Nach Amerika! Ein Volksbuch. Vierter Band
Chapter 8
»Ja ja, Hedwig« wiederholte Herr Hamann, sie wieder dabei betrachtend, als ob er ihr mit dem Blick bis in das innerste Herz hineinsehn wollte -- »nun ich will Ihnen einmal etwas sagen -- Ihr Gesicht gefällt mir, obgleich man danach nicht recht gehn kann, und durch eine hübsche Firma oft genug hinter's Licht geführt wird; aber -- wir könnens ja einmal mit einander versuchen. Ich brauche zwar eine derartige Wirthschafterin gerade jetzt nicht mehr so unumgänglich nöthig, und würde auch nur wenig Lohn geben können; vielleicht, wenn wir einander zusagen, ließe sich's aber auch auf die Art einrichten, erst müssen wir jedoch Beide wissen, woran wir miteinander sind; wären Sie das zufrieden?«
»Ich habe nicht mehr verlangt« sagte Hedwig.
»Gut, dann können Sie heute noch anziehn, wenn Sie wollen -- aber die Schwester bringen Sie mir noch nicht in's Haus« setzte er rasch hinzu »es ist das mit kranken Leuten eine eigene Sache.«
»Aber darf ich sie in der Woche jeden Tag wenigstens einmal besuchen?« frug Hedwig.
»Zwischen dem Mittag- und Abendessen ist nicht viel Zeit« sagte Herr Hamann, »aber die Abende _nach_ dem Essen, können Sie benutzen wie Sie wollen -- also wann kommen Sie?«
»Noch heute Mittag finde ich mich ein« sagte Hedwig, »und hoffe recht von Herzen daß Sie mit mir zufrieden sein werden.«
Sie verließ nach kurzem Abschiedsgruß, aber Trost und Hoffnung im Herzen, das Gemach, während Herr Hamann sich aus der, bis jetzt noch nicht berührten Karaffe ein volles Glas Wein einschenkte, und dann, wieder vollkommen zufrieden mit sich selber, seinen Spatziergang im Zimmer aufnahm.
Für die Besetzung einer solchen Stelle hatte er schon gefürchtet ziemlich beträchtlichen Lohn zahlen zu müssen, denn er konnte sich eine Person dazu nicht aus dem Haufen der Auswanderer heraussuchen, und jetzt war alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sie durch ein ganz junges hübsches Mädchen, was ihm jedenfalls eine Masse Kostgänger in's Haus ziehn würde, und für wenig mehr als Nichts, für die doppelte Kost von ein paar Frauen, die überdieß nicht viel aßen und gar Nichts tranken, bekommen konnte.
Capitel 4.
Verschiedene Beschäftigungen.
Vor der Thüre des deutschen Wirthshauses in ---- _street_, standen die armen Oldenburger, jeder ein kleines Bündel unter dem Arm, und schauten trübselig und trostlos die Straße hinauf und hinab, die nach Norden und Süden hin in die Welt, die weite Welt hinaus führte. Und immer noch hatten sie nur erst deren Schwelle betreten, immer noch hoben sie zögernd den Fuß, und wagten ihn nicht niederzusetzen, weil er nicht gleich den altgewohnten Boden unter sich fühlte, und während der eine seufzte und den Kopf hängen ließ, kratzte sich der Andere mit der rechten Hand hinter dem Ohr, und zerrieb einen halbgemurmelten Fluch zwischen den fest übereinander gedrückten Zähnen.
»In Amerika können die Bauern in den Kuts-chen fahren« sang da plötzlich eine wohlbekannte Stimme ein nur zu wohlbekanntes, aber schon lange nicht mehr angestimmtes Lied.
»In den Kuts-chen mit Sammet und mit Sa-i-de!« und als sie sich eben nicht freudig überrascht, nach dem Sänger umdrehten, rasselte eben der kleine wunderliche Karren Maulbeeres, von diesem geschoben, an ihnen vorüber, und der Dampf aus der kleinen schmutzigen Pfeife zog in zusammengedrängten kurzen Kräuselwolken, regelmäßig auspuffend wie von einer Diminutiv-Locomotive hinter ihm drein. Übrigens that er gar nicht, als ob er die Oldenburger sähe, und war auch schon an ihnen vorbei, als ihn der Ruf des Einen -- »Herr Maulbeere -- « erreichte und anhalten machte.
Es ist ein eigenthümliches Gefühl nach einer gewissen Zeit wieder mit früheren Reisegefährten zusammenzutreffen, von denen es sich dabei wunderbarer Weise ganz gleich bleibt, ob man sie gern gehabt unterwegs, oder gar nicht mit ihnen verkehrt hat, vielleicht die ganze Reise über. Was da unterwegs auch mag vorgefallen sein, wie man übereinander gedacht, und sich vielleicht ganz besonders danach gesehnt hat das Schiff verlassen zu können, von solcher Gesellschaft endlich einmal fortzukommen; ein kurzer Aufenthalt an Land, mit dem Fremden, Ungewohnten um sich her, hat das Alles verscheucht, wir haben es vergessen, und begrüßen mit aufrichtiger Freude den früheren Reise- und Leidensgefährten.
»Guten Tag Herr Maulbeere« sagte der eine Oldenburger, der, sein Bündel in der Linken, die paar Schritte hinter ihm hergegangen war und jetzt, neben ihm stehen bleibend, die Rechte nach ihm ausstreckte -- »wie gehts hier in Amerika?«
»Hallo« sagte Maulbeere, sein Tragband von den Handgriffen seines Karrens ziehend und, indem er sich aufrichtete, die gebotene Hand, aber noch etwas zögernd annehmend -- »hallo Ihr Leute -- immer noch zu Fuß? -- Donnerwetter, wo sind denn die »Kuts-chen«?«
»Ja Kuts-chen« sagte der Oldenburger in seinem eigenthümlichen Dialekte, »es fährt sich hier was in Kuts-chen -- wir sind froh daß wir zu Fuß gehn dürfen -- «
»Ich fahre,« sagte Maulbeere mit einem wohlwollenden Seitenblick auf seinen Karren.
»Soweit haben wir's noch nicht einmal gebracht,« sagte der Andere, jetzt ebenfalls hinzutretend, »guten Tag Herr Maulbeere.«
»Guten Morgen meine Herren, guten Morgen; irgend etwas zu schleifen? -- Scheeren, Messer, Rasirmesser, Lanzetten, Pflugschaaren, Sensen?« rief Maulbeere, mit einer Geschäftsmiene dabei wieder auf seine Schleifsteine deutend -- »stehe zu Diensten und sollen billig bedient werden -- sehe mehr auf gute Behandlung, als schlechten Gehalt.«
»Ach lassen Sie das Spaßen, Herr Maulbeere,« meinte der Erste wieder, einen tiefen Seufzer ausstoßend -- »die Geschichte hier ist verzweifelt ernsthaft, und wenn man nicht weiß wo man Brod hernehmen soll, ist Einem nicht gerade wie Lachen zu Muthe.«
»Hoho,« sagte Maulbeere, die Augenbrauen in die Höh ziehend, »schon drei Wochen in Amerika und noch kein Brod? -- das ist Pech!«
»Ist es Ihnen denn geglückt?«
»Harte Arbeit Schentelmen,« sagte aber der Scheerenschleifer achselzuckend -- »_sehr_ harte Arbeit -- habe im Sinn die Residenz zu verlassen.«
»Und wo gehn Sie hin?«
»Den Fluß hinauf, versteht sich; werde das Land durchziehn, hier ist wenig zu verdienen. Es giebt eben hier zu viel Mäuler die Brod haben wollen. Apropos, wo sind denn Ihre Frauen?«
»Arbeiten da drin,« sagte der Eine, mit dem Kopf nach dem Haus hinüberzeigend.
»So? -- untergebracht?« frug der Scheerenschleifer, »nun da kann man ja gratuliren.«
»Aber kriegen Nichts« sagte der Andere.
»Desto längere Aussicht auf stete Beschäftigung« bemerkte Maulbeere.
»Aber wovon nachher leben?«
»Vielleicht von den großen Rosinen, die Sie früher im Kopf gehabt,« meinte Maulbeere -- »ist ein merkwürdiges Land das Amerika; guten Morgen meine Herren!« und mit den Worten tauchte er wieder mit den Ösen seines Tragbands nach den beiden Griffen des Karrens, warf sie in das richtige Gleichgewicht und schob, während ihm die weiße Wolke folgte, rasch die Straße nieder, ohne sich um die beiden Bauern weiter zu bekümmern.
Die nächste Straße rechts einbiegend, die zum Fluß nieder führte, erreichte er dort die sogenannte Flatbootlandung, und das Ufer sah hier kahl, und keineswegs so belebt aus als weiter oben, wo die rauchenden dunklen Schornsteine und oberen Decks der Cajüten, oder die mit ihren wie spinnwebartig durchflochtenen Masten über die hohe, mit Gütern und Waarenballen bedeckte Levée hervorragten. Der Strom hatte in dieser Jahreszeit wenig Wasser, und die niederen flachen Boote schwammen, nur erst bemerkbar wenn man auf die Levée selber trat, tief unter der steilen schmutzigen Bank, mit Tauen an diese befestigt am Ufer. Alligator ähnlich lagen sie dabei in der trüben Fluth, hie und da mit den Vordertheilen auf dem Schlamm, und nur mit schmalen Laufplanken von diesem aus nach trockenem Boden oder Sand hinüberreichend.
Wunderbare Fahrzeuge sind aber diese _Flatboats_ des Mississippi, allem Anschein nach aus den ersten Urzuständen des Schiffsbaues herrührend, und doch noch nicht, weder durch Dampf- noch Segelschiffe aus ihrer Wirksamkeit verdrängt, ja eher mit diesen anwachsend und an Zahl zunehmend.
Ein langes aus derben Planken mit hölzernen Pflöcken zusammengenageltes und mit Werg und Theer dicht gemachtes, vielleicht sieben Fuß tiefes Boot mit vollkommen flachem Boden, das, wenn geladen, fünf bis sechs Fuß im Wasser geht, ist es mit einer Art, vielleicht vier bis fünf Fuß hohem Fachwerk umgeben, und mit zölligen oder halbzölligen Bretern, die in der Mitte etwas gewölbt, quer von einem Bord nach dem andern hinübergebogen sind und ziegelartig übereinander liegen, gedeckt. Diese Boote gehen nur mit der Strömung, wie wir ihnen schon auf dem Mississippi begegnet sind, manchmal gradaus, manchmal über Steuer, nicht selten Meilen weit seitwärts, den Krabben ähnlich, ihre Bahn entlang, hier der Strömung folgend, dort, durch eine Rückströmung gehalten, daß die Leute mit den langen Finnen ähnlichen »_sweeps_« oder Rudern Stunden lang arbeiten müssen, nur wieder los und in freies Fahrwasser zu kommen. Und wie manches sinkt und verdirbt auf der langen mühseligen, und so oft gefährlichen Bahn; plötzliche Stürme und Unwetter -- der _Hurricane_ in Natchez 1841 zerstörte damals 112 in wenigen Meilen Entfernung -- im Wasser verborgene Snags, Untiefen und festgeschwemmtes Driftholz sinken manches von ihnen, und man kann immer rechnen, daß kaum drei Viertel der Zahl ihr Ziel erreichen.
So unscheinbar dabei ihr Äußeres ist, so werthvolle Ladungen bergen sie nicht selten in dem rohen unbehülflichen Kasten, die der Führer, wo er einen Markt für seine Waaren zu finden glaubt, oder zuletzt in New-Orleans selber, mit dem Vordertheil an Land schiebt, und seinen, weder Steuer noch Abgaben zahlenden Laden gleich fix und fertig errichtet hat, den er, wenn die Waaren abgesetzt sind, auseinander schlägt und mit verkauft.
Und wie wunderlich sieht es in den Booten selber aus -- hier das erste -- der Weg ist etwas steil, die schlüpfrige Bank hinunter -- birgt in seinem Innern ein buntes Gemisch von Allem, was das Herz eines richtigen Yankees erfreuen könnte, Butter, Schmalz, Kartoffeln, Hühner, Apfelwein und Whiskey, Heu, Zwiebeln, getrocknetes Obst, und Fässer mit Makrelen, Kisten mit Stockfisch und Traubenrosinen, Krachmandeln, Nudeln, Käse, Alles steht bunt und wild durcheinander gepackt, hier in Proben aufgestellt, dort in angerissenen Fässern und Kisten, unter Deck -- daneben liegt ein Boot mit eingesalzenem Schweinefleisch von Cincinnati, und das Fett mit dem das Deck beschmiert ist, dampft in der Sonne; dort liegt ein anderes mit Baumwolle von Tennessee, da ein anderes mit Taback von Kentucky geladen; und da strecken Rinder und Schaafe den Kopf aus den offen gelassenen Luftlöchern anderer, und blöken und brüllen ihren Kameraden zu. Die Staaten Arkansas, Missouri, Texas, Tennessee, Kentucky und Illinois senden jährlich wohl dreißig tausend Stück lebendigen Hornviehs nach New-Orleans, und von Ohio werden ebenfalls hunderte solcher »schwimmenden Sauställe« mit ihren grunzenden Bewohnern der »Königin des Südens« zugeführt.
Was das für ein Leben ist, zwischen den, einen schauerlich warmen Fettgeruch und Dunst faulenden Obstes und angegangenen Fleisches ausstoßenden Fahrzeugen; wie die Eigenthümer auf der Levée stehn, oder vorn in ihren Booten sitzen, Käufer herbeizurufen, und ihre Waaren dabei ausschreien, die vorzügliche Qualität derselben anpreisend. Dazwischen durch dann das Drängen und Treiben der Arbeiter, die hier ein verkauftes Boot entladen, damit es nachher auseinander geschlagen und in seinen Planken noch verwerthet werden könne, dort eine Parthie aufgekaufter Fässer und Kisten die steile Levée mühselig hinaufschaffen, und von Fett und Schmutz bedeckt unter ihren Lasten keuchen und schwitzen, bis sie die Höhe der Levée erreicht haben, dort sich einen Augenblick die glühende tropfende Stirn abtrocknen, und dann wieder schwanken Schritts niedersteigen, ihr Werk von Neuem zu beginnen.
Maulbeere fuhr mit seinem Schleifkarren, seinem Grundsatz treu keinen Fleck unbesucht zu lassen wo er die Hoffnung hatte etwas verdienen zu können, oben an der Levée hin, dann und wann stehen bleibend, seine schon auswendig gelernten Rufe -- _no knives, no scissors to grind_?[11] ertönen zu lassen. Hie und da bekam er auch wirklich zu thun; dort und da schaute ein behaubter Kopf unter einem der niederen Flatboot-Decke vor, eine rauhe Stimme rief ihm ein »_stop_!« zu, und irgend ein rothwollener Unterrock, oder auch dann und wann ein schlankes hübsches Kind in dem kleidsam eng anschließenden Mieder der Backwoodsfrauen, nur die feinen rosigen Züge von dem unförmlichen Sonnenbonnet fast verhüllt, stieg die Bank zu ihm hinauf, eine widerspenstige Scheere, mit der der Vater oder Gatte so lange Bindfaden geschnitten hatte bis sie jeden weiteren Dienst verweigerte, wieder zu stellen und zu schärfen; oder der Flatbootman selber stieg langsam das Ufer hinan, ein riesiges langes Messer in der Hand, mit dem er Speck und Käse schneiden mußte, und das er auch gern schärfer haben wollte als es war. So lange er seinen Stein dann drehte, daß die hellen blitzenden Funken daraus vorblitzten, drängte sich ein Kreis von neugierigen Müßiggängern, von denen die Levée schwärmt, um ihn her, nicht selten fast mehr von der wunderlichen Gestalt des Mannes selber, als von seiner Arbeit ergötzt, bis er die ihm gebrachten Instrumente in Stand gesetzt, sein Geld dafür eingestrichen und sein Tragband wieder eingehakt hatte, mitten zwischen die Schaar, die ihm lachend Raum gab, mit einem deutschen »bitt' um Verzeihung« hineinzufahren.
An manchen Stellen wurde er übrigens durch die dort aufgestapelten Fässer und Waaren in seiner Bahn aufgehalten, und mußte einen Umweg machen, den Hindernissen aus dem Weg zu kommen. Eben auch war er wieder einer Anzahl fettglänzender und entsetzlicher duftender Porkfässer ausgebogen, als er eine lachende Stimme seinen Namen nennen hörte. Wie er aber stehen blieb und sich überall vergebens nach einem bekannten Gesicht umschaute -- denn auf die Arbeitsleute, von denen ein großer Theil gerade Mittag gemacht, während das Ausladen noch nicht wieder begonnen hatte, achtete er gar nicht -- rief Einer der Flatboatleute, die zwischen den heraufgerollten Pork- oder Schweinefässern standen, und von der schmutzigen Arbeit und Schweiß und Sonne in ihren kurzen blauen Oberhemden und abgetragenen oder zerdrückten Strohhüten kaum eine Physionomie erkennen ließen, indem er dem Scheerenschleifer freundlich zunickte:
»Aber Herr Maulbeere, kennen Sie mich nicht mehr?«
»Wetter noch einmal,« sagte dieser, seinen Karren niedersetzend und die Gestalt erstaunt von oben bis unten betrachtend, »die Stimme ist mir bekannt und das Gesicht auch, hat wenigstens, wie Herr Schultze sagen würde, eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einer Nebelkrähe oder einem Schornsteinfeger.« --
»Habe ich mich denn in den paar Tagen so merkwürdig verändert,« lachte der Mann, seinen Hut abnehmend, unter dem eine Fülle kastanienbraunen lockigen Haares vorfiel, »daß mich ein Reisegefährte und Coyennachbar nicht einmal mehr kennt?«
»Herr Eltrich -- so wahr ich lebe,« sagte Maulbeere, jetzt aber wirklich auf das Äußerste erstaunt, »wie um Gottes Willen sehn Sie denn aber aus, und was machen Sie hier in _dem_ Aufzug und bei _der_ Arbeit?«
»Mein Schicksal ist bald erzählt,« sagte der junge Mann mit lachendem Gesicht, aber doch kaum im Stand einen gewaltsam aufsteigenden Seufzer zu unterdrücken -- »kaum hier in New-Orleans angekommen ließ ich mir auf leichtsinnig kindische Weise -- ich war genug davor gewarnt worden -- und von dem Neuen was mich überall umgab beirrt, von dem Neger, der mein sämmtliches Gepäck auf seinem Karren hatte, dieses mit allen unseren Effekten, ein paar Kleinigkeiten die meine Frau in der Hand trug ausgenommen, entführen. Von Allem entblößt, was schon der einzelne Mann, wie viel mehr dann eine Familie zu ihrem Leben braucht, sah ich, wenn ich nicht rasche Anstalt machte Geld zu verdienen, unseren Untergang, oder doch einen Zustand grenzenloser Noth vor Augen. Vergebens lief ich dabei herum in meiner Kunst Beschäftigung zu erhalten -- ich konnte mich nicht einmal anständig kleiden, denn es war ja Alles zum Teufel, und mit dem etwas abgerissen aussehenden Menschen wollte sich Niemand einlassen. Wir aber brauchten auch außerdem Brod, die paar Dollar, die ich noch im Vermögen besaß, nahmen schon in der ersten Woche so rasend schnell ab, daß ich mir genau die Zeit berechnen konnte wo wir, wenn nicht irgend etwas geschah das aufzuhalten, auch ohne einen Pfennig dasitzen würden, und ich entschloß mich kurz und gut Arbeit zu suchen und zu nehmen, wo ich sie finden würde. Drei Tage lief ich auch hiernach vergebens herum; der gute Wille that es nicht allein, denn die wieder gesündere Jahreszeit in New-Orleans hatte eine wahre Unmasse von Arbeitern hierher zurückgeworfen, bis ich, eigentlich in letzter Verzweiflung diese Boote besuchend, Arbeit und guten Lohn auf einem von ihnen fand, das seine Leute, Streites halber, den sie mit dem Eigenthümer gehabt, entlassen hatte.«
»Und _die_ Arbeit hier können Sie thun?« sagte Maulbeere, abwechselnd und erstaunt bald die leichte schmächtige Gestalt, und die sonst so feinen, jetzt fettbeschmutzten Hände des jungen Mannes, bald die schweren Pork- und Mehlfässer betrachtend, die um ihn her aufgestapelt lagen.
»Der Mensch kann Alles was er _muß_,« lachte der junge Mann, »früher hab' ich es freilich selber nicht für möglich gehalten, jetzt aber geht es, und Alles berücksichtigt, sogar vortrefflich, denn ich verdiene, außer der Kost, einen Dollar den Tag, und befinde mich vollkommen wohl und gesund dabei.«
»Und Ihre Frau?«
»Pflegt zu Hause das Kind und weint und lacht, wenn sie mich in diesem Aufzug ankommen sieht -- ich habe sie aber noch nicht bewegen können, einmal mit dem Kleinen hier herunterzukommen und unserer Arbeit zuzusehen -- sie meint es bräche ihr das Herz.« --
»Bah,« sagte Maulbeere kopfschüttelnd, »wenn _Sie_ sich nicht den Rücken bei den verdammt schweren Fässern brechen, glaube ich nicht daß Gefahr für ihrer Frau Herz zu fürchten ist, aber -- was Leichteres wäre mir doch auch lieber -- ich weiß nicht, den Begriff Amerika habe ich mir anders gedacht, als Fässer gepökelten Schweinefleisches bergauf zu kullern.«
»Ich auch lieber Maulbeere, ich auch, aber was wollen wir machen?« lächelte Eltrich, »Hunger thut weh und ehrliche Arbeit schändet hier nicht, das ist schon ein ungeheuerer Vortheil dieses freien Landes -- andere habe ich allerdings noch keine Gelegenheit gehabt kennen zu lernen.«
»Es ist eine kleine, aber doch immer eine Empfehlung,« sagte Maulbeere achselzuckend, »und ungefähr so, als ob ich Jemanden in's Wasser werfe, und erlaube ihm dann das Maul zuzumachen und zu schwimmen -- und dafür 35 Thaler Gold Passage -- kommt mir beinah ein wenig theuer vor -- haben Sie die Fässer Pech -- oder ist das etwa gar Kolophonium? auch mit heraufgewälzt?«
»Ja,« lachte Eltrich.
»Stoffverschwendung,« murmelte Maulbeere zwischen den Zähnen durch, und setzte dann lauter hinzu, »nein, zu _solcher_ Arbeit möchte ich mich doch nicht verstehen; werde wenigstens suchen mich so lange davor zu bewahren als möglich. Meine Absicht ist hier in Amerika, so bald sich eine schickliche Gelegenheit dazu bietet, meinen Händen wie meinemersten linken Hinterbein, das nun so lange Jahre hat das Rad treten müssen, Ruhe zu gönnen, und mit dem Geist zu arbeiten.«
»Aber wie wollen Sie das anfangen Herr Maulbeere?«
»Daran arbeitet mein Geist eben noch,« sagte der Scheerenschleifer etwas geheimnißvoll, »der passende Zeitpunkt ist auch noch nicht gekommen -- sollte er nahen werde ich ihn nicht versäumen.« --
»Hallo _boys_ -- hier, macht daß die Sachen hinaufkommen!« unterbrach da eine Stimme vom Flatboot herauf, die Unterhaltung der beiden Reisegefährten -- »die Karren kommen da oben schon wieder zurück und wollen Ladung haben.«
»Ich muß fort Herr Maulbeere,« rief Eltrich rasch, dem Mann die Hand entgegenstreckend, sie aber wieder zurückziehend -- »ich mache Sie schmutzig,« setzte er, dabei leicht erröthend, hinzu.
»Ich wasche mich wieder,« sagte Maulbeere, ohne eine Miene zu verziehn, nahm die nochmals dargebotene Hand, schüttelte sie weit wärmer als das sonst seine Gewohnheit war, und blieb dann, während Eltrich wieder nach dem Boot hinuntersprang, noch eine Weile oben auf der Levée, die heiß niederbrennende Sonne nicht weiter beachtend, halten, zuzusehn wie sein Reisegefährte arbeite. Eltrich war dabei vielleicht der Einzige von den Zwischendeckspassagieren gewesen, mit dem er nie ein unfreundliches Wort gehabt, der ihn nie verspottet oder geärgert; Einer der Wenigen, dem, wie seiner Frau, man es auf den ersten Blick ansah, daß sie einst in besseren Verhältnissen und größeren Bequemlichkeiten gelebt, während sie sich doch alle Beide nie, auch über die größten Unannehmlichkeiten nicht, weder über Kost noch Raum beklagten. Das besonders hatte ihnen die Achtung dieses wunderlichen Zwitterdings von Thier und Mensch, des Scheerenschleifers, gewonnen, und wenn dieses Herz überhaupt einer solchen Regung fähig gewesen wäre, würde er den jungen Mann, der sich mit seinem schmächtigen Körper jetzt gegen ein ziemlich dreihundert Pfund schweres Porkfaß legte, und es mit triefender Stirn den Hang hinaufarbeitete, bemitleidet, ja ihm vielleicht irgend eine Hülfe angeboten haben, er hätte von vornherein überzeugt sein können daß sie Eltrich nicht annahm. Maulbeere wollte etwas derartiges aber auch nicht einmal riskiren, und nur nach einer Weile auf das Entschiedenste mit dem Kopfe schüttelnd, drehte er sich um, hakte sein Tragband wieder ein, und fuhr in seinem gewöhnlichen schwankenden Gang die Levée hinauf, der Dampfbootlandung zu.
Über den freien, vor dieser Landung liegenden Platz, schritt ein Mann mit einer Frau. Der Mann trug einen Jagdranzen über der Schulter, die Frau ein, in ein rothes Tuch eingeknüpftes Bündel in der Hand, aber den Kopf blos dabei, die Haare wirr und ungemacht, und nur mit einem schwarzsammetnen Stirnband zusammengebunden, das vorn eine kleine unächte emaillirte Broche trug. Ohrringe und Halskette waren von demselben Metall, paßten aber wie das in grellbunten Farben prangende seidene Tuch, das sie um den Hals trug, schlecht zu den bleichen Wangen, den hohl liegenden stieren Augen, und die Leute die ihnen begegneten, und nicht gerade zu viel mit sich selber zu thun hatten, noch auf irgend etwas anderes zu achten, blieben stehn und schauten der wunderlichen, ja fast unheimlichen Gestalt nach, die wankenden Ganges neben dem Mann hinschritt, mit den Händen dabei focht, und einzelne unzusammenhängende Worte ausstieß.
»Sei jetzt vernünftig Jule!« flüsterte ihr da der Mann, ihren Arm zu gleicher Zeit fassend daß sie vor Schmerz einen leisen Schrei ausstieß, zu -- »zum Donnerwetter noch einmal, alle Menschen, die uns begegnen, stieren uns an, und halten Dich am Ende noch für verrückt. Laß doch zum Teufel die Arme ruhig, was hast Du denn damit in einem fort in der Luft herumzufahren? Wenn Du mir nicht unterwegs wieder vernünftig wirst, weiß ich wahrhaftig gar nicht was ich mit Dir anfangen soll.«
»Unterwegs? -- ja -- das ist gut,« sagte die Frau, leise vor sich hinlachend, »unterwegs -- wenn wir nur erst unterwegs wären -- ich sehne mich danach.«
»Na dann geh auch ordentlich zu, und betrage Dich nicht so albern,« brummte der Mann, »sieh' das Boot raucht schon, wir müssen machen daß wir hinunter kommen.«
»Herr Gott!« rief die Frau da, plötzlich stehen bleibend, und sich mit der linken Hand wild über die Stirn streichend, »wir haben -- wir haben etwas zu Haus vergessen!«
»Vergessen?« sagte der Mann, sie fragend anschauend, »na was ist nun wieder los -- die Brieftasche? -- nein die habe ich hier, und das Geld ist auch da -- was hast Du denn vergessen?«