Nur wer die Sehnsucht kennt ...

Part 14

Chapter 143,652 wordsPublic domain

Renate schrieb an ihren Verlobten. Sie konnte gar nicht anders, als Emmich alle Not ihres Herzens darlegen. Auf eine merkwürdige Art war ihr, als litte sie die Leiden der anderen Frau mit -- als sei dies etwas Allgemeines -- ein Frauenlos, das ganz gewiß auch ihrer harre, vor dem es kein Entrinnen gab, und dem sie schon voll Angst entgegenklagte.

Die herzhafte und gesunde Sehnsucht, die sie nach dem geliebten Mann empfand, wurde das Fundament, darauf sich ganz unkontrollierte und verworrene Empfindungen aufbauten. -- Die Sorgen vor allem, daß es ihr ergehen könne, ja müsse wie der lieben armen Freundin.

Das Mitleid mit dieser wandelte sich, indem die Feder es beschrieb, unversehens in die Furcht vor eigenen Erlebnissen und Enttäuschungen, die sich bis zu Zweifeln an der Sicherheit ihrer Liebe steigerten.

Sie bedachte ihre Worte nicht sehr. Sie folgte nur dem zwingenden Bedürfnis nach möglichst erschöpfender und befreiender Aussprache.

Sie unterschied noch nicht zwischen gesprochenen und geschriebenen Worten und wußte nicht, daß gerade die, die lautlos nur auf dem Papier stehen, wuchtigere und härtere Stimme haben können als die anderen, deren Klang ein Blick begleitet ...

Es tat ihr wohl zu schreiben. Es tröstete mehr als alle liebevollen Reden Juttas. Denn Jutta hatte leidenschaftlich bereut, ihren Gemütszustand der jungen Freundin offenbart zu haben. Aber Renate meinte unter Tränen: „Wäre es sonst Freundschaft?!“

Und alles, was Jutta gesagt hatte, um ihr Geständnis zu mildern, um glauben zu machen, es sei ja ein ganz ungewöhnlicher Einzelfall -- alles hatte Renate nur bekümmerter gemacht. Es war eben jene Art von Abwiegeln gewesen, die mehr steigert als alles Aufwiegeln. Aber das wußte Renate natürlich nicht.

Sie wußte nur: Jutta ist unglücklich, und ich werde es ganz gewiß auch werden.

Aber nebenher ging auch eine entschlossene und mutvolle Empfindung, dies Unglück ertragen zu wollen ...

Sie las den langen Brief nicht wieder durch. Ihre Feder war all diese vielen Zeilen entlanggelaufen wie über eine Brücke, die zu „ihm“ führte. Und als unter den vielen Bogen das Schlußwort stand „Deine Renate“, da war ihr: ich bin da!

Und nun erst legte sie sich auf ihr Bett, weil ihr die Eltern befohlen hatten, sie solle sich ausruhen. Sie war noch gewohnt zu gehorchen und ordnete ihre Pflichten jetzt in drolliger Naivität so, daß sie erst ihren Stimmungen nachgab und dann artig war.

Als die Mutter später hereingeschlichen kam, fand sie ihr liebes, schönes Kind fest schlafend, mit verschränkten Armen, gerunzelter Stirn und einem leidvollen Zug um den Mund ... so wie Menschen schlafen, denen ihre Erregungen noch in die Träume hinein Schrecknisse bringen.

Und noch vor kurzem hatte dies Gesicht im Schlummer immer den kindlichen Ausdruck aus allerfrühesten Jugendtagen zurückgewonnen ...

Ergriffen stand sie und dachte: „Nein -- es ist kein Kindergesicht mehr ...“ An der Türspalte lauschte ihr Mann. Sie trat von dem Bett hinweg, um ihm den Blick freizugeben.

Lange sah er die Tochter an. Seine Augen funkelten -- von dem Naß, das sie füllte. Denn dieser spöttische Mann war merkwürdig weich dem Weh und Ach der Frauen gegenüber. -- Wie sollte es ihn nicht bekümmern, daß sein Liebling sich mit Schatten herumplagte.

Still gingen die Eheleute fort. Sie sprachen sich gegeneinander nicht über ihre Empfindungen aus. Aber sie wußten es nun beide: ihre Tochter war ein Mensch geworden, der seine Erlebnisse für sich hat.

Das war der Lauf der Welt.

Sie sagten es sich im stillen und wollten philosophisch darüber lächeln ... Und ein ganz merkwürdiges Gefühl von Altwerden erwuchs ihnen daraus ... Die Erkenntnis: unsere Nachfahren recken sich schon neben uns empor ... Denn vielleicht mehr noch als durch eigene Freuden zeigen Kinder durch eigene Leiden, daß sie nun ihren Lebensgang für sich haben ...

* * *

Am anderen Tag schien alles wieder im Gleichmaß zu sein. Der Geheimrat sah: „das Kind ist doch etwas blaß und hat einen gespannten Zug im Gesicht -- hoffentlich merkt meine Frau es nicht.“ Die Geheimrätin dachte: „Keiner soll mir ausreden, daß das Kind Kummer hat, es ist Unruhe in ihrem Blick -- hoffentlich merkt mein Mann es nicht.“

Und sie waren, ohne es selbst zu wissen, um ihre Tochter herum wie Hofstaaten um eine Prinzessin.

Renate spürte erhöhte Liebe und Pflegsamkeit. Und das tat so wohl, ein bißchen schmerzlich wohl -- machte weich -- stimmte zu gerührter Dankbarkeit. Sie hing sich mit kleinen Zärtlichkeiten an die Eltern -- machte dem Papa förmlich den Hof, schenkte ihm Tee ein, strich ihm Brötchen, hielt das Zündholz für die Zigarette, war mit dem Sitz seiner Krawatte nicht zufrieden, obgleich der Geheimrat sich einbildete, ein Künstler im Krawattenknüpfen zu sein; der Mama konnte sie nicht so viele kleine Dienste tun, aber sie streichelte ihr manchmal ganz grundlos und unvermutet die Hand und nickte ihr zu.

Trotz dieser gesteigerten Temperatur in der gegenseitigen Hingegebenheit vermieden die Eltern jede Frage. Mit einer Delikatesse ohnegleichen gingen sie ganz an den unbegreiflichen und starken Gemütserschütterungen vorbei, die sie gestern an der Tochter beobachtet hatten.

Man mußte die Verabredungen innehalten, die vorgestern mit Herrn von Gamberg in Evian besprochen worden waren. Der Geheimrat selbst hatte sie angeregt, und obgleich seine Frau wünschte, daß die Tour unterblieb, weil ihr jede Stimmung dafür fehle, so fand er doch, daß ihrerseits eine Absage unmöglich sei, da keinerlei Krankheit oder drohende Wetter Hindernisse hergäben.

Um elf Uhr standen sie bereit auf dem kleinen, schmalen Bahnsteig im Schattenstreifen, den das von dünnen Eisensäulen getragene Dach hergab. Der Geheimrat in seinem grauen Anzug und Panamahut; seine Damen in hellen, kurzen Kleidern, wie zu flotten Märschen bereit. Aber er hatte vorweg die Parole ausgegeben: Anstrengungen erlaube ich heute nicht!

Der Himmel war sehr blau, wenn auch nicht ganz wolkenlos. Es sah aber schön aus, wenn die großen Wolkenschatten rasch über die besonnten Grashalden der Gebirgsabhänge zogen oder ganze Strecken der Tannenwälder plötzlich verdüstert erschienen. Droben der Felsgipfel des Rocher de Naye erhob sich unumwölkt in die glänzende Luft; man erkannte hier unten die kleine flatternde Fahne des Hotels dort oben.

Hart am Bahnsteig entlang, über den eisernen Schwellen und der gezahnten Schiene, zogen sich die dicken Drahtseile hin. Sie vibrierten heftig. Und nun kroch auch der aus zwei Wagen bestehende Zug herauf, ganz steil kam er empor wie ein kleines Ungetüm, das mit klammernden Organen keuchend bergan klimmt.

Ja, und da war Jutta. Sie errötete. Herr von Gamberg und sie saßen -- zwei Touristen scheinbar -- unbefangen -- unter den vielen Menschen, die gedrängt die blanken Holzbänke der offenen Wagen einnahmen.

Sie grüßten schon von weitem höflich, so wie sie der in Reih’ und Glied stehenden Familie Gervasius ansichtig wurden -- grüßten lachend, mit winkender Hand, mit gelüftetem Hut.

Und Jutta wurde rot ... Sie fühlte es, zu ihrer größten Verlegenheit. Und begriff sich nicht ... „Merkwürdig,“ dachte sie, „solch sinnloses Erröten.“

Jutta Falckenrott fühlte undeutlich, daß Erröten vielleicht niemals sinnlos ist, daß aus uneingestandenen Wünschen, Wissen, Schuldgefühlen, Befürchtungen -- kurz aus ganz starken, aber im dunkeln bleibenden Unterströmungen die Aufwallungen kommen, die das Blut in die Wangen jagen.

Fahrgäste stiegen aus. Andere, die neben Gervasius’ auf dem Bahnsteig gewartet hatten, stiegen mit ein. In dem Hin und Her konnte man nicht Plätze nebeneinander erobern. Der Zufall drückte jeden irgendwohin. Mutter und Tochter saßen sich gegenüber vorn im Wagen. Der Geheimrat hatte noch ein Unterkommen in dem Abteil bei Jutta und dem Legationsrat gefunden. Das gefiel ihm gut, der schönen Frau gegenüberzusitzen. Sie interessierte ihn in jeder Hinsicht.

Im allgemeinen konnte keine Frau mit ihm verkehren, ohne ihm geschwind etwas vorzuklagen und gewissermaßen einen ärztlichen Rat so nebenbei von ihm zu erfischen. In der allerhöchsten Gesellschaft, in Ballsälen, auf Diners bekamen ihn die Damen in einer Fensternische, in einer Saalecke fest, und brachten das Gespräch auf ihre Kinder oder auf ihre Leiden. In aller Unschuld knöpften sie ihm kleine Gratiskonsultationen ab. Und es war schon vorgekommen, daß er, wenn die Betreffende zu zudringlich wurde und -- sehr häßlich war, mit seinem allerschlimmsten Lächeln gesagt hatte: „Meine Gnädige, auch hier kostet ein derartiges Gespräch mit mir zwanzig Mark. Denn die Konsultationen beim Punsch Romain und bei Gänseleberpastete gehen zugunsten meiner armen Kranken.“

Jutta hatte ihm noch nie etwas vorgeklagt, und das mochte er haben. Auch war sie sehr intelligent und sprach gut. Das mochte er auch haben, denn immer wieder fiel es ihm auf, wie wenig gewandt deutsche Frauen ihre Muttersprache meisterten. Es gab die Gewählten und Gezierten. Und es gab die Nachlässigen. Aber frei und sicher aus dem unendlichen Wortschatz schöpfen, gewandte Sätze formen, das verstanden nur sehr, sehr wenige.

Sie war auch sehr schön, und das mochte er drittens haben. Weil er von Berufs wegen mit so viel Unästhetischem umzugehen hatte, konnte er große Freude an geschmackvoll gemeisterter Schönheit finden. Und er sah: Jutta brachte die ihre voller Harmonie zur Geltung.

Ihre seelischen Unruhen, die er ja erraten mußte, von denen auch sein Schwiegersohn voll Sorge gesprochen, beschäftigten ihn ebenfalls. Und so hätte er alles in allem wohl wissen mögen, was für ein Mensch sie eigentlich sei.

Er taxierte, so wie er’s ihr auch vorgestern auf der Brücke gesagt: eine wandernde Seele.

Eine von den Sehnsüchtigen, für die es nie und nirgendwo eine wahre Erfüllung gibt. Die sich ermatten in der ewigen Begierde nach einem Glück, das ihnen nur in ungewissen Linien vorschwebt.

Und das tat ihm leid.

Denn er wußte: die Art hat es schwer mit sich. Besonders wenn sie vornehm und anständig bleiben will.

Er hatte gesehen, wie Jutta errötete, als man einander ansichtig wurde.

„Ei, ei,“ dachte er.

Doch schlechtes Gewissen? Wegen Renée? Fühlt, weiß sie, daß sie ihr was in den Kopf setzte?

Es war doch recht unbehaglich. Er mochte im allgemeinen nicht, wenn Frauen sich so leidenschaftlich befreundeten, wie Jutta und Renate es getan hatten. Er hatte noch nie gesehen, daß junge Wesen dadurch klarer und zufriedener geworden waren. So ein bißchen Freundschaft obenhin, zum Lachen und zur Freude -- ja. Aber Unreife sollen nicht miteinander in die Nebel und Abgründe des Lebens hinabwollen -- das war immer eine unbekömmliche Geschichte; sie machen sich gegenseitig nur furchtsam. Frauenfreundschaft ist nur was für Geprüfte, dachte er.

In seiner munteren Art fragte er allerlei und erfuhr vom Legationsrat von Gamberg denn auch, daß dieser gestern abend erst mit dem letzten Zug von Genf über Lausanne eingetroffen sei, so spät, daß er sich nicht mehr habe erlauben dürfen, sich noch bei Jutta zu melden. Dafür habe er sich heute morgen mit fast unbescheidener Pünktlichkeit in der Pension eingestellt.

Und während dieses Berichtes sah er, Gamberg zuhörend und nach Gleichgültigem fragend, immer beobachtend Jutta an.

Sie fühlte es. Und errötete wieder. Ihr war, als durchschaue dieser kluge Mann sie ganz und gar. Sähe es ihr an, daß sie wieder bis in die Nacht hinein auf ihrem Balkon sich in Erwartung und Verlangen zerquält -- daß ihr Schauer über die Haut rieselten, wenn in den nahen Tannen leise ein Schritt klang -- daß ihr Herz rasend schlug, als sie einmal glaubte, wie einen Hauch nur, ihren Namen rufen zu hören -- daß sie entnervt, fiebernd, von Ungeduld zermürbt, monoman immer dachte: „Käme er doch -- käme er doch ...“ Aber er war nicht gekommen ...

Ihre Unruhe hatte das Kind förmlich angesteckt. Es schrie in der Nacht. Das war nicht mehr vorgekommen seit den allerersten Wochen. Es wurde so gut genährt und gehalten, daß es schlief, schlief, still, mit stetigem Atem, fast ohne sich zu rühren ...

Und heute morgen, als Herbert kam -- früher als sie ihn erwartet hatte -- da sah sie ihn nicht allein. An den Tischen auf der kleinen Terrasse frühstückten auch die anderen Gäste der Pension und saßen interessiert und bewachten Mienen und Worte. Daheim in ihren Pflichtkreisen waren sie vielleicht tüchtige und angenehme Menschen. Im Nichtstun aber offenbarten so viele ihre Inhaltlosigkeit. Es war gerade, als ob nur die Bewegungen der anderen Menschen ihnen ein wenig Bewegung bringen könnten ... und sie lauerten hungrig.

Dies erzählte Jutta jetzt. Und indem sie dem geliebten Mann zu verstehen geben wollte, daß sie ihm unter vier Augen Unendliches zu sagen gehabt hätte, machte sie eine humoristische Darstellung daraus.

„Ja,“ sagte der Geheimrat, „früher dacht’ ich manchmal, man kennt einen Menschen nicht, ehe man nicht mit ihm in der Arbeit zusammen war. Hiervon bin ich abgekommen. Arbeit hebt so sehr, daß auch Unbedeutende von ihr zu etwas gemacht werden können. Beobachte jemand beim Faulenzen, und du wirst wissen, ob du einen Menschen von höherer Kultur vor dir hast. Die Arbeitsstunde zügelt, die Feierstunde entzügelt. Da zeigt sich’s, ob einer blöde, leer, roh oder von feinsten Bedürfnissen ist.“

Der kleine Zug kroch unterdes steil bergan. Die Landschaft, indem sie zurückzusinken schien, wurde immer gewaltiger.

Voraus erhoben sich zwei kolossale Höcker: links das grasbenarbte Horn des Jaman, links der willkürlich gebuckelte Gipfel des Rocher de Naye.

Man besprach die „Aussicht auf Aussicht“. Das unermeßliche Blau erschien schöner und tiefer, weil weiße Wolken darüber hinwegsegelten -- so vereinzelt -- jede in stolzer Verlassenheit. Und unter ihr auf dem mächtigen Stück Erdenrücken und seinem bizarr gehaltenen Riesenmantel von Wäldern, Almen, Felsenkahlheit zogen ihre Schatten lautlos mit.

Jutta konnte von ihrem Platz aus, an etlichen Lodenhüten vorbei, gerade Renate ins Gesicht sehen und signalisierte ihr nun zu: sie möge auf die ziehenden Schatten achten.

Der Geheimrat erkundigte sich nach dem Ergehen des Töchterleins.

„O gut ...“ sagte Jutta. Ihr war, als dürfe sie nicht erzählen: es schrie die Nacht -- als heiße es ihre eigene Unruhe eingestehen.

Herr von Gamberg fragte, ob alle jungen Mütter sich so um ihre kleinen Kinder abmühten; heute morgen habe er, kaum daß Frau Jutta ihm fünf Minuten am Frühstückstisch geschenkt hatte, noch allein warten müssen, weil sie vor der Abfahrt noch die Kleine versorgen wollte.

„Leider ist es nicht allgemein,“ sagte der Geheimrat.

„Meine Verantwortung ist aber auch besonders groß.“

„Weil der glückliche Vater dieses Wickelkindes das Zipfelchen Vaterland in China festhält?“ fragte der Geheimrat spaßig.

„Weil es ...“ sie brach ab. Sie hatte wieder und abermals sagen wollen: weil es nur mein Kind ganz allein ist ...

Sie fühlte sich ein wenig beruhigt, weil es ihr gelungen war, das Wort noch auf der Lippe zurückzuhalten ... Vor diesem klugen Mann hätte sie es merkwürdigerweise nicht aussprechen mögen.

Gamberg ahnte, was in ihr vorging -- sein Wissen von ihr befähigte ihn, die abgebrochenen Worte sich zu ergänzen.

Er vermied es, sie anzusehen.

Sie fühlten voneinander: Diese unerhörte Erregung war jäh wieder da, die ihnen die Gegenwart von Menschen zur Qual machte. Die ihre Nerven bis zur Unerträglichkeit anspannte.

Nun verschlang ein Tunnel den keuchenden kleinen Zug, der, in seine seltsam klappernden und surrenden Geräusche förmlich eingehüllt, lärmvoll durch die Dunkelheit klomm, das Gebiß seines kleinen Mittelrades hart in die Eisenzähne der Schiene schlagend. Unter dem von eisigem Hauch durchschauerten Gewölbe führten all die Schallwellen einen wühlenden Kampf miteinander.

Und in dieser lauten Dunkelheit, die jedermann benahm, so daß alles Aufmerken nur auf sie gerichtet war, fühlte Jutta einen kurzen, starken Händedruck.

Er sollte ihr zu ihren unterbrochenen, nicht vollendeten Worten Tröstliches sagen.

Sie verstand ... Wie tat ihr das wohl. Ihr Verlangen, sich mit ihm aussprechen zu können, wuchs.

Jenseits des Tunnels empfing sie eine andere Welt. Eine, die kein Lächeln hatte und keinen Glanz. Die Starrheit eines von Steingeröll fast übersäten, im Schatten liegenden Hochtals, dessen längliches Rund Felsenschroffen umstanden. Und aus ihm heraus führte ein zweiter Tunnel in die kühne Freiheit des breiten, gebuckelten Gipfels des Rocher de Naye.

Da war Leben -- nur zu viel Leben; Licht -- nur zu beizendes Licht. Und außer dieser seltsamen Hochstation von Hotel, Terrassen, Aussichtstribünen und Menschengewimmel auf grüner Vegetationsnarbe die weite, ungeheure Welt.

Es wirkte, als sei vielleicht ein Ballon von da unten emporgestiegen und habe hier ein ungewähltes Stück Zivilisation abgesetzt. Nun schnurrte das gewohnheitsmäßig seine Funktionen ab, auf die es eingestellt war. Der Gegensatz schrie, wie Farben schreien, die nicht zueinander passen.

Vom Zug hasteten die Touristen zum Gerüst der Aussichtstribüne, als würden sie den Anfang des Schauspiels versäumen, für das sie voll bezahlt hatten, wenn sie sich nicht eilten. Kellner standen in der Tür des Hotels und taxierten, wie viele von den Vorbeiströmenden wohl zum Lunch kommen würden. Im riesigen Speisesaal, aus Holz und Glas, warteten die Tische wie zu schützenfestlicher Generalabspeisung.

Aus irgendeinem Grunde wurde vor dem Hotel eine neben dem Türpfosten befestigte, grelltönende Glocke geläutet, der Kellner, dem dies oblag, zog an dem Strick mit einem leidenschaftlichen und genauen Rhythmus. Dicht dabei, an einem mit schon geleerten Weinflaschen bestandenen Tisch, hielten sich kreischende Frauen die Ohren zu und taten empfindlich, während ihre freudeheißen Gesichter den Männern breit zulachten, davon einer gerade sein rot gefülltes fußloses Glas hoch emporhob zum Wohl der sonntäglich geputzten derben Schönen.

Der Geheimrat brauchte sich mit seiner Gesellschaft nur durch Blicke zu verständigen -- sie waren einig in dem Wunsch, sich von dem Treiben recht weit zu entfernen. Langsam spazierten sie auf dem Gelände dahin; es stieg und fiel ab und war doch alles der fast hufeisenförmige Gipfel des Berges.

Sie fanden einen grünbenarbten kleinen Hang, der wie ein amphitheatralischer Sitz einlud. Und der Geheimrat zog wieder eins seiner berühmten Reservetaschentücher heraus, breitete es säuberlich hin und setzte sich darauf, obschon der Bewuchs der Erdkrumen ein aus Rasen und Kräutern ineinanderverfilztes trockenes Lager geboten hätte.

Neben ihm suchten sich Jutta und Herbert Gamberg ihren Platz, Jutta zwischen den beiden Herren. Ganz wie von selbst blieb man zusammen, wie der Zufall es bei der Herauffahrt gefügt.

Die Art, wie Frau Gervasius ihre Tochter eng neben sich behielt, hatte fast etwas Demonstratives -- in aller Unbewußtheit -- als wolle sie sich und unwillkürlich damit auch den anderen zeigen: noch ist es *mein* Kind! Noch bin *ich* die Nächste zu ihrem Vertrauen, ihren Kümmernissen. Und Renate, ein wenig schweigsam und oft von einem ganz bohrenden Nachdenken wie hinweggeführt aus dem gegenwärtigen Zustand, hing sich an die Mutter und suchte sich auch mit ihr zusammen einen Platz, fern von den anderen, und als sie dann saß, legte sie ihren Hut in den Schoß und ihren Kopf an die Schulter der Mutter. Still träumten sie beide hinaus. Und indem sie das große Bild zu bewundern schienen, waren ihre Gedanken doch eigentlich stark beschäftigt. Die Mutter wartete, voll Vorsicht, aber doch auch voll Begierde, ob die Tochter nicht sprechen würde. Aber der Tochter war es Zuflucht und Vertrauen genug, in all ihrer Furcht diesen guten, sicheren Platz zu haben, wo man ohne Erklärungen fest sich anlehnen durfte.

Gewiß -- so fühlte sie -- verstand die Mama von selbst, daß es viele, viele Dinge und Fragen gab, über die eine Braut schwer nachzudenken hatte. Denn einmal sagte sie es doch selbst: man müßte die Brautzeit nicht nur durchjubeln, sondern auch zur ernsten Einkehr benutzen.

Manchmal seufzte Renate, ohne es zu wissen. Und die schweigende Mutter horchte bekümmert dem Seufzer nach.

Der Geheimrat bog sich ein wenig zurück, um mal zu konstatieren, wo Frau und Tochter sich denn eigentlich niedergelassen hatten. Er fühlte wohl: die zwei freimauerten heute ein wenig zusammen -- schlossen ihn und alle Welt von ihrem Bündnis aus. Er streifte es mit keinem Wort. Aber er dachte: gut so -- gut so! Er wußte ja: zwischen Müttern und Töchtern gibt es merkwürdige Dinge: ein Verstehen, bloß aus dem Gefühl heraus, ohne Worte, das ans Wunderbare grenzt ... als seien da Fäden, die nichts zerreißen konnte ...

Nun saß man lange schweigend. In diesem gigantischen Weltbild da vor ihnen war keine Einheitlichkeit der Stimmung. In ruhevoller, ernster Pracht stieg zu ihren Füßen der Berg hinab, mit grünen Matten und tiefen Wäldern. Über ihrer Linie sah man den See, im beizenden, blitzenden Blau bestrahlter Edelsteine -- die zierlichen Ufer überlächelte der Sonnenschein. Das war von so versucherischer, sündhafter Grazie, von so gesteigerter Schönheit, daß man in begehrlichem Verlangen die Arme hätte ausbreiten mögen, um in ihr zu vergehen.

Zur Rechten und geradeaus verschwamm diese glänzende Üppigkeit ins Grenzenlose, ihre Abschlußlinie ging unter im Duft der Ferne, so daß es schien, die ganze Erde sei von ihrem Herrlichkeitswesen. Aber zur Linken und geradeaus traf der Blick auf die harte und düstere Mauer der Hochalpen. Über der Wucht des grauen Felsenmassivs des Dent du Midi erstreckten sich Gletscher, waren wie weißblaue Fetzen zwischen Felsschroffen geworfen und eingeklemmt; dahinter drängten sich, fern und immer ferner, eisige Gipfel -- da ahnte man eine Welt von tödlicher Leere und Kälte -- ein Durcheinander von furchtbaren Einöden.

Der Himmel hielt das Bild zusammen -- spannte sich über all diese Töne hinüber. Sein Blau war von solcher Tiefe, daß es dem hinauf sich bohrenden Blick zuletzt schwarz erschien ... Und weiße, einsame Wolken zogen ...

Tief unter ihnen zog ihr Schatten mit ...

Diesem lautlosen Riesenspiel des Lichtes mit den Wolken sahen sie, wie bezaubert davon, zu.

Jutta saß schweigend, von einer an Andacht grenzenden Wonne halb betäubt. Sie genoß die schöne Stunde zusammen mit dem Mann, der sie liebte! Dies Wissen: geliebt zu sein, das werbende Sehnen und Begehren neben sich zu spüren, erhöhte ihr noch die Gewalt dieses Blickes in unerhörte Naturwunder.

„Wären wir allein hier!“ dachte sie in heißem Wunsch -- „Hand in Hand, hoch über der Welt ...“

Fühlte er nicht das gleiche? Sagte er nicht aus dieser Notwendigkeit heraus plötzlich halblaut: „Es wäre schöner, zu Fuß hinabzusteigen.“

„Ja, ja ...“ gab sie hastig zu.

„Ob es schöner wäre!“ sagte der Geheimrat. „Wenn Sie Lust dazu haben, ich bitte Sie, unabhängig zu sein. Wir können da heute nicht mithalten ... mein Töchterlein scheint ein wenig flau -- ist still -- sie soll sich nicht anstrengen ...“

„Wollen wir?“ fragte er.

Sie sahen sich an. Rasch, in aufjauchzendem Entzücken: „Ja -- ja ...“

Und wieder Schweigen.

Nun war Jutta wie trunken von der Erhabenheit der Welt ... Bereit, in all der Schönheit unterzugehen -- widerstandslos -- und sei es Sünde -- und sei es Tod ... Allein mit ihm ... endlich und zum erstenmal wirklich allein ...

Der Geheimrat sah den gleitenden Schatten nach und suchte eine Erinnerung festzunageln.

„Schopenhauer,“ sagte er, „mein Gott, so etwas kann quälen ... helfen Sie doch ... oder können Sie’s nicht? Sie sind aus der Generation, die ihn nicht mehr las ...“

Aber Herbert Gamberg konnte aushelfen.

„Im Kapitel von der Nichtigkeit und den Leiden des Lebens,“ sprach er; „die Gegenwart ist einer kleinen dunkeln Wolke zu vergleichen, die der Wind über die besonnte Fläche treibt: vor ihr und hinter ihr ist alles hell, nur sie selbst wirft stets einen Schatten. Sie ist demnach allezeit ungenügend, die Zukunft aber ungewiß, die Vergangenheit unwiederbringlich.“

„Das nenn’ ich ein genaues und präsentes Gedächtnis haben,“ lobte der Geheimrat.