Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band.
Chapter 13
»Ich verlasse den Tisch, wenn Sie nicht aufhören!« rief aber die junge Frau, jetzt ernstlich böse gemacht.
»Sie thäten überhaupt besser sich mehr mit Ihrem Teller zu beschäftigen« bemerkte jetzt auch Herr von Benkendroff, »Sie haben schon zweimal übergegossen, und die ganze Geschichte kommt hier nach uns herüber.«
»Halten Sie die Terrine!« schrie in demselben Augenblick der Capitain, halb von seinem Sitze emporfahrend, als das Schiff plötzlich scharf nach Starbord überlegte; der Tisch stand in dem Moment fast ganz gerade, ja lehnte eher noch etwas nach rechts hinüber, trotzdem daß das Schiff auf der Larbordseite lag. Der Doktor sah sich deshalb, so von allen Seiten zugleich ermahnt, auch bestürzt nach dem Capitain um, aber kaum wandte er den Blick von dem eigenen Teller, als dieser seinen Inhalt auch auf das Tischtuch ausleerte, und wie er ihn rasch und erschreckt, wenn gleich etwas zu spät, auskippte, holte das Schiff zurück.
»Die Terrine!« schrie nochmals der Capitain, aber das donnernde Getöse einer über Bord schlagenden See, die das Schiff bis in seine innersten Rippen erzittern machte, und an Deck prasselte, als ob sie Breter und Planken in Atome schmettern müßte, ließ seine Warnung, mit der Verwirrung die ihr folgte, ungehört verhallen. Die ganze Tischplatte stand in dem furchtbaren Wurf fast senkrecht, und die Terrine mit allem was sie noch an heißer Hühnerbrühe enthielt, mit Kartoffeln und Erbsen, und sämmtlichen Messern und Gabeln wie sämmtlichen Suppentellern der Starbordlinie kam in dem Augenblick, wo sich die Passagiere nur an den Bänken halten mußten nicht selber fortgeworfen zu werden, nach Lee hinüber, und zwar erhielt Frau von Kaulitz, die nie außer in einem seidenen Kleide bei Tische erschien, den Vortheil der ganzen Suppe, von der nur noch höchstens ein Teller voll der Weste und den Beinkleidern des Herrn von Benkendroff zu Gute kam, während die Erbsen und Kartoffeln ziemlich gleichmäßig über die anderen beiden Flanken vertheilt wurden. Selbst der Tisch, gegen den sich der Doktor mit seinem ganzen Gewicht warf, drohte aus seinen Klammern und Schrauben herausgerissen zu werden, und wäre auch richtig gefolgt, hätte der eben in die Cajüte kommende Steward nicht mit vieler Geistesgegenwart die Sauce der Frau Professorin in den Schooß, und sich selbst, indem er die Füße gegen die Wand stemmte, mit der Schulter gegen die Tischplatte geworfen, wenigstens das noch daraufstehende Geschirr zu retten, das jetzt in den Querhölzern des Aufsatzes hängen blieb.
Ueberall in der ganzen Cajüte klirrte und klapperte es dabei, in dem Vorrathsspintge fielen die auf solchen Wurf nicht vorbereiteten Flaschen und Gläser durcheinander, in den verschiedenen Coyen stürzten Bücher, Cigarrenkisten und andere Sachen zu Boden nieder, und schurrten dort, mit der späteren Bewegung des Schiffes herüber und hinüber, und in der Coye des Fräulein von Seebald klirrte es und brach’s, und das Fräulein stieß einen durchdringenden Schrei aus.
Der Doktor trug übrigens die ganze Schuld, und kaum hatten sich die Passagiere nur wieder in etwas zusammengelesen und das Schiff einen ruhigeren, wenigstens nicht mehr so kopfüberen Gang angenommen, als Alle über den armen Teufel herfielen und ihm die bittersten Vorwürfe machten die Terrine nicht gehalten, den Tisch nach vorne übergestoßen, und mit beiden Ellbogen noch sämmtliches anderes Geschirr nachgeworfen zu haben. Frau von Kaulitz war dabei außer sich, und gerieth noch in größeren Zorn, als sie sich in ihre Cajüte zurückziehen wollte, und deren Thüre verschlossen fand. Die Mitbesitzerin weigerte sich dabei sogar hartnäckig zu öffnen, und fügte sich erst nach langem Parlamentiren, der gerechten Forderung, während sie im Inneren den erlittenen Schaden wahrscheinlich wieder so gut das eben anging zu verbessern suchte. Herr von Benkendroff verließ ebenfalls den Tisch, oder vielmehr die Trümmern desselben, und nur Henkels junge Frau, trotz den Flecken die auch ihr Kleid von Wein und Erbsen bekommen, wollte sich todtlachen über die Scene, wie die darauf folgende Confusion, und hörte nicht auf den armen Doktor, als gerechte Strafe für seine ewigen und entsetzlichen Krankheitsbeschreibungen, zu necken und zum Besten zu haben.
An dem Nachmittag legte sich der Sturm. Die See ging allerdings noch hohl, und wie der Druck nachließ, den der Wind selber auf das Schiff ausgeübt, daß dieses sich mehr emporrichten konnte, wurde auch die Bewegung desselben, das Schlingern und Stampfen, eher noch heftiger; aber die Wogen selber beruhigten sich doch mehr, wenn es auch längere Zeit bedurfte ehe diese riesigen Wasserberge, die sich jetzt nur noch durch die eigene Schwere hoben, und mit zerfließendem Kamm in sich zusammenbrachen, vollständig in ihr altes Bett zurückkehren konnten.
Der bis dahin so ungünstig gewesene Wind, der das Schiff mehr zurückgeworfen, als in seinem Cours vorwärts gebucht hatte, räumte mehr und mehr auf(15), die Reefen wurden ausgeschüttelt, die Raaen aufgebraßt, die leichteren Segel wieder gesetzt, und am nächsten Morgen flog das wackere Fahrzeug fast vor dem Wind, und nur noch etwas gegen die schwere See ankämpfend, rasch und flüchtig seine Bahn entlang, dem fernen Ziel entgegen.
Capitel 7.
LEBEN AN BORD.
Vierzehn Tage waren nach dem, im vorigen Capitel beschriebenen Sturm verflossen, und nichts Besonderes in der Zeit an Bord der Haidschnucke vorgefallen. Der Wind blieb ihnen aber, wenn auch nicht besonders stark, doch ziemlich günstig, daß sie wenigstens fortwährend Cours anliegen oder steuern konnten(16), und bei dem herrlichen und schönsten Wetter den ruhigen Passat benutzen durften. In jenen Breiten weht die Luft so gleichmäßig, daß sogar eine Veränderung an den Segeln nur selten nöthig war, und die Passagiere, die auch wohl sahen daß sie tüchtig dabei vorwärts rückten, fingen schon an ungeduldig zu werden, frugen unaufhörlich die Steuerleute und Matrosen wann sie wohl »nach Amerika« kommen würden, und kramten den ganzen ausgeschlagenen Tag in ihren Kisten und Kasten herum ihre »Uferkleider« wieder vorzusuchen, Stiefeln und Schuhwerk von Schimmel zu reinigen, Wäsche auszuwaschen, und Tuchröcke und Hosen an die Luft zu hängen und auszusonnen.
Eine eigenthümliche Veränderung war aber doch mit manchem der Passagiere, während der langen Seereise, vorgegangen. Besonders die Männer, die sich im Anfang noch, als ihnen das Schiffsleben fremd und ungewohnt vorkam, wenigstens sauber und reinlich gehalten, und regelmäßig ihre gewöhnliche Kleidung angelegt hatten, als ob sie an Land gehen wollten, fingen an nachlässig zu werden, und ließen ihrer Bequemlichkeit in dem Schmutz des Zwischendecks den Zügel schießen. Diesen voran waren Steinert, und selbst Mehlmeier, die schon lange ihre Tuchkleider in die Kisten gepackt, und nur noch in den ersten Wochen angefangen hatten zwei und drei Hemden wöchentlich auszuwaschen. Das machte ihnen aber bald auch zu viel Müh’; wozu sich vor den Anderen geniren? — mit der Cajüte, so oft sie das auch versucht, kamen sie doch in keine Berührung, denn das nicht unbegründete Gerücht daß sich Ungeziefer im Zwischendeck gezeigt, hielt jetzt selbst Herrn von Hopfgarten ab sich noch zwischen die Leute zu mischen, und für ihre gewöhnliche und alltägliche Gesellschaft waren sie auch so gut und reinlich genug. In zertretenen Pantoffeln und abgerissenen Staubhemden und Hosen, Steinert ein rothgesticktes sehr schmutziges Sammetkäppchen, Mehlmeier eine einfachere aber nicht reinlichere östreichische Mütze auf (wobei der vergoldete Knopf vorn, wie der gelbe Streifen darum ihm das Ansehn eines heruntergekommenen Beamten gaben) trieben sie sich den Tag über an Deck herum, und warfen sich den Abend meist unausgezogen auf ihr Lager. Steinert trank dabei; aber der Wein, den er sowohl wie Mehlmeier zu ihrer Stärkung unterwegs mitgenommen, war lange verbraucht, und der Weinreisende sah sich genöthigt seiner durstigen Kehle den leichter zu bekommenden aber auch gefährlicheren Branntwein zu gönnen. Er betrank sich allerdings nicht, aber er wurde sehr lustig und laut, und Mehlmeier, der ihm gerade nicht regelmäßig, aber doch sehr häufig Gesellschaft dabei leistete, setzte sich dann zu ihm und sang mit ihm, bis sie gewöhnlich Abends von dem wachthabenden Steuermann zur Ruhe verwiesen wurden, weil die zur Coye gegangenen Matrosen nicht schlafen konnten.
Noch immer der Alte war und blieb Zachäus Maulbeere, der Exprediger des Zwischendecks, der aber nichtsdestoweniger, und trotzdem daß es ihm an Deck verboten worden, im unteren Raum noch mehrmals Reden, und zwar meist in der angefangenen Art gehalten, und immer eine bereitwillige Schaar Zuhörer gefunden hatte. Die Bessergesinnten wollten es freilich auch unten nicht dulden, und der fromme Weber meinte der damalige Sturm sei unmittelbar der Gotteslästerung gefolgt, ja ihr ganzes Schiff würde noch dem Zorn des Allmächtigen verfallen, wenn sie den schlechten Menschen seine nichtsnutzigen und teuflischen Reden unter sich halten ließen, die Mehrzahl war aber gegen ihn, und die Steuerleute mochten sich nicht in das mischen was unter Deck vorging, so lange es nicht das Schiff selber betraf und schädigte. Uebrigens trug er noch — und kein Mensch an Bord hatte ihn je ohne den gesehn — denselben verblichenen grünen Oberrock mit den glatt und glänzend gescheuerten Schultern, den er an dem Morgen getragen, als er den Weserkahn zuerst betrat. Selbst Nachts that er ihn nicht von sich, und anstatt sich überhaupt vor Schlafengehn, wie man es im gewöhnlichen Leben doch eigentlich thut, zu entkleiden, zog er im Gegentheil zu dieser Zeit noch einen alten einmal blau gewesenen Mantel mit drei oder vier Kragen, _über_ seinen Rock, brachte die Kragen dann durch einen plötzlichen Ruck nach oben unter den Kopf, schob sich mit einem der nägelbeschlagenen Schuhe, die er ebenfalls nie von den Füßen that, die wollene Decke zur Hand, zog sie bis an sein Kinn, und war dann meistens schon nach wenigen Minuten fest und schnarchfähig eingeschlafen. Die Wäsche hatte ihn dabei noch Niemand an Bord wechseln sehen, und war es, so mußte es heimlich in der Nacht geschehen sein, wie eine Sache wegen der man sich zu schämen hätte. Den Rock trug er übrigens seit den letzten 14 Tagen bis oben an den Hals hinauf zugeknöpft, oder vielmehr mit Bindfaden zugebunden, da der oberste Knopf der ununterbrochenen anstrengenden Beschäftigung erlegen war. Nicht einmal die gesprenkelte Weste kam mehr zu Tage.
Die einzige Person auf dem ganzen Schiff, mit der Maulbeere je verkehrte und sich manchmal unterhielt — wenn das Gespräch der Beiden überhaupt eine Unterhaltung genannt werden konnte, — war der Mann mit den kurzgeschnittenen Haaren, der sich selber Meier genannt, seine Frisur aber keineswegs beibehalten, sondern der Natur, seit er auf dem Schiffe war, völlige Freiheit gelassen hatte, ihm Kopf, Kinn und Oberlippe wieder nach Herzenslust mit schwarzen struppigen dichten Haaren zu überziehen. Er sah auch äußerlich dadurch ganz anders aus, als wie er vor so viel Wochen das Schiff betreten hatte, in seinem Betragen änderte das aber Nichts, und fest und verschlossen gegen Alle, blieb der eben so schweigsame Scheerenschleifer wirklich der Einzige an Bord, den er für würdig hielt manchmal eine oder die andere seiner Bemerkungen hingeworfen zu bekommen, wonach es diesem dann vollkommen frei stand, irgend etwas darauf zu erwiedern oder nicht. Seine Frau, eine schlanke, nicht unschöne aber etwas abgelebte Gestalt, schien am allermeisten von sämmtlichen Passagieren des ganzen Schiffes an der Seekrankheit gelitten zu haben, die sie wirklich nur in den windstillen Tagen gänzlich verlassen hatte. In der übrigen Zeit lag sie in ihrer Coye fest eingehüllt und zugedeckt, fröstelnd und gegen den unerbittlichen Feind ankämpfend, und ließ sich fast nur in der Dämmerung auf Deck sehn. In der Zeit ging sie etwa eine Stunde oben zwischen dem Haupt- und Fockmast ganz allein auf und ab, und sprach und verkehrte mit Niemandem. Nur mit den Kindern gab sie sich gern und viel ab, redete sie freundlich an, gab ihnen Zucker und Zwieback, und nahm wohl auch eins der kleineren, wenn sie es sich gefallen ließen, auf den Schooß, und hätschelte und küßte es dann, und wollte es fast nicht wieder aus den Armen lassen. Aber die Kinder fürchteten sich, sonderbarer Weise vor ihr, und nur selten, höchst selten konnte ein oder das andere einmal bewogen werden die Liebkosungen der fremden Frau standhaft zu ertragen. War es aber wirklich geschehn und hatten sie ihren Zwieback oder Zucker bekommen, dann schossen die kleinen Dinger auch gewiß so rasch sie konnten zu den Eltern zurück, drückten sich in deren Nähe, und es war fast als ob sie nun dort das unheimliche Gefühl erst abschütteln müßten, das ihnen bis jetzt die Kindesbrust beengt.
Am besten jedenfalls von allen Zwischendeckspassagieren hatte sich bis jetzt die Weberfamilie in das Schiffsleben hineingefunden. Er wie sie waren auch nicht einen Augenblick müßig an Bord, so lange die Sonne schien, und während die Frau für die Cajütspassagiere wusch und nähte, und besonders von Lobensteins eine Menge Arbeit bekam, die sie mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ausführte, dann nebenbei auch noch ihre Kinder beaufsichtigte und, ein Muster den Uebrigen, sauber und reinlich hielt, half er dem Koch in der Küche das Geschirr auswaschen und scheuern, und wenn das beendet war, dem Zimmermann an Bord die verschiedenen nöthigen Arbeiten verrichten. Besonders eifrig zeigte er sich bei dem letzteren, die verschiedenen kleinen Handgriffe seines Geschäfts zu erlernen, und mit gutem Willen, von dem Zimmermann selber gern dabei unterstützt, gelang ihm das auch bald fast über Erwarten.
Wenig oder gar nicht mit seinen Mitpassagieren verkehrte der junge Donner, der still und abgeschlossen sich die meiste Zeit mit Lesen beschäftigte, oder auch wohl hinauf in die Marsen stieg, und Stunden lang hinaussah auf das weite wogende Meer. Nichtsdestoweniger war er von Allen gern gelitten, und wie Einzelne der Passagiere nach und nach erkrankten zeigte er sich vielen auch als wahrer Freund, verabreichte ihnen kleine Mittel und stellte sie wieder her. Das wurde dabei um so dankbarer angenommen, als es sich gar bald herausstellte daß der eigentliche »Doktor« an Bord wenig mehr von seinem Geschäft verstand als eben Aderlassen und Schröpfen, und die Zwischendeckspassagiere nannten ihn schon gar nicht mehr anders als den »Blutegel«. Der Frau des Tischlermeister Leupold hatte sich Donner ganz besonders freundlich angenommen, ohne freilich ihren Zustand wesentlich verbessern zu können. Der Fall an dem Tag, mit den Schrecken der Nacht, hatte gleich bös auf ihr Gehirn wie ihre Nerven gewirkt, und wenn ihr Leiden auch nicht gerade wieder in Tobsucht, wie an jenem furchtbaren Abend, ausbrach, lag sie doch jetzt in theilnahmloser Stumpfsinnigkeit, ohne sich um Mutter oder Gatten zu kümmern oder auch nur nach ihnen zu fragen, auf ihrem Lager, und hielt Stunden lang die Hände fest gegen die fiebrische Stirn gepreßt. Leupolds Mutter, so wie sich diese nur in etwas von dem erneuten Anfall der Seekrankheit erholt, und Hedwig, die sich jeden Augenblick Zeit abstahl bei der Kranken zu sein, pflegten sie unermüdlich, und thaten Alles was in ihren Kräften stand, ihren Zustand zu erleichtern, aber auch das war nur sehr wenig, und dieser selbst von dem jungen Donner — denn Hückler hatte ihn lange aufgegeben — für hoffnungslos erklärt. Uebrigens bekam sie, auf Georg Donners ernstliche Vorstellungen an den Capitain, der im Anfang nicht darauf eingehen wollte, ihre Kost jetzt einzig und allein aus der Cajüte. Lieber Gott, es war wenig genug was sie davon genießen konnte.
Leupold selber hatte bis jetzt das Unglück das ihn betroffen mit großer Standhaftigkeit ertragen, und war nicht von dem Lager der Kranken gewichen Tag und Nacht; hatte er ja doch noch immer eine Hoffnung, daß sich sein Weib erholen könne, und ihm erhalten bliebe. Als aber auch diese ihn zuletzt verließ, und sich ihm die Gewißheit des unersetzlichen Verlustes endlich aufzwang, da brach die Kraft des starken, besonnenen Mannes auch zusammen, und er weinte wie ein Kind. Vergebens blieben alle Tröstungen der übrigen Passagiere, die, mit wenigen Ausnahmen, innigen Antheil an seinem Schmerze nahmen; was er sich selber vorzuwerfen hatte, oder zu haben glaubte, fühlte er auch allein und am schärfsten, und vermochte dem über ihn hereingebrochenen Unglück nicht die Stirn zu bieten. Laut klagte er sich jetzt selber an, leichtsinnig und thöricht sein Glück in der Heimath von sich geworfen und mit Füßen getreten, ja _durch_ seinen Leichtsinn die eigene Frau die ihm nur mit Widerstreben gefolgt, getödtet zu haben, und saß dann wieder halbe Tage lang dumpf vor sich hinbrütend an Deck, den Kopf auf die Reiling gelehnt, und aß und trank nicht, antwortete nicht wenn man ihn fragte, und schaute stier und unverwandt in’s Meer.
Am glücklichsten von allen Zwischendeckspassagieren schien der junge Dichter und »Schriftgelehrte« Theobald — wie ihn Steinert nannte — die Zeit an Bord zu verleben. Seinem eigenen Ausdruck nach flog er wirklich wie eine Biene von Blume zu Blume Honig einzusammeln, d. h. er machte sich nach der Reihe an alle verschiedene Mitpassagiere, die im Bereiche seines Armes waren, und suchte ihre Lebensverhältnisse und Schicksale zu erfahren, die er sich dann unverweilt in sein Taschenbuch unter verschiedene Rubriken eintrug und im Stillen zugleich bestimmte, was davon zu Prosa, was zu poetischen Ergüssen benutzt werden sollte. Manche fand er nun allerdings höchst bereitwillig ihm alles das zu erzählen was sie von sich eben wußten, bei denen lohnte es sich dann aber auch selten der Mühe, denn sie hatten gewöhnlich nur Alltägliches mitzutheilen, und Theobald bekam von ihnen nicht einmal _Wachs_. Die aber, die wirklich etwas des Erzählens Werthes erlebt, rückten nie gern mit der Sprache heraus, ja die interessantesten Persönlichkeiten an Bord, unter ihnen Maulbeere, Meier und zwei der letztgekommenen Passagiere wiesen ihn sogar schnöde und grob genug ab, und sagten ihm, mit noch einigen anderen, schwer wieder zu gebenden Bekräftigungen, er solle sich zum Teufel scheeren und andere ehrliche Leute mit seinen langweiligen und naseweisen Fragen in Ruhe lassen.
Maulbeere besonders, der ihm die frühere Charakteristik noch nicht vergessen und ihn außerdem im Verdacht hatte daß er ihn zeichnen wolle (etwas Schlimmeres hätte Maulbeere gar nicht passiren können) fertigte ihn am gröbsten ab. Sobald deshalb Theobald, oft nur zufällig ihm gegenüber Platz und sein unausweichliches Buch zur Hand nahm, veränderte er stets die Stellung, drehte den Kopf von ihm fort und ihm den Rücken zu, und schnitt ihm dabei von Zeit zu Zeit über die Schulter hin die grimmigsten Gesichter. Er brachte es auch in der That zuletzt dahin daß ihm Theobald wie einen bösgemachten Kettenhund, aus dem Wege ging, und jede weitere Annäherung an ihn, als total erfolglos, aufgeben mußte.
Humoristischer faßte der älteste von den drei geheimnißvollen Passagieren die Sache auf, denn dieser kam einer Annäherung Theobalds, von der er bald den wahren Grund vermuthete, auf halbem Wege entgegen, ließ sich mit ihm, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, in ein wirklich vertrauliches Gespräch ein, und willfahrte auch zuletzt sogar dessen Wunsch, ihm einige Daten aus seiner eigenen Lebensgeschichte mitzutheilen. Theobald vertraute ihm dabei, wahrscheinlich um _sein_ Vertrauen zu erwecken, daß er an einer Biographie berühmter Charaktere arbeite, und, natürlich unter strenger Verschweigung des Namens, wirklich erlebte Scenen interessanter Persönlichkeiten zu sammeln suche. Der Alte sträubte sich, nach dieser offenen Erklärung, allerdings ein wenig, aber Theobalds Ueberredungskunst wußte seine letzten Zweifel und Bedenklichkeiten endlich zu beseitigen, und er begann jetzt dem staunenden Dichter eine Kette von Schicksalen zu erzählen, deren erster Beginn schon diesen mit Staunen und Bewunderung erfüllte, und ihm ganze Schätze von Material für spätere Arbeiten versprach.
Der Mann war, seiner eigenen Aussage nach, der natürliche Sohn eines Fürsten, dessen Namen zu geben er sich hartnäckig weigerte, in seiner Jugend ganz wie Caspar Hauser auf einer wüsten Insel in der Nordsee erzogen worden, und dann später nach Afrika geschafft, dort wahrscheinlich dem, Europäern so verderblichen Klima zu erliegen. Seine gute Natur hatte ihn aber nicht allein gesund und am Leben gehalten, sondern seine persönliche Tapferkeit wie die mitgebrachten Feuerwaffen, ihn auch bald dem König des dortigen Reiches so unentbehrlich gemacht, daß er die Hand dessen einziger Tochter mit der Bestätigung erhielt, einstens, nach dem Ableben des alten Fürsten die Regierung zu übernehmen, als eine Palastrevolution seiner Heirath wie seinen glücklichen Aussichten ein rasches und grausames Ende machte. Der alte Fürst wurde von einem nahen Verwandten, ermordet, und während dieser die Prinzessin selber heirathete nähte man den Fremden, den man beschuldigte durch schändliche Zaubermittel das Vertrauen des alten wackeren Königs erschlichen zu haben, in einen gewöhnlichen Kaffeesack, und warf ihn in’s Meer. Wunderbarer Weise lag dort gerade ein europäisches Schiff vor Anker, das aus Furcht mit in die politischen Wirren verwickelt zu werden, seinen Anker lichtete, und mit diesem zu gleicher Zeit den unglücklich Gerichteten, eben noch am Leben, heraufzog. Er blieb jetzt eine Zeit lang an Bord des englischen Schiffs, das bestimmt war den Sklavenhandel an der afrikanischen Küste zu überwachen, bis dieses mehre reiche brasilianische Prisen genommen hatte und nach Hause zurückkehrte.
Unverhofft und wohl auch unerwünscht wurde sein Wiedererscheinen in Europa von seinem unnatürlichen Vater begrüßt, der aber doch jetzt nicht umhin konnte für den Sohn zu sorgen. Er verschaffte ihm also eine Stelle an der Bärenburger Staats-Eisenbahn, wo er ein sehr ruhiges und zufriedenes Leben hätte führen können, wenn sich nicht eine junge russische Gräfin auf der Durchreise in ihn verliebt, und ihn zu dem thörichten Schritt verleitet hätte sie zu entführen, oder sich vielmehr von ihr entführen zu lassen. Der Telegraph war schneller als ein genommener Extrazug, sie wurden eingeholt, die Gräfin kam, allem Vermuthen nach in ein sibirisches Kloster, und er selber auf die Festung nach Torgau wo er drei Jahre lang in Einzelhaft schmachtete. Seine Drohung endlich, wichtige Familiengeheimnisse eines deutschen Königshauses zu verrathen, verschaffte ihm die Freiheit wieder, und er ging jetzt als geheimer östreichischer Consul nach den Vereinigten Staaten dort — doch er durfte nicht indiscret sein, und wollte von seinen Instructionen Nichts verrathen.
Theobald war dem Beginn der Erzählung in freudiger, man könnte fast sagen gieriger Aufregung gefolgt; je weiter sich der Bursche aber in seine romantische Schilderung verlor, desto stutziger wurde er, hörte auch auf, sich die einzelnen Daten zu notiren, und betrachtete den Erzähler mit einem allerdings noch immer aufmerksamen, doch etwas mißtrauisch gewordenen Blick, der offenem Mißmuth Raum gab, als Jener ihm auch noch den östreichischen Consul aufbinden wollte.
»Lieber Freund« sagte er dabei, während er von dem Wasserfaß auf dem er gesessen, aufstand, und sein kleines Notizbuch in die Tasche zurückschob — »Sie glauben vielleicht daß Sie sich einen Spaß mit mir erlauben können —«
Furchtbares Gelächter unterbrach ihn aber in jeder weiteren Protestation, denn oben in der, mitten auf Deck aufgestellten Berkasse, hatten von ihm ganz unbemerkt die beiden Kameraden des Burschen gelegen, und der ganzen Erzählung mit unbeschreiblichem Behagen zugehört, dem sie erst jetzt Luft machten, als sie merkten daß der »Langhaarige« wie er auf dem Schiffe hieß, doch nicht länger anbeißen wollte.
»Hahahaha!« schrie dabei der Jüngste — »ob er sich nicht Alles dabei aufgeschrieben hat wie ein Polizeispion —«