Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 12
Dies Gemälde, das leise auf schimmernden, weißgrauen, rosig angehauchten Flor hingetuscht schien, hatte in der Nähe des Ufers einige kräftigere Töne. Da schuppten auf der überdünsteten Flut stählern blitzende Lichter auf und verloschen sofort wieder. Sie hielten dem Blick nicht stand. Sie zuckten da und dort und überall.
Die herbe Morgenluft roch nach Wasser. Aber es war auch der kräuterige Duft in ihr aus den Tannenwäldern, die den felsigen Berghängen grüne Farbe gaben.
Auf der Anlegebrücke von Territet standen wartende Menschen. Der Dampfer kam von Montreux her, und mit ihm sollte die Fahrt, an Villeneuve und der Rhonemündung vorbei, an all die Küstenorte des französischen Ufers gehen. Es war ein buntes Gemisch von Gestalten: Touristen im bekannten Aufzug der praktischen Häßlichkeit; Badegäste in blütenweißer Eleganz, Landleute mit Sack und Pack.
Frau Gervasius, in einem sandfarbenen Schneiderkleid, mit einem lila Hut voll Blumen und Fittichen, wirkte fast wie die ältere Schwester der beiden jungen Damen, was ihr Gatte auch schmunzelnd attestiert hatte.
Renate und Jutta hatten kurze weiße Kleider an und einfache flotte Strohhüte. Der Morgenkühle halber trug die junge Frau noch einen rohseidenen Staubmantel. Und es war niemand auf der Brücke, der die schlanke, blasse Frau nicht mit einem bewundernden Blick gestreift hätte.
Auch der Geheimrat, im Panamahut und hellgrauen Anzug von allerbestem Schnitt, wirkte, ohne es zu ahnen, sehr auffallend. Die weltmännische und diskrete Vornehmheit seiner Erscheinung war auf den ersten Blick ganz und gar Durchschnitt bester Gesellschaft. Aber sowie man das bartlose, kluge und sehr durchgearbeitete Gesicht und die scharfen Augen hinter den Brillengläsern sah, dachte man: das ist jemand!
Er fühlte sich höchst behaglich als Hüter seiner drei Damen und legte eine Kunst an den Tag, die Ferienstimmung zu genießen, daß man mit ihm guter Laune werden mußte, man mochte wollen oder nicht.
Und Jutta -- wollte eigentlich nicht!
Sie verstand sich selbst nun vollends gar nicht.
In dieser neuen Umwelt, wo die Schönheiten jubelten wie allzu rauschende Musik, betäubten wie allzu starker Wein, hier, wo alles fast brutal auf die Sinne eindrang und sich ihrer bemächtigte -- hier schien es Jutta, als seien die letzten Monate voll Kampf und Not nur ein Traum gewesen.
Und sie glaubte es sich schuldig zu sein, unter ihrer Wirklichkeit fortwährend zu leiden. Sie begriff nicht, daß das menschliche Herz sich gegen einen gleichmäßig fortdauernden Druck wehrt und ihn zeitweise abstoßen muß, um überhaupt weiter schlagen zu können.
Der Geheimrat gab sich besondere Mühe mit ihr, das merkte sie bald. Dafür wollte sie dankbar sein, ihm das Lächeln zeigen, das er zu sehen wünschte. Die Güte hatte auch etwas Beschämendes -- sie war wie ein Geschenk an die unrichtige Adresse. Denn Jutta spürte wohl: man ging von dem Glauben aus, daß sie sich nach ihrem Gatten sehne. Daß sie unter einem zwar starken, aber ganz klaren Gefühl leide.
Und sie versuchte die Wahrheit tief zu verstecken ...
Acht Tage hatte man sich der tatenlosen Freude ergeben, hier zu sein. Das Bewußtsein: Ferien! genügte. Das Auge war von dem in jeder Beleuchtung neuen Bild bis zur Anstrengung beschäftigt.
Aber bei dem Hinaufschauen war besonders den beiden Jungen, Renate und Jutta, der Wunsch gekommen, all diese lieblichen Stätten, die sich im blauen Seewasser spiegelten, nach und nach zu besuchen.
Und heute waren Geheimrats in der Morgenfrühe von Caux mit der Drahtseilbahn herabgekommen, und Jutta, ihr Kindchen in Marthas eifervolle Hut gebend, hatte sich im scharfrasselnden Einspännerchen herabfahren lassen.
Nun standen sie hier und sahen in den dünnflüssigen, silbrigen Schimmer des Morgenbildes hinaus, indes mit emsigem Puckern und geschwätzigem Rauschen das Dampfschiff herankam, mit dem derben Weiß seines Ölfarbenanstriches ein plumper Fleck in all dem zarten Zusammenklingen und Ineinanderfließen.
„Merkwürdig,“ sagte Jutta, „es ist mir, als wäre es ein großes Erlebnis, daß wir nun an das andere Ufer fahren. Ich hatte eine förmliche Sehnsucht danach.“
„Das ist vielen Menschen eigen,“ bemerkte der Geheimrat, „sie sehnen sich immer ans *andere* Ufer. Und fühlen sich um was betrogen, wenn sie da angekommen sind. Das sind die mit den wandernden Seelen. Sollte meine liebe verehrte neue Freundin auch solche Wanderseele haben?“ fragte er neckend.
Jutta wurde rot.
Sie sprach ein paar ableugnende Worte. Der Lärm, den der Dampfer machte, verschlang sie. Das Wasser brodelte grünweiß. Man wurde ein bißchen gedrängt und gestoßen und fand sich dann in einer Reihe, wie auf der Schulbank sitzend, wieder. Das Sonnensegel war gespannt. Man saß sehr angenehm. Renate schob leise ihren Arm in den der Freundin. Der Geheimrat hatte Jutta rechts, seine Frau links.
„Die Vorstellung kann unsertwegen beginnen,“ sagte er. „Wir haben bezahlt und warten auf das Klingelzeichen!“
Die Schiffsirene stieß einen greulichen Wutlaut aus, und wie ein störrisches Pferd begann das Boot sein Hinterteil zu drehen. Die Ufer glitten. Sie lagen im Schatten. Nur dort, über Villeneuve hinaus, in der östlichen Ecke des Sees, kam aus dem Rhonetal ein Sonnenstrom, er brach heraus zwischen den himmelanragenden Schranken der Gebirge, die ihn zu leiten und zu bändigen schienen, als seien sie ein Riesenkanal des Lichtes. Und im Bande dieses Sonnenstromes wälzte sich die gelbe, weißkochende Wassermenge des Flusses und strudelte hinein in das Blaugrün des Sees. Ein kurzer Kampf der Farben, umschäumt von aufbrodelndem Gischt. Und dann hatte der Riesenmund den breiten Faden des Stromes ganz verschluckt.
Eine Zeitlang unterhielten Jutta und Renate sich damit, an der schroffen, bewaldeten Bergwand, hinter dem wasserumspülten, klobigen, grauen Gemäuer des alten Schlosses Chillon, das Dach und ein paar Fenster ihrer Pension herauszufinden.
Aber die Landschaft drehte sich, als sei sie eine Wandeldekoration, die um den festen Mittelpunkt des Schiffes sich in langsamem Schwung hinziehe. Und das kleine Baufragment, das zwischen den Wipfeln herausgeschaut hatte wie ein Gesicht, das halb über den Zaun guckt, verschwand.
Im selben Moment bekam Jutta eine Angstempfindung. Weil sie das Dach nicht mehr sah, unter dem ihr Kind schlief ... Vielleicht deshalb. Sie wußte es nicht. Sie fuhr auf.
„Könnte ich aussteigen, könnte ich zurück, mir ist mit einem Male, als müßte etwas geschehen ...“
„Aber, liebe Frau! Ihre Martha ist eine Perle, die paßt wie ein Wachthund auf,“ tröstete die Geheimrätin.
„Pomade!“ mahnte der Geheimrat und ergriff Juttas Arm. „Nur immer Pomade!“
Er wußte ja Bescheid mit den grundlosen Nervositäten von Frauen.
Renate drückte sich schmeichelnd an die Freundin.
„Das Kind ist unruhiger, als es früher war,“ sprach Jutta vor sich hin.
„Die neue Nahrung ...“
„O nein -- das kann nicht sein ... ich habe den Apparat mit -- ich mische und sterilisiere die Milch selbst -- ganz nach Vorschrift -- heute bin ich um fünf aufgestanden, um es noch vorher zu machen.“
„Sie sind eine prächtige Mutter!“ lobte Frau Gervasius, „aber übertrieben muß man auch nicht mit der Angst sein.“
„Ja -- ja -- es ist Unsinn ...“ murmelte die junge Frau ...
Der feine Silberduft über dem See und den nahen Ufern löste sich mehr und mehr auf. Nur die Ferne blieb in der zarten Ungewißheit, in bläulich heller Verschwommenheit.
Jetzt kam Bouveret. Im Schatten lag es. Man sah ausdrucksvolle weiße Hausgesichter unter dunkelgrünen Kastanienriesen. Und dahinter das aufsteigende Massiv des Gramont.
Am Ufer ging die Straße hin, steigend und fallend, je nachdem sie dem Gelände den Raum abtrotzen konnte. Wie Spielzeug, von Maultieren gezogen, die Führer als kleine Figürchen daneben, bewegten sich Karren auf der Straße entlang.
Der feine Turm von St. Gingolph kam in Sicht. Am abschüssigen Ufer klammerte sich das Städtchen an die Felsen.
Die Reisenden saßen schweigend und nahmen die Bilder in sich auf. Gervasius’ hatten nicht die Angewohnheit der Ellbogen und der stimmkräftigen Bewunderung. Sie stießen sich nicht auffordernd an und sagten nicht mit Augenaufschlag „o Gott“ zu den überraschenden Schönheitsakzenten. Sie fühlten von selbst, einer auf den anderen die Stärke seiner Empfindung übertragend, daß sie gemeinsam sich dankbar und staunend erhoben.
Einmal sahen Mutter und Tochter sich an und wußten, daß sie sich nicht nur mit ihren Blicken trafen. „Wäre Emmich hier,“ dachte Renate. „Wie wollte ich ihr gönnen, daß sie Emmich hier hätte,“ dachte die Mutter.
Und Jutta spürte, daß sie, obgleich Arm in Arm mit der Freundin sitzend, doch allein war.
Die beklemmende Unruhe, die sie vorhin so jäh und grundlos überfallen, wollte nicht still werden. Sie wußte gewiß, in einem starken Vorgefühl: es wird etwas passieren.
Sie wollte es niederzwingen. Ja, wirklich -- es war Unsinn -- was sollte denn geschehen?
Das Kind war gut betreut.
War vielleicht der ferne Mann von einem Unheil bedroht? Ja, ein kleiner, unscheinbarer Wanderer war unterwegs nach ihm -- der Brief -- er reiste jetzt über Länder und Meere und brachte ihm Kummer ... Aber es waren erst vierzehn Tage, seit sie ihn geschrieben hatte ... Er war noch ahnungslos ...
Die tausend Gefahren, mit denen sein Beruf jeden Tag den Mann bedrohte, waren in Juttas Vorstellung infolge der Gewohnheit nicht mehr etwas so schreckhaft Deutliches, daß sie dadurch beunruhigt wurde ...
Ich bin nervös, fühlte Jutta.
Sie dachte mit Vorsatz immer vorbei an dem einen, dem vielleicht in Wahrheit all ihre Unruhe galt.
Gerade in diesen Tagen konnten ihre Gedanken ihn nicht präzise suchen.
„Wir werden, wir dürfen uns nicht sehen. Aber ich bin immer in Ihrer Nähe --“ hatte er gesagt.
Bei ihrer Ankunft in der Pension hatte sie einige wenige Zeilen von ihm gefunden. Aus Genf. Zeilen, in denen alles, was zu sagen war, *zwischen* den Worten stand. Und er berichtete ihr, daß er eine kleine Reise zu machen habe, dann nach Genf zurückkehren und von dort über Bonneville nach Chamonix fahren wolle.
„Mit ängstlichem Vorsatz an mir von fern vorüber ...“ dachte sie. Ihn in der Gegend zu wissen, hatte zugleich etwas Beruhigendes und Aufreizendes.
Und manchmal schien ihr, als sei ja nun schon alles anders geworden, als sei der Zwang, sich meiden zu müssen, aufgehoben, weil sie ihrem Mann die Wahrheit gestanden ...
Emsig rauschte das Schiff. Die Uferbilder zogen langsam vorbei wie Schaustücke, in denen alle Reize gehäuft erscheinen.
Man näherte sich dem Ziel. Evian lagerte sich lachend und imposant an dem hier breiteren Rand hin. Am Kai, der sich über die Stadt hinaus zur Promenade verlängerte, standen die Platanen in endloser Reihe. Ihre dicken, hellen, bizarr moosgrün- und braungefleckten Stämme glichen einer unabsehbaren Säulenlinie. Weiße, palastähnliche Bauten reihten sich dahinter aneinander. Straßeneingänge öffneten sich zu emporführenden Gassen mit schmalen Bürgersteigen. Die Stadt schien sich steigend bis zum Prunkgebäude eines Hotels zu gipfeln.
Munteres und malerisches Leben war am Strand. Fischerbarken lagen da, auf denen eifrig hantiert wurde -- in schweren Körben schaffte man die silberschuppige Frühbeute landwärts. Segeljachten, schlank und leicht, mehr für Spiel als für ernsten Sport, fast nur wie große Skier anzusehen, wiegten sich leise an ihren Ringen. Ein Dampfschiff löste sich gerade strudelnd von der Brücke, um dem ankommenden Platz zu machen. Auf der Anlegebrücke und auf dem Kai standen und gingen Badegäste. Sehr helle Farben beherrschten das ganze Bild, und es schien, als käme vom See her ein beständig vibrierender Reflex und gäbe ihm flimmernde Unruhe und vermenge doch zugleich alle Farbenwerte auf das unentwirrbarste.
Der Geheimrat übersprach noch einmal das Programm: „Also ihr, meine Damen, ihr tut das eurem Herzen doch allernächste: ihr guckt euch die Läden an ... Pariser Ableger -- leider -- Frau, ich baue auf deine vielbewährte Selbstbeherrschung ... zügle die Gelüste deiner Tochter. Um dein Ansehen zu wahren, sage ich nicht: auch deine eigenen! Eine Mutter *hat* keine Gelüste -- wenigstens in der Meinung der Kinder. Sie, meine verehrte Frau, haben Ihr Baby nicht bei sich -- können also so unvernünftig sein, wie es Ihnen beliebt.“
„Papa, ich hab’ nur noch zwanzig Franken -- aber die geb’ ich aus, wenn ich was Niedliches für Emmich finde.“
„Wenn du meinst, daß rauhe Seemänner geeignete Empfänger für Niedlichkeiten sind! Und wenn du sicher bist, morgen eine neue Geldquelle zu finden ...“
„Todsicher!“ und Renate hängte sich in ihres Papas Arm, um ihm vorweg seine angestammten Bankierspflichten angenehm zu machen.
„Ich sehe mir mal unterdessen die hydrotherapeutische Anstalt und die Bäder an. In einer Stunde können wir uns oben im Hotel treffen. Aber mehr als das akademische Viertel gebe ich euch nicht. Wenn ihr dann nicht da seid, esse ich allein.“
„Wir sind präzise,“ versprachen Frau Gervasius und Jutta aus einem Munde.
So trennte man sich. Der Geheimrat ging den Kai entlang, an dessen äußerstem Ende, auf hohem Sockel, der General Dupas mit feldherrnmäßiger Geste den bronzenen Arm in die Seite stemmte, während hinter seinem metallenen Dreimaster die duftige Ferne blaß dämmerte. Hier am Kai lagen die Anstalten, die der Geheimrat besuchen wollte.
Sehr langsam wanderten die Damen in die Stadt hinauf. Sie sahen bald: die Prachtbauten am Ufer waren wie eine neue Fassade vor einem alten Haus. Drinnen im Städtchen, im krassen Gegensatz zu allem breiten architektonischen Prunk, gab es noch schmale, düstere, kleine Gassen. Und ganz eng war die, die sich auf mittlerer Höhe hinzog und Laden an Laden zeigte. Wäre dieser merkwürdige Rahmen nicht gewesen: die Gasse mit dem bedrängten Raum, die Fronten kümmerlicher Häuser, die Schmalseite der Auslagen: man hätte sich wirklich nach Paris versetzt fühlen können. So viel Luxus lag hinter den Fenstern für Käufer bereit: Schmuck und Antiquitäten und alles, was überkultivierte Menschen zur Pflege ihres Körpers etwa brauchen könnten.
Eine weltstädtische Menge drängte sich in der schmalen, verschatteten Straße. Sie hatte den ausgesprochenen Charakter der Pariser auf Reisen. Merkwürdige Morgenanzüge sah man bei den Herren -- Rock, Weste und Sakko von drei verschiedenen Farben und Stoffen; viele trugen auch nur das seidene, farbige Hemd mit buntem Gürtel unter dem Rock, den die Hände, die in den Hosentaschen stachen, zurückrafften. Andere waren ganz in Weiß gekleidet. Die Eleganz der Damenwelt hatte mehr Einheitlichkeit und war von einer farbenfröhlichen Grazie bestimmt. Man stand in lachenden Gruppen zusammen und war unbegreiflich laut. Man flanierte hin und her.
Die drei Damen standen vor den Schaufenstern. Frau Gervasius schlug vor, man wolle straßauf, straßab erst einmal alle Auslagen betrachten.
Die Verlockungen waren stark. Überall schien eine Fülle großartiger Gegenstände für die volle Börse bereit; überall auch eine unübersehbare Menge von entzückenden Kleinigkeiten, an denen überraschend niedrige Preise standen.
Aber wenn die kauflustige Renate dann in den Laden selbst kam, erwies es sich, daß man gar nichts fand. Das Schöne war phantastisch teuer, das Wohlfeile von plattem Geschmack, spielerisch, von übler Unechtheit des Materials. Auch zeigte es sich, daß sich in den Magazinen keine Vorräte häuften, daß eigentlich, außer den im Fenster ausgestellten, nichts da war. Renate zeigte Enttäuschung und Ungeduld, die ihre Mutter und Jutta zu teilen begannen. Man mußte doch irgend etwas finden ...
Und in dem Shoppingeifer vergaßen die Frauen Zeit und Hunger.
Bis es plötzlich der Geheimrätin zum Bewußtsein kam, daß es gewiß lange zwölf Uhr sei. Natürlich! Nun hieß es rennen.
„Papa darf nicht den Triumph unserer Unpünktlichkeit haben.“
„Ach, Mama, es ist gleich halb eins,“ sagte Renate.
Nun, wenn die Sache also doch verloren war, konnte man sich die Eile bergan sparen.
In schicklichem Tempo wanderten sie die Wege zur Terrasse des Hotels hinan.
Da oben, unter der weit vorspringenden, orange und weiß gestreiften Markise, an deren Fransenbehang ein Lüftchen entlang spielte und leise Bewegung unterhielt und die vielen gedeckten Tischchen in den Schutz ihres Schattens nahm, da oben saß der Geheimrat barhäuptig. Sein Panamahut hing an einem Pfeiler der Glaswand, die hinten in seinem Rücken war.
Er war aber nicht allein.
„Papa ißt richtig schon,“ schrie Renate beinahe.
„Wer mag da bei ihm sitzen?“ fragte sich die Geheimrätin -- „er findet auch überall Bekannte.“
„Vielleicht hat einer der Ärzte aus der Anstalt sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit Papa mal zu sprechen,“ meinte Renate. „Ja, wahrhaftig -- Papa ißt ...“
Jutta sah es auch: der Geheimrat schien zu speisen -- *er* sprach aber nebenbei zu dem Herrn, der den emporsteigenden Damen den Rücken zuwandte ...
Ein hochgewachsener Herr -- im ganz hellen Vormittagsanzug -- einen modisch zurechtgebogenen, kleinen Panama auf dem blonden Kopf.
Und Jutta folgte den beiden Frauen mit schweren Füßen, mit versagenden Knien.
Denn *sie* wußte es auf der Stelle, wer das sein müsse ... sie wußte es, noch ehe sie wirklich die Ähnlichkeit der Silhouette hatte mit festem Blick nachprüfen können ...
Nun hatten sie die oberste Terrasse erreicht. Und der Geheimrat winkte ihnen schon mit der Hand entgegen.
Sie schritten über den fast leeren Platz, durch die Gasse der noch unbesetzten Tische, denn die Speisestunde der ständigen Gäste lag ein wenig später.
Der Geheimrat erhob sich. Mit ihm der andere -- den Gelehrten weit überragend.
„Herr Legationsrat!“ sagte Frau Gervasius überrascht. „Welch ein Zufall.“
Der Geheimrat, der den in der am Kai spazierenden Menge von ihm Aufgefischten wohlwollend und gewissermaßen vorführend am Arm gefaßt hielt, nahm die Antwort vorweg.
„Zufälle negiere ich. Auch hier. Nichts konnte natürlicher sein, als daß ich Herrn von Gamberg traf ...“
„Der von seinem neuen Vorgesetzten zu einer Besprechung herberufen wurde,“ ergänzte Gamberg selbst und küßte den Damen die Hand. „Exzellenz Plaß braucht hier die Kur.“
Nun hielt er Juttas Hand in der seinen. Er fühlte: ihre kalten Finger zitterten ... Ihre Blicke trafen sich. Die seinen hatten ihr sagen wollen: „vergib -- dies ist nicht meine Schuld.“ Er las in dem ihren eine vollkommene Fassungslosigkeit.
Um ihr zu helfen, wandte er sich gleich sehr lebhaft an die Geheimrätin, die schon eifrig fragte, ob die Gräfin Plaß auch hier sei, und ob sie die zwanglose Liebenswürdigkeit des Umganges sich bewahrt habe, mit der sie früher in Kopenhagen alle Menschen zu bezaubern verstand.
„Papa, ich finde es schändlich, daß du ohne uns zu essen begannst.“
„Mein Kind,“ sprach der Geheimrat, „ich hatte euch das akademische Viertel gelassen. Es war überschritten. Zu Hause habe ich nichts zu sagen. Ich genieße es als Ferienerholung, meine Herrenstellung zu betonen.“
„Alles dreht sich zu Hause um ihn, einfach alles,“ versicherte lachend die Geheimrätin.
Inzwischen entdeckte Renate aber, daß ihr Papa keineswegs das Menü des Gabelfrühstücks in Angriff genommen hatte, sondern sich zur Beruhigung seines dringlichen Appetits nur mit einigen Ölsardinen befaßt haben konnte.
Man scherzte lebhaft, und der Geheimrat sprach von Pseudomännlichkeit, die sich zu keiner freien Herrentat mehr aufzuraffen vermöge und nur leer drohe. Jutta sah auch, daß fünf Gedecke auf dem Tisch standen, und begriff, daß Herbert die nächsten Stunden mit ihnen verbringen werde.
Sie hörte es auch gleich.
„Aus der Dringlichkeit, mit der ich Herrn von Gamberg einlud, mit uns zu frühstücken, muß er geschlossen haben, wie schlecht es mir allein unter drei Frauen geht. Macht-, willen-, hilflos -- ganz und gar.“
„Glauben Sie ihm kein Wort,“ sagte Jutta. Sie hatte sich in die Hand bekommen -- ihre Miene, ihre Stimme.
„Mit Frau und Tochter würde ich schon fertig. -- Als man mir verhieß, ich dürfe unsere Freundin ein wenig mit *an* -- ich sage nicht: *in*! -- meinen Vaterarm nehmen, war ich sehr befriedigt. -- Nicht wahr? Das versteht sich. Wer so viel mit brüchigem Weibstum sich abplagen muß, kann wohl schmunzeln, wenn er mal eine schöne Dame behüten darf. Aber mit dieser schönen Dame werde ich auf das unerhörteste tyrannisiert! Immer, wenn ich zu irgendeiner Sache keine Neigung habe, heißt es: aber Papa -- wegen Frau Jutta mußt du ... Und muß dies und muß das. Und mußte heute früh um sieben Uhr vom Hochgebirge niedersteigen, weil die schöne Dame Sehnsucht ans andere Ufer hat.“
Und diese Klage wurde eine Huldigung durch Ton und Blick. Man lachte.
Der Geheimrat unterbrach den Vortrag über seine schlechte Stellung durch eine Frage.
„Sollte Frau von Falckenrott in ihrer ahnungsvollen Nervosität vorausgefühlt haben, daß sie hier einen besseren Kavalier fände, als ich einer bin? Bei der neuen Freundin abgesetzt! Bei der Tochter abgesetzt! Frau, mein vielenttäuschtes Herz flüchtet zu dir.“
„Ich bin aber keine Lustspielfrau, die verzeihend im Schlußbild die Arme öffnet, wenn der Schwerenöter _faut de mieux_ reuig begeistert ausruft: Alte!“
Jutta saß mit blassen Lippen. Sie wußte, der Geheimrat scherzte harmlos. Er jonglierte gern ein bißchen mit einer Neckerei.
Und doch traf es sie. Ja, sie hatte es gewußt ... daß man einem Erlebnis entgegenfahre ... Solch drohendes Vorgefühl hatte sie jäh übermannt.
Die Mahlzeit wurde aufgetragen. Gang um Gang. Sie war für feinschmeckerische Menschen gefällig anzusehen und zu essen. Der schwerflüssige, duftende Ivorne, der die Feurigkeit des weißen Bordeaux mit der Poesie der Rheinweine vereint, leuchtete gelbgolden in den feinen Gläsern.
Ein linder Hauch, kaum Wind zu nennen, spielte durch die Luft und blies ihre Hitze fort.
Drunten stieg das am Hang klebende Gehocke der Häuser nieder und wurde von den Wipfeln der Platanen wie von einem grünen Strich gegen den See abgegrenzt.
Der blaute weit hinaus, eine Fläche von durchleuchtetem Glas. Und ganz fern, mehr geahnt als gesehen, am Jenseitsufer, schimmerte Lausanne.
Der Himmel war nun ein saphirnes Gewölbe geworden und prangte in den Vollfarben der Mittagshöhe. Ja, das war eine gute Ferienstunde. Aber vielleicht wurde sie doch nur von dem Ehepaar in ihrer völligen Schönheit genossen.
Renate verstummte allmählich. Und Jutta hatte sich von vornherein nur gezwungen, zuweilen ein karges Wort, das unbefangen klingen sollte, in die Unterhaltung zu werfen.
Die führte nun Herr von Gamberg mit dem Geheimrat unter der aufmerksamen und mitsprechenden Teilnahme seiner Frau. Sie redeten eifrig über einige politische Fragen, die eben den Tag bewegten.
Renate sah die Freundin an. Wie blaß sie wieder war. Und ein wenig senkrecht zusammengezogen war die Stirn -- zwischen den Brauen, über der Nasenwurzel stand wieder diese Falte, die dem Gesicht jenen Ausdruck strenger Leiden gab ...
„Wüßte ich nur, was diese unruhige und geheimnisvolle Traurigkeit bedeutet,“ dachte sie. „Sie hat doch auch gejubelt -- damals, als sie Braut wurde ... und gedacht, sie könne immer froh bleiben in Liebe, auch wenn er weit, weit fort sei.“
Es war so beängstigend, zu sehen, daß Liebe nicht immer zum Glück führt ...
Und seltsam beklemmend mischte sich dies in die starke Sehnsucht, die sie nach dem fernen Verlobten hatte ...
Zuweilen ging ihr Blick von dem bleichen, ausdrucksvollen Gesicht fort und verlor sich in die Weite ... und all die weitgespannte Schönheit, die dann auf sie zuzuwallen schien, überwältigte sie. Wo war Emmich jetzt?
Tränen traten in ihre Augen ...
Jutta sah vor sich hin. Sie horchte der ruhevollen, männlichen Stimme und dem politischen Gespräch nach, ohne bestimmte Worte aufzunehmen. Ihr, der heimlich Zitternden, tat es wohl, zu spüren: der Mann beherrschte sich und die Lage.
Allmählich stieg ein heißes Glücksgefühl in ihr auf. Er war da ...
Das Leben hieß nicht mehr: warten!