Nur wer die Sehnsucht kennt ...

Part 17

Chapter 173,731 wordsPublic domain

Sie wagte nicht, deutlich an den beängstigenden Rausch jener Minuten zu denken, wo die Begierde sie beinahe verbrannte ...

Aber dennoch errötete sie, heiß, bis in die Augen hinein ... Und sie seufzte -- dankbar -- erleichtert ...

Sie erinnerte sich ihrer Vision ... Wie das Gesicht ihres Gatten so plötzlich vor ihr gewesen war ...

Sie begriff, was das zu bedeuten gehabt hatte ...

Ja, seine *Abwesenheit* machte seine Ehre heilig. Es war die Ehre eines Mannes, der zu hartem Opfer, aufreibender Arbeit, unendlicher Verantwortung in die Ferne gezogen war, dem Vaterland zu dienen.

Eine scheue Ahnung war in ihr, daß in dem Geliebten Ähnliches vorgegangen sei wie in ihr ...

Und das, gerade das verband sie nur enger ...

Sie konnte ihn nicht sehen -- sie wagte nicht seinetwillen, gerade seinetwillen nicht ihr Kind auf einige Minuten zu verlassen.

Aber was Martha ihr berichtete, von seinem Schreck, seiner tätigen Fürsorge, erfüllte sie mit Glück.

Sie weinte still vor sich hin ... Ja, das war Liebe ... sie fühlte: er würde ihr Kind, das vaterlose Kind, gütig an sein Herz nehmen ... eines Tages, wenn es so weit war, daß er das Recht dazu bekam.

Wo war jetzt Malte? Was wußte er von der Todesangst dieser Stunden? Und daß das Kind, das er nie gesehen, dessen Dasein für ihn keine Wirklichkeit war, sich in Gefahr befand?

Nichts wußte er ... Aber der andere Mann war zur Stelle, schützend, helfend ...

Und von Dankbarkeit überwältigt, schrieb sie, kaum daß der Professor das Zimmer verlassen hatte, die eiligen Worte auf das kleine Papier ...

Zwei Stunden später waren auch Gervasius’ zur Stelle.

Was konnten sie tun? Mit dem Bestreben, Schritt und Bewegung ganz unhörbar zu machen, schlichen Renate und ihre Mutter herein und küßten die blasse junge Frau und sahen bekümmert auf das jämmerliche kleine Menschenkind, das in seinen Kissen lag und zu kraftlos schien, die Augen aufzuschlagen oder zu schreien.

Die Frau Geheimrat bot keine Hilfe bei Pflege und Wachen an. Sie wußte von selbst: das wäre nicht angenommen worden.

Der Geheimrat hörte die ganze kurze und doch so beängstigende Krankengeschichte an. Er war Spezialist auf anderem Gebiet und wies ausdrücklich Urteilsfähigkeit und Verantwortung ab. Dennoch aber war es Jutta ein Trost, zu hören, daß ihm scheine: alles läge klar, und die Anordnungen der Ärzte seien die vernünftigsten und allein möglichen.

Die Frau Geheimrat flüsterte liebevoll: sie und Mann und Tochter würden sich den Nachmittag und Abend über in der Pension aufhalten; ja, sie sei bereit, im Hause zu übernachten. Damit Jutta wisse: Freunde seien in der Nähe. Aber das lehnte Jutta beängstigt ab. Es würde ihr geradezu ein Gefühl von Unruhe erregen, wenn sie wisse, die Freunde träten aus dem Rahmen ihres Ferienbehagens heraus, um hier nutzlos herumzusitzen. Sie sagte, sie werde ganz gewiß sofort nach ihnen rufen, sobald ihr das Verlangen nach ihrer Gegenwart komme.

Der Geheimrat fand, daß ihr Gefühl das Richtige sei. Mit Herbert von Gamberg, den sie im Garten der Pension trafen, saßen sie noch ziemlich lange zusammen. Und der Geheimrat setzte seiner Frau und seiner Tochter -- die sich treulos vorkamen, weil sie nicht helfen konnten -- herzlich auseinander, daß ihr Anerbieten, in der Nähe bleiben zu wollen, fast das naive Zugeständnis gewesen sei: wir halten das Kind für verloren.

Gamberg saß mit zusammengepreßten Lippen; er wagte nicht zu fragen: glauben Sie, daß es stirbt?

Auf irgendeine ganz unbestimmbare Weise hatte er das Gefühl: vom Leben oder Tod dieses Kindes hängt meine Zukunft ab. Er haßte undeutliche Empfindungen, sie schienen ihm immer etwas von seiner inneren Sicherheit zu nehmen. Aber dies drängte sich ihm beklemmend, spannungsvoll mehr und mehr auf. Und doch hätte er seinem Aberglauben nicht einmal so genau ins Gesicht sehen können, um zu wissen: das Kind muß sterben, oder es muß leben, damit die Geliebte gewiß mein wird.

Was er nicht fragte, besprach nach Frauenart ausgiebig die Frau Geheimrat. Aber ihr Mann konnte ihr auch nur sagen, daß es bei so kleinen Kindern schließlich alles auf die Zähigkeit ankäme. Renate saß verschüchtert und mit angstvollen Mienen dabei. Sie hätte am liebsten immerfort weinen mögen ... Wegen ihres Vaters nahm sie sich zusammen ... Er wollte, wenn man weinte, immer so ganz genau wissen: warum denn? Und grenzte damit stets so merkwürdig rasch den Kummer ab ... Jetzt hätte Renate auf dies „Warum?“ nicht wahrheitsgemäß antworten können: „aus Mitleid mit Jutta“, denn eigentlich war ihr, als gäbe es außerdem noch viele, viele Gründe zum Weinen, man wisse sie nur selbst nicht genau ...

Endlich entschlossen Gervasius’ sich, wieder hinaufzufahren, und Herbert versprach ihnen, noch zweimal einen Bericht zu telephonieren, denn er natürlich, er werde sich vorzugsweise hier aufhalten. Geheimrats fanden es auch ganz selbstverständlich.

Dann schien eine große Pause in dem Gang der Ereignisse einzutreten, die nachmals vielleicht dem Gedächtnis der Beteiligten ganz entschwand. Es zogen Tage in dumpfer Krankenstubenschweigsamkeit vorüber. Das Kommen und Gehen der Ärzte, Flüstergespräche, kurze Schlummerstündchen, angstvolles Wachen. Und diese seltsam rasche Gewöhnung an solchen Zustand: als habe es eigentlich niemals einen anderen gegeben, als werde er nie ein Ende nehmen.

Dabei im tiefsten Herzen immer ein leises Mahnen an die schweigsame und unauffällige Fürsorge des liebenden Mannes. Das stete Wissen: er ist da, ich könnte ihn rufen ... Das war wie Wohltat, die man nicht recht an sich herankommen lassen mag und an deren Möglichkeit nur zu denken doch stützt.

So gingen Tage, so gingen Nächte. Und in wunderbarer Zähigkeit hielt das kleine Kind sein bißchen Leben fest.

Dann, eines Abends, als die Dämmerung mit ihrer Schwermut die Welt leise zu füllen begann, brachte Martha einen Brief. Sie brachte ihn strahlend, denn sie kannte ja die Handschrift, die Freimarken auf dem Umschlag.

Und sie dachte in ihrer Unbefangenheit: der kommt gelegen -- der kommt als Trost.

Ein Brief! Von Malte? Jetzt? Unmöglich! „Über Sibirien“ stand auf dem Umschlag. Wie denn? Er hatte damals aus Hakodate geschrieben: Komm! Danach mußte er doch schweigend warten, bis ihre Antwort zu ihm kam ... Und die -- die war ja unterwegs -- sie hatte wohl noch ein, zwei Wochen zu wandern, bis sie ihn erreichte -- diese Antwort, die ihm sagte: vielleicht liebe ich dich nicht mehr. -- Und wenn er dann wieder schrieb, so vergingen wieder lange Wochen, bis sie seine Worte lesen konnte. -- -- Wie von selbst, durch die seltsam sich hindehnende Zeit des Schweigens, schien er schon aus ihrem Leben sich entfernt zu haben -- ganz ausgeschaltet von der Teilnahme an ihren Tagen ...

Dieser Brief war ihr etwas Unheimliches -- ganz und gar Unerwartetes. Und darum schon bedrohlich -- vorwurfsvoll -- ein zorniger, schmerzlicher Anruf -- noch ehe sie ihn gelesen ...

„Aber er weiß noch nicht,“ dachte sie, sich ermutigend.

„Über Sibirien?“ -- Mein Gott, warum schreibt er denn? Er konnte doch nicht wissen, ob ich nicht zur Stunde schon unterwegs zu ihm bin, ob mich dieser Brief überhaupt noch in Europa träfe ...

Auf einmal, in jähem Verständnis, wußte sie: Dies ist die Antwort auf meine Depesche. Oder vielmehr: nicht die Antwort -- all die Fragen sind es, die meine Depesche in ihm aufrührten.

Mit ihren unsicheren Fingern zerriß sie den Umschlag, ihn auseinanderzerrend.

Sie trat an das Fenster, die Vorhänge teilend, die noch geschlossen waren, weil sie vorhin die Sonne hatten absperren sollen, damit die Strahlen nicht die zarten kleinen Lider träfen.

Das letzte bißchen Helligkeit reichte aus zum Lesen.

Und sie las: „Mein geliebtes Weib! Da liegt nun eine Depesche vor mir. Du telegraphierst: ‚Ich kann mein kleines Kind nicht verlassen.‘

Zuerst habe ich gar nichts gefühlt als eine schreckliche Enttäuschung. Sehnsucht hab’ ich nach Dir gehabt -- eine Sehnsucht! Möchte wohl den Mann sehen, dem sie ähnlich zusetzt wie mir! Wenn man eine so schöne, geliebte, kluge Frau hat, die auch ihrerseits treu an einem hängt! Und wenn man nach dreijährigem Hangen und Bangen endlich vereint wurde und sich dann gerade nur ein paar Monate gehören durfte!

Alle Tage zehnmal schluckt man das ’runter und gibt sich Rückgrat mit dem Gedanken: der schöne, stolze, große Beruf will das nun mal so -- Männer, die im Krieg stehen, sollen kein weiches Heimweh kennen -- und wir, an Bord, leben ja immer wie in Kriegswachsamkeit und Bereitschaft. Aber alle Tage zehnmal kommt’s doch wieder hoch. Und dann die Nächte ... Und in dem Klima ... Na ja, also lieber still davon.

Schwer enttäuscht war ich. Hätt’ am liebsten sofort zurücktelegraphiert: ‚Unsinn -- Dein Mann geht vor ...‘ Geschrieben war schon so was ... Der Postmaat hatte es schon in der Hand. Aber ich nahm ihm das wieder weg.

Denn weißt Du, geliebtes Weib -- wunderbare Gedanken sind mir gekommen. Ob ich Dir sie wohl so recht auseinandersetzen kann? Versuchen wir’s.

Sieh mal -- die allerallererste Hoffnung auf das Kind haben wir ja zusammen bejubelt. Aber -- Gott, es klingt wohl komisch -- das war doch beinahe wie eine Stimmung, so ’n bißchen phantastische Vorfreude. Jedenfalls verwischte sich das in mir, als ich fortging. Wurde wie so ’n Traum. Mir nichts Wirkliches. Mußte mich in den folgenden Monaten oft zwingen, daran zu denken. Dann kam eines Tags die Depesche, daß ich ein Töchterchen bekommen habe. Ich weiß noch, wir hatten ein Diner bei dem Konsul Glaubermann in Schanghai. Da traf die Depesche ein. Ich wurde etwas erregt, hatte so einen heißen Fleck in der Brust, vielleicht sogar nasse Augen (ich glaube wohl), und alle wurden mit aufgeregt, und zu Deinen, meinen und des Kindes Ehren wurde kolossal viel Sekt getrunken.

Von da an war in Deinen Briefen immer viel von dem Kind die Rede, und ich habe ja wohl auch stets in meinen Briefen der Kleinen gedacht -- hoffe es wenigstens.

Aber -- es war doch wie so ein akademischer Begriff: ich bin Vater, habe ein Kind! Ich mußte es förmlich so vor mich hinstellen, damit ich es nicht vergäße. Ja, so was Unwirkliches war es am letzten Ende.

Und da kommt Deine Depesche! So felsenfest habe ich ein jubelndes ‚Ja‘ erwartet, denn Emmich hat es mir wohl gesteckt, daß Du mehr von der Trennung leidest, wie ich eigentlich von Deiner Einsicht und Deinem Verstand erwartet hatte. Ganz felsenfest; denn ich bildete mir ein: Du flögst am liebsten durch die Luft her.

Und da sehe ich aus der Depesche: es gibt nun etwas in Deinem Leben, das Dich hindert, Deiner Sehnsucht nach mir zu gehorchen. Das kann nur ganz was Heiliges, Großes sein.

Es ging mir auf. Wie eine Offenbarung war das. Ich wußte, was es sei: die Mutterliebe!

Da ergriff mich ein Gefühl, das mich so weich machte, so windelweich ... Herrgott, so gerührt bin ich ja wohl weder bei unserer Trauung gewesen noch bei unserem Abschied.

Plötzlich war meine riesengroße Enttäuschung wie fortgeblasen. Ganz stolz war ich, ganz glückselig.

Nun war es für mich Wirklichkeit geworden: ich hab’ ein Kind. Es steht auf einmal deutlich da in meinem Leben -- denn es hat die Macht, mir mein süßes Weib fernzuhalten -- also, es muß eine große Sache sein um so ein kleines Kind -- nicht einmal meiner guten alten Mutter, die Du so liebst, willst Du es anvertrauen -- auf die Reise zu mir willst Du verzichten -- --

Wir sind nicht mehr: Du und ich; wir sind unserer drei! Und dieses dritte, kleine Lebewesen ist offenbar die Hauptperson geworden.

Ich muß immerfort in mich hineinlächeln. Es hat so etwas Komisches: ich, der Kapitän von Falckenrott, ich, Dein Malte, ich hab’ einfach nichts zu sagen. Ich rufe: komm! Und denke nicht daran, daß da ein Kind ist, das viel mehr zu sagen hat, das sein Mütterchen nicht fort läßt! Von dem das Mütterchen nicht fort kann!

Laß mir doch die süße, kleine Hauptperson photographieren? Oder geht das noch nicht?

Und sobald sie ein bißchen Verstand hat, erzähl’ ihr was vom fernen Papa. Ich sei ein sehr netter Papa, sag’ ihr, der sich mit Emsigkeit um das Wohlwollen seiner Tochter bewerben werde.

Ja, Du kannst Dein kleines Kind nicht verlassen! Das versteht sich. Verzeih’ mir nur, daß ich in meinem Unverstand anders dachte. Nein, Du mußt es pflegen und hegen und bewachen. Damit es dem Papa als dickes, rosiges kleines Ding entgegentrippeln kann -- Dein Geschenk, teures Weib, Deines für mich -- hüte es mir wohl!

Bei meiner Heimkehr werde ich es in Deinen Armen finden!

Fest muß ich mich zusammennehmen, wenn ich an diese Heimkehr denke. Das wird ein Glück werden. Du und ich und mein Kind. Mein Kind! Von Dir so für mich behütet, daß Du seinetwegen nicht einmal zu mir kommen kannst.

Mit nächster Post schreibe ich einen vernünftigen Brief. -- Leb’ wohl. Küß mein Kind. Ich hoffe, es gleicht Dir.

Innigst Dein Malte.“

Von aller Kraft verlassen stand sie -- lehnte sich ans Fensterkreuz, um nicht zu sinken, ging endlich schwankend auf den Wagen zu -- sein dunkler Lack machte ihn in diesem Augenblick, wo die graue Dämmerung ins Zimmer schattete, einem Sarg nicht unähnlich. Das Gestell der Räder, sperrig und leicht gebaut, gab diesem Lager das Wesen bedrohlicher Leichtbeweglichkeit ...

Als würde es sofort von gespenstischer Hand fortgestoßen werden -- hinweg aus den Augen der Mutter -- hinein in eine Nacht, der kein Morgen tagt ...

In den Kissen lag der kleine Kopf -- seltsam kleiner geworden, schwer, hart.

Das Kind atmete kaum ... wie zu Tode erschöpft lag es, hindämmernd an den Grenzen seiner Kraft.

Außer sich, von wahnsinniger Angst zerbrochen, fiel die Mutter neben diesem Lager, das ihr unnennbare Furcht einflößte, in die Knie.

„Lebe!“ flehte sie das Kind an. „Lebe.“

IX

Der Strand von Saßnitz war buntscheckig von der gedrängten Menschenmenge. Nicht nur am Kai, sondern vor den vom Bergwald überragten, ansteigenden Häuserzeilen stand sie in Beharrlichkeit. Sie hatte sich lang hinausgezogen, wand sich, einem wandernden Ameisenheer nicht unähnlich, in dünner Linie auch am Ufersaum hin, hart am Meer, dicht unter den steilen Wänden der weißen Kalkfelsen, die auf ihren Häuptern die grünen, tiefen Buchenwälder trugen.

Ein Sommertag voll ruhigen Lichtes und klarer Wärme wollte zu Ende gehen. Das Meer lief im gelassenen Gleichmaß der Bewegung gegen das Ufer an. Das blaue Glas der Wogen zersprang auf ihren Gipfeln und zerschlug sich zu weißem Schaum.

Ganz fern, geradeaus stieg eine Rauchsäule vor dem Horizont. Das Schiff, das sie emporflocken ließ, glitt rasch hinweg; es fuhr in stetiger Richtung nordwärts und versank bald hinter der Linie zwischen dem Wasser und dem zarteren Blau des Himmels. Dann hielt sich an jener Stelle noch eine Weile ein graues Wölkchen. Als sich auch das in der reinen Luft ganz verflüchtigt hatte, breitete sich eine majestätische Leere aus. Die Einsamkeit thronte über den Wassern.

Aber sie wirkte nicht herüber auf die tausend Menschen und stimmte sie heute nicht zur Andacht. Die Unruhe der Erwartung fieberte in der Menge. Und wie hypnotisiert starrte sie westwärts. Die sinkende Sonne stach ihr beizend und blendend in die Augen; hinter den weißen ragenden Felsen von Stubbenkammer ging sie horizontwärts, ihre Strahlen gaben der Silhouette des Waldes hoch dort oben einen Heiligenschein. Und die ganze Seite des Himmels war wie eine Wand von hellem Gold, das ganz allmählich, zur Höhe hin, in das feine Blau der Luft hinüberging und sich in ihr auflöste.

Gleich einer Kulisse stand der weiße Fels mit seiner verschatteten Wand und seiner scharfen, steilen Linie in diesen Hintergrund von Glanz hinein. Gegen seinen Fuß warfen sich in unaufhörlicher Arbeit die Wellen und brodelten weißschäumig.

Plötzlich ging das schon etwas stumpf gewordene Warten der Menschen in freudige Unruhe über.

Hinter der Kulisse hervor schob sich ein schwarzes Tier. Wie ein Walfisch. Und anstatt eines Wasserstrahls ließ es eine düstere Säule von Kohlenrauch steigen.

Es war nicht allein. Es dampfte an der Spitze einer Schar von Genossen, die ihm in Keilformation folgten.

Eine Torpedobootdivision des Aufklärungsgeschwaders.

Seltsamen Ungeheuern glichen sie. Als habe die Hand der Menschen dem Meer die furchtbaren Saurier wiedergeben wollen, die die Natur nicht lebensfähig hatte erhalten können.

Nun schwammen sie durch die schwerflutende See, und aus dem Mund ihrer Dampfpfeifen kam ein mißtöniges Geheul, ein dunkler, warnender Laut gereizter Tiere.

Dann fuhren die Schiffe wie lautlos. Wie ermüdet von harten Kämpfen, gelassen. Sie zogen dem Hafen zu, um einmal eine Nacht zu schlafen. Ihre kohlschwarzen Leiber, so wenig sie auch die Wasserlinie überragten, zeichneten sich bedrohlich ab vor dem goldig glänzenden, glatten Hintergrund des Himmels. Um ihren Bug, so leise sie auch fuhren, schwoll, wie an der Brust dunkler Schwimmvögel, das Wasser hoch, das sie zerteilten. Neben den kurzen, dicken Schornsteinen und dem niederen Aufbau ihrer Kommandobrücken trugen sie seltsame Zeichen -- gleich schlanken, kleinen Masten, und daran mystische Figuren -- da ein Dreieck, dort ein Quadrat -- hier zwei Querhölzer -- dort eins, dort ein schräges Kreuz -- ihre Male, die sie für das Auge des Kommandanten und der Gefährten unterschiedlich machten. --

So kamen sie heran. Eine düstere Schar, schon jetzt in ihrem friedlichen Tun furchtbar anzusehen -- eine Verkörperung von Krieg und Tod -- die Phantasie anreizend, so daß man sich wie von selbst diese niedrigen, schwarzen Gesellen vorstellen mußte, wenn sie nachts, von schäumenden Fluten überstürzt, in heulendem Sturm, mit verlöschendem Feuer, den Scheinwerfern des Feindes zu entgehen trachteten -- oder sich an ihn heranzuschleichen suchten -- selbst des Untergangs gewiß, den sie dem Gegner zu bringen die Selbstaufopferung haben sollten. Kraft, die selbst sterben muß, wenn sie Tod bringt ...

Von dieser ruhevoll vorwärts dampfenden schwarzen Schar ging eine Majestät des Mutes aus, die alle Zuschauer, ohne daß sie wußten warum, verstummen ließ.

Sie suchte den Hafen auf. Die Reede konnte ihr keinen Ankerplatz geben. Sie kannte jenseits der Molen nur eins: Bewegung. --

Und andere Erscheinungen traten aus der Felsenkulisse hervor, als hätten sie dort gewartet, um ihre stolze Wirkung, ungeschmälert durch die kleine, rasche Heldenschar, ganz allein zu genießen.

Groß und grau, in der Langsamkeit von einer stillen und bezwingenden Gewalt, glitten die großen Kriegsschiffe über das blaue Wasser. Ungeheuer voll Grazie. Ruhevoll stieg der feine Dampf aus ihren grauen Essen. In der Takelage ihrer Signalmasten war ein emsiges Huschen von Farbenflecken. Da stiegen und sanken und hißten und tippten allerlei kleine Flaggen, und einige von ihnen blieben hängen, in einer geheimnisvollen Anordnung -- beredt für die, die ihre Sprache verstanden -- stumme Befehlshaber, die blinden Gehorsam forderten.

Vor dem goldenen Grunde des Abendhimmels kamen die Schiffe, wunderbare Symbole der Macht, in schweigendem Stolz -- unnahbar, seltsam abgesondert von der Erde und der atemlos staunenden Menge auf ihr -- und doch in der unerklärlichsten Nähe mit ihr verbunden -- von einer in jeder Brust aufjauchzenden heißen Liebe begrüßt ... „Unsere Flotte“ ...

Die huschenden Farbenflecke hatten alle ihre Befehle über das auch in Keilformation fahrende Geschwader hin verbreitet. Nun änderte sich die Bewegung. Einige der Schiffe lagen still -- andere glitten noch weiter -- in einer Stellung zueinander, deren Ordnung und tiefer Sinn den Zuschauenden verborgen blieb, kamen sie endlich alle zur Ruhe.

Und nun lagen sie da, eine undurchdringliche, in sich abgeschlossene Welt.

Aber nicht lange, und es schien, als entstehe ein eiliges Hin und Her zwischen dem Land und dem Geschwader.

Während der goldene Glanz im Westen erlosch, nahm das Meer eine graue, ernste Farbe an; das Heranrauschen der Wogen war kein heiteres Spiel mehr, sondern eine Musik voll Schwermut. Der Himmel entfärbte sich und bekam eine matte Zinnfarbe.

Und in dieser Lichtlosigkeit, ehe die Nacht hereinfiel, wurde es lebendig um die Riesenleiber der Kriegsschiffe herum. Barkassen lösten sich von ihnen und puckerten in eiliger Fahrt zum Hafen. Boote schossen heran, von den sich im präzisen Gleichmaß hebenden und senkenden Rudern getrieben. Die Wasser tropften von den Hölzern, und die Riemen knirschten. In militärischer Ordnung saßen die Maaten auf den Bänken und beugten sich vor und legten sich zurück. Dann warteten sie an den Brücken auf die Post, die der Postmaat holte, während die Menge die Blaujacken umstand und betrachtete und auch wohl mit Biergeld und Zigarren beschenkte.

Die Gig der „Thuringia“ nahm außer der Post auch noch den Kapitän von Krietzow auf, der hier eingetroffen und seit diesem Mittag schon bereit gewesen war, sich wieder an Bord zurückzumelden, um seinen Stellvertreter Hochhagen abzulösen.

Der Abend wandte sich mit Hochsommerraschheit zur Nacht. Auf den Schiffen blitzten Heere von Lichtern auf. Wo vorher die kleinen Gruppen bunter Flaggen gesprochen hatten, zeigten sich nun ebenso geheimnisvolle Gruppierungen verschiedenfarbiger Lichter.

Und ab und zu strich, vom Scheinwerfer des Wachtschiffes herausströmend, ein grellweißer Lichtkegel über das Meer und das Land. Er huschte über jede Erscheinung weg, ließ sie auftauchen und wieder in Dunkelheit versinken. Die Menge am Ufer fühlte sich oft in hellen Tag versetzt, lachte und kreischte -- und schon glitt der weiße Schein weiter und ließ, gleich einem Phantom, ein Schiff erscheinen und war blitzgleich wieder anderswo.

Und in diesem flinken Wechsel von krasser Helle und nach ihr gesteigert scheinendem Dunkel sah Emmich Hochhagen einmal, schon ganz nahe der „Thuringia“, die Gig auftauchen und verschwinden. Er erkannte in dem huschenden Moment, daß sein Kamerad Krietzow darin saß. Krietzow hatte sich schriftlich schon angemeldet und war also erwartet worden. Es hätte sich demnach ungefähr ein Weltuntergang ereignen müssen, um Krietzow am pünktlichen Erscheinen zu hindern ... ein deutscher Offizier, der sich dienstlich zur Stelle zu melden hat! ... Dennoch aber fühlte Hochhagen sich so erleichtert, daß er aufseufzte.

Er wartete fast seit Beginn seines vorübergehenden Kommandos schon dringlich auf die Ablösung -- was er sich freilich nicht einmal selbst gestand. Und was kein Mensch an Bord ihm angemerkt hätte.

Renatens Briefe ängstigten ihn mehr und mehr. Er spürte, daß die unselige, in ihrer Verlassenheit um alle Haltung gekommene Frau einen immer größeren Einfluß auf sein holdes Mädchen bekam. Das mißfiel ihm höchst. Deshalb ersehnte er den Tag der Ablösung. Er hatte sich einen unmittelbar an sie anschließenden Urlaub von zwei Wochen erwirken können. Und nun, wo die Flotte für einen Ruhetag vor Saßnitz ankerte, um dann in die wirklichen Manöver einzutreten, nun dachte er Krietzow die Geschäfte zu übergeben und sofort, im Morgengrauen, nach der Schweiz abzureisen.

In seiner heimlichen Unruhe hatte er sich eingebildet, Krietzow könne in allerletzter Stunde abermals erkranken. Auch gibt es ja Unfälle auf Eisenbahnen und Gott weiß was sonst noch.

Also da war Krietzow! Endlich, endlich!

In der großen Unruhe an Bord, in der Eile der an Land Beurlaubten, bei all dem Kommen und Gehen fand Krietzows Ankunft doch viel Beachtung. Man sagte ihm, daß er glänzend aussehe, warf ihm noch neidvoll vor, daß er wie ein Gott in Frankreich gelebt, während man sich selbst wieder mal geschunden habe. Dann, nachdem er sich beim Kommandanten gemeldet hatte, zog er sich mit Hochhagen in die Koje des Ersten Offiziers zurück, um die dienstliche Angelegenheit zu besprechen.

Inzwischen war die Post sortiert und wurde an Bord ausgetragen.

Emmich sah, als die Ordonnanz die seinige auf den Schreibtisch legte, vor dem er mit Krietzow saß, obenauf den Brief Renatens.

Aber natürlich, mehr als diesen Blick konnte er den lieben Schriftzügen jetzt nicht gönnen.

Erst der Dienst.

Und in seinem Gedränge mochte er auch nicht lesen. Es war gerade, als hielte eine heimliche, warnende Stimme ihn davon ab, einen kurzen Blick hineinzutun.