Naturstudien im Hause

Part 4

Chapter 43,471 wordsPublic domain

~Dr.~ E.: Wenn du dir das nicht denken kannst, so könnten wir es ja einmal ausprobieren. Wir stellen uns zunächst eine gesättigte Kochsalzlösung her, indem wir 350 Gramm Salz in einem Liter Wasser auflösen. Diese Lösung gießen wir dann in eine flache Schale, welche das Tote Meer darstellt, und warten nun ab, was geschehen wird, wenn ein Teil des Wassers verdampft ist. Ich denke, am nächsten Sonntag werden wir schon etwas daran sehen können.

+Fritz+: Das kann man sich doch auch so vorstellen, was dann geschehen wird: Wenn nicht mehr genug Wasser da ist, um alles Kochsalz aufzulösen, so muß voraussichtlich ein Teil +zu Boden fallen+, ganz so, als wenn wir gleich anfangs zu viel Salz ins Wasser geworfen hätten.

~Dr.~ E.: Nun, wir werden das ja am nächsten Sonntag feststellen. Im allgemeinen aber hast du recht. Ein Teil des Salzes fällt zu Boden und bildet hier eine Kruste, die natürlich immer dicker wird, je mehr das Wasser abnimmt. Schließlich kann, beim Versiegen aller Zuflüsse in der heißen Jahreszeit, auch der letzte Rest des Wassers verdampfen, und wir haben es dann mit ausgedehnten Salzkrusten auf dem trockenen Erdboden zu tun, wie solche als Wüsten- oder Steppensalz in den heißen Ländern vielfach bekannt sind. Auch das Tote Meer hat auf seinem Grunde sicher schon eine beträchtliche Kruste von Salz abgelagert, wie aus gewissen Beobachtungen zu schließen ist. Da aber hier die Zuflüsse, die Sand und Schlamm mit sich führen, nicht völlig fehlen, so leuchtet ein, daß neben dem Salz auch Sand, Ton und Schlick auf dem Grunde sich absetzen werden. Wenn ihr nun bedenkt, daß diese Zuflüsse zur Regenzeit viel Wasser und Schlamm bringen, im Sommer aber fast oder ganz austrocknen und das unter der Sonnenglut verdunstende Meerwasser nicht ergänzen können, so folgt daraus, daß immer abwechselnd +Tonschlamm+ während der +Regenzeit+ und Salz während der +trockenen+ Jahreszeit am Boden sich niederschlagen werden. Dies wird durch Jahrtausende sich so lange wiederholen, bis schließlich, wenn aus irgendeinem Grunde die Zuflüsse mehr und mehr versiegen, das Tote Meer eines Tages völlig +ausgetrocknet+ ist. Ihr seht ein, daß dann die ältesten Salzschichten vielleicht schon viele Hundert Meter unter Schlamm, Erde und Ton begraben liegen, d.❰h. also so tief, daß das gewöhnliche Regenwasser, das nun aus den oberen Schichten das Salz allmählich wieder auflöst und fortführt, sie lange nicht mehr erreichen kann. Bohrt dann nach vielleicht abermals vielen Jahrtausenden an der Stelle des ehemaligen Meeres der Mensch ein Loch in die Tiefe, so stößt er nach Durchdringung dicker Ton-, Gips- und Sandlagen schließlich auf Schichten, die aus reinem Salz bestehen, und man sagt: Es ist ein +Steinsalzlager+ erbohrt worden.

+Fritz+: Dacht’ ich mir’s doch, daß du uns schildern wolltest, wie ein Steinsalzlager entsteht. -- Solche Lager kommen dann wohl nur in heißen Gegenden vor?

~Dr.~ E.: Nicht doch, Fritz. Wir haben davon auch in Deutschland eine ganze Menge, die zum Teil sehr umfangreich und mächtig sind. Am berühmtesten sind die von Sperenberg bei Berlin und von Staßfurt bei Magdeburg, wo eine reine Salzschicht von mehreren Hundert Meter Dicke gefunden wurde.

+Fritz+: Wird denn aus dem Meer auch Salz gewonnen?

~Dr.~ E.: O ja, in ziemlich großer Menge, wenn auch nicht gerade in Deutschland.

+Kurt+: Warum denn nicht bei uns?

~Dr.~ E.: Erstens haben wir schon Steinsalz genug, und zweitens ist bei uns zu viel Regen und zu wenig Sonnenschein.

+Kurt+: Du meinst, daß durch zu viel Regen das Meerwasser zu sehr verdünnt wird?

~Dr.~ E.: Aber Kurt! Du solltest dir doch nun eigentlich allein ausdenken können, in welcher Weise das Salz aus dem Meere gewonnen werden muß, nachdem ich euch erzählt habe, wie es die Natur macht?

+Kurt+: Man kann doch nicht ein ganzes Meer austrocknen?

~Dr.~ E.: Nein, gewiß nicht. Und nun weißt du weiter keinen Rat?

+Fritz+: Man wird wohl einzelne Buchten vom Meere absperren?

~Dr.~ E.: Oder, was dasselbe ist, man wird große flache +Bassins+ in der Nähe des Meeres anlegen, sogenannte „+Salzgärten+“, und diese durch Schleusen mit dem Meere verbinden. Sind diese Bassins voll Wasser gelaufen, so schließt man die Schleusen und läßt nun das Wasser verdunsten, bis das Salz sich niederschlägt. Es ist klar, daß dies nur dort geschehen kann, wo es wenig regnet, und wo die Sonne so warm scheint, daß das Wasser in den Bassins sich bald in Dampf verwandelt, denn sonst würde sich die ganze Anlage wohl schwerlich lohnen. In Südfrankreich und den Mittelmeerländern ist dieses Verfahren ziemlich häufig in Anwendung.

+Kurt+: Dann kann man bei uns also nur Steinsalz gewinnen?

~Dr.~ E.: Das will ich denn doch nicht gesagt haben. Vielmehr kommt bei uns sehr viel Salz in den Handel, das wieder auf ganz andere Art gewonnen wurde.

+Fritz+: Noch auf eine andere Art? Ich dachte, es gebe bloß Steinsalz und Seesalz.

[Sidenote: Salinen. Gradierwerke]

~Dr.~ E.: Nein, es gibt auch +Salinensalz+. Ich habe euch vorhin erzählt, daß die Steinsalzlager in der Regel so tief liegen und so gut durch Tonschichten geschützt sind, daß das Regenwasser sie nicht erreichen kann. Denkt euch aber mal, eine +Quelle+ im Innern der Erde geriete doch in eine salzführende Schicht oder in ein ganzes Salzlager hinein; was wird die Folge sein?

+Kurt+: Natürlich wird das Salz sich auflösen.

~Dr.~ E.: Und die Quelle, wenn sie nun irgendwo aus dem Boden hervorsprudelt?

+Kurt+: Die wird salzig schmecken.

~Dr.~ E.: Das heißt mit andern Worten: Wir werden das haben, was man eine +Salz-+ oder +Solquelle+ nennt.

+Fritz+: Richtig! Die werden gegen Rheumatismus und viele andere Krankheiten gebraucht. Die gibt’s ja in Thüringen und bei Halle und an vielen andern Orten.

~Dr.~ E.: Auch in Norddeutschland, z.❰B. bei Lüneburg, Stade und Segeberg, sind sie zu finden. Außer zu Heilzwecken werden diese Solquellen nun auch zur Salzgewinnung benutzt.

+Kurt+: Das sind dann wohl immer ganz gesättigte Lösungen, wenn sie direkt durch so ein Steinsalzlager geflossen sind?

~Dr.~ E.: Leider nicht. In der Regel ist ihnen, ehe sie an die Oberfläche kommen, aus andern oberflächlichen Schichten schon wieder so viel süßes Wasser zugeflossen, daß sie vom Sättigungspunkte weit entfernt sind und häufig kaum mehr Salz enthalten als das Meerwasser.

+Fritz+: Aber dann muß man das überflüssige Wasser doch auch erst verdampfen lassen, wie beim Meerwasser.

~Dr.~ E.: Selbstverständlich; es geschieht dies jedoch auf eine andere Art, als in den südeuropäischen Ländern bei der Meersalzgewinnung. -- Wer sagt mir, wie’s gemacht wird?

+Kurt+: Man könnte das Wasser in einer großen Pfanne durch Feuer zum Verdampfen bringen.

~Dr.~ E.: Das dürfte ein kostspieliges Vergnügen sein, denn Holz kostet Geld, und Salz ist billig. Freilich, wenn die Sole sehr stark und fast gesättigt ist, macht man es wirklich so, wie du sagst. Enthält sie aber nur wenige Prozent, so muß man erst auf billigere Weise das viele überflüssige Wasser wegzuschaffen suchen. Gibt es denn kein Mittel, die Verdunstung des Wassers zu beschleunigen?

+Fritz+: Außer der Wärme wüßte ich keins.

~Dr.~ E.: Nun, wir wollen sehen. Wenn ich dieses Glas mit Wasser fülle und es ruhig stehen lasse, wie lange wird es wohl dauern, bis es völlig verdunstet ist?

+Kurt+: Das ist schwer zu sagen; ich meine aber, 14 Tage würden wohl darüber hingehen.

~Dr.~ E.: Das glaube ich auch. Wenn ich nun dasselbe Wasser mit der Hand über das ganze Zimmer und den Vorplatz aussprenge, wird es dann ebenfalls 14 Tage dauern, bis es in Dampf verwandelt ist?

+Fritz+: Nein, das währt höchstens ein paar Stunden, dann ist alles aufgetrocknet.

~Dr.~ E.: Seht, und damit habt ihr das unbekannte Mittel, die Verdampfung des Wassers zu beschleunigen. Worin besteht es?

+Fritz+: Es liegt, wie mir scheint, darin, daß das Wasser +fein verteilt+ werden muß, wenn es schneller verdampfen soll. Dann kann die Luft viel besser ankommen.

~Dr.~ E.: Gut so, Fritz. Jetzt ist das ganze Verfahren leicht erklärt. In der Nähe der Salzquelle werden große Wände von +Reisig+ aufgeschichtet, und über diese läßt man die Sole langsam von Zweig zu Zweig herabrieseln. Mit großer Geschwindigkeit verdampft ein Teil des Wassers, und wenn man das Herabrieseln ein paarmal wiederholt hat, so ist der Salzgehalt verhältnismäßig so viel größer geworden, daß die Sole „+sudwürdig+“ ist, d.❰h., daß man sie nun in Pfannen über Feuer weiter verdampfen kann.

+Fritz+: Ach, solche Reisigwände haben wir schon mal von der Eisenbahn aus gesehen, als wir im vorigen Jahre in Thüringen waren. Du sagtest damals noch, das wären Gradierwerke; aber ich konnte nicht weiter danach fragen, weil du gerade mit einem fremden Herrn im Gespräch warst.

~Dr.~ E.: In der Tat führen die Reisigwände mit den zugehörigen Pumpen den Namen Gradierwerke, weil dadurch ein höherer +Grad+ von Salz in der Sole erreicht wird. Man sagt auch wohl, die Sole wird durch dieses Überrieseln des Reisigs „gradiert“. Immerhin ist die Menge Salz, die in den Gradierwerken gewonnen wird, gering gegen diejenige aus den Steinsalzbergwerken.

[Sidenote: Verwendung des Salzes]

+Hans+: +Brauchen+ denn die Menschen so furchtbar viel Salz zum Essen?

~Dr.~ E.: Nicht bloß zum Essen, Hans. Salz ist auch sonst einer der wichtigsten und unentbehrlichsten Stoffe für alle möglichen Gewerbsbetriebe. Daß es zum Konservieren des Fleisches und der Fische dient, weißt du ja schon, denn du hast mir vorhin selbst von den gesalzenen Heringen erzählt. Sodann wird es gebraucht zur Herstellung der Salzsäure, der Soda, des Chlors, des Salmiaks, bei der Seifenfabrikation, in der Gerberei, beim Glasieren der Tongeschirre, zum Düngen und zu vielen andern Zwecken.

+Kurt+: Ist es denn wirklich zum +Essen+ notwendig? Ich dachte, der Mensch brauche nur Nahrung aus dem Tier- und Pflanzenreich und keine Mineralien.

~Dr.~ E.: Das ist ein Irrtum. Das Kochsalz spielt im Körper eine sehr große Rolle; es bildet einen wichtigen Bestandteil unseres Blutes und liefert z.❰B. im Magen die für die Verdauung so wichtige +Salzsäure+. Auch der Schweiß und die Tränen schmecken bekanntlich deutlich salzig. Personen, denen man das Salz entzieht, werden bleichsüchtig und gehen schließlich zugrunde. Übrigens wißt ihr ja selbst, wie nüchtern und fade uns sehr bald die Speisen vorkommen, die nicht genügend von dieser Würze enthalten.

+Fritz+: Dann wundert’s mich, daß die +Tiere+ so ganz ohne Salz auskommen können. Die finden doch keins in der Natur, wenn sie nicht gerade an eine Salzquelle kommen.

~Dr.~ E.: Freilich, Bergwerke und Salzgärten können sie sich nicht machen. Da aber die +Pflanzen+ aus dem Erdboden Salz aufnehmen, das dann wieder mit der Pflanzennahrung in die Tiere übergeht, so ist klar, daß kein Tier ganz ohne Kochsalz zu leben braucht. Bei den Raubtieren scheint die Menge völlig zu genügen, welche sie mit dem Fleisch und namentlich mit dem gierig getrunkenen Blut ihrer Opfer in sich aufnehmen; bei den Pflanzenfressern jedoch zeigt sich in der Tat häufig ein sogenannter +Salzhunger+, und der Landmann macht daher seinen Kühen und Schafen durch Verabreichung von Salz eine ganz besondere Freude.

+Fritz+: Ja, vom +Viehsalz+ habe ich schon mal gehört. Ist denn das noch etwas anderes als das gewöhnliche Kochsalz?

~Dr.~ E.: Nur insofern, als es absichtlich durch Kohle, Eisenrost usw. verunreinigt wurde.

+Kurt+: Aber warum macht man denn das? Die armen Tiere könnten doch auch wohl reines Salz bekommen!

~Dr.~ E.: Da das Salz für alle Menschen unentbehrlich ist, so betrachtet der Staat es als eine vorzügliche Einnahmequelle, indem er von jedem Zentner Salz, der gewonnen wird, seine +Steuer+ erhebt. Das gilt indes nur für das zum Genuß für den +Menschen+ bestimmte Salz. Das Viehsalz und das in den Gewerben benutzte hingegen ist steuerfrei. Damit nun dieses billigere Salz nicht doch noch unrechtmäßigerweise seinen Weg in die Küche finde, wird es in der angegebenen Weise verunreinigt oder, wie man sagt, es wird „denaturiert“.

Doch nun habe ich euch genug vom Salz erzählt. Nächsten Sonntag werden mir Kurt und Hans ihre mineralogischen Entdeckungen im Hause vortragen. Dann wollen wir auch sehen, was aus unserm Toten Meer geworden ist, das wir jetzt gleich hier in dieser Glasschale zurechtmachen wollen.

Vierter Abend.

+Kurt+, ein Zigarrenkistchen mit allerlei Tüten drin aufklappend und auf den Tisch stellend: Vater, heute komme ich dran! Ich habe mir gleich meine ganze Mineraliensammlung mitgebracht, damit ich nichts vergesse.

~Dr.~ E.: Na, da bin ich neugierig. Dann packe nur mal aus mit deinen Funden.

[Sidenote: Alaun, Salpeter, Kreide]

+Kurt+: Mutter hat mir geholfen. Wir haben die ganze Küche und die Speisekammer abgesucht. Hier ist zuerst ein großes Stück +Alaun+.

~Dr.~ E.: Ja, ein sehr schönes Stück -- nur schade, daß es kein Mineral ist.

+Kurt+: Aber warum denn nicht? Es ist doch kein Tier und keine Pflanze.

~Dr.~ E.: Nein, aber ein +Kunst+produkt! Freilich findet sich Alaun hie und da, wenn auch selten, als Mineral in der Natur; was aber in den Handel kommt, ist ausnahmslos künstlich aus gewöhnlichem Ton hergestellt.

+Kurt+: O weh, dann wird meine Sammlung wohl sehr zusammenschmelzen. Hier ist ein Stück +Soda+ --

~Dr.~ E.: Ebenfalls Kunstprodukt. Wird jetzt meist aus Kochsalz gemacht, zuweilen auch wohl aus der Asche von Seepflanzen. Als natürliches Mineral ist es ungemein selten.

+Kurt+: Ach, dann wird es mit dem +Salpeter+ wohl ebenso sein!

~Dr.~ E.: Das ist noch nicht gesagt. Wenn es sogenannter +Kali+salpeter ist, wie ich vermute, könnten wir allerdings sicher sein, daß wir es abermals mit einem künstlichen Stoff zu tun haben. Der +Natron+salpeter hingegen ist so verbreitet, daß man ihn nicht erst künstlich darzustellen braucht.

+Fritz+: Ist das dasselbe wie der sogenannte Chilisalpeter, der aus Südamerika kommt?

~Dr.~ E.: Allerdings. Nur in diesen fast ganz regenlosen Gegenden konnte sich ein so leicht löslicher Stoff, wie es der Salpeter ist, in größeren Lagern halten. Bei uns und in unserm Klima sind alle solche leicht vom Regen aufgelösten und fortgespülten Mineralien, wie Alaun, Soda und Salpeter, eine reine Unmöglichkeit.

+Kurt+: Aber hier habe ich etwas, was sich nicht auflöst und was ja auch wohl bei uns vorkommen könnte, eine Tüte mit +Schlämmkreide+, die Doris zum Putzen gebraucht.

~Dr.~ E.: Beinah wäre die Schlämmkreide wahrhaftig ein Mineral! Hast du denn keine gewöhnliche Kreide zum Schreiben?

+Kurt+: Ich habe wohl ein Stückchen in der Tasche, aber das habe ich nicht im Hause gefunden, sondern aus der Schule mitgenommen.

~Dr.~ E.: Ei, ei! Also ein Vergreifen an fremdem Eigentum!

+Kurt+: Ach, es war nur ein ganz kleines Stückchen, das an der Erde lag und doch zertreten worden wäre.

~Dr.~ E.: Nun, diesmal will ich es noch deinem Sammeleifer zugute halten. -- Weißt du denn, woher die Kreide kommt?

+Kurt+: Ja, auf Rügen gibt es ganze Kreidefelsen, wie wir in der Geographie gelernt haben.

~Dr.~ E.: Ganz recht. Das ist eine der vielen Gegenden, in denen die Kreidefelsen zu Schreibkreide zerschnitten werden. Mächtige Kreidegebirge finden sich außerdem z.❰B. an der englischen und französischen Küste zu beiden Seiten des Kanals. Als besonders rein wird ferner die Kreide von der Insel Möen geschätzt.

+Fritz+: Warum ist denn die Schlämmkreide nur „beinah“ ein Mineral?

~Dr.~ E.: Weil sie in dieser Form, als feines weißes Pulver, doch nicht in der Natur vorkommt. Da muß die gewöhnliche Kreide erst zerstampft und mit Wasser angerührt werden. Das dadurch milchig gewordene Wasser läßt man dann im Klärbecken so lange ruhig stehen, bis sich die feinen Kreideteilchen zu Boden gesetzt haben. Getrocknet stellt das dann die Schlämmkreide dar.

+Kurt+: Wozu macht man denn das? Man kann doch die Kreide auch ohne Wasser zu Pulver zerreiben.

~Dr.~ E.: Dann hat man aber noch alle die Verunreinigungen der Kreide, wie kleine Kieselsteine usw. darin, und es wäre doch schade, wenn unser Messing beim Putzen durch diese harten Steinchen verschrammt würde.

[Sidenote: Bernstein. Meerschaum. Bimsstein. Lava. Vulkanische Asche]

+Kurt+: Ja, das sehe ich ein. -- Hier habe ich dann noch mancherlei; ich hätte gar nicht gedacht, daß ich so vieles zusammenbringen würde. Sieh, hier ist ein Stück Bernstein von Mamas Halskette, ein Stück Meerschaum von einem Pfeifenkopf und ein Stück Bimsstein, das Doris zum Waschen gebraucht.

~Dr.~ E.: Da könnten wir ja den ganzen Abend drüber reden, und Hänschen will doch auch noch gehört werden! -- Der +Bernstein+ ist das Harz vorweltlicher Tannen, das hauptsächlich in Ostpreußen in der Nähe des Seestrandes und im Sande des Meeres selbst sich findet. Der +Meerschaum+ ist ziemlich selten und wird namentlich in Kleinasien bergmännisch gewonnen. Der +Bimsstein+ indes ist weit verbreitet, da er zu den sogenannten Auswurfstoffen fast aller Vulkane gehört.

+Kurt+: Wovon ist er denn so löcherig und so leicht, daß er einem gar nicht wie ein Stein vorkommt?

~Dr.~ E.: Das hängt mit seiner Entstehung zusammen. -- Hast du mal darüber nachgedacht, woher wohl das Brot und der Kuchen die vielen Höhlungen und Löcher hat?

+Kurt+: Die entstehen, wenn der Kuchen aufgeht, beim Backen.

~Dr.~ E.: Und wovon geht er auf?

+Fritz+: Das kommt durch die Hefe, die man hineintut, oder beim Brot durch den Sauerteig. Wie aber dadurch sich so viele Löcher bilden, ist mir nicht klar.

~Dr.~ E.: Der Kuchenteig bildet doch eine ziemlich zähe Masse. Wenn wir nun Hefe hinzutun, so entwickelt sich in großen Mengen ein Gas, und zwar die euch vom Selterwasser her bekannte +Kohlensäure+. Diese kann nicht durch den zähen Teig hindurch und nach oben entweichen, wie sie es aus einer entkorkten Selterwasserflasche tun würde. Sie bildet daher eine Masse kleiner Blasen in dem Teig, welche denselben aufblähen und lockerer machen. Ist der Kuchen gar und der Teig fest, so erscheinen diese Blasen als ebenso viele kleine Hohlräume.

+Kurt+: Aber was hat denn das mit dem Bimsstein zu tun?

~Dr.~ E.: Der Bimsstein war, ehe er abgekühlt wurde, im Innern des Vulkans eine ebenso zähe, halbflüssige Masse, wie unser Kuchenteig. Man nennt das glutflüssige +Lava+, wie ihr schon wißt. Dringt nun in das Innere des Kraters z.❰B. Wasser ein, das sich natürlich bei der gewaltigen Hitze bald in Dampf verwandelt, so verfangen sich die aufsteigenden Dampfbläschen gerade so in der zähe flüssigen Lava, wie die Kohlensäure im Teig. Wird dann die Lava aus dem Vulkan ausgestoßen und erstarrt, so zeigt sie uns eben dieses eigentümlich löcherige oder „poröse“ Aussehen. Sie wird dadurch so leicht, daß sie auf Wasser schwimmen kann.

+Fritz+: Sieht denn alle Lava nachher so aus, wenn sie aus dem feuerspeienden Berg herauskommt?

~Dr.~ E.: Ei behüte. Ist kein Wasser oder Gas vorhanden, so quillt die Lava ganz ruhig über den Rand des Kraters und ist nachher beim Erkalten so dicht und schwer, wie grünes Flaschenglas. Sie wird dann, falls sie aus demselben Material besteht wie der Bimsstein, als +Obsidian+ bezeichnet. Ist dagegen sehr viel Wasserdampf da, so kann dessen Kraft so groß werden, daß er den zähen Lavabrei völlig zerreißt und zerstäubt. Es entsteht dann die sogenannte +vulkanische Asche+, welche bis hoch in die Wolken geschleudert wird und beim Niederfallen weite blühende Gefilde mit Aschenregen bedeckt.

+Kurt+: War das nicht bei der Zerstörung von Herkulanum und Pompeji durch den Ausbruch des Vesuvs der Fall?

~Dr.~ E.: Freilich; es war im Jahre 79 nach Christi. Auch der berühmte Naturforscher Plinius der Ältere, der zu Schiff herbeigeeilt war, um das gewaltige Schauspiel zu beobachten, wurde damals ein Opfer seines Wissensdurstes. Die Aschenschicht, welche noch heute, trotz umfangreicher Ausgrabungen, einen großen Teil jener Städte bedeckt, hat eine Dicke von mehr als 6 Metern. In neuerer Zeit haben wir ja dann noch eine Reihe anderer Vulkanausbrüche mit starkem Aschenregen gehabt, so vor einigen Jahrzehnten den des Krakatau zwischen Java und Sumatra, dessen Asche selbst in unsern Breiten noch die Abendwolken tief rosa färbte, und dann der Mont Pelé auf Martinique, durch dessen furchtbare Gasexplosion Tausende von Menschen in einem Augenblick getötet wurden.

+Hans+: Es muß doch schrecklich sein, in der Nähe eines solchen Vulkans zu wohnen! -- Gibt es denn bei uns in Deutschland auch Vulkane?

~Dr.~ E.: Jetzt glücklicherweise nicht mehr. Früher hat es deren eine ganze Reihe gegeben.

+Kurt+: Wo war denn das?

~Dr.~ E.: Vor allem ist die Rheingegend zu nennen, besonders das Eifelgebirge. Dort findet man die verschiedensten Sorten von Lava und erkennt oft noch ganz deutlich die kegelförmigen Krater, aus denen sie ehemals herausgeflossen ist. Heute freilich sind diese Krater erloschen, und in ihren Trichtern haben sich meist kleine Seen gebildet, die sogenannten Mare. Auch der bekannte Laacher See, den ihr wohl in der Geographiestunde besprochen, gehört zu diesen Kraterseen.

Doch, Hänschen, nun wird es hohe Zeit, daß wir auch von dir etwas hören. Kurt kann seine zerbrochene Schiefertafel und was er sonst noch an Mineralien hat, ein andermal vorführen.

+Hans+: Ach, Papa, die andern haben mir ja alles vorweggenommen. Ich habe dann überall gesucht, aber ich habe immer nur +Sand+ gefunden, in der Küche, auf der Diele und auch in deinem Schreibzeug.

~Dr.~ E.: Nun, mein Hansel, das ist wahrhaftig kein schlechter Fund. Sand gehört zu den verbreitetsten Mineralien und verdient wohl, daß wir uns etwas näher damit beschäftigen. Vorher wollen wir uns erst schnell unsere gesättigte Salzlösung vom vorigen Sonntag aus dem Schranke holen und sehen, was aus ihr geworden ist.

+Fritz+, die auf den Tisch gestellte Schale betrachtend: Ei, da sind ja lauter allerliebste kleine Würfel drin.

+Hans+: Ach ja, aber bloß kleine Puppenwürfel.

[Sidenote: Wachsen der Mineralien. Kristalle]

~Dr.~ E.: Nun, wenn ihr sie größer haben wollt, müßten wir sie noch ein wenig wachsen lassen.

+Kurt+: Aber die Steine +können+ doch gar nicht wachsen, denk’ ich.