Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band.

Chapter 14

Chapter 143,640 wordsPublic domain

»Daß ich ein afrikanischer Prinz wäre hat er geglaubt« lachte nun auch der Alte — »aber der östreichische Consul blieb ihm in der Kehle stecken.«

Theobald war entrüstet, und eben im Begriff dem profanen Menschen in voller Verachtung zu erwiedern, besann sich aber noch eines Besseren, drehte sich scharf auf dem Absatz herum, und verließ mit einem durchbohrenden Blick auf die Gruppe, der von einem lauten Hurrah der Uebrigen erwiedert wurde, rasch den Platz.

»Guten Morgen Herr Theobald« sagte in diesem Augenblick Meier der jedenfalls auch ein heimlicher Zeuge der Scene gewesen sein mußte, zu dem entrüsteten Dichter, dem er auf dem anderen Gangweg begegnete — »wünschten Sie nicht vielleicht jetzt auch _meine_ Lebensgeschichte in Ihr kleines grünes Büchelchen zu notiren? — ich stünde Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«

»Gehn Sie zum Teufel!« rief aber Theobald, der den in dem Anerbieten enthaltenen Hohn nicht mißverstehen konnte, in voller Entrüstung, und warf beinah den Waschtrog über den Haufen, an dem des Webers Frau beschäftigt war, nur um dem fatalen Menschen so rasch als möglich aus dem Weg zu kommen. Meier blieb aber stehn, sah ihm erst lächelnd eine Weile nach, und dann sich zu dem Weber wendend, der unsern davon an des Zimmermanns Hobelbank stand und arbeitete sagte er, während er mit dem Daumen seiner rechten Hand über die Achsel hinter dem Fortstürmenden her deutete:

»Ein liebenswürdiger junger Mann das, Kamerad; den müssen wir uns zum Freunde halten, oder er streicht uns rabenschwarz an, wenn er einmal in Amerika unsere Reise beschreibt,« und sich vor heimlichem Lachen ordentlich schüttelnd, ohne daß jedoch sein Gesicht einen freundlicheren Ausdruck dadurch bekommen hätte, stieg er durch die hintere Luke in’s Zwischendeck hinab.

Der Weber sah ihn an während er sprach, und hobelte dann eine Zeit lang ruhig weiter; endlich aber, als ob er mit seinen Gedanken doch nicht recht einig werden könne, legte er den Hobel hin, ging die paar Schritte zu seiner Frau hinüber und sagte, sich das Kinn mit der linken Hand streichend, und nachdenklich in die Luke hinab hinter dem Manne herschauend:

»Wenn ich nur wüßte wo ich das Gesicht von dem da schon früher einmal gesehen habe — vorgekommen ist mir’s schon, darauf wollt’ ich das heilige Abendmahl nehmen, und jetzt zerbrech ich mir schon seit drei Tagen den Kopf wo ich ihn hinthun soll.«

»Wen? — den finsteren schwarzen Burschen, der sich jetzt den großen schwarzen Bart stehn läßt seit er auf dem Schiff ist?« sagte die Frau, ebenfalls in ihrer Arbeit ruhend — »das ist ein mürrischer Gesell, und je weniger man mit ihm zu thun hat, desto besser.«

»Vater« sagte da Hans, des Webers ältester Junge, der für die Mutter die Wäsche ausgerungen und in einen trockenen Kübel gelegt hatte — »der hat beinah so ein Gesicht wie der Fleischer, der an dem Tage bei uns war als es so furchtbar stürmte und regnete.«

»Gott sei mir gnädig ob der Junge nicht recht hat!« schrie die Mutter da, und ließ vor Schrecken die Seife fallen. »Das ist der rohe Mensch der so häßlich von den Kindern sprach; darum ist mir das finstere Gesicht auch immer so fatal und unheimlich gewesen. Herr Du mein Gott, ist mir der Schreck doch ordentlich in die Glieder gefahren« — setzte sie nach einer kleinen Pause tief aufseufzend hinzu — »wo er nur herkommt und weshalb er von daheim fort sein mag?«

»Wegen was Gutem nicht« sagte der Mann mit dem Kopfe nickend, und umsonst hat er sich nicht den dicken Bart und die langen schwarzen Haare kurz abgeschnitten gehabt, wie er von zu Hause fort ist, der Patron. Aber Ihr habt recht, es ist wahrhaftig der Gesell, der damals in dem Unwetter zu uns kam und dann nach der Schenke hinaufging, sich einen Schnaps zu holen. Nun was kümmert’s uns — er hat _uns_ nicht wieder kennen wollen, die wir uns nicht entstellt haben, und das können wir ihm nur Dank wissen — ich werde mich ihm nicht aufdringen, davor ist er sicher, aber wissen möcht’ ich schon was mit ihm los ist.«

»Das ist also seine Frau, die lange hübsche Person, die immer krank in der Coye liegt?« frug die Frau.

»Er sagt’s wenigstens« meinte der Weber — »und sie gilt dafür.«

»Aber wo sind denn seine Kinder?« fuhr die Frau rascher fort — »weißt Du nicht daß er uns damals sagte er hätte so viel — zum Abgeben? — ich hab’ es nicht vergessen, denn das gerade hat mir den Mann gleich von allem Anfang an so verhaßt gemacht.«

»S’war wohl auch nur eine Prahlerei« brummte der Weber achselzuckend — »und er that sich groß mit seiner Gleichgültigkeit. Leider Gottes rühmen sich die meisten Menschen nur gewöhnlich etwas, dessen sie sich eher schämen sollten, wenn sie Verstand wie Herz auf dem rechten Fleck hätten. Ich bin übrigens nur froh daß ich herausbekommen habe wohin ich des Burschen Gesicht thun sollte — der Hans hat doch ein gutes Gedächtniß —«

Und damit ging er zurück zu seiner Hobelbank, wo er gleich darauf die hingelegte Arbeit wieder aufnahm, und rüstig daran fortarbeitete, bis der Koch zum »Schaffen« rief, und der Zimmermann kam, sein Handwerkszeug für die Nacht fortzupacken.

Capitel 8.

DIE ENTDECKUNG.

Auf dem Quarterdeck hatten sich indessen an dem Nachmittag, sehr zum Aerger der alten Frau von Kaulitz, die heute selbst nicht Herrn von Benkendroff an den Spieltisch fesseln konnte, sämmtliche Passagiere versammelt, den herrlichen warmen und sonnigen Tag sowohl zu genießen, als auch eine Freudenbotschaft des Capitains zu feiern. Dieser hatte ihnen nämlich nach seiner um 12 Uhr genommenen Observation erklärt, daß sie morgen, wenn der Wind so aushielte, oder eher noch ein wenig besser würde, und die Strömung sie nicht zu weit nach Norden versetze (Schiffscapitaine haben in einem solchen Fall immer eine Masse _wenns_, sich die nöthige Hinterthüre aufzuhalten) möglicher Weise, aber noch keineswegs ganz bestimmt, Land sehen könnten.

_Land_ — das Wort, so leise und vorsichtig wie es auch gesprochen, zuckte doch wie ein Lauffeuer durch das ganze Schiff. _Land_ — _Amerika_, die Passagiere strömten in Schaaren herauf aus ihrem dunklen Raum, des Worts Verheißung auch gleich erfüllt erwartend, und schauten nach allen Richtungen hinaus in See, nach Nord und Süd, nach Ost und West, die Küstenreihe zu erkennen, wie sie sich ihre Phantasie bis dahin wohl gedacht und ausgemalt.

»Wo ist es? — dort hinten — ich habe es den ganzen Morgen schon gesehn — oh Gott bewahre, das ist nur ein schwarzer Schattenstreif auf dem Wasser — nein _dort_ hinüber liegts, es muß doch nach Westen sein — aber ich sehe ja Nichts — ja ich auch nicht —« rief und schrie es unter den Passagieren durcheinander, und die Matrosen machten sich ein Vergnügen daraus, die Leute nur wo möglich noch immer mehr irre zu führen. Wenn die Passagiere nun aber auch nach und nach erfuhren, daß das verheißene Land keineswegs schon in Sicht, sondern erst auf morgen angesagt sei, kam doch jetzt auf einmal ein reges, geschäftiges Leben in die Leute, und die selbst, die sich die ganze Reise hindurch kaum geregt, und oft nur mit Gewalt aus ihren Coyen gebracht waren, dem Zwischendeck unten eine Zeitlang frische Luft zu gönnen, krochen hervor aus ihrer Höhle, wie lichtscheue Dachse, und sonnten sich in dem behaglichen Gefühl nun bald wieder festen Grund und Boden betreten zu können, und dem fatalen ewigen Schwanken und Schaukeln enthoben zu sein.

Am lautesten in ihrer Freude waren ein paar Oldenburger Bauernfamilien, die sich besonders unzufrieden auch unterwegs schon über die Schiffskost gezeigt und den Capitain und die Steuerleute fortwährend mit Klagen und Beschwerden bestürmt und geärgert hatten. Bald war ihnen das Fleisch zu fett, bald zu mager gewesen, bald das Brod zu hart, bald nicht genug davon, und fortwährend hatten sie dabei ihren Contrakt zur Hand, nach dem ihnen gute und nahrhafte Kost zugesagt worden für die Dauer der Reise, während sie jetzt das sämmtliche Zwischendeck zu Zeugen aufriefen, ob das, was sie bekämen, gute und nahrhafte Kost genannt werden könne. In _ihrem_ Lande füttere man die Schweine damit, und hier wolle man es Leuten, die ihre schwere Passage bezahlt hätten, als contraktmäßige Kost aufzwingen. Die Leute sahen dabei ärmlich und kümmerlich genug aus, und es war die Frage, ob sie es daheim so gut gehabt, wie sie es wirklich an Bord bekamen; gerade derartige Passagiere sind aber gewöhnlich auf den Schiffen die am schwersten zu befriedigenden, während Andere, die an ein besseres Leben daheim gewöhnt waren, die Dinge gewöhnlich nehmen wie sie sie finden, sich dabei mit Recht denken, daß an Bord eines Schiffes, auf einer langen Reise, nicht eben Alles nach Wunsch gehen könne, und der Reisende gleich von vornherein auf ein gewisses Maaß von Entbehrungen und Unbequemlichkeiten gefaßt sein müsse.

Morgen Land — das Wort verschlang aber in dieser Stunde alle anderen Gedanken, wenn auch das versprochene noch nicht in Sicht war, und viele, viele Meilen Seeraum noch zwischen ihm und dem, mit vollen Segeln dorthin strebenden Schiffe lagen. »Morgen Land« — die meisten Passagiere verwechselten dabei, in dem Freudenrausch des neuen Gefühls, den ersten Anblick, der dann jedenfalls noch sehr fernen Küste mit dem wirklichen Betreten derselben, und dringende Rufe nach dem Steuermann wurden laut, ihnen, wie ihnen das in Bremen versprochen worden, den unteren Schiffsraum jetzt zu öffnen, und von dem und jenem verlangte Kisten vorzuholen, nothwendige Kleidungsstücke und Wäsche herauszunehmen aus dem bis jetzt verschlossenen Gepäck. Vergebens suchten die Steuerleute den Ungeduldigen begreiflich zu machen, daß sie mit dem Land sehen, — und sie sähen es noch nicht einmal — nicht auch schon im Hafen wären, und Schiffe in der That schon in Ruf’s Nähe vom Land gewesen, durch ein plötzlich eintreffendes Wetter aber wieder in See hinausgetrieben wären, und dort noch hätten Wochenlang umherkreuzen müssen, ehe sie ihr Ziel erreichten.(17) Es blieb Alles vergeblich, die Leute ließen nicht mit Quälen nach, und theils ihr lästiges Drängen los zu werden, theils auch, weil das Wetter wirklich vortrefflich und eine baldige Landung möglich war, befahl der Steuermann endlich einigen seiner Leute, die untere »Achterluke« aufzumachen, und von dem darunter befindlichen Passagiergut herauszuholen, was verlangt würde, und was sie eben möglicher Weise erreichen konnten.

Die erste Kiste gleich, die zu Tag kam, gehörte den beiden Schwestern, Rechheimers Verwandten, die mit Hedwig eine Coye theilten, und besonders laut schon gejammert hatten, daß sie einige Sachen nothwendig daraus haben _müßten_, um anständig an Land zu erscheinen. Die Kiste wurde also auf ein paar andere hoch in die Luke gehoben, und dort gleich von dem Zimmermann aufgeschlagen.

Die Passagiere drängten indeß auf dem von der Luke zurückgeschobenen Gepäck umher; wer seine Coye dort hatte, stieg hinein, um von dort die Verhandlung zu überschauen, und wer nicht so glücklich war, suchte auf den aufgestapelten Kisten und Koffern, oder am oberen Lukenrand einen Platz und Ueberblick zu gewinnen, als ob da unten wirkliche Sehens- und Merkwürdigkeiten gezeigt, und nicht eben nur ein paar Auswandererkisten geöffnet und durchstöbert werden sollten, die keinesfalls etwas anderes enthielten, als Wäsche und Kleider. Auf See wird aber auch selbst das Unbedeutendste zum Ereigniß, wenn es eben das alltägliche Leben unterbricht und irgend eine Veränderung bringt, und die Passagiere geben sich dem nicht selten wie Kinder hin, die nur nach einem bunten neuen Spielwerk greifen, um es im nächsten Augenblick wieder bei Seite zu werfen. So war denn auch hier kaum der Deckel von der Kiste gehoben, Rebecca, die eine der Schwestern, ein junges, allerliebstes schwarzäugiges Mädchen von vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahren, hatte eben die oberste Schicht Leinen abgenommen, und ein etwas buntes Kattunkleid herausgehoben, als von den Lippen der nächst Sitzenden ein bewunderndes »Ah!« laut, und der Scherz von den Uebrigen augenblicklich aufgefaßt wurde.

»Ah!« tönte es fast von jeder Lippe, die Anderen, die nicht in Sicht der vorgehenden Dinge kommen konnten, aus Neugierde fast zur Verzweiflung treibend — »ah wie schön, ah wie wunderschön — ja Fräulein Rechheimer — na das wird ein Staat werden, in New-Orleans — Donnerwetter, die Amerikaner werden wir einmal verblüffen« — »Ah!« tönte es dann wieder in lautem Chor, als ein roth und grünseidenes, hochgelb geflammtes Tuch zum Vorschein kam — »ah wie wunderschön!«

»Oh höre Se auf mit Ihre Dummheite« sagte die ältere Schwester Sarah, halb lachend, halb ärgerlich, aber der Chor stimmte ein, und während die Mädchen roth wurden und nicht wußten ob sie lachen oder böse werden sollten, mußten sie doch all ihre Herrlichkeiten den Blicken des dankbaren Publikums preisgeben, das mit einem Beifallssturme jedes neue Stück von Schmuck oder Putz begrüßte.

Madame Löwenhaupt ließ gleich darauf eine von ihren Kisten öffnen, erklärte aber dabei von vornherein, sich dergleichen Verhöhnung für ihre eigene Person nicht gefallen zu lassen; das machte jedoch das Uebel wo möglich noch ärger, denn wenn das leichtsinnige Völkchen des Zwischendecks erst im Anfang gejubelt hatte, so erhob sich jetzt, als das hochrothe Staatskleid, und zuletzt sogar ein Feder- und Blumenbesteckter Hut der kleinen, keineswegs mehr hübschen Frau zum Vorschein kamen, ein wahrer Beifallssturm und solcher Heidenlärm, daß der Steuermann wirklich nach vorn geschickt wurde, zu sehen ob vielleicht irgend ein Unglück vorgefallen wäre. Madame Löwenhaupt wollte nun allerdings bei diesem Klage über die »nichtswürdige Behandlung« wie sie es nannte, führen, und als dieser nicht darauf einging, sich in die »Privatverhältnisse« der Passagiere zu mischen, wurde Herr Löwenhaupt selber bei Allem beschworen, was er seiner Frau schuldig sei, dieß schändliche Betragen nicht zu dulden. Herr Löwenhaupt wußte aber auch selber am besten was ihm gut sei; er dachte gar nicht daran Streit mit sämmtlichen Passagieren anzufangen, sondern stand vielmehr seiner Ehehälfte bei, ihre Sachen rasch aus dem Weg und Gesichtskreis der sie Umlagernden zu bringen — das Gescheuteste zweifelsohne, was er in diesem Fall zu thun im Stande war.

Die Aufmerksamkeit der Passagiere wurde aber auch selbst hiervon abgelenkt, als ein anderes Schauspiel vor ihnen auftauchte. »Ein Handwerksbursch — ein armer Handwerksbursch!« schrie es von Deck aus, und lauter schallender Jubel begrüßte hier einen jungen Burschen, einen Schuhmachergesellen, der sich, als Alle ihre Sachen vorholten, zum Spaß seinen »Landrock« herausgesucht, den großen ausgeschweiften Hut aus der Kiste, den mit schwarzer Wäsche ausgestopften Tornister mit ein paar eingebundenen Reservestiefeln auf den Rücken, und den Knotenstock in die Hand genommen hatte, und nun mit großen geschäftigen Handwerksburschenschritten unter dem Zujauchzen der Passagiere und Matrosen, auf dem Starbordgangweg auf und ab paradirte. Der Jubel wurde aber noch größer, als der Schustergesell das Privilegium, das ihm als Handwerksburschen zustand, benutzend, seinen Hut abnahm und bei den verschiedenen Passagieren des Zwischendecks, die gegen ihn zudrängten, anfing zu fechten, und Steinert zuletzt, der sich geschwind einen alten Ueberrock holte, bis oben hinauf zuknöpfte und dann ein Seitengewehr umhing, das er Gott weiß wo gefunden, den fechtenden Handwerksburschen als Gendarme arretirte und unter dem Hurrahgeschrei der sämmtlichen Mannschaft nach unten transportirte. Dieser arbeitete sich aber doch wieder an Deck, und selbst der alte Capitain Siebelt, der wie schon erwähnt sein Deck eifersüchtig von Zwischendeckspassagieren frei hielt, sagte kein Wort und schmunzelte sogar, als er die hier gar nicht herpassende Gestalt aus dem innern Lande zuletzt mit abgezogenem Hut bis auf das Quarterdeck hinaufsteigen sah. — Er dachte auch an zu Hause, an Frau und Kind, wo er, wenn er einmal auf kurze Zeit daheim saß, nie einen armen Handwerksburschen unbeschenkt entlassen hatte; ja er würde dem hier mit größtem Vergnügen ein Sechsgrotenstück in den Hut geworfen haben — und lieber mehr wie weniger, nur der alten Erinnerungen wegen, aber — die Autorität litt das nicht, der durfte er Nichts vergeben, und dem Handwerksburschen war schon Ehre genug geschehn, daß er das Quarterdeck betreten; das hätte gefehlt daß er auch noch Geld dazu bekam.

Die Cajütspassagiere hatten sich aber auch schon über das rege geschäftige Leben, das heute am Deck herrschte, amüsirt, und Clara besonders lachte mit Marie, das ihnen die Thränen in die Augen traten, als der allerdings wunderlich genug aussehende Handwerksbursch an Deck erschien und seine Runde machte; wie er aber seinen Hut abzog, und zum Quarterdeck fechten kam, bestand sie darauf, daß er nicht umsonst ihre Mildthätigkeit in Anspruch nähme.

»Wir können doch wahrhaftig nicht sagen« rief die muntere junge Frau lachend, »daß wir von derartigen Leuten überlaufen werden, und eine Schande wär’s für ewige Zeiten, wenn wir den ersten armen reisenden Handwerksburschen, der uns auf offener See anspricht, unbeschenkt entließen. Du mußt mir etwas kleines Geld geben, Joseph.«

Der junge Henkel, der wahrscheinlich auch mit den Vorbereitungen der baldigen Landung beschäftigt, den ganzen Tag schon in seiner Coye geordnet und umgepackt hatte, und jetzt auf einer der Quarterdecks-Bänke saß und in seinem Taschenbuch rechnete und notirte, hatte sich bis jetzt auch nicht im Mindesten um das bekümmert was im Zwischendeck vorging, und selbst nicht auf das Lachen und den Jubel um sich her weiter, als mit einem gelegentlichen theilnahmlosen Blick geachtet. Nur die direkt an ihn gerichtete Bitte machte ihn aufschauen, und Clara mußte sie wiederholen, ehe er sie nur verstand.

»Kleines Geld, liebes Kind, habe ich nicht mehr« antwortete er dann, die Achseln zuckend und seine Papiere wieder vornehmend. »Deutsche Grote nutzen uns doch Nichts mehr in Amerika, und ich habe nicht allein die letzten in Brake ausgegeben, sondern auch schon, wie Du recht gut weißt, Deine Waschfrau im Zwischendeck neulich in Amerikanischen Dollarn bezahlen müssen.

»Ja lieber Gott, so geht es uns auch« rief Marie, die ebenfalls ihr Portemonnaie herausgeholt hatte und es vergebens durchsuchte, »all unser kleines Geld ist ausgegeben und wir sind des Webers Frau, der Frau Brockfeld, noch außerdem eine kleine Summe schuldig, die ihr der Vater versprochen hat in Amerikanischem Gelde zu bezahlen sobald wir an Land kommen.«

»Armer reisender Handwerksbursch — seit drei Tagen keinen warmen Löffel im Leibe gehabt!« sagte in diesem Augenblick der junge Bursch, indem er sich halb schüchtern, als ob er nicht wisse wie der Scherz aufgenommen werde, den Damen mit vorgehaltenem Hute und tiefem Kratzfuß näherte — »möchte gern das Handwerk begrüßen, aber habe keinen einzigen Schuster hier vorgefunden.«

»Lieber Joseph« bat die junge Frau schmeichelnd, »bitte, laß doch nur einen Augenblick Deine alten häßlichen Papiere und sieh Dir den armen Handwerksburschen mit den bestaubten Stiefeln an — er kommt direkt von der Landstraße, und — ah mir fällt etwas ein — Du hattest neulich kleines Englisches Geld, das Du mir zeigtest — Du hast das noch, nicht wahr? — warten Sie einen Augenblick« wandte sie sich dann rasch zu dem verlegen stehen bleibenden Burschen — »Sie sollen gleich bekommen — nicht wahr, Du giebst mir ein paar von den kleinen Stücken; die gelten auch in Amerika.«

»Aber liebes Kind, ich weiß wirklich nicht wo sie sind, und bin auch in diesem Augenblick gerade mitten im Rechnen drin.«

»Aber der Handwerksbursch« sagte die muntere, kleine Frau in komischer Verzweiflung — »thatest Du es nicht damals in Dein Toilettkästchen?«

»Ich glaube, ja« sagte Henkel zerstreut, und froh damit abzukommen — es steht unten auf meinem Bett.«

»Hedwig mag es holen« rief Clara rasch — »Du weißt Hedwig, das kleine Lederetui mit dem goldenen Schloß« — auf dem oberen Bett in der Coye —

Hedwig, die eben aus dem Zwischendeck heraufgekommen war, zu sehen ob ihre junge Herrin etwas bedürfe, sprang rasch in die Cajüte hinab, und kam gleich darauf mit dem verlangten Kästchen zurück.

»Aber es ist verschlossen« sagte Clara, damit zu dem, wieder ganz in seine Papiere vertieften Manne tretend »hast Du den Schlüssel?«

»Du quälst mich mehr wie mein Geld, Herz,« sagte dieser halb lächelnd, halb ungeduldig in seine Westentasche greifend, aus der er ihr gleich darauf einen kleinen gelben Schlüssel überreichte.

»Danke, danke« rief Clara, es rasch und freudig öffnend, »und nun, Marie, bekommen wir Geld —«

»Halt — gieb mir das Kästchen — ich will es Dir selber geben« — rief da, plötzlich von seinem Sitze rasch emporspringend daß die Papiere selber unbeachtet zu Boden fielen, Henkel, und eilte auf sie zu.

»Ich habe es schon« sagte die Frau lächelnd, ohne seine plötzliche Aufregung zu bemerken — »hier ist ein Stück und hier — heiliger Gott — da ist ja —«

Sie vermochte nicht mehr zu sagen, denn Henkel hatte in demselben Moment das Kästchen ergriffen; aber seine Hand zögerte es fortzunehmen, und sein Auge begegnete in demselben Moment fast bewußtlos dem stieren, fest und entsetzt auf ihm haftenden Blick seines Weibes.

Henkel war todtenbleich geworden, aber er nahm jetzt das Kästchen fast mechanisch aus Clara’s Hand, verschloß es und steckte den Schlüssel wieder in die Tasche, während er sich abwandte, die niedergefallenen Papiere aufzulesen.

»Hast Du das Geld, Clara?« rief Marie lachend, die in dem Augenblick gerade nach dem Rande des Quarterdecks gesprungen war, die Ursache eines neuen Lärmes zu erkunden, der von der Zwischendecksluke heraustönte — »ich glaube dort unten schlagen sie sich.«

»Hier ist es« sagte Clara, sich gewaltsam sammelnd und ihr das Geldstück, das sie noch in der Hand hielt, reichend — »gieb es dem Mann.«

»Gott vergelt’s tausendfach« sagte der Handwerksbursch, der indessen bei den anderen Passagieren, mangelnden kleinen Geldes wegen, ebenfalls mit sehr geringem Erfolg gesammelt hatte, und jetzt ebenfalls ungeduldig nach dem Zwischendeck hinabschaute — »da unten schmeißen sie sich aber, glaub’ ich, und da möcht’ ich dabei sein« — und seinen Tornister mit einem plötzlichen Ruck höher auf die Schultern bringend, und einer nicht ungeschickten Verbeugung gegen das ganze Quarterdeck, drückte er sich den großen ausgeschweiften Hut wieder fest und etwas seitwärts auf den Kopf, spukte in die Hand, faßte seinen Prügel fester, und sprang dann rasch die kleine Treppe, die auf Deck hinabführte, nieder. Marie und die Uebrigen traten indessen ebenfalls an den Rand des Quarterdecks, der mit einem dünnen eisernen Geländer eingefaßt war, und von wo aus der Capitain schon nach dem Steuermann rief, dem Unfug da unten ein Ende zu machen und die Ruhestörer auseinander zu bringen. Nur Clara blieb mit dem Gatten allein zurück, und einige Schritte von ihnen entfernt stand der Mann am Steuerrad.

»Joseph« sagte die Frau mit leiser, kaum hörbarer Stimme, während sie zu ihm ging und seinen Arm erfaßte — »Joseph, — in — dem — Kästchen — lag — Heiland des Himmels und der Erde, ich glaube, ich werde oder bin wahnsinnig — in dem Kästchen lag meiner Schwester Broche — der blaue, dreieckige Turquis. — Wie — wie um Gottes Willen kam — kam der Stein —«

»Ich habe ihn gefunden« sagte Henkel, der jetzt wenigstens äußerlich seine ganze Fassung wieder gewonnen hatte, mit gezwungener Gleichgültigkeit — »am Tage, ehe wir abreisten — er lag unten im Haus, und ich wollte Nichts davon erwähnen, die alte Geschichte nicht noch einmal aufzurühren.«