Part 26
Weit und breit haben wir die Umgegend durchschweift, seitdem wir in Newala hausen; zunächst alter Gewohnheit gemäß, sodann aber, weil der Akide Sefu mit der Zusammenstellung seines Gelehrtenkollegiums durchaus nicht so rasch fertig geworden ist, wie er sich zuerst anheischig gemacht hatte. Aber das schadet weiter nicht, denn auch bloß von außen gesehen, sind Land und Leute interessant genug.
Das Makondeplateau gleicht einer großen, rechtwinkligen, an den Ecken abgerundeten Tafel; es ist, vom Indischen Ozean bis Newala gemessen, etwa 120 Kilometer lang und im Mittel zwischen dem Lukuledi und dem Rovuma gegen 80 Kilometer breit; es umfaßt also gegen zwei Drittel der Fläche des Königreichs Sachsen. Nun ist diese Fläche nicht horizontal, sondern von ihrem Südwestrande flach, aber ganz gleichmäßig gegen den Ozean hin geneigt. Von der Schwelle, auf der Newala liegt, kann man viele Meilen über den Makondebusch nach Osten und Nordosten schauen, ohne einem Hindernis zu begegnen; es ist ein grünes Meer, aus dem nur hie und da dichte Rauchwolken in langer Erstreckung emporwirbeln und -wallen, zum Zeichen dafür, daß auch hier Menschen wohnen und daß sie ihre Feldkultur ganz nach der Weise so vieler anderer Naturvölker vorwaltend auf die Verbrennung des niedergeschlagenen Holzbestandes gründen. Dessen Asche ist zugleich die einzige Düngung. Selbst am strahlend hellen Tropentag ist so ein Brand ein großartiges Schauspiel.
Ungleich weniger wirkungsvoll ist der Eindruck, den gegenwärtig die große Ebene vom Plateaurand aus erweckt. Sooft es mir meine Zeit gestattet, unternehme ich den kleinen Ausflug an diesen Rand, bald hierhin, bald dahin, stets in der stillen Hoffnung, endlich einmal eine klare Luft mit weiter Aussicht vorzufinden; immer aber vergebens: wohin man dort unten schaut, allerorten steigen Rauchwolken hoch, der lebhafteste Beweis für die unausgesetzte Tätigkeit des Waldbrennens; rauchig und dunstig ist auch die ganze Luft. Schade drum, das Panorama von hier bis weit hinten an die Madjedjeberge muß unter günstigeren Umständen wirklich großartig sein. Jetzt haben photographische Aufnahmen eigentlich kaum einen Zweck, die Profilzeichnung aber gibt nur einen sehr schwachen Begriff der ganzen Szenerie.
Bei einem dieser Ausflüge habe ich mich absichtlich selbst einmal am Makondebusch versucht. Der Plateaurand von heute ist das Ergebnis einer ungeheuer tiefgreifenden Zerstörung durch Erosion und Abrutschung; überall greifen kurze, aber Hunderte von Metern tiefe Täler in die Makondeschichten ein. Eine Folge des lockeren Gefüges dieser Formation ist es, daß nicht nur die Seitenwände dieser Täler fast senkrecht abstürzen, sondern daß die Täler auch mit einer ebenso steilen Rückwand enden; dergestalt ist der Westrand des Makondeplateaus von lauter Talkesseln umsäumt. Um von einer Seite eines solchen Kessels auf die andere zu gelangen, habe ich mich eines Tages mit einem Dutzend meiner Leute durch den Busch geschlagen. Es war eine sehr lichte Stelle, mit mehr Gras als Buschwuchs; aber welche Mühe hat dieser Weg von ein paar hundert Metern gekostet, und wie sahen wir alle nachher aus! Die dünnen Kattunstoffe meiner Leute in Fetzen, sie selbst aus hundert kleinen Wunden blutend; sogar unsere derben Khakistoffe hatten den Dornen dieser Vegetationsformation nicht standgehalten.
Meine seit langem gehegte Ansicht über die Entstehung dieses Makondebusches hat sich immer mehr befestigt: er ist ohne Zweifel kein Naturprodukt, sondern erst die Folge der menschlichen Kultur. Wohin der Mensch hier oben auf dem Hochland noch nicht mit Hacke und Axt gedrungen ist -- ein halbwegs geübtes Auge sieht dies ohne weiteres --, da steht auch heute noch ein wirklicher, wunderschöner Hochwald, der den Vergleich mit unserem deutschen Mischwald sehr wohl aufzunehmen vermag. Wo der Mensch aber jemals seine Hütte gebaut und sein Feld beackert hat, da entsteht hinterher dieser gräßliche Busch. Geht man auch nur ein paar Stunden irgendwo auf dem Hochland die Barrabarra entlang, so hat man vollauf Gelegenheit, diese Metamorphose in jeder Phase ihrer Entwicklung zu verfolgen. Seitwärts tönt hallender Axthieb herüber, nicht bloß von einer Stelle, sondern über einen ganzen Komplex verteilt. Wenige Schritte weiter sieht der Wanderer, was vorgeht; wohl meterhoch und höher liegt das niedergeschlagene Unterholz geschichtet; zwischen ihm aber ragen als letzte Säulen alter Pracht die Stämme des Hochwaldes. Doch auch sie gewähren ein Bild des Jammers; der böse Makonde hat sie geringelt, d. h. er hat sie ringsherum in breitem Bande der Rinde beraubt, so daß sie dem Absterben verfallen sind; zudem hat er noch eine Reisigpyramide um sie aufgebaut. Unverdrossen hacken Vater und Sohn, Mutter und Schwiegersohn im Hintergrunde weiter; kaum daß das sonst so neugierige Volk nach dem weißen Fremdling aufschaut. Und kommt dieser Fremdling eine Woche später desselben Weges gezogen, verschwunden ist das Reisig, verschwunden sind die Pyramiden; eine dicke Aschenschicht lagert, wo vor kurzem noch grünender Wald sich breitete. Die starken Bäume aber recken ihre noch immer glimmenden, schwelenden Stämme und Äste in stummer Anklage zum Himmel, oder aber sie sind bereits niedergebrochen, mehr oder minder zu Asche verglüht und zeichnen sich dann als weißer Streifen auf dunklem Grunde ab.
Das ist der Zerstörungsprozeß, den der Makonde in gleicher Weise am jungfräulichen Urwalde wie auch an den Stellen seines Heimatlandes vornimmt, wo er vor Jahren schon einmal geackert hat, nur daß er im letztern Fall des Verbrennens der großen Bäume überhoben ist. Diese gibt es in der sekundären Buschformation nicht mehr.
In das gebrannte und mit der Hacke gelockerte Stück Waldland sät der Eingeborene sein Getreide, pflanzt er sein Gemüse. Im ganzen Lande hat er Beetkultur. Diese erfordert eine sorgsame Pflege, die ihr der Neger auch zuteil werden läßt; Unkraut wird im Süden Deutsch-Ostafrikas nicht geduldet. Mißernten kommen wohl im trockneren Tiefland vor, auf dem niederschlagreicheren, allmorgendlich taufeuchten Hochland sind sie ganz unbekannt. Dessen glückliche Bewohner sind sogar in der angenehmen Lage, die sonst so stolzen Yao und Makua von unten bei sich als Diener und Knechte zu sehen. Hunger tut weh, und so ziehen es die Angehörigen jener beiden Völkerschaften vor, einmal eine Zeitlang da den Diener zu spielen, wo sie sonst zu herrschen gewohnt sind.
Jedoch der leichte sandige Boden ist bald erschöpft, er würde bei einer nochmaligen Bestellung keine Ernte mehr ergeben. Dies weiß der Eingeborene seit Jahrtausenden; längst hat er vorgearbeitet und den Komplex nebenan mit Axt und Feuerbrand urbar gemacht. Auf ihn siedelt er nunmehr mit seinen mannigfachen Kulturen über; das alte Feld wird zur Brache. Doch nur ganz kurze Zeit liegt es wüst und greulich anzusehen da, dann kommt Allmutter Natur und nimmt ihr mißhandeltes Kind liebevoll in ihre Obhut; tausendfältig sprießt es allerorten aus dem ausgesogenen Boden hervor, selbst die alten Baumstrünke schlagen von neuem aus. Im nächsten Jahr ist der Neuwuchs bereits mehr als kniehoch; rasch wuchert er in die Höhe; nach wenigen Jahren schon ist er jener undurchdringliche, schreckliche Busch, der erst wieder fällt, wenn der schwarze Herr des Landes seinen Turnus beendigt hat und an die alte Stelle zurückkehrt.
Mit diesem Busch sind die Makonde mit Leib und Seele verwachsen, ja nach meinen Yaogewährsleuten bedeutet sogar ihr Name nichts anderes als Buschvolk. Nach ihrer eigenen Tradition sitzen die Makonde zwar schon seit langen, langen Zeiten hier oben, aber zu meiner Überraschung legten sie doch eine sehr starke Betonung auf eine ursprüngliche Einwanderung. Diese sei von Südosten, von der Rovumamündung und von Mikindani her erfolgt; der Anlaß dazu sei die ewige Beunruhigung ihrer friedlichen Vorfahren durch die kriegerischen Schirasi der Küste und die fortgesetzten Raubzüge der Sakalaven von Madagaskar herüber gewesen; vor diesen hätten sich die Ur-Makonde auf das unzugängliche Plateau zurückgezogen. Ich bin in der Völkerkunde Afrikas auf Grund einer 20jährigen Beschäftigung mit ihr sehr wohl bewandert, aber daß Bevölkerungsvorgänge in diesem so friedlich und ruhig erscheinenden Erdteile sogar durch von außen kommende Hochsee-Unternehmungen bedingt und veranlaßt worden seien, war mir doch im ersten Augenblick etwas vollkommen Neues. Es wird indessen schon seine Richtigkeit haben. Warum jedoch die Makonde gerade im dicksten Busch und weit vom Plateaurand ab wohnen müssen, und warum sie nicht an die rieselnden Quellen der Niederung selbst zu dauerndem Wohnsitz herniedersteigen dürfen, das lehrt aufs klarste ihre wunderhübsche Stammessage. Auch noch manch anderes Lehrreiche steht darin.
„Die Geburtslandschaft des Stammes, mit Namen Mahuta, ist auf der Südseite des Plateaus zum Rovuma hin gelegen; dort aber stand nur dichter Busch. Aus diesem Busch hervor ging ein Mensch, der sich niemals wusch und schor, der nur wenig aß und trank. Der ging aus und machte ein Menschenbildnis aus dem Holze eines Savannenbaumes, nahm es mit sich in seine Buschwohnung und stellte es dort aufrecht hin. Während der Nacht erwachte das Bildnis zum Leben, und es war ein Weib. Daraufhin gingen sie zusammen hinunter zu den Wassern des Rovuma, um sich zu waschen. Hier gebar das Weib ein Kind, welches jedoch nicht lebend zur Welt kam. Sie verließen das Land und zogen über die Hochländer bis in das Tal des Mbemkuru, wo sie sich niederließen. Dort gebar das Weib abermals ein Kind, das wiederum tot zur Welt kam. Daraufhin kehrten sie in die hochgelegene Buschlandschaft Mahuta zurück, und dort wurde das dritte Kind geboren, welches nach der Geburt am Leben und gesund blieb. Mit der Zeit zeugten sie noch viele, viele Kinder und hießen sich Wamatanda. Diese bildeten die Stammfamilie der Makonde, auch Wamakonde genannt, d. h. Urbewohner. Der Stammvater, der Buschmensch, aber gab seinen Kindern das Gesetz, daß sie ihre Toten aufrecht begraben sollen zum Andenken an die erste Mutter, die aus Holz geschnitzt und aufrecht stehend zum Leben erwacht sei; ferner warnte er seine Kinder, in die Täler und an die großen Wässer zu ziehen, denn dort wohne die Krankheit und der Tod. Als Regel solle gelten, daß mindestens eine Stunde Weges sei von der Hütte bis zum Wasserplatze; dann würden ihre Kinder gedeihen und von Krankheiten verschont bleiben.“
Die Erklärung des Namens Makonde lautet bei meinen Gewährsleuten etwas anders als bei Pater Adams, dessen kleinem, aber inhaltreichem Büchlein: „Lindi und sein Hinterland“ ich diese Stammessage der Makonde entnehme. Aber sonst stimmt mein Befund genau mit dem sachlichen Inhalt dieser Stammessage überein. Waschen? ~Hapana~, gibt es nicht. Wozu auch? Zudem ist das Wasser spärlich und reicht kaum zum Kochen und Trinken; von den anderen tut es ja auch keiner; warum soll also gerade ich so unangenehm auffallen? Scheren aber ist bei dem kurzen, krauswolligen Haarwuchs kaum vonnöten; also auch dieser Vorschrift des Urahnen ist leicht zu folgen. Damit aber hört das, was uns lächerlich dünkt, auf. Von einer Reihe hiesiger Künstler habe ich eine ziemlich große Anzahl stattlicher, 40 bis 60 Zentimeter hoher Holzskulpturen erworben, die allesamt Frauen aus der großen Völkergruppe der Mavia, Makonde und Wamatambwe darstellen; die Figuren sind merkwürdig gut gearbeitet und geben den Frauentypus vortrefflich wieder, vor allem auch die später noch zu schildernde Verschönerung des Körpers mit Ziernarben. Über Zweck und Bedeutung ihrer Werke befragt, wußten die Künstler nichts Plausibles anzugeben, oder aber, was ich heute für wahrscheinlicher halte, sie wollten nicht. Also:
Was man sich nicht erklären kann, Das sieht man als ’nen Fetisch an.
Ehrlich gestanden, ich habe diesen ins Ethnographische variierten alten Vers beim Empfang jener Figuren laut in den sonnendurchglühten Tropentag hinausgesprochen, aber ich habe wohlweislich nicht danach gehandelt. Einstweilen mußte ich mich mit der kargen Angabe eines der Künstler begnügen, die Figuren gäben lediglich das „~nembo~“ wieder, die Körperverunstaltung durch Lippen- und Ohrscheiben und Ziernarben. Mit der Adamsschen Sage jedoch rücken diese Figuren ohne weiteres in ein anderes Licht, sie sind doch mehr als zwecklose Kostümpuppen, ja man darf dreist annehmen, daß sie, wenn auch der Mehrzahl der heutigen Makonde unbewußt, Darstellungen jener Urmutter sind. Diesmal wäre der alte Vers also doch angebracht gewesen, denn die Urmutter gehört ebenso in den Kreis des hiesigen Eingeborenenkultus wie die Ahnen überhaupt.
Auf die Vorgeschichte des Volkes bezieht sich in der Stammessage unzweifelhaft zunächst der Hinweis auf den Abstieg von Mahuta hinunter zu den Wassern des Rovuma, sodann der andere auf die Wanderung über die Hochländer bis in das Tal des Mbemkuru; beide Wanderungen des Urelternpaares bedeuten in Wirklichkeit wohl Wanderungen des Volkes selbst. Der Abstieg in das nahe, an seinen Rändern außerordentlich fruchtbare und wildreiche Rovumatal ist ohne weiteres verständlich; doch auch das Überschreiten der Lukuledisenke, der Aufstieg zum Rondoplateau und der erneute Abstieg zum Mbemkuru liegen durchaus innerhalb des Bereichs der Wahrscheinlichkeit, denn alle diese Gebiete weisen genau dieselben Naturbedingungen auf wie der äußerste Süden.
Nun kommt aber etwas gerade für unser „bakterielles“ Zeitalter höchst Interessantes. Die Ur-Makonde sind in den sumpfigen Flußniederungen ihres Lebens nicht froh geworden, Krankheiten waren bei ihnen an der Tagesordnung, und viele starben; erst nachdem sie wieder nach Mahuta in die Heimat zurückgekehrt waren, besserte sich der Gesundheitszustand des Volkes. Wir sehen im Neger gern und mit Vorliebe den naturfremden und naturfürchtigen Dümmling, dem alles Ungemach von bösen Geistern und Naturgewalten herrührt. Viel richtiger wird es sein, hier anzunehmen, daß die Leute malariadurchseuchte und malariafreie Gebiete sehr bald haben unterscheiden lernen. Diese Erkenntnis schlägt sich dann nieder in der Warnung des Urvaters, nicht wieder in die Täler und an die großen Wässer zu ziehen, denn dort wohne die Krankheit und der Tod. Um aber auch gleichzeitig vor den bösen Mavia auf der Südseite des Rovuma gesichert zu sein, wird noch bestimmt, daß jede Siedelung um einen Minimalabstand von jenem Steilrand abliegen solle. So wohnen sie heute noch.
Sie wohnen so auch ganz gut, jedenfalls besser und geschützter als die Makua, die modernen Eindringlinge des Südens, die hier auf dem Westrande des Plateaus in ziemlich breiter Zone Fuß gefaßt haben. Von der Stattlichkeit der Yaohäuser unten in der Ebene und besonders in Massassi, Susa und Chingulungulu hat weder die Behausung der Makua, noch die der Makonde etwas an sich. Jumbe Chauro, ein an der Barrabarra nach Mahuta unweit Newala gelegener Makondeweiler, ist von allen mir bisher bekannten Siedelungen des Stammes noch der bei weitem stattlichste; seine Hütten sind auch recht geräumig. Doch wie ruppig ist ihre bauliche Ausführung gegenüber den fast eleganten Palästen der Elefantenjäger in der Ebene! Das Dach ist noch verwahrloster, als es in der Trockenzeit hier überall Usus ist; an den Wänden nur hie und da die kümmerlichen Anfänge oder die kläglichen Reste eines Lehmbewurfs; das Innere aber eine wahre Hundehütte; Schmutz, Staub und Unordnung überall; von Zimmereinteilung ist nur in wenigen Hütten etwas zu merken, und dann ist sie auch nur durch ganz liederlich zusammengeflickte Bambuswände hergestellt.
Nur in einem habe ich hier einen Fortschritt feststellen können, in der Methode des Hausverschlusses. Diese ist im ganzen Süden bei aller Einfachheit sinnreich; die Tür besteht stets aus derben Stangen von Bambus oder Holz, die mit dem uns schon bekannten Bindemittel des Baumbastes an zwei Querriegel gebunden werden; auch die Drehung um den einen Türpfosten erfolgt in zwei Schleifen, und zwar nach innen. Will der Bewohner sein Haus verlassen, so nimmt er zwei derbe Stangen her, oberarmdick und etwa 1,5 Meter lang. Die eine lehnt er von innen schräg gegen die Mitte der Tür, so daß sie einen Winkel von 60 bis 75 Grad mit dem Erdboden bildet; dann nimmt er die andere Stange, dreht sie horizontal und drückt sie mit aller Kraft auf die erste Stange hernieder. Dabei helfen ihm zwei andere kräftige Pfeiler, die in einigem Abstand einwärts von den Türpfosten stehen; sie sind das Widerlager für die Horizontalstange. Der Verschluß ist absolut sicher; nur läßt er sich natürlich nicht bei beiden Haustüren, der Vorder- und Hintertür, ausführen. Denn wie sollte der Besitzer sonst in das Haus hineingelangen? Ich bin aber einstweilen noch nicht über den Hintertürverschluß unterrichtet.
Das ist also der Universalverschluß. Derjenige der Makonde von Jumbe Chauro ist viel feiner, gediegener und origineller. Auch hier ist in bezug auf die Tür alles wie sonst, nur steht an ihrer Innenseite ein einzelner Pfahl etwa 15 Zentimeter von der Türkante ab frei im Hüttenraum; in der Hüttenwand aber befindet sich an dieser Stelle ein Loch, gerade groß genug, um den Arm hindurch zu stecken. Der Tag ist heiß gewesen, nun aber will es Abend werden; still und verlassen liegt das Makondedörfchen im dichten Busch verborgen da. Es ist vollständig menschenleer, denn die ganze Einwohnerschaft ist zu Schmaus und scharfem Umtrunk ins Nachbardorf geladen. Jetzt nahen sich schlürfende Schritte, der Hausvater und die Seinen kehren zurück; sie sind zum nicht geringen Trost für alle diejenigen Blaßgesichter, die aller Abstinenzbewegung zum Trotz noch immer gern ihr Gläschen Bier genehmigen, in keiner anderen Verfassung, als man sich nach einer schweren Sitzung auch bei uns befindet. Nur singt der Makonde nicht; ~Africa non cantat~; in dieser Beziehung wird er also nie ein guter Deutscher werden! Jetzt kommt das Knifflige. Der Negerpapa hat natürlich die Pflicht, das Haus zu öffnen. O ihr Göttinger Semester, wie klar steht ihr wieder vor meiner Seele mit eurem unermeßlichen Hausschlüssel, für den kein Schneider die Taschen groß genug machen konnte, für dessen Last selbst die hintere Hosenschnalle eigens verstärkt werden mußte! Größer als du, unerläßliches Requisit froher Scholarenzeit, ist das Format auch kaum, das der alte Neger aus irgendeinem Versteck zum Vorschein bringt, nur Gestalt und Material sind anders als am Leinestrand. Eisen ist eine plebejische Erfindung fremder, hergelaufener Völker, der Makonde bleibt nach wie vor beim Holz; und wirklich geschickt findet er sich damit ab: der Schlüssel ist ein etwa 30 Zentimeter langer, etwas geschweift gearbeiteter Stab mit abgesetztem Griff; der Bart hat drei derbe Zapfen, die gleich lang sind und in ein und derselben Ebene liegen. Etwas unsicher -- auch wieder ~à la~ Göttingen -- sucht Papa das Schlüsselloch, pardon, das Loch in der Wand. Das hat er vermöge seiner Größe bald entdeckt. Mit nicht unberechtigtem Stolz wagt er einen schüchternen Blick nach hinten, wo Mama, den unvermeidlichen Sprößling im Rückentuch, geduldig -- sie ist ja heute mitschuldig -- der Lösung des Problems harrt. Diese ist wirklich nicht ganz leicht, die Pombe war gut und der Tag war heiß; merkbar zittert die sonst so ruhige schwarze Hand, als der alte Herr beginnt, die Öffnung für den Schlüssel zu suchen. Schon hebt sich, einem Entenschnabel gleich, die siebenzentimetrige Lippenscheibe der holden Gattin zu scharfer Aufmunterung, da ist das große Werk endlich gelungen, das feine, rechteckige Loch in dem freistehenden Pfeiler ist gefunden; rack, rack, rack, ein dreimaliges rasches Heben und Senken des Schlüssels, schon zieht er einen langen Riegel hinter sich her und quer durch den Pfeiler hindurch. Dieser Riegel hatte mit seinem kolbenförmigen freien Ende sich fest gegen die Innenseite der Tür gestemmt, sie dadurch hermetisch verschließend; jetzt ist der kluge Neger gekommen, hat mit seinem Schlüssel im Innern jenes Pfeilers in senkrechten Nuten laufende Klötzchen gehoben und hat damit den Verschluß gelöst; leicht und frei gleitet der Riegel zurück.
Mit nicht geringem Selbstbewußtsein hat mir erst ein Hausvater diese größte Erfindung des Hochlandes an Ort und Stelle vordemonstriert, und dann ein anderer; beide Male habe ich ein bewunderndes „~Msuri sana~, sehr schön!“ ausgerufen und den Wunsch geäußert, diese Wunderdinge mit nach dem fernen Uleia zu nehmen, um dort den Wasungu zu zeigen, was für tüchtige Kerle die Makonde seien. Noch bin ich keine fünf Minuten in meinen Windfang von Newala zurückgekehrt, da keucht es auch schon heran; im selben Augenblick senken sich zwei stattliche Bäume vor meinen Augen nieder, und feierlich, wie nach siegreicher Belagerung, überreichen mir zwei stark schwitzende Gestalten die Schlüssel zum Tor der gefallenen Feste. Zum Schlüssel gehört auch das Schloß, hatten die beiden Kommandanten ganz logisch gedacht; ein Griff nach der Axt, krachend fliegt das scharfe, dem trocknen, zähen Tropenholz gegenüber jedoch zu weiche Eisen in die Basis des schloßtragenden Pfeilers hinein. Den Pfahl aus dem Boden auszugraben und ihn dergestalt intakt herbeizuschaffen, das war den beiden Intelligenzen nicht eingefallen. So liegen die Stücke halb zertrümmert vor mir, und statt einer Belobigung bekommen die beiden Besitzer noch Schelte.
Die Makuahütten sind in der Umgebung von Newala besonders kümmerlich; in ihrer mehr als liederlichen Bauart erinnern sie mich lebhaft an die Interimsbauten der Makua von Hatia; und dabei haben die hiesigen Vertreter des Stammes durchaus keinen Krieg mitgemacht. Es muß also wohl angeborene Faulheit sein, oder aber das Fehlen einer straffen Häuptlingshand. Selbst die Barasa von Mlipa, eine kleine Stunde südöstlich von Newala, nimmt an dieser allgemeinen Verwahrlosung teil; während sonst die öffentlichen Bauten hierzulande stets der Gegenstand einiger Sorgfalt sind, läuft sie sichtlich Gefahr, vom ersten besten kräftigen Oststurm umgewirbelt zu werden. Von einigem Reiz in dem ganzen weiten Siedelungsdistrikt ist lediglich das Grab des verstorbenen Häuptlings Mlipa selbst. Ich habe es in den ersten Vormittagsstunden einmal besucht, wo noch brauende Nebel mit der durchbrechenden Sonne kämpften; da sah der kreisrund angelegte Hain haushoher Euphorbien, die nebst einem zerbrochenen Tongefäß allein noch von der Ruhestätte des alten Negerkönigs zeugen, fast weihevoll aus. Auch meine sonst so materiell und realistisch veranlagten Träger mochten so etwas fühlen, denn sie sangen heute nicht ihre gewohnten Schelmenlieder, sondern feierlich klang es, als wir von dannen zogen, in den dichten, grünen Makondebusch hinein und über ihn hinaus weithin den Steilabhang hinunter:
[Music:
(_Auf dem Klavier eine Oktave tiefer._)
~Weise A.~
~Da_si_ge mu_rum_ba ba_na_m_ku_wa u_si_ga_we nam_ba cha_ku_la ni ma_li si_ri_ka_li nam_ba wa_ku_ho_fu ni na_~
1. _Vorsänger_:
~ni da_si_ge~
2.
~ni~
~Weise B.~
~mu_pe_le ka_ge mu_pe_le ka_ju_va na ba_na m_ku_wa~
_Vorsänger_:
~sim_ba mli_ma go_do_ka ma_na_ku_ba~
~Weise A.~
~Da_si_ge mu_rum_ba ba_na_ m_ku_wa u_si_ga_we nam_ba cha_ku_la ni ma_li si_ ri_ka_li nam_ba wa_ku_ho_fu ni na_ni~
~Weise B.~
~mu_pe_le ka_ge mu_pe_le ka_ju_va na ba na_m_ku_wa sim_ba mli_ma go_do_ka~
~Weise A.~
~da_si_ge mu_rum_ba ba_na_m_ku_wa u_si_ga_we nam_ba cha_ ku_la ni ma_li si_ri_ka_li nam_ba wa_ku_ho_fu ni na_ni~
~Weise B.~
~mu_pe_le ka_ge mu_pe_le ka_ju_va na ba_na m_ku_wa sim_ba mli_ma go_do_ka~
~Weise A.~
~da_si_ge mu_rum_ba ba_na m_ku_wa u_si_ga_we nam_ba cha_ ku_la ni ma_li si_ri_ka_li nam_ba wa_ku_ho_fu ni na_ni.~
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