Naturstudien im Hause

Part 6

Chapter 63,574 wordsPublic domain

~Dr.~ E.: Um das zu verstehen, müssen wir uns zunächst klarmachen, daß das magere Fleisch sich meist nicht direkt an die Knochen ansetzt, sondern in der Regel mit Hilfe langer, fester Stränge, die man +Sehnen+ nennt. Seht eure Hand und eure Finger an; es ist nur recht wenig Fleisch daran im Verhältnis zu der großen Kraft, die wir in den Fingern haben. Das kommt daher, daß die Muskeln, welche das Biegen und Strecken der Finger besorgen, gar nicht an der Hand sitzen, sondern am Unterarm, der deshalb so dick und fleischig ist. Von diesen Muskeln ziehen lange Sehnen oberhalb und unterhalb der Handfläche bis in die äußersten Fingerspitzen. Es werden die Finger also gewissermaßen aus der Ferne gelenkt, wie die Beine des Hampelmanns durch den Bindfaden. Ihr könnt euch hiervon leicht überzeugen, wenn ihr etwa mit der linken Hand den Unterarm der rechten Hand etwas unterhalb des Ellenbogens umgreift und nun die Finger der rechten Hand zu einer Faust ballt. Nicht wahr, ihr fühlt, wie außerordentlich stark sich dann die Fleischmassen, die hier in der Nähe des Ellenbogens sitzen, zusammenziehen: Ein Beweis, daß sie es sind, welche das Krümmen der Finger bewirkt haben. Da die Sehnen sich nicht zusammenziehen und einfach wie Stricke wirken, an denen gezogen wird, so können sie auch +nicht ermüden+, wie das Fleisch, und wenn wir dies im Auge behalten, so werden wir auch mit dem Rätsel des nie ermüdenden Vogelbeins bald im klaren sein. Ein Vogelfuß ist ja noch viel dürrer als eine Menschenhand; er besitzt, nebst seinen Zehen, nicht die geringste Spur von Fleisch. Ihr werdet euch also schon vorstellen können, daß auch hier das Krümmen der Zehen vermittels langer Sehnen geschieht, deren zugehörige Muskeln weiter oben am Beine sitzen. Bis so weit ist alles ziemlich einfach und ganz ähnlich, wie an unsern Händen und Füßen. Jetzt aber kommt ein etwas schwieriger Punkt, zu dessen Verständnis wir uns die einzelnen Teile des Vogelbeins und deren Winkelstellung ins Gedächtnis zurückrufen müssen. Wir wollen hierzu diese Abbildung eines Vogelbeins zu Hilfe nehmen. Seht, dieser oberste Teil, der sich an das Becken ansetzt und für gewöhnlich gar nicht zu sehen ist, höchstens an einem gerupften Vogel, ist der +Oberschenkel+. Den zweiten Abschnitt, den man fälschlicherweise meist als Keule bezeichnet, z.❰B. bei einer gebratenen Gans, bildet der sehr fleischige +Unterschenkel+, und nun folgt der Fuß, der wieder aus dem langen, dürren, mit Schuppen besetzten +Lauf+ und aus den Zehen besteht. Zwischen Ober- und Unterschenkel befindet sich das +Knie+gelenk, zwischen Unterschenkel und Lauf das +Fersen+gelenk, und diese Gelenke ermöglichen es, daß die einzelnen Teile in verschiedenem Winkel zueinander gestellt werden können, und zwar um so mehr, je mehr der Vogel eine geduckte, in sich zusammengesunkene Stellung einnimmt.

+Kurt+: O, das Vogelbein haben wir sehr genau in der Schule durchgenommen. Ich weiß auch, daß der Lauf den sogenannten Fußwurzel- und Mittelfußknochen des Menschen entspricht.

~Dr.~ E.: Nun gut, so ungefähr wenigstens. Jetzt wollen wir die Anordnung der die Knochen gegeneinander bewegenden Muskeln betrachten. Was zunächst die eigentlichen +Zehenbeuger+ betrifft, so unterscheiden sie sich in ihrer Lage kaum von unsern Zehenbeugern. Sie verlaufen an der Unterseite der Zehen als lange Sehnen, die sich dann am Grunde des Laufes vereinigen und an dessen Rückseite einen Strang bilden, der schließlich am Unterschenkel in den zugehörigen Muskel übergeht. Die Zehen werden sich krümmen, sobald dieser Muskel durch Zusammenziehen einen Zug auf die Sehne ausübt. Allein -- und dies ist die interessante Einrichtung, auf die ich euch aufmerksam machen wollte -- diese Sehne des Zehenbeugers kann noch auf eine +zweite+ Art in Bewegung gesetzt werden, da sie an der Hinterseite des Laufes mit der äußerst langen Sehne eines andern Muskels zusammengewachsen ist, der, vom Hinterrande des Beckens kommend, als Sehne +vorn+ über das Kniegelenk verläuft, und dann um den Unterschenkel sich herumwindend, an der +Hinterseite+ des letztern und des Laufes herabzieht. Nimmt nun der Vogel eine hockende Stellung ein, d.❰h. wird das Knie stark gebeugt, so wird dadurch die lange, über das Kniegelenk herabziehende Sehne +straffer+ gespannt, und sie übt somit auch einen Zug auf die Sehne des +Zehenbeugers+ aus, mit der sie verwachsen ist. Die Zehen werden demnach lediglich durch das Beugen der Knie gekrümmt, ohne daß irgendein Muskel dabei in Frage käme. -- Die Sache ist ein wenig schwierig; so ungefähr aber werdet ihr mich ja wohl verstanden haben.

+Kurt+: Ja, ich denke mir die Sache so ähnlich wie mit unsern Hosen: Wenn wir uns in die Knie setzen, so werden sie vorn über dem Knie straff gezogen und unten werden sie kürzer.

~Dr.~ E.: Ei sieh! Der Vergleich ist gar nicht so übel. Ein Strick oder ein Stück Tuch, welches zuerst zwischen zwei Punkten fast eine gerade Linie bildete, wird eben straff gespannt, wenn wir es zwingen, einen Winkel zu bilden. -- Jedenfalls werdet ihr jetzt eingesehen haben, daß der Vogel mit einem solchen Apparat bis in alle Ewigkeit auf seiner Stange sitzen könnte.

+Kurt+: Das sehe ich ein. -- Du wolltest uns ja aber auch noch sagen, warum der Vogel sich so aufgeblasen hat, wenn er schläft.

[Sidenote: Sträuben des Gefieders während des Schlafens]

~Dr.~ E.: Davon weiß ich kein Wort. Ich habe nur bezweifelt, daß ihr aus diesem Sichaufblähen schließen könntet, daß der Vogel schläft. Oder tun wir vielleicht dasselbe, wenn wir zur Ruhe gehen?

+Fritz+: Nein, das natürlich nicht. Aber man sieht es doch immer beim Vogel, wenn er schläft, oder wenn er krank ist.

~Dr.~ E.: Wenn du dich einfach auf die Beobachtung berufst, so muß ich dir wohl recht geben. Aber man sollte doch meinen, daß auch wir irgend etwas täten, was dem Aufblähen des Gefieders für die Zeit der Nachtruhe zu vergleichen wäre?

+Kurt+: Aufblähen des Gefieders? Wie sollten wir das denn nur anfangen!

~Dr.~ E.: Nun ja, Kurt, das Federsträuben müssen wir schon hübsch bleiben lassen. Allein, wißt ihr denn gar keinen Grund anzugeben, warum der Vogel diese seltsame Nachttoilette macht?

+Kurt+: Vielleicht will er sich größer machen, wie der Frosch, der sich aufbläst?

+Fritz+: Nein, das würde doch keinen Zweck haben. Aber vielleicht friert ihn?

~Dr.~ E.: Friert ihn? Was sollte denn dabei das Sträuben der Federn nützen? Wird er etwa dadurch wärmer?

+Fritz+: Das kann man doch wohl behaupten. Wir haben neulich in der Physik gehabt, daß Luft ein schlechter Wärmeleiter ist, und daß man deshalb eine ruhende Luftschicht häufig anwendet, um die Wärme zurückzuhalten, wie z.❰B. bei den Doppelfenstern. Da soll es nicht sowohl das dünne Glas, sondern die dazwischen liegende Luftschicht sein, die das Zimmer warm erhält. Wenn nun der Vogel die Federn sträubt, d.❰h. sie weiter vom Körper abhält, so vergrößert er dadurch die ruhende Luftschicht um seinen Körper, so daß seine eigene Wärme nicht so schnell an die Umgebung abgegeben wird.

[Sidenote: Sträuben des Gefieders. „Gänsehaut“]

~Dr.~ E.: Bravo, Fritz. Es freut mich, daß du dich nicht irre machen ließest. Deine Erklärung ist vollkommen zutreffend, und jetzt wird mir auch Kurt sagen können, ob wir denn wirklich beim Schlafengehen gar nichts tun, was dem Sträuben des Gefieders beim Vogel entspricht.

+Kurt+: Ach, dann meinst du wohl das +Zudecken+?

~Dr.~ E.: Nun siehst du! Da wir keine eigenen Federn haben, so nehmen wir einfach die von unsern Gänsen und schaffen uns damit eine ebensolche Wärme zurückhaltende Schicht, wie sie die Vögel an ihrem Körper selbst herstellen. Ein Vogel führt also gewissermaßen sein Deckbett immer bei sich, so daß er es jeden Augenblick benutzen kann, wenn ihn friert.

+Kurt+: Aber warum friert ihn denn immer des Nachts?

~Dr.~ E.: Na, Kurt, ich denke, das ist doch eine recht kindliche Frage! Erstens solltest du wissen, daß es nachts immer kühler ist als am Tage, wo die Sonne scheint, und zweitens entwickelt der Körper während der Ruhe lange nicht so viel Wärme, wie während der Bewegung. Wenn du tüchtig gelaufen bist, wirst du bekanntlich so heiß, daß du wie eine Kirsche aussiehst, und wenn du eine Nacht hier auf der Stubendiele schlafen wolltest, so würdest du schon merken, wie dir morgens beim Aufwachen die Zähne klappern. Das alles ist sehr einfach, denn die Wärme unseres Körpers wird eben durch die Arbeit, die er leistet, hervorgerufen. Ist letztere groß, so entsteht viel Wärme, ist sie klein, wie im Schlaf, so entsteht weniger, und wir müssen diese geringere Wärmemenge dann durch bessere Schutzmittel, also durch Zudecken, zu erhalten suchen.

Ich möchte indes, da wir gerade von dem Sträuben des Gefieders gesprochen haben, doch noch die eine Frage an euch richten, wie dieses Sträuben wohl vor sich gehen mag.

+Fritz+: Da es sich um eine +Bewegung+ der Federn handelt, so werden dazu auch wohl Muskeln nötig sein.

~Dr.~ E.: Gut geraten, Fritz. Wenn wir die Sache genauer untersuchen, so finden wir kleine Muskelbündel, welche in der Haut liegen und sich an den Grund der Federn ansetzen. Durch ihr Zusammenziehen wird der Schaft der Feder, der schräg aus der Haut herausragt, mehr gerade gerichtet, so daß die Federn steiler zu stehen kommen. -- Übrigens hatte Kurt vorhin gar nicht so unrecht, wenn er meinte, daß die Vorrichtung bei passender Gelegenheit dazu benutzt werde, sich größer zu machen. Fast alle Vögel sträuben ihr Gefieder auch, wenn sie einem +Feinde+ gegenüberstehen, und zwar, wie wir annehmen, weil sie demselben auf diese Weise mehr Respekt einflößen.

+Kurt+: Aber machen die Igel und die Stachelschweine es nicht ebenso?

~Dr.~ E.: Gewiß, Kurt. Im wesentlichen haben wir es hier mit derselben Erscheinung zu tun; nur daß diese Tiere durch das Sträuben ihrer Stacheln nicht bloß größer werden, sondern in den starren Borsten zugleich auch Waffen gewinnen. -- Doch, da dir der Vergleich mit diesen beiden Säugetieren eingefallen ist, so möchte ich wohl weiter fragen, ob du nicht auch bei Menschen eine Erscheinung kennst, die wir dem Sträuben des Gefieders vergleichen können.

+Kurt+: Ich weiß nicht recht. Man spricht ja immer vom Sträuben der Haare bei Furcht oder Schreck; ich habe es aber noch nie gesehen, und ich dachte, das wäre wohl Unsinn.

~Dr.~ E.: O nein, mein Junge, das Haarsträuben gibt es ganz buchstäblich, und dir haben sicher die Haare schon viel öfter zu Berge gestanden als du denkst.

+Kurt+: Nein, Vater, ganz gewiß nicht.

~Dr.~ E.: So? Wie war es denn neulich beim Baden, als es schon so kalt war, daß ich euch eigentlich nicht hinlassen wollte? Hast du denn gar nichts bemerkt, als du zitternd aus dem Wasser kamst?

+Kurt+: O doch, da habe ich eine gehörige +Gänsehaut+ gekriegt!

~Dr.~ E.: Aha, da haben wir’s ja! Sieh, diese Gänsehaut war weiter nichts als das Sträuben des Gefieders beim Vogel und der Stacheln beim Igel. Deine Härchen auf der Haut sind nur so klein, daß du es gar nicht bemerktest, wie sie sich aufrichteten. Die kleinen Muskelfasern in der Haut aber hatten ihre Schuldigkeit getan und hatten sich um jedes Härchen zu einem kleinen Höckerchen zusammengezogen. Denn dieses höckerige Aussehen der Haut nennt man ja eben die „Gänsehaut“.

+Fritz+: Aber die „Gänsehaut“ hängt doch nicht von unserem Willen ab?

~Dr.~ E.: Nein, darin hast du recht. Wir können sie allerdings wohl ziemlich willkürlich hervorrufen, wenn wir an etwas recht Kaltes, recht Saures oder recht Furchtbares denken; aber direkt können wir die Haare nicht sträuben. Ob das indes der Vogel so ganz nach Belieben kann, oder ob nicht auch bei ihm gewisse Empfindungen voraufgehen müssen, dürfte recht schwer zu entscheiden sein.

Warum steckt denn aber der Vogel den Kopf zwischen die Flügel, wenn er schlafen will?

+Fritz+: Sollte er vielleicht den Kopf noch besonders wärmen wollen?

~Dr.~ E.: Möglich ist es, daß auch das Wärmebedürfnis hierbei eine Rolle spielt. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber hat diese Gewohnheit noch einen andern Grund. Es ist eine bekannte Tatsache, daß wir das Einschlafen beschleunigen können, wenn wir die Bettdecke über das Gesicht ziehen. Wir atmen dann einen Teil der eben ausgeatmeten kohlensäurereichen Luft direkt wieder ein; deshalb gelangt durch Mund und Nase weniger Sauerstoff in die Lungen und in das Blut, und das arbeitende Gehirn wird leichter beruhigt. Demnach ist anzunehmen, daß auch beim Vogel dieses Verstecken des Kopfes zwischen die Flügel dazu dient, den Schlaf schneller herbeizurufen und ihn tiefer zu machen. -- Übrigens scheint ihr es gar nicht weiter verwunderlich zu finden, daß der Vogel so ganz einfach seinen Kopf zwischen die Flügel steckt.

+Kurt+: Aber das können doch alle Vögel!

~Dr.~ E.: Freilich können sie es alle; aber hört denn die Sache darum auf, weniger seltsam zu sein? Versuche du es doch einmal, deinen Kopf hinten auf den Rücken zu legen.

+Kurt+: Ja, das ist nicht möglich, weil unser Hals zu kurz ist.

~Dr.~ E.: Nun, dann bitte mal eine Giraffe, daß sie es tut. Deren Hals ist doch wohl noch etwas länger als der eines Kanarienvogels.

[Sidenote: Beweglichkeit des Halses der Vögel. Folgen derselben]

+Fritz+: Der Hals der Säugetiere ist nicht so +biegsam+, wie derjenige der Vögel.

~Dr.~ E.: Sehr richtig! Und nun entsteht die weitere Frage: Wodurch wird die größere Biegsamkeit beim Halse des Vogels hervorgerufen?

+Kurt+: Ach, das weiß ich! Der Hals der Säugetiere besteht nur aus 7-8 einzelnen Wirbeln, und diese sind meist durch Knorpelscheiben miteinander verwachsen; der Hals der Vögel aber hat bis zu 22 Wirbel, und diese sind durch wahre Gelenke gegeneinander verstellbar.

~Dr.~ E.: Es freut mich, Kurt, daß du so gut in der Schule aufgepaßt hast. Diese wahren Gelenke der Wirbel des Vogelhalses sind übrigens ganz eigenartig. Ihr solltet sie einmal präparieren, wenn Mama wieder ein Huhn oder eine Gans für die Küche besorgt hat. Die Wirbel sind nämlich nicht in jeder Richtung gegeneinander beweglich, sondern nur nach zwei rechtwinklig zueinander geneigten Richtungen, etwa so, wie ein Reiter im Sattel sich nach vorn und hinten, sowie nach rechts und links biegen kann. Die Gelenke führen daher auch den Namen Sattelgelenke. Ihnen vor allem verdankt der Vogelhals seine große Biegsamkeit, abgesehen davon, daß auch der Kopf viel beweglicher auf dem Halse befestigt ist als beim Säugetier. -- Wissen aber möchte ich nun noch, weshalb wohl Säugetiere und Vögel eine so auffallende Verschiedenheit im Bau ihres Halses zeigen.

+Fritz+: O, das ist doch klar! Der Vogel soll mit seinem Schnabel die Nahrung vom Boden picken, sich verteidigen und sein Nest bauen, und darum muß der Kopf so beweglich sein.

~Dr.~ E.: Ja, warum muß er denn das alles mit dem Schnabel machen?

+Kurt+: Womit sollte er’s denn sonst machen? Er hat ja keine Hände!

~Dr.~ E.: Na, das ist nun etwas über das Ziel hinausgeschossen, denn die Hunde, Schweine, Pferde usw. haben auch keine Hände. Aber im Grunde hast du recht. Die Vögel gleichen gewissermaßen einem Menschen, dem beide Arme fehlen, und der daher sehen muß, wie er sich mit seinen Füßen und seinem Munde behelfen kann. Denn die +Flügel+ sind als Apparate zum Greifen, Festhalten, Scharren, Graben, Klettern und was sonst noch alles mit den Vorderbeinen von den Säugetieren geschieht, völlig untauglich geworden. Dafür haben sie denn allerdings die schönste Kunst eingetauscht, die von jeher den Neid der Menschen erregt hat, die Kunst des +Fliegens+.

+Hans+: Aber sag’ mal, warum haben denn die Vögel außer den Flügeln nicht doch noch Arme?

+Kurt+: O Hans, das ist doch klar! +Alle+ Wirbeltiere haben eben nur vier Beine, zwei vordere und zwei hintere. Bei den Vögeln entsprechen die Flügel den Vorderbeinen, wie man aus den Knochen noch deutlich erkennen kann. Es wäre also gar nicht zu begreifen, wo nun plötzlich noch ein zweites Paar Vorderbeine herkommen sollte.

+Fritz+: Ich finde es erstaunlich, Vater, wie gut die Vögel mit Hilfe ihres beweglichen Halses die schwere Aufgabe lösen, ohne Benutzung der vorderen Gliedmaßen auszukommen. Man sollte daher meinen, eine größere Beweglichkeit des Halses müßte auch für die Säugetiere immerhin noch von großem Nutzen sein.

~Dr.~ E.: Die Sache hat doch auch sehr ihre zwei Seiten. Je länger der Hals und je zahlreicher seine Glieder, desto größere +Muskelkraft+ wird natürlich erfordert, den schweren Kopf an dessen Ende im Gleichgewicht zu erhalten. Denkt euch nur einmal den Kopf eines Hirsches oder Ochsen auf einem langen beweglichen Schwanenhalse! Der Vogel hat denn auch die große Beweglichkeit seines Halses mit einem sehr empfindlichen Verlust bezahlen müssen, an den ihr sicherlich nicht denken werdet.

+Kurt+: Meinst du, daß er keine Hörner hat?

~Dr.~ E.: Das wäre am Ende nicht so schlimm, denn die Raubtiere, Nagetiere, Affen usf. haben ja auch keine Hörner. Nein, der Verlust, von dem ich spreche, erscheint viel bedenklicher: dem Vogel sind seines Halses wegen die +Zähne+ abhanden gekommen.

+Fritz+: Ist das wirklich dein Ernst, Vater? Was haben denn die Zähne mit dem langen Halse zu tun?

~Dr.~ E.: Sehr viel, mein Junge. Um Zähne gehörig benutzen zu können, bedarf es kräftiger Knochen, auf welche sie sich stützen, und ebenso kräftiger Muskeln, durch welche sie gegeneinander bewegt werden. Wollen wir eine harte Nuß knacken, so nehmen wir dazu einen festen, eisernen Nußknacker. Wäre dies Instrument in derselben Dicke von Holz, so würde nicht die Nuß, wohl aber der Nußknacker beim Gebrauch zerbrechen. Von Holz müßte er eben bei weitem dicker und stärker sein. Gerade so ist es mit unsern Kiefern, die ja genau wie ein Nußknacker wirken. Sie müssen zum mindesten so stark gebaut sein, daß sie beim Zermalmen der Nahrung sich nicht biegen oder gar brechen, und sie müssen eine bedeutende Größe besitzen, um Platz für den Ansatz der dicken Muskeln zu bieten, durch welche sie bewegt werden. Beide Bedingungen sind aber nicht erfüllbar, ohne daß diese Knochen verhältnismäßig schwer werden, wie wir dies am Schädel der Säugetiere beobachten. Muß nun, infolge der größeren Länge und Beweglichkeit des Halses, der Kopf durchaus erleichtert werden, und geschieht dies mit auf Kosten der Kieferknochen, so ist es mit der Beißkraft vorbei, und die Zähne haben dann natürlich auch keinen Zweck mehr. So ist es gekommen, daß die Vögel im Laufe der Zeiten die Zähne verloren haben -- früher hatten sie nämlich welche --, und daß die gesamten Knochen ihres Schädels eine so große Leichtigkeit erlangten, daß es kaum etwas Zierlicheres geben kann.

+Kurt+: Aber die Vögel müssen doch kauen, was sie essen!

~Dr.~ E.: Die Fleischfresser haben das wohl kaum nötig, wie wir an den Raubtieren und den Schlangen sehen, die ja auch nicht kauen. Wohl aber die Körnerfresser. Nun, für diese hat sich ein ganz wunderbarer Ersatz gefunden, den man eigentlich nur beim Menschen vermuten sollte: sie bedienen sich nämlich +falscher+ Zähne.

+Kurt+: Ach, jetzt machst du Scherz! Ein Vogel mit falschem Gebiß wäre doch zu komisch.

[Sidenote: Kaumagen der Körnerfresser]

~Dr.~ E.: Und doch verhält es sich so, wie ich sage. Freilich sitzen diese falschen Zähne nicht im Munde, wie du wohl vermutet hast. Im Schnabel können die Körner nicht zerkleinert werden; so ist denn das eigentliche Kaugeschäft direkt in den +Magen+ verlegt. Die Wände desselben sind demzufolge nicht dünn, wie bei uns, sondern +dick+ und +fleischig+, wie ihr das sehr schön am Gänsemagen sehen könnt. Innen ist der Magen mit starken +Horn+platten belegt, welche mit Hilfe der Muskelwände gegeneinander gerieben werden. Bis soweit ist alles in Ordnung und von künstlichem Gebiß keine Rede. Jetzt aber kommt das Drollige. Die Hornplatten scheinen die Aufgabe des Zerreibens der Körner so für sich allein doch nur mangelhaft ausführen zu können. Darum sucht der Vogel sich +Kieselsteine+ und verschluckt sie. Diese spielen nun im Magen die Rolle unserer Zähne oder, wenn ihr lieber wollt, von Mühlsteinen, zwischen denen das Korn mit Hilfe der Muskelwände und der Hornplatten zerrieben wird.

+Fritz+: Dann ist also der Strauß gar nicht so dumm, wie man immer meint, wenn er Glas und Kieselsteine frißt.

~Dr.~ E.: Nein, es ist nur der Unverstand der Menschen, der ihn deswegen lächerlich machen will. Hat man doch beobachtet, daß ein gefangener Strauß, trotz reichlicher Nahrung in seinem Magen, verhungern mußte, weil man auf dem Schiff nicht daran gedacht hatte, ihm das nötige Kauwerkzeug, also Kieselsteine, mit in seinen Käfig zu geben.

+Kurt+: Das hätte ich aber doch nicht gedacht, daß an einem Vogel noch so vieles zu lernen wäre!

~Dr.~ E.: Das nennst du schon „vieles“? Ich meine, was wir besprachen, bezog sich doch eigentlich nur auf die Absonderlichkeiten, die unser +schlafender+ Kanarienvogel darbot. Wollten wir auch seinen übrigen Körper, seine Flügel, Augen, Ohren, seine Stimme und seine inneren Organe näher betrachten, wir würden noch ungleich mehr finden, was eure Verwunderung erregen würde. Doch davon vielleicht ein andermal. Am Ende klingen unserm armen Hänschen schon die Ohren, daß wir soviel von ihm gesprochen haben.

Sechster Abend.

~Dr.~ E.: Nun, Kurt, wie steht’s? Habt ihr eure Schlittschuhe schon bereit gemacht? -- Ich glaube, wenn es so weiter friert wie heute abend, haben wir in zwei Tagen Schlittschuhbahn.

+Kurt+: Ja, Vater; es waren vorhin schon über zwei Grad Kälte. Sollten wir da nicht lieber unsere Blumen in die Wohnstube nehmen? Sie stehen noch alle im Balkonzimmer.

~Dr.~ E.: Nein, Kurt, laß sie nur ruhig, wo sie sind. Bis zum Gefrierpunkt sinkt die Luft im Balkonzimmer nicht, und da ist es den Pflanzen besser, sie stehen kalt, als im geheizten Wohnzimmer.

+Fritz+: Du meinst wohl wegen des Leuchtgases und der schädlichen Ofenausdünstungen?

~Dr.~ E.: Die kommen selbstverständlich mit in Betracht. Doch auch schon die Wärme an sich ist ihnen wenig zuträglich.

+Fritz+: Aber die Pflanzen brauchen doch Wärme zu ihrer Entwicklung!

~Dr.~ E.: Das wohl; indes was im Sommer günstig und unentbehrlich ist, kann deshalb im Winter doch großen Schaden anrichten.

+Fritz+: Wie ist das zu verstehen, Vater?

~Dr.~ E.: Das soll heißen, daß die Pflanze zum Wachsen nicht bloß +Wärme+, sondern auch +Licht+ nötig hat. Letzteres ist aber im Winter nicht genügend vorhanden.

+Fritz+: Wenn das ist, so begreife ich wohl, daß die Wärme allein nichts nützt; aber warum sie nun noch obendrein +schädlich+ sein soll --?

[Sidenote: Bedeutung von Licht und Wärme für die Pflanze]