte wundervoll sein ... Als Freundin mit der verheirateten Tochter sich gut stehen, das hatte sich die Geheimrätin immer wie einen Gipfelpunkt des Frauenlebens ausgedacht ...
Und Renate seufzte ein wenig. Ganz zuversichtlich hatte sie noch eben das stolze Lächeln der Mutter mit glücklichen Blicken beantwortet. Nun fiel ihr plötzlich ein, wie zornig und gramvoll Jutta heute nachmittag von ihrem Los gesprochen hatte.
So leise, so andeutend nur der Seufzer gewesen war: Emmich hatte ihn doch gehört. Und er sah auch, daß über das Gesicht der Mutter ein Ausdruck von Mitleid ging.
All das schien ihm feindselig -- als bedrohe das auch ihn und seine Glücksicherheiten.
Er sagte sehr liebevoll und vielleicht wieder ein wenig bevormundend: „Das Warten hat ja nun ein Ende. Frau von Falckenrott wird nach Hongkong reisen.“
Jutta erhob ihr Haupt.
„Nein,“ sprach sie klar und fest, „ich werde nicht nach Hongkong reisen.“
Sie sah ihn an. Ganz gerade. Wie eine, die unerschütterlich geworden ist.
Hochhagen wurde rot. Er erschrak. Und ihr Ton erregte ihn. Es schien versteckter Trotz darin.
„Ich hoffe, es ist nicht Ihr letztes Wort.“
„Ich gehöre nicht zu den Frauen, die heute nein und morgen ja sagen.“
„So haben Sie schon an Malte depeschiert?“
„Nein. Das nicht. Es kommt ja auf den Tag nicht an.“
„Oh, Sie wollen nicht zu ihm?“ fragte Renate erstaunt, „ich -- ich reiste gleich, wenn Emmich riefe und und wenn ich nach Yap sollte ...“
Die Geheimrätin spürte mit dem feinen Ohr der Weltdame, daß ein harter Klang in den raschen Worten war, die zwischen Jutta und Emmich hin und her flogen. Sie begriff nicht ... dachte auch diskret daran vorbei ... wollte nur gütig alles ins gesellschaftlich Freundliche lenken und sprach beinahe lobend: „Es tut Ihrem Gemüt wohler, hier in der Heimat still Ihrem Kindchen zu leben und tapfer weiter zu warten?“
„Ich will mit der Kleinen fortgehen -- schließe meine Wohnung zu -- gebe sie vielleicht auf -- ich weiß noch nicht -- aber fort will ich -- in die Berge vielleicht -- das findet sich.“
Und dabei sah sie immer Hochhagen an, als teile sie ihm Dinge mit, die hinter ihren Worten standen ...
Er erhob sich.
„Was ist geschehen?“ dachte er.
In diesem Augenblick kam Lisbeth Rosenfeld heran, mit ihren eifrigen Bewegungen, ganz erfüllt von einem Einfall. Sie war wieder einmal getragen von glühender Lebenslust. Ihr Mann lächelte ein bißchen ergeben, und der Geheimrat, mit einem undeutbaren Pläsier, das ihm in feinsten Fältchen um die Mundwinkel und Augen saß, rieb sich die feinen Operateurhände.
„Frau Geheimrat, süße Renate und du, Liebes, hört mal zu. Die Tatsache, daß Emmich uns mit Geheimrats so eng zusammengeführt hat, muß extra gefeiert werden. Bei uns natürlich. Morgen. Ausgemacht. Ja?“
„Morgen hast du wieder Zwirnbeine und im Kopf einen großen Ballon, der platzen will, und bist sterbenskrank,“ neckte Jutta, die sich plötzlich ganz in der Gewalt hatte und eine trotzige Fröhlichkeit in sich aufschäumen fühlte. Es war gesagt -- gesagt -- es schien, als seien Würfel gefallen ... wohin? Vielleicht rauschte ihr Fall nur ins Unbestimmte hinein -- aber Jutta spürte doch die Bewegung -- ihr Schicksal stand nicht mehr still ... Und die Stärke ihres Temperaments blitzte durch ihr Wesen.
„So, so,“ sagte der Geheimrat amüsiert, „das kommt also vor? Ein Lendemain mit Zwirnbeinen.“
„Ach,“ prahlte Lisbeth mit heißem Gesicht, „nur wenn ich zu viel tanze. Warum läßt Hektor das zu! Heute tanz’ ich ja nicht. Also morgen bei uns.“
Und da es ihr unmöglich war, einen Tisch zu decken, ohne ihn fort und fort zu vergrößern und so viel heranzuladen, als die Räume nur fassen mochten, zählte sie auf: „Natürlich müssen die Crewkameraden kommen, soweit sie im Moment in Kiel stationiert sind und uns näher stehen. Und dann Exzellenz Marweg -- Herr Geheimrat, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich mich glänzend mit Exzellenz vertrage, einfach glänzend. Hektor ist aber nicht eifersüchtig. Hat er auch nicht nötig. Und Herr von Gamberg, Juttas Vetter. Liebes, wird er können? Segelt er morgen mit? Ach so -- du hast ihn nicht gesprochen.“
Jutta dachte nicht, daß es ihr unmöglich gewesen wäre, den Besuch des Mannes zu verleugnen, weil Renate noch mit ihm zusammengetroffen war. Dieses Zusammentreffen hatte sie schon vergessen. Sie wollte wahr sein und sagte sehr ruhig: „Doch, ich habe ihn gesprochen. Er war zum Tee bei mir ...“
„Ah ...“ dachte Hochhagen, „er -- er ... das ist es.“
„Na -- segelt er mit?“
„Nein.“
„Famos: also Gamberg ... Und dann noch ...“
Sie erwog rasch: Die beiden Ehepaare aus Gervasiusscher Freundschaft und Verwandtschaft, die hier anwesend waren und jetzt in der entgegengesetzten Verandanische plaudernd zusammensaßen, mußte sie die nicht auch einladen? Eigentlich fand sie den langen Professor Lüdermann etwas trocken, und es verletzte ihr ästhetisches Gefühl, daß so eine winzig kleine Frau wie ein Anhängsel neben ihm hertrippelte; und an der arroganten Ruhe des Konsuls Thyssen, des Bruders der Geheimrätin, war ihre Lebendigkeit fast zerschellt, während Frau Thyssen sich immerfort zu bemühen schien, *keine* Überlegenheit zu zeigen ... Aber Lisbeth war eben von so unbegrenzter Gastfreudigkeit, daß sie hinzusetzte: „Und natürlich, liebe Frau Geheimrat, Ihren Herrn Bruder und Frau und Lüdermanns.“
„Beste Frau Lisbeth! So viel Menschen können Sie gar nicht setzen,“ warnte Hochhagen.
„O doch ... und wenn Sie mir Ihren Judeit leihen -- Hochhagen hat einen großartigen Burschen -- ostpreußischer Fischer -- kann aber alles -- serviert wie ein Diener im Schloß ... Ja, ach, es kann reizend werden. -- Ganz einfach geht es aber zu bei uns, Frau Geheimrat -- gerade das Improvisierte macht Spaß. Also morgen abend acht Uhr ...“
Sie war unwiderstehlich in ihrem Verlangen, alles, was an Menschen in ihren Dunstkreis kam, sich zu einer Bundesgenossenschaft der Lebensfreude zu werben. Sie wandte sich schon, um Thyssens und Lüdermanns ihre Einladung vorzutragen, und hatte keine Ohren mehr für das, was Jutta noch sagen wollte.
Und so mußte Jutta es dem Mann mitteilen.
„Lieber Rosenfeld,“ sprach sie, „ich kann morgen abend nicht zu Ihnen kommen.“
Hochhagen merkte auf.
„Aber das ist schade,“ sagte Kapitän von Rosenfeld, „das gibt’s nicht -- solche Absage nimmt Lisbeth einfach nicht an.“
„Meine Schwiegermutter kommt morgen abend.“
„Maltes Mutter!“ rief Hochhagen.
„Ja!“
Er atmete ordentlich auf. Ganz unverhohlen. Über sein männliches Gesicht ging ein Freudenschein.
Jutta sah es, es ärgerte sie geradezu.
„Ich war sehr überrascht, als ich das Telegramm bekam,“ sagte sie und sah ihn mit prüfenden Blicken an. Und diese Blicke fragten ihn: Warst du das? Ist das auch deine Regie?
Er fühlte wohl, was ihr Ausdruck zu bedeuten hatte, und sagte ganz ehrlich: „Ich bin auch überrascht. Und ich freue mich riesig, daß wir Maltes liebe alte Dame wiedersehen sollen.“
Und er dachte: „Nun wird ja alles gut ...“
Er hatte eine unbestimmte, aber riesengroße Vorstellung von der Macht einer Mutter ... Als die seinige noch lebte, hatte sie alles über ihn vermocht. Und ob er gleich schon ein gereifter Mann war, da sie vor wenig Jahren starb, hatte er ein kindliches Gefühl des Verwaistseins in sich entdeckt, so voll schmerzlicher Wehmut, daß er sich fast hätte schämen mögen ...
* * * * *
Am anderen Abend fuhr Jutta zum Bahnhof. Eine große Mattigkeit lag ihr in den Gliedern. Sie war abgespannt bis zur Erschöpfung, ganz widerstandsunfähig. Sie schob es auf den Tag voll Hausfrauenarbeiten. Die hatte sie vor sich aufgebauscht und übertrieben, mit einem Aufwand von Zurüstungen sich förmlich betäubt. Es war in der Wohnung zugegangen, nicht als solle eine anspruchslose alte Frau kommen, sondern als müsse man mit äußersten Anstrengungen trachten, vor einer pomphaften und kritischen Dame zu bestehen.
So konnten die zitternde Rührung und die angstvolle Beklommenheit, die abwechselnd Juttas Gemüt beschweren wollten, niemals ganz Herrschaft über sie gewinnen.
Aber nun rächte es sich, daß sie nicht den Mut gehabt hatte, sich zu sammeln, daß sie sich mit Vorsatz durch die Stunden gehetzt hatte.
In ganz verworrenen Empfindungen ließ sie sich dem Wiedersehen entgegentreiben. Bald von dem harten Bedürfnis zur Wahrhaftigkeit erhoben, bald von dem weichen Wunsch ganz ergriffen, dem Mutterherzen nicht weh zu tun.
Müde lehnte sie in der Wagenecke. Der große Federhut, so leicht er war, schien ihr den Kopf zu belasten; in ihrem Schoß lag ihr Täschchen aus Silbermaschen. Sie hielt es mit ihren Fingern umklammert.
Die Fahrt hatte nichts Erfrischendes. Der Sommerabend war dunstig. Die salzig feuchte Seeluft durchwirkten die Dampfsäulen, die tagsüber aus den Essen der Werfte, aus den Schornsteinen der hin und her rauschenden Dampfer emporgequollen waren, mit feinen Atomen. So stand sie grau und schwer über der Stadt und der Förde und hing wie ein Schleier vor dem Bilde des jenseitigen Ufers, daß es mit all seinen hohen Hellingen, mit seinen gewaltigen Glasbauten, seinen seltsamen Gerüsten etwas Mystisches bekam. Das Zauberland moderner Schiffstechnik war da drüben, und die stehenden Dunstnebel wischten all seine drohenden Linien weich ineinander. Die Abendsonne glühte und setzte in dies feine, verschwommene Bild brennende Punkte, die an Metallteilen der Schiffe, auf einzelnen kleinen Fenstern glitzerten wie vom Zufall hingestreute Kupferflecke auf einem blaugrauen Florgewand.
Der Trott des Wagens, ein Rhythmus und keine Melodie, wirkte merkwürdig auf die Ohrnerven. Seine stumpfe Einförmigkeit hatte etwas Hypnotisierendes. Jutta hörte immerfort zu, wie die Räder rollten und die Hufe des Pferdes klappten.
Daraus schreckte sie auf. In der Nähe des Schlosses, auf dem Bürgersteig, der sich unter seiner Mauer hinzog, kam jemand gegangen.
Ein hoher, schlanker Mann, im hellgrauen Gehrock und in ebensolchem Zylinder. Vor ihm waren allerlei Fußgänger -- ein paar Kinder, zwei Matrosen, eine Frau -- die bildeten in ihren willkürlichen Bewegungen eine Schranke vor ihm, die sich bald öffnete, bald schloß. Jutta erkannte ihn aber schon von fern.
Sie hatte ihn heute nicht gesehen. Nur Rosen schickte er, dunkelrote; kein Wort dabei -- nicht einmal seine Karte -- aber sie wußte: ja, das kam von ihm! Ein Gruß der Liebe. Schweigsam und von fern ...
Sie richtete sich auf -- belebt von dem Wunsch: sähe er doch! Erbebend in dem raschen Gedanken: wenn er so vorübergeht ...
Schon waren sie sich nahe, der Fußgänger und die Fahrende.
Da sah Gamberg auf -- vielleicht geheimnisvoll bezwungen von dem ihm entgegenbrennenden gespannten Blick. Er sah auf -- jäh -- wie jemand, der sich aus schwersten Gedanken gerissen sieht ...
Und er sah ein Frauengesicht, das erblaßte -- weil diese flüchtige Begegnung schon ein Erlebnis war ...
Er machte Front und grüßte. Und stand, bis sie vorüber war.
Ihre Blicke hatten sich getroffen, rasch und heiß.
Die Räder rollten, die Pferdehufe klappten, und alles war vorbei.
Die rasend emporgewallte Aufregung sank in sich zusammen. Es blieb nichts zurück wie das Gefühl einer seltsamen bleiernen Ermüdung. Die war ein körperlicher Schmerz.
Jutta hatte einen Gedanken -- der schauerte durch sie hin ... Vielleicht hasten wir für immer so aneinander vorüber?
Gestern hatte er gesagt: versuchen Sie sich klar darüber zu werden, was denn Ihre Sehnsucht eigentlich will.
Und sie fühlte auch wohl: wer das Leben mit unsicheren Händen anfaßt, kann es nie meistern -- wer das Leben mit unklaren Blicken überschaut, kann in seinem Treiben nie den richtigen Platz für sich herausfinden. --
Der Wagen hielt. Jutta empfand den Ruck wie eine peinliche Roheit. Nun hätte sie immerfort, immerfort so weiterfahren mögen, bis das Rollen der Räder ihr die Gedanken verblödet hätte ...
Auf dem Bahnsteig ging sie hastig hin und her, mit den Schritten nervöser Ungeduld.
Sie stellte sich ihres Mannes Mutter vor. Die Photographie von ihr, die zu Haus auf dem Schreibtisch stand, neben der von Malte, die hatte ihr das Bild der alten Frau mehr gestohlen als lebendig erhalten. Es war ein so dummes Bild. Von einer Art, wie man sie nur noch selten sieht: eben ein Mensch, der sich zum Photographieren extra hingesetzt und ein Gesicht gemacht hat.
Ja, eine kaum mittelgroße Frau war sie, mit einer breiten Taille und raschen mütterlichen Bewegungen, immer schwarz gekleidet, und auf den noch dunkeln Haaren trug sie eine Spitzenhaube, nach verflossener Mode. Und ihr Gesicht? War denn so gar kein starker Zug darin, daß Jutta es sich durchaus nicht vorstellen konnte?
Das machte ihr die Stirn heiß. Mein Gott -- wenn ich sie nun nicht wiedererkenne!
Aber das war natürlich ein wahnwitziger Gedanke ... Sie würde sie selbstverständlich unter Tausenden erkennen, wenn nur erst das Gesicht hinter dem Fenster des Abteils erschiene ...
Und nun sah sie plötzlich auch Einzelheiten aus ihm ganz genau ... Sehr aufmerksame, wimpernlose, dunkelbraune Augen hatte die Mutter; und im Mund, wenn sie sprach, wurden zwischen ihren eigenen, starken und gewölbten Zähnen vier ganz flache, kleine, gleichmäßige Schneidezähne sichtbar, die ihre Künstlichkeit durchaus erkennen ließen.
Es ärgerte Jutta geradezu, daß sich ihrer Vorstellung in diesem Augenblick voll großer Spannung nun ein so kleines Merkmal so überaus deutlich aufdrängte.
Jetzt brauste der Zug heran, ein Fabeltier mit dampfschnaubendem Mund.
In der Halle dröhnte Lärm und polterte unter dem Glasgewölbe hin. Die Reihe der dunkeln, von der Patina des Kohlenstaubes monoton gefärbten Wagen hielt.
Jutta stand, und ihre Augen suchten ... Hinab, hinauf -- bis eine heftig winkende Hand gerade vor ihr in einem Fensterrahmen ihr sagte: hier, hier bin ich ...
Ein paar Sekunden noch, und die Frauen lagen sich in den Armen. Sie weinten beide leidenschaftlich. Wenn dies ein Wissender gesehen hätte, würde er erstaunt gefragt haben: warum weinen sie? Aber die Frauen selbst empfanden es als das Natürliche. Keine wunderte sich über die heiße Tränenflut der anderen.
Die alte Frau hatte sich jämmerlich nach der Schwiegertochter gesehnt, die doch ihren Sohn so leidenschaftlich liebte und ihr deshalb ein Teil seines Lebens war. Vielleicht weinte sie auch aus Wichtigkeit, weil ihr Sohn ihr geschrieben hatte: reise sofort nach Kiel, hole das Kind und hilf Jutta. Und das kam ihr großartig und verantwortlich vor. Etwas weinte sie auch aus der Ankunftsbefriedigung heraus, denn unterwegs war sie immer noch erregt, in dem Bewußtsein, daß sie binnen zwei Tagen mit solchem Reiseentschluß und mit allen Reisevorbereitungen fertig geworden sei. Sie fühlte sich deshalb sehr heldenhaft und modern und hatte den Genuß gehabt, daß das Staunen und die Teilnahme ihrer Freundinnen in ihrer kleinen Heimatstadt sie an die Bahn geleiteten.
Und Jutta weinte aus ihrer allgemeinen Erschöpfung heraus. Vielleicht brach auch eine Hochflut schöner Erinnerungen jäh über sie herein, als sie die Mutter wiedersah ...
Dann kamen die prosaischen kleinen Sorgen um Gepäck und Wagen. Und all die Taschen und Schachteln schienen sich gleichsam an die hohe Stimmung zu hängen und zerrten sie herab.
Man saß im Wagen zusammen, man fuhr nach Haus.
Da war das Bett der Kleinen. Eine Stätte, wo alle Rührung wieder aufwallte und die Großmutter vor Entzücken weinte.
Es war schummerig in dem von Schlafensstille durchwobenen Raum. Nur ein Nachtlicht brannte, eine träge kleine Flamme, die auf winzigem Ölbassin wie eine blanke, gelbe Schwimmblume erblühte.
Man sah nicht viel von dem bißchen Menschentum da im zierlichen Bett. Ein rundes Schädelchen war sichtbar, dunkel überflaumt; schwer lag es in den sich aufbauschenden Kissen. Ein winziges Näschen war zu erkennen, das gegen die Leinwand des Bettuches stieß. Und noch ein Fäustchen, festgeballt -- das streckte sich ein wenig unter dem Deckbett hervor.
Die junge Mutter stand daneben, ihre Hand umschloß die gebogene Stange, von der herab die Gardinen über das Bettchen fielen.
Stolz und wartend stand Jutta und sah zu, wie die alte Frau sich über das Lager bückte.
Und nachher saßen sie zusammen, gerade da, wo gestern nachmittag Jutta mit dem Mann gesprochen hatte ...
Draußen sank der lange Tag in die leise, blasse Dämmerung hinüber. Der Abendwind schlich ein wenig durch die Blätter und stieß sie zag an, aber sie waren so schwer vom Vollsaft ihrer Sommerreife, daß sie sich kaum rührten.
„Mir schien,“ sagte die Mutter, „man sah so wenig -- aber doch -- mir schien: die Kleine gleicht Malte ganz und gar.“
„Nein. Nicht ein bißchen. Du wirst es morgen sehen.“
Der Ton, in dem die Ähnlichkeit abgeleugnet wurde, tat der alten Frau unbestimmt weh.
„Gott, mir war, als seien sechsunddreißig Jahre versunken, und mein Malte läge wieder in seinem Bettchen vor mir.“
Und sie trocknete ihre Tränen.
Jutta schwieg.
Nun fing die Mutter ein eifriges Fragen an. Unter ebenso eifrigem Essen. Denn sie war schon früh am Tage fortgereist und hatte ihrem Proviant, den sie im Körbchen mit sich führte, nicht recht zusprechen mögen, weil ihr beim Fahren und in der Aufregung der Appetit vergangen war.
Alles wollte sie nun wissen: wie das Kind gehalten werde, und ob es schon mit seinen Fingerchen greife. Wieviel es wiege, und ob es die Nächte durchschlafe. Ob es tags viel schreie und reichlich in die Luft komme.
Juttas Briefe an die Mutter waren in den letzten drei Monaten nichts gewesen wie Tagebuchaufzeichnungen über jede das Kind betreffende Kleinigkeit. Die alte Frau war also unterrichtet. Aber das Thema hatte ja seine Unerschöpflichkeiten. Mit Kameradenfrauen, die gleich ihr junge Mütter waren, konnte Jutta es endlos besprechen.
Dies nun war Maltes Mutter. Und sie hatte ein Recht, ihr heißes Interesse an diesem jungen Leben in dringlichen Erkundigungen zu betätigen.
Sie hatte ein Recht ... Das sagte Jutta sich, das wußte sie -- es war die einfachste, naturgemäßeste Tatsache von der Welt. Und dennoch war es gerade dies *Anrecht*, gegen das sich in Juttas Herzen ein undeutliches Gefühl wehrte.
Unruhig, von grenzenlosem Erstaunen auf das Schwerste bedrängt, fand sich die junge Frau der alten Frau gegenüber nicht zurecht.
Seit einem Jahr, genauer, seit dreizehn Monaten, hatten sie sich nicht gesehen. Eine Frau von Sechzig verändert sich in einem solchen kurzen Zeitraum nicht mehr. Ihr Wesen ist vom Leben schon so festgefügt, daß keine Linie mehr ins Schwanken kommt.
Hab’ ich denn damals andere Augen gehabt? fragte sich Jutta.
Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, daß sie damals, in glückseliger Dankbarkeit, zärtlich, voll kindlicher Ergebenheit, sich an diese Frau geschmiegt.
Nun, damals war die Frau die Mutter des geliebten, ersehnten Mannes gewesen -- und die Sehnsucht nach dem Sohn hatte um seine Mutter einen verklärenden Schimmer gewoben. Und das unklare Gefühl: als habe die Mutter den Sohn wegzuschenken, als sei sie die Glückspenderin -- dies überkommene Restgefühl von dem uralten, primitiven Wissen mütterlicher Oberhoheit, das hatte die Braut blind und demütig gemacht ...
Das dachte Jutta ungefähr. Ihre in Leid und Kämpfen reifer und dennoch zugleich krank gewordene Seele begriff den Wechsel ...
Die alte Frau hatte sich gewiß nicht verändert.
Nur die Augen waren andere geworden, die sie sahen ... Und die Zusammenhänge waren andere ...
Und dann: Jutta fühlte, daß diese Mutter hier saß als Sachwalterin des fernen Sohnes ... Hier saß, fast an seiner Statt.
Jutta starrte sie an -- sie forschte in dem alten Gesicht.
Ja, das waren die gleichen aufmerksamen Augen, die Malte hatte ... das die gleiche Form der Stirn, obschon ihre Breite bei der Frau durch die glatten, gebogenen Scheitel etwas verdeckt wurde; das seine gerade Nase und sein länglich rundes Wangenprofil. Und da war auch ein Klang in ihrer Stimme -- oder vielleicht nur die Übereinstimmung im Gebrauch dieser und jener sprachlichen Wendung ...
Das wunderbare Spiel der Ähnlichkeiten äffte -- gab seine ironischen Späße zum besten ... holte die wenigst ansprechenden Züge des einen Menschen herbei, hielt sie neben die gewinnenden des anderen und zeigte auf, wie sie sich glichen. Und entadelte ...
„Kind, was siehst du mich denn so an?“
„Wie sehr du Malte gleichst ...“ meinte Jutta mühsam.
„Ja,“ sprach die Mutter stolz, „man hat es mir immer gesagt.“
Die Äußerung hatte der alten Frau sehr wohl getan. Das bedeutete ihr: Bewunderung! Liebe! Und machte ihr das Herz wieder wärmer und freier.
Denn auch sie war benommen und beklommen -- von Viertelstunde zu Viertelstunde mehr. Sie klammerte sich aus Verlegenheit an das Kinderpflegegespräch -- nicht als ob es sie nicht von ganzem Herzen interessierte -- o nein. Aber sie wußte ja aus den Briefen alles ... und man konnte noch so viel davon sprechen ... es gab andere Dinge, die im Moment stärker auf der Zunge brannten: wann Jutta reisen wolle? Ob sie sich nicht unaussprechlich freue? Ob der Gedanke dieser Reise in Juttas Herz entstanden sei, weil sie sich zu sehr nach dem Mann sehnte? Oder ob Malte den Wunsch gehabt habe, weil er es nicht mehr ohne Jutta aushalte? ... Das wollte ihr mütterliches Gemüt wissen. Sie wollte in die Seele der Tochter hineinsehen und die Leiden, Seligkeiten und Sehnsüchte junger Gattenliebe nachempfindend mitgenießen. Ja, das wollte sie: von der Liebe und der unzerstörbaren Zusammengehörigkeit ihrer Kinder viel erfahren -- weil ihr das eine schöne Ernte eigener Lebensmühen schien ...
Ein Anspruch auf viel Rührung war in ihr ... Und der blieb unerfüllt ...
Da war irgend etwas in Juttas Wesen, was ihr neu deuchte, fremd, abweisend -- trotz all der zärtlichen Fürsorge, die in der feierlich anmutig hergerichteten Fremdenstube, am festlichen Abendtisch, in jedem Wort voll Aufmerksamkeit sich kundgab.
Die Mutter staunte auch ihrerseits in wachsender Unsicherheit die Tochter an.
Wie hatte Jutta sich entwickelt! Nun, das war natürlich! Man hatte sich zuletzt am Hochzeitstage gesehen. Inzwischen war dieses schöne, begabte Geschöpf Frau und Mutter geworden, und die aus dem Beruf des Mannes herausgewachsenen Umstände hatten ihr auch auferlegt, sich in Zeiten allein zurechtzufinden, wo ein junges Weib des Gatten besonders bedarf.
Die Mutter hatte es ja auch aus den Briefen herausgefühlt, daß in Juttas Gemüt keine klare Zuversicht sei. Sie kränkte sich, daß die Tochter nicht nach ihr rief. Aber sie legte es sich, und vor allen Dingen vor ihren guten Bekannten daheim legte sie es so zurecht: Es ist schonendste Rücksicht, Jutta fürchtet, durch ihren Kummer mich mit kummervoll zu machen.
Denn im Grunde genommen dachte sie immer mit einigen zagen Hühnergefühlen an den Sohn, der auf fernen Meeren mit seinem Schiff schwamm. Und ihr war eine so weite Trennung jedesmal etwas Phantastisches gewesen, unter dem sie litt. Sie stellte sich deshalb den Zustand Juttas als den einer beständigen ängstlichen Ruhelosigkeit vor.