Part 5
~Dr.~ E.: So? Weißt du das so genau? -- Im allgemeinen hast du wohl recht. Ein beliebiger Feldstein draußen auf dem Acker kann nicht, wie die Pflanzen und Tiere, Nahrung aufnehmen und dadurch größer werden. Er bleibt eben, wie er ist. Unter gewissen Bedingungen aber wachsen die Mineralien in der Tat. Es geschieht dies jedoch nur, wenn sie sich in einer Flüssigkeit befinden, in welcher +derselbe Stoff+ aufgelöst ist, aus dem sie selbst bestehen. In unserem Falle haben wir Kochsalzwürfel in einer gesättigten Kochsalzlösung. Verdampft das Wasser weiter, so müssen auch neue Mengen des Salzes in den festen Zustand übergehen, und dies geschieht, indem sie sich an die bereits vorhandenen Würfelchen ansetzen, die dadurch also größer werden. Etwas Ähnliches würde auch eintreten, wenn wir nicht die +wässerige+ Lösung eines Minerals vor uns hätten, sondern etwa ein durch +Hitze geschmolzenes+ Mineralgemisch. Auch dann würden sich beim langsamen Erkalten die kleinsten Teilchen der einzelnen Mineralien zusammenfinden und allmählich wachsende Körperchen von bestimmter Gestalt darstellen, die man +Kristalle+ nennt. Seht diesen Feldstein, den ich gestern vom Spaziergange mitgebracht und zerschlagen habe; er sieht im Innern ziemlich wie der Durchschnitt einer Blutwurst aus mit ihren weißen Speckwürfeln. Diese länglichen weißgrauen Kristalle haben sich im Innern des Steines gebildet, als derselbe noch eine glutflüssige Masse war. Je langsamer so ein geschmolzenes Gestein erkaltet, umso schöner gelangen die Kristalle im Innern zur Ausbildung. Hier bei diesem Stück, das den wissenschaftlichen Namen „Porphyr“ trägt, sind sie über einen Zentimeter lang; bei dem Obsidian, von dem wir vorhin sprachen, sind sie hingegen so winzig, daß man sie nur unter dem Mikroskop zu erkennen vermag. -- Ihr seht nun wohl ein, wie wir unsere Kochsalzwürfel größer und schöner bekommen können. Wir müssen einfach das Wasser recht langsam und ohne Erschütterung weiter verdunsten lassen. Am besten tut man, wenn man eins dieser Kriställchen an einem feinen Faden frei aufhängt, damit sich von allen Seiten her neues Salz ansetzen kann.
+Fritz+: Woher kommt es denn, daß das Kochsalz in solchen Würfeln kristallisiert? In der Regel sehen doch Kristalle ganz anders aus?
~Dr.~ E.: Das ist eine recht schwierige Frage, Fritz. Es ist ungefähr dasselbe, als wenn du fragst, warum ein Eichbaum anders aussieht wie eine Kastanie. Ein ganz klein wenig kann ich dir dies Rätsel aber doch wohl verständlicher machen. Zunächst müssen wir die ganz merkwürdige Erscheinung ins Auge fassen, daß ein Kristall, den man zerschlägt, in Stücke zu zerspringen pflegt, welche genau wieder die Form und die Flächen des ursprünglichen Kristalls haben. Ein Kochsalzwürfel also zerspringt beim Daraufschlagen stets wieder in lauter +Würfel+, und man kann diesen Versuch so weit fortsetzen, als wir mit dem Mikroskop überhaupt noch die einzelnen Stückchen zu erkennen vermögen. Daraus scheint zu folgen, daß auch die allerkleinsten Teilchen Kochsalz, die überhaupt denkbar sind, und die wir selbst mit unsern stärksten Vergrößerungen nicht mehr wahrnehmen können, eine würfelförmige Gestalt besitzen. Ist dies der Fall, so wäre ein Kristall, wie wir ihn in unserer Salzlösung finden, eben nichts, als eine regelmäßige Aneinanderlegung unendlich vieler solcher kleinster Teilchen, ähnlich so, wie sich aus den Holzwürfeln eines Baukastens schließlich ein großer Würfel aufbauen läßt. Sind nun jene kleinsten Teilchen eines Minerals +nicht+ würfelförmig, sondern anders gestaltet, so wird natürlich in der Regel auch das von ihnen aufgeführte Gebäude, der sichtbare Kristall, eine dementsprechende Form haben.
+Kurt+: Haben denn alle Mineralien eine bestimmte Gestalt?
~Dr.~ E.: Nein, nicht alle, aber doch die meisten. Freilich sieht man es manchem formlosen Stein nicht an, daß er im Grunde genommen aus zahllosen mikroskopischen Kriställchen zusammengesetzt ist.
+Fritz+: Das hätte ich wahrhaftig nicht gedacht, daß die meisten Steine kristallisiert sind. Vorhin hast du gesagt, es gäbe nur zwei Möglichkeiten, wie sich Kristalle bilden könnten, entweder in einer geschmolzenen Steinmasse, oder in einer gesättigten Lösung. Der erste Fall mag ja bei Vulkanen recht häufig sein, aber die Vulkane selbst sind doch nur sehr zerstreut; und wo solche gesättigten Lösungen in der Natur herkommen sollen, begreife ich auch nicht. Ich würde also meinen, Kristalle müßten recht selten sein.
[Sidenote: Häufigkeit der Kristalle]
~Dr.~ E.: Nein, mein Junge! Diesmal hast du mit deinen beiden Annahmen gründlich vorbeigeschossen. Was zunächst die Häufigkeit des +geschmolzenen+ Gesteins anlangt, so hast du ja wohl schon einmal gehört, daß unsere Erde früher wahrscheinlich ein feurig-flüssiger Ball war. Wie nun eine glühende Eisenkugel, die wir der Luft aussetzen, nach und nach ihre Wärme ausströmt und sich abkühlt, so mußte auch der im kalten Weltenraume kreisende geschmolzene Erdball im Laufe der Zeit von seiner Wärme verlieren. Dadurch bildete sich auf der ganzen Oberfläche eine anfangs dünne, dann mehr und mehr an Dicke zunehmende Kruste aus festem, erstarrtem Gestein. Während des Erstarrens schossen die einzelnen Mineralien dieses Gesteins in Kristallen an, und du siehst nun wohl ein, daß es damals keinen Punkt der Erde gab, wo nicht Kristallbildung in dieser Weise stattgefunden hätte. Doch damit nicht genug. Lange Zeit blieb die Kruste der Erde dünn, und es geschah daher auch noch später an allen Ecken und Enden, daß weitere geschmolzene Gesteinsmassen aus dem Erdinnern durch Spalten und Risse der Kruste hervorquollen und über derselben erstarrten. So kommt es denn, daß es in der Tat nur wenige Gegenden der Erde gibt, wo man nicht auch heute noch Felsarten beobachten könnte, die aus dem glutflüssigen Zustande hervorgegangen sind.
Nicht weniger irrig ist deine zweite Annahme, daß in der Natur +gesättigte Lösungen+ nicht vorkämen, aus denen Kristalle sich ansetzen könnten. Sehr viele Mineralien sind, wie du weißt, im Wasser löslich, wenn auch oft nur in winzigen Mengen. Stecken solche Mineralien in einem Berge oder Felsen, so werden sie naturgemäß durch das einsickernde Regenwasser aufgelöst, und da, wo sie waren, entstehen Hohlräume. Diese füllen sich dann, gleich den durch Frost oder Erschütterung entstandenen Spalten des Gesteins, bald mit dem nachdringenden Sickerwasser an. Das Sickerwasser ist anfangs noch keine gesättigte Lösung der im Berge steckenden Mineralien; allein es wiederholt sich nun hier im kleinen derselbe Vorgang, den wir neulich beim Meer im großen besprochen haben. Etwas von dem Wasser +verdunstet+ durch die Poren des Gesteins, und neues Sickerwasser bringt immer neue Mengen des aufgelösten Minerals. So wird die Lösung in der Höhlung oder in der Spalte allmählich +gesättigt+, und die Kristalle fangen an sich auszuscheiden. Wenn ihr euch nun vorstellt, daß ein solcher Vorgang Jahrtausende und Jahrhunderttausende im Innern der Berge ungestört weitergehen konnte, und daß die Bedingungen für schöne Kristallbildung -- vollkommene Ruhe, gleichmäßige Temperatur und möglichst langsame Verdunstung des Wassers -- die denkbar günstigsten sind, so werdet ihr es begreifen, wie man oft in solchen Hohlräumen, den sogenannten Drusen, sowie in den Spalten oder „Gängen“ der Gebirge Kristalle von einer Größe und Schönheit findet, wie wir sie künstlich auch nicht entfernt herstellen können. Hat man doch z.❰B. beim Bohren des Gotthardtunnels vom Quarz, einem Mineral, das nur spurenweise im Wasser löslich ist, Kristalle gefunden, die fast meterlange, mehrere Zentner schwere Säulen darstellen.
+Kurt+: Aber wie ist denn nun der gewöhnliche +Sand+ entstanden? Der bildet doch keine Kristalle!
[Sidenote: Entstehung des Sandes]
~Dr.~ E.: Wenigstens sollte es uns schwer werden, an diesen kleinen runden Körnchen noch irgend etwas von Kristallform zu entdecken. Aber man kann das dem Sande eigentlich nicht übelnehmen. Sieh mal, eine Kartoffel hat doch eine sehr schöne bestimmte Gestalt, wie sie eben jede Kartoffel hat. Wenn du sie aber zerreibst oder zerstampfst, so daß sie schließlich als Kartoffelmus auf den Tisch kommt, dann soll man ihr schwerlich mehr viel von der ursprünglichen Form ansehen. Ganz ähnlich aber ist es mit dem Sande. Ich habe euch vorhin erzählt, daß die ursprüngliche Erstarrungskruste der Erde jedenfalls eine feste, felsige Gesteinsmasse war. Sie bedeckte die ganze Erdoberfläche, und es gab also damals noch keinen Sand. Allein dieser Zustand wird nicht allzulange gedauert haben. Die starre Rinde hat augenscheinlich bald gewaltige Risse bekommen, so daß sie in einzelne Bruchstücke oder Schollen zerfiel, von denen einige in die Tiefe sanken und durch den Druck, den sie hierbei auf die glutflüssigen Massen des Innern ausübten, die andern Bruchstücke noch höher emporsteigen ließen. Diese emporgehobenen Schollen der Erdrinde bildeten die großen +Erdteile+. Über den in die Tiefe gesunkenen Schollen aber sammelte sich das Wasser an und bildete die +Meere+. Von jetzt ab waren die aus dem Wasser hervorragenden Teile der Erdoberfläche allen Einflüssen der Luft und des Regens ausgesetzt. Letzterer muß zu jenen Zeiten in gewaltigen Strömen geflossen sein, da bei der hohen Temperatur der Erde viel mehr Wasser verdampfte und in die Wolken überging als heutzutage. Wasser und Luft, ersteres namentlich durch sein unwiderstehliches Ausdehnungsbestreben beim Gefrieren, wirken nun im Laufe der Zeit in hohem Maße +zerstörend+ auf das Gestein. Im Gebirge kann man ja tagtäglich und besonders nach jedem Regen beobachten, wie größere und kleinere Felsblöcke sich ablösen und aus der Höhe zu Tal stürzen. So vollzog sich ganz allmählich im Laufe sehr langer Zeiträume eine +Zertrümmerung+ der festen Felsmassen in den Gebirgen. Die losgelösten Felsstücke wurden durch die reißenden Gebirgsbäche weitergeführt und bei ihrem Transport mehr und mehr +zerkleinert+; es entstanden die sogenannten +Gerölle+, der +Kies+ und der +Sand+. Dabei erhielten die einzelnen Trümmerstücke durch das Reiben und Scheuern gegeneinander eine rundliche Form, wie wir sie jetzt an den Sandkörnchen und Bachkieseln beobachten. Außerdem mußten die vom Gebirge ins Meer fließenden Wasserläufe eine Art von +Sortierung+ dieser Trümmer bewirken, indem die größeren und schwereren lange nicht soweit vom Wasser mitgeführt wurden, als die leichteren und kleineren. Es bildeten sich also hintereinander Ablagerungen von großen Geröllsteinen, Kies, grobem und feinem Sand, sowie endlich, aus den feinsten und leichtesten Zerreibungsteilchen des Gesteins, von +Ton+, der von den Flüssen bis weit in das offene Meer getragen wird und hier langsam als Schlamm oder Schlick zu Boden sinkt.
+Fritz+: Aus dem, was du uns erzählt hast, verstehe ich nun wohl, weshalb auf dem Boden der Flüsse und auch an seinen Ufern sich Sand findet. Aber es ist mir noch nicht recht klar, woher wir denn jetzt bei uns +überall+ Sand oder Erde haben, im Walde, auf den Äckern, und selbst in der Stadt. Außerdem hast du gesagt, der Ton bilde sich nur auf dem Grunde des Meeres, und wir haben doch hier ganz in der Nähe auch Tongruben.
~Dr.~ E.: Woher die oberen Lagen von Sand und Ton in unserer norddeutschen Tiefebene stammen, erzähle ich euch vielleicht ein andermal. Im allgemeinen mögt ihr bedenken, daß im Laufe von außerordentlich langen Zeiträumen die ersten Zertrümmerungsprodukte so mannigfache Schicksale erfahren haben, daß wir sie nicht im einzelnen verfolgen können. Sicher ist jedenfalls, daß die Verteilung von Land und Meer im Laufe der Zeiten ganz außerordentlich gewechselt hat, so daß dadurch jene Zertrümmerungsprodukte der starren Erdkruste schließlich über die ganze Erde in buntem Durcheinander verbreitet wurden. Heute ragt vielleicht das als Gebirge empor, was ehemals tief unter dem Meer begraben lag. Den besten Beweis hierfür liefern die +Versteinerungen+ von Meerestieren, welche in fast allen Gebirgen, im Harz so gut wie in den Alpen, aber auch bei uns in manchen Tongruben gefunden werden. Die Kruste der Erde ist eben durchaus nicht so unabänderlich ruhig, wie man es gewöhnlich glaubt. Sorgsame Beobachtungen lehren vielmehr, daß auch jetzt noch gewisse Teile der Erdoberfläche in langsamer Hebung, andere in Senkung begriffen sind.
+Kurt+: Wie kommen denn aber die Meerestiere in den festen Felsen hinein?
[Sidenote: Versteinerungen. Findlingsblöcke]
~Dr.~ E.: Ich habe euch vorhin erzählt, wie das zerkleinerte Gesteinsmaterial als Kies, Sand, Lehm und Ton schließlich durch die Flüsse ins Meer gespült wird und dort in die Tiefe sinkt. Hier nun ist es dem Drucke der darüberliegenden Wasserschichten ausgesetzt, der bei großer Meerestiefe ein ganz ungeheurer wird. Das anfangs lockere Material, in welches die +absterbenden Meerestiere hineinsinken+, wird dadurch im Laufe der Zeit wieder zu festen, felsartigen Massen +zusammengebacken+. Wenn diese dann nach Jahrtausenden durch Hebung über den Spiegel des Meeres gelangen, so machen sie fast ganz den Eindruck ursprünglicher Gebirgsarten. Zwei Kennzeichen gibt es jedoch, nebenbei bemerkt, an denen man sie ziemlich sicher von den ursprünglichen, anfangs glutflüssigen Gesteinen unterscheiden kann: die +Schichtung+ infolge der schichtenweisen Ablagerung im Meere und die in ihnen steckenden +Versteinerungen+.
+Fritz+: Eine Frage möchte ich aber doch noch tun. Wenn unsere Gegend wirklich früher Meeresboden gewesen ist und auf diesem nur Sand und Ton sich ablagern konnten, höchstens vielleicht noch Kies am Strande, woher kommen dann die großen Steinblöcke oder +Feldsteine+, die man soviel auf den Äckern findet? Gewachsen sind sie doch dort nicht, und ein Gebirge, von dem sie herunterfallen konnten, ist ja auch nicht da.
~Dr.~ E.: Die Frage, die du da eben berührst, hat die Naturforscher viele Jahrzehnte lang beschäftigt. Anfangs glaubte man, diese sogenannten erratischen oder Findlingsblöcke seien zur Zeit, als unser Land noch vom Meer bedeckt war, auf gewaltigen Eisbergen vom Norden und Nordosten hergeschwommen und beim allmählichen Schmelzen der Eisberge in die Tiefe gefallen. Diese Ansicht aber hat man aus verschiedenen Gründen aufgeben müssen und man ist jetzt zu der Überzeugung gelangt, daß jene Blöcke mit Hilfe von +Gletschern+ nach hier getragen wurden. Daß Gletscher wandern, d.❰h. daß ihre Eismassen von hinten her vorrücken, wenn das Vorderende abschmilzt, haben wir ja schon neulich besprochen. Wir brauchen daher nur noch anzunehmen, daß von Schweden und Finnland bis zu uns eine einzige ungeheure Eismasse das Land bedeckte, ganz ähnlich, wie es heute in Grönland der Fall ist. Die Felsblöcke, welche dort in den nordischen Gebirgen auf das Gletschereis fielen oder unten bzw. in ihm festfroren, wurden mit dem vorrückenden Eise weiter und weiter getragen, bis sie schließlich beim Abschmelzen des Eises am Vorderrande als sogenannte Stirn-Moräne und auf dem ganzen Wege des Gletschers als Grund-Moräne zu Boden fielen. Von manchen unserer erratischen Blöcke kann man sogar ganz genau angeben, von welchem Gebirgsstock im fernen Schweden oder Finnland sie herstammen.
+Kurt+: Dann kann man hier wohl alle möglichen verschiedenen Steine finden?
~Dr.~ E.: Ganz gewiß. Für den Sammler von Mineralien und Gebirgsarten gibt es kaum eine bessere Gelegenheit, alle möglichen Formen zusammenzubringen als in Norddeutschland; die Natur selbst hat sich in der norddeutschen Tiefebene mit Hilfe der Gletscher gewissermaßen ein mineralogisches Museum angelegt. Es sollte mich freuen, wenn ihr euch im nächsten Frühjahr ein wenig um die Mannigfaltigkeit dieser Gesteinsarten kümmern wolltet.
Fünfter Abend.
Ich dächte, es wäre Zeit, beginnt ~Dr.~ E. die abendliche Unterhaltung, daß wir uns auch einmal um die +Tiere+ hier in meinem Studierzimmer bekümmerten. Was meinst du z.❰B. zu unserm Kanarienvogel, Kurt?
[Sidenote: Kanarienvogel. Muskeln die Ursache der Kraft]
+Kurt+: Wenn du es gern willst, Vater, so ist es mir recht; aber die Vögel haben wir in der Schule schon durchgenommen, und ich glaube, das meiste davon weiß ich schon.
~Dr.~ E.: Nun, das werden wir ja bald erfahren. Zunächst wollen wir uns das Tierchen aber doch mal ordentlich ansehen.
+Fritz+: Das wird uns heute abend wohl wenig nützen, Vater. Man erkennt bloß noch einen gelben Klumpen; er schläft ja schon.
~Dr.~ E.: So, er schläft schon! Aber woher weißt du denn das so genau, Fritz?
+Fritz+: O, er hat sich ganz dick aufgeblasen und seinen Kopf zwischen die Flügel gesteckt. Er sitzt auch ganz still auf der Stange und rührt sich nicht.
~Dr.~ E.: Daß er +still+ sitzt, kann man am Ende als ein Zeichen des Schlafens ansehen. Aber würdest du denn auch so +auf einer Stange sitzend+ schlafen können? Ich meine, es würde gar nicht lange dauern, so wärest du heruntergepurzelt.
+Kurt+: Ja, das ist doch sehr einfach; der Vogel hat eben die langen Zehen und Krallen, mit denen er die Stange umgreift. Wenn wir die hätten, würden wir auch so schlafen können.
~Dr.~ E.: Was du schlau bist, mein Junge. Ich glaube, die Sache hat doch ihren Haken! Sieh, unsere Hände sind doch mindestens noch ebensogut zum Greifen eingerichtet wie die Krallen des Vogels. Nun denke dir, du solltest einen dünnen Stock, den du gut umgreifen kannst, auch nur eine Stunde lang fest in deinen Händen halten. Würdest du das wohl aushalten können?
+Kurt+: Eine Stunde lang möchte ich es wohl mal versuchen; aber freilich so unaufhörlich, wie der Vogel die Stange umklammert hält -- da würde mir am Ende doch wohl die Hand lahm werden.
~Dr.~ E.: Das ist sogar ganz sicher! Und zwar liegt der Grund in dem ganz allgemein gültigen Satz, daß +Muskeln+ nur verhältnismäßig kurze Zeit angespannt werden können und bald erschlaffen.
+Hans+: Papa, was sind denn eigentlich „Muskeln“? Mein Freund Wilhelm sagt, an den Armen hätten wir auch Muskeln, und die würden immer dicker, wenn man ordentlich turnt.
~Dr.~ E.: Da hat dein Freund Wilhelm ganz recht. Wir haben aber nicht bloß Muskeln an den Armen, sondern auch an den Beinen, am Kopf, am Rumpf, kurz überall; denn Muskeln sind weiter nichts als +mageres Fleisch+, und wenn wir ein Beefsteak essen, so essen wir eben Muskeln.
+Kurt+: Was hat denn das Fleisch aber mit der Kraft zu tun? Und wieso kann dasselbe angespannt werden, wenn ich den Stock in den Händen halte?
~Dr.~ E.: Das Fleisch, welches ja aus lauter einzelnen +Fasern+ besteht, wie ihr namentlich gut am gekochten Suppenfleisch beobachten könnt, besitzt im lebenden Zustande eine ganz merkwürdige Fähigkeit. Es vermag sich nämlich um einen Teil seiner Länge zu +verkürzen+, wobei es gleichzeitig entsprechend an Dicke zunimmt. Ihr könnt euch leicht davon überzeugen, wenn ihr z.❰B. den Unterarm gegen den Oberarm biegt. Ihr werdet dann finden, daß das Fleisch auf dem Oberarm ziemlich viel dicker wird. Diese merkwürdige Fähigkeit des Fleisches, sich ganz nach unserm Wunsch und Willen zusammenziehen zu können, ist die Ursache aller Kraft, die wir in uns fühlen, und die wir gegen unsere Umgebung äußern. Wenn ich jemandem die Hand drücke, so geschieht dies durch Zusammenziehen der mit den Fingerknochen in Verbindung stehenden Fleischmassen, und ebenso ist es, wenn ich den Hammer schwinge oder das Bein zum Gehen erhebe.
+Hans+: Aber die Gespenster bestehen doch bloß aus einem Knochengerippe und können doch auch gehen!
~Dr.~ E.: Wenigstens in der Phantasie der Abergläubischen! Solche albernen Vorstellungen von dürren Knochenmännern, wie sie uns ja namentlich auch für den Gevatter Tod, den „Sensenmann“, geläufig sind, konnten eben nur entstehen zu einer Zeit, wo man von der Bedeutung des Fleisches als Ursache unserer Kraft noch gar keine Ahnung hatte. Heute weiß alle Welt, daß wir beispielsweise den Unterarm gegen den Oberarm nur biegen können, wenn wir dem Fleisch oder den Muskeln, welche beide Knochen verbinden, den Befehl erteilen, sich zusammenzuziehen, wodurch dann der Unterarm mit Hilfe des Ellenbogengelenks dem Oberarm genähert wird.
+Kurt+: Aber ich brauche doch gar nicht erst zu befehlen, wenn ich etwa ein Glas Wasser an den Mund bringen will.
~Dr.~ E.: Darin, daß du dies +willst+, liegt ja schon der Befehl. Hast du keinen Durst oder sonst kein Verlangen nach dem bereitstehenden Glase, so fällt es dem Arm gar nicht ein, sich danach auszustrecken. Der ganze Mechanismus zwischen unserm Willen und den Muskeln ist eben so vollendet eingerichtet, daß der bloße Gedanke schon genügt, die für die Ausführung unseres Vorhabens geeigneten oder zweckmäßigen Bewegungen hervorzurufen. -- Wenn wir gehörig ausgeruht und frisch sind, kann das Zusammenziehen des Fleisches oder der Muskelfasern mit großer Kraft erfolgen, so daß wir z.❰B. beim Biegen des Armes eine recht erhebliche Last mit emporzuheben vermögen. Lange aber hält das Fleisch diese starke Zusammenziehung nicht aus; das Bedürfnis, wieder die gestreckte Form anzunehmen, wird stärker und stärker, so daß wir schließlich die Last und den Arm sinken lassen müssen. Man sagt dann, der Muskel ist +ermüdet+, und er bedarf erst wieder einer Zeit der Ruhe, bis er aufs neue mit der alten Kraft sich verkürzen kann. Es dünkt euch doch wohl nur eine kleine Arbeit, den Arm eine halbe Stunde lang wagerecht zu halten; ich glaube aber fast, daß er euch schon nach einer Viertelstunde wie Blei heruntersinken wird.
+Fritz+: Der Hauptsache nach habe ich dies alles schon von unserm Lehrer gehört; um so neugieriger aber bin ich nun, inwiefern der Vogel mit seinen Zehen immer und sogar im Schlafe die Stange umklammern kann, ohne zu ermüden.
[Sidenote: Muskeln. Sehnen. Teile des Vogelbeins]