Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 10
Er erzählte Hochhagen einiges aus dem depeschierten Segelbericht, den Reiswitz wichtiger- und überflüssigerweise über den Sieg der „Freia“ geschickt. Man lächelte ein wenig und fand ein paar Handvoll Worte über die noch ausstehenden Sportveranstaltungen -- Gamberg sagte, er werde nach Warnemünde fahren, um dort seine Jacht wiederzutreffen, die er mit nach Rügen zu nehmen denke -- für kurze Zeit -- man konnte aus seinen Worten, wenn man wollte, schließen, daß er vielleicht den Urlaub auf Rügen verleben wolle ...
Und dann errieten sich Hochhagen und Renate aus einem raschen Blick, mit dem sie gleichzeitig einander sagten: Nun können wir wohl gehen.
Man verabschiedete sich. Hochhagen kämpfte die Frage nieder: Wie wird es denn? Reisen Sie? Bleiben Sie? War das vorgestern abend Ihr letztes Wort in der Sache?
Er fühlte, es kam ihm nun nicht mehr zu, für den fernen Kameraden einzutreten.
Hier war seine Mutter! Wie sie auch für des Sohnes Rechte focht: klug oder töricht, man mußte ihrer Hand alles überlassen.
Die alte Frau von Falckenrott mochte nicht so schnell den Freund ihres Sohnes wieder verschwinden sehen. Sie hätte ihn am liebsten am Rockknopf festgehalten. Er war doch wie ein Teil vom Leben jenes fernen Lebens ...
Sie stand also mit auf, geleitete das Brautpaar durch das Zimmer und hielt es vor einem Zierschränkchen auf, wo ein Bild des Sohnes zwischen allerlei chinesischen Nippes aus einem blanken, japanischen Lackrahmen heraussah. Renate mußte es sehr aufmerksam betrachten, um die einzelnen Ähnlichkeiten in den Gesichtern von Mutter und Sohn festzustellen. Voll Genugtuung machte Frau von Falckenrott sie auf die gleiche Form der Stirnbogen und der Nase aufmerksam.
Auf den Flur ging sie mit hinaus und fing an der Klinke der Etagentür noch mit ausführlichen Kadettengeschichten an, deren sie sich aus ihres Maltes damaligen Briefen genau erinnerte. Man sah, Hochhagens und Rosenfelds junge Streiche standen noch frisch in ihrem Gedächtnis, als sei alles erst gestern gewesen, was diese drei mitsammen ausgefressen hatten. Und noch immer liebkoste ihr mütterlicher Stolz dankbar und bewundernd die Tatsache, daß es lauter harmlose Jünglingstaten gewesen seien.
Dies alles war unaussprechlich rührend. Und das alte Mutterherz befand sich bei diesen Gefühlsschwelgereien nur in seinem Recht. Renate schämte sich, daß sie die Frau nicht gern leiden mochte, und um dies vor ihrer Selbstkritik gutzumachen, zeigte sie nun ein dringliches Interesse an diesen alten, lachenden Geschichten.
Hochhagen aber erkannte gequält, daß die Mutter wohl in leidenschaftlicher Aufdringlichkeit der jungen Frau den Mann nahebringen wollte, in einem Augenblick, wo sie von ihm zurückzuweichen begann. Er wußte: das vertragen wenige Menschen -- ermattende Liebe hat noch nie durch Zureden neue starke Kraft gewonnen.
Er war erleichtert, daß Renate ihm gutmütig und lebhaft das Gespräch mit der alten Frau fast ganz abnahm, bis man nach endlosen Verabschiedungen sich endlich trennte.
Unterdessen waren sie allein geblieben -- Jutta und der Mann, der nun solchen bedeutungsvollen Abschied nahm.
Kaum daß die Tür sich hinter den dreien schloß, so trat er rasch an die junge Frau heran und nahm ihre Hand, sie mit pressendem Druck haltend.
„Daß dies meine letzten Minuten mit Ihnen sein müssen -- vor solcher Trennung!“ sprach er in leidenschaftlichem Zorn.
„Ach, nichts ist mehr zu sagen -- nichts,“ flüsterte Jutta ganz erschöpft von der Anstrengung. Sie fühlte nur: immerfort muß ich mich verteidigen -- gegen alles und alle und gegen mich selbst -- ich kann nicht mehr ...
„Sie werden mir schreiben -- Ihre Entschlüsse, Ihre Stimmungen,“ drängte er.
Sie schien nicht zu hören. Sie sprach vor sich hin.
„Schuldig komme ich mir vor -- und bin mir keiner Schuld bewußt. Die alte Frau setzt mich ins Unrecht ... irgendwie -- von selbst ... Nur, weil sie da ist ...“
„Trennen Sie sich von ihr, so rasch, als es mit Schicklichkeit geht -- ganz unbeeinflußt von ihr und von mir sollen Sie über sich entscheiden -- darum flieh’ ich ... Eine Flucht, die mich etwas kostet ...“
Er küßte ihr die Hand, heiß und schweigend.
Er brauchte ihr nicht noch einmal zu sagen: willst du mein sein, erstreite ich dich von dem Mann und seiner Mutter -- in offenem Kampf ... Glück, hinterrücks gestohlen, verbietet sich uns ...
Sie stand zitternd. Sie fühlte wohl -- ihr Leben und das der Männer lag in ihrer Macht -- Macht? Ach nein -- Unschlüssige haben keine Macht ... Und als dumpfe Angst drückte sie das Gefühl, daß der Stärke ihres Temperaments keine klare Stärke des Willens beigesellt war ...
„Lebe wohl,“ sprach er ganz leise.
Sie sahen sich an. Mit ehernem Ernst. Zwei, die mehr die Drohungen als den Rausch der Liebe empfinden.
In diesem Augenblick erschien die alte Frau wieder in der Tür.
Sie sah die Blicke, die voll schweren Ausdrucks tief ineinander wurzelten zu letzter, stummer Aussprache ...
Ihr Gesicht wurde ganz grau. Sie wollte etwas sagen, bewegte nur die Lippen. --
Herbert Gamberg verneigte sich noch einmal tief vor Jutta.
Dann ging er, sehr ernst, auf die alte Frau zu, um in respektvollem Handkuß sich von ihr zu verabschieden.
Sie aber, linkisch halb, halb betäubt vor Zorn, verbarg vor ihm ihre Hand. Er verbeugte sich, in fremder Ehrfurcht, gemessen und doch ohne Befangenheit ... Und ging ...
„Was war ... was war das? ... Was will dieser Mann ... Und du? Du?“ stotterte sie und kam, fast besinnungslos, auf Jutta zu.
Sie wich ein wenig zurück, wie vor drohendem Angriff -- das war unwillkürlich -- dann faßte sie sich, sah der alten Frau gerade in das weiße Gesicht und sagte laut und stolz: „Du hättest ihm deine Hand geben dürfen.“
VI
„Mein lieber Malte! Nun hast Du meine Depesche erhalten, die Dir sagt, daß ich nicht kommen kann. Von was für lächerlichen Bedenken läßt man sich bestimmen. Warum habe ich nicht ein paar hundert Mark in die Hand genommen, um Dir eine sehr lange Depesche zu senden -- eine, die von Gründen spricht?
Aber ich denke wiederum: wäre sie unverstümmelt angekommen? Hätte nicht *ein* entstelltes Wort eine Reihe von falschen Vorstellungen in Dir erwecken können? Dich in namenlose Bestürzungen und Sorgen bringen können? Vielleicht hat mich diese Erwägung bestimmt, Dir nur zu telegraphieren, daß ich mein kleines Kind nicht verlassen kann. Und Du ergänzt diese Mitteilung aus Deiner Phantasie heraus. Nimmst an: vielleicht ist das Kind kränklich; vielleicht ist Mutter doch schon zu alt, als daß man ihr mit solcher Unruhe kommen dürfte.
Nein, das Kind ist wohl. Mutter hätte es gern genommen. --
Als Du ausreistest, lieber Malte, gabst Du mir vorher einige Lehren über das Korrespondieren nach anderen Weltteilen. Es waren gewissermaßen Fundamentalsätze für den Briefverkehr mit fernen Familienmitgliedern. Du sagtest mir: dies dünne Überseepapier hat einen eigenen Charakter, es verträgt gewissermaßen nur Chronik, keine Psychologie. Du erklärtest mir: man muß keine Stimmungen über den Ozean hinweg mitteilen wollen. Bis die Mitteilung zu dem Herzen kommt, an das sie gerichtet ist, hat das Herz, das sie machte, sich schon längst wieder beruhigt. Kleinere seelische und körperliche Unpäßlichkeiten, sagtest Du, meldet man nicht an die andere Globushälfte. Man erweckt dort schmerzliche Sorgen zu einer Stunde, wo hier schon alles überwunden und vergessen ist.
Ich habe es vollkommen verstanden und mich nach besten Kräften danach gerichtet. Ich sah ein: es war eine kluge Grausamkeit -- grausame Klugheit. Die Gemütsruhe des Fernen muß erkauft werden mit der beständigen Selbstbeherrschung des Zurückgebliebenen.
Und so habe ich mein Gefühl zurückgedämmt, wenn es hinströmen wollte; ich habe meine Seele zur Stummheit gezwungen. Ich habe versucht, Dir nur Berichterstattungen über meine Tagesläufe zu geben. Und ich habe verschwiegen, was in mir sich an seltsamen Kämpfen und Rätseln zutrug. Denn ich, lieber Malte, bin vielleicht eine von den unglücklichen Naturen, die mehr in sich erleben, als sie jemals mit Menschen und Welt erleben können.
Ich versank in ein Einsamkeitsgefühl beinahe ungeheurer Art, als Du fortgegangen warst. Und es kommt mir vor, als sei ich schon ein ganzes Menschenalter in dieser Einsamkeit ... eine lange, lange Zeit schon ... Und in dieser Zeit hat sich so viel in mir verändert, und mir scheint, ein ganz neuer Mensch ist aus mir geworden. Einer, den Du vielleicht gar nicht mehr liebhaben würdest, der fremd, der abstoßend auf Dich wirken kann.
Und nun muß ich doch viele Bogen Überseepapier vollschreiben. Denn mit der bloßen nüchternen Mitteilung von allerlei wichtigen und unwichtigen Tatsachen bleibe ich nicht mehr wahr.
Vielleicht hätte ich noch unbestimmbare Zeit mich von meiner inneren Unsicherheit niederdrücken lassen und mutlos weiter geschwiegen. Aber nun riefst Du mich ‚komme‘, und ich antwortete ‚nein‘. Und dafür willst Du Erklärungen. Es ist Dein Recht, sie zu erwarten. Ich will versuchen, sie zu geben, soweit man das Unerklärliche deutlich machen kann.
Laß mich bei dem beginnen, was ganz gewiß erst in zweiter Linie steht.
Ich meine, mein Verhältnis zu Deiner verehrungswürdigen Mutter. Aber ich kann Dir und mir vielleicht daran beweisen, wie Empfindungen und innerste Stimmung zu einem Menschen sich ändern können, ohne daß man den Grund aufzeigen kann. Ja, das Grundlose ist das eigentlich Furchtbare daran, das jäh Überraschende, das aus Tiefen unseres Wesens aufsteigt, von denen wir nichts wußten, und die wir deshalb auch nicht bewachen konnten.
Unser alter Hausarzt sagte oft: niemals kann man sich besser gegen Krankheiten schützen als bei Epidemien, denn man ist gewarnt; man ist nur waffenlos gegen noch nicht erkannte Gefahren.
Wie sollte ich mein Gemüt mit Pietät, mit Dankbarkeit bewaffnen? Ich wußte gar nicht, daß die ergebene Liebe, die es gehegt hatte, in Gefahr sei.
Weit zurück, einer Vergangenheit gleich, die nie wiederkehrt, mit der mich nichts mehr verbindet als eine Erinnerung, ist es mir, daß ich als Deine Braut Deiner Mutter glücklich dankbare Tochter war. Wie nun Deine Mutter wieder vor mir stand, die ich inzwischen vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden bin, da schien mir alles fremd an ihr, und ich konnte es nicht begreifen, daß zwischen uns eine allernächste Gemeinsamkeit der Lebensinteressen sein sollte. Sie aber empfand diese Gemeinsamkeit als ihren gerechten Anspruch, obgleich auch in ihr eine Feindseligkeit gegen mich war oder erwachte.
Sie ist Deine gute, rührende, treue, opferfreudige Mutter. Kein Wort kann warm und groß genug in meinem Munde sein, sie zu loben.
Aber sie fand in mir nicht die elementare Sehnsucht nach Dir, nicht das Trennungsleid, wie es nach *ihrem* Maßstab sein sollte. Und sie fühlte sich gekränkt, weil ich, gerade wie sie, zuerst Mutter bin -- nur Mutter. Weil ich mein Kind nicht verlassen will und kann um Deinetwillen, und weil ich es ihr nicht und niemand anvertrauen mag. Weil mir meine Mutterpflichten schmerzlich und bedrängend sind -- denn mir ist mein Kind wie ein vaterloses Kind!
Nun ist es aber unter Frauen wohl so: eine will der anderen immer die Art ihres Gefühls aufzwingen. Und wo das unmöglich ist, entfernen sie sich rasch voneinander.
So haben Mutter und ich uns ganz rasch voneinander entfernt. Und gestern morgen, lieber Malte, ist sie wieder abgereist. Wir weinten, als die letzten Minuten herankamen. Bis dahin waren wir gezwungen, gereizt, unfrei miteinander. Aber in jenen allerletzten Augenblicken brach über uns eine leidenschaftliche Trauer herein, und wir weinten, als ständen wir an einem Grab.
Seit diesen kummervollen Augenblicken prüfe ich mich immerfort und suche nach meiner Schuld. Denn so ist mir: als sei ich schuldig vor diesem einfachen, eifrigen, treuen Mutterherzen.
Aber ich weiß meine Schuld nicht zu nennen. Heißt sie Treulosigkeit? Nein, gewiß nicht. Denn mein Herz ist voll Dankbarkeit für die Liebe, die Mutter mir einst gab. Heißt sie Unduldsamkeit? Ach, wie gleichgültig ist es in großen Krisen des Lebens, ob ein Mensch kleine Engigkeiten in seinem Auftreten und was für Angewohnheiten, was für Ansichten er hat.
Ich weiß nicht, was Mutter Dir schreiben wird, und wo Mutter die Gründe sieht, daß wir schmerzlich befremdet voreinander standen.
Vielleicht bin ich krank. Meine Seele ist vor Sehnsucht so müde geworden, daß sie nicht mehr kraftvoll empfinden kann.
Nun wirst Du sprechen: deshalb gerade riefest Du mich! Damit ich, von Sehnsucht befreit, wieder in heiterer Sicherheit ins Leben sehen lerne.
Aber jetzt, lieber Malte, jetzt muß ich Dir das Allerschwerste sagen. Gewiß verstimmt es Dich, daß Mutter und ich nicht mehr in Liebe uns fröhlich zueinander halten können wie einst. Aber Du denkst: das kommt vor -- Schwiegertochter -- Schwiegermutter -- jung und alt -- da findet sich schon einmal ein Übergang zu neuem Akkord, wenn’s denn auch andere Tonart wie ehedem ist. Du könntest recht haben. Wer weiß es.
Das, was ich jetzt sagen muß, ist viel ernster.
*Ich weiß nicht mehr, ob ich mich nach Dir sehne!*
Nun ist es geschrieben. Ich fühle: es ist furchtbar. Es ist gerade das, was man niemals einem Fernen über den Ozean hin schreiben soll: von innerem Kampf soll man schweigen.
Aber ich soll, ich muß, ich will wahr bleiben.
Verlörst Du nicht jeden, auch den letzten Anteil an mir, wenn ich Dir diese Kämpfe noch länger versteckte?
Sie begannen, wenn ich es selber recht weiß und erkenne, mir das Gemüt zu beschweren, von dem Tag an, wo mein Kind geboren war.
In dem Übermaß der Erregungen, die dieses Neue mir gab, war ich allein. Es kam mir vor, als gäbe es nichts auf der Welt, was so wichtig, so heilig sei, als Mutter werden. Und das ist auch gewißlich wahr. Nur weil ich allein war, wurde aus dem Jubel Schwere, aus dem Glück eine übermäßige Verantwortung. Mir kam vor, als sei das Kind mir ganz allein gegeben, und es war, als ströme all meine Liebe von Dir fort dem Kinde zu.
Ich weiß nicht, ob in jeder Frau in solcher Zeit die Gefahr solchen Gefühlswandels ist, und ob dann die liebevolle Gegenwart des Mannes für sein Recht spricht.
Immerfort denke ich seitdem darüber nach. Und je mehr ich dachte, je mehr bestritten meine Gedanken Dir Anteil an dem Kind, an mir.
Es kann wohl sein, daß die nächsten Freunde erraten haben, wie schwer ich an den Aufgaben des Lebens herumlöste. Denn Hochhagen hat es nicht vor mir verleugnet -- von vollkommener Ehrlichkeit, wie er ist -- daß er Dir die Idee anregte, mich nach Hongkong zu berufen. Auch Lisbeth und Rosenfeld redeten zuweilen weise und liebevoll auf mich ein. Aber zum Glück ist Lisbeth viel zu dringlich mit dem Amüsement des Daseins beschäftigt, als daß sie mich oft und zu sehr mit Trost gequält hätte. Nichts ist unerträglicher, als wenn einem Wohlmeinende verständig in Stimmungen hineinreden, die einem selbst noch völlig unverständlich sind. Aber andere Menschen erheben ja in aller Unbefangenheit oft den Anspruch, sie verständen uns ganz genau!
Meine Lage ist in den bisher bestandenen Formen meines Lebens nicht mehr ertragbar.
Ich habe beschlossen, meinen Hausstand aufzulösen und auf Reisen zu gehen. Ich werde alle Möbel, die ganze Einrichtung verpacken und in einem Speicher verwahren lassen. Erinnerst Du Dich noch an Martha? Sie war zu Haus schon meine Jungfer gewesen, seit Babys Geburt hat sie umgesattelt und wirkt auch als Kindermädchen, soweit ich die Kleine nicht selbst besorge. Martha ginge mit uns bis nach Feuerland, sagt sie, was ihr aus irgendeinem Grunde die unwirtlichste Gegend auf dem Erdball zu sein scheint.
Wir gehen aber nur nach der Schweiz und Italien.
Dieser Umwelt muß ich entrinnen. Sie läßt mich niemals zu einer freien Betrachtung meines Seelenzustandes kommen. Hier haben wir unser erstes, kurzes Eheglück gelebt. Hier begegne ich auf Schritt und Tritt Deinen Kameraden, die nach Dir fragen, die mich an Dich durch jene allgemeine Ähnlichkeit erinnern, die ein so stark charakterisierender Beruf und solche Uniform wie die Eurige ausprägt. Hier treffe ich andere Frauen, die in ganz unerschütterter Gemütsruhe von ihrem fernen Mann reden können, die es gar nicht als etwas schreckhaft Großes empfinden, ein Kind in die Welt zu setzen, während der Gatte bei den Antipoden ist. Und diese Gleichmütigen machen mich vor mir selbst zu einer Krankhaften, einer Ausnahme. Ich frage mich dann: bin ich so überfein, so sehr leicht verwundbar? ...
Wenn ich es bin, dann hätte ich Dich niemals heiraten dürfen, denn ich wußte ja: dies Opfer konnte an mich herantreten! Und als ich damals in der Theorie davon sprach, schien es mir groß und erhebend.
Vor mir tut sich die furchtbare Frage auf: hab’ ich nicht genug der Liebe in meinem Herzen gehabt?
Und mir ist, als müßte ich wandern, wandern, damit meine Seele Klarheit fände über sich -- ob sie denn wirklich von Dir fortgegangen ist -- und wohin sie will.
Denke nicht, lieber Malte, daß ich mir gar keine Mühe gegeben habe. Freundlich lebte ich mit Deinen Freunden. Ich habe mich durch Lisbeth und Rosenfeld und auf Hochhagens Zureden in die Vergnügungen der Kieler Woche hineinzerren lassen. Ich habe mich nicht einsiedlerisch und melancholisch gehen lassen: gezwungen habe ich mich, an jedem Alltagsgeschehen teilzunehmen, immer in dem Wunsch, festzustellen: ja, die Welt ist in Ordnung, nur in mir ist etwas aus der Ordnung.
Ja, das ist es gewiß. Ich will Dir als Beispiel davon gestehen, daß ich oft die brüderliche Fürsorglichkeit Hochhagens als eine Art Wachtdienst empfand, den er in Deinem Namen ausübte. Mein Verstand sagte es mir immer ganz klar, daß Emmich nur aus seinem warmen, redlichen Herzen heraus tat, was er als Dein bester Kamerad Dir schuldig zu sein glaubte. Und meine überreizten Nerven wehrten sich gegen seine Treue, weil mir war, als beleidige mich sein Schutz -- als werde ich dadurch zu einer Frau gestempelt, der man einen Schritt vom Wege wohl zutrauen könne.
Ja, siehst Du es hieran? Ich bin auf irgendeine Weise aus dem Gleichgewicht.
Und ich muß den Weg suchen, der mich zur Klarheit, zur Ruhe zurückführt. Ich hoffe ihn zu finden, indem ich mich von hier entferne.
Daß ich mit meinem Kind nicht in mein Vaterhaus mich flüchten kann, weißt Du wohl. Vater und seine Frau waren ja vor acht Wochen zur Taufe von Baby hier, Vater zerstreut, feierlich, eilig. Mit der Miene eines, der viel wichtigere, größere Dinge verlassen hat, als die sind, bei denen er im Moment aus unumgänglichen Familienrücksichten repräsentieren muß. Mit mehr verlegenem Erstaunen als mit Verständnis und Rührung in der neuen Würde. Mit kaum ertragener Ungeduld in der fremden Umwelt, darin andere Werte gelten als in der seinen. Du weißt ja: autokratische Männer leiden förmlich in einem Kreis, in dem ihre Autokratie nichts gilt, nicht verstanden, nicht einmal gekannt ist. Und Vaters Frau kam aus lauter Vorsicht nicht zu einem natürlichen Gespräch. In ihrer beständigen Angst, sich Blößen zu geben, war sie geziert. Und das ist ja das letzte, was einem derbgearteten Wesen von bescheidener Herkunft gut ansteht. Wenn sie unbefangen ihren gesunden Menschenverstand sprechen läßt, hat sie wohl Augenblicke, wo man ihr Respekt nicht versagen kann.
Ich bemühte mich, ihr zu helfen. Ich sehe so gar nicht in ihr die Nachfolgerin meiner Mutter, daß ich beinahe ohne Vorurteile mit ihr verkehren könnte. Alle meine Versuche, sie frei und sicher im Verkehr zu stimmen, blieben aber erfolglos. Es war immer, als habe sie vor mir ein schlechtes Gewissen, weil sie meines Vaters Frau geworden ist. Dies war vom ersten Tag an so, es war zu meiner Brautzeit so, so ist es geblieben auch jetzt, wo ich ihr, losgelöst vom Vaterhaus, als Frau, als wirtschaftlich selbständiger Mensch gegenüberstand. Und also ist es unabänderlich.
Mit diesem Vater, der keine Zeit und Stimmung für mich hat, mit dieser Frau, die in einer ganz anderen Gefühls- und Bildungszone lebt als ich, kann ich nicht auf dem Land zusammenwohnen.
Das bedarf auch vor Dir keiner weiteren Begründung.
Du hast mich allein lassen müssen. Die höhere Sache, die wichtiger ist als das Einzelschicksal einer Frau, die nicht leicht mit sich zurechtkommen kann, die verlangte das von Dir.
Meine Lage bringt es demnach mit sich, daß ich nun durchaus selbständig über die Formen meines Lebens mich zu entscheiden habe. Du bist zu fern, um mich beraten zu können. Aus solcher Ferne kann man in das Herz und in die Tage einer Frau nicht deutlich hineinsehen.
Aber wenn Du auch nicht mit Deinem Rat bei mir sein kannst, so bist Du doch in einer anderen Weise allgegenwärtig in meinem Leben: mit Deinem Namen, Deiner Ehre!
Mir ist, als müßte ich Dir das wie ein Gelöbnis in einem Augenblick sagen, wo ich meine unklaren Gefühlszustände Dir eingestehe.
Für das, was in meinem Herzen, mir selbst ein trauriges Rätsel, vorgeht, bin ich nicht verantwortlich.
Aber für meine Handlungen bin ich es und will es bleiben, damit ich immer Dir und Deiner Mutter frei in die Augen zu sehen vermöchte.
Deshalb wünsche ich, Dir genau meine nächsten Schritte zu erklären. Deshalb habe ich Dir noch einmal ins Gedächtnis zurückgerufen, was wir ja schon so oft vor Deiner Ausreise besprachen, daß ich bei meinem Vater eine Zuflucht nicht suchen kann.
Ich sagte: ich wolle fort, weil ich, unter ganz fremden Menschen, unter neuen Eindrücken einsam lebend, mich recht prüfen zu können hoffe.
Nun fügt es sich aber so, daß ich doch nicht einsam sein soll, und daß ich die Gesellschaft, die sich mir anbietet, nicht abweisen kann, ohne undankbar, ja, ohne auffallend zu erscheinen.
Ich werde mit Emmichs Braut und deren Eltern nicht geradezu reisen, aber doch mich mit ihnen an benachbarten und an gleichen Orten zusammenfinden.
Mit dieser selben Post schreibt Dir natürlich Emmich Hochhagen von seinem großen Glück, und an ausführlichen Hymnen über seine Braut wird er es nicht fehlen lassen. Auch Rosenfeld oder vielmehr Lisbeth wird Bericht erstatten, denn sie hat von damals her, wo Du noch nicht verheiratet warst und gleich anderen Kameraden von ihr an ihren Wagen gespannt wurdest, eine gewisse Eile, Dir bei jeder Gelegenheit zu schreiben. Man wird nur in Superlativen sprechen. Du weißt, daß ich mich nicht rasch anschließe, und daß auch andere Frauen gegen mich meist eine abwartende Haltung einnahmen. Als spürten sie, daß sie mir fast immer gleichgültig bleiben, oder daß ich da, wo ich mich zu interessieren anfange, leicht zu viel erwarte und dann in die erkältendste Enttäuschung falle ... so daß es für sie und mich beinahe gefährlich ist, wenn ich mich interessiere ...
Aber zu Renate Gervasius fühle ich mich in einer Weise hingezogen, wie es mir noch nicht vorgekommen ist. Ich habe wenig Gelegenheit gehabt, nah mit jungen Mädchen und Frauen zu verkehren. Wenn ich mit meiner Mutter im Sommer auf Schmylau zu Besuch war, verstand ich mich gut mit Lu und Fi. Durch unsere Heiraten kamen wir wie von selbst auseinander. Wir heirateten sozusagen in alle Wind- und Kulturrichtungen hinein. Hier wurde mir dann Lisbeth als ‚Freundin‘ in mein Dasein eingereiht. Lisbeth ist ein Bruder Lustig und eine gutherzige Frau, mit der man aber doch nicht ernsthaft sich über wichtigere Fragen auseinandersetzen kann.