Nur wer die Sehnsucht kennt ...

Part 15

Chapter 153,570 wordsPublic domain

„Nein,“ dachte Jutta, „meine Gegenwart ist nicht mehr dunkel ... nicht mehr ...“

Und zugleich hatte sie jenen kleinen, rührenden und kindlichen Stolz, den liebende Frauen haben können, wenn der Geliebte gelobt wird.

Die beiden Männer sprachen weiter, mit gelassenen Stimmen, in einem durch den wohligen Genuß am Augenblick etwas trägen Fluß der Gedanken oder doch der Worte. Der Geheimrat erzählte, daß er seinen Stil an Schopenhauer zu bilden versucht habe, daß er dessen Prosa noch über die Goethesche stelle, daß man es nicht genug beklagen könne, wie ganz aus der Mode es gekommen sei, in Schopenhauer noch den Sprachkünstler zu ehren. Herbert Gamberg meinte, man sei hier am Genfer See mittelbar ein wenig in seinem Dunstkreis. Der Name Grisebachs, des Schopenhauer-Jüngers, fiel; von dessen „Neuem Tannhäuser“ war die Rede, und Gamberg wußte einige Lyriker zu nennen, deren Ernten seiner Ansicht nach auf Grisebachs Acker gewachsen waren.

Im Geheimrat wurden Stimmungen aus der Jugend wach. Er war vergnügt, daß Gamberg Halbvergessenes in ihm aufstöberte ... allerlei Reime erhoben ihr anmutiges Geklingel; aus dem unendlichen Bergwerk von ernstem Wissen, in dem tief versteckt sie am Leben geblieben waren, fuhren flink leichtsinnig holde Verse auf. Er zitierte -- tastend -- mit suchenden Worten -- ungenau -- Herbert Gamberg half aus.

Und endlich hatten sie es beisammen, und der Geheimrat fühlte jene drollige Freude, die auch verständigste Menschen haben, wenn es ihnen gelingt, eine Gedächtnislücke auszuflicken, schon scheinbar Verschollenes wieder lebendig vor sich zu sehen. Er las dem jüngeren Mann nun, lautlos sie nachsprechend, förmlich die Silben von den Lippen, als Herbert mit halber Stimme aufsagte:

„O ihr Savoyens veilchenfarbene Höhn Und du, Montblanc, in rosigen Abendgluten, Tiefblauer See -- wie seid ihr heute schön! Und dennoch blick’ ich traurig in die Fluten; Ich schaue seufzend nach La Meillerie Und fühl’ ins Aug’ mir eine Träne steigen, O Tag von Clarens! Bosquet de Julie! -- Wär’ sie mein eigen!“

„Die letzte Strophe,“ drängte der Geheimrat, „kriegen Sie sie noch zusammen?“

„Du *warst* mein eigen -- was hat mich so bald Aus deinem Arm, aus meinem dich getrieben? Wird jedes Herz nach kurzem Glühen kalt? Ach, oder kann nur ich nicht dauernd lieben? Und wieder einsam rudr’ ich auf dem See, Die Wogen tanzen ihren alten Reigen, Der Mond geht auf wie damals in Vevey -- Wärst du mein eigen!“

Und während so der alternde Mann, in der weichen Freude, die die Stimmung dieser prangenden Welt auch in ihm aufwallen ließ, zärtlich mit dem Geschmack seiner Jugend liebäugelte und nachkostete, was ihn damals entzückt hatte -- horchte die junge Frau den Worten nach ...

Sie hörte den Klang der Leidenschaft in der halblauten Stimme.

Sie fühlte, daß er es *ihr* sagte, dies flehend sehnsüchtige: Wärst du mein eigen!

Sie erlebte wieder jene kurze Minute in der purpurdunkeln, rosenduftigen Sommernacht, wo er sie geküßt.

Und ihr deuchte, als sei dies nicht ein rascher Kuß gewesen -- als hätten sie sich damals feierlich einander gegeben -- und alles, was nachher kam, sei Irrtum, sei Treulosigkeit gegen ihn ...

„Wärst du mein eigen!“

Alles ging weiter ... die Stunden spannen sich ab. Ein Weilchen noch sprach der Geheimrat von den Göttern und Götzen seiner Jugend, hielt eine allgemeine Revue über die Trümmer, die man so hinter sich läßt -- meinte: je mehr einer rückwärts liegen weiß, desto heller ist’s vor ihm.

Dann stand man auf. Die Prosa kam, und man mußte essen und saß, merkwürdig von grundlos plötzlicher Heiterkeit getragen, um die Spitze einer jener langen Generalabfütterungstafeln im Saal. Der war nun wieder leer, und nur die Kellner schlüpften wie schwarze Hechte hin und her und räumten ab.

Nachher saß man noch lange am Haus im Freien und ließ den Geheimrat in Ruhe zu seinem Kaffee und seinen Zigaretten kommen. Bei dieser Gelegenheit wurde es dann auch festgestellt: Gervasius’ fuhren mit der Bahn hinab in ihr Hotel in Caux, und der Legationsrat von Gamberg schwor dem Geheimrat, als dem derzeitigen Beschützer der schönen Frau Jutta, zu, daß sie mit heilen Gliedmaßen bis an die Pension gelangen solle. Der Geheimrat nahm seine Verantwortung humoristisch wichtig -- denn im Ernst konnte von irgendeiner Gefahr bei diesem geplanten Abstieg nicht die Rede sein.

Dann standen Jutta und Herbert Gamberg auf dem offenen, mit gelbem Kies bestreuten Bahnsteig, der fast aus dem schwarzen Mundloch des Tunnels herauszukommen schien, einer langen, schmalen Zunge gleich.

Sie lächelte ganz freundlich zu den drei Abfahrenden hinauf -- ein unverdächtiges Lächeln. Sie wechselte verständliche Worte mit ihnen, die Sinn und Zusammenhang hatten, und denen niemand angehört haben würde, daß ein Wesen sie sprach, das eigentlich nur Maske war.

Dahinter, die wahre, die eigentliche Frau lächelte nicht und sprach nicht, sondern dachte einen einzigen fanatischen Gedanken: „Nun sind wir gleich allein.“

Herbert, in einer beklemmenden Vorfreude darauf, endlich Stunden ungestörter Aussprache vor sich zu haben, verbarg seine Erleichterung über die Abfahrt der Freunde unter immer wachsender Höflichkeit und strengem Ernst des Ausdrucks. Nichts war seiner zurückhaltenden Art gemäßer als dies. Wenn er heimliche Erregungen zu verstecken hatte, wurde er steif.

„Er ist ein merkwürdiger Mann,“ dachte der Geheimrat, „wenn man recht gemütlich mit ihm gewesen ist, scheint er es nachher gewissermaßen dadurch zurückzunehmen, daß er sich in formelle Haltung hüllt.“

So bekamen, nach den wohlgelungenen Stunden des Tages, diese letzten Minuten etwas Konventionelles.

Noch ein letztes Grüßen -- und sie standen allein.

Sie sahen sich an -- kurz atmend -- verlegen beinahe, von dem halbdeutlichen Wunsch beherrscht, voreinander ihre heiße Freude zu verbergen ... als sei etwas Plumpes darin, das unterdrückt werden solle ...

„Gehen wir gleich?“

„Das müssen wir wohl,“ sagte Jutta, „es ist jetzt halb fünf. Vor Einbruch der Dämmerung möchte ich unten sein.“

„Oh -- wir sind es früher ...“

„Desto besser.“

„Also ...“

Das sollte wie muntere, harmlose Aufforderung klingen. Und kam nur gepreßt heraus.

Sie schritten aus. Hintereinander her. Der Mann voran.

Hart unterm Gipfel, in ganz geringer Senkung, zog sich über feines Geröll, das rieselte und rutschte, ein Pfad hin. Wie eine Wand stand zur Rechten der grünbenarbte Fels, links unten lag die Welt.

Zuweilen wandte Herbert sich zurück und sah die geliebte Frau an -- was sie mit einem strahlenden Lächeln beantwortete.

Leicht schritt sie einher -- in grundlos seliger Fröhlichkeit.

Nichts hatte sich an den Umständen ihres Lebens geändert.

Und doch schien ihr, als sei nun jede Not vorbei -- als wandere sie mühelos, freudig hinein in die Erfüllung all ihres Sehnens.

Die im Grenzenlosen verschwimmende Herrlichkeit der schönen Welt schien ganz allein für sie da zu sein, lachte für ihre lachende Seele.

Es war keine menschliche Mühe, es war göttliche Lust, zu leben.

In den Rausch dieser Stimmung drängten sich keine schwülen Beängstigungen -- es war etwas ganz Freies -- Reines.

Das bloße Gefühl, von jeder Heuchelei befreit zu sein, gab eine vollkommene Zufriedenheit und Erholung.

Schweigend wanderten sie. Nur der Widerklang ihrer Schritte und das leise Rieseln des Weggerölls, das ihr Fuß in Bewegung setzte, ging immer mit ihnen. Hinter ihnen her kam der laue Wind und strich die Frauenkleider nach vorn. Zuweilen holte ein Wolkenschatten sie ein, huschte über sie hinweg und eilte ihnen voraus am Hang hin.

Sie kamen an die einzige wirklich mühevolle Stelle des Abstiegs. Für einen Kamin zu weit, für eine Schlucht zu eng -- eine Art steil abfallender Rinne, angefüllt mit kleinen Blöcken, zwischen denen zuweilen ein kümmerlich grünendes Buschgestrüpp seine Reiser herausstreckte und ein Wasser rann, doch so dürftig, daß es nicht rieselte, sondern nur feuchtete.

Herbert stieg voran. Er prüfte mit dem Stock die Liegefestigkeit jedes Steines, ehe er darauf trat oder seinen Fuß in die Spalten und Lücken zwängte. Dann hielt er seine Rechte der nachkommenden Jutta hin. Mit einer gewissen feierlichen Emsigkeit überwanden sie die Strecke, ganz fürsorglich sich nur gegen ihre kleinen Tücken vorsehend.

Und dann standen sie ausatmend und vergnügt einander gegenüber. In der glücklichsten Unbefangenheit. Und dachten nur erstaunt, warum sie vorhin voreinander verlegen gewesen seien.

„Von nun an ist es ein Spaziergang,“ sagte er.

„Wir können bis dicht vor Caux auf dem Hauptweg bleiben und dann den kleinen Pfad nehmen über die Alm, nachher durch den Wald hinab, nach Montfleury. Ich kenn’ mich da aus -- ich bin mit Renate schon da gegangen!“

Wirklich, es war ein Spaziergang. Ein gutes Wandern war es in der leichten, unbegreiflich reinen Luft, die nach Schneefrische und würzigen Kräutern zugleich roch. Die wohlig warm war und zugleich so stark.

Und immer lag fern drunten der See, im blausilbernen feinschuppigen Gerinnsel seiner weit hingestreckten Fläche.

Nur eine Überraschung bot dies Spazierengehen. Der Weg zog sich so merkwürdig um all die Falten des Bergmantels -- ein und aus bog er sich, rundete sich hinein, daß man wie umschlossen von grünen Bergwänden war, rundete sich hinaus, daß man steil und hoch über der Gegend zu wandern schien.

„Es ist weiter, als ich dachte,“ sagte Jutta einmal.

„Da auf der Alm können wir rasten.“

„Sie ist nicht bewirtschaftet.“

„Das sieht man schon von hier -- es weidet nirgends Vieh.“

„Dort hab’ ich gestern auch mit Renate gesessen.“

Nun war es, als hätten sie ein Ziel. Sie gingen rascher. Bergab lief der Weg und schien sie fast zu stoßen -- immer mußte sie sich im Gleichgewicht halten gegen jene seltsam fallenden Vorwärtsbewegungen, zu denen der Körper beim Absteigen gedrängt wird.

„Warum sind wir so schweigsam,“ fragte Herbert einmal, in guter, unbefangener Laune.

Ja, warum? -- So fieberhaft hatten sich ihre Wünsche dem Alleinsein entgegengedrängt, um endlich miteinander sprechen zu können, über den Ernst ihrer Lage -- über ihre Wünsche -- ihre Zukunft.

Und nun wußten sie nichts zu sagen und schienen ganz ausgefüllt von der Lust am zweisamen Wandern in der schönen Welt.

Da vor ihnen lag die Alm -- ein Idyll -- fast in Bilderbogenfriedlichkeit. Lieblich und still. Leer lag sie, eine große, lang sich hinabziehende Matte, von dem Saum des Tannenwaldes umgrenzt. In ihrer Mitte kauerte gedrückt das Blockhaus. Die dicken Stämme, aus denen es gefügt war, hatten Sonne und Wetter silbergrau gefärbt. Nun schimmerten sie metallisch, und das Schindeldach, das sie schirmte, von Steinen beschwert und dunkel gefleckt, gleißte. Ein alter Holunderbusch drängte sich an die rückwärtige linke Ecke und umschattete sie. Daneben rann, aufgefangen in einem halben, gehöhlten Baumstamm, ein blankes Wasser unter einem den Rasen durchbrechenden Felsbrocken hervor. Jetzt entließ diese Rinne das Wasser ungenützt; dünnstrahlig und blitzend entfloß es ihr und suchte sich einen Weg talwärts, durch das Wiesengras, darin sich einen schmalen Lauf zu tiefen ihm auch durch Stetigkeit gelungen war.

Gestern war Jutta hier gewesen -- aber nun erst entdeckte sie die Stätte wahrhaft, in ihrer Feld- und Wald- und Welteinsamkeit unter dem grandiosen Himmel und der Nachbarschaft der von weitem herschauenden Gebirgskolosse.

Die Eingangstür lag zwischen Pfosten tief zurück. Das waren grob behauene Stämme, in dürftigster Baukunst errichtet. Sie umschlossen die verrammelte Tür derart, daß eine breite, geräumige Nische entstand, in der der Schwellbalken einen Sitz hergab.

Besser konnte man nicht sitzen. Den Rücken hielt man gegen die Wand, die Füße voraus gestreckt. Der Rahmen der derben grauen Stämme, klobig und fest, umschloß die Stätte und verbarg sie allen Menschen.

Aber wo waren Menschen? Fern und fingergroß sah man zuweilen einige auf dem sich ein- und ausrundenden Weg droben vorwärts krabbeln. Gerade klomm auch die Zahnradbahn, zwei schräge Kästchen, bergan -- winzig wie ein dunkler Käfer, der Mühe hat, sich mit klammernden Beinen beim Emporkriechen zu halten.

Sonst nur die wartende, schwüle, duftende Einsamkeit.

Auch der See war verschwunden -- von der Mulde dieser Alm, die die Wälder bergabwärts begrenzten, konnte man ihn nicht sehen.

Und daß man ihn nicht sah, gab völlig den Zauber der Einsiedelei.

Im Wandern war das Schweigen so natürlich gewesen. Der gleichgestimmte Schritt, die frohgemute Gesundheit der gemeinsamen Bewegung hatten kraftvoll wie Gespräch und unbedrängte Mitteilsamkeit von einem zum anderen hinübergewirkt.

Und jetzt, in der gleichen Sekunde, als sie nach einigen scherzenden Reden über den pastoralen Reiz dieses Platzes sich niedergelassen hatten -- jetzt züngelte das Schweigen zwischen ihnen empor wie eine Flamme.

Jutta legte ihren Hinterkopf gegen die Tür. Mit nervösen Fingern spielte sie an dem Hut in ihrem Schoß. Sie hörte zu, wie ihr Herz klopfte. Und bei diesem Horchen wurden auch die Finger still.

Schwer schlug es und rasch zugleich ...

Wie eins, das nicht mehr warten kann ...

Die Kühnheit ihres Temperaments loderte in ihr und verzehrte ihre Besinnung.

Jene Verderberwut war in ihr, die eine leidenschaftliche Frau vorwärts treiben kann, zur Sünde und Verdammnis.

Der Trotz, dem es ein lachendes Spiel scheint, Vergangenheit zu verleugnen, Zukunft zu zerschlagen, um des einen süßen, trunkenen Augenblicks willen.

Jutta von Falckenrott war mit Gamberg allein in der weiten schweigenden Einsamkeit.

Und der Mann, der dieses Weib liebte, spürte ihr begehrliches Warten. Von diesem Warten ging eine Versuchung aus, die ihn betäubte ...

Seine Ehre hatte so genau gewußt, auf welchen Wegen und in welcher Haltung er und die Geliebte durch ihren schwierigen Liebeskampf gehen mußten, um in freiem Gefühl, unbeschädigt zueinander gelangen zu können.

Aber jetzt wußte er nichts, als daß er nur den Arm auszustrecken brauchte, um die süße Frau, die Frau, die ihm zitternd entgegenglühte, an sich zu nehmen ...

Die erhabene Einsamkeit ringsum schien den Atem anzuhalten ... Eine unerhörte Bedrängnis erfüllte die Welt ... zu seligem Tumult mußte sich alles lösen ... die Vorahnung jubilierender Wonne brauste heran.

Er tastete nach ihrer Hand. Er sah ihr in die Augen.

Kraftlos lag ihr Haupt zurückgelehnt -- unter seinem heißen, bittenden Blick schlossen sich halb ihre Augen -- in wehrloser Hingebung.

Noch das Zögern und Zittern von Sekunden ... Nein, kein bewußtes Zögern ... die Begierde lähmte, weil es ungeheure Tat ist, die Wonne ihrer Spannung zu lösen ...

Und in diese Hemmung hinein drängte sich jäh etwas Zerstörerisches -- -- --

Mit dem gleichen Herzschlag spürten sie es -- jeder von ihnen anders -- und doch in einer beklemmenden Einheit des Entsetzens ...

Die Frau sah plötzlich ein Männergesicht vor sich ... es gehörte nicht dem, dessen Arme sie schon umschlossen.

Es war ein bärtiges Gesicht, braun von Wetterunbilden. Und blaue, tiefe und doch freundliche Augen standen darin, in denen Güte und Zärtlichkeit leuchteten. Und so viel Zutrauen war in diesem Gesicht -- nichts von lauernder Besorgnis -- nichts von gespannter Eifersucht -- es sah sie an, wie es sie damals angesehen in der Abschiedsstunde -- als er sprach: „Kind, ich glaube an dich; es ist ja auch gar nicht wahr, daß die Abwesenden unrecht haben -- im Gegenteil, ihre Abwesenheit macht sie für anständige Herzen heilig.“

Dies Gesicht näherte sich jetzt dem ihren ... Dieses ... und in seinen Augen war die gleiche Unergründlichkeit wie in den Augen ihres kleinen Kindes ...

Und auf den Mann warf sich ein Phantom und rief ihm etwas zu -- ein scharfes, höhnisches Wort ... Ein Wort, das ihm die Ehre zerbrechen wollte ... mit einem Fernen kann man nicht im offenen Kampf sich messen -- aber bestehlen kann man ihn so leicht -- ja, zum *Dieb* werden kann man an ihm ...

Sie ließen voneinander, als habe eine gewaltige Faust sie voneinander gerissen.

Jutta brach in Tränen aus.

*Der ferne Mann hatte sie besiegt.* Gerade durch seine Abwesenheit ...

Vielleicht saßen sie noch lange, schwerer und unklarer Not hingegeben ... um mit dem jähen Rückschlag all ihrer Empfindungen fertig zu werden ...

Als die Tränen der Frau endlich still wurden, stand Herbert auf.

Er sagte sanft, sehr schonend, doch ohne sie anzusehen: „Wollen wir nun weitergehen?“

Sie kam hastig in die Höhe.

Ja, weiter wandern -- fort, fort -- hier konnte man nicht bleiben ...

Und doch war es ihr, als hätte sie auf dieser harten Schwelle sitzenbleiben mögen -- um zu weinen und zu denken ...

Still gingen sie. Zwei Gedrückte -- Mutlose ...

Der Mann litt unter einem Zwiespalt der Empfindung, der ihm ungeheuerlich war.

Eine Art Scham wollte aufkommen darüber, daß er sie aus seinen Armen gelassen -- daß er sich ihr nicht als der Mann bewährt habe, der für den Kuß der Geliebten einer Welt trotzt ... Der Besonnenheit hat, anstatt sich mit ihr in den Tod zu stürzen ...

Und doch, zugleich auch begann eine stolze Genugtuung ihn zu erfüllen ... Unversehrt war seine Ehre aus dieser schwülen Stunde hervorgegangen ...

Er hatte den fernen Mann nicht beleidigt ... diesen Mann, vor dessen Angesicht er nicht augenblicklich hätte treten können, um ihm Genugtuung zu geben ...

Diese unbezwingliche Leidenschaft, die schweren Kampf in sein bis dahin so wohlgeordnetes Leben gebracht, war nicht sein Verderben geworden ...

Die geliebte Frau, die er sich zu erringen, der er einst seinen Namen zu geben hoffte, würde gleich ihm eines Tages dankbar und befreit an den Augenblick der Gefahr zurückdenken ...

Aus dieser Empfindung heraus stand er einmal still, ergriff Juttas Hand und küßte sie in scheuer Liebe ... voll Respekt ...

Sie sahen sich an ... Tief und schmerzlich.

Und schritten weiter. So sehr damit beschäftigt, den Aufruhr ihres Gemütes in eine erträgliche Gefaßtheit zu bringen, daß ihnen der Weg gar nichts und die Zeit etwas Unbemerkbares war.

Bis sie auf einmal vor der Pforte der Pension standen -- einer hohen Pforte aus Drahtnetz, zwischen Eisenstäbe gespannt, von der aus das Gitter weiterging, die Tannen des Waldes von den Tannen des Gartens scheidend. Hier war es sonnenlos. Auf ihren sachten Füßen hatte die Dämmerung sich schon aus den Schluchten der Berge herausgeschlichen und lief nun über den See und warf die grauen Schleier der Abendstille über ihn hin.

Noch einmal, zu wortlosem Abschied, küßte er die Hand der Frau. Und sein herbes, feierliches Schweigen gelobte ihr mehr zu, als Worte gekonnt hätten.

Ein letzter Blick und gute Nacht.

Drinnen stand auch schon das Schicksal und wartete, um mit einem harten Anruf diese erschöpfte Seele zu erschrecken. Als Jutta ihr Zimmer betrat, fand sie einen fremden Mann darin, der über das Lager des Kindes sich beugte, neben dem Martha auf den Knien lag.

Dieser Mann war ein Arzt.

Und ihr kleines Kind war sehr krank.

VIII

Niemand wäre auf die Vermutung gekommen, daß der Legationsrat von Gamberg ein Mann sei, der in schweren Kämpfen stehe. In seinem Hotel richtete sich die Aufmerksamkeit vieler auf ihn; seine vornehme Erscheinung sowohl wie seine ihm eigentümliche Haltung von etwas ablehnender Steifheit forderten die Neugierde heraus. Aber zu denken, daß dieser korrekt aussehende Mann in harter Seelennot sei, hätte kein Mensch sich unterstanden. Die kleine, strenge Falte auf seiner Stirn, der etwas scharfe Zug um den Mund wirkten auf die ihn Beobachtenden als Hochmut. Daß seine hellen Augen mit so leerem Ausdruck über die anderen Gäste gingen, als nähmen die Blicke an nichts Anteil, verschärfte den Eindruck des Stolzes. Nun gibt es überall Menschen, die durchaus wissen müssen, wer der andere ist. Die die Fremdenbücher oder den Portier befragen und ein dringliches Interesse nach Nam’ und Art von Gestalten haben, die gar nicht zu ihrem Lebenskreis gehören. Deren eigentlichster und Hauptreisezweck zu sein scheint, sich den Begriff Publikum in Einzelwesen zu zerlegen, und die sich erst zu unterhalten meinen, wenn sie einen Hinz entdecken, zu dem sie durch einen Kunz Beziehungen haben.

So blieb auch Gamberg nicht von Annäherungen verschont. Gerade weil er so sehr in sich verschlossen durch die Menge ging, schien es doppelt zu reizen, dennoch mit ihm ins Gespräch zu kommen. Auch hat es -- undeutlich -- stets etwas Auszeichnendes, von einem Einsamen in seine Einsamkeit aufgenommen zu werden.

Es fand sich ein Herr, der mit gelüftetem Strohhut in der Veranda an Gamberg herantrat. Der nahm, in scharfes Nachdenken versunken, seinen Morgentee -- von den Ermüdungen der schlaflos durchwachten Nacht soeben ein wenig durch Bad und sorgsame Morgentoilette erholt. Die Anrede erschreckte ihn beinahe und störte ihn empfindlich. Aber in seiner beherrschten, kühlen Höflichkeit nahm er die Vorstellung des Zudringlichen entgegen.

„Sie gestatten? Herr Legationsrat von Gamberg, nicht wahr? Sie gestatten: Wilmers!“

Die freudige Zuversicht, in der der Mann, der groß und doch untersetzt war, dies „Wilmers“ vorbrachte, verhieß von vornherein Ansprüche auf Bekanntschaftmachen. Aber Gamberg konnte bei seinem zuverlässigen Gedächtnis für Namen wie für Gesichter keinen Wilmers in seiner Erinnerung auftreiben.

Der Mann hatte ein rötliches, starkes, bartloses Gesicht, mit sehr intelligenten Augen. Und die angeborene Plumpheit der Gestalt war durch elegante und gut-getragene Kleidung zu einer besonderen Note gekommen. Die anspruchsvolle Sicherheit des Auftretens schien dafür zu sprechen, daß Herr Wilmers nicht gewohnt und nicht gewillt sei, sich übersehen zu lassen.

„Sie wünschen?“ fragte Gamberg aber trotzdem aus einer sehr großen Entfernung.

„Nichts, als Ihnen die Hand zu drücken, damit meine Schwägerin nachher nicht sagt: und du bist ihm so vorbeigegangen?!“

„Ihre Schwägerin?“ fragte Gamberg voll mißbehaglichen Erstaunens.

„Sie gestatten,“ sagte Herr Wilmers jovial und erfaßte schon die Lehne des Stuhls, der untergeschoben dem Platz Gambergs gegenüber stand.

Die ganze Veranda sah ja zu, und da alle diese Menschen im Augenblick sein Publikum waren, wollte Wilmers es auch befriedigen, indem er ihm das Schauspiel einer rasch sich entwickelnden Bekanntschaft gab.

Herbert von Gamberg machte eine schwache Geste, worauf Herr Wilmers mit der Leichtigkeit der Bewegungen, die große, dicke Menschen oft haben, sich setzte.

„Der Bruder meiner Frau ist doch mit einer Schmylauer Tochter verheiratet! Das wissen Sie doch, Herr Legationsrat?! Na, und Lu ist ja so was wie ’ne Cousine von Ihnen. -- Wenn Sie damals, als Lu heiratete, nicht überseeisch gewesen wären, hätten wir uns auf ihrer Hochzeit kennen gelernt -- na, und nun dacht’ ich: so ’ne versäumte Gelegenheit muß man nachholen. Ich muß doch Lu ’nen Gruß von Ihnen bringen können.“

Gamberg sagte halblaut und sehr förmlich, daß er in der Tat über die Familie, in die Lu, jetzt Frau von Lemkow, hineingeheiratet habe, nicht näher unterrichtet gewesen sei. Er drückte die Hoffnung aus, daß es Lu Lemkow gut ergehe, und daß sie glücklich geworden sei.

Damit hatte er gleichsam einen Vogelkäfig geöffnet. Die Mitteilungen flatterten nur so heraus und ihm um die Ohren. Sie hätten ihn in ihrem raschen Durcheinander verwirren müssen, wenn er überhaupt recht zugehört haben würde. Er verstand die Kunst, in aufmerksamer Haltung auf sich einsprechen zu lassen, ab und zu durch eine steife Kopfbewegung, eine überall passende, weil ganz inhaltlose Zwischenbemerkung Anteil zu zeigen und doch mit seinen Gedanken wo anders zu sein.