Naturstudien im Hause

Part 15

Chapter 153,639 wordsPublic domain

~Dr.~ E.: Diesen zweien könnten wir zunächst wohl noch eine dritte Art anreihen, die freilich aus Amerika stammt, jetzt aber namentlich in unsern Hafenstädten schon ziemlich verbreitet ist, nämlich die große amerikanische Schabe, ~Periplanéta americána~. Sodann wollen wir die Heimchen[92] nicht vergessen, die bei jedem Bäcker zu finden sind und sich durch ihr lautes eintöniges „Cri-cri“ bemerkbar machen. In alten Büchern leben die winzigen Staub- oder Bücherläuse[93], die sich als nahe Verwandte der berüchtigten Termiten darstellen, auf unseren Blumentöpfen verschiedene Arten von Springschwänzen[94], die man wenigstens früher auch zu den Geradflüglern rechnete, während in der Speisekammer und zwischen altem Gerümpel das flinke Silberfischchen[95] sich tummelt, dessen flügelloser Körper über und über mit silberglänzenden Schuppen gepanzert ist.

+Kurt+: Das ist ja eine bunte Gesellschaft. -- Dann wird es auch wohl verschiedene Sorten von +Fliegen+ bei uns geben.

~Dr.~ E.: Im Winter wohl schwerlich; da müssen wir uns eben mit den paar übriggebliebenen Stubenfliegen[96] behelfen. Im Sommer freilich ist das anders. Die großen blauen Brummer[97], die ich als Junge immer für die Männchen der Stubenfliege hielt, kennt ihr ja; ebenso die rotäugige Schmeißfliege[98] mit dem schachbrettartig gemusterten Hinterleib. Eine Art, die fast ebenso aussieht wie unsere Stubenfliege, nur ein wenig kleiner ist und einen hellern Bauch hat, ärgert uns durch ihre furchtbare Unverschämtheit, mit der sie sich immer wieder gerade auf unsere Stirn setzt, auch wenn wir sie zehnmal weggejagt haben. Es ist die Hundsfliege, ~Déxia canína~. Wieder eine andere, die Stech- oder Blindfliege[99], ebenfalls einer kleinen Stubenfliege gleichend, quält Mensch und Vieh nicht wenig, denn sie vermag ganz empfindlich zu stechen. Daneben gibt es noch eine größere Zahl, die mehr gelegentlich in unsern Zimmern und an den Fensterscheiben sich herumtreiben.

+Fritz+: Kommen nicht aus den Käsemaden auch Fliegen?

~Dr.~ E.: Ja, die hätte ich bald vergessen. Ihr könnt sogar zwei ganz verschiedene Arten aus dem Käse züchten. Die Maden der einen sind glatt und zeichnen sich durch ihre famosen Sprünge aus. Das ist die echte Käsefliege, ~Pióphila cásei~. Etwas seltener findet man eine zweite Sorte bestachelter bräunlicher Maden, welche einer sogenannten Blumenfliege, der ~Anthomýia caniculáris~ angehören.

[Sidenote: Mücken. Flöhe. Wanzen. Läuse]

+Hans+: Im Hochsommer kommen ja auch die +Mücken+ in unsere Schlafstuben.

~Dr.~ E.: Sehr richtig, Hansel! Die haben es allerdings wohl weniger auf unsere Wohnungen, als auf +uns selbst+ abgesehen, indem sie einfach den Menschen gerade für gut genug halten, um mit seinem kostbaren Blut ihren Appetit zu stillen. Wir in unserm kühlern Deutschland sind ja am Ende noch nicht so übel dran, wenn es auch gerade keine angenehme Musik ist, die uns von so einem halben Dutzend dieser Quälgeister beim Einschlafen vorgemacht wird. Wie geradezu unleidlich diese Plage indes in den Tropen wird, wenn die Moskito-Schwärme in solchen Scharen anrücken, daß man, wie Alexander v. Humboldt sagt, seinen Namen mit dem Stock hineinschreiben kann, davon werdet ihr ja wohl schon gehört haben.

+Fritz+: O, natürlich; das steht ja öfter in den Reisebeschreibungen. Ich habe aber neulich gelesen, daß diese Tiere durch ihren Stich auch das böse Sumpffieber verursachen, das ja wohl an vielen Orten in den Tropen herrscht.

~Dr.~ E.: Ganz recht; es handelt sich hierbei um verschiedene Arten der Mückengattung ~Anópheles~, die beim Stechen zugleich mit ihrem Speichel einen höchst gefährlichen, nur bei starker Vergrößerung sichtbaren Schmarotzer, das sogenannte ~Plasmódium~, in unser Blut einführen, wodurch dann die gefürchtete Malaria-Krankheit entsteht. Tausende von Menschen gehen alljährlich an diesem Fieber zugrunde, und schon in Italien sind weite Landstrecken -- denkt etwa an die Campagna und die Pontinischen Sümpfe -- durch diese Plage fast unbewohnbar gemacht.

+Fritz+: Dagegen sind ja dann die andern Blutsauger in unsern Wohnungen noch harmlos zu nennen!

~Dr.~ E.: Die andern Blutsauger? Welche Tiere meinst du denn damit?

+Fritz+: Ich denke an die Flöhe, die Bettwanzen und die Läuse, von denen es ja wohl auch noch wieder verschiedene Sorten gibt.

~Dr.~ E.: Nun, hoffentlich kennst du diese Tiere nicht alle aus eigener Erfahrung! -- Die +Bettwanze+[100] ist, sozusagen, einzig in ihrer Art; sie hat im Hause keine näheren Verwandten. Von +Flöhen+ leben zwei Arten auf dem Menschen, der echte Menschenfloh[101] und der ihm nahestehende, etwas größere Hundefloh.[102] Von +Läusen+ endlich gibt es drei Sorten, die den Herrn der Schöpfung heimsuchen. Von diesen sind die Kopf-[103] und die Kleiderlaus[104] am bekanntesten.

+Kurt+: Aber die kommen doch wohl nur bei ganz unreinlichen Menschen vor?

~Dr.~ E.: Für gewöhnlich ja. Es gibt aber Verhältnisse, unter denen auch der Reinlichste sich ihrer kaum erwehren kann, wie im Kriege, wo die Kleider eben nicht nach Belieben zu wechseln sind. In tropischen Ländern, wie z.❰B. in Brasilien, sind übrigens die Kopfläuse selbst in feineren Familien durchaus an der Tagesordnung.

+Hans+: Da möcht’ ich dann nicht zu Besuch sein. -- Zu welchen Insekten gehören denn die Flöhe und die Läuse?

~Dr.~ E.: Für die Flöhe ist das nicht so leicht zu sagen. Früher hat man sie oft zu den Fliegen gestellt, weil ihre Maden und Puppen ganz denen der Zweiflügler gleichen; neuerdings betrachtet man die Flöhe lieber als eine besondere Ordnung für sich. Die Läuse hingegen gehören, wie die Bettwanze, in die Ordnung der +Schnabelkerfe+, die durch ihren Stechrüssel und den Mangel eines Puppenzustandes ausgezeichnet ist. Wir hätten somit im ganzen schon fünf Ordnungen von Insekten aufgezählt, die in unsern Wohnungen vertreten sind.

+Kurt+: O bitte, Vater, für +unser+ Haus könntest du doch höchstens von vier sprechen, denn Wanzen haben wir nicht, und die andern lieblichen Vertreter der Schnabelkerfe, die Läuse, werden uns hoffentlich für immer fern bleiben.

~Dr.~ E.: Dennoch findet sich selbst in diesem Zimmer noch eine ganze Anzahl von Schnabelkerfen, mit denen ich schon lange einen vergeblichen Kampf kämpfe, und für deren Vernichtung ich euch sehr dankbar wäre.

+Fritz+: Hier im Zimmer? Da würden wir wohl vergeblich suchen.

[Sidenote: Blattläuse. Schildläuse. Ameisen]

~Dr.~ E.: Du brauchst dir morgen bei Tageslicht nur einmal die verschiedenen Pflanzen am Fenster anzusehen. Ich will gar nicht sprechen von den verschiedenen +Blattläusen+[105] an der Monatsrose, den Fuchsien und Nelken[106], die namentlich im Sommer ihr Unwesen treiben. Aber auch jetzt, mitten im Winter, sitzen überall am Oleander, an den Palmen, am Feigenbaum, am Efeu die verschiedenen Sorten von +Schildläusen+[107], welche mit ihrem langen Rüssel die Blätter angestochen und sich so gewissermaßen vor Anker gelegt haben.

+Kurt+: Ach, sind das diese braunen flachen oder halbkugeligen Dinger, die ganz fest auf den Blättern sitzen und gar nicht aussehen wie Tiere?

~Dr.~ E.: Ja, die meine ich. Wenn die Tiere noch jung und klein sind, können sie noch ziemlich hurtig auf ihren Beinchen umherlaufen. Bald aber werden sie plump und unbeholfen, setzen sich dauernd fest und bekommen ihr schildförmiges Aussehen. Ihre Beinchen sind dann im Verhältnis zum Körper so winzig, daß man sie nur mit einem Vergrößerungsglase sehen kann.

+Fritz+: Was ist denn das für ein weißes Pulver, das man meist unter dem Schilde findet?

~Dr.~ E.: Das sind ihre Eier. Die Weibchen sterben schließlich, nachdem sie ihre Eier abgelegt, an der Stelle, wo sie sich festgesogen, und bilden so noch im Tode ein Schirmdach für ihre Jungen. Das ist ein sehr hübsches Beispiel für die mannigfache Art, in welcher die junge Brut von den Eltern geschützt wird.

+Kurt+: Es bleiben nun noch die Ordnungen der Hautflügler, Netzflügler und Schmetterlinge. Von diesen gibt’s doch keine in den Häusern?

~Dr.~ E.: In bezug auf die +Netzflügler+ kann man das wohl zugeben, obgleich gerade die goldaugigen Florfliegen[108] im Hochsommer mit Vorliebe an unsern Fensterscheiben sich tummeln. +Hautflügler+ gibt es völlig genug, wenn auch nicht gerade in +unserer+ Wohnung. Wißt ihr noch, wie wir im vergangenen Sommer die unbewohnte Villa in Thüringen besuchten, was für ein seltsamer Anblick sich da in dem einen Parterrezimmer bot?

+Fritz+: O, da wimmelte ja alles von geflügelten +Ameisen+. Ein ganzer Schwarm war hereingebrochen und bedeckte nun Fußboden und Fensterbänke. Das sah ganz merkwürdig aus.

+Kurt+: An die Ameisen hatte ich wirklich nicht gedacht; die sind ja massenhaft in Tante Lottes Speisekammer. Es ist eine ganz kleine hellgelbe Sorte, die schrecklich beißen kann.

~Dr.~ E.: Dieses Beißen wird wohl mehr ein Stechen sein, da ich nach deiner Beschreibung vermute, daß es sich um eine Art der Gattung ~Myrmíca~ handelt. Es nisten sich aber noch manche andere Arten in den Häusern ein, die kaum wieder los zu werden sind. Am tollsten treiben sie es ja freilich in den tropischen Ländern, wo man sich vor diesen gefürchteten Feinden kaum zu schützen vermag.

+Hans+: Von den +Schmetterlingen+ hast du aber noch gar nichts gesagt.

+Kurt+: Na, denkst du vielleicht, daß dir die Zitronenfalter oder Ligusterschwärmer in der Stube nur so um den Kopf rumfliegen sollen?

~Dr.~ E.: O, nicht so voreilig, mein Junge! Auch Schmetterlinge haben wir in unserm Hause mehr als uns lieb ist. Du scheinst ganz vergessen zu haben, warum wir neulich unser hübsches Rehfell dem Feuer überliefert haben.

[Sidenote: Motten. Spinnen. Milben. Asseln. Würmer. Infusorien]

+Kurt+: Natürlich! Da habe ich wieder die verehrlichen +Motten+[109] vergessen! Wer denkt aber auch daran, daß diese ekelhaften Würmer in ihren Gehäusen Schmetterlinge werden!

~Dr.~ E.: Und doch sind diese sogenannten Würmer ganz richtige Raupen, wie du dich leicht überzeugen kannst, wenn du einmal ihre Beine genauer betrachtest.

+Kurt+: Aber das Gehäuse, das sie machen, --

~Dr.~ E.: Ist eine Gewohnheit, die sie mit vielen andern Schmetterlingen, z.❰B. den sogenannten Sackträgern, teilen.

+Fritz+: Durch so ein Gehäuse müssen die Tiere doch im Wachsen riesig beengt werden.

~Dr.~ E.: Das ist nicht so schlimm, da sie es beliebig erweitern können. Das ist ein recht hübscher Versuch, den ihr vielleicht einmal nachmacht. Man setzt die Tierchen zunächst auf blaues Tuch; dann fertigen sie natürlich ein blaues Gehäuse. Bringt man sie dann auf rotes Tuch, so hat nach einiger Zeit jede sich einen hübschen roten Streifen eingeflickt und so ihre Wohnung erweitert.

+Kurt+: Die müssen ja dann aussehen wie Soldatenhosen! Aber wie ist es denn nur möglich, daß die Mottenraupen von Tuch oder Federn leben können?

~Dr.~ E.: Für unsereinen wäre das allerdings eine recht mangelhafte Kost. Es müssen eben die Tiere eine ganz andere Fähigkeit der Verdauung haben als wir. Ähnliches sahen wir ja schon bei den Totenkäfern, die sich mit dem Holze hundertjähriger Kommoden begnügen, und schließlich ist diese Erscheinung doch kaum wunderbarer, als wenn ein Pferd monatelang mit Stroh und Häcksel allein seinen Hunger zu stillen vermag.

+Fritz+: Wenn man so alles zusammennimmt, so kommt doch eine ganz stattliche Zahl von Tieren heraus, die mit uns zusammenwohnen.

~Dr.~ E.: Und doch haben wir bisher nur von den +Insekten+ unter den Gliedertieren gesprochen. Jetzt wären noch die Spinnen, die Tausendfüße und Krebse zu betrachten, sowie ferner die Würmer und die übrigen niederen Tiere.

+Hans+: Ja, die +Hausspinne+[110] habe ich neulich auf dem Boden gründlich kennengelernt.

~Dr.~ E.: Das ist nur eine Spinne von vielen. Daneben gibt es den drolligen kleinen Bücherskorpion[111] in alten Folianten, der immer so komisch mit seinen großen Scheren droht und rückwärts laufen kann, vor allem aber die zahlreiche Gesellschaft der +Milben+[112], die am Käse, im Mehl, an alten Backpflaumen zu finden sind. Selbst von unserm armen Kanarienvogel, unserm Hänschen, würden wir wahrscheinlich verschiedene Arten[113] absuchen können.

+Fritz+: Aber Krebse, Vater, und Würmer oder noch niedrigere Tiere?

~Dr.~ E.: Selbst die wasserbewohnenden Krebse haben es fertiggebracht, sich in den menschlichen Wohnungen anzusiedeln. Freilich zum Essen würden sie euch wohl nicht recht passen; denn ich spreche von den +Kellerasseln+.[114] +Würmer+ gibt es zunächst in den Blumentöpfen, und zwar nicht bloß Regenwürmer, sondern weit häufiger die kleinen weißlichen Formen, die man wohl geradezu als Blumentopfwürmer[115] bezeichnet. Wenn Mutter uns ferner etwas alten Essig, etwa von eingemachten Gurken, zur Verfügung stellen wollte, so würden wir sicher darin einen mikroskopischen Wurm, das sogenannte Essigälchen[116], in großen Mengen entdecken, und schließlich sind wir nicht einmal sicher, ob nicht in unserm eignen Körper sich allerlei Eingeweidewürmer auffinden ließen. -- In bezug auf die allerniedersten Tiere, die sogenannten Infusorien, sind irgendwelche genaueren Angaben darüber, was in unserm Hause zugegen ist, wohl schwerlich zu machen, da sie nur in der Form von Keimen im Staube der Luft vorhanden sein dürften. Wollen wir sie studieren, so müßten wir erst die günstigen Bedingungen für deren Entwicklung herstellen.

+Kurt+: Also ungefähr so wie mit den Pilzkulturen?

~Dr.~ E.: Na, ein bißchen anders ist es schon, da die Infusorien im Wasser leben. Man legt einfach Blätter, Heu oder ähnliche Stoffe in eine Schale mit Wasser und läßt es eine Zeitlang stehen. Es entwickelt sich dann bald ein reiches Leben der verschiedensten mikroskopischen Tierchen, die eben nach dieser Methode, sie durch Übergießen von Pflanzenstoffen mit Wasser hervorzuzaubern, den Namen +„Aufguß“tierchen+ oder Infusorien erhalten haben. Wenn die Tage wieder länger werden, wollen wir mal so einen Aufguß herstellen, und ihr sollt dann selbst durch das Mikroskop beobachten, welch buntes Gewimmel zierlichster Formen sich aus dem Staube unserer Zimmerluft entwickelt hat.

Vierzehnter Abend.

Heute, Kinder, sagt ~Dr.~ Ehrhardt zu seinen Knaben, wird es wohl zum letztenmal sein, daß wir in diesem Winter unser Plauderstündchen abhalten. Am nächsten Sonntag bin ich verhindert, und in vierzehn Tagen ist der Frühling hoffentlich schon so weit ins Land gezogen, daß wir unsere Spaziergänge im Freien wieder aufnehmen können. Es ist doch ein ander Ding, das Wirken und Walten der Natur dort draußen in Feld und Flur, als hier im engen Studierzimmer zu beobachten.

+Fritz+: Ja, Vater, wir sehnen uns auch schon sehr danach. Weißt du denn heute nicht noch etwas recht Interessantes zu erzählen?

~Dr.~ E.: Mir fällt gerade nichts ein. Aber vielleicht könntet +ihr+ einmal allerlei Fragen stellen über Dinge, die ihr beobachtet habt, und die ihr nicht erklären könnt. Das würde einen ganz hübschen Abschluß unserer naturwissenschaftlichen Durchforschung des Hauses geben.

+Kurt+: Ach ja, Vater! Ich weiß eine ganze Masse Fragen. Zuerst --

~Dr.~ E.: Halt, Kurt, das geht nicht so hastig. Vor einigen Wochen, bei den Mineralien, habt ihr zuerst eure Weisheit vortragen dürfen. Heute, meine ich, sollte deshalb mal Hans den Anfang machen. Drei Fragen kann jeder sich ausdenken. Hoffentlich werde ich sie der Hauptsache nach beantworten können.

[Sidenote: Pfefferminzplätzchen. Knistern des Tannenbaums]

+Hans+: Dann will ich gleich mit einer Frage anfangen, über die ich mich neulich mit meinem Freunde Wilhelm gestritten habe. Woher kommt es eigentlich, daß man immer solch luftiges Gefühl im Munde hat, wenn man +Pfefferminzplätzchen+ gegessen hat?

~Dr.~ E.: Ei, du Leckermäulchen, das ist nun eigentlich keine Frage, die zum Hause gehört! Weißt du denn, was in den Pfefferminzplätzchen enthalten ist?

+Hans+: Ja, Pfefferminze. Und das ist eine Pflanze.

~Dr.~ E.: Gewiß; aber die steckt natürlich nicht drin, sondern nur ein Stoff, der aus dieser Pflanze gewonnen wurde.

+Fritz+: Das ist das Pfefferminzöl. Ich kann mir auch denken, woher das erfrischende Gefühl beim Essen der Pfefferminzplätzchen kommt.

~Dr.~ E.: Nun?

+Fritz+: Das Pfefferminzöl gehört doch wahrscheinlich zu den sogenannten ätherischen Ölen, die alle leicht verdunsten, wenn sie der Luft ausgesetzt sind. Durch schnelle Verdunstung aber entsteht Kälte, wie man leicht beobachten kann, wenn man sich etwa ein paar Tropfen Äther auf die Hand gießt. Ich glaube darum, daß es sich bei den Pfefferminzplätzchen einfach um eine Kälteempfindung handelt.

+Kurt+: Wie kann denn aber durch bloßes Verdunsten +Kälte+ entstehen?

~Dr.~ E.: Das dürfte wohl nicht allzu schwer zu erklären sein. Wir wissen, daß beim Übergang der flüssigen Körper in den gasförmigen Zustand unter allen Umständen Wärme nötig ist. Unter einem offenen Kessel mit Wasser kann ich so viel heizen, wie ich will, das Thermometer steigt nicht über 100 Grad, weil die ganze Wärme, welche durch die Feuerung entsteht, zur Verwandlung des flüssigen Wassers in Dampf verbraucht wird. Hat nun eine Flüssigkeit das Bestreben, in die Gasform überzugehen, ohne daß wir ihr Wärme von außen zuführen, so nimmt sie dieselbe aus der Umgebung, vor allem also aus den Gegenständen, mit denen sie in Berührung ist. Diese werden dadurch kühler, und man spricht dann von einer durch das Verdampfen der Flüssigkeit hervorgerufenen Kälte oder kurz von einer +Verdunstungskälte+.

+Kurt+: Also deshalb ist es auch so erfrischend, wenn man durch einen Zerstäuber mit Kölnisch Wasser angeblasen wird? Das macht da auch die Verdunstungskälte?

~Dr.~ E.: Gewiß. Du hättest auch daran denken können, wie kühl und erfrischend die Luft nach einem Gewitterregen ist, und wie wir im Hochsommer die Dielen besprengen, um größere Kühle zu erzeugen. -- Ob aber gerade bei den Pfefferminzplätzchen die von Fritz gegebene Erklärung richtig ist, scheint mir doch sehr zweifelhaft.

+Fritz+: Und warum das?

~Dr.~ E.: Vor allem, weil das Pfefferminzöl durchaus nicht so flüchtig ist, wie du annimmst. Ein Tropfen davon, der Luft ausgesetzt, bleibt lange Zeit unverändert und verdunstet keineswegs so im Handumdrehen, wie der Äther.

+Fritz+: Aber wie willst du die Wirkung des Öls +dann+ erklären?

~Dr.~ E.: Wirklich +erklären+ kann ich sie nicht. So viel aber ist wohl sicher, daß es sich hierbei ganz allein um eine besondere, dem Pfefferminzöl und dem in ihm enthaltenen Kampfer zukommende Wirkung auf unsere +Geschmacksnerven+ handelt. Wir haben durch diese Stoffe die +Empfindung+ der Kälte etwa in derselben Weise, wie wir beim Genuß des Pfeffers diejenige des +Brennens+ haben.

+Hans+: Ach, wenn es weiter nichts ist --! Das hätte ich mir viel wunderbarer vorgestellt. -- Dann habe ich eine andere Frage, über unsern +Tannenbaum+. Als wir den nach Weihnachten verbrannten, da gab es ein fortwährendes Geknatter und Gepuffe, als wenn lauter Patronen drin gesteckt hätten. Woher mag das wohl gekommen sein? Es wurde einem ordentlich angst dabei.

~Dr.~ E.: Wenn er noch sehr frisch war, hättet ihr ihn auch lieber nicht in den Herd stecken sollen; es sind schon öfter Unfälle dadurch hervorgerufen, indem der ganze Herd oder Ofen zersprengt wurde. -- Hast du denn schon einmal beobachtet, was geschieht, wenn man ein Stück nasses Holz ins Feuer legt?

+Hans+: Ja, dann knistert und knackt es auch immer.

~Dr.~ E.: Und kann mir einer von euch sagen, worin das wohl seinen Grund haben mag?

+Fritz+: Ich denke mir, das Wasser, das im Innern des nassen Holzes steckt, wird sich durch die Hitze in Dampf verwandeln, und wenn der keinen Ausweg findet, so platzt er eben das Holz auseinander.

~Dr.~ E.: Siehst du, Hans, das ist in der Tat die Ursache für das Knistern des nassen Holzes. Man muß nur wissen, daß jede Flüssigkeit, welche sich in Dampf verwandelt, einen ungeheuer viel +größern Raum+ einzunehmen strebt als vorher, und daß diese Spannung oder dieser Druck, den das eingeengte Gas nun nach allen Richtungen ausübt, ganz gewaltig werden kann. Unsere Dampfmaschinen beruhen ja auf dieser Erscheinung; die Kraft, die sie äußern, ist nichts als das Ausdehnungsbestreben des eingesperrten Wasserdampfes.

+Hans+: Ach so, das ist die Geschichte von dem zugeschraubten Kochtopf; die hat uns Herr ~Dr.~ Müller schon mal klargemacht. Aber ist denn in den Tannenzweigen so viel Wasser?

~Dr.~ E.: Nein. In den Tannenzweigen ist es auch nicht Wasser, das sich in Dampf verwandelt, sondern +Terpentinöl+, von dem wir ja schon neulich einmal sprachen, als von den Harzen die Rede war. Es verwandelt sich erst bei viel höherer Temperatur in Dampf, als Wasser; dieser Dampf aber ist brennbar und gibt, mit Luft gemischt, wie alle brennbaren Gase ein explosives Gemenge. So können denn unter gewissen Umständen kleine Explosionen durch das Verbrennen eines harzreichen Tannenbaumes zustande kommen.

+Kurt+: Dann rührt es wohl auch von diesem Terpentinöl her, daß die Nadeln so puffen, wenn sie einem Tannenbaumlichte zu nahe kommen?

~Dr.~ E.: Ja. Das Licht verwandelt zunächst durch seine Hitze das Öl in den Nadeln in Gas. Ist dann die Nadel an einer Stelle durchgebrannt, so strömt das Gas heraus, und zwar mit einer solchen Gewalt, daß die Flamme des Lichtes auf Augenblicke in spitzen Stichflammen nach den Seiten hinausschießt, wie wir das ja noch am letzten Weihnachtsabend beobachtet haben. -- Doch nun bin ich neugierig, Hans, was du dir als Frage Nr. 3 ausgedacht hast.

[Sidenote: Wetterhäuschen. Wetterbilder]

+Hans+: Als drittes möchte ich wohl wissen, wie eigentlich unser kleines +Wetterhäuschen+ am Fenster eingerichtet ist. Ich dachte immer, das wäre nur ein Scherz, daß bei schlechtem Wetter der Mann mit dem Schirm, bei gutem die Frau herauskäme. Aber ich habe öfter gesehen, daß es wahrhaftig so stimmt. Heute früh z.❰B., wo es so regnete, war die Frau ganz hineingekrochen und der Mann weit draußen. Solche Holzpuppen können doch aber unmöglich ein Gefühl dafür haben, was für Wetter ist.

~Dr.~ E.: Diese letzte große Wahrheit wird dir wohl niemand bestreiten wollen. Aber auch deine Beobachtung, daß die Wetterfiguren sich so selten irren, ist vollkommen zutreffend, wenn sie auch nicht sowohl das Wetter selbst anzeigen, als vielmehr den Gehalt der +Feuchtigkeit+, der in der Luft ist, und der allerdings in vielen Fällen einen Schluß darüber erlaubt, ob Regen zu erwarten ist oder nicht. Die innere Einrichtung eines Wetterhäuschens ist nun so einfach wie möglich. Sie besteht der Hauptsache nach aus einer senkrecht hängenden, gewöhnlichen Darmsaite, an deren unterem Ende das Querholz mit den beiden Figuren befestigt ist. Diese Saite hat mit vielen andern Stoffen, z.❰B. mit den menschlichen Haaren, die Eigenschaft gemein, gegen die Feuchtigkeit der Luft sehr empfindlich zu sein, sie aufzunehmen und sich dabei um sich selbst zu drehen. Bei großer Feuchtigkeit dreht sie sich mehr zusammen, bei trockenem Wetter dreht sie sich etwas auf, ganz ähnlich, wie ich etwa die Strähnen eines Bindfadens durch Drehen lockern oder fester aneinanderlegen kann. Da nun, wie gesagt, das Querhölzchen unten mit der Saite fest verbunden ist, so muß es mit seinen Figuren ihren Drehungen folgen, und es wird daher je nachdem die Frau oder der Mann aus dem Häuschen hervortreten.

+Hans+: Ach, das hätte ich mir auch wieder viel wunderbarer gedacht!

~Dr.~ E.: Du siehst, es kommt oft nur darauf an, daß eine einfache Sache ein bißchen niedlich zurecht gemacht wird, um uns völlig überraschend zu erscheinen. Daß die Wäscheleinen bei feuchter Witterung ganz straff sind, bei trockener hingegen schlaff werden, hast du gewiß hundertmal beobachtet, ohne es weiter auffallend zu finden. Im Grunde genommen aber ist das dieselbe Erscheinung, die dir an den Wetterhäuschen so geheimnisvoll und unerklärlich war. -- Doch nun wollen wir hören, was Kurt zu fragen hat.