Part 37
Eine Kombination von Landschaftsmalerei und geographischem Sehen ist schließlich die letzte der hier wiedergegebenen Eingeborenenzeichnungen; sie ist gleichzeitig ein Stück Heimatskunst, denn Salim Matola hat in ihr die Berge seiner Heimat Massassi zur Darstellung gebracht (S. 87). Mir hat es nie gelingen wollen, die stolze Bergkette im Bilde festzuhalten; hatte ich auf meinen Rundtouren den nötigen Abstand erreicht, so konnte ich darauf wetten, daß die Luft unklar sein und jeden Fernblick verhindern würde; war ich aber im Schatten der Berge selbst, so fehlte der Gesamtüberblick. Salim hat also dem Mangel abgeholfen, und er hat das in nicht einmal übler Weise getan. Freilich, der schwarze Jäger oben auf dem Gipfel des Chironji ist in Anbetracht der reichlich 800 Meter Seehöhe des Berges ebenso unverhältnismäßig groß geraten wie sein Jagdgewehr; auch der Baumwuchs ist in der Größe -- nicht im Charakter -- mißglückt; aber sonst stimmt alles: die Reihenfolge Mkwera, Massassi, Mtandi und Chironji als Riesen; links davon dann Mkomahindo, Kitututu und Nambele als kleines Anhängsel. Gut ist auch die Steilheit der einzelnen Berge wiedergegeben; desgleichen die abgerundete Kuppenform; ja selbst die Struktur des Gneises glaubt man in den Strichen Salims wiederzuerkennen.
Es scheint, daß ich überall die ersten Regen nach mir ziehe: in Newala bereits zu Michaelis, in Nchichira einige Wochen später; hier in Mahuta haben sie zu Ende des Monats Oktober gleich mit ziemlicher Heftigkeit eingesetzt. Zum Glück habe ich vor ihrem Eintreten die Eingeborenen doch noch bis zum Übermaß genießen können. Es sind wahre Volksfeste im kleinen gewesen, die die Makonde auf dem großen, schönen Platz hier im Laufe der Wochen gefeiert haben; ganz zwanglos entwickelten sie sich und boten mir damit auch die Gewähr, etwas Ungekünsteltes, Echtes zu sehen zu bekommen. Mehr als einmal sind auch hier Stelzentänzer mit ihren Riesenschritten, dem starren Maskengesicht und wehenden Kleidern durch die Volksmenge gestapft. Allgemeinen Beifall hat eines Nachmittags eine wohlgelungene Affenmaske geerntet, die das Gebaren unseres differenzierten Vetters wirklich ganz trefflich und naturgetreu nachzuahmen verstand. Der Neger lacht gern, vielleicht weil er weiß, daß diese Reflexbewegung zu seinem prachtvollen Gebiß gut steht; bei den Kapriolen und Purzelbäumen dieses Mimikers waren indessen die dröhnenden Lachsalven sehr wohl begründet. Ein Meister in allerlei Scherz und Kurzweil war ferner ein Volksgenosse, der sozusagen alles konnte; eine mittelgroße, überaus sehnige, muskulöse Figur, war der Mann zunächst ein unübertrefflicher Parterreakrobat, der dreist in einem europäischen Zirkus auftreten könnte; er produzierte sich gleich darauf in gleicher Meisterschaft am schwebenden Reck -- vier starke Männer trugen eine lange Stange, die ihm als Evolutionsachse dienen mußte --; ausgezeichnet war derselbe Mann schließlich als „dummer August“. Der ganzen Rassenveranlagung nach entsprang die Komik dieser Figur aber auch nicht etwa der Physiognomie, sondern trat vorwiegend in Haltung und Bewegung der Beine zutage; im Kino habe ich das alles für die Zukunft festgehalten. Um den Beweis seiner Universalität zu vollenden und lückenlos durchzuführen, trat derselbe Mann im zweiten Teil des Programms als Held in einer Pantomime auf. Es war ein Ehebruchsdrama, der Ehemann ein Tölpel und Dummkopf, die Frau, nach antikem Muster durch ein männliches Individuum dargestellt, eine schlaue Kokette, der Cicisbeo ein aus alle Verführungskünste geeichter Don Juan. Soweit die Grundlagen des Dramas; sie sind, wie man sieht, ganz kosmopolitisch; urecht afrikanisch war dafür die Natürlichkeit und Ungeniertheit, mit der sich alle, aber auch alle Vorgänge des Lebens auf der Bühne abspielten, ganz echt afrikanisch auch der unerschütterliche Ernst, mit dem das sichtlich aufs äußerste interessierte Publikum dem Fortschreiten der Handlung folgte; kein unzeitiges albernes Lachen, kein vorlauter Zwischenruf.
Wer noch immer bezweifeln möchte, daß es mit der Ursprünglichkeit und Unberührtheit des Kulturbesitzes unserer Naturvölker rasch und immer rascher zu Ende geht, dem empfehle ich das Folgende zur Beachtung.
Es ist wiederum ein fröhlich belebter Nachmittag, Tänze, Gesang und Spiel ringsum. Ich habe alle Hände voll zu tun, plötzlich jedoch wird meine Aufmerksamkeit auf eine Gestalt hingelenkt, die eine besondere Tätigkeit für sich verfolgt. Rhythmisch pendeln die Unterarme aufwärts und abwärts, verlängert um halbmeterlange Holzstäbchen, die durch eine gedrehte Bastschnur miteinander verbunden sind. Plötzlich ein jähes Auseinanderspreizen der Arme in ihrer ganzen Länge, ein Hochstrecken des rechten, ein Seitwärtsspreizen des linken, wie eine Bombe saust ein zunächst noch unerkennbares Etwas aus der Luft herunter, wird geschickt auf der Schnur aufgefangen und läuft wie ein geängstigtes Wiesel zwischen den Stabenden hin und her; gleich darauf ist es wieder in den Lüften verschwunden, kehrt reuig zu seinem Herrn zurück, und so fort.
„Ei, das mußt du doch schon irgendwo gesehen haben“, fährt es mir durch den Sinn; ich grüble und grüble, endlich habe ich es: das ist ja nichts anderes als das Diabolo, von dem die deutschen Zeitungen erzählen, daß es in England und andern Ländern des Sports so eifrig betrieben werde! Bei uns im langsam, aber sicher nachhinkenden Deutschland war das Spiel bei meiner Abreise noch unbekannt; ich stelle jedoch die Prognose, daß es dort dereinst zu blühen anfangen wird, wenn die andern Nationen es längst zu dem Alten gelegt haben. Jetzt fällt mir auch ein, in einem Laden der Grimmaischen Straße zu Leipzig einmal ein Bild des Spiels gesehen zu haben; vergleiche ich mit diesem Erinnerungsbilde den vom Neger mit so großer Sicherheit geschleuderten Wurfkörper, so muß ich gestehen, der Mann hat das technische Problem ausgezeichnet gelöst: der schmale, scharfe Keilschnitt in dem Zylindermantel der Holzwalze gibt der Schnur vollkommenen Bewegungsraum, ohne das Gewicht des Ganzen wesentlich zu vermindern. So weit hat mein stets reges technisches Interesse mich ernst erhalten, jetzt aber lächle ich doch unwillkürlich; als Träger der höchsten Kultur das neueste Symbol ebendieser Kultur gerade von einem unbeleckten Wilden im entlegenen afrikanischen Busch kennen lernen zu müssen, ist das nicht ein Treppenwitz der Kulturgeschichte!
Wüßte ich nicht, daß der Regen die einzige Ursache für das immer spärlichere Erscheinen der Eingeborenen ist, so hätte ich auch hier allen Anlaß, mich wieder für einen mächtigen Zauberer zu halten; so aber sagen die Leute selbst, daß es nunmehr an der Zeit sei, an ihre Felder zu denken. Ehrlich gestanden, ist die daraus erwachsende Muße mir durchaus nicht unlieb, ich bin wirklich satt, übersatt sogar und habe schon mehrfach an mir beobachtet, daß ich an den fesselndsten Erscheinungen des Volkslebens mit Gleichgültigkeit vorübergegangen bin. Die menschliche Aufnahmefähigkeit ist nun einmal nicht unbegrenzt, und wenn man so viel an neuen Eindrücken auf sich hat einstürmen lassen müssen wie ich, versagt sie schließlich einmal völlig.
Nur Ningachi und seine Schule fesseln mich immer wieder von neuem. Unsere Barasa ist auf der Südseite der Boma, von Osten her gerechnet, das zweite Haus. Im ersten hausen angeblich ein paar Baharia, in Wirklichkeit scheint es ein großer Harem zu sein, denn fast ohne Unterlaß hört man ein vielstimmiges Kichern und Schwatzen weiblicher Stimmen; im dritten Haus wohnt Seine Exzellenz der Staatssekretär des Vizekönigs, nämlich der amtlich bestellte Schreiber des Wali. Er ist ein Suaheli aus Daressalam und ein Busenfreund von Moritz obendrein, aber diese Freundschaft mit der Säule meiner ruhelosen Wanderwirtschaft hat es durchaus nicht verhindert, daß ich dem Burschen jüngst die Ohren sehr lang gezogen habe. Keine Nacht hatte ich ordentlich schlafen können, denn von irgendwo, aber ganz nahe, ertönte unausgesetzt ein jämmerliches Kindergeschrei. Bald habe ich es herausgehabt und habe Vater, Mutter und Sohn in meine Sprechstunde zitiert: Vater und Mutter kerngesund und speckfett, das Kind reichlich ein Jahr, ebenfalls kugelrund, doch wund und angefressen infolge ärgster Verwahrlosung von der Zehe bis zum Auge. Und der Mann kann lesen und schreiben, er ist also ein vollwichtiger Vertreter der Kulturwelt im Sinne der Statistik und schaut mit abgrundtiefer Verachtung auf jeden herab, der nicht wie er im weißen Hemd und mit gestickter Mütze einherfaulenzt.
Doch nun das vierte Haus. Verständnislos sehe ich am ersten Tage nach unserer Ankunft um 6½ Uhr morgens eine Schar von sechs bis acht halbwüchsigen Knaben sich vor ihm versammeln. „Die wollen spielen“, denke ich noch so, da treten sie auch schon der Größe nach hintereinander an, ein Erwachsener im weißen Hemd tritt zu ihnen, macht ein Zeichen, und im Gänsemarsch verschwinden alle unter dem niedrigen Strohdach. Unmittelbar darauf erfolgt etwas, was für Afrika an sich nicht gerade merkwürdig ist, mich aber aus mir noch unerklärlichen Gründen veranlaßt, langsam näherzutreten: eine tiefe Solostimme spricht etwas vor, im hohen Diskant antwortet der Chor. Unbewußt bin ich auf wenige Schritte an das Haus herangerückt: „Herrgott, das sind ja deutsche Laute!“ „Und das ist ains“, hebt es gerade von vorne an; „und das ist ains“, ertönt es klar und hell zurück. „Und das ist swai“ -- „und das ist swai“; „und das ist drai“ -- „und das ist drai.“ Sehr geistvoll mag mein Gesicht in diesem Augenblick sicherlich nicht gewesen sein: die Askari exerzieren deutsch, Lehrer und Jugend sprechen deutsch -- wir müssen doch wohl ein tüchtiges Volk von Kolonisatoren sein.
Ich bin an jenem denkwürdigen Morgen aus begreiflicher Diskretion nicht näher herangetreten. Seitdem weiß ich aus vielmorgiger eigener Erfahrung, daß Ningachi sich nicht nur auf die Zahlenreihe allein beschränkt, sondern daß er keck und kühn sogar subtrahiert und addiert. Aber der Eindruck, daß diese Unterrichtsmethode bei Lehrer und Schülern in gleicher Weise die reinste Dressur und Abrichtung ist, hat sich bei mir von Tag zu Tag nur bestärkt. Zunächst liegt Ningachis Zahlengrenze bereits bei der Zahl 31 -- Ningachi spricht das wie ein Halberstädter ganz breit ainunddraißig --, sodann aber sind seine Zöglinge sofort in Verlegenheit, sobald sie in der langen Zahlenreihe, die der Herr Lehrer säuberlich an die große Wandtafel geschrieben hat, eine Ziffer außer der Reihe und selbständig heraussuchen sollen. Und nun die Exempel erst! „Swai weniger acht ist sechs“ ist noch ein harmloser Fehler. Ningachi fühlt sich denn auch nicht weniger als behaglich bei diesem Lehrprogramm, aber er habe es in der Regierungsschule von Mikindani einmal so gelernt und müsse nun auch so unterrichten. Es hat den ehrlichen Burschen nur wenig getröstet, als ich ihm sagte, es gebe auch anderswo Dressieranstalten.
Mit der Aufnahme des Kimakonde bin ich in geradezu erstaunlich kurzer Zeit fertig geworden. Wie ein ~Deus ex machina~ erschien plötzlich die Perle Sefu von Newala; im Bunde mit ihm und Ningachi habe ich mich dann in sieben allerdings sehr strammen Tagewerken davon überzeugen können, daß das Kimakonde sich aufs engste den benachbarten Idiomen anschließt und daß lediglich das Fehlen des „S“ der Anlaß gewesen sein mag, wenn andere Autoren es oftmals als vom Kisuaheli und Kiyao sehr abweichend bezeichnet haben. Dieses Fehlen des S aber, davon bin ich fest überzeugt, hängt aufs innigste mit dem Tragen des Lippenpflocks in der Oberlippe zusammen; jeder von uns hat wohl schon einmal eine dickgeschwollene Lippe gehabt, hat er da irgendwelche Laute der S-Gruppe hervorbringen können? Allerdings setzt diese Theorie voraus, daß dann auch die Männer ursprünglich dieselbe Lippenzier besessen haben müssen. Aber warum soll das nicht der Fall gewesen sein? Die Maviamänner sollen sie ja noch heute tragen; die Mavia aber gelten als die engsten Verwandten der Makonde.
Nur mit dem Kimuera habe ich kein Glück gehabt. Den Plan, in das Gebiet jenes Stammes noch einmal zu längerem Aufenthalt zurückzukehren, habe ich zu keiner Zeit aus den Augen verloren. Jetzt kommt der Wali, es kommen Sefu und andere einsichtige Männer vom Plateau und sagen mir:
„Zu den Wamuera, Herr, kannst du unter keinen Umständen; siehe, diese Leute haben mit den Deutschen Krieg gemacht, sie haben dann während der ganzen Bestellzeit im Busch gesessen und haben nichts säen können; das wenige, was sie verborgen hatten, ist längst aufgegessen, und nun haben sie gar nichts mehr; alle leiden schrecklichen Hunger und viele sterben.“
Ich habe daraufhin die Möglichkeit erwogen, mit hier aufgekauften Vorräten aufs Rondoplateau zu ziehen, doch auch davon hat man mir sehr ernstlich abgeraten; die Leute würden sich in ihrer Verzweiflung auf uns stürzen und um das Getreide mit uns kämpfen. Nun, wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, habe ich mir schließlich gesagt, dann muß Mohammed zum Berge gehen; wenige Tage später erschienen, von ein paar Eilboten geholt, die angeblich gelehrtesten aller Wamuera. Zwei ältere Männer waren es, aber wie sahen sie aus! Zum Skelett abgemagert, ohne eine Spur von Waden oder sonstiger Muskulatur, die Wangen und Augen eingefallen, kurz, die wandelnden Sinnbilder jener furchtbaren Hungersnot. Geduldig haben wir die beiden erst ein wenig aufgefüttert; sie schlangen so erhebliche Quantitäten hinunter, daß ihr Magen wie eine dicke Kegelkugel aus dem Leibe hervorragte; endlich schienen sie „vernehmungsfähig“.
Trotz ihrer gerühmten Weisheit ist aus Machigo und Machunja nicht viel herauszuholen gewesen: ein paar Dutzend Sippennamen, eine längere Reihe einfachster Wortbegriffe, das war alles. Jeder Versuch, Verbalformen oder irgendwelche Geheimnisse der Syntax mit ihrer Hilfe festzulegen, schlug gänzlich fehl. Nicht mangelnde Intelligenz mag die Ursache sein, sondern fehlende Schulung des Geistes; wollte jemand mit Hilfe eines Ochsenknechts den Bau der deutschen Sprache ergründen, ihm würde es nicht anders ergehen als mir. Ohne Groll, im Gegenteil, sogar reich beschenkt, habe ich die beiden Greise nach kurzer Zeit entlassen; im Bewußtsein ihres so unvermutet erworbenen Reichtums sind sie nicht schlecht ausgeschritten, als sie den Weg nach Norden einschlugen.
Mit dem Abmarsch der beiden mageren Kimueraprofessoren bin ich im Grunde genommen auch meine letzte wissenschaftliche Sorge los geworden, und das ist gut so, ich bin wirklich übersatt. Was habe ich auch in den verflossenen Monaten alles geschafft! Die mehr als 1200 photographischen Aufnahmen wird der dieser Kunst Fernstehende kaum rechnen wollen, photographieren ist ja doch ein Vergnügen; nur der Kenner weiß, welch eine Unsumme von Arbeit und Aufregung mit einer solchen Riesenzahl in Wirklichkeit verknüpft ist. Und zudem gerade hier. Auf einige Schwierigkeiten habe ich früher bereits hingewiesen; sie sind im Laufe der Zeit immer größer geworden, denn immer mehr ist die Sonne an unseren Breitenkreis herangerückt, und ganz fabelhafte Lichtmassen sind es, die sie von 8 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags vom Firmament herniedersendet. Ich habe über alle Wetter- und Lichtumstände in meinem Negativregister stets ganz genau Buch geführt, aber gleichwohl bin ich von Mißerfolgen nicht verschont geblieben, so schwer beurteilbar ist die Intensität des Tropenlichts. Mit Freude und Genugtuung stellt man abends beim Probeentwickeln fest, daß man heute Glück gehabt hat, alles ist richtig exponiert; am nächsten Tage ist das Wetter genau so, folglich nimmt man dieselben Blenden, dieselbe Expositionszeit; aber siehe da, am Abend zeigt sich alles zu kurz oder zu lang belichtet. Fröhlicher wird man nicht dadurch. Und dann die immer wiederkehrende Sorge um den Hintergrund; Isolarplatten habe ich leider gar nicht mit; zu einem Teil ersetzt diesen Mangel ein ungeheures Persenning, ein Segeltuch, das ich ursprünglich zum Bedecken meiner Lasten während der Nacht mitgenommen habe. Diesem Zweck hat es nie gedient; schon in Massassi haben wir es zwischen zwei lange Bambusstangen geknüpft und auf einer Seite mit ein paar Bahnen Sanda überzogen, und seitdem dient es mir bei allen Aufnahmen unter hohem Sonnenstande als Rückendeckung gegen starkbelichteten Hintergrund. Und wenn es gar nicht anders geht, dann halten meine starken Männer den Rahmen auch einmal schützend über das Objekt, falls es gilt, in senkrechter Mittagssonne etwas ganz Bemerkenswertes auf die Platte zu bannen.
Zu den Platten treten die Phonographenwalzen. Die abnormen Wärmeverhältnisse der tiefer gelegenen Gegenden haben mich mancher guten Gelegenheit zu wertvollen Aufnahmen beraubt, aber das muß man mit philosophischer Würde zu tragen wissen. Ich kann das um so mehr, als ich von meinen fünf Dutzend Walzen trotz jener Übelstände nur noch wenige zur Verfügung habe, und auch für die weiß ich eine wundervolle Verwendung: schon morgen werden sie mit den schönsten Wanyamwesiweisen bedeckt sein. Gefaßt trage ich auch mein Kinoschicksal. In bezug auf diese modernste ethnographische Forschungsmethode bin ich Pionier; ich muß alle Unvollkommenheiten einer erst im Werden begriffenen Industrie ausbaden, desgleichen auch alle Gefahren der Tropen für die Gelatinefilms in Kauf nehmen. Nun stimmt es mich zwar nicht heiter, wenn Ernemann mir aus Dresden schreibt, auch die letzte Filmsendung sei wieder schlecht, doch ärgere ich mich nicht mehr, seitdem jener verhängnisvolle Fall meines 9 × 12-Apparates mir das fürchterliche Fieber eingetragen hat. Durch eigene Probeentwicklung weiß ich zudem, daß von meinen 38 kinematographischen Aufnahmen immerhin noch gegen zwei Drittel brauchbar oder sogar gut ausgefallen sein muß; das ist für den Anfang gerade genügend. Mehr als 20 solcher unvergänglichen Dokumente eines rasch verschwindenden Volkslebens -- ich gratuliere mir selbst.
Indes mein Hauptstolz gründet sich auf die Fülle und noch mehr auf den Inhalt meiner ethnologischen Aufzeichnungen. Als Fremder im Lande und in einer so kurzen Zeit habe ich selbstverständlich bei weitem nicht alle Gebiete des Eingeborenenlebens ins Auge zu fassen vermocht, doch habe ich ihrer eine ganze Reihe zum Gegenstand eines eindringlichen Studiums gemacht. Und dann mein guter Stern in bezug auf das Unyago; die Aufhellung dieser Mysterien allein hätte die Reise vollauf gelohnt.
Auch meine soziologischen Ergebnisse gereichen mir selbst zu hoher Freude; für unsere Kenntnis des ostafrikanischen Negers werden sie gleichzeitig ein sicherlich nicht ganz wertloser Beitrag sein.
Zum Schluß die ethnographische Sammlung. Im Kongobecken und in Westafrika hätte ich in einer gleich langen Expedition ohne jede Schwierigkeit vermutlich eine kleine Schiffsladung zusammenzutragen vermocht, hier im Osten stellt eine Sammlung von noch nicht 2000 Nummern bereits den Inbegriff des Kulturbesitzes einer ganzen Völkerprovinz dar. Freilich, die Stückzahl hätte sich mühelos noch vergrößern lassen, die Zahl der Besitzkategorien kaum, so gründlich habe ich die Negerdörfer abgesucht und die einzelnen Hütten durchstöbert; der Ostafrikaner ist nun einmal ein armer Mann.
Doch was frommt das Grübeln über Erreichtes und Unerreichbares! Siehe, wie schön die Sonne lacht, wie frisch der nahe Wald nach dem Regen grünt und wie malerisch die Gruppe jener Askari sich dort von der Palisadenwand abhebt!
„Wie, das sind Askari, deutsche Krieger, diese Gestalten mit dem schlecht gewundenen Turban um das Haupt und dem lächerlichen Nachthemd am Leib?“
Auch ich habe mich höchlich über die Metamorphose gewundert, die unser schwarzer Krieger im Laufe des Tages mit sich vornimmt. Auf dem Exerzierplatz schneidig und stramm -- dem Neger ist der Drill ein Spiel, er nennt ihn ganz wie wir „Soldatenspielen“ --, ist er am Nachmittag das gerade Gegenteil, wenigstens nach unseren deutschen Begriffen. O, macht er sich’s da bequem! Zweierlei Tuch zieht auch in Afrika; wohin es kommt, da stehen seinem Träger sofort die besten Bettstellen zur Verfügung. Auf ihnen räkelt sich der brave Lumbwula stundenlang herum, daß die Kitanda nur so kracht; kein Glied rührt der Faule; er hat es auch nicht nötig, denn sein Boy sorgt für ihn, wie er es sich gar nicht besser wünschen kann; sogar das Gewehr nimmt er dem müden Herrn aus der Hand, wenn Hemedi Marangas klares Organ endlich, endlich das langersehnte Kommando: „Wegtreten!“ herausgeschmettert hat. Doch nun will es Abend werden, da wird es Zeit, sich den Schönen des Landes zu zeigen. So hübsch wie in Lindi sind die Mädchen nicht, die weißen Holzstücke in der Lippe sind gar nicht so nett wie das zierliche Chipini im Näschen seiner Valide daheim; aber was tut’s: „Andere Städtchen, andere Mädchen.“ Merkwürdig rasch ist die Toilette vollendet; der Turban sitzt freilich nicht so, wie es der Würde seines Herrn entspricht, aber Hassani, der Boy, ist noch gar zu ungeschickt. Es schadet auch weiter nichts, das Kansu macht alles wieder wett; ganz neu ist es noch und auch ganz anders als die Gewänder der albernen Suaheli; deren Hemd ist zwar bestickt, aber ist auch nur eins von ihnen mit einem so schön verlängerten Hinterteil versehen wie seines? Und nun drüben der Nubier Achmed Mohammed gar: er hat nicht einmal ein Beinkleid; sein Hemd ist hinten auch hübsch lang, aber es muß schmutzig und zerrissen sein, denn der Mann trägt sogar beim Spazierengehen seine Khakijacke. Na, überhaupt diese Nubier; sie sind doch ganz andere Menschen als wir Wakhutu, immer ernst und gar nicht so vergnügt.
Meine Entlastung von allen Sorgen und Nöten der Arbeit tut physiologisch wahre Wunder: wie ein Bär schlafe ich in meinem Bett, schlage bei Tisch eine gewaltige Klinge und nehme an Umfang von Tag zu Tag fast merkbar zu. Es geht uns auch seit einiger Zeit wieder gut; der ersten Porterkiste ist eine zweite gefolgt, und mit ihr sind auch noch andere Herrlichkeiten aus Lindi heraufgekommen: echte, unverfälschte Milch aus dem gesegneten Lande Mecklenburg, frischer Pumpernickel, Kartoffeln neuester Ernte aus Britisch-Ostafrika, Fleisch und Fruchtkonserven in Fülle. Ei, da lebt es sich ~bene~, vergessen sind die mageren Wochen von Newala, in nebelgrauer Ferne verschwindet das nicht viel üppigere Chingulungulu. Und nun gar die Abende! Ein gütiges Geschick will es, daß ich wohl noch Platten, aber keinen Entwickler und kein Fixiersalz mehr habe. So kann ich noch nach Herzenslust photographieren, bin aber des grausamen Entwicklungsprozesses im Zelt überhoben. Omari hat zum abendlichen Tisch ein nach neuer Methode geröstetes Huhn geliefert; es nimmt sich auf der Schüssel kurios aus; ganz breit auseinandergebogen liegen die beiden Körperhälften da, aber sie duften kräftig, sehen knusprig aus und schmecken prächtig. Es ist der Urröstprozeß der werdenden Menschheit, den der Mann aus Bondei hier aufgefrischt hat: ein einfaches Halten des Fleisches über das Feuer, bis es dem Gaumen genießbar erscheint. Nur eine einzige Neuerung hat das alte Verfahren über sich ergehen lassen müssen: Omari hat den Tierleib erst mit Salz und Pfeffer eingerieben; das ist kulturgeschichtlich nicht stilgerecht, doch die Freveltat soll dem Koch verziehen werden, denn diese Zutat verleiht dem Braten erst die rechte Würze.