Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band.

Chapter 15

Chapter 153,765 wordsPublic domain

Er sprach die Worte vollkommen ruhig, nur mit etwas unterdrückter Stimme, daß der Mann am Steuer sie nicht hören sollte, aber sein Gesicht hatte jeder Blutstropfen verlassen, und sein Blick schweifte wild und unstät umher. Ihm gegenüber stand die Frau — bleich, kalt und regungslos, wie ein wunderschönes, aber todtes Marmorbild; nur der Blick, den sie stier und fest auf den Gatten geheftet hielt, lebte; — aber sie sprach kein Wort — that keine Frage weiter, und als sie hörte — denn sie wandte das Auge nicht dorthin, — daß die anderen Passagiere wieder zurückkamen, drehte sie sich langsam ab, und stieg an der hinteren, am Steuerruder abwärts führenden Treppe in die Cajüte und ihren eigenen _stateroom_ nieder, den sie hinter sich verschloß.

Die Sonne ging unter und der Steward rief zum Souper; aber Clara ließ sich entschuldigen. Sie hatte Kopfschmerzen und die Augen thaten ihr weh. Marie wollte sie nach dem Essen besuchen, um zu sehen was ihr fehle, aber die Thür war noch immer verschlossen, und wurde auch nicht geöffnet, und erst spät ließ die junge Frau Hedwig noch einmal zu sich rufen.

Hedwig, das arme Kind, hatte jetzt auch eine schwere Zeit, denn des Tischlers Frau war heute über Tag wieder so krank geworden, daß sie Georg Donner keinen Augenblick verlassen wollte, und das Schlimmste zu fürchten schien. Die alten Phantasieen stellten sich dabei wieder ein, der Lärm den Tag über mochte sie auch aufgeregt und beunruhigt haben, und das Brennen und Pochen im Kopfe war ärger als je geworden. Hedwig hatte auch schon die ganze vorige Nacht bei ihr aufgesessen, und eben war die Kranke, zum ersten Mal wieder seit acht und vierzig Stunden, in einen kurzen, unruhigen und oft unterbrochenen Schlummer gefallen, als sie zu ihrer jungen Herrin gerufen wurde, und zugleich hörte daß diese ebenfalls krank sei.

Rasch und ängstlich eilte sie zurück in die Cajüte, und klopfte an der beiden Gatten enges, aber sehr freundlich eingerichtetes Gemach. Ein leises »Herein« antwortete, und sie fand Clara schon auf ihrem Lager, das Antlitz fest in ihr Kissen gedrückt, von dem aus sie der Eintretenden, ohne zu ihr aufzusehn, nur die Hand entgegenstreckte.

»Liebe, liebe Frau Henkel, was fehlt ihnen?« flüsterte das Mädchen, neben der niederen Coye knieend, und die ihr gebotene Hand mit Küssen bedeckend — »sind Sie krank? — was um Gottes Willen ist vorgefallen?« —

Aber Clara vermochte kein Wort zu erwiedern — sie hatte sprechen wollen, aber sie fühlte daß es in diesem Augenblick ihre Kräfte überstieg, und nur schweigend hielt sie eine lange, lange Zeit die Hand des Kindes fest und krampfhaft in der ihren.

»Liebe, liebe Frau Henkel« wiederholte Hedwig bittend — was ist Ihnen? — kann ich Ihnen helfen?« —

»Ja Hedwig — ja —« hauchte die Kranke mit kaum hörbarer Stimme — »Du allein — aber nicht heute mehr — komm morgen — morgen früh —«

»Aber wenn Sie mir indessen ernstlich krank werden?« bat das junge Mädchen, die nicht begreifen konnte was die räthselhaften Worte bedeuteten — »Soll ich nicht lieber doch Herrn Donner rufen, den jungen Arzt, den wir im Zwischendeck haben, und der, wie die Anderen sagen, viel mehr versteht als der Doktor in der Cajüte.«

»Ich bin nicht krank« flüsterte aber die Frau — »wenigstens nicht so, daß mir ein Doktor Mittel dagegen verordnen könnte — nur Ruhe brauche ich — Ruhe — so bitte, Hedwig — laß mich jetzt allein.«

»Darf ich nicht bleiben?«

Die Leidende schüttelte, ohne weiter ein Wort zu sagen, den Kopf, und Hedwig, gehorsam dem gegebenen Befehl, stand langsam auf, zögerte noch einen Augenblick in der Thür, ob die Kranke nicht den Befehl doch wohl widerrufen könne, und verließ dann, so geräuschlos wie sie es betreten, aber mit einer schweren Sorge mehr im Herzen, das Gemach.

»Was fehlt nur Clara, Herr Henkel?« frug Marie den jungen Mann, der mit verschränkten Armen und langsamen Schritten oben auf dem Quarterdeck auf und ab ging, und bei ihrer Anrede rasch und wie erschreckt emporschaute; »das muß ganz plötzlich geschehen sein, denn vorhin war sie ja noch so munter und ausgelassen, wie ich sie fast noch gar nicht gesehen.«

»Heftiger Kopfschmerz, weiter Nichts« erwiederte ihr Henkel, jetzt vollkommen ruhig — »sie klagte schon letzte Nacht darüber, und es schien sich über Tag vollständig gelegt zu haben kehrte aber den Abend plötzlich und weit stärker wieder. Ruhe allein ist was sie braucht, der Schmerz geht dann von selbst vorüber.«

»Wie Schade daß das gerade heute ist« klagte das junge fröhliche Mädchen; »wissen Sie, daß wir heute Abend Concert haben?«

»Wirklich« erwiederte Henkel zerstreut — »und wer musicirt?«

»Der alte Polnische Jude mit dem schmutzigen schwarzen Kaftan; er darf aber nicht auf das Quarterdeck kommen« setzte sie lachend hinzu — »er sieht gar so verdächtig aus, und wird seine Vorstellung unten vor dem großen Mast geben.«

»_Vor_ dem großen Mast liegt die Barkasse, mein Fräulein« fiel hier Herr von Hopfgarten verbessernd ein, »und wenn er dort spielte, würden wir ihn weder sehn noch hören können.«

»Oder dahinter« sagte das junge Mädchen, halb lachend halb ärgerlich den Kopf schüttelnd — »Sie wissen recht gut, daß ich Ihre Schiffsausdrücke nicht verstehe, noch weiß ob man vor oder hinter dem großen Mast sagen muß; aber leid thut mir’s daß Clara nicht dabei sein kann.«

»Ist Ihre Frau wirklich krank?« frug da der kleine Mann rasch und besorgt — »davon habe ich ja kein Wort gewußt.«

»Nur unbedeutende Kopfschmerzen — aber was für ein Instrument wird denn gespielt?« frug Henkel, der das Gespräch nach anderer Richtung zu lenken wünschte, »wohl eine schreckliche Violine und Flöte.«

»Dießmal nur eine Holzharmonika« versicherte Hopfgarten, »der Jude ist ein armer Teufel, der sich ein paar Thaler zu verdienen wünscht ehe er an Land geht. Er hatte mich schon lange um meine Verwendung bei der Cajüte gebeten, aber sein Sohn war immer nicht bei Stimme, die ganze Reise lang, und dessen Hals wahrscheinlich durch die Seekrankheit zu sehr afficirt worden; jetzt soll er sich jedoch wieder vollständig erholt haben, und das erste Concert heut’ Abend stattfinden. Die Kosten sind auch schon durch unser Whistkränzchen gedeckt, und eine kleine Sammlung wird noch nachher stattfinden. Der alte Bursche ist, wie mir gesagt wurde, ein wahrer Virtuos auf dem unscheinbaren Instrumente, das eigentlich nur aus einzelnen Stücken Holz besteht.«

»Ich freue mich darauf ihn zu hören« sagte Henkel.

»Ja wohl, es giebt endlich einmal wenigstens eine kleine Abwechslung in unsere doch eigentlich schauerlich monotone Existenz« rief von Hopfgarten — »Ihre Frau Gemahlin darf aber nicht dabei fehlen; sie allein bringt ja meist Leben und Bewegung in das stehende Wasser unserer Geselligkeit. Wenn es ihr irgend möglich ist, laß ich sie recht schön bitten von der Parthie zu sein, und wenn sie auch nur in ihrem Negligé eine halbe Stunde an Deck kommt.«

»Ich werde es sie wissen lassen« sagte Henkel und drehte sich ab, seinen Spatziergang an Deck fortzusetzen.

Der Polnische Künstler hatte indeß seine Vorbereitungen getroffen, seinen kleinen Tisch hinter die Pumpen gestellt, daß er mit dem Rücken gerade gegen die Nagelbank des großen Mastes zu stehen kam, und während sich die Passagiere dicht um ihn her schaarten, und mit der Mannschaft oben auf der Barkasse, auf der Nagelbank selber, und in den den Platz gerade übersehenden Wanten hingen, sammelten sich die Cajütspassagiere wie auf einer Gallerie, auf dem Quarterdeck dem Genuß zu folgen. Henkels junge Frau war aber nicht an Deck erschienen, und Henkel bat sie zu entschuldigen, da die Musik ihr Uebel eher verschlimmern könne.

Er hatte sie übrigens noch gar nicht wieder gesprochen; wie aber die Cajütspassagiere oben versammelt waren, und selbst der Steward und Cajütsjunge dem Drang nicht widerstehen konnten, die »neue Musik« zu hören, verließ er unbeachtet seine Mitpassagiere, und stieg mit langsamen aber festen Schritten die Treppe hinab in die Cajüte. Einen Moment zwar zögerte er, als er die Klinke berührte die seinen eigenen Raum erschloß, aber es war auch nur ein Moment, und mit fester Hand öffnete er die Thür, die er wieder hinter sich in’s Schloß drückte.

Die junge Frau hatte ihr Lager verlassen und saß, das Taschentuch fest gegen die Augen gepreßt, den linken Ellbogen auf den kleinen Tisch gestützt, regungslos da. Sie mußte auch den eintretenden Gatten gehört haben, denn ihr ganzer Körper zitterte vor innerer Aufregung, aber sie bewegte sich nicht und blickte nicht empor.

»Clara!« sagte Henkel mit leiser, doch fester Stimme — »was hast Du nur? — was ist Dir? — ich glaube wahrhaftig, Du hast Dir in toller Einbildungskraft irgend eine fixe Idee, mag sie noch so absurd und wahnsinnig sein, in den Kopf gesetzt.«

Die Frau antwortete nicht, aber das Zittern ihres Körpers wurde heftiger, und sie preßte das Tuch wie krampfhaft an die Augen.

»Clara! — Dein _Mann_ spricht mit Dir!« sagte Henkel, jedenfalls entschlossen das einmal Begonnene zu einer Entscheidung zu bringen. Das Wort bannte aber auch den Starrkrampf, der bis dahin wie ein böser Zauber auf den Gliedern der Unglücklichen gelegen; so den Arm sinken lassend, der mit dem gehaltenen Tuch ihr Antlitz bis dahin verhüllt hatte, schaute sie zu dem Gatten auf, und richtete sich dabei langsam empor, bis sie ihm gerade gegenüber stand. Sie war todtenbleich, aber keine Thräne netzte ihren Blick, die Augen lagen hohl und trocken in ihren Höhlen, und nur die Lippen zitterten, als sie wie widerstrebend den Klang der Worte nachhallten:

»_Dein Mann!_«

»Sei vernünftig, Clara!« sagte aber jetzt Henkel mit ruhigerer begütigender Stimme, denn der Anblick der Frau, die Veränderung, die nur die wenigen Stunden in ihren Zügen hervorgebracht, traf ihn wie ein Stich in’s Herz — »quäle Dich vor allen Dingen nicht mit einem albernen Verdacht, der Dir nur das Leben verbittern, und doch Nichts nützen könnte. Was hast Du, sprich es frei heraus, daß ich im Stande bin mich zu vertheidigen, aber fasse Dich dann auch und zeige Dich wieder an Deck, denn die Leute fragen nach Dir, wollen wissen, was Dir fehlt, und was Dich so plötzlich betroffen haben könnte.«

»Und hast Du es ihnen nicht gesagt?« frug die Frau, während ihr Blick sich in seine innere Seele zu bohren schien, mit tonloser, kaum hörbarer Stimme.

»Ich? — was soll ich ihnen sagen — sei keine Thörin Clara, und vor allen Dingen _vernünftig_. Du bist alt genug zu wissen wie weit Du gehen kannst, — wie weit nicht —«

»Mit _Dir_ keinen Schritt weiter in diesem Leben« rief aber die Frau jetzt in wilder ausbrechender Heftigkeit — »und wenn ich mein Brod vor den Thüren der fremden Stadt erbetteln sollte.«

»Du bist ein _Kind_ Clara« sagte Henkel mit ärgerlichem ungeduldigem Kopfschütteln, während er die Thür der innern Cajüte öffnete, hinaus sah ob Niemand draußen sei und wieder schloß.

»_Leugnest_ Du die That?« frug die Frau in zorniger Verachtung zum ersten Mal ihm einen Schritt entgegentretend — »leugnest Du den armen unglückseligen Menschen der meinem Vater Jahre lang treu und ehrlich gedient, und durch _Dich_ sein ehrloses Grab fand, mit kaltem Blute _gemordet_ zu haben? O barmherziger Gott« fuhr sie, ihr Antlitz in den Händen bergend fort — »mir reißt der Gedanke daran das Herz in blutigen Stücken entzwei, und _ich_ — ich bin das _Weib_ eines solchen Verbrechers — und _mich_ hat er aus meiner glücklichen Heimath fortgeschleppt — Verloren — verloren.«

Ein lindernder Thränenstrom brach sich in diesem Augenblick die Bahn, und in sich zusammengeknickt sank die Frau auf den Stuhl zurück und schluchzte laut.

Henkel blieb volle Minuten lang mit unterschlagenen Armen und finster zusammengezogenen Brauen vor ihr stehn; zwei- oder dreimal öffnete er auch den Mund, aber kein Laut kam über seine Lippen, bis draußen in der Cajüte, durch die sie nur durch eine dünne Bretterwand geschieden waren, Stimmen laut wurden. Es war Frau von Kaulitz mit Herrn von Benkendroff und dem armen Hopfgarten als Nachtrab, da sich die Dame unter keiner Bedingung länger ihr Whist wollte entziehen lassen.

Henkel richtete sich gewaltsam auf, strich sich die Haare aus der Stirn und sagte mit unterdrückter, aber fester entschlossener Stimme:

»Du wirst wissen Clara, wie Du Dich hier an Bord zu benehmen hast — ich lasse Dich jetzt allein und hoffe Dich morgen früh wieder _vernünftig_ zu finden.«

Eine abwehrende Bewegung der ausgestreckten Hand war Alles was die Frau darauf erwiederte, die sonst regungslos in ihrer Stellung blieb, und Henkel verließ rasch den kleinen Raum und betrat die innere Cajüte, zugleich den Gesellschafts- und Speisesaal, wo Herr von Benkendroff eben den Spieltisch in Ordnung brachte, und Herr von Hopfgarten indessen als Opfer auf dem schon bereit gerückten Stuhle saß, und mit vor sich auf dem Tisch gefalteten Händen die Daumen umeinander jagte.

»Hallo Herr Henkel« rief er aber diesem sich rasch nach ihm umdrehend entgegen, als er ihn aus seiner Cajüte treten sah, »nun wie geht’s meiner verehrten Dame, Ihrer lieben Frau, noch nicht wieder munter?«

»Es geht besser« erwiederte Henkel ihm zunickend, mit vielleicht absichtlich lauter Stimme — »ich bin fest überzeugt daß sie morgen wieder wohl genug sein wird, am Frühstückstisch zu erscheinen.«

»Nun das freut mich herzlich« sagte der kleine gutmüthige Hopfgarten — »aber, apropos lieber Henkel« setzte er rasch und lauter hinzu, _dürfte_ ich Sie vielleicht bitten hier ein kleines halbes Stündchen meine Stelle einzunehmen? — ich möchte gern —«

»Es thut mir wirklich leid das heute Abend nicht im Stande zu sein — ich muß doch dann und wann nach meiner Frau sehn« erwiederte aber Henkel, die äußere Cajütsthüre öffnend, während Hopfgarten, mit einer gewissen Resignation auf seinem Stuhl, aus dem er sich schon in halber Hoffnung erhoben hatte, zurücksank, und die jetzt vor ihn hingelegten Karten an zu mischen fing.

Capitel 9.

LAND.

Der nächste Morgen dämmerte; weit im Osten drüben färbte sich der Horizont mit einem mattlichten Streif, der einen weiten dunklen Schatten auf das Wasser warf, und die Sterne im Westen schienen noch einmal so hell und lebendig zu funkeln, ehe der feindliche Tag sie vom Himmel trieb. Oede und kaum sich bewegend in kleinen rollenden, fahlgrauen Wogen lag das Meer — ein schlummernder Koloß, gewaltig selbst in seiner Ruhe, und furchtbar, entsetzlich in seinem Zorn, und mit eben geblähten Segeln, wie ein Schwan auf stiller Fluth, zog das Schiff langsam dahin auf seiner Bahn. Aber in seinem Innern regte und trieb geschäftiges Leben, der frühen Morgenstunde zum Trotz, denn heute war ihnen, was sie gestern nicht zu sehn bekommen, versprochen worden — _Land_ — und Jeder wollte der Erste sein der es entdeckte, den Reisegefährten die frohe, so heiß ersehnte Kunde zujauchzen zu können — »Land!«

Vorn auf der Back bis an den Clüverbaum(18) hinauf stand schon, noch bei völliger Dunkelheit, ein kleiner Trupp, in den Wanten des Fock- und Hauptmastes hingen sie, und die kecksten und gewandtesten der Schaar, unter ihnen Carl Berger und der junge polnische Bursche, waren sogar in die ersten Marsen, und der letztere bis auf die Vor-Marsraae hinaufgestiegen, von da aus den Horizont weiter zu erspähn.

Und mehr und mehr im Osten lichtete sich der Himmel, über dessen weiten Bogen zuckende weißliche Strahlen heraufschossen und den kleinen zerstreuten Wolken einen rosigen Schimmer gaben; breiter und lichtgelber wurde der Streifen, den das Meer jetzt schon in seinem Glanze wiederspiegelte, und dort — wie ein glühender Berg in blendender Majestät stieg sie empor des Tages Königin — und dort —

»Land! Land!« jubelte es von den Masten und Raaen, wo hinauf auch schon Matrosen gestiegen waren, mit weit geübteren Blicken den westlichen Horizont zu erspähen — »Land! Land!« jauchzte es vom Deck ein Echo dem Freudenruf, und nur mitten hinein in den Rausch der Glücklichen, denen das ersehnte Ziel vor Augen lag, stieg ein einzelner wilder Klageruf, wie ein Mißton dieser Harmonie, wild und gellend aus dem Zwischendeck heraus.

»_Todt — todt!_« jammerte eine Stimme in herzzerreißenden Tönen; und die Leute aus den Masten glitten schweigend nieder, und die vorn über das Schiff postirten Männer drängten lautlos oder mit leisen, scheuen Fragen zurück, der dunklen Luke zu, aus der der wilde Weheruf noch immer schallte.

»Was ist geschehn — wer ist todt? wer klagt da unten?« drängten und flüsterten die Leute durcheinander.

»Leupolds Frau ist eben gestorben« klang aber die Antwort zurück, und die Gruppen, von denen nur einige neugierig in das Zwischendeck hinabstiegen, während die Uebrigen sich mitleidig flüsternd an Deck über den traurigen Fall unterhielten, sammelten sich um die Luke und warfen nur manchmal scheu den Blick nach unten, wo Leupold neben der Leiche saß, ihre kalte Hand zwischen seinen Händen hielt, und sich selber laut anklagte der Mörder der Dahingeschiedenen zu sein, die er gegen ihren Willen aus dem Vaterland, und in Verhältnisse gerissen habe, denen das zarte Leben unterliegen mußte. Vergebens suchte ihn die Mutter, suchten ihn seine Freunde zu trösten daß Gott es so gewollt, und er ja nur ausgewandert sei, weil er gehofft habe für die Seinigen in dem neuen Vaterland besser sorgen zu können. »Nein, nein!« schrie er immer wieder — »es ist nicht wahr — es ist nicht wahr — reiner Uebermuth nur war es von mir — reiner toller Uebermuth daß ich, von habgierigen Menschen verlockt, mein sicheres Brod verließ und dem Versucher folgte. — Ich habe sie gemordet, mit kaltem Blut gemordet und Gott wird mich dafür strafen, Gott wird mich dafür strafen.«

»Was der Bursche da unten für ein Gewinsel macht daß ihm die Frau abgefahren ist« brummte der älteste von den drei an Bord geschafften Verbrechern halb mit sich selber redend, halb zu Meier gewandt, der nicht weit von ihm auf einem der Wasserfässer saß und ohne weder Notiz von dem in Sicht gekommenen Land, noch von dem Todesfall zu nehmen, ein Stück Holz in die Form eines Schiffes zu schnitzen suchte. Die beiden Männer hatten übrigens, seit dem vor Wochen kurz abgebrochenen Gespräch noch kein Wort wieder mit einander gewechselt.

»Die Hälfte von uns Menschen weiß nie wann’s ihr am wohlsten ist« sagte Meier ebenfalls ohne von seiner Beschäftigung aufzusehn.

»Mancher hielt’s für ein Glück« meinte der Erste wieder.

»Für Manchen wär’s eins« brummte Meier, und die Unterhaltung kam hier wieder für eine Weile in’s Stocken; dem sonst so schweigsamen Passagier schien aber heute daran gelegen mit dem Anderen das Gespräch fortzusetzen, und er sagte nach ein paar Minuten wieder, in denen Jeder still und mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt vor sich nieder gesehn:

»Kommen nun bald nach Amerika.«

»Ja« erwiederte Meier lakonisch — »wird ein Vergnügen werden.«

»Ihr versprecht Euch nicht viel davon?«

»Müßt’ es lügen.«

»Ein Geschäft?«

»Fleischer« —

»Hm« —

»Und Ihr?«

»Ich?«

»Ja« —

»Schlosser!« sagte der Alte und warf dabei einen flüchtigen Seitenblick nach dem Mitpassagier, ohne dessen nach ihm hinübersuchendem Auge zu begegnen.

»Gutes Geschäft und nährt seinen Mann« sagte Meier endlich nachdenklich — »muß aber recht betrieben werden — Kein Werkzeug?«

»Steht nicht zu erwarten« sagte der Mann.

»Hm, nein« —

»Schon eine Idee wohin Ihr geht drüben?« frug der Alte endlich wieder nach einer zweiten Pause.

»Drüben? — wo?«

»Nun dort« — und er deutete mit dem verkehrt gehaltenen Daumen über die Schulter hin der Richtung zu, in der das Land lag. Meier schüttelte aber den Kopf und knurrte:

»Zum Teufel wahrscheinlich, wenn’s mir nicht besser glückt wie in Deutschland.«

»Da können wir vielleicht zusammengehen« lachte der Alte.

»Oder treffen uns wenigstens da später« sagte Meier, ausweichend.

»Wahrscheinlich« brummte der Alte, mit dem Erfolg seiner Annäherung nicht recht zufrieden, blieb noch eine Weile auf dem Faß sitzen und stand dann langsam auf nach vorne zu gehn, wo er mit seinen beiden Kameraden wieder zusammentraf. Meier aber sah ihm, ohne seine Stellung zu verändern oder auch nur den Kopf auf die Seite zu drehn, so lange nach, wie er ihm mit den Augen folgen konnte, und pfiff dann leise und mit einem halb spöttischen Grinsen vor sich hin, als er in seiner Selbstbetrachtung plötzlich durch ein von oben niedertönendes heiseres Lachen gestört wurde. Rasch sah er empor, und erkannte den Scheerenschleifer, der oben in der Barkasse lag, über deren Rand er gerade mit dem halben Oberkörper herüberschaute, daß sich die Sonne an den blankgescheuerten Schultern des unverwüstlichen fahlgrünen Rockes spiegelte.

»Gratulire zum Compagniegeschäft« sagte er lachend, als er des Fleischers Blick begegnete — »Meier und Compagnie wird gar nicht so schlecht klingen in New-Orleans.«

»Danke« brummte Meier vor sich hin — »der Contrakt ist noch nicht unterzeichnet — Du scheinst Dir da oben aber Dein stetes Quartier genommen zu haben, Kamerad.«

»Schade daß ich so bald ausziehn muß« sagte der Scheerenschleifer, den Dampf aus seiner Pfeife dabei in weißen kurzen Wolken von sich stoßend.

»Schade? — ich danke Gott daß ich das verfluchte Schiffsleben bald hinter mir habe — die Hände wachsen Einem ja zusammen.«

»Bah« sagte der Scheerenschleifer — »was verlangt ein Mensch mehr auf der Welt, was kann er mehr verlangen, als drei Mal zu essen den Tag, und Nichts zu thun, ohne weitere Expensen. Ich wünschte mir mein Lebtag nichts Besseres als auf solche Art hin- und herzufahren, wenn ich nur irgend etwas wüßte wozu sie mich, ohne besondere Beschäftigung, an Bord gebrauchen könnten.«

»Zur Verzierung etwa« meinte Meier.

»Ja, für den Schafskopf vorn« sagte der Scheerenschleifer trocken, ohne die Anspielung übrigens übel zu nehmen — »gehst Du heute mit zur Leiche?«

»Ich habe meinen schwarzen Frack nicht draußen« sagte Meier.

»Ist schade« erwiederte der Scheerenschleifer — »geht mir aber auch so.«

»Wir werden uns überhaupt bald anziehn müssen an Land zu gehn« fuhr Meier fort — »wenn das Schiff einmal anlegt, wird uns der Capitain schnell genug hinaustreiben, und gewiß nicht daran denken uns länger zu füttern, als er unumgänglich nöthig hat.«

»Kann ich ihm auch gar nicht verdenken« sagte Maulbeere; »ich gehe aber vor allen Dingen erst einmal im Negligé hinüber, und werde mich vor der Hand beim Präsidenten entschuldigen lassen, daß ich ihm nicht gleich meine Visite machen kann. — Füttern werden wir uns übrigens jetzt wieder selber müssen.«

»Nun zum Teufel, man wird doch in dem Amerika wenigstens zu leben haben« — fluchte Meier.

»Amerika soll verdammt sein« brummte der Scheerenschleifer, und qualmte ärger als vorher.

»Warum bist Du denn da herübergekommen, wenn Du’s so gut leiden magst?« frug ihn Meier.

»Weil ich wenigstens die Condition einmal wechseln wollte; aber in dem Hundeleben selber wird verwünscht wenig Veränderung sein — Die Frage ist außerdem, ob sie hier überhaupt Scheeren zu schleifen haben — sollte mich gar nicht wundern wenn ich den alten vermaledeiten Drehkarren am Ende ganz zu meinem eigenen Vergnügen im Lande umherführe« —

»Und weiter kannst Du Nichts?«

»Hm, wer weiß« sagte Maulbeere — »es liegt noch vielleicht Manches bei mir verborgen, hat sich aber noch nicht entwickelt.«

»Nun in Deutschland drüben hätten wir auch auf der Landstraße verhungern können ohne daß sich Jemand anders als vielleicht ein Gendarme theilnehmend nach unserem Passe erkundigt hätte« sagte Meier — »die sind wir doch wenigstens los.«

»Haben mich noch nie genirt« meinte Maulbeere trocken — »wer sich nicht einmal einen guten Paß verschaffen kann ist selbst zum Stehlen zu dumm.«

»Mit _den_ Grundsätzen wirst Du hier im Lande wohl auch nicht verhungern« lachte Meier — »aber ich glaube da kommen sie aus dem Zwischendeck mit der Leiche herauf« unterbrach er sich da plötzlich, indem er von seinem Sitze aufstand; »ich gehe nach vorn — mag nicht gern Leichen sehn.«

»Habe auch keine Passion dafür« brummte Maulbeere, und verschwand gleich darauf hinter dem Rand der Barkasse, in der er sich der Länge nach behaglich ausstreckte, von dem unten Vorgehenden nichts weiter sehn zu müssen.