Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 11
Renate ist mir mit einer großen Liebe entgegengekommen, die noch den kleinen Zusatz von grundloser Schwärmerei hat, wie ganz unerfahrene Herzen sie hegen können. Renate ist wirklich sehr hübsch. Ihre regelmäßigen Züge mögen vielleicht nach ein paar Jahren eben durch Linienreinheit auffallen. Jetzt bezaubern sie durch die Weichheit. Obgleich ich ja nun Renate erst seit acht Tagen kenne, habe auch ich sie schon sehr lieb. Und der Gedanke, *doch* mit Menschen aus der hiesigen Welt zusammen zu sein, der mir noch vor acht Tagen unerwünscht schien, ist mir angenehm geworden, weil dies holde Mädchen meine Freundin sein will. Frau Geheimrat Gervasius ist eine sympathische Frau. Ein wenig Kristallkugel: sehr klar und abgerundet für sich, aber nicht mehr aufnahmefähig für Menschen und Dinge, die nicht schon, zugleich mit ihrem Werdegang, in ihr eigenes Leben fest mit einbeschlossen wurden. Der Geheimrat ist sehr bedeutend -- nun, das versteht sich ja von selbst, das sagt sein Wirken, seine Stellung -- ich meine: man spürt seinen beweglichen Geist, und es ist ein heiterer Geist in ihm -- im merkwürdigen Gegensatz zu seinem Beruf.
Sie haben es mir angeboten, daß ich mich an sie anschließen darf. Vielleicht ist es wieder die Regie von Emmich. Aber in diesem Fall sehe ich nichts Erbitterndes darin.
Ich werde also zunächst in die Schweiz gehen. Die Wahl des Ortes war schwer. Der Geheimrat sah mich gestern abend, als ich zum erstenmal allein dort war, so oft beobachtend an. Er meinte, *mir* täte Hochalpenluft sehr not, ich sei wohl noch etwas erschöpft vom Wochenbett, habe mir nachher nicht genug Schonung gegönnt. Aber ich glaube, ich bin ganz wohl. Ich kann dem fremden Mann, der weder mein Arzt noch mein Freund ist, sondern nur erst ein Bekannter, der mir gütig begegnet, ich kann ihm nicht sagen, daß nur meine Seele krank ist, von all der Mühe, die Wahrheit und das Ziel des Lebens zu suchen.
Die Rücksicht auf mein kleines Kind muß immer das erste sein. Man darf das Experiment nicht machen, ob so eine kleine Lunge Hochalpenluft vertragen kann. Gervasius’ gehen nach Caux, hoch über dem Genfersee. Ich bleibe in der Nähe seiner Ufer. Es gibt da auch Plätze, die kühl sind, selbst im Sommer. Es ist die Rede von einer kleinen Pension, die hoch über der Uferstraße, im Schatten eines gewaltigen, bewaldeten Felsvorsprungs, unter Tannen fast versteckt liegt, oberhalb Chillon. Später, Anfang September, gehe ich nach Italien. Den Winter möchte ich in der Nähe Roms verleben. Nicht in der Stadt selbst, in Frascati vielleicht, oder wo sich mir sonst die Gelegenheit zu einer vorübergehenden Heimat bietet, die mir angenehm scheint. Aber im September bleibe ich noch mit Gervasius’ zusammen; die Geheimrätin, die eine Disposition zu rheumatischen Zuständen hat, denkt die heißen Höhlen von Monsummano zu benutzen; sie befinden sich in der Gegend bei Pistoja.
Es ist natürlich unmöglich, Dir Briefadressen zu notieren. Wie könnte ich mich von hier aus und schon jetzt dafür verbürgen, daß sie zutreffend bleiben. Unberechenbare Zufälle können mich, können uns bestimmen, Pläne und Plätze zu wechseln. Schreibe also nach Kiel. Ich werde die Post von meiner Adresse stets unterrichten. --
So weit, lieber Malte, kam ich gestern. Die halbe Nacht hatte ich geschrieben. Und nun ist es wieder still um mich her, und ich will versuchen, den Brief zu schließen. Wie unmöglich es mir auch scheint -- denn es ist ja kein Brief -- es ist ein Teil meines Lebens -- ich möchte fortfahren zu sprechen und zu sprechen, bis ich eine unerschütterliche Wahrheit an sein Ende setzen könnte.
Alles, was ich schrieb, kommt mir dürftig vor. Besonders weil ich mir sagen *muß*: Du kannst es nicht begreifen. Wie solltest Du auch! Für Dich steht ein Bild fest: das von mir und unserer Liebe, wie alles war, da wir uns trennten.
Aber nur in der Erinnerung steht ein Wesen und ein Gefühl fest -- im Leben wächst und wandelt alles weiter.
Und wir waren nicht Hand in Hand, als neue, große Dinge über mich kamen. Das ist es.
Leb wohl. Ich tue Dir weh. Ich wäre glücklicher, wenn ich Dir wohltun könnte. Aber ist in einer schmerzlichen Wahrheit nicht mehr Würde als in einer Lüge?
Leb wohl.
J.“
Als dieser Brief geschlossen und fortgesandt war, hatte die junge Frau einen kurzen Rausch von Genesungskräftigkeit. Nun war es gesagt! Dies einfache Gefühl: wahr gewesen zu sein, schien schon fast alle Fragen gelöst zu haben. Sie genoß die Empfindung, ihre Last von sich fort auf eine andere Seele gewälzt zu haben. Dies erste, unbewußt egoistische Fühlen, das einer Aussprache folgt. Sie dachte immerfort: „Daß mein Herz sich von ihm wendet, *mußte* ich ihm sagen. Wohin es sich wendet, das *darf* ich ihm nicht sagen. Sein Anteil an meinem Leben, sein Anrecht an mich endet mit meiner Liebe.“
Sie begann den Aufbruch vorzubereiten. Nach Art temperamentvoller Frauen konnte sie ein Gefühl der Befriedigung haben, wenn Arbeiten, die Überblick und ein gewisses organisatorisches Talent forderten, sie ganz in Anspruch nahmen.
Und immer wieder erzählte sie es mit halblauter Stimme dem kleinen Kind und nickte ihm zu, liebkosend, als verstehe es schon den Inhalt menschlicher Rede: „Wir gehen fort -- in die schöne weite Welt gehen wir -- da finden wir vielleicht das Glück ...“ Und das Kind lag in ihrem Schoß und trank aus der Flasche und sah mit blanken, stillen Augen zu dem hellen Fleck empor -- den es noch nicht bewußt als das Gesicht der Mutter empfand -- so lag es, von Behagen erfüllt, reinlich und angenehm, bis ihm vor Sattheit die Lider sanken.
„Wie rasch ist doch die Poesie eines Heims zerstört,“ dachte Jutta voll Beklemmung. Alles, was den Reiz einer Wohnung ausmacht, ist ja nicht vom Tapezier geliefert. Die Sachen allein haben den Zauber nicht in sich. Die Hand, die voll Liebe und Geschmack alles stellte und ordnete, nach zahllosen Versuchen und zärtlichen Berechnungen, die hatte alles gemacht ... „Meine eigene Hand,“ dachte sie.
Und plötzlich, indem das Haus zerfiel, begannen die Dinge zu reden. Es war förmlich, als seien in allen Ecken und Winkeln Geister versteckt gewesen, die sich aufgestört fühlten und in dringlichen, empörten Vorstellungen zu der Zerstörerin sprachen: Weißt du noch -- weißt du noch? ...
Mit wieviel Vergnügen und Neckerei hatte Malte das oft erneute Umstellen der Möbel, die stets veränderte Anordnung der bunten Reiseerinnerungen begleitet. Immer, wenn er vom Dienst heimkam, sah er, daß an der Zierlichkeit und Gemütlichkeit des eigenen Nestes weitergeschafft worden war. Und er staunte die Erfindungsgabe der jungen Frau an -- er lobte sie, wie nur verliebte Ehemänner loben können. Er genoß die Wohnlichkeit, Sauberkeit und Ordnung, wie nur Männer vermögen, die schon lange angefangen hatten, unter der Burschenwirtschaft zu leiden.
O ja -- Jutta wußte noch ...
Und mit einem Male fühlte sie: das tat weh. Es war, als töte man ein Lebendiges ... Als beleidige und verleugne man ein Stück des eigenen Daseins, indem man dieses Heim umwarf ...
Der Gedanke kam ihr, es stehen zu lassen. Verschlossen und verhängt. Als Tempel der Erinnerung. Als Zufluchtsstätte.
Die stillen, gelehrten Leute unten im Haus würden sehr zufrieden damit sein und die Schlüssel wohl hüten.
Aber da war die harte Wirklichkeit, die sprach: das kostet zu viel Geld.
Ein Reiseleben wurde begonnen auf unbestimmte Zeit -- das wurde teurer vielleicht als die bisherige Art der Wirtschaft. Die Ersparnis an Miete und Steuern glich es aus.
Aber wenn das auch nicht gewesen wäre: ja -- auf *unbestimmte* Zeit zog sie hinaus -- *unbestimmten* Zielen entgegen -- hinein in die Wirrnis des Lebens -- kein sichtbarer Halt darin als das kleine Kind -- keine zwingende Pflicht als diese allein -- frei zu jeder neuen Gestaltung der Zukunft, wenn das Kind darin seinen gerechten Platz fände ...
Wer wußte was von Rückkehr? Ob? Wann?
„Niemals!“ sagte eine Stimme.
Es war Jutta, als habe das hier jemand laut ausgerufen.
Weinend sank sie in sich zusammen und legte ihr Gesicht in die verschränkten Arme auf den Tisch.
Lisbeth Rosenfeld kam.
„Ach, Liebes,“ sagte sie, „dies ist ja schrecklich! Wie oft sind wir hier himmlisch vergnügt gewesen. Weißt du noch auf eurer ersten Gesellschaft? Malte hatte Lampenfieber. Man sah es. Ich freute mich halbtot. Denn wie Männer so sind: anderswo war er immer gewaltig kritisch, wenn er merkte, daß der Hausherr oder die Hausfrau Unruhe hatten. O -- und euer Bursche -- es war himmlisch -- wie im Lustspiel -- weißt du noch, er hielt die Hand oben auf die Sektflasche, damit nichts heraussprudle -- wir kamen um vor Pläsier -- er merkte, der arme Kerl, daß wir über ihn lachten ... Hör’ mal, überhaupt: du bist ein Geizkragen. Ich hätte alles stehen lassen bis zur Rückkehr nach einem Jahr oder so ... Malte ist ja wohl nicht sentimental -- aber ich denk’ mir: es wäre mehr Heimkehrstimmung gewesen, wenn er dich in diesen vier Pfählen wieder vorgefunden hätte. Und du denkst an Sparen von Steuern und Miete.“
„Ich würde mir einen Vorwurf daraus machen, wenn meine Reise mein Budget in Unordnung brächte.“
„O Gott, wie weise! Hör’ mal, du Liebes: ich sagte, Malte sei ja wohl nicht sentimental -- ich will dir mal ’ne Beobachtung anvertrauen: *alle* sind sie ein bißchen sentimental -- so in ’ner letzten geheimsten Gemütsecke. Ist dir noch nie aufgefallen, daß nirgends so viel Blumen verschenkt werden wie in der Marine? Ja -- an Bord wächst das Blümlein Poesie nicht, und auf dem Meer grünt kein Frühling ... Da ist ihnen, als müßten sie an Land alles Schöne und Liebe in die vollen Hände nehmen. Na -- und so, in ’ner gewissen Ideenverbindung mit sentimental und so weiter: aufrichtig: Malte findet sich vielleicht schwer zurecht, wenn er heimkommt: ’ne neue Wohnung -- ’n Kind -- fabelhaft viel neue Bekanntschaften auf einmal.“
Jutta lächelte mit Mühe. Sie machte eine Handbewegung, die ungefähr auszudrücken schien: Ach, das ist noch so lange hin ...
„Könnt’ ich dir bloß meine Lebensauffassung beibringen! Du bist zu schwerblütig, Liebes. Man muß das Leben nehmen, wie es ist, und die Feste feiern, wie sie fallen. Du bist immer so gewissermaßen in den schwarzen Mantel der Tragik eingehüllt.“
„Das ist wohl Temperamentsache.“
„Gewiß. Aber so ’n bißchen kann man sich auch was abtrotzen. Ich weiß recht gut: die Trennung, und daß deine Kleine kam, während Malte fort war, das hast du so merkwürdig mühsam getragen. Herrjes -- er kommt ja wieder. So ’n Ehemann, der’s gut zu Haus hatte, der läuft einem nicht weg. Und dann Baby ...“
Sie lachte hell auf. Ihr fiel ein riesiger Spaß ein.
„Das hab’ ich dir ja wohl nie erzählt, die berühmte Geschichte mit meiner Lite? Die war doch in Erscheinung getreten, als Hektor in Westindien war. Na, als das Schulschiff heimkam, heckte ich mir was Famoses aus. Wir wohnten damals mit Platows in einem Haus. Ich hole mir also die kleine Platow, die war zwar ’n paar Wochen älter als Lite -- aber was weiß ’n Mann davon ... ich pack’ beide Gören in ein Bett und sage: ‚Lieber Hektor, suche dir gefälligst Fräulein von Rosenfeld, deine Tochter, aus!‘ Und er sagt -- kannst du es wohl glauben? -- sagt schlankweg: ‚Die!‘ Und tippt mit kolossaler Unfehlbarkeit auf das Platowsche Wurm. Es sah natürlich schon nach mehr aus als unsere kleine Lite, die kaum sechs Wochen war. Nu, und da hatte seine Männereitelkeit das Gefühl: das beste Exemplar von diesen zwei Wickelkindern gehört selbstverständlich mir! Ach, was haben wir gelacht! Noch immer muß ich lachen, wenn’s mir wieder einfällt.“
„Du hast viel Talent, aus dem Leben ein Vergnügen zu machen,“ sagte Jutta.
„Gottlob. Deshalb würde ich auch zum Beispiel nie mit einem kleinen Kind reisen. Liebes -- ernsthaft -- findest du es richtig?“
„Warum sollte es nicht richtig sein?“ fragte Jutta überrascht, „ich gehe ja mit dem Kind in ein Klima, das besser ist als das von Kiel.“
„Klima? -- Na ja, das wohl. -- Na, das ist auch deine Sache. Also, Liebes: warum ich hauptsächlich komme: wir planen ein Abschiedsfest für dich.“
„Nein,“ bat Jutta mit heißem Gesicht, offenkundig entsetzt. „Das tut mir nicht an.“
„Sonnabend muß es sein, dann sind die Schiffe im Hafen.“
„Ich flehe dich an ... nein. Ich käme nicht.“
Und zuletzt mußte Lisbeth Rosenfeld das Unfaßliche wohl einsehen: Jutta wollte kein Fest.
Aber da ihr während der Debatte einfiel, daß man ja ebensogut zu Ehren von Renate und Emmich, vor Abreise der Braut, ein paar Freunde zum Abendessen bitten könne, tröstete sie sich. Wenn ihr nur von irgendwoher aus der Ferne eine Fiedel im Ohr klang, war sie mit der Welt und sich zufrieden.
Das war also Lisbeth.
Und Renate kam und wollte durchaus helfen. Sonst, sagte sie, müsse sie der Mama tüchtig an die Hand gehen, wenn die in den Vorbereitungen zur großen Ferienreise stecke. Aber diesmal heiße es: Du bist Braut, hast Festtage. Und so habe Mama Heinz und Fips ganz allein wegbesorgt, und sie seien schon mit ihren Pensionseltern nach Sylt abgereist. Mama sei doch unbegreiflich tüchtig, klug und aufopfernd.
Voll Begeisterung für die Eigenschaften ihrer Mutter sagte sie es.
Nun sei es merkwürdig still im Haus. Störenden Lärm dürften Heinz und Fips ja nie machen, aber es wäre immer solch drolliges, unterdrücktes Rumoren. Und man könne gar nicht beschreiben, was für ehrliche und couragierte Jungens es seien.
Vor zärtlicher Schwesterliebe glänzten ihr die Augen.
Jutta wollte aber nicht erlauben, daß man ihr beistehe: fremde Hände könnten nie helfen; ehe man sie leite, habe man alles selbst getan.
Die junge Braut bedurfte aber irgendwie der Nähe der neuen Freundin. Hier fand sie für alle ihre Fragen und all ihr unersättliches Interesse am Beruf des Verlobten gewissermaßen sachverständige Antworten. Sie sagte: Papa necke sie schon sehr. Ehedem habe er sich für einen leidlich unterrichteten und autoritativen Mann auf einigen nicht unwesentlichen Gebieten des Wissens gehalten, aber jetzt sehe er ein, daß er sich vor seiner Tochter nicht mehr behaupten könne, weil ihm die Abzeichenunterschiede zwischen einem Steuermannsmaat und einem Obermaschinenmaat nicht geläufig seien.
Sie erzählte es mit strahlendem Lächeln, verliebt in den munteren Humor ihres berühmten Papas.
Jutta dachte: „So viel fröhliche und zärtliche Harmonie in einer Familie habe ich noch nie gesehen.“
Und weiter dachte sie: „Warum verläßt das holde Geschöpf diesen ihren sicheren, hellen, warmen Platz -- zu welchen Schicksalen? Ach, das Leben fängt für uns erst richtig an, wenn wir es als Frauen verantwortlich zu tragen haben.“
Aus ihrem eigenen schweren Herzen heraus hätte sie warnen mögen: bleibe die lachende und behütete, geliebte Tochter deiner Eltern -- noch lange, lange ...
Renate dachte nicht daran, daß sie vielleicht störe, indem sie zwischen den Körben und Koffern herumsaß. Zuweilen löste sich aus der Fülle der Dinge, die hier geschichtet und verpackt wurden, eine Kleinigkeit los, die ihr als Schatz in den Schoß fiel: da waren ein paar Jugendbilder: Emmich Hochhagen als Leutnant z. S., ein Gruppenbild: Emmich, Rosenfeld und Malte, mit noch fünf Kameraden, als Seekadetten in den Steinbrüchen bei Syrakus; ein silberner, schmaler Becher, unter dessen Boden eingraviert stand: E. H. s. l. M. v. F. Und noch viele andere kameradschaftliche Erinnerungen an das gemeinsame Leben der Freunde.
Renate lachte alles an -- machte aus jeder Sache eine Quelle der Freude. Alles sprach doch von ihm.
Aber schließlich wurde sie still. Der ernsthafte und schweigende Eifer, mit dem die junge Frau ihr Heim zerstörte, bedrückte sie.
Sie fing an, sich allerlei träumenden, vergleichenden Gedanken zu ergeben.
Als Kind hatte sie einmal eine große, sehr schöne Spieldose gehabt, auf der sich beim Klang der Töne Tänzerpaare anmutsvoll bewegten. Ihr fiel eines Tages ein, die Paare umzustellen, neu zu ordnen. Sie nahm die Mechanik auseinander. Als sie dann mit großer Sorgfalt neu zusammengefügt wurde, klangen die zarten Töne nicht mehr, und die Tänzerpaare kreisten nicht wieder. Das fiel ihr jetzt so wunderlich deutlich ein. Und in ihrem Ohr war ganz genau die zierliche, leise, melancholische Melodie des alten Wiener Walzers -- ja, in Moll war sie gesetzt gewesen ...
„Jutta,“ begann sie etwas scheu, „tut es dir nicht weh? Ich meine: daß dies hier nun alles aufhört? Es war so hübsch. Und es hatte doch eine Geschichte für dich -- hatte es nicht?“
Jutta richtete sich von der Kommodenschublade auf, über die sie gebückt gestanden. Sie strich die Haare aus dem Gesicht und sagte: „Ja, es tut weh.“
Der Ton war hart und kurz.
Warum? wollte Renate fragen, warum denn sich selbst weh tun?
Ach, immer weniger konnte sie es begreifen. Die Geschichte ihrer eigenen Liebe war noch so jung und für Fremde ganz alltäglich; aber dennoch hütete sie schon in ihrem Schubfach Erinnerungskleinode, von denen sie sich um keinen Preis getrennt hätte: das waren doch nicht Tisch- und Tanzkarten, nicht welke Blumen und Schiffsbänder -- das waren eben Dokumente ihrer Herzenserlebnisse.
Und hier warfen die Hände, die ihn selbst errichtet, den ganzen Tempelbau zusammen?
Aber sie wagte nicht näher nachzufragen. Jutta dachte angstvoll: ich muß es ihr irgendwie erklären. Ihr war, als gehe hier ein Unrecht vor, und eine junge unschuldige Seele werde des Zeuge.
„Ja, weil dieses Heim Geschichte, zu viel Geschichte für mich hat, mag ich nicht mehr darin bleiben,“ sprach sie. „Ich habe mich in der letzten Zeit sehr unglücklich darin gefühlt.“
„Das kann es geben,“ dachte Renate bestürzt. Zwischen ihr und dem Leben hingen goldene Schleier. Sie hatte immer gewähnt: Glück, wenn man es einmal besaß, hat ewige Kraft, wirkt in alle Zukunft hinein -- läßt nie Leere aufkommen.
Immer kam Renate in strahlender Fröhlichkeit. Und still, das ganze Wesen von Mitleid und Nachdenklichkeit erfüllt, ging sie davon.
Aber für ihr wie für jedes junge Herz hatte alles geheimnisvoll und leidenschaftlich Traurige eine unwiderstehliche Anziehungskraft.
Jeden Tag kam sie deshalb wieder. Emmich hatte sein Bordkommando angetreten und war wochentags mit der „Thuringia“ zu Schießübungen auf See.
Die Geheimrätin ließ die Tochter gern gehen. Sie begriff: Kameradenfrauen -- das war nun neu und wichtig für Renate. Und dann hatte sie auch Mitleid für Frau von Falckenrott. „Die ist ja krank vor Sehnsucht nach ihrem Mann,“ dachte sie herzlich.
Und Renate hatte so viel köstliche Gesundheit in sich. Die mußte jeder kranken Seele wohltun. Gerade die Geheimrätin hätte wissen können, daß die Kranken zuweilen die Gesunden vergiften ...
Nun war es keine Häuslichkeit mehr. Nun waren es nur noch Wände, vor denen die Stücke aus Holz und Polsterwerk standen, die vom Möbelhändler aus zu einer Einrichtung gehören.
Lauter klang der Schrei des Kindes in diesen kahlen Räumen. Und es war der jungen Mutter, als sei dringende Klage darin.
Härter hallte der Schritt vom teppichlosen Estrich wider. Ein Wanderschritt ...
Von den Wänden sahen merkwürdige helle Flächen. In den mildgetönten Tapeten gab es Quadrate, hoch und quer, klein und groß -- da war das Papier noch stärker gefärbt -- all diese Stellen halfen dem Gedächtnis, dort noch die Bilder zu sehen, die doch nicht mehr dahingen.
Alles, was auf Borden, in Schranknischen, auf Ziertischen gestanden an indischem Silber, chinesischem Porzellan, japanischem Cloisonné, war zwischen Heu in tiefen Kisten verschwunden.
Nur auf dem sonst schon kahlen Schreibtisch stand einsam das Bild des Mannes, der einmal hier der Hausherr gewesen war.
Es sah in all die Unwirtlichkeiten hinein.
Und Jutta wagte nicht, es anzutasten.
Vor diesem Bild hatte sie einst gesessen und sehnsuchtsvoll Lebendigkeit hineingesehen -- bis ihr war, als leuchte aus diesen Augen Liebe, als kämen, vernehmbar, herzliche Trostesworte aus diesem Mund.
Dann waren Zeiten gekommen, in denen sie scheu an dem Bild vorbeisah.
Und zuletzt Tage, in denen es sie beleidigte, weil es nur noch die ungünstigen Ähnlichkeiten mit der Mutter aufzuzeigen schien.
„Was sind Karikaturen?“ dachte Jutta; „gar nichts Gefährliches sind sie. Sie entadeln uns wohl wie unter huschendem Blitz diesen oder jenen charakteristischen Zug; aber die Übertreibung löst alles so auf, daß das Komische einem doch die wahre Erscheinung nicht verdirbt. Verderblich sind nur die Ähnlichkeiten mit dem Banalen. Ein geliebter Mensch kann ohne Gefahr einem Raubvogel, aber darf nicht einem Haushuhn ähnlich sehen.“
Nun stand das Bild da und forderte einen Entschluß.
Es konnte hier nicht bleiben. Wenige Stunden noch, und derbe Männerfäuste würden den Schreibtisch forttragen.
Ich will es nicht mitnehmen, fühlte Jutta. Ihr war: dann reist die ganze Vergangenheit mit und alle diese marternden Fragen, die mich nicht zur Klarheit kommen lassen.
Sie wollte ja ganz frei sein. Ihr Frauenleben sollte noch einmal von vorn anfangen. Durch den Brief an Malte, deuchte ihr, hatte sie ihre seelische Freiheit auf eine ehrliche Art zurückgenommen.
Sie mußte noch einmal über sich entscheiden, ob sie ihres Mannes Frau wieder werden wollte -- konnte -- wenn er heimkam. --
Und wußte doch schon unter all diesen Gedanken, daß sie es nicht wollte -- nicht konnte.
Nein, das Bild mußte zurückbleiben.
Es sollte gleichsam mit begraben werden in dieser tiefen Kiste, darin all die bunten und anmutigen Dinge ruhten, die ihm gehört hatten.
Und plötzlich, in all diese Empfindungen, die überschwer waren von Not um die *höchsten* Dinge ihres Lebens -- ganz plötzlich tat es ihr leid, daß all die hübschen fremdländischen Sachen ihr nicht mehr mit gehören würden. Sie stand wie benommen vor Staunen, fast vor Entsetzen. Das gab es? Durch das von Trauer ganz erfüllte Gemüt konnte solcher Gedanke gehen? ...
Blitzte die Wahrheit vom ewig Gestrigen warnend auf? Würde sie immer und immer, und ginge sie ganz aus Maltes Leben fort, die phantastisch bunten und doch so traulichen Räume vor sich sehen, in denen sie mit ihm gewohnt hatte?
Wozu hatte sie sie dann zerstört? Sie begriff mit einem Male das Uneingestandene: sie hatte gewähnt, etwas ganz auslöschen zu können, als sei es niemals dagewesen. Und wußte jetzt: das kann man nicht ...
Sie nahm sich zusammen. Raffte sich aus der jammervollen Wehmut auf, die sie fassungslos machen wollte. Und schlug das einsame Bild sorgsam in Seidenpapier, damit es geschont und geschützt läge zwischen dem Heu, obenauf in der Kiste, die schon fast voll war von den hübschen bunten Dingen ...
Mit zitternden Händen mußte Jutta ein wenig umhertasten -- ob nicht da unter dem Heu verborgen kantige Gegenstände waren, die das Glas des Bildes durchstoßen konnten ...
Nun war ein Platz geschaffen -- eine sichere kleine Mulde -- wie ein Bett ...
Sie paßte das Bild hinein ... da konnte es wohl sicher liegen ... Jahre und Jahre ... denn wer wußte, ob der Mann, dem dies alles gehörte, jemals den -- Mut haben würde, diesen Kistendeckel, diesen -- Sargdeckel zu öffnen ...
Sie schluchzte auf -- sie stand noch zaudernd. -- Und nahm das Bild und ging raschen Ganges, es in ihren Reisekoffer zu verstecken ...
VII
Über das gewaltige Bild des Sees, der ihn umschrankenden Alpen und des Himmels, der kein blaues Gewölbe war, sondern ins Unbestimmte verschwebender Äther, schien Silberstaub ausgeschüttet, der, von der Luft getragen, ruhig in ihr stand.
Das gab der Landschaft die Zartheit und das Unwahrscheinliche einer Vision. Vielleicht konnte sie sich jeden Augenblick in Dunst auflösen. Die dünnen Farben, die hinter dem Silberstaub angedeutet schienen, konnten ganz verlöschen, das blasse Blau dort oben, das tiefere hier unten versiegen. Und das, was zwischen beiden Welten von leichtem Blau stand, die phantastischen Silhouetten, die Riesenberge eines fernen Traumlandes sein mochten, konnten sich in nichts auflösen.