Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 18
Emmich Hochhagen erledigte erst alles, was noch abzuwickeln war, ließ seine Sachen packen, meldete sich beim Kommandanten ab und fuhr dann mit einigen Kameraden an Land. Alles freute sich auf die Abwechslung. Es tat den Nerven schon wohl, sich einmal in hohen weiten Räumen beim Essen aufzuhalten; nicht nur mit Männern in engen, niedrigen, kunstvoll ausgesparten Räumen zusammen zu sein. Es war ein Vergnügen, Frauen zu sehen, die eleganten Frauen eines Badeortes, die mit lächelnden und gütigen Blicken an ihnen vorbeistrichen, zu rascher und mehr oder minder harmloser Anknüpfung merkwürdig bereit.
Man aß zusammen in dem Hotel, in dem Emmich Hochhagen zu übernachten dachte, um den Frühzug nach Berlin zu nehmen. Im Hinblick auf die Anwesenheit des Geschwaders war eine Reunion veranstaltet. Aus dem Saal neben dem Restaurant klang Musik. An der Glastür vorbei drehten sich tanzende Paare. Vorurteilslos und bereit, jede frohe Stunde zu nehmen, wie sie ihnen zufiel, beteiligten sich die jüngeren Offiziere mit leidenschaftlichem Eifer am Tanz, als lägen nicht die aufreibenden Mühen eines spannungsvollen Aufklärungsmanövers hinter ihnen.
Die Kameraden von der „Thuringia“ feierten Hochhagen weg und quälten ihn -- ahnungslos -- mit ihrem wohlwollenden Neid! Ja, wer solchen Dusel hatte! Zu so einer entzückenden Braut fuhr! Sich so fabelhaft nette Schwiegereltern zugelegt! Ja, der konnte wohl zugeben, daß das Leben immerhin ein Pläsier sei.
Er lächelte etwas mühsam dazu.
Sie wußten ja nicht, daß sein junges Glück von einem Unbehagen umlauert war, das von Post zu Post wuchs.
Und gerade weil er ein beklemmendes Vorgefühl hatte bei dem Gedanken: was mag nun wieder dieser Brief bringen? gerade deshalb blieb er länger noch mit den Kameraden zusammen, als er es vorgehabt hatte.
Das ganze Leben des Badeortes schien rascheren und freudigeren Pulsschlag bekommen zu haben. Viel lauter als sonst gebärdete es sich und wollte der Nacht das Recht auf Stille lange nicht gönnen.
Es war fast zwei Uhr, als der Kapitän Hochhagen sich endlich in seinem Zimmer allein befand -- in jener Einsamkeit, die fast unsicher machte, wie festes Land nach bewegter Seefahrt. In all dem Nachhall von Lachen, Musik, Bewegung, Gläserklang können die Nerven sich noch nicht in der Lautlosigkeit zurechtfinden.
Er preßte die Hand gegen die Stirn und besann sich. Ja, da war der Brief. Und morgen -- nein, heute -- um neun Uhr und? wieviel Minuten doch? fuhr der Zug. Saßnitz ab? -- Berlin an? Dort mußte er den Nachtzug nach Stuttgart nehmen ... Über den Bodensee -- Zürich -- Genf. -- -- Wo war doch das Reichskursbuch? Natürlich irgendwo tief unten im Koffer, wo man es nie findet, nach jener unergründlichen und wirklich märchenhafterweise sich ewig fortpflanzenden Burschenweisheit, die das Nötige listig verpackt und das Überflüssige handlich obenauf legt ...
Aber der Brief ...
Und plötzlich hatte er ihn geöffnet und stand mitten in dem gräßlichen kleinen Zimmer, zwischen dem häßlichen Bett und dem Sofatisch mit geblümter Plüschdecke, gerade unter der elektrischen Birne, die in ihrem tellerartigen Schirm fest unter der Decke saß. Sie schien ihm grell auf Renatens Schriftzüge und das weiße Papier.
Immer finsterer wurde sein Gesicht und sein Ausdruck hart.
Er setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Starrte hinaus -- und sah nichts von dem grandiosen Bild da draußen, wo auf dem dunkeln Meer die von Lichtern übersprenkelte Flotte in wachsamer Ruhe lag -- sah nur im schwarzen Glas das Spiegelbild der kargen, banalen Stube -- die blanke Glühbirne unter dem weißgekalkten Plafond und sein eigenes Gesicht -- --
Wußte denn Renate, was sie ihm da alles gestand?
Wenn sie es wußte, hieß es soviel als: ich habe mich doch wohl geirrt!
Nicht in ihrer Liebe. O nein! Das fühlte er wohl.
Ihr Herz drängte sich an das seine voll Angst und Unruhe.
Das war es: voll Angst.
Junge Liebe darf keine Angst kennen. Die soll nur hoffen und glauben.
Was schreibt sie da?
„Wenn ich daran denke, daß Jutta ihren Mann aus leidenschaftlicher Liebe heiratete, und daß all dies Glück sich jetzt schon in Kummer, ja in Verzweiflung verwandelt hat, muß ich weinen vor Angst, daß es auch unserer Liebe ebenso ergehen könnte.“
Und wie zitterte sie vor der Zukunft?
„Ob ich wohl stärker wäre als Jutta? Ob ich wohl während einer so langen Trennung immer freudig bliebe? Ob Liebe wohl durchaus der Gegenwart des Geliebten bedarf, um ganz lebendig zu bleiben? Oder ob man ein wenig oberflächlich sein muß, weniger am Geliebten hängen muß, um seine Abwesenheit gefaßter zu ertragen? Ach, du glaubst es nicht, wie mich alle diese Fragen beschäftigen.“
Und weiter: „Schreckliches Mitleid hab’ ich mit ihr -- wir weinen so viel zusammen. Und dabei ist mir manchmal zumute, als weinte ich über uns ...
Ich habe nicht gedacht, daß man als Braut so schwere Gedanken haben könnte. Aber vielleicht muß es so sein. Mama sagte mal, man müsse die Brautzeit nicht durchjubeln, sondern zur ernsten Einkehr benutzen. Und nun frage ich mich immerfort, ob ich auch wohl stark und groß genug bin, die Frau eines Seeoffiziers zu werden. Die braucht viel Tapferkeit und viel Selbstverleugnung ... Ich habe immer gedacht: durch Liebe bringt man das auf. Aber die arme Jutta hatte doch auch Liebe.“
Er las den Brief wieder und wieder.
Zuletzt sonderte er gar nicht mehr die einzelnen Stellen heraus. Alles floß zusammen. Alles hatte im Grunde den einen, den gleichen Inhalt: Furcht vor der Zukunft!
Und was langsam, von einem Brief zum anderen in ihm emporgewachsen war, stand nun als harter Gedanke plötzlich ganz klar vor ihm da.
Lieber jetzt ein jäher Schnitt -- ein furchtbares Zerreißen, als eine Zukunft voll Unsicherheit ...
Er fühlte: es würde seine Manneskraft untergraben, seine Berufsfreudigkeit aufzehren, wenn er später in Angst vor dem Gemütsleben seiner Frau zu sein hätte. Er hatte ja die Frau seines fernen Freundes betreut -- hatte gesehen, wie haltlos eine Frauenseele werden kann, wenn sie vor Sehnsucht müde wird. --
Das wollte er nicht erleben. --
Lieber ein einsamer Mann bleiben ...
Auch um des holden, zärtlichen jungen Wesens willen, das sich jetzt schon vor bloßen Möglichkeiten fürchtete ... deren Glück, das frische, jubelnde Brautglück, sich schon jetzt in verzehrende Unruhe verwandelt hatte.
Ihr, vor allem ihr, noch mehr als sich selbst, war er es schuldig, als Mann zu handeln.
Er begriff, daß dies vielleicht einer von den Fällen war, wo höchste Härte am letzten Ende höchste Selbstaufopferung ist.
Was mußte er tun?
Ihr schreiben. Ihr das Wort zurückgeben und ihr anheimstellen, sich in Freiheit noch einmal zu prüfen.
Schreiben?!
Er lächelte bitter in sich hinein.
Wo andere Männer handeln, eingreifen und durch die Wucht ihrer persönlichen Gegenwart einen Kampf zu ihren Gunsten entscheiden können, bleibt uns -- ein Brief! Der jämmerliche Abklatsch des Gefühls! Erregung, Zorn, Bitte, Liebe aus zweiter Hand -- auf dem Papier.
Die Ferne nimmt uns unsere Waffen ...
Aber er -- er war hier -- saß nicht wie der arme Malte drüben bei den schrägäugigen, gelbhäutigen Chinesen, während hier sein Glück in die Brüche ging, das er nur mit -- Papierfeuer hatte heißhalten können. -- Er war zur Stelle -- hatte nur einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag zu fahren, um vor die Geliebte zu treten -- Aug’ in Auge mit ihr um sein Glück zu ringen. Ihr streng und stolz, fest und stark zu sagen: Hast du kein Vertrauen zu dir selbst -- so leb’ wohl! Was mich betrifft, ich habe den Glauben an mich: es können mich Jahre und Ozeane von dir trennen: ich bleibe dein, freudig und treu. Traust du dir’s nicht zu: leb’ wohl! Begreifst du nicht: eine große Sache fordert Opfer auch von dir -- leb’ wohl! Erkennst du nicht: es liegt ein tiefer, heiliger Sinn darin, daß die Frau gefaßt zu warten versteht auf den Mann, der nicht zu selbstischen Zwecken hinauszieht, sondern um dem Vaterland zu dienen -- erkennst du es nicht, dann: leb’ wohl! ...
Ja, so wollte, so mußte er vor sie hintreten ...
Aber plötzlich, in den lodernden Zorn dieser Vorsätze, fiel der Schreck: Nein, das kann ich nicht -- man reist nicht von weit her zu einer Frau, um ihr zu sagen: wir müssen scheiden.
Er sah ihre Eltern vor sich. Diese Menschen, die er um all ihrer reifen Güte und Klugheit willen so hochstellte.
Er sah sie selbst: das weiche, schöne, liebe Gesicht! So jung! So zärtlich ...
Und noch so lachend war es gewesen vor wenig Wochen -- ganz unberührt von allen Seelenkämpfen.
Er sah sie weinen ...
Und die Vorstellung war so beklemmend, daß sich ihm die Stirn feuchtete.
Das war zu hart für beide -- für ihre Weichheit -- für sein Mitleid -- sich in solcher Aussprache gegenüberzustehen ...
Er fürchtete auch plötzlich, daß Hoffnungen und der heiße Wunsch, sie sein zu nennen, ihn schwach machen könnten.
Daß wiederum sie sich nicht frei entscheiden, sondern sich auch von zärtlicher Aufwallung bestimmen lassen könne ...
So blieb wohl nichts als schreiben -- als das elende Mittel, das immer nur einem Bruchteil alles Gedachten und Empfundenen auf den anderen hinüberwirken lassen kann ...
„Ich habe ja Zeit,“ dachte er.
Morgen kann ich schreiben -- morgen -- anstatt in jubelnder Vorfreude auf Wiedersehen zu ihr zu eilen ...
Schlaflos lag er die ganzen Stunden, bis der Tag graute. Es waren ihrer ja nur wenige.
Seine Nerven, überreizt von den großen Anstrengungen der letzten Wochen und Tage, von der Unsumme von Angelegenheiten und Verantwortlichkeiten, die er, als Erster Offizier an Bord, ständig geistesgegenwärtig in seinem Kopf zu halten hatte, wollten sich auf keine Weise zur Ruhe zwingen lassen.
Er versuchte, an die mechanischen Dienstsachen zu denken -- an irgendeinen kleinen Ärger, den es da oder dort gegeben hatte -- an die drolligen Schrullen einiger Kameraden -- --
Umsonst.
Er konnte nichts, als sich in die Vorstellung hineinleben: ich habe mein Glück verloren.
Zuletzt schien es ihm, als trennten ihn schon große Zeiträume von dem Augenblick, wo er von Bord gegangen war -- Zeiträume, in denen das Leben über ihn hinweg weitereilte und ihn zurückließ: alt, mutlos, freudlos ...
Eigentlich hatte er ganz vergessen, daß da draußen auf der Reede das Geschwader ankerte. Daß wohl schon jetzt, im Morgengrau, im Dunst der See, die ihre Wärme dampfend an die kühle Luft abgab, daß da schon Depeschenboote über die Wasser schwammen, mit leisem, eiligem Rauschen die glatte Oberfläche zerschneidend.
Als es an seine Tür klopfte, hart und schnell, antwortete er gehorsam „ja“ und dachte, daß er vielleicht befohlen habe, man solle ihn zur Abreise rechtzeitig wecken.
Er wunderte sich, als nun der Maat eintrat, der an Bord sein Bursche gewesen war, und den er gestern abend dort hatte zurücklassen müssen.
„Was vergessen?“
Der Mann stand stramm. Die weiße Tür gab seiner schlanken, blauen Gestalt blanken Hintergrund. Sein bartloses Gesicht konnte trotz allen dienstlichen Ernstes ein freudiges Licht in den hellen Augen nicht verstecken.
„Eine Depesche, Herr Kapitän. Ich soll eine schöne Empfehlung von Herrn Kapitän von Krietzow machen. Sie wär’ in der Nacht gekommen. Er hätt’ sie aus Versehen aufgemacht. Weil die Ordonnanz bloß meldete: an den Ersten Offizier. Und nachgesehen hätt’ er nicht -- aus ’m Schlaf ’raus, sagt Herr Kapitän.“
„Bestellen Sie: das machte nichts. Und viele Grüße an Herrn Kapitän ...“
Der Maat machte auf den Hacken kehrt.
Und Emmich Hochhagen nahm die Depesche aus dem Briefumschlag, in den Krietzow sie getan hatte.
„Das Kind der Frau von Falckenrott seit einigen Tagen in größter Lebensgefahr. Gamberg zwar hier, nehme aber an, daß im Ernstfall Du der armen Frau näherer Beistand bist. Erwarten Dich voll Ungeduld. Viele Grüße. Papa Gervasius.“
Er besann sich keinen Augenblick. Er verließ sein Bett. Zog sich mit einer Raschheit an, als seien Alarmsignale gegeben worden. Klingelte und befahl die Rechnung, einen Wagen -- nur rasch -- nur rasch. -- -- Er sah: die Zeit war knapp -- denn er hatte ja gedacht, er habe keine Eile ... Er hatte ja gedacht: zu einem Abschiedswort -- zu einer letzten, ehern ernsten Frage, die vielleicht das Ende des Glücks bedeutet -- dazu hastet man nicht ...
Er erreichte den Zug noch. Dann, als er in seiner Ecke saß und draußen die Landschaftsbilder vorbeiglitten, wurde er allmählich frei von dem Gefühl, ein Gehetzter zu sein. Sich auf dem Wege zu befinden, ist schon immer etwas.
Jetzt war keine Schonung möglich -- jetzt mußte er seine Auseinandersetzung mit Renate und vielleicht auch ihren Eltern Aug’ in Auge haben.
Aber welchen Stunden voll schmerzlicher Erregung, voll gefährlicher Versuchungen er auch entgegenging -- die Pflicht rief ihn.
Der Freund, als er schied, hatte ihm gesagt: sei meiner Frau ein treuer Bruder! Er war es gewesen, hatte versucht, es zu sein, so sehr, daß sie seine fürsorgliche Ergebenheit sogar als bevormundende Wachsamkeit empfand.
Aber mit aller treuen Brüderlichkeit hatte er doch nicht verhüten können, daß die Frau in schwere Kämpfe geriet ...
Und nun war das Kind des Freundes in Gefahr?
Und an der Seite der Frau befand sich jener Mann ... der in all seiner höflichen Ruhe und formvollen Undurchdringlichkeit für Emmich unheimlich war -- in dem er den Zerstörer ahnte ...
Dieser, gerade dieser war neben Jutta am Bett des Kindes?
Wenn es nun stürbe? Würde das nicht auf das Gemüt der Frau so wirken, daß sie sich sagte: nun ist jedes Band zwischen Malte und mir zerrissen?
Ganz gewiß!
Mußte nicht ihr leidenschaftlicher Gram sie dem Mann in die Arme treiben, der wartend bereitstand?
Ganz gewiß!
Ihr Herz hatte die Einsamkeit nicht ertragen. Mit förmlich fanatischer Liebe hing sie an dem Kind als an ihrem einzigen Trost -- vielleicht war das Kind auch ihr Halt gewesen. -- Wenn es ihr geraubt würde, bewies sie sich vielleicht: auf meiner Ehe ruht kein Segen. Ja, sie würde von Malte fortgehen, hin zu dem anderen, wenn das Kind stürbe.
Wenn es doch am Leben bliebe! Es schien durch sein bloßes Dasein die Sache seines fernen Vaters zu führen.
Während der langen Stunden seiner Tag- und Nachtreise dachte Hochhagen sich in all dieses immer stärker hinein.
Ihm war, als sei er unterwegs, um zu helfen, zu handeln. Und er litt vor Ungeduld, wenn er sich klarmachte, daß er im Grunde weder helfen noch handeln könne.
Er durfte Gamberg nicht stellen. Ihm nicht auf den Kopf zusagen: Du liebst sie und willst einen Abwesenden berauben -- ich stehe hier anstatt seiner und versperre dir mit den Waffen in der Hand den Weg zu der Frau.
Vor Dingen, die man nur spürt, auf deren Vorhandensein man zwar schwören könnte, und die man doch nicht zu beweisen vermag, steht man ohnmächtig.
Der Legationsrat von Gamberg hatte mit keinem Wort und keiner Miene Kritik herausgefordert, er hatte nicht ein einziges Mal eine Haltung angenommen, die verletzend für die Ehre des Abwesenden genannt werden konnte.
Und gerade deshalb fürchtete Hochhagen ihn.
So beherrschte Naturen sind zielbewußt -- gefährlich sind sie durch ihre Unangreifbarkeit.
Ein Mann, der nichts wollte, wie eine temperamentvolle, unter ihrer Einsamkeit leidende Frau trösten, um dann mit dankbaren Siegergefühlen seiner Wege zu gehen, ein solcher Mann würde sich anders benehmen.
Dieser wollte mehr! Das witterte Hochhagen. Gerade diese vornehme, vollkommen besonnene Art des anderen bewies es ihm: der wollte die Frau für immer sich erobern und war vielleicht schon jetzt voll Besorgnis, in ihr die zukünftige Trägerin seines Namens zu schonen.
Hochhagen fragte sich allerlei: ob wohl dies Gemisch von Liebesromantik und äußerster Rücksicht, von verbotenen Wünschen und starker Hochachtung für eine Frau bezaubernd war?
Er gab sich auf diese und andere Fragen keine Antwort. Er wagte es nicht. Er sah wohl: man spricht so erfahren über Frauen und kennt sie in- und auswendig.
Aber sowie man zu ihnen in eine Stellung kommt, von der aus man wirklich in ihre Seele hineinsehen kann, bekommt man die Empfindungen eines Analphabeten: man weiß wohl, da stehen tiefe Dinge, aber man kann sie nicht lesen ...
Mitten in all diesen Grübeleien erlebte er dann auch noch eines Morgens die Sensationen des märchenhaften Szenenwechsels. Er hatte während der Reise kaum auf die Bilder draußen geachtet -- stumpf für alles, was draußen sich begab, war die ganze Fahrt mit ihren wechselnden Stationen, lärmdurchbebten Durchgangswagen voll Staubgeschmack, schmalbettigen Schlafcoupés, hastigen Mahlzeiten, tausend fremden Gestalten an ihm vorübergegangen, als stehe er gleichgültig still, und all dies rase unbegreiflich sinn- und zwecklos an ihm vorüber.
Nun sah er auf einmal den Genfer See vor sich und wußte: noch eine Stunde, und ich bin da ...
Der feine Frühnebel, ganz von silbernem Glanz durchwirkt, stand auf der weiten Fläche. Er breitete sich auch zart vor der Wand des Gebirges aus und machte seine Größe mild. Es waren gar keine starken Töne in dem Bild. Wunderbar keusch und leise wirkte es -- ein Morgentraum.
Das tat dem Auge wohl. Wie dem Mund die fast herbe und feuchte Luft, die durch das Fenster hereinkam.
Hochhagen atmete sie förmlich mit Vorsatz tief ein. Als könne sie ihm das peinliche, brennende Gefühl in der Brust löschen ...
Er dachte nicht mehr an die unselige Frau, die zu behüten und vielleicht zu retten er gekommen war.
Er dachte nur noch an seine Liebe und seine eigene Not ...
Was „sie“ wohl zu seinem Telegramm gesagt hatte?
Gestern, gegen Abend, von irgendeiner Station aus, hatte er depeschiert, er würde von morgen früh an in Juttas Pension sein. Er bat den Geheimrat, ihn dort aufzusuchen.
Diese Fassung der Depesche mußte Renate gezeigt haben, daß er nicht ihretwegen diese Reise unternommen hatte ...
Begriff sie? War sie sich völlig bewußt, wie ihre Briefe auf ihn gewirkt hatten? Zu welchen Sorgen sie ihn führen mußten?
Freute sie sich auf ihn? Ängstigte sie sich vor ihm?
Ahnte sie schon, daß er lieber auf Glück verzichten als eines gewinnen wolle, neben dem her der Unglaube an die Beständigkeit dieses Glücks ging?
Station Territet ...
Sein Herz klopfte ... das Gefühl, dem geliebten Mädchen nun nahe zu sein, benahm ihn ganz.
Wie Furcht befiel ihn der Gedanke: wie, wenn sie auf dem Bahnsteig steht? ...
Aber er übersah es mit dem einen schnellen, scheuen Blick, den er rasch über den offenen Bahnsteig gleiten ließ: nein, sie war nicht da ...
Als er einem Träger seinen Gepäckzettel in die Hand drückte und mit einem Kutscher über die Fahrt nach der Pension verhandelte, fühlte er eine Hand -- sie gab ihm einen leichten, wohlwollenden Schlag auf die Schulter ...
„Na ... gottlob!“ sagte der Geheimrat.
Es erschien Emmich Hochhagen unbegreiflich, daß der Geheimrat gänzlich unverändert war: das kluge, bartlose Gesicht lächelte -- freudig -- weich -- was ihm drollig stand -- denn so ein Fünkchen Selbstironisierung war meist dabei, wenn er weich wurde ... Und das war er in diesem Augenblick. Sein zärtliches Vaterherz ahnte, daß das bräutliche Glück seiner Tochter schon aus den Fugen war -- die schwermütige Unruhe ihrer Stimmung hatte sich seit dem Eintreffen von Emmichs kühler Depesche zu einer Nervosität gesteigert, wie sie die Eltern an ihrem Kind nicht für möglich gehalten hatten. Ihnen selbst war die Fassung der Depesche nicht ganz geheuer. Aber sie wollten das Vertrauen ihrer Tochter nicht erzwingen und gestanden es sich nur untereinander: zwischen Renate und Emmich war nicht alles in Ordnung, und vielleicht kam er gar nicht als Renatens Verlobter her, sondern nur in Erfüllung der Freundespflicht gegen den fernen Kameraden.
Aber er war da! Das war nun erst einmal die Hauptsache!
Der Geheimrat als erfahrener Mann hoffte immer ... Bloß die Jugend verzweifelt, pflegte er zu sagen.
So klopfte er denn nochmals wohlgefällig, wie um die Tatsache seiner Ankunft zu loben, Emmich auf die Schulter.
„Wie steht es?“ fragte der hastig.
„Nicht gut.“
„Ist noch Hoffnung? *Du* mußt es doch wissen!“
„Ach lieber Emmich -- wie überschätzest du unser bißchen Weisheit! Die beiden tüchtigen Ärzte, der gutwillige, aber nicht ganz angenehme Doktor von hier und der Professor Lequint, den Herr von Gamberg aus Lausanne hat kommen lassen, die hoffen immer noch. Ich will dir was anvertrauen: es gehört das ein bißchen zum Metier ... Mut geben ... die Angehörigen instand halten ... sich selbst suggerieren: es kann noch werden -- weil doch nun mal jeder Mensch lieber in Zuversicht als in Entmutigung handeln mag ... Vielleicht ist auch so ’ne Art Sportgefühl dabei: man will denn doch durchaus nicht den Tod Erster werden lassen ... Wenn er es sich aber mal vorgesetzt hat ... Na, genug. -- -- Bauen wir auf ein Wunder. Welche Redensart, wie du bemerkst, ein Sideroxylon, das heißt ein innerer Widerspruch, ist ...“
Emmich hörte wohl: der Geheimrat glaubte an keinen guten Ausgang.
Nun saßen sie zusammen im Wagen. Der Geheimrat seinerseits fand den Kapitän sehr verändert. Nicht nur braun von der Seesonne. Auch hager fand er ihn, und einen scharfen Zug von Unruhe hatte er im Gesicht. Und noch nicht einmal sah er seinem Schwiegervater gerade und freudig in die Augen. Auch fragte er nicht nach Renate ... Und Freundestreue in Ehren: aber dies wäre doch das natürlichste gewesen! Erst die Braut! Dann Glück und Leid der übrigen Menschheit.
Gervasius dachte: „Dies bleibt abzuwarten.“
Und saß, die Hände auf dem Stockknopf zwischen den Knien, äußerst unbefangen da, während er in der Tat Miene und Ton des anderen gespannt beobachtete.
„Seit wann ist Herr von Gamberg hier?“ fragte Emmich.
„Der Legationsrat? Den trafen wir in Evian -- ich las ihn im Gedränge auf -- überraschte die Damen mit ihm ... Ich glaube, ich war es, der ihn überredete, sich uns anzuschließen. Er wollte, so viel ich weiß, nur zwei Tage hier bleiben. Gerade da erkrankte das Kind. Er ist dann geblieben, und in all seiner gemessenen Art zeigt er viel Teilnahme -- das heißt weniger in Worten als durch die Tat ... hat den Professor gerufen -- sorgt für alles ... ich muß sagen: ich mag ihn leiden. Er weiß viel. Und dann: so unauffällige Leute mit sehr viel Takt -- die tun direkt wohl.“
Ob das alles so sich entwickelt hatte, wie der Geheimrat es sah? War alles klug angeordnet? Nach versteckten Verabredungen? Um, ohne den Klatsch der Welt zu erwecken, doch an dieser schönen Stätte zusammen sein zu können? Waren Gervasius’ nichts wie Statisten in einer wohlberechneten Szene? Brutal gesagt: die Elefanten?
Jedenfalls konnte Hochhagen aus dem beifälligen Bericht des Geheimrats entnehmen, daß das Betragen der beiden Menschen, die er in geheimer Leidenschaft zueinander verstrickt glaubte, äußerlich ein einwandfreies gewesen sein mußte.
Ja, ungreifbar -- nur drohende Schatten. -- Wie sollte man da als Freund für den lieben Kameraden in der Ferne eintreten?
„Das Kind darf nicht sterben!“ sagte er schroff.
„Darf nicht! Ach du lieber Gott! Wenn wir was zu erlauben hätten ...“
„Ich muß dir anvertrauen -- halte mich nicht für indiskret -- ich *muß* es sagen: rette das Kind -- die Ehe der Eltern geht sonst in die Brüche!“
Der Geheimrat faßte den Arm des anderen: „Ruhe, mein Lieber, Ruhe! Wie naiv werden doch alle Menschen, wenn der Tod in Sicht ist! Als könnte man mit ihm handeln! Als gäbe es für ihn Gründe. Die Ehe der Eltern geht hier den Arzt nichts an -- um das Leben an sich wird gekämpft -- ich will dir sagen: wenn der Tod hinter der Tür steht, gibt es nur *das Leben an sich*, das verteidigt wird nach besten Kräften. Was Nebenumstände? Was Vergangenheit? Was Zukunft? Um ihretwillen wär’s manchmal besser, man fiele dem Tod nicht in die Arme. Aber das steht nie zur Frage. Immer nur: das Leben an sich! Es ist immer beinahe, als symbolisiere sich in dem einen Leben, das zu Ende gehen will, die Wichtigkeit alles Lebendigen. Ach, so oft man’s auch mitgemacht hat: dagegen härtet man nie ab.“
Er schwieg.
Und Emmich sagte noch, zäh seinen heißen Wunsch verteidigend: „Ja, es muß leben. Es wird auch -- es wäre so grausam.“