Nur wer die Sehnsucht kennt ...

Part 20

Chapter 203,745 wordsPublic domain

„Du hast recht -- ja -- sehr recht,“ gab er nervös und hastig zu, „alles ist ja nur Vermutung -- ich muß vermeiden, ihn zu reizen -- das hieße Malte schlecht dienen -- ob sie seine Frau bleibt, ob nicht -- nur keine Zwischenfälle, die zu Nachfragen und Ausdeutungen Anlaß geben ...“

„Und dann -- wie hast du dir den Tag gedacht?“ Der Geheimrat legte ganz sacht seine Hand auf Emmichs Schulter. Es waren allerlei versteckte Bitten in dieser Bewegung. Das fühlte er wohl.

„Du weißt ja ...“ sagte er mutlos, „du weißt ja -- was soll ich bei Renate? Aus ihrem Mund noch einmal hören, was sie mir so oft geschrieben hat? Sie glaubt nicht mehr an die Zukunft -- was ist da noch zu wollen.“

„Und dann,“ fuhr er energischer fort, „dann hab’ ich heute auch kein Recht an mich selbst -- ich wage mich nicht fort -- keinen Schritt -- dies sterbende Kind -- und diese Frau, die mir zu allem fähig scheint ... Ich komm’ mir verantwortlich vor, vor einem, der am anderen Ende der Welt sitzt -- -- Nein, laß mich ...“

Der ältere Mann ging still ins Haus. Er dachte: „Ich muß meiner Tochter sagen: sieh zu, daß du ihn dir noch einmal eroberst ...“ Und weiter dachte er: „Vielleicht macht diese Notwendigkeit sie fest und klar ... Und wenn nicht -- nun, dann müssen sie lieber auseinandergehen.“

Der Gedanke an all den Schmerz und all den Lärm, die die Aufhebung eines Verlöbnisses begleiten, tat ihm doch sehr weh. Aber er fühlte: Emmich hat recht. Als Mann begriff er den Mann. Unsicherheiten in der Ehe wirken immer zerstörend auf den Beruf hinüber. Wenn Renate sich nicht die feste Haltung zutraute, die das Leben von ihr fordern konnte, dann war es besser, sie schieden. Der Vater in ihm stritt indes gegen den verstehenden Mann. Es handelte sich doch eben um seine einzige Tochter, seinen Sonnenstrahl, seinen Liebling. Er wollte nicht daran glauben, daß sie irgendwie und -wo versagte.

Während er treppan stieg, grübelte er noch darüber nach, wie merkwürdig alle Eltern ihre Kinder überschätzten; wie man die Unfertigkeit seines Kindes nur nach hartem Kampf zugesteht, während man eigene Unzulänglichkeiten oft mit Humor und Freimut zugibt.

Er beschloß: ich will mit Renate reden.

Und dabei hatte er ein Gefühl, als wolle er ein Komplott mit ihr schmieden, unter dem Gedanken: wie fangen wir diesen prachtvollen Mann wieder ganz fest ein.

Darüber mußte er nun leise in sich hineinlächeln. Ja, was das Leben so aus einem macht! Einen großen Namen hat man. Allerlei geleistet hat man. Und ist doch seiner Nachkommenschaft gegenüber auf keinem höheren Niveau, als daß man sich in einer zerfahrenen Liebesgeschichte einfach zum Spießgesellen eines jungen Mädels macht ... Weil man es nicht erträgt, sie weinen zu sehen ... Das ist es ... Und er mokierte sich über sich selbst.

Draußen unter der Tanne saß Emmich. Er empfand die feierliche und glitzernde Ruhe, in der die weite Landschaft vor ihm lag, mehr als schmerzlichen Widerspruch denn als Wohltat. Der hohe, breite Tannenwipfel über seinem Haupt stand unbewegt, ganz wie von Sonnenlicht durchstäubt, das die Nadeln fast blau erscheinen ließ.

Er dachte: „Nun ist sein Glück zu Ende ...“

Denn es war ihm Gewißheit: das Kind stirbt; und wenn das Kind dahin ist, ist es auch die Ehe ...

Armer Freund!

Und an Renate dachte er, ganz voll Trauer und Entsagung. Durch das Unglück, das er hier vorgefunden hatte, schien ihm sein eigenes Schicksal besiegelter. Es drückte seine Stimmung ganz herab.

Vielleicht rächten sich auch die Strapazen der letzten Wochen, auf die er noch diese lange, hastige Reise gesetzt. Er konnte selbst kaum mehr nachrechnen, seit wieviel Nächten er nicht eigentlich mehr geschlafen hatte. Er fühlte sich ganz zerschlagen. In so dumpfem Hinbrüten saß er, daß es ihm entging, wie lange der Geheimrat fortblieb.

Er vernahm das Aufwiehern eines Pferdes. Das zerschnitt förmlich die Stille. Schritte klangen wieder auf den Wegen des Gartens. Da war allerlei Bewegung.

Aber es deuchte ihn nicht der Mühe wert, sich danach umzudrehen.

Und endlich kam Gervasius zurück. Er erzählte: gerade seien die Ärzte dagewesen, er habe während ihrer Anwesenheit auch bleiben und sie an den Wagen geleiten müssen.

„Nun -- und?“

„Sie meinen, das Kind könne vielleicht noch den Tag, gewiß nicht die Nacht überleben.“

Emmich schwieg.

In dem gutmütigen und für allen Jammer des Lebens so empfindlichen Herzen des Geheimrats war ein Kampf.

Es wurde ihm schwer, aus der Nähe der Frau zu gehen, die sich eben mit ihren Händen an seine Hand geklammert hatte. Er fühlte wohl, es war ihr ein wenig Trost, ihn zu sehen. Vermutlich nur um des zufälligen Umstandes willen, daß er Arzt war -- daß sein Gebiet ein total anderes sei, kam ihr vielleicht gar nicht zum klaren Bewußtsein.

Aber da oben saß sein liebes, junges Kind, und da war auch seine Frau -- zwei Herzen, die in Spannung und Ängsten lebten -- die schon mit tausend Fragen auf ihn warteten. Und denen er sehr ernste Dinge zu sagen hatte.

Er sprach aus seinen schweren Bedenken heraus: „Sie gefällt mir nicht -- gar nicht gefällt sie mir, die junge Frau -- leidenschaftlich, wie sie ist -- und ganz mürbe -- man könnte ihr wohl eine Verzweiflungstat zutrauen ...“

Emmich sah ihn groß, mit offenem Mund an.

Hin und her dachte der Geheimrat.

„Wenn du mir auch telephonieren würdest, sobald die Lage sich hier verändert -- es dauerte doch zwei Stunden, bis wir unten sein könnten ... wir müßten lieber für einige Tage ins hiesige Hotel übersiedeln ... Um ihr nahe zu sein -- ja, das müßten wir ...“

„Er sagt immer ‚wir‘,“ dachte Emmich unruhig.

„Ja, es wäre das beste. Ich fahre jetzt hinauf und bereite das vor ... Gegen Abend komme ich wieder.“

Merkwürdigerweise war er ganz umständlich -- sprach mehr als nötig über jede kleine Nebensache -- konnte gar kein Ende finden.

Emmich mußte zuletzt wohl spüren: ein weiches Wort wurde von ihm erwartet, ein Gruß vielleicht ... Aber er sagte nichts. Er konnte nichts finden -- sein Herz schwieg, es schwiegen seine Gedanken.

Er war nur unaussprechlich traurig. So herabgestimmt, körperlich und seelisch, wie er sich in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatte.

Und endlich mußte der Geheimrat sich verabschieden. Gebeugt ging er davon.

Emmich suchte sein Zimmer auf und warf sich auf sein Bett.

Vielleicht schlief er ein paar Stunden. Jedenfalls fuhr er erschreckt in die Höhe, als man zum Essen rief. Aus Rücksicht auf das kranke Kind schlug man nicht den Gong.

Emmich trat, ehe er hinabging, wieder bei der jungen Frau ein.

Es war das gleiche Bild wie am Morgen. Nur schien ihm, daß die Aufregung einer unnatürlichen Gefaßtheit gewichen sei.

Ob seine Gegenwart ihr Wohltat oder Qual sei, konnte er nicht erkennen.

Ihr Blick war so leer. Als sähe sie ihn gar nicht wirklich.

Der Tag schlich mit einer Langsamkeit hin, die Emmich unerträglich wurde.

Ihm schien, als sei er plötzlich aus dem Getriebe des Lebens ausgeschaltet.

Die Ansprüche des Dienstes hatten jäh aufgehört. Ein paar Wochen lang war er von ihnen durch die Tage und oft genug auch noch durch die Nächte gepeitscht worden, als sei ein Mensch ein unermüdbares und unerschöpfbares Gebilde aus Maschinenteilen und nicht aus Nerven und Blut.

Die Ansprüche seiner Braut an ihn hatten plötzlich ein Ende gefunden ...

Er fand nicht den Mut, ihr zu schreiben. --

Sie wiederum konnte ihm kein Zeichen mehr geben. --

Er hatte ja ihren letzten Brief nicht mehr beantwortet ...

Zeit und Gelegenheit hatten gefehlt? O nein -- man kann einen Gruß, ein verheißendes Wort telegraphieren. Und das wußte sie ja wohl. Und er schwieg ...

Nun schlich der Tag. Und hatte keinen, aber auch gar keinen Inhalt als das unbestimmte Gefühl eines völligen Zerfalls aller bisherigen Lebensreize.

Zweimal sah Emmich den Diener des Herrn von Gamberg in den Garten kommen und ins Haus treten. Sollte sich wohl nach dem Kind umhören ...

Er hatte eine flüchtige Regung, fast von Dankbarkeit, daß Herr von Gamberg nicht selbst kam -- ihm jede Begegnung ersparte.

Ja, alles, was dieser Mann tat und ließ, war von der bedachtsamsten Vorsicht bestimmt, das war deutlich.

Das hatte etwas Entwaffnendes. Respekt sprach daraus. Vor dem fernen Gatten der Frau, vor der Frau selbst. Vielleicht auch ein Stolz, der keinen Flecken auf der Ehre duldet ...

Über diese Gedanken hin kam Emmich zu einer Aufwallung des Verständnisses.

Was mochte dieser Mann wohl leiden!

Dem war es ganz gewiß nicht leicht, sich mit einer unbezwinglichen Leidenschaft einzurichten und abzufinden.

„Das wird es keinem,“ dachte Emmich, „und er -- er hat doch offenbar alle Hoffnung, sein Ziel zu erreichen -- wär’ er sonst hier?“ ...

Er wagte nicht den kürzesten Spaziergang. Zum Lesen fehlte ihm jede Sammlung. Das Mitleid mit Jutta vermengte sich auf das unentwirrbarste mit der Unruhe um sein eigenes Geschick.

Wenn er noch wenigstens die praktischen Anforderungen hätte überdenken können, die die Lage an ihn stellen würde. Wie war denn die Lage?

Er vertrat hier den fernen Freund und Kameraden.

Aber wenn die Frau ihm nun sagte: Dein Freund ist nicht mehr mein Gatte -- -- ich löse mich von ihm los?

Dann blieb ihm nichts, als sich schweigend zurückzuziehen. Dann hatte er nicht mehr das Recht, ihr beizustehen. Er durfte ihr nicht einmal helfen, ihr Kind zu begraben ...

Aber noch lebte es ... Er fand sich plötzlich roh, daß er es in seinen Gedanken gleichsam begrub. „So eilig macht das spannungsvolle Warten auf den Tod die Phantasie,“ dachte er.

Von Unruhe befallen, ging er wieder einmal hinauf. Jutta hatte sich, so schien ihm, daran gewöhnt, ihn in kurzen Zwischenräumen eintreten zu sehen. Immer fand er sie neben dem Kind sitzen, mit seltsam ausdruckslosen, erschöpften Zügen, unbeweglich. Sie gab auch keine Auskunft, sie überließ es ihm selbst, sich durch Beobachtung davon zu überzeugen: keinerlei Veränderung sei eingetreten.

Manchmal war die sommersprossige Martha im Zimmer, mit irgendeiner Hantierung beschäftigt wie jemand, der seine vollkommene Überflüssigkeit durch Beflissenheit verstecken will. Und ihre scheuen, kummertrüben und ergebenen Blicke hingen an ihrer Herrin, die nichts von ihrer Gegenwart zu bemerken schien.

Als Emmich jetzt zum vierten- oder fünftenmal seit Mittag hereinkam, fand er, daß sich das Bild der starren Wacht aufgelöst hatte.

Die Fenster standen weit geöffnet. Auf das eine traf noch die Abendsonne, die jeden Tag um diese Zeit die Hausfront schräg in ein belichtetes und ein verschattetes Dreieck abteilte.

Die Zimmerwand zur Rechten war vom warmen Glanz des Sonnengoldes fast völlig bestrichen. Es übersprühte auch den dunkel lackierten Kinderwagen und setzte blanke Punkte und Flächen auf seine Räder und seine Wände. Die Kissen in ihm lagen leer.

Hin und her ging die junge Frau und trug in ihren Armen, auf weißen, in unregelmäßigen Enden und Zipfeln herabhängenden Tüchern, das Kind.

Und sie sang. Ganz leise nur. Ein Schlummerlied von einfachen, rührenden Worten.

Emmich trat heran.

Einen Moment stand sie still, blieb mit dem Oberkörper in wiegender Bewegung, ihr Gesang wurde zum bloßen Summen, und sie gönnte ihm einen Blick auf das Kind.

In ihren Augen war mehr Leben. Unsicherheit. Und doch auch Licht.

Er wußte nicht, wie das zu verstehen war. Vielleicht so: die Unruhe, in die das Kind aus fast schon totenähnlicher Schwäche verfallen war, mochte ihr als erstes Anzeichen wieder beginnender Kräfte erscheinen ... aber sie wußte nicht, ob sie wagen dürfe, daran zu glauben ... ob es nicht etwas anderes bedeute ...

Und weil es mühsam atmete -- und von unbewußter Angst bedrängt schien, nahm sie es, trug es umher und sang ...

Als Emmich in das kleine Gesicht sah, wußte er: die Stunde war da ...

Bärtige Männer mit braunen Gesichtern, deren Haut grob und rauh war von der See, hatte er im Todeskampf gesehen. Und dies war ein ganz kleines Kind, dessen Verstand noch nicht mit bewußter Tätigkeit die Erscheinungen der Welt erfaßt hatte.

Und dennoch -- dennoch -- da war eine Ähnlichkeit. Da war jener Zug strenger Bitterkeit, den nur die haben, die vor der letzten Not stehen ...

Die wandernde Frau ließ ihm nur den einen, raschen Blick, als solle auch er sehen: es geht besser -- besser ...

Er setzte sich an das Fenster, das leerer schien als das andere, weil keine Strahlenbündel hereinkamen.

„Was ist dies für eine Stunde!“ dachte er. „Hier stirbt ein Kind, und ihm, dem es stirbt, dem hat es eigentlich nie gelebt. Und hier ist eine Frau, die vielleicht nach dem letzten Atemzug des Kindes von dem Mann fortgeht, dem sie es geboren hat ... Ist es nicht, als wäre dies ganze Stück Leben nur ein Traum für ihn gewesen? Wie ging er? Aus einem lachenden jungen Haus, darin Glück war und Hoffnung. Wie kommt er heim? In eine Leerheit -- alles aufgelöst -- zerstoben -- ja nur ein Traum war alles ... Seemannslos -- hartes Seemannslos ...“

Er dachte an Renate. Und in einer beinahe eisernen Entschlossenheit sagten seine Gedanken: nein, wenn sie keine Barmherzigkeit und keine Kraft und keine Größe hat, will ich verzichten ...

Summend floß der einwiegende Gesang durch den Raum ... immerfort ...

Und die leichten Schritte bekamen durch ihre Unaufhörlichkeit schon etwas Schreckliches ... wie das rastlose Wandern des Unglücks ...

Der röchelnde Atem des Kindes war schwächer -- er übertönte nicht mehr den leisen Sang ...

Und der Kopf der Mutter neigte sich ein wenig mit beruhigterem Ausdruck -- als wähne sie, dem Kind Schlummer zu ersingen, und sei darüber glücklich.

In Emmich wurde der dringliche Wunsch stark: Wenn doch Papa Gervasius käme. Er hatte gesagt: gegen Abend.

Hin und her ging die Frau und sang.

Und nun schien es dem Mann, der hier auf trübseligem Wachtposten saß, als sei das Kind ganz seltsam stumm und still. --

In jener unerklärlichen Stille, die sich von aller anderen unterscheidet, weil sie sich niemals mehr zur Bewegung umwandeln kann ... Eine Stille, deren unheimliche Art der Verstehende spürt -- die er in einer Aufwallung des Entsetzens ahnt. Emmich erhob sich.

Oben der ausgezerrte Lichtkegel losch fort -- wie ein Aufzucken von etwas Körperlichem war es -- dieser jähe völlige Schatten im Raum ...

Jutta erschrak. Sie hatte den raschen Vorgang nicht gesehen -- spürte nur eine Veränderung ... stand ... sah wie erwachend Emmich an ...

Er trat heran. Sein Mund war ihm trocken vor Aufregung. Ganz zart sagte er: „Wollen wir das Kind nicht hinlegen ...“ Sie ließ es sich fortnehmen ... als sei sie plötzlich wie gelähmt, ganz willenlos ... stand wie träumend -- oder wartend ...

Und sah, mit welcher andächtigen Vorsicht die Männerhände das Kind auf die Kissen legten ... Männerhände verstehen es sonst nicht, weiche, warme Glieder so sicher zu heben und zu tragen ... so hart und schwer sinkt kein weicher, warmer, kleiner Körper in die Kissen.

Mit einem Schritt war sie schon neben ihm.

Zerrte ihn am Arm fort ... Stand und sah mit weit aufgerissenen Augen ... Betrachtete wie irr das Kind. Und fiel mit einem Schrei in die Knie ...

„Sein Kind,“ schrie sie, „sein Kind ... Sein Kind ...“ immerfort. „*Sein Kind.*“ Sie wollte es wieder herauszerren -- es in ihre Arme nehmen ...

„Es schläft!“ sprach Emmich feierlich.

Er legte die Hand über die Augen ...

Eine unaussprechliche Erschütterung ging durch ihn hin ...

Am Boden lag die junge Mutter und weinte ... krampfhafte Zuckungen zitterten durch ihren Körper -- schwer lag ihr Haupt in ihren verschränkten Armen ...

Emmich bückte sich, um sie aufzurichten.

Auf einmal waren helfende Hände da: die treue Martha in Tränenfluten. Und gefaßt und voll stiller Sicherheit der Geheimrat.

Sie trugen Jutta nach nebenan, auf ihr Bett ... Ihre krampfartigen Bewegungen ließen nach ... es schien, als sei sie ohnmächtig.

Aber es schien nur so ... denn plötzlich fuhr sie in die Höhe: „Sein Kind!“ rief sie, „sein Kind.“

Der Geheimrat winkte Emmich, daß er fortgehen solle.

Da war ein Frauenarzt -- da war eine treue Dienerin. --

Er fühlte wohl: das sind die zuständigen Helferhände.

Was sollte seine unerfahrene Männerhand da leisten ...

Er trat noch einmal in das Zimmer nebenan.

Dämmerung erfüllte es, traurig und beredt zugleich.

Ja, nun war die Sonne ganz untergegangen. -- --

Armer Freund --

Vielleicht in diesem selben Augenblick dachte er in stolzer Glückseligkeit an Frau und Kind ... Und ahnte nicht, wie bettelarm diese Stunde ihn gemacht ...

In den Kissen lag der kleine, erkaltende Körper.

Schlaf in Gott, kleiner Engel, sagten seine Gedanken.

Er ging hinaus ...

Da war Licht im Haus ... im Korridor und auf den Treppen brannte es und verkündete, daß der Alltag seine Ordnung beibehalten, und daß man keine besondere Notiz davon nehme, wenn der Tod durchs Haus husche.

Er fürchtete sich vor Begegnungen und vor all den Fragen, die plump und laut und so aufdringlich dem Verhauchen eines letzten Seufzers immer zu folgen pflegen.

Er ging in den Garten.

In Emmichs Ohr lag noch immer der Nachhall jener Worte, die die junge Mutter, einer Besessenen gleich, ausgerufen: „Sein Kind -- sein Kind.“ -- -- Und nur dies -- und immer wieder dies ...

War das Reue?

Wie konnte man diesen Schrei deuten?

„*Sein* Kind ...“

Emmich erinnerte sich an all die bitteren, überreizten Reden, in denen sie gesagt: „*Mein* Kind ...“

„Ich muß es ihn wissen lassen,“ dachte er, „jawohl -- schreiben -- oder depeschieren -- ja, das ... ein Vater muß es doch wissen, wenn sein Kind -- -- daß er nun kein Kind mehr hat ...“

Emmich ging auf die Tanne zu. Die ragte hoch und schwarz in die nächtliche Luft hinein. Ein ganz dünner, warmer Wind stieß leise in ihren Wipfel, so daß ein feines Knistern in den Nadeln rumorte.

Er stutzte. Da saß ja jemand. Eine Frau.

Und sie erkannten einander -- es war mehr ein Spüren und Erraten als ein deutliches Aug’ in Auge.

„Renate!“ sagte er halblaut.

Sie stand zitternd vor ihm.

Sie hätte ihm ja um den Hals fallen mögen und weinen und betteln: „Verzeih’ mir -- --“

Ihr Vater hatte in schwerem Kummer zu ihr gesprochen ... von all den Zweifeln und Sorgen, die ihre Briefe in ihm wachgerufen ...

Nun wollte sie ihm zuschwören: „Ich liebe dich doch! Ich will ja alles auf mich nehmen. Alle Prüfungen, allen Gram -- nur verlaß mich nicht -- niemals will ich dir wieder weh tun -- still in mir stark zu werden suchen -- nur verlaß mich nicht ...“

Aber sie fühlte: das darf ich nicht!

„Ja,“ stotterte sie, „ich bin es ... ich warte auf Papa. Er bleibt so lange ...“

Und sie wußte kaum noch Haltung zu bewahren in dem schmerzlichen Erstaunen, daß er sie nicht in seine Arme nahm ...

Sie hatten sich doch wochenlang nicht gesehen?

War sie denn nicht mehr seine Braut? War alles zu Ende?

„Das Kind ist tot,“ sagte er.

„O mein Gott.“

Nun stand Renate ganz wie versteinert.

„Und -- sie?“ fragte sie endlich.

„Sie -- ja, sie! Nun ist sie wie wahnsinnig -- was morgen kommt -- was die Zukunft bringt -- wer weiß es! Sie hatte ja solche Begierde nach Glück ... Vielleicht wirft sie sich nun einem anderen Mann in die Arme, weil ihr die Ehe mit Malte zu schwer schien -- weil sie keine Opfer bringen konnte -- weil sie gleich müde wurde an ihrer Sehnsucht ...“

„Wie sprichst du bitter,“ sagte Renate leise.

„Wie soll man nicht bitter sprechen, wenn man sieht, wie eine Frau ein Mannesleben zerbrechen möchte, das er ihr gutgläubig in die Hände gab! Das sie mit heißen Schwüren und voll Liebe hinnahm ... Das sie dann nicht zu ehren und zu schonen wußte ... warum? Weil sie es nicht verstand, mit ihrer Sehnsucht fertig zu werden -- weil sie die Gegenwart des Geliebten brauchte, um zu lieben -- armselige Liebe ist das -- besser gar keine als solche.“

Sehr hart sprach er, und Renate fühlte wohl: das war ihr mitgesagt.

Sie schluchzte auf, wollte sich durchaus bezwingen und kämpfte ihre Tränen nieder. Sie hatte auch die Empfindung, sie dürfe, sie müsse sich irgendwie verteidigen, und sie habe diese Härte nicht ganz verdient.

Aber er war von einem blinden Männerstolz und Trotz ganz beherrscht.

„Gottlob,“ sagte er, beinahe triumphierend, „wir sind fest geworden in unserem Beruf. Wir verstehen uns darauf, die Zähne zusammenzubeißen. Jawohl, wetterfest sind wir, ganz und gar. Wir ducken uns nicht, und wenn’s auch zum Untergang zu kommen scheint. Wir sind unser Leben, unsere Kraft, unsere Klarheit höheren Dingen schuldig. Und wenn eine Frau nicht begreift, daß sie daran teilhat, dadurch, daß auch sie Opfer bringen darf -- dann ist sie’s eben nicht wert, die Frau eines deutschen Seeoffiziers zu werden! Das hätte auch Jutta sich sagen sollen. -- Jede soll sich das vorher klarmachen! Aber wir -- wenn wir uns denn schon mal in der Wahl vergriffen -- in Gefühlselend versumpfen wir nicht! Auch Malte ist ein ganzer Kerl. Wenn er all dies erfährt -- es wird ihn treffen -- kann schon sein, daß er’s Lachen für immer verlernt, daß er ein einsamer Mann bleibt für immer -- aber er bleibt *aufrecht* stehen -- Ja, stehen bleiben wir ...“

Dieser stolzen Heftigkeit konnte sie nichts entgegensetzen wie ein leises verschüchtertes Weinen.

Jedes Wort galt auch ihr -- sagte ihr drohend: „Zerbrechen lasse ich mich nicht.“

Er hörte kaum auf ihr Weinen.

Es rührte ihn nicht. Er war wie emporgetragen von einem hochmütigen Rausch -- all die bangen Grübeleien der letzten Wochen -- all die Gemütsbewegung der letzten Stunden hatte sich, für ihn unbeschreiblich wohltätig, in dieser Heftigkeit entladen.

Ob das Wetter irgendwo zu schwer getroffen habe, bedachte er in diesem Moment nicht.

Er war förmlich gesättigt von dem Gefühl, daß er beim Wiedersehen seine männliche Haltung bewahrt hatte, daß er weder weich noch zärtlich geworden war.

Und Renate weinte ...

„Besser jetzt weinen als später,“ dachte er noch.

Mit starken Schritten ging er im Dunkeln auf dem kleinen Platz hin und her.

Er erschrak über einen kurzen Lichtschein, der in der Nähe aufblitzte. Beleuchtet von der kleinen, nach zwei Sekunden schon wieder verlöschenden Flamme eines Streichholzes, zeigte sich mitten in all der Finsternis das Gesicht des Geheimrats, der, ein paar Schritt entfernt, sich eine Zigarette anzündete.

Vielleicht nur, um solcherart sein Herankommen anzuzeigen. Er mochte wohl weder lauschen noch überraschen ...

Emmich trat auf ihn zu. „Wie geht es ihr jetzt?“ fragte er rasch.

„Für den Augenblick ist sie zu kraftlos, um etwas anderes zu tun, als still weinend in ihrem Bett zu liegen. Und was ich fragen wollte ... alles, was hier nun nötig tut -- zu besprechen ist ...?“

„Besorg’ ich, mach’ ich,“ fiel Emmich ihm schon in die Rede.

Der Geheimrat hörte aus dem Dunkel ein leises, unregelmäßiges Schluchzen, wie wenn jemand sich durchaus bemüht, seine Tränen herunterzuschlucken.

Das war seine Tochter. Ach ja -- --

Weil er die beiden nicht Arm in Arm fand, konnte er sich seine Schlüsse machen ...

„Wir wollen in unser Hotel zurückkehren,“ sagte er, „Mama wartet da ... ich hab’ ihr nicht erlaubt, mitzukommen -- alle Frauen haben ein Talent, sich in Erinnerungen hineinzusteigern -- das ist Nervenkraftverschwendung ...“

„Erinnerungen?“

„Nun ja. Wir haben unser Erstes auch so verloren. Als diese da noch nicht lebte.“ Er erfaßte Renate am Arm, schon auf dem Sprung, mit ihr zu gehen. „Das verwischt sich und vergißt sich -- wenn neues, blühendes Leben ins Haus kommt. -- Also gute Nacht, Emmich -- du benachrichtigst mich wohl, wenn ich hier noch gebraucht werde -- gute Nacht -- komm, Renate.“

Sie zögerte noch wenige Augenblicke. „Leb’ wohl, Emmich,“ sagte sie dann leise.

Und er antwortete nur kurz, noch in einem letzten Ausklang seiner Heftigkeit: „Leb’ wohl.“

XI

Die plumpen und lauten Dinge, die Emmich in nervösem Unbehagen gefürchtet hatte, warteten schon auf ihn, als er ins Haus zurücktrat.