Naturstudien im Hause

Part 13

Chapter 133,624 wordsPublic domain

[Sidenote: Instinkt. Verstand der Tiere]

~Dr.~ E.: Mit diesem unglücklichen Wort „Instinkt“ wird sehr viel Unfug getrieben. Man versteht ja darunter zweckmäßige Handlungen, die nicht durch Überlegung oder Erfahrung veranlaßt sein können, bei denen also gewissermaßen unbewußt von dem Tiere das Richtige getroffen wird. Ganz gewiß gibt es solche Handlungen bei den Tieren, wir brauchen nur etwa an den Nestbau der Vögel oder an die Kunstfertigkeiten der Insekten zu denken. Ebenso sicher aber ist, daß bei den höheren Tieren diese instinktiven Handlungen mehr und mehr zurücktreten und durch bewußte, auf eigenem Nachdenken beruhende ersetzt werden. Ganz verschwunden ist übrigens der Instinkt auch beim Menschen nicht. Namentlich bei Naturvölkern hat man in dieser Hinsicht sehr interessante Beobachtungen gemacht.

+Kurt+: Daß ein Hund denken kann, das glaube ich auch ganz gewiß. Als ich gestern zur Schule ging, stand vor einem Hause ein Hundewagen mit einem großen Ziehhund davor. Der Herr kam aus dem Hause zurück, ohne daß der Hund es bemerkte, und wollte den Wagen rückwärtsziehen. Der Hund aber stemmte sich mit aller Macht dagegen, weil er es für nicht in der Ordnung hielt, daß der Wagen zurückrollte. Als aber der Herr nach vorn gegangen war und sich dem Hunde gezeigt hatte, half er sofort selbst eifrig mit, den Wagen zurückzuziehen.

~Dr.~ E.: Siehst du, Fritz, da hat Kurt ein sehr niedliches Stück wirklicher Überlegung eines Hundes beobachtet, wobei von Instinkt gar keine Rede sein kann. Zunächst haben wir das Pflichtbewußtsein, welches dem Tiere sagte, daß der Wagen da bleiben müsse, wo sein Herr ihn hingestellt. Daher der Widerstand, als der Wagen aus einem ihm unerklärlichen Grunde nach hinten rollt. Dann sofort beim Erscheinen des Herrn ein Begreifen der ganzen Sachlage, ein Verstehen der Absicht seines Herrn, die nun alsbald nach besten Kräften unterstützt wird. Ich glaube nicht, daß ein Mensch in diesem Falle anders hätte handeln können. Doch, es gibt ja Hunderte von Beispielen, wo Hunde durchaus darüber klar waren, daß ihr Herr in dringender Gefahr, wo sie Kinder aus dem Wasser gezogen, Hilfe herbeigerufen, Übeltäter zur Entdeckung gebracht und was sonst noch für kluge, überlegte Handlungen begangen haben. Jeder Hundefreund weiß, wie das Verständnis des Hundes für die menschlichen Verhältnisse ein ganz überraschendes ist. Auch das so oft zu beobachtende Träumen der Hunde beweist, daß sie selbst im Schlafe lebhafte Vorstellungen haben.

+Fritz+: Das will ich auch alles gern zugeben. Aber ich glaube doch, daß das Denken der Tiere sich sehr weit von dem der Menschen unterscheidet. Ich meine, daß ein Hund z.❰B. keinen verallgemeinerten oder abstrakten Begriff fassen kann.

~Dr.~ E.: Mit dem Philosophieren wird es freilich wohl gute Wege haben. Daß die Tiere aber auch allgemeine Begriffe bilden, scheint mir kaum zweifelhaft. Die Vorstellung „Bettler“ hat so ziemlich jeder Hund und richtet danach sein Verhalten, auch wenn er den betreffenden Menschen zum erstenmal sieht. Ebenso wird er wohl Begriffe wie „Wald“, „schönes Wetter“, „Zufriedenheit“ aus seiner Erfahrung sich aufbauen. Wie weit indes diese Fähigkeit der Verallgemeinerung geht, ist schwer zu entscheiden. Um so weniger aber sind wir berechtigt, eine +grundsätzliche+ Verschiedenheit des Denkvermögens bei Tieren und Menschen anzunehmen. In bezug auf +Ausbildungsfähigkeit+, das unterliegt gewiß keinem Zweifel, stehen die geistigen Kräfte des Hundes tief unter den unsrigen; dennoch dürfen wir nicht vergessen, daß es auch Menschenrassen gibt, die nicht bis drei zählen können, und denen die Fähigkeit, allgemeine Begriffe zu bilden, fast völlig mangelt.

[Sidenote: Sprache]

+Fritz+: Aber diese wilden Völkerschaften haben doch eine aus Worten zusammengesetzte +Sprache+!

~Dr.~ E.: Ja, da hast du recht. Und die artikulierte Sprache ist auch wohl in geistiger Hinsicht der bedeutsamste Unterschied zwischen uns und den Tieren. Seine Gefühle und seine Wünsche durch Laute auszudrücken, ist ja auch der Hund imstande, so daß selbst der Mensch aus dem verschiedenartigen Bellen, Knurren, Heulen, Jaulen erkennt, was er empfindet; aber es fehlt doch die Wortbildung, und was jener amerikanische Professor unlängst von der Sprache der Affen berichtet hat, bedarf doch wohl noch weiterer Bestätigung. Derselbe behauptet nämlich, von den verschiedenen Affen, die er in zoologischen Gärten und in der freien Natur beobachtete, nach und nach über fünfzig Laute vernommen zu haben, die fast wortartig klingen und ganz bestimmte Dinge, wie „Nasses“, „Futter“, „Gefahr“ und so fort ausdrücken sollen. Unmöglich wäre eine solche Spezialisierung der Laute ja nicht, aber vorläufig haben wir wohl kaum Grund, die Affen in bezug auf das Vermögen, sich verständlich zu machen, auf eine viel höhere Stufe zu stellen, als unsere Hunde.

+Fritz+: Wäre es denn denkbar, daß die Sprache beim Menschen sich auch erst ganz allmählich aus einzelnen Lauten entwickelt hat, so etwa, wie es der Professor von den heutigen Affen behauptet?

~Dr.~ E.: Das ist nicht nur möglich, sondern nach den Ergebnissen der Sprachforschung so gut wie gewiß. Noch heute erkennen wir selbst in den vollkommensten Sprachen an zahlreichen Worten, daß sie ursprünglich Naturlaute waren. Wie sehr aber die Sprache sich im Laufe der Kultur entwickelt hat, das zeigt sich klar, wenn man die außerordentliche Wortarmut der wilden Völker in Betracht zieht. Viele derselben kommen nicht über ein paar Hundert Vokabeln hinaus.

+Kurt+: Ich will doch mal sehen, ob ich unsern Karo in Zukunft nicht noch besser verstehen lerne. Ich glaube, wenn man ordentlich aufpaßt, wird man noch viel häufiger merken, was er eigentlich will.

~Dr.~ E.: Ganz gewiß; und es soll mich freuen, wenn du mir später über deine Entdeckungen Bericht erstattest. Ein guter Tierbeobachter wird auch dereinst ein guter Menschenbeobachter. Das aber ist eine der notwendigsten Fähigkeiten, wenn man im Leben und in der Welt vorwärts kommen will.

Zwölfter Abend.

Höre, Fritz, sagt ~Dr.~ Ehrhardt, als die Knaben versammelt sind, du könntest morgen früh auf dem Schulwege mal bei unserm Gärtner vorgehen und ihn bitten, zu Mutters Geburtstag am Mittwoch noch einige Blattpflanzen zu besorgen. Ich glaube, Mutter würde sich sehr darüber freuen.

+Fritz+: Gern, Vater. Ist es ganz gleich, was für welche er aussucht?

~Dr.~ E.: Ich denke, wir können uns auf seinen Geschmack verlassen.

Er soll nur einige recht hübsche wählen, etwa ein Philodendron, eine Acalea und ein paar Palmen.

[Sidenote: Blattpflanzen. Palmen]

+Kurt+: Was versteht man denn eigentlich unter „Blattpflanzen“; für gewöhnlich haben doch +alle+ Pflanzen Blätter.

~Dr.~ E.: Das ist wohl etwas zu viel behauptet; an einem Champignon, einer Flechte oder einem Algenfaden sollte es dir am Ende schwer werden, Blätter nachzuweisen.

+Kurt+: Ja, die meine ich auch nicht. Ich denke an die Pflanzen, die man in Blumentöpfen zieht.

~Dr.~ E.: Dann hast du freilich recht, und ich muß zugeben, daß der Ausdruck „Blattpflanzen“ nicht sehr passend gewählt ist. Man bezeichnet damit aber solche Gewächse, die ganz ausschließlich ihrer hübschen +Blätter+ wegen gezogen werden.

+Kurt+: Das heißt wohl so viel, daß ihre Blüten +nicht+ hübsch sind?

~Dr.~ E.: Bei den meisten sind sie wenigstens unscheinbar, wie bei unserm Efeu. Andre haben zwar ganz ansehnliche Blüten, aber sie kommen nur selten oder gar nicht zur Entwicklung.

+Kurt+: Warum denn nicht?

[Sidenote: Palmen. Kokosnüsse]

~Dr.~ E. Weil sie ein wärmeres Klima verlangen und bei uns ein kümmerliches Dasein führen. Denke an die Palmen in unsern Blumentöpfen. Nach zehn, ja zwanzig Jahren sind es noch die reinen Zwerge, die gar nicht ans Blühen denken; denn auch in ihrer Heimat müssen sie erst zu mächtigen Bäumen werden, ehe sie zum erstenmal ihre gewaltigen Blütenrispen entfalten.

+Fritz+: Hast du denn solche Palmen schon mal blühen sehen?

~Dr.~ E.: Oft genug, Fritz. Am schönsten natürlich auf meinen Reisen nach Nordafrika und Ostindien, wo ja die Palmen als die eigentlichen Charakterpflanzen des Landes erscheinen. Aber auch schon auf Madeira und den Kanarischen Inseln ist das Klima günstig genug, um eine große Anzahl Arten derselben im Freien zur vollen Entwicklung und zum Blühen zu bringen. Selbst in Süditalien und Spanien gedeiht z.❰B. die Dattelpalme[46] im Freien, und in dem berühmten, an 60000 Stämme zählenden Palmenwalde von Elche in Südspanien bin ich einen ganzen Tag mit Entzücken umhergewandert und habe mich an den hier zur völligen Reife gelangenden Datteln gelabt. Eine andere Art, die sogenannte Zwergpalme[47], findet sich in diesen Ländern an felsigen Hängen sogar überall wild. -- In gut gehaltenen hohen Gewächshäusern wachsen übrigens auch bei uns manche Palmen zu stattlichen Bäumen heran. So erinnere ich mich, in dem wundervollen Palmenhause der berühmten Kew gardens in London verschiedene Prachtexemplare in voller Blüte gesehen zu haben.

+Fritz+: Dann sind die Blüten wohl sehr hübsch?

~Dr.~ E.: Das kann man nicht gerade sagen; die einzelnen Blüten sind sogar recht unscheinbar. Aber sie sind zu Hunderten und oft zu Tausenden zu gewaltigen Rispen vereinigt, welche in riesigen Büscheln oder Wedeln zwischen dem Schirmdach der Blätter sich herabsenken.

+Hans+: Und nachher werden das lauter Datteln oder Kokosnüsse?

~Dr.~ E.: O, beileibe nicht. Die große Mehrzahl der Blüten kann gar keine Frucht ansetzen, denn sie enthalten nur Staubgefäße. Aus den Blüten mit Stempeln entwickeln sich aber selbst bei einer reich tragenden Kokospalme selten mehr als 100-150 Nüsse im Jahre. Bei andern Palmenarten, wie der Dattel, bleibt die eine Hälfte aller Bäume beständig ohne Früchte, da sie nur Staubgefäßblüten und keine Stempelblüten besitzen. Beide Arten von Blüten sind hier also auf verschiedene Stämme verteilt. Ein weiblicher Dattelbaum trägt dann allerdings später meist mehrere tausend Früchte.

+Fritz+: Ich habe mich schon oft gewundert, daß die Pflanzen, die doch zu derselben Familie der Palmen gehören, so verschiedene Früchte haben, wie Kokosnuß[48] und Dattel. Die eine ist eine kopfgroße, harte Nuß mit merkwürdiger Faserschicht um die holzige Schale, und die andere ist außen so fleischig, daß man sie wie eine Pflaume essen kann.

~Dr.~ E.: Die Verschiedenheit ist doch nicht so groß, wie du denkst. Der +Bau+ des Fruchtknotens ist bei allen Palmen der gleiche, und nur in der spätern Ausbildung oder Entwicklung der einzelnen Teile treten dann allerlei Besonderheiten auf. Daß die äußere Fruchtschale das eine Mal holzig, das andere Mal fleischig wird, findet sich ja beispielsweise auch bei unsern Nachtschattengewächsen: Der Stechapfel hat eine trockene, aufspringende Kapselfrucht, die Kartoffel eine Beere. Im innern Bau aber sind beide gleich.

+Fritz+: Was hat denn die dicke Faserschicht um die Kokosnuß für einen Zweck?

~Dr.~ E.: Wenn ich dir nach der Anschauung recht vieler Menschen antworten wollte, welche glauben, daß alles in der Natur nur für sie da sei, so würde ich sagen: Damit der Mensch sich allerlei Flechtwerk, Besen, Bürsten und Matten daraus machen könne. Der Botaniker aber weiß, daß diese Faserschicht weiter nichts ist als ein rechter und echter +Schwimmgürtel+, durch den die Nüsse befähigt sind, weite Reisen zwischen den Inseln des Stillen Ozeans zu unternehmen. Die holzige Schicht darunter verhindert dabei das Eindringen des schädlichen Seewassers in den Kern, der sonst seine Keimkraft verlieren würde.

+Kurt+: Und die Milch, die im Kern ist?

~Dr.~ E.: Nun, wir haben ja neulich erst besprochen, daß im Innern jedes Samens ein kleines Pflanzenkind schlummert --

+Kurt+: Ach, das ist großartig, daß die jungen Kokosnußpflänzchen auch Milch bekommen, wie die Kinder!

~Dr.~ E.: Schön wär’s, Kurt. Nur schade, daß diese „Milch“ der Hauptsache nach nichts weiter ist als reines Wasser, -- und von Wasser pflegen Kinder doch nicht fett zu werden.

+Kurt+: Das ist wahr. Dann wird diese Milch den Pflänzchen wohl wenig nützen.

~Dr.~ E.: Wenigstens nicht so, wie du dachtest. Dafür ist ja auch die dicke Außenschicht des Kerns vorhanden, die ihr so gern eßt, und in der eine Menge Nahrungsstoffe aufgespeichert sind, die von dem Keimpflänzchen durch Anlagerung seiner Keimblätter an diese Schicht nach und nach aufgezehrt werden. Trotzdem ist das Wasser im Innern durchaus nicht überflüssig.

+Kurt+: Oh, daß die Pflanzen beim Keimen Wasser brauchen, weiß ich schon. Deshalb muß man ja die Samen auch immer begießen, die man gepflanzt hat. Aber warum die Kokosnüsse dies Wasser nun gleich bei sich haben müssen, verstehe ich nicht recht.

~Dr.~ E.: Es scheint, als wenn das mit dem +Standort+ zusammenhängt, an dem die Kokosnüsse keimen. Das ist der salzige Meeresstrand, und da dürfte es für die junge Keimpflanze wichtig sein, daß sie zunächst das von der Mutter mitgegebene süße Wasser beim Aufbau ihrer ersten Blätter und Wurzeln verwenden kann, ehe sie zu dem für viele Pflanzen so schädlichen Salzwasser ihre Zuflucht nehmen muß.

+Fritz+: Zu wunderbar, wie die Natur sich immer zu helfen weiß! -- Sag’ mal, wird nicht aus der dicken Außenschicht des Kerns, die man essen kann, auch das Palmöl gewonnen?

~Dr.~ E.: Nein, Fritz. Da wirfst du zwei Dinge zusammen, die allerdings in ihren Eigenschaften und ihrem Gebrauch ziemlich viel Ähnlichkeit haben. Die Kerne der +Kokos+palme liefern zerschnitten die sogenannte Kopra, einen wichtigen Handelsartikel Ostindiens und der Südsee. Aus dieser wird +Kokosöl+ gewonnen. Das +Palmöl+ hingegen stammt hauptsächlich von einer afrikanischen Palme, der +Ölpalme+[49]. Ihre Früchte sind nicht größer als kleine Pflaumen und haben auch wie diese ein saftiges Fruchtfleisch und einen festen Kern. Aus dem Fruchtfleisch gewinnen bereits die Neger durch Kochen und Auspressen eine Menge Öl, das fast wie Butter aussieht; die Kerne aber kommen als Palmkerne meist nach Europa und werden hier ebenfalls auf Öl verarbeitet. -- Neben der Ölpalme benutzt man auch noch eine Reihe anderer Arten zur Ölgewinnung.

+Kurt+: Gibt es denn so viele Palmenarten?

~Dr.~ E.: Jedenfalls mehr als du denkst. Es sind bereits über achthundert verschiedene beschrieben worden.

+Kurt+: Das hätte ich nicht gedacht. Kennst du denn die alle?

~Dr.~ E.: O nein, mein Junge. Dazu gehört selbstverständlich ein jahrelanges eingehendes Studium. Und an unsern paar Zimmer- und Gewächshauspalmen kann man das überhaupt nicht lernen. Viele Arten sind wohl noch nie in Kultur genommen, und die Mehrzahl der andern bringt bei uns gerade die wichtigsten Merkmale, wie Stamm, Blüten und Früchte, kaum je zur vollen Ausbildung.

+Fritz+: Sind denn die Stämme auch verschieden?

~Dr.~ E.: Gewiß. Für gewöhnlich gleicht der Palmstamm bekanntlich einer einfachen, geraden Säule, an deren Ende die mächtigen Blätter sich schirmförmig nach allen Seiten ausbreiten. Dieser Stamm kann nun fast glatt oder geringelt sein, oder er ist dicht mit den Überresten abgestorbener Blätter, ja auch wohl mit Dornenreihen besetzt. Bei manchen Arten teilt sich der Stamm in eine Reihe von Ästen, deren jeder eine Blattkrone trägt, wie bei der in Oberägypten so häufigen Dumpalme[50], und noch wieder bei andern ist er ganz kurz und fast unterirdisch.

+Kurt+: So sieht es ja immer bei unsern Zimmerpalmen aus. Einen ordentlichen Palmenstamm habe ich noch nie gesehen.

~Dr.~ E.: Da wirst du wohl ein wenig im Irrtum sein. Oder solltest du nie in deinem Leben die Bekanntschaft mit einem sehr nützlichen Instrument gemacht haben, das man für gewöhnlich zum Rockausklopfen braucht, manchmal sogar, wenn noch ein Junge in dem Rock drinsteckt?

+Kurt+: Du meinst den +Rohrstock+? Aber den habe ich nicht für einen Palmenstamm gehalten. Er heißt ja auch „spanisches Rohr“, und Rohr oder Schilf gehört doch zu den Gräsern.

~Dr.~ E.: Aus allem dem folgt weiter nichts, als daß die Leute, welche zuerst die Pflanzen überseeischer Länder kennenlernten, eben nicht immer Botaniker waren. Es gibt in der Tat zwei ganz verschiedene Dinge, die beide mit dem Namen „spanisches Rohr“ belegt werden. Das eine ist wirklich ein +Gras+[51], und zwar das größte, das wir in Europa haben, denn es erreicht über doppelte Mannshöhe und hat einen bis armdicken, sehr festen, fast holzigen Halm. Die bekannten, ineinander schiebbaren Angelstöcke sind häufig aus diesem Gras gemacht, das in Südeuropa weit verbreitet ist und zu allen möglichen Dingen verwendet wird. Das andere spanische Rohr, auch Stuhlrohr oder Rotang[52] genannt, ist eine ostindische +Palmen+gattung mit vielen Arten. Sie zeigen allerdings in ihrem ganzen Aussehen etwas Grasartiges, haben sonst aber mit den Gräsern nicht die geringste Verwandtschaft. Aus diesem Rotang werden neben zahllosen andern Sachen namentlich auch unsere Rohrstühle geflochten. Du sitzt also in diesem Augenblicke auf zerfaserten Palmenstämmen, die du noch nie gesehen zu haben glaubtest.

+Fritz+: Aber wie unterscheidet sich denn das Schilfrohr von dem Rotang?

~Dr.~ E.: Natürlich so, wie sich überhaupt Palmen von Gräsern unterscheiden. Sieh dir doch einmal den Querschnitt eines Rohrstocks an und vergleiche ihn mit dem unseres Schilfrohrs. Ist denn das nicht grundverschieden?

+Fritz+: Ja, das muß ich zugeben: Der Rohrstock ist ganz solide im Innern; er zeigt lauter kleine Poren, wie mit Nadeln gestochen. Ein Rohrhalm aber ist im Innern hohl und hat nur hie und da feste Zwischenwände, die sogenannten Halmknoten.

~Dr.~ E.: Ich könnte dir außerdem erzählen, daß die Blätter des Rotang ebenso wie die der meisten Palmen +gefiedert+ sind, während die Gräser stets +einfache+, lineale Blätter haben. Nicht minder verschieden sind dann Blütenbau und Früchte.

[Sidenote: Bambus]

+Hans+: Ist denn nun der Rohrstock dasselbe wie +Bambus+?

~Dr.~ E.: Nein, mein Hansel, da kommst du noch wieder mit einer dritten Sorte von Pflanzen, die zu Stöcken verarbeitet werden. Die Bambusgewächse[53] sind keine Palmen, sondern ebenfalls Gräser, wenn auch von einer Höhe und Gewaltigkeit, von der wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Sie sind völlig baumartig, und einzelne Arten erreichen eine Höhe bis zu vierzig Metern. Die undurchdringlichen Dickichte Ostindiens, die sogenannten Dschungeln, bestehen vorwiegend aus diesen Gräsern, welche bekanntlich so schnell emporschießen, daß man dort im wahrsten Sinne des Wortes das Gras wachsen sehen kann. Namentlich die knotigen Wurzelschößlinge, das sogenannte Pfefferrohr, werden bei uns viel zu Schirmstöcken, Pfeifenrohren usw. verarbeitet.

+Fritz+: Kann man denn die Palmen nicht an den Blättern unterscheiden?

~Dr.~ E.: Bis zu einem gewissen Grade wohl. Im wesentlichen aber gibt es nur zwei Hauptformen des Blattes: Das fächerförmige oder gefingerte, und das gefiederte, wonach man dann gewöhnlich +Fächer+palmen und +Fieder+palmen unterscheidet. Zu den Fächerpalmen gehören von bekannteren Arten vornehmlich die echte Fächerpalme[54] Indiens und die Zwergpalme[55] Südeuropas; zu den Fiederpalmen die Kokospalme[56], Dattelpalme[57], Ölpalme[58], die echte Sagopalme[59] und die Rotangpalme[60].

+Kurt+: Und die +Dracaenen+ in unserer Balkonstube, die doch auch so einen schlanken geringelten Stamm haben mit einem Blattschirm am Ende, gehören nicht zu den Palmen?

~Dr.~ E.: Nein, die gehören in die Nähe des Spargels und der Maiblume. Schon die einfachen, lanzettlich linealischen Blätter lassen auf den ersten Blick erkennen, daß wir es nicht mit einer Palme zu tun haben.

+Fritz+: Warum heißen denn diese Pflanzen eigentlich „Drachenbäume“? ~Dracaena~ ist ja nur die lateinische Übersetzung.

[Sidenote: Drachenbäume. Harz]

~Dr.~ E.: Mit dem Namen „Drachenbäume“ belegt man eine ganze Reihe von Pflanzen, von welchen ein dunkelblutrotes Harz, das sogenannte „Drachenblut“, gewonnen wird. Dasselbe war früher in der Medizin hoch geschätzt und wurde mit Gold aufgewogen, während es heute nur noch zu Polituren, Firnissen usw. Verwendung findet. Das meiste Harz kommt von einer ostindischen Palmenart, der Drachenpalme[61], in den Handel; auch ein westindischer Baum mit Schmetterlingsblüten[62] liefert ziemlich viel davon. Am berühmtesten aber war das Drachenblut einer ~Dracaena~ auf den Kanarischen Inseln, des seltsamen, fast vorsintflutlich gestalteten +Drachenbaumes+[63], deren einer, von gewaltigem Umfange und nach Alexander von Humboldts Schätzung viele tausend Jahre alt, von den Ureinwohnern der Inseln, den tapfern Guanchen, als heilig verehrt wurde. Er stand in dem Städtchen Orotava und ist erst in den 60er Jahren durch einen Sturm vernichtet worden. Von diesem kanarischen Drachenbaum, der übrigens gewiß herzlich wenig Drachenblut lieferte, hat die ganze Gruppe der Dracaenen, die ja zu den beliebtesten Zimmerpflanzen gehört, ihren Namen erhalten.

+Kurt+: Inwiefern sind sie denn mit unserm Spargel verwandt?

~Dr.~ E.: Nun, du könntest sie auch als baumförmige Lilien bezeichnen. Im Bau ihrer Blüten, die ja gar nicht so selten auch bei uns als reichblütige violette Rispen zur Entwicklung kommen, gleichen sie ihnen vollständig, und die Frucht ist wie beim Spargel und Maiglöckchen eine dreisamige rote Beere.

+Fritz+: Was für einen Zweck hat denn eigentlich dieses Drachenblut in der Pflanze?

~Dr.~ E.: Wie ich schon sagte, gehört das Drachenblut zu den +Harzen+, die gleich den flüssigen Balsamen im Pflanzenreiche weit verbreitet sind. Ich erinnere nur an das Harz unserer gewöhnlichen Kiefern und Fichten. Was für eine Bedeutung diese Harze für die Pflanze haben, ist wohl noch nicht ganz sicher festgestellt. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um Stoffe, die bei den chemischen Vorgängen im Innern der Pflanze als unbrauchbar ausgeschieden wurden und nun in röhrenartigen Hohlräumen zwischen dem Gewebe, in den sogenannten Harzgängen, sich ansammeln. In vielen Fällen indes erscheint die reichliche Harzbildung geradezu als eine Krankheit. So kann man bekanntlich das Holz unserer Tannen „kienig“, d.❰h. reich an Harzen machen, wenn man sie verwundet.

+Fritz+: Wird denn nicht auf ähnliche Weise, ich meine durch Reißen von Wunden in den Stamm, das Harz aus unsern Fichten gewonnen?

[Sidenote: Terpentin. Gummi. Kautschuk]

~Dr.~ E.: Allerdings. Was in den sogenannten Harzgängen unserer Nadelhölzer zunächst vorhanden ist, heißt +Terpentinöl+ und ist dünnflüssig. Nachdem es aber aus der Wunde herausgeflossen ist, verändert es sich teilweise unter dem Einfluß der Luft, es „verharzt“ und wird zäher. Man erhält so den gewöhnlichen +Terpentin+, der demnach als eine Mischung von Terpentinöl und Harz zu bezeichnen ist.

+Kurt+: Ist denn der Kirschgummi an unsern Pflaumen- und Kirschbäumen auch durch eine Verwundung hervorgerufen?

~Dr.~ E.: Ja. So wie es eine Harzkrankheit gibt, so gibt es bei manchen Pflanzen auch eine +Gummi+krankheit. Aus beiden aber weiß der Mensch Vorteil zu ziehen. Denn wie er das Harz einsammelt, um allerlei nützliche Stoffe daraus zu machen, wie Terpentin und Kolophonium, so benutzt er auch das Gummi verschiedener Pflanzenarten zu mannigfachen Zwecken.

+Kurt+: Oh, Radiergummi und Gummibälle haben wir ja sogar hier im Hause.

~Dr.~ E.: Nein, Kurt, an die habe ich zunächst nicht gedacht; die gehören in ein ganz anderes Kapitel. Ich hatte in erster Linie das +Gummiarabikum+ im Auge, das ihr ja aber auch kennt. Es fließt in ganz ähnlicher Weise wie unser Kirschgummi aus der Rinde afrikanischer Akazien oder Mimosen heraus, um bald an der Luft zu spröden, glasglänzenden Stücken zu erhärten. In Wasser gelöst liefert es dann ein vorzügliches Klebmittel.

+Kurt+: Aber unser Radiergummi stammt doch auch von einer Pflanze?

~Dr.~ E.: Allerdings, und sogar von einer, die wir hier im Zimmer haben.

+Fritz+: Du meinst doch nicht unsern +Gummibaum+?

~Dr.~ E.: Und warum sollte ich den nicht meinen?

+Fritz+: Ich habe doch nie auch nur die geringste Spur Gummi an ihm bemerkt.