Part 25
Da ist zunächst der tägliche Temperaturgang; in rascher Folge tropft es schwer auf das Zeltdach hernieder, unter dem der Weiße, warm und mollig in zwei vortreffliche Kamelhaardecken gehüllt, in den grauenden Morgen hineinschlummert. Es regnet, denkt er im Halbschlaf und dämmert weiter. Doch das Schicksal ist wider ihn: ein Ächzen und Stöhnen erhebt sich, daß er alsbald verstört auffährt. Schon hat er die Ursache erkannt: die Zeltstricke sind so straff angespannt, daß die eschenen Tragstangen sich fast halbkreisförmig biegen. „O, der verflixte Posten!“ Mit beiden Beinen fahre ich unter dem Moskitonetz hindurch und rufe den pflichtvergessenen Krieger herbei, zur Strafe auch die beiden andern Nummern. Nicht ohne Anstrengung gelingt das Werk des Strickeverlängerns. Dabei ist es auch schon hell geworden, so daß ein Weiterschlafen nicht mehr lohnt. Nun kommt der schönste Augenblick des Tages: die Morgenwäsche; jetzt, 6 Uhr, sind es eben 14 bis 14½°; das ist für Afrika eine arktische Temperatur; die lange Reihe der alaunisierten Kalebassen enthält denn auch ein Wasser, das mir eiskalt vorkommt. Wahrhaft köstlich ist in ihm das Bad oder die Abreibung, zu der ich jetzt schreite. Kibwana ist Kammerdiener; er hat sich an die weiße Farbe längst gewöhnt, aber die Glotzaugen der schwarzen Männlein und Fräulein, die durch den Zaun des Akidengehöfts oder durch die Lücken in der Palisadenwand der Boma auf dieses Morgenschauspiel gucken, sind verwundert genug. Von Regen übrigens keine Spur; es ist der Morgentau, der von den dichtbelaubten Mangobäumen, unter denen wir unsere Zelte aufgebaut haben, überreichlich herabtropft. Auch von der Sonne ist nichts zu sehen; ein schwerer Nebel wallt über Newala hin; nicht einmal die hohen Grabbäume draußen am Tor sind in diesem weißen, wogenden Meere zu erkennen. Instinktiv legen Knudsen und ich die schon früher geschilderte Winterkleidung an; ich füge sogar noch ein Halstuch in Gestalt eines zusammengefalteten Taschentuchs hinzu. Nils Knudsen aber schließt seinen Wikingerrock sorgsam bis an das blonde Kinn.
Dabei ist es gegen 6½ Uhr geworden; arbeitsfreudig verlasse ich das Zelt genau in dem Augenblick, als meine Krieger zum täglichen Dienst antreten. Diesen habe ich schon in Massassi eingeführt; um nicht ganz zu verbummeln, müssen die Soldaten täglich zwei Stunden stramm exerzieren. „Antreten! Stillgestanden, richt euch! Augen geradeaus!“ Meldend tritt Hemedi Maranga an mich heran. Der stramme Bursche hat der Gesellschaft in kurzer Zeit einen ganz andern Zug beigebracht; er ist ein geborener Krieger, während sein Vorgänger Saleh wohl mehr für die Jagd geeignet erscheint. Ihn hat das Bezirksamt in das mittlere Lukuledital beordert, damit er dessen unglückliche Bewohner endlich von jener Löwenplage befreie, die nach unserm Durchmarsch im Juli schon wieder zahlreiche Menschenleben gefordert hat. Möge ihm sein gefährliches Werk vollauf gelingen!
Während ich mich mit meinem Frühstück vergnüge -- dick eingekochtem Kakao, dazu den obligaten dicken Eierkuchen mit eingebackenen Bananen --, ist der Gefreite mit seiner Truppe ins Gelände gezogen, um den Buschkrieg zu üben oder die Kompagnieschule zu exerzieren. „Legt an! Feuer! Geladen!“ Klar und schneidig wie die Kehle des besten deutschen Unteroffiziers tönt das aus Negermund immerhin befremdliche Kommando von weither zu mir herüber. Doch ich habe nicht Muße, auf diesen Heimatgruß zu achten, denn schon sind meine Gelehrten langsam und mit der Würde des alten Negers herangetreten. Wir haben gestern verabredet, daß sie um 7 Uhr hier sein sollen.
„Ja, aber haben denn die alten Herren eine richtig gehende Uhr, Herr Professor, oder wie bringen Sie ihnen den Termin sonst bei?“
Freilich haben die Männer eine Uhr, eine für afrikanische Verhältnisse sehr genaue sogar; nach ihr richten wir uns hier alle. Bis zum Umfallen ermüdet, haben Weiße und Schwarze gestern gegen Sonnenuntergang ihre Arbeiten unterbrochen.
„Ihr kommt morgen früh wieder“, lasse ich durch Sefu den fünfzehn Greisen in Kimakua und Kimakonde verdolmetschen, „~saa~“, und dabei strecke ich meinen Arm nach Osten und im Winkel von 15 Grad über den Horizont. Aufmerksam schauen die Männer her. „Habt ihr es verstanden?“ lasse ich zur Vorsicht fragen; einheitlich heben sie alle den Arm und halten ihn ebenfalls einen Augenblick in jenem Winkel über die Horizontale erhoben. 15 Grad, das ist eine Stunde nach Sonnenaufgang, also 7 Uhr; will ich die Männer später haben, so vergrößere ich den Winkel entsprechend. Das ist Landesbrauch hier, keine Erfindung von mir; die Leute verstehen es, den Sonnenort bis auf minimale Zeitdifferenzen genau anzugeben.
Ein paar Stunden sind bei Frage- und Antwortspiel über dies oder jenes Gebiet der heimischen Volkskunde rasch dahingeflogen; noch immer kauern die alten Herren im Halbkreis um mich herum auf einer riesenhaften Matte. Am ersten Tage unserer gemeinsamen Arbeit hat einer von ihnen seinen natürlichen Gefühlen freien Lauf gelassen und mit großer Virtuosität einen langen Strahl braunen Tabaksaftes nach Seemannsart durch die Zähne gerade vor meine Füße lanciert. „Schensi, du Bauer!“ habe ich daraufhin halb unwillkürlich den Unbeleckten angeknurrt. Seitdem habe ich keine Veranlassung wieder gehabt, auch nur den geringsten Verstoß gegen die guten Sitten rügen zu müssen. Zwar die Leute riechen; sie duften nach Schweiß, ranzigem Öl und wer weiß wonach sonst noch, so daß mir im Laufe der Stunden immer übler wird; sie haben immer eine ganze Wolke von Fliegen mitgebracht, die sich aufs eifrigste bemühen, die Augenleiden ihrer schwarzen Herren auf den weißen Fremdling zu übertragen; aber sonst: alle Achtung! Die Beobachtung, die ich bisher überall gemacht habe, daß diesen Wilden ein starkes natürliches Taktgefühl eigen ist, bestätigt sich auch hier wieder. Damit vergleiche man einmal das Benehmen gewisser Volkskreise und Volksschichten bei uns daheim, die wir doch alle Kultur, alle Zivilisation und allen Takt gepachtet haben wollen. Nein, wir Weißen sind doch keine besseren Menschen!
Aber heiß ist der Schuppen allmählich geworden; das nordische Gewand ist nicht mehr am Platze. Also Metamorphose: die schweren Tippelskirchstiefel herunter und auch die dicken, wollenen Strümpfe; desgleichen das derbe Wollhemd, Weste und Halstuch; an ihre Stelle treten jetzt durchweg durchlässige, dünne Tropensachen. Um Mittag fliegt auch der Khakirock in die Ecke; ihn vertritt jetzt ein dünnes Lüsterjäckchen. Damit ist der Negativprozeß vollendet; gegen Abend fängt der andere wieder an. Mit einer scharfen, eisigen Bö hat der gefürchtete Abendwind Newalas eingesetzt -- mit einem kräftigen gleichzeitigen Nieser haben Knudsen und ich die fröhliche Fortdauer unseres chronischen Katarrhs, der nur bei Tage latent ist, festgestellt. Jetzt hilft es nichts, stückweise müssen wir wieder den ganzen Winterkram an unsere jetzt ach so mageren Leiber schmiegen. Instinktiv tun wir gleich noch ein übriges und legen auch noch die berühmten Überzieher an, wenn der nunmehr mit voller Wucht einsetzende Sturm wahre Wolken von Schmutz und Staub durch unseren Wohnraum wirbelt. Diesen haben wir im Laufe der Wochen immer mehr zubauen müssen; die ursprünglich an der offenen Seite aufgespannten Matten sind längst durch eine solide Strohwand ersetzt worden; sie hat ein Fach nach dem andern ergriffen, so daß jetzt, am Ende des Monats, tatsächlich nur noch ein einziges großes „Fenster“ dem Licht Eingang gewährt. Abends binden dann meine Träger mein großes Segeltuch vor diese Öffnung, doch auch selbst die damit vollständig gewordene Abdeckung der Windseite macht den Raum nicht wohnlich; wenn ich um 10 oder 10½ Uhr abends vom Entwickeln und Umlegen meiner photographischen Platten schweißgebadet aus dem als Dunkelkammer dienenden Zelt in die Barasa komme, finde ich meinen nordischen Freund als ein dickes, unförmiges Bündel vor; er hat sich in alle verfügbaren Decken gewickelt, klappert aber trotzdem vor Frost. Schnell kriecht dann jeder in sein warmes Zelt. Warm sind diese übrigens auch erst, nachdem wir vor ihnen, quer gegen den Wind, eine mit dicken Balken abgesteifte Hirsestrohwand aufgebaut haben; vorher drohte der Wind die Zelte allnächtlich einfach niederzudrücken. Dies sind die täglichen Sorgen um Kleidung und Unterkunft; sie sind nicht groß, nehmen aber immerhin einen gewissen Bruchteil meiner kostbaren Zeit vorweg. Durch die Sorge um unseres Leibes Nahrung und Notdurft wird dieser Bruchteil leider noch wesentlich vergrößert.
Es ist nächst dem Busch die größte Eigentümlichkeit des Makondeplateaus, daß es auf seiner Oberfläche quellen- und wasserlos ist; sein Boden besteht bis tief hinein in den Schoß der Erde aus lockerem Gefüge: sandigen Lehmen und lehmigen Sanden. Im Westen gehören diese Schichten der oberen Kreide an; man nennt sie Makondeschichten; im Osten sind sie tertiär, man nennt sie Mikindanischichten; beiden gemeinsam aber ist die hervorragende Wasserdurchlässigkeit. Diese bringt es mit sich, daß alle Niederschläge, sofern sie nicht von dem reichlichen Pflanzenwuchs festgehalten werden oder verdunsten, schnell in die Tiefe sinken, bis dahin, wo undurchlässige Schichten, flachgeneigte Newalasandsteine oder uralte Granitkerne ganz von der Art der Inselberge draußen in der Ebene, die wir auch im Schoß des Makondeplateaus vermuten müssen, ihnen ein Halt gebieten. Auf diesen Schichten sickern dann die Wässer abwärts, sie treten naturgemäß erst am Rande des Plateaus zutage und machen diesen Rand im Gegensatz zu dem quellenlosen Plateau selbst zu einem an Quellen und Bächen überreichen Gelände.
Demnach wird also das Plateau selbst unbewohnt sein, alles Volk aber wird sich an seinem Rand angesiedelt haben? Das ist der Gedankengang, den wir siedelungstechnisch rationell denkenden Europäer entwickeln werden. Tatsächlich wohnt nicht ein Mensch unten, oben aber wohnen mehr als 80000 Makonde, fast 5000 Wangoni, Tausende von Wayao und Makua, und eine mir nicht bekannte Anzahl von Matambwe. Neuerdings besteht allerdings die Tendenz, mehr und mehr in die wasserreichere Niederung hinunterzusteigen; das ist die Folge des Aufhörens der Mafiti-Einfälle und der Ausfluß unserer deutschen Kolonialpolitik, deren feste Hand auch die Neger längst fühlen. Diese Tendenz erstreckt sich indessen nur auf die fortschrittlicheren Elemente, die Yao und Makua; die Makonde bleiben davon unberührt; bei ihnen ist es noch heute wie seit unvordenklicher Zeit: kaum ist in Haus und Feld die unumgänglich notwendige Arbeit getan, dann nimmt auch schon Vater und Sohn, oder auch Mutter und Tochter die 1½ bis 2 Meter lange Stange auf die Schulter, an der vorn und hinten je ein oder wohl auch je zwei große Flaschenkürbisse befestigt sind. Mit merkbarer Eile schreiten sie dahin, dem Plateaurand zu, von dem ihr Weiler unangenehm weit abliegt; ein steiler Abstieg auf schlechtem Pfad, ein kurzes Verweilen in sumpfiger Niederung, ein mühseliger, beschwerlicher Aufstieg Hunderte von Metern steil in die Höhe. Endlich haben sie es geschafft, hoch aufatmend gehen, ja traben sie fast ihrem Dörfchen zu. Die Makonde stehen im Ruf -- auch ich habe ihn, trotzdem ich noch nicht einmal im Zentrum ihrer Verbreitung weile, bereits bestätigt gefunden --, daß sie den größten Teil ihres Lebens dem Feldbau widmen; der zweitgrößte Teil entfällt ganz ohne Frage auf die nach unseren Begriffen törichte Zeitverschwendung des weiten Wasserweges. Wenn die Hälfte der Familienmitglieder täglich je zweimal zwei Stunden oder noch mehr vertrödelt, um gerade so viel Wasser herbeizuschleppen, in schwerster Arbeit sogar, nur um sein bißchen Ugali herrichten und einen trüben Trunk tun zu können, so ist das ökonomisch ein Widersinn.
Auch Newala leidet unter dieser Wasserferne, wenigstens das heutige Newala; ein früheres Newala hat unten am Fuße des Plateaus in einem wunderschönen Tale gelegen. Ich habe es besucht; von Häusern kaum noch eine Spur; nur ein christlicher Friedhof mit den Gräbern mehrerer englischer Missionare und im christlichen Glauben gestorbener Neger zeugen noch von der alten Herrlichkeit. Aber in welch wundervoller Umrahmung! Ein dichtgeschlossener Hain prächtigster Mangobäume rings um die verwaschenen Kreuze und Steine; hinter ihnen, das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigend, eine ganze Plantage in voller Reife prangender Zitronenbäume. Es ist nicht die kleine afrikanische Frucht, die dem Durchreisenden heute mühelos in den Schoß fällt, sondern eine viel größere und auch viel saftreichere fremde Varietät. Alt-Newala untersteht heute der Jurisdiktion des schwarzen Pastors Daudi von Chingulungulu; mit ihm bin ich gut Freund, daher ist es selbstverständlich, daß er mir für die Dauer meines Aufenthaltes in Newala den Nießbrauch dieses Zitronenhains überläßt.
Der Wasserweg von Neu-Newala bis in die 500 Meter tiefer gelegene Talsohle hinunter ist nicht nur weit und beschwerlich, sondern das Wasser, welches Knudsen und ich geliefert bekommen, ist auch schlecht, grundschlecht. Dazu kommt, daß Newala zu vornehm und üppig eingerichtet ist; es hat nicht nur ein Klosett ganz im Küstenstil, sondern auch eine besondere Kochhütte. Sie liegt rechtsab von unserer Barasa an der Bomawand; ihr Inneres ist von uns aus nicht zu übersehen. Das haben die Köche natürlich sofort herausgefunden und tun, oder vielmehr lassen, was sie wollen. In jedem Fall scheinen sie es mit dem Abkochen unseres Trinkwassers recht wenig genau zu nehmen; ich wenigstens kann die dysenterieartigen Anfälle, an denen Knudsen und ich schon seit längerer Zeit leiden, lediglich auf die Pflichtvergessenheit unserer beiden Küchenchefs zurückführen. Kann man so einen Menschen nicht dauernd kontrollieren, so ist er zu allem fähig. Zu dieser Darmstörung kommen noch die Unannehmlichkeiten glasharter Nägel an Fingern und Zehen, die bei jeder derben Berührung Sprünge bekommen; bei mir auch noch Pickeln überall.
Seit einer Woche führen wir obendrein den Kampf gegen den Sandfloh, der in dem warmen Sande des Makondeplateaus sein Dorado gefunden hat. Unsere Leute sieht man den ganzen Tag, soweit ihnen ihre Dauerkatarrhe und die auch bei ihnen stark grassierende Dysenterie dazu Zeit lassen, mit ihren unteren Extremitäten beschäftigt, um diese Geißel Afrikas abzuwehren und ihren verheerenden Wirkungen vorzubeugen. Daß den hiesigen Eingeborenen als Folge dieser Sandflohplage eine oder ein paar Zehen fehlen, ist etwas Häufiges; vielen fehlen alle Zehen, ja selbst der ganze Vorderfuß, so daß das Bein in einen unförmigen Stumpf als den letzten Rest des ehemals so wohlgeformten Beines endigt. Diese Zerstörungen werden bekanntlich durch das Weibchen des Sandflohes hervorgebracht, das sich unter die Haut einbohrt und dort einen bis erbsengroßen Eiersack entwickelt. In allen Büchern steht zu lesen, daß man auf das Vorhandensein eines solchen Schmarotzers durch ein unerträgliches Jucken aufmerksam gemacht werde; nach meinen Erfahrungen stimmt das sehr wohl, soweit die zarteren Teile der Fußsohle, die Partien zwischen und unter den Zehen und die innere Fußseite in Frage kommen; bohrt sich das Tier indessen durch die härteren Teile des Ballens oder der Ferse hindurch, so kann es selbst dem aufmerksamsten Beobachter passieren, daß er das Tier erst im höchsten Reifestadium entdeckt. Dann ist es aber allerhöchste Zeit, es vorsichtig herauszuheben, um ähnlichen Verwüstungen, wie man sie hier täglich zu Dutzenden sieht, vorzubeugen. Beim Europäer mit seiner weißen Haut ist das Auffinden des Sandflohes übrigens weit leichter, als es den Schwarzen gemacht wird, von deren Haut sich der dunkle Punkt kaum abhebt. Die vier oder fünf Sandflöhe, die mich trotz steten Tragens hoher, geschlossener Schnürschuhe bisher zu ihrem Sitz auserkoren haben, hat mir der vielgewandte Knudsen herausgehoben; ein Auswaschen der Höhlung mit Sublimat erscheint mir dabei immer ganz angebracht. Die Neger haben ein anderes Desinficiens, sie füllen die Öffnungen mit Wurzelgeschabsel; in einem winzigen Makuadorf am Steilabhang des Plateaus südlich von Newala sah ich eine Frau, die den Raum unter den Nägeln prophylaktisch mit Wurzelpulver ausstopfte. Ob es der Alten etwas nützen wird, wer weiß es.
Der Rest der vielen kleinen Hindernisse, die uns hier das Dasein erschweren, wirkt mehr komisch als ernsthaft. In Ermangelung von etwas anderem Rauchbaren greifen Knudsen und ich jetzt zu dem Inhalt einer vom Inder in Lindi bezogenen Zigarrenkiste. Diese ist sehr schön beklebt und aufgemacht, aber wehe dem Unglücklichen, der sich, wie wir, mit ihrem Inhalt befaßt! Ob diese schwelenden Giftnudeln Opium oder ein anderes Narkotikum enthalten, von uns beiden weiß es niemand zu sagen, denn nach dem zehnten Zuge sind wir beide „matt“; dreiviertel betäubt und hundeelend liegen dann Wiking und Deutscher in sich zusammengesunken da. Langsam erholt man sich -- was geschieht? Nach einer halben Stunde greift man doch wieder zu dem scheußlichen Kraut; so unstillbar ist hier in den Tropen der Drang zum Rauchen!
Auch meine jetzigen Fieberanfälle sind kaum geeignet, noch ernst genommen zu werden. Ich habe ihrer hier in Newala nicht weniger als drei gehabt, aber alle mit unglaublich kurzem Verlauf. Emsig fragend, schreibend und notierend quäle ich mich mit meinen „Gelehrten“ herum, der starke Mittagskaffee hat die Lebensgeister mächtig angeregt; das Gehirn arbeitet außerordentlich intensiv, so daß die Arbeit rasch vorwärtsschreitet. Eine wohltuende Wärme durchrieselt den ganzen Körper, macht jedoch mit einem Male einem heftigen Kältegefühl Platz, das mich jetzt, beim wärmsten Sonnenschein, nachmittags 3½ Uhr, bereits zwingt, den Überzieher anzulegen. Jetzt arbeitet auch das Gehirn nicht mehr so scharf und logisch, besonders bei syntaktischen Feststellungen des schwierigen Imakuāni, der Sprache der Makua, an die ich mich zum Überfluß auch noch herangewagt habe. Da halte ich es denn doch allmählich für angezeigt, meine Temperatur zu messen, der Einfachheit halber gleich im Sitzen und ruhig weiterarbeitend; 38,6° ist das Ergebnis! Nun aber hinaus, meine Herren, heißt es im gleichen Augenblick! Wenige Minuten später steht mein Bett in der Barasa; unmittelbar darauf liege ich auch schon darin und beginne mich mit heißem Zitronenwasser innerlich zu behandeln. Drei Stunden später zeigt das Thermometer gegen 40°; ich lasse mich jetzt, beim Einsetzen des Abendwindes, mitsamt meinem Bett ins Zelt zurücktragen -- würde ich meinen furchtbar schwitzenden Körper der eisigen Abendtemperatur aussetzen, so könnte das meinen Tod bedeuten --, liege dort noch eine kleine Weile und finde dann zu meiner Beruhigung, daß das Fieber nicht mehr steigt, sondern anfängt zurückzugehen. Das ist ungefähr 7½ Uhr; als ich kurz nach 8 Uhr noch einmal messe, ist die Kurve zu meinem maßlosen Erstaunen auf unter 37° heruntergegangen; mir ist absolut wohl; ich lese noch ein paar Stunden und könnte sehr wohl rauchen, wenn ich etwas Ordentliches hätte. Aber Inderzigarren? Pfui Teufel!
Wie ist so etwas denkbar? muß ich mich selbst als Laie fragen. Das kann doch unmöglich Malaria sein; näher liegt die Vermutung, daß diese rasch verlaufenden, hohen Fieberanfälle die Folge einer zu intensiven Sonnenbestrahlung sind, eine Art Insolationsfieber oder Sonnenstich. Wenn ich mein Fiebernotizbuch nachsehe, wird mir dies immer wahrscheinlicher, denn regelmäßig treten diese Anfälle im Anschluß an größere Strapazen und langen Aufenthalt in praller Sonne ein. Für mich haben diese kurzen Unpäßlichkeiten wenigstens das Gute, daß sie mich nur stundenweise von der Arbeit abhalten, denn am nächsten Morgen bin ich regelmäßig wieder vollkommen frisch und gesund.
Nicht so gut geht es leider meiner Perle von Koch und dem Knaben Moritz; jener leidet an einer ungeheuren Hydrozele, die ihm kaum erlaubt aufzustehen, Moritz aber hat Dunkelarrest wegen seiner entzündeten Augen. Leider versteht Knudsens Koch, ein bis vor wenig Wochen gänzlich unbeleckter Wilder von irgendwo aus dem Busch, noch weniger als mein Omari. Folge: Nils Knudsen ist selbst zum Koch avanciert. Er hat diese seine neue Tätigkeit sogleich mit einer großen Tat begonnen; da wir nichts Ordentliches mehr zu essen haben, hat er die vier von Matola erstandenen Ferkel, hübsch säuberlich in einen großen Tragkorb gepackt, von Chingulungulu heraufholen lassen und kaltblütig das größte von ihnen gemordet. Den ersten Schweinebraten haben wir leichtsinnigerweise doch Knudsens wildem Koch anvertraut; er war infolgedessen ungenießbar; den Rest des Tieres haben dann wir zu einem Gelee verarbeitet, das uns nach den langen Wochen der Unterernährung herrlich mundet und von dem wir mittags und abends geradezu fabelhafte Portionen vertilgen. Wenn nur nicht die ewigen Teltower Rübchen dabei wären! O du gesegnete Stadt auf märkischem Sande, wer hätte je geahnt, daß du so nachhaltig in die Ernährung eines stillen, deutschen Gelehrten eingreifen würdest! Dieser boshafte ~Dr.~ Jaeger! Er war ein Mann von Zeit und Muße; ihm halste daher die Landeskundliche Kommission die Besorgung aller Nahrungsmittel für seine und meine Expedition auf. Feierlich überweist mir eines schönen Tages in Daressalam der mit der Verpackung dieser Sachen betraute Handlungsbeflissene meinen Anteil. Seitdem leide ich unter einer ständigen Rübenfurcht; ich habe das Gericht an sich ganz gern, aber nur einmal im Jahre, ungern häufiger. Doch wie ergeht es mir hier? Ich trete an die Kiste heran, die gerade leergegessen werden muß; der Deckel fliegt hoch; ein Griff hinein, eine Konservenbüchse kommt zum Vorschein; ein Blick auf die Etikette: Teltower Rübchen. Puh! Die Dose verschwindet; ein zweiter Griff; dasselbe Ergebnis; ein dritter, nichts anderes. Nach langem Suchen erst kommt dann ein anderes Gemüse zutage; oder auch nicht, denn diese anderen sind allmählich zu Ende gegangen, nur die Teltower sind geblieben! „Denn helpt dat nich“, sage ich mit Fritz Reuter; aber zehn Jahre lang esse ich zu Hause keine Teltower mehr!
Bei all diesem kleinen Leid, das aber nun einmal dazu gehört, um Afrika schmackhaft zu machen, gibt es wenigstens +ein+ erfreuliches Moment: Nils Knudsen hat mit der Geschicklichkeit eines Feinmechanikers meinen 9 × 12-Apparat wieder in Ordnung gebracht oder ihn doch wenigstens so weit wieder hergestellt, daß ich ihn mit einiger List gebrauchen kann. Wie der Mann ohne Fingernägel mit dieser kniffligen Arbeit hat fertig werden können, bei der er den ungemein komplizierten Momentverschluß nur mit Hilfe eines plumpen Schraubenziehers auseinandernehmen und wieder zusammensetzen mußte, ist mir noch heute schleierhaft, aber er hat es geschafft. Der Mangel an Fingernägeln hingegen zeigt den guten Nils von einer Seite, die mit seiner bei der Apparatreparatur bewiesenen Intelligenz merkwürdig kontrastiert, die andererseits allerdings auch aufs innigste mit seinem zehnjährigen Hinterwäldlertum zusammenhängt. Wäscht er da eines Tages in Lindi irgendeinen Köter. Dieser muß wohl eines schärferen Reinigungsmittels bedürftig gewesen sein, denn Nils hat ein Gefäß mitbekommen, dessen Inhalt stark und kräftig riecht. Gewissenhaft nimmt unser Freund die Reinigung vor, wundert sich ein wenig, daß sie dem Hunde sehr schlecht bekommt, ist dann aber sehr erstaunt darüber, daß ihm seine eigenen zehn Fingernägel im Laufe weniger Tage wegeitern. „Wie kann ich aber auch wissen, daß man Karbolineum verdünnen muß“, knurrt er oftmals noch jetzt entrüstet, wenn er seine schrecklich zugerichteten Fingerenden sorgenvoll mustert!