Nur wer die Sehnsucht kennt ...
Part 19
Nach einer Weile fragte der Geheimrat: „Ich glaube aber, die Pension ist voll?“
„So? Ich habe gestern depeschiert, gebeten, Zimmer zu reservieren, Antwort konnte ich ja nicht erbitten.“
„Weiß Jutta, daß du kommst?“
„Habt ihr es ihr nicht gesagt?“ fragte er zurück.
„Wir fanden deine Depesche, als wir gestern abend von unserem Besuch bei ihr zurückkamen. Nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen meiner Frau und mir kamen wir doch überein, ihr nicht zu telephonieren.“
Plötzlich waren sie ganz verlegen voreinander.
Sie fühlten: nun mußte doch irgend etwas gesagt werden ...
Wie um das gerade zu verhüten, fragte Emmich hastig: „Diese Sache stört euch doch wohl die Ferien? Der Verkehr zwischen dem Hotel da oben und der Pension kann ja nicht kurzerhand abgemacht werden?“
„Das anlangend: wir haben ja Zeit. Und irgendeine Partie machen wir doch alle Tage -- nun steigen wir zu Fuß eben täglich herab und fahren zum Diner wieder hinauf. Das ergab sich höchst einfach.“
„Es tut mir aber doch sehr leid -- eigentlich kam es ja durch mich ...“
„Nun irgendwie müssen Menschen zueinander kommen -- der Mittelsmann braucht nicht betroffen zu sein, wenn was nicht glatt geht ...“
„Ich bin begierig ...“ dachte der Geheimrat; „endlich *muß* er doch mal nach ihr fragen ...“
Aber Emmich fragte nicht. Eine unbegreifliche und unerträgliche Befangenheit machte ihn unfrei. Nicht um die Welt hätte er Renatens Namen aussprechen können.
Er fühlte deutlich, daß ihr Vater voll Spannung darauf wartete. Wie erstaunlich mußte ihm dies Schweigen sein. Der Wagen fuhr langsam, kopfnickend zogen ihn die Pferde bergan. Zwischen den Tannen war ein grünes, kühles Licht, aber nicht die Abgeschlossenheit der Waldeseinsamkeit. Denn durch jede Lücke sah man das blasse Blau der Fernsicht.
Eine unnatürliche Situation lange zu ertragen, ging wider den Verstand des Geheimrats.
Die feine, weiße Operateurshand legte sich auf die braune Faust, die Emmich auf sein Knie gestemmt hielt.
„Ich habe eine Tochter, sie heißt Renate,“ sprach er lächelnd.
Emmich zuckte ein wenig -- beherrschte sich und sagte leise, erbittert: „Und ich leide um ihretwillen ...“
Ganz sanft wie eine Frau, so vorsichtig und liebevoll fragte der Geheimrat: „Darf denn der alte Papa nicht wissen, wie das möglich ist?“
Emmich antwortete nicht gleich. Da fuhr der ältere Mann fort: „Fast seit wir hier sind, ist das Kind verändert. Nur ganz vereinzelt hat es noch sein liebes, sonniges, sorgloses Gesicht -- mit all der Weichheit darin, die mich immer so gerührt hat. -- Und meine Frau und ich, wir fangen an uns zu fragen: was ist denn das für eine Liebe, die so schnell aufhörte zu strahlen.“
„Das ist es ja, was ich mich auch frage,“ sagte Emmich, in großer Erregung aufwallend.
Emmich sah: die Eltern waren nicht blind -- hatten auch schon ihre Beobachtungen gemacht. Er konnte -- er mußte offen sein.
Auch war eine merkwürdige Erleichterung dabei ... als lüde er nun einfach dem Vater seine Last auf, der der Nächste dazu war, sie mit zu tragen -- als schone er Renate, wenn er seine Sorge nicht in grausamer Deutlichkeit zuerst ihr, wenn er sie vorher dem Vater gegenüber darlegte.
„Vielleicht versteht ihr euch brieflich nicht,“ meinte der Geheimrat. „Ich hab’ es schon erlebt: Menschen, die sich Aug’ in Auge gut begriffen, schrieben sich einfach auseinander! Feder und Tinte sind oft voll geheimer Fährlichkeiten. Hier ist ein erfahrener, gereifter Mann, der schreibt. Da ist ein junges Mädchen, das noch nicht den fast unbegreiflichen Wertunterschied zwischen gesprochenen und geschriebenen Worten erkannt hat. Was meinst du, Emmich? Kann das so etwas zwischen euch sein?“
„Nein, Papa. Es ist mehr. Leider viel mehr. Kein Stilunterschied, wenn du so willst -- ein Unterschied in der Liebe, im gegenseitigen Verstehen.“
„Du meinst, daß Renate ...“ er mochte kaum vollenden -- sah ja zweifellos: es sollte seine Tochter sein, die weniger liebte ... Er konnte es nicht begreifen.
„Ja, Papa. Ich kann mich keiner Täuschung mehr darüber hingeben: Renate fürchtet sich vor der Ehe mit mir.“
„Das ist unmöglich!“ sagte der Geheimrat festen Tones. So wankelmütig konnte seine Tochter nicht sein, das hätte doch allem widersprochen, was er seit ihrer frühesten Kindheit von ihr erwartete.
„Ja. Man hat ihren Glauben an Glück, an die Zuverlässigkeit ihrer eigenen Liebe, an die Möglichkeit einer befriedigenden Zukunft zerstört. Vergiftet hat man sie. Nicht mit Vorsatz und nicht aus bösem Willen -- so wenig wie ein Kranker den Gesunden, der um ihn ist, mit Absicht ansteckt ... aber er steckt ihn eben doch oft an ...“
„Du meinst, daß Jutta Falckenrott ...“ fragte der Geheimrat.
„Das meine ich, daß die unselige Frau aus ihrem zerrissenen Gemüt, ihrem ganzen unbefriedigten Temperament heraus schädlich auf Renate eingewirkt hat. Alle innere, freudige Sicherheit hat sie ihr genommen. Wenn ich schon etwas bereute, ist es dies: sie zusammengeführt zu haben. Ich sehe freilich nicht, wie ich es hätte verhüten können, ohne den fernen Freund unheilbar zu kränken, ohne ein peinliches Aufsehen zu erregen.“
„Daß die Frau leidet, haben wir ja immer gesehen. Aber du meinst, in solchem Grade? ... So aller Selbstbeherrschung bar, daß ihr die junge Glückseligkeit einer Braut nicht Respekt einflößte?“
„Vielleicht,“ sprach Emmich erbittert, „vielleicht hat sie gar geglaubt, als Weib von Erfahrung die Unerfahrene warnen, retten zu müssen -- was weiß ich, wie weit Frauen untereinander in ihren Gesprächen und Geständnissen gehen.“
„Mein altes Vorurteil gegen Frauenfreundschaft!“ dachte der Geheimrat.
„Seit langer Zeit bin ich in schweren Sorgen um die Ehe meines Freundes. Dir, nur dir und in der ernsten Lage, in der ich selbst mich befinde, sei es anvertraut: Ich fürchte, daß in der Seele dieser Frau, die in der Einsamkeit ganz mutlos geworden war, Liebe zu einem anderen Mann entstand. Aus deinem Telegramm sah ich zu meinem Schrecken, daß er hier ist. Und deshalb, nur deshalb reiste ich sofort.“
„Gamberg?!“ rief der Geheimrat so völlig überrascht, daß diese Überraschung eigentlich wie ein Zeugnis war ...
Emmich nickte ...
„Wieder sag’ ich: unmöglich! Aber nicht ein Blick -- nicht ein Ton verriet, daß ... Selbst jetzt, wo du’s sagst ... wenn ich kritisch zurückdenke ... Nichts. Du irrst! Oder, wenn du nicht irrst, ist das so tief verborgen, so ganz unter der Oberfläche, daß man nur auf raffinierteste schuldvolle Beherrschung oder -- schwersten Ernst schließen dürfte ...“
„Gewiß das letztere -- ganz gewiß!“ sagte Emmich mit starkem Ausdruck. „Du wirst mir glauben: wenn ich Jutta nur von fern eines leichtsinnigen Abenteuers für fähig hielte, hätte ich den fernen Freund und meinen ganzen Kieler Kreis, ohne zu zögern, brüskiert und sie von Renate ferngehalten ... Aber so! Wie sollte ich -- wie konnte ich. Und nun, da ich dem Freund treu mein Versprechen hielt, seiner Frau ein Bruder zu sein suchte, nun ist mir dadurch mein eigenes Glück zerstört worden.“
„Aber lieber Emmich -- ich kenne doch meine Tochter -- die ist von geradem Wuchs -- man kann wohl mal versuchen, sie zu verbiegen -- aber das richtet sich fest und stark wieder auf -- ihr werdet euch aussprechen! Ihr werdet euch wieder verstehen.“
Aber indem er das mit möglichst zuversichtlichem Ton sprach, fiel ihm schwer ins Gedächtnis, was er seiner Frau gesagt hatte: Hat Renate nicht die Kraft zu dem, was von ihr verlangt wird, so ist es besser, sie tritt beizeiten zurück ...
„Ich fürchte, ich verstehe sie nur zu gut. Sieh mal, Papa -- und deshalb -- damit du siehst, wie tief das liegt, deshalb sag’ ich dir das von Jutta ... Du wirst es mir nachfühlen: ich kann nicht ertragen, zu denken, Renate ist vielleicht ähnlich veranlagt, könnte, im Fall einer langen Trennung, in die gleichen Leiden und Versuchungen geraten. Das ist eine furchtbare Vorstellung. Macht mich halb verrückt, kann ich dir sagen ... Ich muß begreifen: dann ist es für sie und für mich besser, wir gehen jetzt auseinander. Ich will lieber ein einsamer Mann bleiben, als eine Frau haben, der ich nicht blind vertrauen kann. Ich will ein Mann bleiben, ein ganzer Kerl -- ich liebe meinen Beruf über alles in der Welt -- ich liebe auch meine Braut über alles in der Welt -- entsteht da ein Zwiespalt -- mein Gott, er ist ja schon da! Nun, dann muß eben das Herz bluten und verzichten! Dem Beruf hab’ ich mich angelobt mit Ehre und Eid. Ihm untreu zu werden um einer Liebe willen ... was wär’ das, wenn ein deutscher Offizier das könnte ...“
Er schwieg ein paar Augenblicke, von Bewegung übermannt.
Ganz heiß war ihm die Stimme in der Kehle.
Aber fest mußte er bleiben -- ganz fest!
„Und -- ja -- ich muß es dir sagen -- es will kaum heraus -- und ich wäre nicht gekommen. Und ich hätte Renate geschrieben: hier ist mein Wort zurück. Deine Depesche zwang mich her -- ich sah, ich habe hier vielleicht an meines fernen Kameraden Stelle zu stehen -- ihm schulde ich Treue ... Und so kam ich ... Aber es ist vielleicht besser, wir sehen uns nie mehr -- sie und ich.“
Mit mannhaft ruhigem Druck umfaßte die zarte Hand wieder die starke, braune.
Und sehr liebevoll, fast als spräche er zu einem ganz jungen Menschen, sagte der Geheimrat: „Wir wollen uns besinnen -- lieber Emmich, wir wollen uns besinnen. Mit so raschen Worten entscheidet man nicht über Schicksale ...“
In diesem Augenblick hielt der Wagen vor dem zwischen Eisenstäbe gespannten Netzgitter der Pension.
X
Leider war die Pension ganz überfüllt. Madame mit ihrer künstlichen Frisur und den spiegelnden Glanzlichtern auf den Puffen und Locken des schwarzen Haares, Madame bedauerte verbindlich. Hatte aber doch jenen leisen Ton von ablehnendem Hochmut, den Wirte sofort annehmen, wenn ihr Haus besetzt ist. Ja, wer in der vielbesuchten Pension noch unterkommen wollte, mußte sich eben lange vorher darum bewerben. Daß sie vor einigen Tagen dem Diener des Herrn von Gamberg noch ein Zimmer habe einräumen können, sei Zufall gewesen; es sei auch kein Domestikenzimmer gewesen, Herr von Gamberg bezahle für den Diener herrschaftliche Pension.
Man sah, die Frau war fasziniert von dem Auftreten des Herrn von Gamberg, denn sie führte seinen Namen bei der Auseinandersetzung ganz unnötig wiederholt an.
Natürlich hatte Emmich eine Anwandlung von ungerechtem Ärger.
Aber er konnte unmöglich aufpochen und sagen: jetzt bin ich hier! Ich habe hier nähere Rechte und Pflichten! Herr von Gamberg hat sich und seine Hilfsaktionen zurückzuziehen! Ich stehe hier, um den fernen Vater des kleinen kranken Kindes zu vertreten. Nein, das konnte er nicht sagen.
Man stand ein wenig zweifelnd. Der Geheimrat mochte nicht damit herauskommen: „du gehörst doch zu uns -- du wirst mit mir zu den Meinen hinauffahren, sobald du Jutta gesprochen hast.“
Emmich dachte: „In das Hotel, wo Gamberg wohnt, will ich nicht -- ich will ihn vermeiden, so viel ich kann -- sonst gibt’s noch einen Krach ...“
Unterdes wartete der Kutscher, mit dem Koffer auf dem Bock neben sich, vor der Gitterpforte.
In dieses Zögern unnützen Hin- und Herdenkens hinein kam der Legationsrat von Gamberg.
Emmich sah ihn schon, als er, auf dem Weg unter den Tannen, hinter dem zwischen Eisenstäben gespannten Drahtnetz ging. Wie immer in etwas steifer, sehr gerader Haltung, in seinem hellgrauen Gehrock, ohne Hast einherschreitend.
Emmich biß sich auf die Lippen. Und mit einiger Besorgnis sah der Geheimrat, daß sein Gesicht sich in schwerem Ernst noch mehr verfinsterte.
Nun erschien Gamberg in dem Rahmen der weitgeöffneten Pforte.
Er erkannte den Kapitän Hochhagen.
Und er erblaßte.
Ganz gewiß. Der Geheimrat sah es so genau, daß jeder Zweifel ausgeschlossen war.
„Also -- ja!“ dachte er. Denn weshalb hatte Gamberg sonst die Farbe zu verändern ...
Aber beherrscht wie immer kam Gamberg nun näher, um Hochhagen zu begrüßen.
Er reichte ihm die Hand.
„Welche Überraschung, Herr Kapitän! Hat Frau von Falckenrott Sie schon empfangen?“
„Ich komme in diesem Moment an und höre eben von Madame, daß das letzte Zimmer, das noch zu haben gewesen wäre, für Ihren Diener genommen worden ist.“
„Er kann sofort die Pension verlassen. Ich hatte es angeordnet, damit Frau von Falckenrott noch jemand zu ihrer Verfügung habe, falls sie der Hilfe bedürfen sollte. Ich selbst wagte mich ihr dazu nicht aufzudrängen.“
„Zu korrekt, um unverdächtig zu sein,“ dachte Emmich.
Sie sprachen voll äußerster Höflichkeit weiter zusammen. So höflich, daß es dem zuhörenden Geheimrat beklemmend wurde.
„Es gibt so merkwürdige Feindseligkeiten,“ dachte Emmich, während er förmlich weitersprach. „Er hat mir ja eigentlich nichts getan. Und wenn er Jutta liebt und in schwieriger Lage die Haltung eines Ehrenmannes zu bewahren trachtet, sollte ich ihn eigentlich bemitleiden. Gott weiß, woher solche Feindseligkeiten kommen. Wie in eine Wolke davon gehüllt, erscheinen einem manche Menschen. Jeder Blick von ihnen reizt uns. Jedes Wort benimmt uns ... wie von selbst sind wir befangen und geärgert ihnen gegenüber.“
Ja, so von Natur aus, vielleicht nur, weil er ganz anderer Art war, erschien ihm Gamberg als Feind. Und mußte sich doch gestehen: er scheint wieder sehr vorsichtig gehandelt zu haben ... Denn merkwürdigerweise und trotz aller Antipathie dachte er nie: das ist nicht wahr, was er erzählt.
Er glaubte unbedingt, was er hörte, daß Jutta seit der Erkrankung des Kindes ihre Zimmer nicht verlassen habe, und daß Gamberg nicht einmal wagte, bei ihr sich melden zu lassen.
Welche Kämpfe sie wohl mit sich ausfocht in ihrer angsterfüllten, traurigen Einsamkeit!
„Nun vielleicht werde ich es bald wissen,“ dachte Emmich.
In ihm war ein Gefühl, als müsse er auf sein Recht pochen. Es deutlich betonen, daß er hier den Freund und Kameraden vertrete.
„Ich bin, wie jeden Morgen, gekommen, um mich nach dem Verlauf der Nacht zu erkundigen,“ bemerkte Gamberg.
„Sie sollen es gleich erfahren,“ sagte Emmich.
Er stand noch eine Sekunde zaudernd. Ihm fiel ein: hier der Geheimrat war ja unter allen Umständen der berufenste und willkommenste Besuch im Krankenzimmer. Aber er hatte eine große Begierde, Jutta zu überraschen -- sie allein zu sehen -- plötzlich vor ihr zu stehen -- wie eine Forderung, eine Mahnung vor sie hinzutreten -- ihm war, als müsse in seiner unvermuteten Erscheinung so etwas wie eine Botschaft liegen -- Trost -- oder Strafe ... er wußte dies alles selbst nicht genau -- er fühlte nur das unbezwingliche Verlangen, der Frau ohne Zeugen in die Augen zu sehen -- ihm schien, als müsse dann irgend etwas Klärendes sich begeben -- sie werde sich in ihrer Not ihm anvertrauen -- vielleicht weinen --
„Du begreifst, Papa ...“ Der Geheimrat machte schon eine zustimmende Geste.
Emmich sah Herrn von Gamberg fest und klar an, fast befehlshaberisch.
„Ich danke Ihnen für alle Fürsorge, die Sie gezeigt haben. Von nun an stehe ich der Frau meines Freundes bei, soweit sie männlichen Beistandes bedürfen sollte,“ sagte er.
Herr von Gamberg machte eine Bewegung, als markiere er eine Verbeugung.
„Wir wollen der gnädigen Frau doch die Freiheit lassen, sich zu wenden, an wen sie will.“
„Jedenfalls,“ scherzte der Geheimrat rasch und erzwungen, „ist sie nicht verlassen, wenn schon Rivalität entsteht, wer ihr beistehen soll. Also, lieber Emmich: sage Frau Jutta, ich sei hier und zu ihren Befehlen ... Kommen Sie, lieber Gamberg, setzen wir uns in den Schatten, bis Hochhagen uns Nachricht herausschickt ...“
Und er nahm Gamberg am Arm und führte ihn fast an den Tisch unter der großen Tanne, den besten Aussichtspunkt des Gartens.
Im Hause, wo Madame schon Befehle gab wegen der Räumung und Reinigung der Stube, die der neue Gast haben sollte, erfragte Emmich die Zimmer Juttas.
„Nummer neun ist das Schlafzimmer der gnädigen Frau, auf zehn ist jetzt das Krankenzimmer; die Zimmer sind im ersten Stockwerk, rechts den Korridor hinunter.“
Er stieg langsam hinan auf den Kokosläufern, die die Holzstufen der Treppe deckten -- die Hand griff dabei mechanisch am Geländer vorwärts, als bedürfe er der Stütze.
Was wird sie sagen? Was werde ich ihr sagen?
Er wußte nicht was. Unbestimmte Richtergefühle hatte er. Als sei er auf dem Weg, eine Sünderin zu vernichten.
Sie zu fragen: was hast du aus deiner Ehe gemacht? Was hast du meiner Braut getan? Und damit mir?
Wie friedlich ging der Sonnenstrom den Korridor entlang. Durchs Fenster kam er und füllte mit seinem flimmernden Gold den schmalen Gang zwischen den gelblichen Wänden. Und ganz voll von Tannenduft war er, stark und harzig.
Über den holzfarbigen Türen, deren Rahmen ein gemalter, schlichter Strich umgab, standen in seltsam schnörkeligen arabischen Ziffern die Nummern.
Nummer zehn. Er sah diesen ganz gleichgültigen kleinen Umstand genau: die Null hatte eine Schleife.
Er zögerte noch. Lauschte. Wünschte, daß sich die Tür öffnen möge ... als erleichtere das die Lage, wenn Martha etwa herauskäme oder vielleicht sie selbst ...
Nun klopfte er. Und erschrak zugleich. Vielleicht durfte man an die Tür eines Krankenzimmers nicht so deutlich pochen. Hier durften vielleicht alle Töne nur halb sein.
Er meinte, man riefe „Herein!“, obschon er vor dem Klopfen seines Herzens möglicherweise nicht genau hörte und Einbildung für Tatsache nahm.
Er öffnete die Tür.
Und ihm war, als erklänge ein Aufschrei ...
Er zog die Tür hinter sich zu und stand wie gebannt ...
Denn dort, neben dem dunkeln Kinderwagen, war eine Frauengestalt in die Höhe gekommen -- verharrte etwas vorgebeugten Leibes -- mit geducktem Kopf und gespreizten Händen -- starrte aus Schreckensaugen auf ihn ... Ein paar Herzschläge lang ...
Dann sank sie zurück -- fiel wieder in den Stuhl -- lachte auf -- oder weinte -- es war krampfhaft -- und verbarg das Gesicht in beide Hände.
Er kam näher. Er sah, wie ihre Schultern zuckten.
Er ahnte: Einen kurzen, furchtbaren, blitzgleichen Moment lang hatte sie gedacht: Malte!
Sie sahen sich ja ein wenig ähnlich! Und überreizte Nerven -- von Nachtwachen übermüdete Augen -- Gedanken, die vielleicht beständig und schwer mit dem Bild des fernen Mannes rangen -- -- wie sind die vorbereitet, vor Phantomen sich zu entsetzen ...
Er ging leise an sie heran.
Aber sie sammelte sich schon. Nahm sich in trotzigem Vorsatz zusammen ...
Erhob sich.
„Sie sind es -- Sie!“ sprach sie.
Und dann, um sich selbst zu beweisen, daß seine plötzliche Erscheinung doch das Selbstverständlichste von der Welt sei, fügte sie hinzu: „Ach ja -- Sie ... Es hieß schon immer, daß Sie Renate besuchen wollten.“
Er küßte ihr die Hand. Vor Erschütterung konnte er sich nicht gleich fassen.
Was für eine schmale, magere, kleine Hand war das geworden.
Und wie verhärmt und elend das schöne Gesicht.
„Ich komme Ihretwegen,“ sprach er ernst, „nicht um Renate zu sehen. Ich weiß nicht, ob sie noch meine Braut ist.“
„Wie ... das?“
„Wir wollen nicht von mir sprechen,“ sagte er. „Sie mußten nur hören: Ich bin einzig und allein Ihretwegen gekommen, um Ihnen in Ihrer Verlassenheit beizustehen, wie es meine Pflicht gegen Malte ist.“
„Ich bin nicht verlassen,“ flüsterte sie.
Sein fester Blick fragte sie: und wer ist es, der dir beisteht? ... Sie wich diesem Blick aus.
Er nahm es für Schuldbewußtsein. Sein Zorn, sein Schmerz wallten wieder auf.
„Warum haben Sie das Herz meiner Renate vergiftet ... warum ihr den Glauben genommen ... ihr bißchen junges Glück verdorben ... und meines mit ... meines mit?“
„Hab’ ich das?“ fragte sie langsam -- als müsse sie sich erst auf ganz ferne Dinge besinnen. Unruhe kam in ihr Gesicht. Ihre matte Stimme wurde heiser, indem sie kräftiger sprechen wollte. „Das hab’ ich nicht gewollt -- nein -- das nicht -- o -- arme Renate -- sagen Sie ihr ...“
Aber er erfuhr nicht, was er ihr sagen sollte.
Aus den Kissen des Wagens kam ein schwacher Ton ... Kaum vernehmbar ...
Schon kniete die Mutter neben dem Lager und beugte sich, mit gierig horchendem Ohr und verzehrend eindringlichen Blicken über das Kind.
Es war nur ein kleiner, dünner Klagelaut gewesen, vielleicht im Schlaf ... denn die Augen blieben geschlossen und der Mund stumm.
Eine merkwürdige Befangenheit machte Emmich auf einmal unsicher. Er begriff: über den Anblick der Frau, die ein Schatten ihrer früheren Erscheinung war, hatte er eigentlich das Kind in diesen ersten Minuten vergessen ...
Er hatte nun Angst davor, an das Kind heranzutreten -- eine lächerliche, feige, kleine Angst -- er, ein Mann, der schon ernsten Gefahren kaltblütig ins Auge gesehen ...
Es war das Mannesgefühl, das sich vor dem erweichenden Mitleid fürchtet, das Frauen und Kinder nicht weinen sehen kann ...
Und doch spürte er: sie wartet darauf -- sie kniete noch immer neben ihrem Kind ... Ihr Warten auf seine Anteilnahme wirkte auf ihn hinüber -- bezwang ihn. Der Vorsatz huschte durch sein Hirn: ich werde sagen, das Kind sieht unverändert wohl aus. Er erinnerte sich plötzlich, daß er seiner Mutter, wenn sie sich vor dem schlechten Ausgang ihrer letzten Krankheit fürchtete, immer gesagt hatte: Mutterchen, du siehst sehr gut aus, viel besser als gestern. Und dann hatte sie getröstet gelächelt.
Fast erheiterten sich schon seine Züge. So unmittelbar schwebten ihm schon die guten, tröstlichen Worte auf den Lippen.
Da stand er nun und sah auf das kleine Lebewesen herab.
Er erinnerte sich mit einem Male ganz genau, wie es ausgesehen hatte -- wie ein drolliges, rührendes Bild war dies Kinderköpfchen gewesen. Selbst als rauher Mann, der nichts von Kindern verstand, konnte man eine kleine Rührung nicht unterdrücken.
Und nun?
Da lag ein schmaler, kleiner Totenkopf, mit einem unverhältnismäßig großen Schädel über einem ganz winzigen Gesicht. Uralte, greisenhafte Züge hatte dieses unnatürliche Gesicht ...
Er hatte schon Männer gesehen, die in allen Schrecknissen des Berufs umgekommen waren, durch Fall, Brand, Wasser, Explosion ...
Aber dies hatte er noch nicht gesehen: ein Kind, das in vier Monaten den Weg vom Licht zum Dunkel zurückgelegt hatte und in der furchtbaren Eile seines schnellen Lebens schon die Züge des Greisentums gewann ...
Er wußte auf der Stelle: es ist ein sterbendes Kind!
Er stand ganz still. Aufrecht. Schluckte herunter, was ihm in der Kehle hochquoll. Und ohne es zu ahnen, seufzte er schwer auf -- in all diesem Bemühen, gefaßt zu schweigen.
Er wußte auch nicht, daß er ganz erschüttert und bleich aussah ...
Er wagte es endlich, die junge Mutter dieses ururalten Menschen anzusehen ...
Sie hatte voll Gier -- brennend in Hoffnung -- atemlos vor Verlangen nach einem ermutigenden Wort, mit ihren Augen an ihm gehangen ...
Nun begegneten sich ihre Blicke.
Und vor der Wahrheit, die scheu aus dem seinen zu ihr sprach, schrie sie leise auf.
Ihr Kopf sank -- sie legte ihn auf den Sitz des Stuhles.
Und weinte ... weinte ...
Ganz sachte kam er heran, hob sie auf und führte sie zu einem Sofa, den sein suchender Blick an der Wand entdeckte ...
Er selbst hatte nasse Augen ...
Er legte sie vorsichtig in die Ecke ...
Dann ging er still hinaus ...
Er hatte keine richtenden und strengen Gedanken mehr.
Nur Mitleid ...
Draußen fand Emmich den Geheimrat allein. Der andere Mann war gegangen. Gottlob.
Er setzte sich schwerfällig an den Tisch und stemmte die Ellbogen darauf. Die gefalteten Hände gegen die Stirn drückend, schwieg er finster.
Nach einer ganzen Weile erst fragte der Geheimrat sanft: „Sie war wohl sehr erschüttert?“
Da ließ Emmich die Hände sinken und sprach: „Nun versteh’ ich alles, was du im Wagen sagtest. Nein, da ist wohl keine Hoffnung mehr, das ist das Ende.“
„Ich wundere mich, daß es noch lebt. Ich dachte diese Nacht ...“
Er erhob sich.
„Ich will zu ihr gehen.“
Aber er ging doch nicht.
„Verzeih’ mir, Emmich -- aber dein Ton Gamberg gegenüber war fast gefährlich -- an der Grenze dessen, was ein Mann sich bieten lassen darf. Eine Nuance Kälte mehr, nur eine Kleinigkeit, und ein Konflikt zwischen ihm und dir mußte unvermeidlich werden, mußte kommen.“