Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 16
Wilmers, für den das Leben sozusagen eine Angelegenheit mit Pneumatik zu sein schien -- manchmal platzt sie, aber man kann ja andere Gummireifen umlegen, und nach kurzer Störung geht’s famos weiter -- Wilmers verbreitete sich genau über die Umstände und Charaktere der Lemkows. Es waren großartige Menschen. Konnten alles, wußten alles, wollten alles. Und Gentlemen durch und durch. Nichts fehlte ihnen wie der _Nervus rerum_. Und da war es ja ihr Glück, daß sie einen Mann in die Familie gekriegt hatten, der Geld besaß und es mit liberaler Hand hergab, wo er sah, daß man klug damit arbeiten würde.
So kam Lus Mann auf der Domäne hoch, die zu pachten er von Haus aus natürlich kein Geld gehabt hätte. So kultivierte ein anderer Lemkow mit bedeutendem Gewinn Ländereien in Südsibirien; das Kapital hatte er unter den günstigsten Bedingungen bekommen. Daß er selbst, der hier gegenwärtige Wilmers, der sich übrigens in keiner Hinsicht damit herausstreichen wollte, das „Glück“ der Lemkows sei, erhellte aus dem Vortrag von selbst. Wilmers wehrte vorweg jedes Lob und alle Bewunderung ab, die Herr Legationsrat ihm etwa würde zollen wollen. Er war ein ganz einfacher Mann -- er hatte bloß ’n offenen Kopf und ein gutes Herz und ’n Blick dafür, wie weithin man nützen kann, wenn man Fähigen Mittel gibt. Ja, so war er. Aber er mochte nicht, daß viel davon gesprochen wurde.
Unterdes kämpfte Herbert ein peinliches Gefühl nieder, das beinahe ein Schmerz war.
Er hörte Namen nennen, in denen ein Klang von Erinnerungen mitzitterte. Gerade jetzt ertrug er sie nicht ...
Ganz derb, ganz ahnungslos hing dieser Mann mit jenen fernen, holden Hochsommertagen zusammen ... Wo er an der jungen Liebe der Geliebten vorübergegangen war. Wo sein Verstand, seine Pläne dagegen gesprochen hatten, aus Sommerträumen Lebensernst zu machen ...
Dieser Mann, der der Familienbankier der Lemkows zu sein schien, hatte auch offenbar ungewöhnliches Gedächtnis, Überblick und Interesse für all ihre Beziehungen. Es waren ersichtlich seine Renommierverwandten. Herbert hörte, dann und wann ein Detail aus der Fülle der Vertraulichkeiten erfassend, daß Wilmers genau Bescheid wußte, wie gastfrei es ehemals auf Schmylau zugegangen sei, und wer dort alles zu Sommerzeiten eingeladen zu werden pflegte.
Er bebte davor, daß nun gleich auch Juttas Name fallen werde. Daß er dann sagen müsse: sie ist hier, wohnt zehn Minuten von uns in einer Pension.
Aus dieser Furcht gewann er so viel Lebendigkeit, um wirklich mit Wilmers zu sprechen, ihm nicht nur, in die Abwehr kalter Höflichkeit gehüllt, zuzuhören.
„Sie sind als Passant hier?“
„I bewahre. Wie Sie mich da sehen, so unglaublich es klingt: ich bin nervös. Soll subalpin bleiben, aber dennoch so gewissermaßen in Hochalpenstimmung leben. Man hatte mir irgend so ’n Nest in den Bergen drinnen verordnet -- war mir zu eingesperrt -- auch die Gesellschaft -- _second_ -- wissen Sie, Herr Legationsrat, ich lege den äußersten Wert auf beste Gesellschaft ... Ich habe hier einen höchst schicken Kreis ... Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie einzuführen -- wo wir -- man kann ja beinahe sagen über die Schmylauer weg, fast verwandt sind ...“
„Verzeihen Sie, Herr Wilmers, aber ich bin auf Reisen, um mich von der Gesellschaft zu erholen.“
„Ah -- na ja -- verstehe vollkommen -- wo sie zu Ihrem Metier gehört! Mit allem, was mit ’m Metier zusammenhängt, mag man unterwegs nichts zu tun haben. Lassen wir also alle meine Bekannten weg. Wir können allein mal was zusammen unternehmen, Tagespartien -- ich halte Ihnen alle zudringlichen Menschen fern, darin hab’ ich ’ne förmliche Kunst. Wenn es etwas gibt, das ich hasse, ist es Zudringlichkeit!“
„Leider reise ich schon heute ab,“ sagte Herbert Gamberg mit so viel Nachdruck, daß der andere ein großes Bedauern heraushörte und nachher seinem schicken Kreis erzählen konnte: der Legationsrat war todunglücklich, daß er ausgerechnet in einem Moment abreisen muß, wo man sich eben gefunden hatte.
Er selbst erschrak beinahe, als er es gesagt. Mit dem lauten Wort war nun der Entschluß unwiderruflich geworden, an den er in den schweren Stunden der letzten Nacht immer wieder gedacht hatte.
Es war nicht ganz einfach, Herrn Wilmers zu dem Gefühl zu bringen, daß es Zeit sei, den Besuch am Tisch zu beenden. Das bewährte Mittel, Gesprächspausen eintreten und auffällig werden zu lassen, konnte Herbert nicht anwenden; die Lebhaftigkeit des Herrn Wilmers wurde immer behaglicher und intimer; er führte die Unterhaltung mit einer sprachlichen Rüstigkeit unerschöpflicher Art.
Es blieb nichts weiter übrig, als zu sagen: meine Zeit ist knapp.
Dann gab es einen Abschied, aus dem Herbert schließen durfte, daß er für den Rest seines Lebens unter die nächsten Freunde des Herrn Wilmers gezählt werden würde.
In der Erleichterung, daß es überhaupt nur endlich zum Abschied kam, lächelte er hell. Und hiervon war nun Wilmers völlig bezaubert und erklärte seinem schicken Kreis, daß die hochmütige Außenseite nur für die Welt sei, daß in der Intimität eine hinreißende Liebenswürdigkeit zutage trete.
Wenige Minuten nachher ging Herbert auf den Waldwegen dahin. Kühl und feucht war die Luft unter den Tannen, von kräuterigen und moosigen Gerüchen schwer. Zuweilen schimmerte durch die breithängenden Nadelzweige das Geblitze des Sees auf.
Er ging, um Abschied zu nehmen.
In dieser letzten Nacht war es ihm klar geworden: er hätte sich nicht verführen lassen dürfen, hierherzukommen.
Was hatte ihn verführt: Blick und Wunsch der geliebten Frau?
Die eigene Sehnsucht nach ihrer Nähe? Vielleicht diese üppige Schönheit der Natur -- die so stark in all den vollen Tönen ihrer Lebensfülle auf die Nerven wirkte, daß man ein aufpochendes Anrecht in sich fühlte, auch zu jauchzen, in ihr mit erhöhten Daseinswonnen aufzugehen --
Vielleicht dies alles ...
Er dachte daran, wie sehr er sich in der Hand gehabt hatte, noch damals beim Abschied in Kiel -- als er ihr und sich die Haltung vorzeichnete ...
Und nun hatte die Leidenschaft sie doch fast überwältigt. -- Wie kam das?
Vielleicht so: Wenn das Schicksal mit dem gleichen Erlebnis zu uns zurückkehrt, hat es verdoppelte Kraft: zur Macht der Gegenwart gesellt sich die Macht der Erinnerung --
Und das ist: Feuer im Rücken, Feuer von vorn ... Wer kann sich gegen solchen Ansturm behaupten! ...
„Es ist würdiger,“ dachte er, „wir gehen jetzt auseinander -- um uns später mit freiem Bewußtsein gehören zu können ...“
Er fühlte: dies war seiner Art notwendig!
Nicht nur aus Achtung vor der Geliebten, vor dem Gefühl, das sie zueinander zwang -- auch um seines eigenen, zukünftigen Stolzes und Gleichmaßes willen. Wenn die schwülen Augenblicke gestern sie zusammen fortgerissen hätten? ... Er wußte heute: es würde ihm furchtbar, unvergeßlich würde es ihm gewesen sein ...
Die Scham vor dem fernen Mann hätte ihm das Gemüt vergiftet ...
„Wär’ er hier!“ dachte Herbert inbrünstig. „Seine Abwesenheit macht mich von ihm abhängig ...“
Ja, solange er nicht *weiß*, daß seine Frau ihn nicht mehr liebt, so lange sind wir wie in Ketten ...
Allerlei Stimmen hatten in der Nacht auf ihn eingesprochen: daß es auf die geliebte Frau wie Feigheit wirken könne, wenn er fliehe; daß er sich gerade als Mann beweisen müsse, indem er bleibe.
Er erkannte: dieser ganze Liebesroman war nicht seinem eigentlichsten Wesen gemäß, das der ruhigen Entwicklung aller Lebensfragen zuneigte.
So wollte er doch trachten, das Unerwartete und Leidenschaftsvolle dahin zu meistern, daß es ihm und der geliebten Frau und vor allem jenem fernen Mann das bürgerliche Ansehen nicht zerbräche!
Sein noch in allerlei Widerspenstigkeiten verstrickter Vorsatz, abzureisen, hatte durch die Begegnung mit diesem lauten und andrängerischen Mann nun ganz sichere Gestalt bekommen.
Die ernste Lage, die nur durch die Größe ihres Gefühls und durch heiligste Schonung aller Empfindlichkeiten ertragbar war, mußte unertragbar werden, wenn nun ein plumper und nicht in sie hineingehörender Mensch ihnen seine Gesellschaft antrug.
Am Gitter der Pension zögerte er kurze Augenblicke.
Er fühlte sich von einer Befangenheit benommen, die ihm unfaßlich war -- so, als sei es eine Verlegenheit, vor die Geliebte hinzutreten.
Zusammen schuldig Gewordene erröten voreinander -- kann das Unfaßliche, Unlogische sich begeben, daß man errötet, weil man *nicht* schuldig war?
Ist für eine Frau eine Leidenschaft nur groß und echt, wenn sie keine Grenzen achtet?
Was mochte alles in der Geliebten vorgegangen sein seit gestern abend?
Eine sinnlose Furcht, gegen die er sich nicht wehren konnte, kam plötzlich über ihn, daß nun sie, unschlüssig und von ihrer Sehnsucht zu ermüdet, sich von seiner Liebe doch noch abwenden könne.
Wie er einst, unschlüssig und mit klugbedachten Lebensplänen beschäftigt, an der ihrigen vorbeigegangen war.
Und in dieser jäh in ihm aufwallenden Angst fühlte er schmerzhaft: ich kann sie *nicht* wieder verlieren ...
Das gäbe einen Riß, den nichts mehr verheilen könnte ...
Rasch trat er ein.
Leer waren Korridor und Treppe. Die kleine Familienpension ließ ihren Eingang nicht von einem Portier bewachen. Im Bureau war Madame, die dort sonst schrieb und huldvoll die Anliegen ihrer Pensionäre entgegennahm, nicht anwesend. Durch offene Türen und Fenster kam die Waldluft herein und durchwürzte das Haus.
Er stieg treppan.
Da, am Kopf der Treppe, aus dem rechten Arm des Korridors kommend, rannte Martha fast gegen ihn an. Sie sagte: „Ach Gott ...“
Vielleicht zur Entschuldigung. Atemlos und kläglich sagte sie es.
„Melden Sie der gnädigen Frau, daß ich hier sei.“
Martha, deren sommersprossiges Gesicht ganz schlechtfarbig aussah, und die überhaupt einen fast zerzausten Eindruck machte, sah ihn betrübt an.
„Ach, Herr Legationsrat -- das Kind ist uns krank geworden -- sehr krank -- wenn es man nich stirbt!“
„Diese Nacht?“ fragte er betroffen und sich verfärbend.
„Nein, schon gestern. Wo ich allein mit der Kleinen war. Aber ’n Versehen hab’ ich nicht gemacht, ganz und ganz gewiß nicht,“ beschwor Martha und begann zu weinen.
„Das wird Frau von Falckenrott Ihnen auch nicht zutrauen,“ sagte er tröstend.
Er dachte: „Kleine Kinder sind ja manchmal krank -- erholen sich rasch.“ -- Er erinnerte sich: da und dort in den Kinderstuben seiner verheirateten Freunde gab es zuweilen schreckhafte Erregungen. Und nach ein paar Tagen sah man die jungen Mütter wieder strahlend auf Bällen ...
„Kann ich die gnädige Frau wohl einen Augenblick sprechen?“ fragte er.
„Ach -- ich glaub’ nicht -- nein -- es ist wohl nicht möglich ...“
Aber sie lief doch zurück, um zu fragen.
Er stand am Treppenkopf. Als würde es schon zudringlich und voreilig sein, wenn er sich der Tür mehr näherte.
Er dachte immerfort: „Nun muß ich hierbleiben -- in ihrer Nähe -- bis ihr Kind genesen ist ...“
Martha kam wieder, machte schon, kaum daß sie die Tür hinter sich schloß, abwinkende und zur Stille ermahnende Handbewegungen und schlich heran.
„Ach nein. Sie schüttelte nur den Kopf -- ach, sie sieht beinahe ebenso aus wie das Kind -- rein um bange zu werden.“
„Was fehlt dem Kind?“ fragte er.
„Ich weiß nicht. Wir verstehen es nicht. Es fing gestern an zu erbrechen, viele Male, ich flehte gleich Madam’ im Bureau an, daß ’n Doktor kommen solle -- er spricht mit der gnädigen Frau Französisch -- ach, Herr Legationsrat, wenn ich es mal so sagen darf -- ich glaub’, sie hat kein Vertrauen zu ihm -- sie mag sein Gesicht nicht leiden -- sie hat wohl schon sechsmal gesagt: ‚Martha, er kann ja ganz tüchtig sein!‘ Wissen Sie wohl -- wie man so spricht, wenn man es ganz inwendig eigentlich nich denkt.“
„Haben Sie nicht an den Geheimrat telephoniert?“
„Er ist kein Kinderarzt, sagt die gnädige Frau.“
„Nun, er würde aber doch ...“ Herbert Gamberg dachte nach, während Martha mit ihren wasserhellen Augen andächtig an ihm hing -- als müsse von ihm, nur weil er der einzige Mann war, den sie hier kannten, unbedingt Trost kommen. Und sie berichtete es nachher auch ihrer Herrin: man sah wohl, wie nah’ es ihm geht, er war weiß wie der Kalk an der Wand.
Er stand und erwog: ihr ein Wort der Ermutigung schreiben? Nein. Nichts. Sie wußte von selbst: er sei zur Stelle, wenn sie ihn brauchte. Er fand es zarter, zu schweigen. Aber helfen -- das einzige tun, was hier Trost geben konnte. Sie mochte den Arzt nicht, sagte Martha. Und begründete das in aller Einfalt ganz richtig mit dem grundlosesten aller Gründe: sie mag sein Gesicht nicht leiden. Wer kennt so etwas nicht, man wehrt sich stark gegen Helfer und Kluge und Gute, weil vielleicht eine kleine Linie in ihrem Angesicht einem widerstrebt ... Er traute Jutta eine große Kraft des Widerwillens in solchem Fall von Antipathie zu.
„Hören Sie, liebe Martha ...“
Sie war nichts wie Ohr und Auge.
„Sagen Sie: ich würde nach Lausanne telephonieren. Dort gibt es unter allen Umständen einen erfahrenen Kinderarzt, dem wir völlig vertrauen dürfen. Vielleicht kann er in zwei, drei Stunden zur Stelle sein. Ich kehre jetzt in mein Hotel zurück und telephoniere Ihnen, wen ich herbekomme und wann. Ich werde den Herrn von der Bahn holen und herbegleiten. Mein Diener kann sich hier einquartieren und Ihnen zur Hand sein.“
„Ja,“ sagte Martha, „ja, das ist schön.“
Ihr schien, als sei nun schon die Besserung auf dem Wege. Sie hatte auch nicht gedacht, daß dieser stolze Mann, vor dessen Haltung ihr etwas unbehaglich gewesen war, so zutraulich mit ihr sprechen könne ...
Nun gab er ihr noch die Hand ...
Dann ging er. Von einer Eile getrieben, die geradezu Wohltat war. Sie hinderte ihn, den Tumult seiner Empfindungen zu sondern und jede einzeln zu betrachten. Dunkles und Beglückendes in unerhörtem Durcheinander ging durch ihn hin.
Wenn das Kind starb? ... Dann war vollends ihre kurze Ehe mit dem anderen Mann nur noch wie ein Traum ...
Er war gewiß keine dämonische Natur -- nicht von fern. Und dennoch wollten Gedanken kommen ... der Verstand sprach von Erleichterung ... von größerer Klarheit der Zukunft ... Er scheuchte das in schwerem Schreck hinweg ...
Er war glücklich, noch in ihrer Nähe zu sein, ihr beistehen zu können, ihr zeigen zu dürfen: ich sorge mich mit dir um dein Kind. -- Er arbeitete sich in das Gefühl hinein: so kann ich ihr schon zeigen, daß ich es als teure Pflicht empfinde, an ihres Kindes Ergehen teilzunehmen ...
Er erfuhr in seinem Hotel den Namen und Ruhm eines Kinderarztes und ließ sich sogleich mit diesem Professor Lequint verbinden. Alles ging glatt, und der Professor war bereit, um halb eins in Territet einzutreffen, wo Herbert ihn empfangen würde.
Darauf versuchte er an den Geheimrat nach dem Hotel in Caux hinauf zu telephonieren. Aber die Nachricht kam zurück: die Herrschaften seien gerade ausgegangen.
Als dies alles getan war, kam eine Pause voll Unbehagen -- das Warten ... für Beherrschte vielleicht noch zehrender als für die Ungeduldigen, die sich in Worten und Gesten Luft machen können.
Herbert traf auch wieder unfreiwillig mit Herrn Wilmers zusammen und sollte erklären: ob er seine Abreise auf den Nachmittag verschoben habe? Mit welchem Zuge nun? Er -- Wilmers -- würde auf eine geplante Partie verzichten und es sich nicht nehmen lassen, ihn an die Bahn zu geleiten. In einer dem Legationsrat bekannten Familie sei plötzlich ein ernster Krankheitsfall eingetreten? Das ging Herrn Wilmers sehr nahe. Ja, Kranksein im Hotel wäre etwas Entsetzliches. Und teuer! Die betreffende Familie solle sich nur auf schauderhafte Rechnungen gefaßt machen. Es scheine beinahe, als sei ein Haferschleim mühseliger herzustellen als eine getrüffelte Geflügelgelatine.
Die Mühlräder dieser Gesprächigkeit sausten lange und monoton. Und schließlich bekam Herbert sogar ein Gefühl von matter Dankbarkeit. Der breitschultrige Mann, der sich und seine Mitteilungen für wichtig hielt, hatte ihm über eine Stunde fortgeholfen durch die beruhigende Macht, die allem Gewöhnlichen zuweilen eigen sein kann.
Dann konnte er auch schon zum Bahnhof fahren.
Kaum aber hatte er den Professor aus dem Häuflein der Aussteigenden herausgesondert -- die Männer fanden sich an dem Gebaren von Suchenden, das sie beide unwillkürlich annahmen -- kaum saß er mit ihm im Wagen, so gab es ein knappes Gespräch, das Herbert qualvoll war.
Professor Lequint nahm seinen runden, weichen Filzhut ab, strich sich mit der Hand durch sein dickes, schwarzes Haar, das ihm in die Stirn fiel, und fragte: „Sie hatten schon einen Arzt aus Territet zu Ihrem Kind berufen?“
„Es ist nicht mein Kind.“
„Ah --“
„Die Mutter des Kindes ist mir befreundet -- verwandt.“
„Es ist ein kleines Kind?“
„Vier Monate.“
„Ah ... Warum reiste die Dame mit einem so kleinen Kind? Oder ist die Mutter leidend?“
„Nein.“
Herbert dachte: er wundert sich über alles; Ärzte sind gewohnt, daß Angehörige von Patienten sie gleich mit laienhaft erzählten Symptomen überfallen; es muß ihm erstaunlich sein, daß ich nichts zu sagen weiß.
Und plötzlich teilte er mit: „Das Kind hatte starkes Erbrechen in der Nacht.“
„So ... wir werden sehen.“
„Er wird sehen, daß die Mutter eine junge, schöne Frau ist -- daß ich nicht unbefangen ihr Zimmer betreten darf -- daß ich ihr vor der Welt ziemlich fernstehe. -- Er wird vielleicht denken, daß ...“
Vielleicht dachte der Professor nichts. Hatte gar kein Nachdenken übrig für die Umwelt des kleinen Patienten, war nur gespannt auf diesen selbst.
Aber das unselige Gefühl, daß in seinem Eintreten für Jutta etwas sie Bloßstellendes läge, bedrängte Herbert plötzlich stark.
Er hatte die Empfindung, als müsse er diesem fremden Mann Erklärendes und Entschuldigendes sagen.
Und das verletzte seinen Stolz -- seine ganze hochmütige Unantastbarkeit war dahin ... er litt schon durch ein „Vielleicht“.
Nachher hatte er die große Aufreizung der Spannung. Ihm schien natürlich, als bleibe der Professor eine ungewöhnlich lange Zeit oben in dem Krankenzimmer.
Jeder andere wäre rastlos auf und ab geschritten, sich die Zeit durch Bewegung verkürzend. Er saß, in vollkommener Haltung, unbeweglich, bleich und sah leer ins Unbestimmte.
Er faßte sich auf das, was der Professor verkünden werde: Leben oder Tod.
Und als er dann endlich in der Verandatür erschien, erhob sich Herbert aus dem geflochtenen Stuhl, in dem er neben einem Gartentisch gesessen. Scheinbar gelassen schritt er ihm entgegen.
Ja, Professor Lequint konnte vorerst nur die Achsel zucken. Das Kind hatte ganz gewiß irgendeine Mageninfektion -- es erbrach. -- Trotz der verständigen und in solchen Fällen bewährten Mittel, die der Herr Kollege schon verordnet hatte, fuhr es noch fort zu brechen. Man mußte seine Bemühungen darauf richten, die Kräfte des Kindes zu erhalten. Was aber eben schwer sei, wenn der Magen alles verweigere. Uralter Malaga sollte halbteelöffelweise eingeflößt werden. Kräftigende und die Körpertemperatur belebende Einreibungen sollte man versuchen. Aber immerhin ... Ob Madame nicht nahe Angehörige habe, die ...
Herbert fühlte: der Professor mochte nicht fragen: hat sie einen Mann? ...
Er sprach mit wahrhaft eisiger Miene: „Herr von Falckenrott befindet sich dienstlich im Ausland. Madame ist aber unter dem Schutz sehr naher, älterer Freunde hier, des Professors Gervasius und Frau, die oben im Hotel wohnen. Sie sind bereits benachrichtigt. Ich selbst bin erst seit gestern hier und wollte heute weiter. Aber ich werde jetzt bleiben, um Frau von Falckenrott beizustehen, falls sie meiner bedürfen sollte.“
Dies alles war dem Professor recht gleichgültig. Er hatte keine Zeit, über die Lebensumstände seiner internationalen Patienten nachzudenken. Aber die Schönheit und Verzweiflung der jungen Frau hatten ihn einen Moment gedauert, und er dachte flüchtig: ob die niemand hat außer dem höflichen und kalten Herrn, der mich herbrachte?
Der Professor hatte nun Eile, um den nächsten Zug zu erreichen. Morgen, sagte er, würde er wiederkommen. Herbert wollte mit hinunterfahren nach Territet, um alles selbst zu besorgen, was der Professor verordnet hatte.
Gerade als sie einsteigen wollten, kam Martha angestürzt. Sie drückte Gamberg einen gefalteten Zettel in die Hand und lief wieder zurück ins Haus.
Der Wagen rollte in dem kurzen, gehaltenen Trab der Bergabwärtsfahrt unter den Tannen hin.
Herbert hielt das kleine Papier zwischen seinen Fingern.
Mit Bleistift stand darauf geschrieben: „Dank! Dank! Ich hoffe wieder. J.“
Wie beredt Juttas blasse eilige Schriftzüge waren. Sie sagten Gamberg, daß der Arzt, den er herbeigeholt hatte, ihrem verzweifelnden Herzen Mut zurückzugeben vermochte. Daß sie dafür ihm dankbar war -- wie es Frauen sind, die alle Verdienste gern auf den geliebten Mann häufen ... Ja, ein Liebesgeständnis, ein Beweis unerschütterlichen Zusammengehörigkeitsgefühls waren diese kurzen Worte ...
Die junge Frau droben am Bett des Kindes glich nun einer, die auf einer rasenden Flucht zum erstenmal den Mut hat, stillzustehen, zurückzublicken, aufzuatmen, sich darauf zu besinnen, daß man mit seinen Kräften haushalten muß, weil noch viele Kräfte nötig sind.
Sie dachte gesammelter nach, ließ auch ihren Verstand sprechen.
Sie zerrieben sich beide in Wachsamkeit und Angst, sie und die treue Martha. Es war klüger, abwechselnd zu ruhen, um zuverlässigere Nerven zu behalten.
„Iß und schlaf dann zwei Stunden. Dann werde ich mich hinlegen, um die Nacht durch wieder wach zu sitzen,“ befahl sie.
Gerade so grundlos wie sie gestern abend und heute früh den Anordnungen des einen Arztes zweifelnd gehorcht hatte, gerade so impulsiv war sie von blinder Zuversicht erfaßt: dieser wird mein Kind retten.
Nun saß sie im niedrigen, bequemen Rohrstuhl neben dem Wagen des Kindes. Man hatte natürlich das Gitterbettchen nicht mit auf die Reise nehmen können. Und ganz gewiß lag das kleine Wesen in seiner rührenden Unselbständigkeit ebenso geräumig, warm und weich in diesem schönen englischen Wagen.
Aber es quälte Jutta. Ihr schien, es läge stiller, geborgener, wenn nur das Gitterbett zur Stelle sei, mit den sanften blauen Seidenfalten, die vom gebogenen Stab über das Kopfende herabfielen. Wenn man nur die ganze, von träumerischer Schlafensfeierlichkeit durchwobene, frischduftende Behaglichkeit des heimatlichen Kinderzimmers hierher zaubern könnte!
Ach, in der Heimat wäre es vielleicht gar nicht krank geworden ...
Lisbeth Rosenfeld fiel ihr ein. Hatte nicht sogar die lustige, unbesorgt durchs Leben trällernde Lisbeth so etwas wie einen warnenden Ton in der Stimme gehabt, als sie damals fragte: mit einem so kleinen Kind willst du reisen? ...
Nun aber kamen ruhigere Gedanken: es war ein Unglück, das daheim ebenso plötzlich hätte hereinbrechen können.
Dieser sympathische Professor mit seinem sicheren Wesen und tiefernsten Blick, der beruhigenden Stimme und dem festen Händedruck, der würde helfen ...
Gestern abend noch und immer wieder in der Nacht hatte sie die arme Martha mit Fragen gefoltert. Und Martha weinte und sagte: sie wolle lieber selbst sterben, damit das Kind am Leben bleibe, wenn die gnädige Frau dächte, sie habe ein Versehen gemacht. Nein, beschwören konnte sie es: sie hatte die von der gnädigen Frau selbst im Apparat sterilisierten Flaschen jedesmal unter Thermometerkontrolle erwärmt.
Und endlich ließ Jutta von ihr ab. Sie wußte es auch im Grunde ganz bestimmt: eine Nachlässigkeit war ausgeschlossen ...
Es war eben ein Verhängnis. Man würde die Ursache nicht feststellen. Vielleicht war trotz allen Sterilisierens doch ein Giftstoff in der Milch gewesen.
„Und ich war fort unterdes -- war mit -- ihm.“
Das kam immer wieder. Schloß jede Grübelei ab.
Das Kind war nicht unter ihren eigenen Händen erkrankt ... Sie, ja sie ging indessen Hand in Hand mit dem geliebten Mann ...
Das wollte ihr eine furchtbare Last aufbürden. Sie wehrte sich: nein, nein -- so schwächlich muß man nicht denken ... Das sind Zufälle. Sinnlos, brutal. Aus solchem Zusammentreffen soll man sich nichts aufbauen, als sei ein geheimnisvolles Walten um uns und halte Abrechnungen ...
Wofür auch Abrechnung? Sie war sich keiner Schuld bewußt.