Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 13
Ungern schnitt der Geheimrat in die für ihn harmonische Stunde mit einem Gedanken an die davonlaufende Zeit hinein. Aber Programme, sagte er, müßten innegehalten werden, wenn man von Zug- und Dampferverbindungen abhinge, und wenn eine junge, übersorgliche Mutter schon bei Antritt der Fahrt von allerlei Ängsten befallen wurde, also gewiß Wert darauf lege, pünktlich heimzukommen.
Und dabei sah er Jutta herzlich und zugleich voll Achtung an.
„Diesen Mann geben wir aber nicht sogleich wieder frei,“ bestimmte er heiter, indem er seine Hand auf Gambergs Schulter legte. „Ihre Rückreise nach Genf hängt von gar nichts ab als von Ihrer Laune. Ihren Botschafter haben Sie ausführlich gesprochen, Ihrer Botschafterin einige Tage lang getreulich die Schleppe getragen. Was zieht Sie nach Chamonix? Ich rate Ihnen dringlich ab. Ich versichere Sie, der Montblanc ist schon im Begriff grau zu werden vor Entsetzen über all die Hotelküchendüfte, die das Tal zu seinen Füßen erfüllen. Wegen der durchrasenden Autos können Sie kaum auf der Straße spazieren gehen. Auf den Höhen aber ist Jahrmarkt. Ein Schützenfest ist eine Nachtstille gegen den Trubel auf Montanvert am Mer de glace. Bleiben Sie hier, oder vielmehr -- kommen Sie zu uns nach Caux, oder nehmen Sie Wohnung in Glion, da sind Sie halbwegs zwischen uns und Ihrer Frau Cousine, die übrigens keine verwandtschaftlichen Gefühle an den Tag legt. Sonst würde sie ihre Überredungskünste spielen lassen ...“
„Ja, wirklich,“ sagte die Geheimrätin anstatt ihrer. „Bleiben Sie ein paar Tage in unserer Nähe. Ich meine auch, es würde die oft so ernste Stimmung unserer lieben Freundin aufheitern, wenn Sie sich einmal mit einem Verwandten aussprechen kann.“
Er fühlte: dieser Aufforderung mußte augenblicklich Antwort werden -- entweder ein freundlich begründetes Nein oder ein zwangloses, unauffälliges Ja.
Er sah Jutta an ...
Und er sah in ihren Augen ein heißes, dringendes: Bleibe!
„Die Gemeinde Chamonix wird Sie verklagen, Herr Geheimrat, weil Sie den Zustrom von Fremden ablenken,“ sprach er; „nach solcher Schilderung würden Sie mich ja für geschmacklos halten, wenn ich nicht mit Ihnen führe.“
Man stand auf. Der Geheimrat ging ins Hotel, um zu bezahlen und den Weg nach dem Bahnhof zu erfragen.
„Weit. Heiß. Ansteigend!“ verkündete er dann. „Also Wagen.“
Und es schien, daß Gervasius’, ohne Worte darüber zu wechseln, aus einer selbstverständlichen Annahme heraus, es für Juttas Wunsch hielten, mit dem Mann zu fahren, der ein wenig ihr Verwandter, aber jedenfalls auch ein Jugendbekannter war.
Die Geheimrätin verteilte die fünf Personen auf die beiden vorfahrenden offenen Wagen, und so stiegen Jutta und Gamberg in den zweiten, während im ersten der Geheimrat, auch gegen die eigene junge Tochter galant, auf dem schmalen Rücksitz sich unterbrachte, wobei sein Panamahut sich am Rocksaum des Kutschers scheuerte.
Bergab und -auf zog sich das weißstaubige Band der chauffierten Straße, über zehn Minuten hatte man zu fahren. Die Stadt blieb zurück. Ab und zu klebte eine Villa am jäh zum Wasser sich senkenden Hang; mit ihrem Dach und ihren obersten Stockwerken sah sie über den Waldessaum empor, mit ihrem Fundament wurzelte sie tief darunter im Felsen. In der beizenden Helle lag tiefab der See, und ein Silbergeriesel ging in zartem Gleichmaß der Bewegung über seine Fläche.
Jutta fühlte sich wie betäubt. Ihr war, als sei dies mehr, als sie zu bewältigen vermöge: der Überreichtum dieser Landschaft und darin die Nähe des geliebten Mannes ...
„Verzeihen Sie mir -- ich habe diese Begegnung nicht gesucht ...“
Er nahm ihre Hand und drückte sie und ließ sie rasch wieder.
„Ich weiß es.“
„Und ich habe Ihren Blick verstanden? Nun, da es sich so getroffen hat -- nun darf ich in Ihrer Nähe bleiben?“
„Ja.“
„Wenige Tage -- geschenkte Tage -- die Gegenwart der gütigen, vornehmen Menschen, die Ihre Freunde sind, gibt uns diese Freiheit.“
„Ja.“
Sie wußten es beide: tausend Rücksichten waren ihnen auferlegt, sie durften nicht in stolzer Leidenschaft, die Welt verachtend, aufeinander zustreben.
Nicht Feigheit band sie -- Achtung vor einem, der fern war und noch an sein Glück glaubte.
Sie dachten beide an ihn. Das zwang sich ihnen auf, ungesucht, fast gegen ihren Wunsch. Kein Gedanke hatte ihn gestreift, als sie gespannt, in jener unerträglichen Steigerung der Sehnsucht zueinander, die die Gegenwart ahnungsloser und hemmender Menschen großstachelt, bei Tisch zusammengesessen. Da war ihr Blut schwer gewesen vor Angst, daß sie auseinandergehen müßten, ohne sich zeugenlos sprechen zu können.
Und kaum war ihnen das bißchen Einsamkeit geschenkt, das ein offener, emsig die Straße entlang klappernder Wagen gibt, so waren sie wie beherrscht von dem einen Gedanken an den Mann ...
„Ich habe an Malte geschrieben,“ sagte sie, aus diesen Gedanken heraus.
„Die Wahrheit?“ fragte er rasch.
Schon fühlten sie beide, als ob es eine solche gäbe ...
Und waren doch vor drei Wochen in quälender Ungewißheit auseinandergegangen, damit ihre Seele sich Klarheit suche ...
„Ich habe ihm gesagt, daß ich glaube, mein Herz sehnt sich nicht mehr nach ihm ...“
„O -- du ...“
Es riß den Mann hin -- ihm war, als habe sie sich mit diesen Worten ihm schon versprochen ...
Er preßte ihre Hand -- vereint blieben ihre Hände in den Falten ihres Kleides, auf dem Sitz zwischen ihnen ...
„Aber er,“ flüsterte Jutta, „er weiß es noch nicht ... Wie seltsam ... wie es alles schwer macht ...“
„Ja. Hart. Für ihn und uns. Phantastisch fast ... wie das Fallen eines Sterns -- wenn das Auge es erblickt, ist der Sturz längst vorbei ...“
Er sah in schwerem Sinnen vor sich hin.
Und Juttas Gedanken wanderten dem kleinen papiernen Unheilsboten nach ...
„Solange er nicht *weiß*, was ich ihm sagte, habe ich es noch nicht für *ihn* gesagt,“ dachte sie.
„Mein Leben ist nun, als schwebe es haltlos,“ sann sie weiter, „haltlos zwischen zwei Zuständen. Ich habe etwas hinausgerufen -- aber der Schall ist noch nicht angekommen.“
Und mit ihrem ganzen Wesen horchte sie gleichsam ins Unbestimmte hinaus ...
Wie das alle Nerven anstrengte und überreizte ...
„Aber wir wollen uns dieser Tage freuen,“ sprach Herbert.
„Schön ist es ... schön ...“ und mit einem furchtsamen Ausdruck, erschauernd setzte sie hinzu: „Fast zu schön.“
Das Üppige aus dieser Umwelt kam auf sie zu wie lauter Versuchung.
Sie sahen sich an.
„Du bist mein!“ sagte sein Blick mit einer ruhigen, großen Bestimmtheit.
Um sie her ging aber der Tag und seine Regie weiter. Für dieses Mal war der Geheimrat der Spielleiter. Und er stand schon da, um Jutta die Hand zum Aussteigen zu reichen, als der Wagen am niedrigen, langgestreckten Bahnhofsbau vorfuhr.
Man war ein wenig knapp vor Einfahrt des von Thonon kommenden Zuges angelangt. Und nun wurde in aller Hast, beim Einsteigen und noch aus dem Coupéfenfter heraus, besprochen, daß also Herr von Gamberg morgen -- nein, nicht schon morgen, er müsse sich bei Exzellenz Plaß abmelden und in der Tat ein Wiedersehen mit seinen Koffern in Genf feiern -- schön, also übermorgen mit Frau Jutta und den drei Gervasius zusammen einen Ausflug nach Rocher de Naye machen werde. Er könne in dem Hotel absteigen; es liege zehn Minuten von Juttas Pension entfernt und gleich ihr scheinbar im Bergwald versteckt, während man doch einen zauberischen Blick über den See habe.
Der Geheimrat, um seine derzeitige Befehlshaberstellung auszukosten, wie er sagte, ordnete alles genau an: wann Herr von Gamberg übermorgen früh mit dem Wagen Frau Jutta abholen solle, um mit ihr nach Glion hinaufzufahren, wo man die Zahnradbahn nach Rocher de Naye zu nehmen habe; sie, die drei Gervasius, würden an der Station zur Stelle sein und sich zu den Freunden gesellen.
Neben dem Kopf des Geheimrats, der das Fenster besetzt hielt, sah Jutta ein wenig von dem auf dem Bahnsteig Zurückgebliebenen. Und dann schien er einfach fortzugleiten, als schöbe man ihn wie ein Versatzstück weiter. Der Zug rollte davon.
Sie sank, eine ganz Erschöpfte, in eine Ecke der Polsterbänke.
„Wir sind allein. Also jedem eine Ecke zur verspäteten Mittagsruhe bis Bouveret,“ befahl der Geheimrat, dem es selbst sehr um ein halbes Stündchen in Gedankenlosigkeit und mit geschlossenen Augen zu tun war.
Ja, denken, denken -- nicht mit Blick und Lachen und Wort heucheln müssen, ersehnte Jutta.
Jeder saß in seiner Ecke. Renate blinzelte noch einigemal lustig zu ihrem Vater hinüber, weil er aus seiner Tasche ein frisches weißes Tuch nahm, entfaltete und über seinen Kopf deckte, ehe er wagte, ihn anzulehnen. Seine Tochter wußte: er pflegte ungefähr in jeder Tasche ein Tuch zu haben, und sie neckte ihn mit seinem Widerwillen gegen Dinge, an denen jedermann seine Spuren lassen konnte, und meinte: „Papa, du solltest auch im Leben die Gummihandschuhe tragen, die du beim Operieren anhast.“
Er drohte ihr mit dem Finger und sagte: „Du Krabbe!“
Dann waren sie alle still, und die Geheimrätin schlief sogar mit bemerkbaren Atemzügen, von denen ihr Mann nachher verleumderisch sagte, es wäre Schnarchen gewesen.
Jutta besann sich -- ja, es war kein Phantasieerlebnis -- sie hatte ihn gesehen, gesprochen, den Druck seiner Hand gefühlt. Er würde kommen -- all diese betäubende Schönheit der Welt war wie ein tumultuarisches Vorspiel gewesen, alles würde nun klar und groß und sicher: er kam! ...
Aber wie: wenn es ihn reute? Wenn er nur zum Schein, um nicht durch eine Weigerung aufzufallen, weil ihm keine Gründe zur Hand gewesen waren, gesagt hatte: ich komme!
Wenn nun morgen ein Telegramm käme -- ein Brief -- eine Telephonnachricht -- daß er fortbliebe!
Aus Vorsicht -- wegen der Welt -- um auch nicht von fern den Anlaß zu einem Gerede zu geben? Oder aus Rücksicht auf Malte? ...
„Oh,“ dachte Jutta leidenschaftlich, „ich habe ihm ja die Wahrheit gesagt, ich bin ja frei ... frei ist wieder mein Weg ins Leben ... Malte *muß* gefühlt haben, daß es eine Vorbereitung war zu der unerschütterlichen Forderung: gib mich frei.“
Ganz vergessen war es plötzlich, daß der ferne Mann ja noch nicht wußte ... Er und seine Ansprüche und sein Dasein waren nichts. Es gab nur eines: die bedrängende Furcht, daß Herbert ausbleiben könne ...
„Wie soll ich diese Spannung ertragen,“ dachte sie.
Sie fürchtete sich vor dem Abend, vor der Nacht.
Zwischen der Langsamkeit der Stunden und der leidenschaftlichen Ungeduld in ihrer Brust klaffte eine Disharmonie, die beklemmend war.
Auf dem Dampfschiff, zwischen Bouveret und Territet, bat Jutta flehentlich: „Darf Renate bei mir bleiben? Ich bringe sie selbst morgen hinauf. In der Pension ist ein Zimmer frei.“
„Ach ja,“ stimmte diese bei, „wir können dann zu Fuß hinauf -- es muß herrlich sein durch den Wald und über die Alm -- weißt du, Mama -- die so in der Mulde liegt, mit der silbergrauen Hütte auf dem grünen Grund.“
„Kind, du hast ja keine Sachen mit.“
„Jutta leiht mir alles -- und Kamm und Schwamm und Zahnbürste kaufen wir gleich in Territet.“
„Federleicht ist mein Gepäcke,“ zitierte der Geheimrat. Seine Frau hatte noch Bedenken. Wahrscheinlich aus mütterlicher Politik, meinte er, um ihre Zustimmung als wichtigen Akt erscheinen zu lassen.
Sie hatten dann beinahe ein Gefühl wie Mädchen, die die Schule schwänzen, als sie, nach Abfahrt der Eltern, noch in Territet herumliefen.
So jung waren sie in ihrer Stimmung -- auch Jutta -- plötzlich ganz voll übermütiger Jugend.
Dann fuhren sie im Einspännerchen bergan, durch düstere und doch heiße Tannenstrecken. Bis sie zur Pension kamen, wo Jutta ein Wiedersehen mit der Kleinen feierte, als läge eine lange Trennung hinter ihr.
Sie konnte das Kind noch für die Nacht zurechtmachen und es waschen und tränken und Martha loben, daß nichts passiert sei, und dem kleinen Wesen, das zufrieden lag und mit seinen tiefen, rätselvollen Blicken guckte, erzählen, daß Mutti einen herrlichen Tag erlebt habe ... alles bekam Baby zu hören, in ausführlichen, flüsternden Worten, die von heimlichem Jubel durchglüht waren. Bis Baby die Augen zufielen ...
Da verlosch auch die Jubelstimmung im Herzen der Frau.
Nur Unruhe blieb und das Gefühl, als habe plötzlich alles eine enttäuschende Wendung genommen.
Man wurde zum späten Diner in den Speisesaal gerufen. Da waren noch einige Pensionäre, allerhand Menschen, denen Jutta die kargen Höflichkeiten gönnte, die erforderlich sind, wenn man unter dem gleichen engen Dach schläft, an einem Tisch miteinander speist. Mit angezogenen Ellbogen saßen sie und handhabten die Bestecke geziert, aßen Brotbrocken zwischen den Gängen und erstatteten einander Bericht über die Ausflüge, die sie, jeder für sich, gemacht hatten. Und alles war von einer so unaussprechlichen Leere und Gleichgültigkeit erfüllt. Und wenn einer der Tischgenossen eine Bemerkung von bescheidener Heiterkeit machte, lächelte man wichtig, als sei es amüsant.
Bei jeder Mahlzeit, die Jutta noch hier eingenommen, hatte sie die Furchtbarkeit dieses Zwangs gefühlt, mit zusammengewürfelten Menschen zu sitzen und Blick und Miene auf diese Leerheit abzustimmen. Förmlich verzehrt hatte sie sich vor Verlangen nach ihren einsamen Mahlzeiten in ihrem eigenen hübschen Speisezimmer ... Aber das gab es ja nicht mehr -- dahin war keine Rückkehr -- sie selbst hatte es zerstört ...
Heute ertrug es sich gut. Die liebe Renate war da. In ihrer köstlichen Unbefangenheit, die sich durch Farcen nicht gestört fühlte, weil sie sie als solche noch nicht erkannte.
Und dann kam der Abend.
Auf Juttas Balkon saßen sie und staunten in die rasch wachsende Dämmerung hinaus. Dieses merkwürdig schwebende Grau wuchs von allen Seiten in die Welt hinein, es schien aus der Fläche des Sees emporzusteigen, es wallte leise vom Himmel herab, es breitete sich aus den Bergwänden hervor und wurde tiefer und tiefer. Am weiten Kreis der Ufer blitzten Lichterketten, und in ihnen war ein Verlöschen und Wiederaufzucken, als spielten da unsichtbare Finger auf leuchtenden Tasten. Blanke Raupen krochen über die dunkle Fläche des Sees, fremdartige Raupen, deren Sirenenschrei bis hier herauf tönte durch die feierlich weite Stille. Aus dem Rhonetal, das in dem Schwarz der gigantischen Gebirgsmauern hinweggelöscht schien, kam, wie aus einem Tunnelmund, ein Zug mit feurigem Zyklopenauge und verschwand sogleich wieder dem Blick, weil er den Weg nah am Fuß des Hanges entlang nahm.
Jutta mußte an eine andere Sommernacht denken. An jene ferne, da sie im purpurnen Dunkel des Parks, in seinem schwülen Rosenduft, sich von zwei Armen umschlossen gefühlt hatte ...
Ganz deutlich, durch die Kraft ihrer Sehnsucht Gegenwart geworden, spürte sie den Kuß auf ihren Lippen ... seinen Kuß.
Und aus der weiten, heißen Sommernacht, aus ihrem von Liebesgeheimnissen überfüllten Schweigen stieg ein Rausch auf und verführte die Frau. Sie vergaß ihre Ehe. Ihr Kind. Alles.
Die Jungfräulichkeit war ihrer Seele zurückgegeben und sehnte sich nach Erfüllung und nach all dem wonnigen Erleben des Weibtums.
Phantastische Vorstellungen bedrängten sie.
Wie -- wenn er nur gesagt hatte „übermorgen“, um zu verstecken, daß er meinte: „diese Nacht!“ Wenn er dort zwischen dem Dunkel der Stämme wartete -- von Sehnsucht ruhelos wie sie, von Verlangen krank wie sie ...
Heiße Reue kam. Weshalb nahm ich mir eine Gefährtin mit hinein in diese Sommernacht?!
Wär’ ich allein! Vielleicht rief’ er leise: komm -- komm ... Und ich huschte hinab zu ihm -- in seine Arme -- an seinen Mund ...
Purpurn war wieder die Sommernacht, und ein heimliches Brennen war in ihr, das alle Nerven anspannte und alles Leben steigerte, so daß es schien, als müsse ein Blitzstrahl der Erlösung niederflammen -- irgendwoher ...
Sie zitterte -- sie seufzte. Und legte die Stirn auf die harte Kante des Geländers.
Da fühlte sie einen Arm um ihre Schultern, eine Wange legte sich gegen ihr Haar, und ganz leise, vor Zärtlichkeit und Mitleid förmlich vorsichtig, fragte die junge Stimme: „Sehnst du dich so sehr nach deinem Mann ...“
Jutta fuhr empor.
Ihre Leidenschaft vergaß alles: Verschwiegenheit, Schonung, Vernunft ...
Sie warf sich in die Arme des Mädchens und brach in Tränen aus.
„Nein -- nicht nach ihm -- zurück sehn’ ich mich -- zurück in meine Jugend -- noch einmal möcht’ ich über mein Leben entscheiden -- frei -- wissend. -- Ach Kind -- geliebtes Kind -- wir verstehen uns selbst ja nicht -- nichts wissen wir von uns -- nichts -- als bis es zu spät ist ...“
„Du liebst Malte nicht mehr?“ fragte Renate entsetzt -- fast lautlos.
„Nein! Ich weiß nicht -- nein -- gewiß nicht -- ich weiß jetzt nicht: habe ich ihn je geliebt? Aber siehst du -- dies dumpfe Gefühl von Täuschung -- von Enttäuschung, das mag in hundert Frauen schlummern -- im Untergrund ihres Wesens liegt es -- und kommt nie herauf. Niemals, denn der Mann ist ja immer da, mit seinen Rechten, seinen Ansprüchen, seiner Gegenwart, die zugleich immer die Vergangenheit und die Zeit erster, holder Illusionen frisch hält. Da kann das nicht erwachen, nicht wachsen, geschweige denn laut werden. Andere Frauen sind nicht so lange allein und können sich nicht umsehen und nicht besinnen. Aber ich ... ich habe Zeit gehabt -- Einsamkeiten hab’ ich gehabt -- allein waren wir, ich und mein Kind -- --“
Sie begann von neuem zu weinen.
Es tat wohl, zu weinen -- es war zugleich wie Anklage und Trost -- als ließe sich mit diesen leidenschaftlichen Tränen das Glück ertrotzen ...
Und Renate weinte mit ihr -- sie weinte aus Furcht vor dem Leben und aus Entsetzen darüber, daß große Liebe enden kann. Und gegen die ihre kam, wie ein Gespenst, eine drohende Unsicherheit heran ...
* * *
„Und was macht sie jetzt?“ fragte der Geheimrat.
„Schreibt.“
„Du hättest sie zwingen sollen, sich aufs Bett zu legen.“
„Zwang auf erregte oder abgespannte Nerven ausüben wollen, halte ich für ganz verkehrt.“
„Im allgemeinen wohl. Aber wenn wie hier die Ursache am Tage liegt ...“
Die Geheimrätin stickte auf einem hellgrauen, in Taschenform zugeschnittenen Stück Brokat das Blumenmuster nach. Die dazu nötigen blassen, grünen und rosa Seidenfäden lagen auf dem Tisch.
Das hohe Halbrund einer Koniferenwand umschrankte ihren Platz, von dem aus, zwischen den Rahmenpfeilern zweier glatt verschnittenen Tujas, sie das paradiesische Stück Welt überblicken konnte.
Jetzt wandelte die Gestalt ihres Mannes, der seine Zigarette rauchte, als Vordergrundfigur immerfort hin und her vor der Fernsicht, deren Reize in diesem Moment die Geheimrätin übrigens ganz kalt ließen. Ihretwegen hätten sich da tellerplatte märkische Kartoffelfelder anstatt des Genfersees hinbreiten können. Denn sie dachte an gar nichts als an ihre Tochter und deren unbegreiflichen, höchst beunruhigenden Gemütszustand.
„So,“ sagte sie jetzt und beäugte mit größter Genauigkeit den dornenbesetzten Rosenstengel, den sie eben fertig bekommen hatte. „So? ... für dich liegt die Ursache am Tage ...?“
Er stand still.
„Nun, sie waren von der Pension bergan gestiegen und hatten dazu beinahe drei Stunden gebraucht. Es war heiß gewesen, sie brachen zu spät auf und kamen fast in die Mittagsglut hinein. Sowie nun Renée zu dir ins kühle und schummrige Zimmer kommt, löst sich die Übermüdung in einen Tränenausbruch.“
„Ach Mann -- wir kennen doch das Kind besser -- die kann doch acht Stunden wandern und kommt ebenso lustig an, wie sie ausgegangen ist, und schmaust wie ’n Bauernjunge und braucht keinen Schlaf ... Und heut: nicht mal zum Lunch wollte sie -- ins Zimmer mußte man ihr das Essen bringen -- und aß nichts -- und immer von neuem kamen Tränen. Und Jutta hält sich gar nicht auf -- nimmt sofort den Zug bergab, der, ihr offenbar sehr gelegen, noch gerade zu erwischen war -- voll Eile zu ihrem Kind zurückzukommen. Na ja, sie ist ja ’ne treue kleine Mutter ... Aber diesmal, weißt du -- diesmal wirkte es doch etwas wie schlechtes Gewissen.“
„Schlechtes Gewissen! Ich bitte dich! Inwiefern?“
„Ach -- ich bekomm’ so ein Gefühl: Jutta Falckenrott ist kein Umgang für Renée. Sie setzt ihr was in den Kopf. Beunruhigt ihr Gemüt. Nimmt ihr was von ihrer Unbefangenheit. Und die ist doch schließlich das Beste, was die Jugend hat. Die hab’ ich unserem Kind gehütet und geschont ... Und nun zerstört mir eine fremde Hand das alles.“
Voll Sorge und Unmut war sie, und immer flinker gingen dabei Nadel und Faden auf und nieder.
Das mochte der Geheimrat aber durchaus nicht haben. Er wollte nicht nur die Worte, er wollte auch die Blicke seiner Frau, wenn er mit ihr sprach. Er setzte sich zu ihr auf die Bank und nahm ihr einfach die Stickerei fort.
„In dem Augenblick, wo sich das Kind verlobte, gabst du sie dem Leben und lauter fremden Händen hin,“ sagte er voll tiefen Ernstes.
„Und sie zerstören mir, was ich gebildet habe,“ schluchzte sie auf.
Er zog sie voll Güte an sich.
„Denke nicht so klein von deiner mütterlichen Arbeit,“ sprach er, „ich vertraue ihr, ihren Resultaten und dem gesunden Wesen unserer Tochter besser.“
Sie trocknete eifrig ihre Tränen, schluckte und wollte sachlich sein.
„Man sieht wohl: die arme Frau ist voll heimlicher Erregung. Die sehnt sich krank nach ihrem Mann. Es ist Unsinn, daß sie nicht zu ihm gereist ist. So kleine Kinder haben an jeder Pflegerin dasselbe. Die großen Kinder -- die sind’s, die einen notwendig brauchen ... Ja, und was ich sagen wollte ... Nun fürcht’ ich -- wirkt das entweder wie von selbst hinüber auf Renée, oder die Frau klagt ihr leidenschaftlich was vor und verleidet dem Kind schon vorweg den Beruf des Mannes.“
„Du kannst recht haben,“ gab er ihr zu, „ich glaube sogar: du hast recht. Aber sieh: wenn die freudige Zuversicht unserer Renate überhaupt zu erschüttern *ist*, ist es da nicht gesünder, sie kämpft das jetzt mit sich durch? Zu dieser oder jener Klarheit hin?“
„O Gott ... du willst sagen?“ fragte sie erschreckt.
„Nichts will ich sagen als dies: wenn Renate erkennt, daß sie nicht in fester Haltung die Opfer zu bringen vermag, die ihres Mannes Beruf vielleicht einmal von ihr verlangen kann, dann ist sie nicht wertvoll oder nicht reif genug, ihn zu heiraten. Sie muß sich sagen, daß sie nicht nur den Mann heiratet, den sie liebt, daß sie sich zugleich auch gewissermaßen einer großen Sache angliedert, die etwas von ihr verlangt. Hat sie dazu nicht die Kraft, ist es besser, sie tritt zurück. So sehr wir das auch um des Mannes willen beklagen müßten. Denn ich mag ihn leiden. Und ich denke: du auch.“
Eine Pause entstand. Dann sagte die Geheimrätin zaghaft, mit einer förmlich kleinen Stimme: „Vielleicht ist sie doch nur von dem Bergansteigen übermüdet ...“
„Sieh, sieh -- meine kluge Frau ...“ dachte der Geheimrat, und in seinen geistvollen Zügen kamen wieder allerlei kleine Boshaftigkeiten auf und sprühten aus seinen Blicken. Er lächelte in einem Gemisch von Güte und Spott. Und mit dem sechsten Sinn, den sie für ihren Mann und seine Kritik hatte, spürte sie, was in ihm vorging, und wie ihre Frauenseele vor ihm lag mit all ihren unbewußten und unlogischen Zickzackempfindungen.
Ja, ganz und gar fühlte sie sich wie von durchsichtigem Glas vor ihm. Und das beschämte sie ein wenig und beglückte sie unaussprechlich. Sie kuschelte sich noch enger an ihn und drückte ihre Wange fester gegen seine Schulter, als wolle sie durch dies nahe Anschmiegen sagen: gibt es wohl einen besseren Platz auf der Welt als diesen!
Er saß still und hatte ein gutes Gefühl von Liebe und auch von Respekt.
Oben in ihrem Zimmer aber beugte sich die junge Renate über ihren Schreibtisch, der ganz im Schatten stand. Schräge, feine Lichtlinien gingen durch diesen Schatten und streiften über den blonden Kopf, über das Papier und über die Tuchplatte des Tisches. Die Stäbe der Persienne schlossen nicht eng aneinander und ließen all diese schmalen Bänder von Sonnenschein durch.