Naturstudien im Hause

Part 14

Chapter 143,695 wordsPublic domain

~Dr.~ E.: Das will ich wohl glauben. Denn hier handelt es sich auch nicht um eine Krankheit, wie bei den Kirschbäumen und Mimosen, bei denen das Gummi aus einer Wunde nach außen tritt. Beim Gummibaum gehört die Bildung des Gummis ebenso zu den regelmäßigen Lebensvorgängen, wie bei den Tannen die Bildung des Harzes in den Harzröhrchen. Wir müssen also das Gummi im Innern der Pflanze suchen.

+Kurt+: Da wäre ich aber doch riesig neugierig!

~Dr.~ E.: Nun, ich denke, ein Blatt können wir schon opfern. Bringt mal den Baum her. -- So, jetzt habe ich den Blattstiel durchgeschnitten. Seht ihr etwas?

+Fritz+: Ich sehe weiter nichts, als einen Tropfen weißen Milchsaft, wie ihn auch die Wolfsmilch hat.

~Dr.~ E.: Und gerade dieser weiße Milchsaft ist der Saft, aus dem eure Gummibälle gemacht werden.

+Kurt+: Ach, das ist gediegen! Ein Gummiball aus Milch klingt ja wie die reinste Zauberei!

~Dr.~ E.: Und doch ist die Sache ziemlich einfach. Vorhin habe ich euch erzählt, daß das flüssige Terpentinöl der Tanne an der Luft sich verändert und zu festem Harz wird. Ähnlich ergeht es diesem weißen Milchsaft; er +gerinnt+ an der Luft und bildet dann eine ungemein zähe, elastische Masse.

+Fritz+: Aber das Gummi sieht doch dunkel aus, und dieser Milchsaft ist weiß!

~Dr.~ E.: Das ist wohl nicht allzuschwer zu erklären, wenn wir an die Zubereitungsarten denken. Die einfachste, im Innern Afrikas gebräuchliche ist die, daß die Eingeborenen ihren Körper mit dem Milchsaft beschmieren, ihn hier eintrocknen lassen und dann die zähe dünne Schicht auf Stäbchen wickeln. Sollte er dabei wohl so ganz sauber bleiben? In andern Gegenden wird der eingesammelte Milchsaft auf sog. Formhölzer gestrichen oder in Pfannen geräuchert und erscheint dadurch später ebenfalls dunkel gefärbt, doch kommen auch weiße oder gelbe Sorten in den Handel.

+Kurt+: Ich dachte gar nicht, daß es verschiedene Sorten gäbe.

~Dr.~ E.: Das Gummielastikum oder Kautschuk ist ein sehr verbreiteter Körper. Man kennt nicht weniger als 30 verschiedene Baumarten, aus denen es gewonnen wird. Freilich ist ja die Verwendung des Kautschuks auch so mannigfach und namentlich in jüngster Zeit so massenhaft, daß kaum genug davon beschafft werden kann.

+Hans+: Ach ja, die Gummischuhe werden auch daraus gemacht und die Gummireifen der Automobile und Fahrräder!

~Dr.~ E.: Ja, mein Junge, und noch viele andere Dinge, von denen du dir wohl nichts träumen läßt. Hätte der Chemiker keine Gummischläuche und Gummikorke, es wäre schlimm mit seinen Experimenten bestellt. In der Medizin werden zahlreiche Geräte aus Gummi angefertigt, in der Physik leistet es als Nichtleiter der Elektrizität ganz hervorragende Dienste. Ja, auch Trinkgefäße, Kämme, Knöpfe, Hörrohre und Musikinstrumente werden aus diesem Stoffe angefertigt.

+Fritz+: Aber Kämme und Knöpfe müssen doch hart sein!

~Dr.~ E.: Das sind sie auch. Der Kautschuk hat eben unter vielen andern Vorzügen die wunderbare Eigenschaft, zusammen mit Schwefel eine feste, hornartige Masse zu bilden, die ganz so wie Horn oder Holz mit Säge, Hobel und auf der Drehbank verarbeitet werden kann.

+Kurt+: Das hätte ich doch nicht gedacht, daß unser langweiliger Gummibaum so nützlich wäre. Nun möchte ich auch wissen, was er denn eigentlich für Blüten hat.

~Dr.~ E.: Bei uns wird er dir den Gefallen wohl nicht tun und blühen. Aber dicht neben ihm steht zufällig ein ganz naher Verwandter, an dem kannst du am Ende die Blüten studieren.

+Kurt+: Da steht bloß ein +Feigenbaum+; ist der etwa mit ihm verwandt?

[Sidenote: Feigenbaum]

~Dr.~ E.: Freilich. Beide gehören sogar zu derselben Gattung. Der Feigenbaum führt den lateinischen Namen ~Fícus cárica~, während der Gummibaum als ~Fícus elástica~ bezeichnet wird.

+Kurt+: Schade! Unser Feigenbaum hat gar keine Blüten mehr; er hat nur noch Früchte.

~Dr.~ E.: Sollte das wirklich wahr sein?

+Fritz+: Ja, Vater, das ist eine wunderbare Geschichte mit dem Feigenbaum. Ich habe schon so oft aufgepaßt und wollte einmal die Blüten sehen. Aber ich hab’s nie beobachten können; es waren immer schon ganz kleine Feigen.

~Dr.~ E.: Das scheint mir allerdings sehr merkwürdig! Hast du denn schon mal eine Feige aufgeschnitten?

+Fritz+: Nein, das nicht; ich durfte ja keine abpflücken.

~Dr.~ E.: Nun, so will ich’s dir jetzt erlauben. Da, nimm diese hier, die schon fast ausgewachsen, aber noch grün ist.

+Fritz+, nachdem er die Feige der Länge nach durchgeschnitten: Ih, die ist ja inwendig ganz hohl?

~Dr.~ E.: Und weiter bemerkst du nichts?

+Fritz+: Ja, es sieht fast aus, als wenn ein Loch an der Spitze nach außen führt, das nur durch ein paar kleine Blättchen verschlossen wird. Der Hohlraum selbst aber ist mit merkwürdigen kleinen gestielten Keulen ausgekleidet. Das können doch nur die Samen sein.

~Dr.~ E.: Wenn die Feige eine +Frucht+ wäre, wie du glaubst, so hättest du recht. In Wirklichkeit aber sind alle diese kleinen Keulen im Innern weiter nichts, als ebensoviele +Blüten+, in denen sich später je eine kleine harte Frucht, ein sogenanntes Nüßchen, ausbildet.

+Fritz+: Aber das ist ja kaum zu begreifen, Vater!

~Dr.~ E.: Ja, seltsam genug ist die Sache. Die Feige ist eben keine Frucht, sondern ein hohler +Blütenstiel+. Während nun bei andern Pflanzen die Blüten, etwa zu einer Ähre vereinigt, +außen+ an diesem Blütenstiel sitzen, sind sie bei der Feige in das +Innere+ desselben versenkt und bilden so die Auskleidung seiner weiten, bauchigen Höhlung.

+Kurt+: Das hätte ich doch kaum für möglich gehalten, daß ein ganzer Zweig mit vielen Blüten so völlig wie eine einzige Frucht aussehen kann.

~Dr.~ E.: Aber daß ein ganzer Blütenstand aus vielen Blüten wie eine einzige +Blüte+ aussehen kann, hast du doch schon oft gehört.

+Kurt+: O gewiß! Das ist ja bei allen Korbblütlern so. Die Sonnenblumen, Kamillen und Gänseblümchen zeigen das sehr schön.

~Dr.~ E.: Nun also! Außerdem haben wir ein sehr hübsches Beispiel hierfür an einer unserer häufigsten Blattpflanzen. Seht nur hin, da blüht sie ja!

+Fritz+: Ach, die +Kalla+![64] Ja, das haben wir mal in der Schule gehabt. Das weiße Blatt der sogenannten Kallablüte ist nur ein gefärbtes +Hochblatt+, und der gelbe Kolben, der da herausguckt, ist ein ganzer Blüten+stand+ von vielen kleinen unscheinbaren Blüten.

~Dr.~ E.: Sehr schön, Fritz. Weißt du denn, wie man die Pflanzenfamilie nennt, zu der unsere Kalla gehört?

+Fritz+: Ja, das ist die Familie der Arongewächse. Wir haben ja auch in unsern Sümpfen eine Kalla-Art[65], die fast gerade so aussieht wie die Topf-Kalla, und außerdem gibt es noch den Aronstab[66], der in den Wäldern wächst und ein grünes Hochblatt hat.

~Dr.~ E.: Dann könntest du als dritten im Bunde noch den schilfartigen Kalmus[67] nennen, der überall bei uns am Wasser sich findet. -- In den Tropen haben übrigens die Arongewächse eine große Bedeutung, und viele werden ihrer schönen Blätter wegen in Treibhäusern gezogen. Auch unser Philodendron mit den seltsamen runden oder ovalen Löchern in den Blättern ist ein Arongewächs.

+Kurt+: Gehören denn die +Begonien+ auch dazu?

[Sidenote: Begonien. Farne]

~Dr.~ E.: O, ganz und gar nicht. Die Begonien oder Schiefblätter bilden eine ganz eigenartige Familie, die gar keine näheren Verwandten hat. Ihr braucht euch die ganz ungewöhnlichen Blüten ja nur einmal genauer anzusehen. Verraten will ich noch, daß sie wie bei den Palmen von zweierlei Art sind, indem auch hier Staubgefäße und Stempel sich nicht in derselben Blüte finden.

+Fritz+: Ist es denn wahr, Vater, daß man diese Pflanzen durch ein einzelnes Blatt vermehren kann?

~Dr.~ E.: Allerdings. Man hat nur nötig, ein abgeschnittenes Blatt an verschiedenen Stellen der saftigen Blattrippen einzuritzen und dann auf feuchte Erde zu legen. An jeder Wundstelle wächst nach kurzer Zeit aus dem Blatt ein junges Pflänzchen hervor.

+Fritz+: Ist denn das nicht was sehr Merkwürdiges?

~Dr.~ E.: Nun, so ganz vereinzelt ist diese Erscheinung nicht. Bei manchen +Farnkräutern+[68], die häufig gezogen werden, könnt ihr sogar sehen, wie scheinbar ganz ohne irgendwelche Veranlassung überall auf dem Laube des Wedels junge Pflänzchen hervorknospen, die dann abfallen und am Boden wurzeln.

+Kurt+: Kann man denn die Farnkräuter auch als Blattpflanzen bezeichnen?

~Dr.~ E.: Ich denke, diese doch wohl in erster Linie. Denn der Blüten wegen wird doch die schwerlich jemand ziehen.

+Kurt+: Ja, das will ich glauben! Die haben doch nur so kleine schwarze Tupfen auf den Blättern, in denen ja wohl die Samen stecken.

~Dr.~ E.: Wenigstens kann man dieses staubfeine Pulver, was da herauskommt, insofern mit dem Samen vergleichen, als daraus junge Pflänzchen sich entwickeln. In Wirklichkeit ist die Entwicklung eines Farnkrautes freilich nicht so einfach, und ihr würdet euch schön wundern, wenn ich euch seine ganze Lebensgeschichte erzählen wollte. Dazu aber müßt ihr wohl noch ein wenig älter werden.

Dreizehnter Abend.

~Dr.~ E.: Na, Kurt, was hast du denn da Schönes in deiner Schachtel? Das sieht ja ganz geheimnisvoll aus.

+Kurt+: Ja, denke nur, Vater, heute, wo wir doch noch im Februar sind, habe ich den ersten Schmetterling gefangen. Nun muß es doch bald Frühling werden.

~Dr.~ E.: Da bin ich doch wirklich neugierig. -- Ei, ein hübsches lebendes Tagpfauenauge! Wo ist dir denn das in die Hände gefallen?

+Kurt+: Heute mittag war es, als ich auf dem Boden das eine Dachfenster ein wenig öffnen wollte, weil die Sonne so schön schien. Da saß das Tier an einem Dachbalken und klappte mit den Flügeln.

[Sidenote: Falter als Frühlingsbote. Winterschlaf]

~Dr.~ E.: Und wurde dann als Frühlingsbote von dir eingesperrt. -- Sollen wir denn nun nicht den Zeitungen Nachricht geben? Sonst kommen dir am Ende andere zuvor und bringen dich um den Ruhm, das Nahen des Lenzes zuerst entdeckt zu haben.

+Kurt+: Ich weiß nicht, Vater, warum du so ironisch bist. Ist es denn nicht wahr, daß die Schmetterlinge durch ihr Auskriechen aus der Puppe den Frühling anzeigen? In Schnee und Eis, und wenn alles kahl ist, können sie doch nicht leben. Außerdem steht es ja auch in jedem Frühjahr in der Zeitung, wenn die ersten Schmetterlinge beobachtet werden.

~Dr.~ E.: Das letztere ist allerdings richtig, beweist aber in diesem Falle weiter nichts, als daß weder die Einsender solcher Notizen, noch die Redaktionen der Zeitungen sich in dem Besitz auch nur des bescheidensten Schmetterlingsbüchleins befinden. Sonst würden sie wissen, daß gerade diese Falter, die in den ersten sonnigen Tagen des scheidenden Winters so häufig gefunden werden, wie der Fuchs, der Zitronenfalter, das Tagpfauenauge und andere, durchaus nicht der Puppe entschlüpft sind, sondern vom Herbst her an irgendeinem versteckten Plätzchen +überwintert+ haben. Es sind Weibchen, die erst im kommenden Frühling ihre Eier ablegen wollen, ehe sie sterben. Oft werden die Tiere natürlich durch die wärmeren Strahlen der Sonne hervorgelockt; häufig aber, und namentlich, wenn sie in unsern Häusern Unterschlupf gefunden haben, sind sie einfach in ihrer Ruhe vorzeitig aufgestört worden und werden nun für das Kommen des Frühlings verantwortlich gemacht.

+Fritz+: Das ist mir auch neu, daß Schmetterlinge überwintern. Da können sie doch keine Nahrung finden.

~Dr.~ E.: Die brauchen sie auch nicht. Sie verfallen eben in eine Art Winterstarre oder Winterschlaf, wie viele andere Tiere. In der Schule werdet ihr das wohl nur von dem Hamster, dem Murmeltier, dem Igel und andern Säugetieren besprochen haben; bei den Insekten aber ist diese Erscheinung jedenfalls noch viel allgemeiner verbreitet.

+Kurt+: Und wo findet man diese schlafenden Insekten?

~Dr.~ E.: Schade, daß augenblicklich wieder Schnee liegt. Sonst könnten wir mal eine Winter-Exkursion auf Insekten unternehmen. Als Knabe habe ich das fleißig betrieben und viel dabei gelernt. Es war ein hochstämmiger Tannenwald mit dichtem Moospolster, zu dem ich am liebsten meine Schritte lenkte. Da hättet ihr einmal sehen sollen, was ich alles unter dem Moose, unter Laub und aus dem Innern vermorschter Baumstämme hervorzaubern konnte. Nicht bloß Käfer aller Art und Larven und Puppen waren da, sondern auch Wespen, Hummeln, Schlupfwespen, Fliegen, Wanzen, Spinnen, Asseln und Tausendfüße, kurzum die ganze bunte Gesellschaft des Sommers, und viele von ihnen hatten sich niedliche Höhlen gegraben, in denen sie mit ihren erstarrten Gliederchen ausruhten.

[Sidenote: Hausbewohner. Ratten. Dorfschwalbe]

+Kurt+: Ach bitte, Vater, das wollen wir doch einmal machen! -- Aber ist es nicht interessant, daß dieses Pfauenauge sich gerade unsern Hausboden als Zufluchtsort gewählt hat?

~Dr.~ E.: Ich finde das nicht so außergewöhnlich. Gibt es doch zahllose andere Tiere, die auch gemerkt haben, einen wie prächtigen Unterschlupf die Wohnungen der Menschen gewähren. Viele derselben fühlen sich ja so wohl darin, daß sie kaum noch wo anders zu finden sind und wir sie gar nicht wieder los werden können.

+Hans+: Ja, Papa, jeden Tag schlägt Doris in der Küche welche von den großen, braunen Kakerlaken tot.

~Dr.~ E.: Das glaub’ ich. Die gehören auch zu dieser Sippschaft. Aber sie sind eben nur ein Beispiel von vielen. Ich glaube kaum, daß es unter den Landtieren -- Wassertiere verlangen ja andere Bedingungen -- irgendeine größere Gruppe gibt, aus der nicht einige Arten sich die Wohnungen der Menschen zum Aufenthalt gewählt hätten.

+Kurt+: Also Wirbeltiere auch?

~Dr.~ E.: Na, Kurt, ich denke doch. Oder sollte Mama die Mausefalle nur zum Vergnügen in ihrem Kleiderschranke aufgestellt haben?

+Kurt+: O weh! Da habe ich mich aber schön blamiert. An die Ratten und Mäuse habe ich gar nicht gedacht.

~Dr.~ E.: Weißt du denn, wie viele Arten davon in unsern Häusern leben?

+Kurt+: Ich dachte, das wäre immer nur die Hausmaus und die Hausratte.

~Dr.~ E.: Nicht doch. Neben der +Hausmaus+[69] finden sich wenigstens im Winter häufig noch die +Wald+maus[70] und die +Brand+maus[71], denen es dann draußen zu ungemütlich wird. Von +Ratten+ aber müssen wir gegenwärtig drei unterscheiden, die sich vollständig dem Menschen angeschlossen haben: Die Hausratte[72], die Wanderratte[73] und die ägyptische Ratte[74].

+Fritz+: Die ägyptische? Wie kommt denn die hierher?

~Dr.~ E.: Durch Wanderung, wie auch die beiden andern Arten. Es ist nämlich eine höchst merkwürdige Geschichte mit den Ratten. Zuerst hatten wir wahrscheinlich allein die +Hausratte+. Sie scheint aus Persien zu stammen, muß aber schon im frühen Mittelalter nach Europa gekommen sein. 1727, nach einem starken Erdbeben, soll dann die +Wanderratte+ aus den kaspischen Ländern ihren großen Zug nach Westen angetreten haben. Es wird berichtet, daß sie zunächst in gewaltigen Scharen über die Wolga setzte, Rußland bevölkerte und dann in wenigen Jahrzehnten nicht bloß ganz Europa, sondern fast die ganze Erde eroberte. Doch erscheint es nach neueren Forschungen nicht ausgeschlossen, daß sie auch schon vor jenem Wanderzuge in Europa heimisch war. Da sie stärker und größer ist als die Hausratte, so muß letztere in dem erbitterten Kampfe, den beide Arten um die Herrschaft führen, überall zurückweichen. Nur in entlegenen Weilern und hie und da in den oberen Stockwerken der Häuser, welche die Wanderratte nicht liebt, fristet sie noch ein kümmerliches Dasein. In neuerer Zeit ist nun namentlich in den südlicheren Ländern Europas auch der Wanderratte ein Konkurrent erwachsen, nämlich die vorhin erwähnte +ägyptische Ratte+ oder Dachratte, deren Ausbreitung nach Westen ebenfalls ziemlich schnell vor sich zu gehen scheint. Auch bei uns hat sie sich schon hie und da heimisch gemacht.

+Kurt+: Kann man denn die Arten leicht unterscheiden?

~Dr.~ E.: Wenn man die Merkmale kennt, gewiß. Das kannst du ja aber in jedem Zoologiebuche nachlesen, und wenn du wirklich einmal eine Ratte gefangen haben solltest, so will ich dir bei der Bestimmung schon helfen.

+Fritz+: Zu den +Vögeln+, die sich die Wohnungen der Menschen zunutze gemacht, würdest du wohl den Sperling[75] und die Hausschwalbe[76] rechnen?

~Dr.~ E.: Die jedenfalls. Es gibt aber noch manche andere, die mit Vorliebe im Gemäuer nisten, wie das Hausrotschwänzchen[77], der Mauersegler[78], die Dohlen[79] und Schleiereulen[80].

+Hans+: Aber die bauen ihre Nester doch nur außen dran und leben nicht in den Wohnungen!

~Dr.~ E.: Das ist doch nicht immer der Fall. Es gibt sogar einen Vogel, der bei uns niemals außen, sondern stets nur im Innern der Häuser, namentlich der Ställe und Scheunen, baut; es ist die Rauch- oder Dorfschwalbe[81], die eben wegen dieser Gewohnheit in manchen Gegenden auch wohl Stallschwalbe genannt wird.

+Fritz+: Hat die nicht so einen langen Gabelschwanz?

~Dr.~ E.: Ja. Doch darfst du sie nicht mit dem Mauersegler verwechseln, dessen Schwanz ebenfalls so lang gegabelt ist. Der Mauersegler, der auch wohl Turmschwalbe genannt wird, obgleich er gar nicht zur Familie der Schwalben gehört, ist weit größer und fast einfarbig schwarz, die Rauchschwalbe hingegen hat eine kastanienbraune Kehle und eine hellroströtliche Unterseite. Ihr könnt sie schon aus der Ferne von unsern weißbäuchigen Stadtschwalben unterscheiden.

+Kurt+: Unter den +Reptilien+ und +Amphibien+ findet sich aber doch sicher keine Art, die sich bei uns eingenistet hat.

~Dr.~ E.: Ich glaube, wenn unser Keller feucht wäre, wie dies ja häufig auf dem Lande der Fall, würdest du bald ein paar Prachtexemplare dickbäuchiger Kröten eingesammelt haben, die sich mit Vorliebe dort einfinden. Reptilien freilich gibt es glücklicherweise in unsern Häusern nicht, doch brauchtest du am Ende gar nicht so weit zu reisen, um auch dieses Vergnügen haben zu können.

+Fritz+: Ja, ich weiß, daß in den Tropen die Reisenden oft dadurch erschreckt werden, daß sich Schlangen in die Zimmer und selbst in die Betten eingeschlichen haben. Das muß eine grauliche Überraschung sein.

~Dr.~ E.: O, so weit brauchten wir gar nicht zu reisen, um Reptilien in den Wohnungen zu finden, und zwar nicht nur als zufällige Gäste, sondern als ganz regelrechte Mitbewohner, die sich vollständig für das Leben in den Häusern eingerichtet haben.

+Kurt+: Aber doch jedenfalls nicht in Europa?

[Sidenote: Geckos. Kakerlaken]

~Dr.~ E.: Doch, Kurt. Schon in Italien, Spanien oder Griechenland kannst du die Bekanntschaft der sog. +Geckos+[82] machen. Überall klettern sie des Abends mit ihren platten Scheibenfingern an den Wänden umher oder sitzen in den Gardinen und glotzen einen mit ihren großen Augen an.

+Kurt+: Sind denn die Tiere giftig?

~Dr.~ E.: Nein, es sind die harmlosesten Geschöpfe von der Welt. Aber das abergläubische Volk hat eine heillose Angst vor ihnen, und ich erinnere mich, daß die wohlbeleibte Gattin unseres Türhüters in Neapel beinah in Ohnmacht sank, als ihr bei einer von mir veranstalteten Jagd so ein Tierchen unversehens auf die nackten Schultern fiel. -- Doch nun wollen wir, wenn es euch Spaß macht, mal überlegen, was wir denn an +wirbellosen+ Tieren in unserm Hause erwarten dürfen. Von den Weichtieren, die ja der Mehrzahl nach dem Wasser angehören und höchstens in einigen quabbeligen +Kellerschnecken+ vertreten sein könnten, wollen wir absehen und uns gleich zu den Gliedertieren, insbesondere zu den +Insekten+ wenden. -- Nun, Hans, was meinst du, wie viele Ordnungen derselben werden wohl vertreten sein?

+Hans+: Ich weiß ja gar nicht recht, was eine Ordnung ist und wieviel es davon bei den Insekten gibt.

~Dr.~ E.: Dann entschuldige, lieber Hans. Ich dachte nicht dran, daß ihr die Insekten in der Schule noch nicht durchgenommen habt. Aber Kurt wird schon aushelfen.

+Kurt+: Was eine Ordnung ist, muß er aber doch wissen! Die Klasse der Säugetiere wird ja auch zuerst in Ordnungen, dann in Familien usw. eingeteilt. Von den Insekten haben wir, glaube ich, sieben Ordnungen gehabt: Die Hautflügler, Käfer, Netzflügler, Geradflügler, Schmetterlinge, Fliegen und Schnabelkerfe.

~Dr.~ E.: Damit wollen wir uns vorläufig begnügen. Kannst du mir denn jetzt angeben, Hans, von welcher dieser Gruppe sich Arten in unserer Wohnung finden könnten?

+Hans+: Ja, von den Käfern und von den Fliegen.

~Dr.~ E.: Welche Käfer meinst du denn?

+Hans+: Die Feuerkäfer oder Kakerlaken, die so viel in der Küche sind.

+Kurt+: Ach, das ist gediegen! Die Kakerlaken oder Schaben sind ja gar keine Käfer, sondern Geradflügler, die mit den Heuschrecken zusammengehören.

~Dr.~ E.: Und +warum+ sind es keine Käfer?

+Kurt+: Weil ihre Flügel nicht hornig, sondern häutig sind und vor allem, weil sie keine ruhende Puppe haben wie die Käfer.

~Dr.~ E.: Gut, Kurt. Hast du denn schon einmal die Eier unserer Kakerlaken gesehen?

+Fritz+: Sind das die großen braunen Dinger, die fast wie ein Damentäschchen aussehen und manchmal in der Küche liegen? Ich meine, ich hätte schon Tiere damit herumlaufen sehen.

~Dr.~ E.: Was du da gesehen hast, sind nicht die Eier selbst, sondern höchst merkwürdige +Eikapseln+, wie sie sich nur bei wenigen Insekten finden. Wenn man sie öffnet, sieht man eine ganze Menge Eier in ihnen, zierlich in Reihen geordnet. Die Kapseln sind übrigens verschieden geformt. Die, welche du beschrieben, gehören der großen dunkelbraunen Kakerlake oder orientalischen Schabe[83] an, während die viel kleinere, hellbraune deutsche Schabe[84] mehr flach rechteckige und in der Quere geriefte Kapseln absetzt. Nach einiger Zeit springen diese Kapseln auf und die winzig kleinen, ungeflügelten Tierchen kriechen aus ihrem Gefängnis heraus.

+Kurt+: Neulich ist mir was sehr Schnurriges passiert. Da sah ich eine ganz schneeweiße Schabe auf unserm Feuerherd. Ich sperrte sie in eine Schachtel und wollte sie dir zeigen; als ich aber nach einigen Stunden wieder nachsah, da war es eine gewöhnliche braune.

~Dr.~ E.: Da wirst du natürlich ein recht geistreiches Gesicht gemacht haben! An sich aber ist die Sache höchst einfach, wenn wir wissen, daß alle Insekten unmittelbar nach der Häutung zunächst ganz weiß sind, und daß die Häutung und Färbung ihres Chitinpanzers erst im Verlauf der nächsten Stunden erfolgt. Ein schwarzer Wasserkäfer, der aus seiner Puppe kriecht, sieht anfangs gerade so weiß aus, wie deine Kakerlake. -- Aber gibt es denn nun überhaupt keine +Käfer+ im Hause?

+Fritz+: O ja, die sogenannten Holzkäfer[85] in den alten Kommoden und Schränken, die so runde Löcher bohren.

[Sidenote: Totenkäfer. Geradflügler. Fliegen]

+Kurt+: Sind das dieselben, die ein so sonderbares Ticken verursachen, daß man sie als Totenuhren bezeichnet?

~Dr.~ E.: Ja. Abergläubische Menschen haben in dem Klopfen, das diese Tierchen mit der Stirn gegen das Holz ausführen, und das man namentlich in stiller Nacht deutlich vernehmen kann, ein Zeichen des herannahenden Todes erblicken wollen. In Wirklichkeit ist es, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Lockruf, mit Hilfe dessen die Liebespärchen sich zueinander finden.

+Fritz+: Gibt es nicht auch noch eine andere Art Totenkäfer?

~Dr.~ E.: Ja, das sind große, ganz schwarze Tiere[86], die aber in unsern Wohnungen ziemlich selten sind. Ihr Hervorkriechen aus irgendeinem Winkel soll ebenfalls den Tod anzeigen. Weit häufiger sind die verschiedenen Arten der Speckkäfer[87], die Pelz-[88], Brot-[89] und Mehlkäfer[90], die ihr hauptsächlich in Küche und Speisekammer zu suchen habt. Aus alten Vorräten von Graupen, Erbsen, Linsen usw. würde Mutter euch wahrscheinlich ebenfalls allerlei Käfer[91] zur Verfügung stellen können, die aber meist erst zum Vorschein kommen, wenn man jene Früchte in Wasser einweicht.

+Kurt+: Dann wären also die Käfer sehr reichlich in den Wohnungen vertreten?

~Dr.~ E.: Gewiß, sie bilden ja auch ohnehin die artenreichste Gruppe der Insekten. Neben ihnen machen sich jedoch auch die Geradflügler in mancherlei Formen bemerkbar.

+Fritz+: Das waren aber doch bloß die zwei Arten Kakerlaken.